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Die Frustration der G8 Absolventen im Studium: Bildungsforscher über die Gründe: „Für verstehendes Lernen und kritisches Hinterfragen bleibt im G8 keine Zeit“

1 Sep

Ein Gespräch mit dem Erziehungswissenschaftler Professor Dr. Volker Ladenthin von der Universtität Bonn sowie dem Fachdidaktiker Professor Dr. Hans Peter Klein von der Goethe Universität in Frankfurt für Hamburgs schulpoltischen Blog „Kirschsblog“

Kirschsblog: Sie sind als Universitätsprofessoren gegen G8?
Professor Ladenthin: Darf ich mit einer schlichten Gegenfrage antworten: Welchen Sinn macht es, Abiturienten an der Universität einzuschreiben, die zuerst Vor- oder Brückenkurse an der Universität absolvieren müssen, damit sie überhaupt mit dem Studium beginnen können? Was soll dann noch das Abitur? Inzwischen richten fast alle Fächer Kurse zwischen gymnasialer Oberstufe und Universität ein. Es entsteht gewissermaßen eine neue Schulart: Die Vor-Uni. Kollege Volkmar Gieselmann, Prorektor für Studium, Lehre und Studienreform an der Uni Bonn (und Naturwissenschaftler), sagt das ganz konkret: „Man muss die Lehrpläne in den Schulen besser auf die Bedürfnisse der Hochschulen abstimmen, Brückenkurse beibehalten“.
Professor Klein: Ich kenne eigentlich kaum jemand mit sachlichen oder pädagogischen Argumenten für G8 und gegen G9. Auch in Hamburg ist – wie in vielen anderen Bundesländern – die eigentliche Argumentation doch eine ganz andere: die Stadtteilschulbefürworter wollen das Alleinstellungsmerkmal G9 für sich beanspruchen, weil sie ihren Bestand befürchten, wenn den Gymnasien ebenfalls G9 zugesprochen werden sollte. Außerdem würden auf Dauer die Gymnasien bei G8 an Nachschub verlieren und könnten dann in den Stadtteilschulen aufgelöst werden, so das erklärte Ziel der Befürworter einer Einheitsschule. Die Gymnasialvertreter sind sich da mit den Linken überraschend einig, allerdings aus einem anderen Grund: ein G9 für die Gymnasien würde den weiteren ungebremsten Zulauf auch leistungsschwacher Schüler dorthin verstärken.

Kirschsblog: Aber ist G8 nicht auch ein Sparprogramm? Es hilft Steuern sparen.
Prof. Ladenthin: Mir ist unklar, wie man das rechnet: Wenn Studierende nunmehr von kostspieligen Hochschullehrern improvisiert das beigebracht bekommen, was Lehrer im ökonomisch günstigeren Schulzusammenhang nicht mehr lehren konnten, weil die Zeit zu knapp war – wo wird da gespart? Es ist die gleiche Lernzeit – nur sind die Lehrkräfte wesentlich teurer. Und die Gesamtausbildungszeit bleibt wie zuvor. Ganz im Gegenteil scheinen immer mehr G8 ler zuerst einmal ein Auslandsjahr oder ähnliche Aktivitäten einzuschieben, was sicherlich vom Bildungsgedanken her zu begrüßen ist.
Prof. Klein: Die Bildungsökonomen haben doch spätestens seit PISA und Bologna den Politikern ins Ohr geflüstert, das gesamte Konzept sei effizienter und helfe, die Bildungsausgaben ökonomischer zu handhaben. Die ursprüngliche Annahme, dass entsprechend dem anglo-amerikanischen Vorbild ca. 80% der Studierenden nach G8 nur den 6-semestrigen Schmalspur-Bachelor machen sollten und nur 20% den wissenschaftsorientierten Master, hat sich doch längst in Luft aufgelöst. Auch in den USA ist man nicht glücklich, dass 17-Jährige unreife Schüler die Colleges oder Unis stürmen und hätte gerne ein 13. Schuljahr, das aber in den USA kein Bundesstaat bezahlen kann oder will. Die Bildung wird spätestens nach der High School privatisiert. Dennoch räumt man dort den G8 „Freshmen“ eine Art Studium Generale während der ersten beiden Semester ein – ganz im Humboldtschen Bildungsgedanken. Daher dauert der Bachelor in den USA auch 8 Semester und hat eine ganz andere Qualität, auch für die dortigen Abnehmer der Absolventen.

Kirschsblog: Nun zeigen aber empirische Untersuchungen, dass G8 und G9-Schüler die gleichen Kompetenzen haben.
Prof. Klein: Welche empirischen Untersuchungen zeigen was? Wenn eine Essener Forschergruppe mittels Befragung Erstsemester nach ihrem schulischen Befinden in ihrer G8 oder G9 Entwicklung keine großen Unterschiede feststellt – welche hätte man da auch erwarten sollen? – heißt dass noch lange nicht, dass G8 besser ist als G9 und diese Aussage ist dort auch keineswegs so getroffen worden. Die einzige Studie, die behauptet, dass G8 Abiturienten des Jahrgangs 2011 im direkten Vergleich mit G9 Abiturienten des Jahrgangs 2005 trotz deutlicher Erhöhung der Abiturientenzahl in diesem Zeitraum auch qualitativ bessere Leistungen erbracht hätten und dies ein Erfolg von G8 sei, ist die Hamburger behördenintern durchgefühte KESS Studie 12. Die dort eingesetzten Testinstrumente aus den Naturwissenschaften und der Mathematik haben wir mit Fachmathematikern ausführlich qualitativ untersucht. Unsere Untersuchungen widerlegen diese Aussagen von KESS 12 eindeutig. G8 Turbo Abiturienten lernen keinesfalls besser, wie damals in der Presse zu lesen war. Der tatsächliche Grund für diese Entwicklung war eine klare Nivellierung der Ansprüche im Abitur in diesem Zeitraum.
Prof. Ladenthin: Außerdem muss man fragen, welche Kompetenzen dass denn sein sollen. Keinesfalls die Fähigkeiten und Kenntnisse, die man zum Studieren braucht. Ich kann Ihnen anhand von Klausuren der letzten 3 Jahre belegen, dass bei völlig gleichen Ansprüchen die Ergebnisse schlechter werden – obwohl ich in der Lehre immer mehr Zeit auf Klausurvorbereitung verwende. Fähigkeiten, die vor ein paar Jahren die Mehrheit der Studierenden hatten, fehlen heute völlig.

Kirschsblog: Welche zum Beispiel?
Prof. Ladenthin: Eigenständige Textanalyse. Textwiedergabe. Strukturierte Zusammenfassungen. Beschreibung von einfachen Vorgängen (Versuchsaufbau). Eigenständige Formulierungen antinomischer, paradoxer oder multikausaler Zusammenhänge.
Prof. Klein: Die Fähigkeit zu kritischer Reflexion fehlt völlig. Die Bachelorisierung steht da G8 in nichts nach. Selbstständiges Denken oder Hinterfragen ist unerwünscht. Alles, was nicht für die Klausur relevant ist, bekommt den Stempel des Unnützen, wie in G8 auch. Also weg damit. Entsprechend haben insbesondere die G8 Absolventen – aber nicht nur – eine Kompetenz: Augen zu und durch. Das kann ich Ihnen aber auch bei den Vorgaben nicht verdenken.

Kirschsblog: Und wie erklären Sie sich das?
Prof. Ladenthin: Zwei Gründe sehe ich. Die Studierenden sind so jung, dass bestimmte kognitive Operationen noch nicht geleistet werden können. Abstraktionsfähigkeiten fehlen deutlich. Das ist ein Entwicklungsproblem. Zudem scheint Schule auf Grund des Zeitmangels eben diese Fähigkeiten, die man nur in einem längeren Zeitraum schulen kann, nicht mal so eben für eine Klausur, nicht mehr zu lehren. Offensichtlich fehlt die Zeit für gründliches Lernen.
Klein: Auch hat doch gerade G8 zweifelsfrei dazu geführt, dass Fakten in noch kürzerer Zeit und ohne die dringend notwendige Wiederholung zu einer Art Bulimie Lernen sondergleichen geführt hat. Für ein verstehendes Lernen und kritisches Hinterfragen bleibt da keine Zeit mehr.

Kirschsblog: Sind die Studenten also schlechter als früher?
Prof. Ladenthin: Nein, sie sind liebenswürdig, freundlich, fleißig, bemüht – aber sie werden dann an der Uni zugleich völlig frustriert, und zwar ganz tief frustriert, wenn sie merken, dass sie trotz teilweise sehr guter Abiturnoten schon in den Grundlagenkursen nicht mehr folgen können. Ihnen fehlt es an Arbeitstechniken, an kognitiv-sprachlichem Vermögen und an anspruchsvollen kognitiven Operationen, die die Wissenschaften heute abverlangen. Und vor allem an Wissen. Sie kennen die Bildsprache unserer Kultur nicht mehr. Sie haben nichts von dem wirklich gelesen, was unserer Kultur Identität gibt.
Prof. Klein: Die jungen Studierenden sind nicht schlechter, aber deutlich unreifer. Entsprechend haben wir zunehmend mit helicopter parents zu tun, wie man sie aus den USA kennt. Allerdings erlauben gute und sehr gute Colleges in den USA nicht, dass die „Freshmen“ zu Hause bei ihren Eltern wohnen oder von dort dauernd betreut werden, was übrigens ein weltweites Phänomen ist. In den ersten beiden Semestern müssen sie im College wohnen, um ihre soziale Kompetenz und ihre neue Umgebung selbstständig entwickeln bzw. erfahren zu können. Da sind die Amerikaner, uns weit überlegen. Auch in China sind die jungen „Freshmen“ erst einmal froh, an der Uni der Knute ihrer Eltern erstmal entkommen zu sein. All das kostet natürlich dort für die Studierenden oder deren Eltern eine für uns unvorstellbare Summe an Dollar.

Kirschsblog: Aber die Grundkompetenzen sind doch vorhanden.
Prof. Ladenthin: Ich weiß nicht, was man darunter verstehen soll. Ich weiß nur, dass Abstraktion, Analyse und Synthese kognitive Operationen sind, die in den Wissenschaften unverzichtbar sind und von den heutigen G8 Studierenden nicht mehr eigenständig erbracht werden könnten. Nicht mal Hilfen helfen – und zwar deshalb, weil die kognitive Entwicklung der Studierenden noch nicht so weit entwickelt ist, dass diese Operationen möglich sind. Man kann und konnte das bei Piaget in allen Einzelheiten nachlesen, warum das so ist – und was man machen kann, um hier Abhilfe zu schaffen. Ein Jahr Schule mehr gibt mehr Raum zur Entwicklung und zum Üben von kognitiven Operationen. Eine entwicklungspsychologisch argumentierende Schulplanung wird das berücksichtigen. Stichwort: Gehirngerechtes Lernen.
Prof. Klein: Bei den Kompetenzen muss man erst einmal fragen, ob es sich um fachunabhängige Schlüsselkompetenzen und fachgebundene Kompetenzen handelt und nur letztere waren eigentlich in den Bildungsstandards an oberster Stelle eingefordert. Das Blatt hat sich gewendet. Es scheint Bundesländer zu geben – Hamburg gehört wohl dazu – die ganz im bildungsökonomischen Sinne den Schwerpunkt in der Schule mehr oder weniger ausschließlich auf Schlüsselkompetenzen legen. Wie leichtfertig hier vor allem mit grundlegenden Wissensbeständen verfahren wird, zeigen die neuen Präsentationsprüfungen im Abitur, die in Hamburg selbst in der zweijährigen Vorbereitungsphase als Ersatz insbesondere für Klausuren durchgeführt werden können, in denen man – beispielsweise in Mathematik – mehr oder weniger schwache Leistungen zu verzeichnen hat. Fachliche Mängel zu kaschieren und als Kompetenz auszuweisen scheint der neue Hit in der in der Tat an kreativen Konzepten nicht mangelnden Vertreter der zuständigen Behörden zu sein. Die Abiturienten tun mir leid: außer in den Sprachen oder der Religion gibt es keinen einzigen Fachbereich an einer Universität, der nicht mathematische Grundlagen auf teilweise hohem fachlichen Niveau als Voraussetzung verlangt. Scheitern vorprogrammiert.

Kirschsblog: Aber brauchen wir nicht jüngere und mehr Abiturienten?
Prof. Ladenthin: Was wir brauchen, sind gute Abiturienten. Nicht das Plansoll gibt die Zahl der Abiturienten vor, sondern umgekehrt: ein Leistungsstandard zeigt, wie viele Abiturienten wir haben. Man kann Menschen nicht durch Zielvereinbarungen klüger machen. Die NRW Landesregierung hat auf eine Anfrage der Opposition angegeben, dass sich die Zahl der 1er Abiturzeugnisse in NRW zwischen 2007 und 2011 sogar verdoppelt hat. Wenn das so weiter steigt, haben in einigen Jahren alle Abiturzeugnisse die Note 1.
Klein: Gerade Hamburg präsentiert ja seit geraumer Zeit immer weiter steigende Abiturientenquoten bei angeblich gleichzeitig steigenden Leistungen und gekürzter Schulzeit. Hamburg steht damit keineswegs allein. Einige verantwortliche Vertreter – wie die Bertelsmann-Stiftung – scheinen genau das zu wollen und empfinden diese Entwicklung als sozial gerecht. Da sei die Frage erlaubt, was daran sozial gerecht ist, wenn man Inkompetenzen als Kompetenzen ausweist. Gedient ist damit sicherlich niemandem.

Kirschsblog: Ihre Forderung?
Prof. Klein: Wenn wir eine qualitativ hochwertige Bildungsexpansion wollen – immer im Blick habend, dass dieser natürlichen Grenzen, wie beispielsweise der Intelligenz, gesetzt sind – müssen wir mehr Schülern mehr Zeit lassen, ihre möglichen Defizite durch ein verstehendes Lernen ohne Zeitdruck mit genügend Wiederholungen aufzuarbeiten. G8 führt uns da ins genaue Gegenteil, zumal auch an den Gymnasien die Heterogenität der Schülerschaft in den letzten Jahren dramatisch zugenommen hat.                                                                                                                                                        Prof. Ladenthin: Mehr Zeit für Schule. Mehr Bildung – und nicht beziehungslose Kompetenzschulung. Die nützt niemandem. Wir leben länger, im Durchschnitt fast zwanzig Jahre länger als noch vor 40 Jahren – also haben wir auch mehr Zeit für die schulische Ausbildung. Wer das nicht möchte, kann Klassen überspringen, sich vorzeitig zum Abitur melden oder schon während der Schulzeit studieren: da gibt es genügend Modelle. Für die große Zahl benötigen wir mehr Zeit. Kurz: G9 ist das bessere Modell.

Volker Ladenthin lehrt als Hochschulprofessor für Historische und Systematische Erziehungswissenschaft an der Universität Bonn.

Siehe auch: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.06.2014:  Bildungsdefizite durch verkürzte Schulzeit: G8 wird die Studienzeit verlängern 

Professor Dr. Hans Peter Klein, Lehrstuhl für Didaktik der Biowissenschaften an der
Goethe Universität Frankfurt.

Siehe auch: DER SPIEGEL, Heft 14/2014, S. 47: Klarer Abstieg

Hamburger Abendblatt v. 31.3.2014: Mathe-Abitur: Niveau in Hamburg sinkt deutlich

Die Welt v. 31.03.2014: Mathe-Abitur-Niveau in Hamburg sinkt deutlich

Sind G8 Abiturienten besser als G9 Abiturienten oder schlechter? Und warum wurde erstmals auf die Frage verzichtet, wie es den Abiturienten geht? Die Ergebnisse der Kess 12 Studie

28 Nov

Wer hat Recht? Die Ergebnisse der gestern vorgestellten Kess 12 Studie,  in der die Leistungen der Abiturienten des G8 Abi-Jahrgangs von 2011 geprüft wurden, haben erstaunlich Unterschiede und unerwartete Allianzen in der Bewertung  ausgelöst.

Die Leistungen in Englisch seien in der „Gesamtbreite aller Lerngruppen“ bei den  G8 Abiturienten „höher“ als die der G9 Abiturienten in der vorherigen Lau-Studie vor sechs Jahren, erläuterte Studienleiter Ulrich Vieluf. Auch im Bereich der „voruniversitären Mathematik“ habe der G8 Jahrgang besser abgeschnitten.  „Deutlich bessere Leistungen“ als die G9 Abiturienten hätten  in beiden Bereichen vor allem die 500 leistungsstärksten der knapp 4000 getesteten Abiturienten des G8 erreicht, erklärte er. Leichte Verbesserungen  gebe es bei den leistungsstärkeren G8 Abiturienten auch in den Naturwissenschaften. Schulsenator Ties Rabe kommentierte hocherfreut: „In allen Tabellen zeigt sich, dass die Schülerinnen und Schüler unter verschärften Bedingungen zu besseren Leistungen kommen. Das „überraschende Ergebnis „ von Schulzeitverkürzung und Profiloberstufe, so der Senator in seiner Pressemitteilung: „Bessere Leistung im Abitur“. http://www.hamburg.de/pressearchiv-fhh/3702064/2012-11-27-bsb-kess-12.html

„G8 scheitert in Hamburg: aktuelle Längsschnittstudie KESS 12 belegt Misserfolg trotz Profiloberstufe“, urteilte dagegen der Bürgerschaftsabgeordnete in der CDU Fraktion, Walter Scheuerl. Die G8-Schülerinnen und Schüler im Abiturjahr 2011 hätten „schlechtere Leistungen erzielt als ihre Vorgänger im Vergleichsabiturjahr 2005 im G9“. Und das, obwohl sie sich bei der Kurswahl in der Profiloberstufe im Vergleich zum G9 Jahrgang viel stärker auf  Kernfächer wie Mathematik und Englisch konzentriert hätten. Der Vorsitzende des Schulausschusses der Bürgerschaft belegte seine Kritik mit Zitaten aus allen drei Bereichen Englisch, Mathematik und Naturwissenschaft der Kess Studie: So verwies er u.a. auf die besseren Ergebnisse der G9 Abiturienten in dem „unbestechlichen internationalen TOEFL-Test („Test of English as a Foreign Language)“ Auf Seite 5 der Studie heißt es: „„die Abiturientinnen und Abiturienten des KESS-Jahrgangs schneiden auf beiden Kursniveaus über das gesamte Leistungsspektrum schwächer ab als der LAU-Jahrgang“. Walter Scheuerls Fazit: „Schulsenator Rabe verhöhnt mit seiner heutigen Pressemeldung die Schülerinnen und Schüler im G8-System, wenn er …behauptet, das G8 hätte in Hamburg in Verbindung mit der Profiloberstufe zu angeblich besseren Leistungen im Abitur geführt. Das Gegenteil ist der Fall!“

Ganz ähnlich auch die Kritik der GEW: „Die Jubelmeldungen des Bildungssenators und KMK-Präsidenten Ties Rabe zur Vorstellung der Ergebnisse der KESS 12 Studie sind voreilig und ungerechtfertigt“. Es entspreche „nicht der Wahrheit“, dass die „Schulzeitverkürzung zum Abitur (G8) zu besseren Schulleistungen geführt“ habe. In der Studie selbst werde  „viel bescheidener“ erklärt, das G8 habe „nicht zu einem Leistungseinbruch geführt“.   Das sei aber, so auch die GEW, ein Ergebnis der Profiloberstufe und der „stärkeren Anwahl von Kursen mit erhöhten Anforderungen in Englisch und Mathematik“. Mit der Schulzeitverkürzung habe das „ nichts zu tun“.

Kess 12 sei eine reine Leistungsstudie, kritisiert die GEW weiter. Die Bedingungen, unter denen diese erzielt worden seien, seien gar nicht untersucht worden. „Zunehmender Zeitdruck beim Lernen und verdichtete Unterrichtstage und –wochen“ führten zu „massivem Stress bei den SchülerInnen und ihren Familien“ Es fehle an Freizeit und außerschulischen Aktivitäten,  Gymnasiasten hätten „Arbeitswochen, die weit über die Regelarbeitszeiten von ArbeitnehmerInnen hinaus“ gingen, erklärte der GEW Vorstzende Klaus Bullan auch in einen Interview in der Tagesschau. Doch seine Empfehlung,  lieber das G9 an der Stadtteilschule zu wählen, ist für viele Eltern, die sich bewußt für das Gymnasium entschieden haben, wohl keine Lösung.  http://www.gew-hamburg.de/themen/bildungspolitik/schulzeitverkuerzung-ist-und-bleibt-falsch

Eine erstaunliche Allianz mit dem SPD Schulsenator bildete dagegen der schulpolitische Sprecher der CDU Fraktion, Robert Heinemann. Er war einer der maßgeblichen Schulpolitiker seiner Partei, als vor 10 Jahren unter CDU und FDP Regierung in Hamburg die Schulzeit an den Gymnasien von neun auf acht Jahre reduziert und das G8 damit eingeführt wurde. Sein erfreuter Kommentar zur Kess 12 Studie. „Die Ergebnisse zeigen, dass sowohl die Einführung des G8 als auch die stärkere Leistungsorientierung der Gymnasien – etwa durch die zentralen Prüfungen – unter den CDU-Senaten richtig war. Besonders beeindruckend ist, dass sich die Leistungen trotz der deutlichen Erhöhung der Abiturientenquote verbessert haben“.  Anders als die GEW, sieht Robert Heinemann lediglich gewisse Probleme bei der Umsetzung des G8, die noch nicht „optimal“ erfolgt sei. Dadurch komme es „teilweise zu unnötigen Belastungen der Schülerinnen und Schüler“. Robert Heinemanns Verbesserungsvorschlag:  „Schulinspektion und Schulaufsicht“ müssten da noch genauer hinsehen.

Die Zitate und die sehr unterschiedlichen Bewertungen machen insgesamt eins deutlich: Einen eindeutigen Leistungsvorsprung der G8 Abiturienten vor den Abiturienten des G9, wie es Ties Rabe in seiner Pressemitteilung behauptet, läßt sich mit den Ergebnissen der Kess 12 Studie keineswegs belegen.  

Es gibt allerdings ein klares Ergebnis: Die Zahl der Abiturienten hat sich insgesamt erheblich erhöht. Sie stieg um 33 Prozent, von 3517 Abiturienten im Jahr 2005 auf 4675 im Jahr 2011. Die Schülerschaft hat sich dabei verändert, es gibt jetzt mehr Abiturienten aus bildungsfernen Elternhäusern.

Am Ende der Leistungsbilanz fragte eine Journalistin gestern, ob man denn bei der Kess 12 Studie auch Wohlbefinden oder Gesundheit der Abiturienten des G8 Jahrgangs geprüft habe. Die Antwort von Studienleiter Ulrich Vieluf: Bei Lau und früheren Untersuchungen habe man die Abiturienten „noch gefragt“: „Wie geht es Dir?“. Diese Frage, so Vieluf, sei aber von den Abiturienten „nicht goutiert“ worden. Deshalb habe man bei KESS erst garnicht danach gefragt.

Schulsenator Rabe zeigte sich von dieser Frage unberührt. In Hamburg gebe es zwei  Möglichkeiten, das Abitur zu machen, das G8 am Gymnasium und das G9 an der Stadtteilschule. Diese Kombination sei „geradezu ideal“, man habe beide Wege eröffnet, der G8 Jahrgang sei erfolgreich, so „dass wir das so lassen“.

 Die Frage eines anderen Journalisten, ob sich der ganze Stress denn lohne, beantwortete er nicht.

„Vom allmählichen Verschwinden von Bildung und Wissen aus den Schulen“: Deputation beschließt die Umstellung von Schulen und Schulqualität auf „Kompetenz-Orientierung“

18 Sep

 

Viele Eltern haben es noch gar nicht bemerkt – in Hamburg vollzieht sich im Stillen eine neue umfassende Schulreform –  doch diesmal geht es nicht um Schulformen, nicht um Primarschule, Stadtteilschule oder Gymnasium – jetzt geht es um das, was Schüler zukünftig lernen sollen:

Schüler sollen in der Schule Kompetenzen erwerben. Das klingt gut – wer möchte nicht kompetente Kinder haben. Doch was verbirgt sich hinter dieser Kompetenzorientierung, die im Rahmen von Bildungsstandards jetzt in die Schulen eingeführt werden soll? Zunehmend warnen Bildungswissenschaftler davor, dass in den letzten Jahren in vielen Bundesländern ein Weg beschritten wurde, der fachunabhängige Kompetenzen in den Mittelpunkt von Schule und Unterricht stellt und dass die fachlichen Inhalte nur noch eine untergeordnete Rolle spielen – auch in Hamburg. In Bildungsstandards und Testverfahren sollen die neuen Kompetenzen jetzt endgültig die Grundlage der Qualität von Schulen, der Beurteilung des Unterrichts der Lehrer sowie der Leistung der Schüler werden.  Das sieht Ties Rabes neuer „Orientierungsrahmen Schulqualität“ vor, den die Deputation der Schulbehörde in diesem Monat beschlossen hat.

Doch was sind Kompetenzen, was verbirgt sich hinter dem Begriff? Kirschsblogs Interview mit Professor Dr. Hans Peter Klein von der Goethe Universität Frankfurt:

Professor Dr. Hans Peter Klein unterrichtete mehr als 20 Jahre als Gymnasiallehrer und Lehrbeauftragter in der Lehrerausbildung an den Universitäten Köln und Koblenz, bevor er 2001 von der Goethe-Universität Frankfurt auf den Lehrstuhl für Didaktik der Biowissenschaften berufen wurde. Professor Klein ist Präsident der Gesellschaft für Didaktik der Biowissenschaften (www.didaktik-biowissenschaften.de), Vorstandsmitglied der Bildungskommission der Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte, sowie Mitbegründer und Geschäftsführer der 2010 in Köln gegründeten Gesellschaft für Bildung und Wissen (www.bildung-wissen.eu). 2011/2012 war er als Gastprofessor am College of New Jersey (TCNJ) in den USA tätig

Kirschsblog:  Herr Professor Klein, „Der Bluff der Kompetenzorientierung“ ist der Titel eines Vortrages, den Sie jetzt in Hamburg aus Anlass der geplanten Umstellung der Hamburger Schulen auf Kompetenzen gehalten haben. Das klingt sehr provokant. Was haben Sie gegen Kompetenzen?

Professor Klein:  Gegen Kompetenzen hat natürlich niemand etwas. Welcher Lehrer würde nicht  sagen, dass der Erwerb von Kompetenz seiner Schüler in einzelnen Fächern und in allgemeiner schulischer Bildung nicht sein Ziel ist. Insofern ist das nichts Neues. Nun ist natürlich die Frage, was man unter Kompetenz versteht und was die Kompetenzorientierung in den Schulen tatsächlich nach sich zieht. Wenn man vom Alltagswissen her ausgeht, würde man sagen, kompetent ist jemand, der eine Sache sehr gut kann. Ein Beispiel: Von einem Tiefschneefahrer, der sehr gut Tiefschnee fährt,  würde man sagen, dass er eine Kompetenz im Tiefschneefahren hat und wenn er es nicht gut kann, dann fehlt ihm halt diese Kompetenz. Der nunmehr verwendete Kompetenzbegriff hat aber spätestens seit PISA eine grundlegend andere Bedeutung. Sie äußert sich darin, dass es darauf ankommt, Schüler im Rahmen einer Ökonomisierung der Bildung als „Humankapital“ in einer globalisierten Welt konkurrenzfähig zu machen. Dieses Konzept ist über die OECD und die Bertelsmann-Stiftung den europäischen Ländern zur Einführung empfohlen, viele sagen diktiert worden. Vor allem das schlechte Abschneiden in der PISA Studie 2000 hat dann dazu geführt, dass die Kompetenzorientierung in der entscheidenden Schrift zur Entwicklung nationaler Bildungsstandards , der sogenannten „Klieme Expertise“,  zur Einführung in das deutsche Bildungssystem festgeschrieben wurde.

Kirschsblog: Es gibt also eine eigene, besondere Bedeutung von „Kompetenz“ in Bildung und Unterricht?

Professor Klein: Ja. Man muß sich die rein unter einem ökonomischen Nützlichkeitsfaktor ausgerichtete Bedeutung des neuen „Kompetenzbegriffs“ deutlich machen. Dieser hat die Steuerung, Zentralisierung und Globalisierung des Bildungssystems zum Ziel. Bildung hat hier keinen Eigenwert mehr, daher droht Fächern wie Kunst, Musik, Geschichte, Literatur, von Latein und Altgriechisch ganz zu schweigen, die Verschiebung aufs Abstellgleis. Der amerikanische Soziologe Ritter spricht denn auch von einer „McDonaldisierung der Bildung“: das gleiche Produkt – der Output – soll wie zum Beispiel ein „Big Mac“ in der gleichen Qualität unabhängig von den Voraussetzungen, Bildungstraditionen, Bildungszielen u.a. hergestellt werden: Effizienz, Kalkulierbarkeit, Voraussagbarkeit, Kontrolle sind die modischen Zauberworte. Die Standardisierung des Produkts führt folgerichtig zu „Kompetenzlehrplänen“, um quantitative Statistiken über Bildungserfolge erstellen zu können. Interessanterweise sind die „Bildungsstandards“, die jetzt bei uns eingeführt werden, in den USA längst gescheitert.

Kirschsblog: Was heißt das, welche Erfahrung hat man denn dort damit gemacht?

Professor Klein: Das Ganze ist doch keine deutsche Erfindung. Bereits Anfang der 90er Jahre wurden  in den USA „Bildungsstandards“ flächendeckend eingeführt, um das extreme Bildungsgefälle der einzelnen Bundesstaaten in den Griff zu bekommen. Die Professorin Diane Ravitch, einst glühende Verfechterin von Bildungsstandards, die an deren Einführung unter George Bush, Senior, maßgeblich beteiligt war, hat vor wenigen Jahren ein in den USA viel beachtetes Buch geschrieben: „The Death and Life of the Great American School System. How Tests and Choice are Underminig Education“. Sinngemäß übersetzt bedeutet das: Bildungsstandards führen zur Aushöhlung der Bildung. Und anstatt von den Erfahrungen aus den USA zu lernen, führen wir das jetzt gerade ein.

Kirschsblog: Dem deutschen Bildungssystem wird aber doch vorgeworfen, dass man bisher zuviel Wissen gepaukt habe, mit dem die Schüler nichts hätten anfangen können.

Professor Klein: Genau. Die Lehrer haben demnach in der Schule bisher nur Wissensbestände „aufeinander gepackt“ , das heißt die Schüler haben „additiv“ gelernt und das erworbene Wissen nicht anwenden können, so die Kritik. Daher müsse man sich von dieser „Inputorientierung“ und fachlich vorgeschriebenen Inhalten verabschieden und eine Umstellung auf „outputorientierte Kompetenzen“ vornehmen: Das heißt, ein „vernetztes“,  oder auch „kumulatives Lernen“ sei die Alternative.

Kirschsblog: Das klingt aber doch gut!

Professor Klein: Nun wird sicherlich niemand etwas gegen vernetztes Lernen haben und ich glaube, dass die meisten Lehrer auch genau dies in der Vergangenheit versucht haben – auch wenn es sicherlich nicht immer gelungen sein mag. Eine besondere Betonung auf vernetztes Lernen zu legen ist sicherlich nicht falsch. Hier muss aber die Frage gestellt werden, was man denn vernetzen soll, wenn die Fachinhalte, die es ja zu vernetzen gilt, in den jetzt eingeführten Konzepten eine deutlich untergeordnete Rolle spielen.

Kirschsblog: Sie sagen also, dass es bei den „Kompetenzen“ nicht mehr wie bisher um Inhalte geht,  sondern dass da etwas Neues entstanden ist. Aber was ist denn dann an die Stelle der Inhalte getreten?

Professor Klein: Man muss hier zwei Dinge klar trennen: Einmal die schon angesprochene „Legitimationsschrift“ zur Einführung nationaler Bildungsstandards von 2003, also die „Klieme Expertise“. Aus ihr geht klar hervor, das „Kompetenzen an Inhalten“ zu erwerben sind. Nun verfolgen aber die meisten Bundesländer ein fast gegenteiliges Konzept: Darin sollen die sogenannten „überfachlichen Kompetenzen“, oft auch als „Schlüsselqualifikationen“ bezeichnet, den Kern des neuen Unterrichts ausmachen. Die Begriffe „Kompetenz“ und „Wissen“ werden also willkürlich getrennt, wie der Ausdruck „überfachliche Kompetenzen“ denn ja auch klar formuliert. Gleichzeitig werden sogenannte „Kerncurricula“, Lehr- oder Rahmenpläne, für die Schulen entwickelt: Nicht nur Lehrer dachten, dass in diesen „Kerncurricula“ entsprechend der Bedeutung dieses Begriffs inhaltliche Schwerpunkte in den einzelnen Fächern gesetzt werden sollten, die damit zu einer sinnvollen inhaltlichen Konzentrierung auf das Wesentliche führen sollten. Das Gegenteil ist aber der Fall: „Kerncurricula“ enthalten keinerlei inhaltliche Vorgaben, sondern nur noch Kompetenzbeschreibungen. Es bleibt den Schulen überlassen, die jeweiligen Inhalte dazu zu suchen.

Kirschsblog: Ja, zum Beispiel hier in Hamburg. Hier werden konkrete fachliche Inhalte kaum noch erwähnt, dafür ist von vielen „überfachlichen Kompetenzen“ die Rede, wie z.B. Sozialkompetenz, Personalkompetenz und vielerlei Methodenkompetenzen. (http://li.hamburg.de/keks/)

Professor Klein: Wie schon angedeutet, verfolgt man da ein rein wirtschaftsorientiertes Konzept, indem man die „Kompetenzen“ in den Mittelpunkt stellt, von denen angenommen wird, dass die globale Wirtschaft von zukünftigen Berufstätigen diese am ehesten braucht: Bildung als Ware. Diese Form der Kompetenzorientierung ist also aus einem bildungsökonomischen Hintergrund entstanden, der aus den USA stammt. Denn auch dort man der Meinung, dass genau diese Orientierung die Gewähr dafür bieten könnte, eine „Beschäftigungsfähigkeit im Beruf“ , bzw. „employability“ der Heranwachsenden zu garantieren. Allerdings hat man in den USA nicht den Fehler gemacht, diese Art der Kompetenzorientierung, die dort schon in den 70er Jahren entwickelt worden ist, als „competency based leanring“ oder „competency based training“ in allen Schulen einzuführen. Ganz im Gegenteil ist dies heutzutage auf nur wenige Schulen begrenzt. In den meisten amerikanischen Schulen, insbesondere in den High Schools, aber auch an den Colleges, fährt man eher ein gegenteiliges System, wie einige der in der PISA Studie ganz vorn stehenden asiatischen Länder teilweise auch: Auswendiglernen von Fakten und Testen „bis der Arzt kommt“, ein ebenso fragwürdiges Konzept.

Kirschsblog: „Fachliche Kompetenzen“ und Fachwissen rücken also in den Hintergrund.

Professor Klein: Genau. Fachwissen belastet das Gehirn, wir vergessen es sowieso, zudem verändert es sich dauernd und außerdem ist Wissen allgegenwärtig im Internet ständig allzeit verfügbar, deshalb stellen wir die überfachlichen Kompetenzen in den Mittelpunkt, so die Protagonisten dieser Entwicklung in den einzelnen Bundesländern. Diese Art der Kompetenzorientierung schwappt auch schon auf die Hochschulen über: „Musik ohne Noten und Goethe ohne Deutsch“ wie kürzlich in einem Artikel von Heike Schmoll in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu lesen war.

Kirschsblog: Das ist, wenn ich Sie richtig verstehe, auch Ihre Kritik. Sie bemängeln, dass durch die Einführung der Kompetenzen im Rahmen der Bildungsstandards insbesondere Wissen und Inhalte  zurückgehen und zwar in erheblichem Umfang.

Professor Klein: Ja, man braucht sich nur die neuen kompetenzorientierten Aufgaben anzuschauen, die in den Schulen und insbesondere auch in den Zentralabiturarbeiten der einzelnen Bundesländer mittlerweile angewendet werden. Der Schüler erhält – übrigens wie bei PISA Aufgaben, die ja ebenfalls kompetenzorientierte Aufgabenstellungen enthalten – ausführliche Textmaterialien mit Grafiken und Kurvendarstellungen, in denen nahezu alle Informationen enthalten sind, die er braucht, um die danach folgenden Fragen lösen zu können. Es hat Untersuchungen in Biologie und neuerdings auch in Mathematik gegeben, in denen klar nachgewiesen wird, dass Lesekompetenz weitgehend ausreicht, um diese Aufgabenstellungen zumindest in einem befriedigenden Bereich lösen zu können. Und zwar nicht nur in Biologie und Mathematik, auch in den Sprachen. Um eine Zentralabituraufgabe zu Shakespeare lösen zu können, muss man ihn keinesfalls gelesen haben, dies könnte eher hinderlich sein (wie neueste Untersuchungen zeigen, die kurz vor dem Abschluss sind).

Kirschsblog: Diese Untersuchungen haben Sie zusammen mit Lehrern auch selbst durchgeführt.

Professor Klein: Ja, wir haben eine Zentralabiturarbeit eines Leistungskurses in Biologie, also dem höchsten Anspruchsniveau, einer neunten Klasse in G9 vorgelegt, die den Stoff und Inhalte also überhaupt nicht kannten. Und das Ergebnis war eindeutig: Bis auf zwei haben alle Schüler dieser neunten Klasse die kompetenzorientierte Aufgabenstellung ohne Probleme lösen können, teilweise sogar mit guten und sehr guten Noten (die komplette Untersuchung ist zu finden unter www.didaktik-biowissenschaften.de und dort unter Journal (F).

Kirschsblog: Wie ist denn das möglich?

Professor Klein: Das ist ganz einfach: Nahezu alle Antworten stehen in dem ausführlichen und fünfseitigem Arbeitsmaterial. Es ist ähnlich wie bei Pisa Aufgaben: Der Schüler braucht praktisch kaum Vorwissen mitzubringen, er muss Texte lesen und verstehen können und braucht dann nur das, was schon im Text steht, den Fragen zuzuordnen.

Kirschsblog: Das heißt, es geht um Lesekompetenz!

Professor Klein: Ja, Lesekompetenz reicht aus, selbst in Mathematik, wie die neueste Untersuchung zeigt, um in einer Zentralabitursarbeit zumindest ein „ausreichend“ zu erzielen, ohne dass man z.B. „Analysis“ Aufgaben rechnen kann. Ein Schulleiter brachte es auf unserer Tagung „Irrwege der Unterrichtsreform“ im März diesen Jahres bezüglich dieser Form der Kompetenzorientierung als Vorbereitung auf das Zentralabitur so auf den Punkt: „Lest Euch die Texte durch, notfalls schreibt sie komplett ab, für ein „ausreichend“ reicht das allemal“.

Kirschsblog: Sie haben Ihre Untersuchung auch mit Abituraufgaben aus der Zeit vor der Einführung der Kompetenzen als Kontrolle durchgeführt. Konnten die Schüler diese früheren Aufgaben auch problemlos bearbeiten?

Professor Klein: In der Biologieuntersuchung haben wir auf eine Durchführung mit der ganzen Klasse verzichten müssen, da es sich bereits in vorherigen „Pretests“ mit einigen der Schüler zeigte, dass diese überhaupt nichts mit diesen Aufgaben anfangen konnten: Ihnen fehlte komplett das fachliche Vorwissen, um fachlich anspruchsvolle Aufgaben dieser Art auch nur annähernd bearbeiten zu können. In der Mathematik-Kontrolle kamen die meisten Schüler nicht einmal über ein „ungenügend“ hinaus. Auch hier handelte es sich um eine fachlich wesentlich anspruchsvollere Aufgabenstellung (auch diese Untersuchung ist einzusehen unter www.didaktik-biowissenschaften.de und dort unter Journal (F)

Kirschsblog: Aber ist denn das Ganze überhaupt so schlimm? Sie haben schon erwähnt: Es wurde ja in der Vergangenheit vielfach kritisiert, es gebe einen viel zu hohen Wissensballast in der Schule. Das Meiste, was man in der Schule lerne, habe man doch später sowieso meist vergessen. Wozu brauchen wir denn soviel Wissen? Sind nicht vielleicht wirklich Kompetenzen wichtiger?

Professor Klein: Schlagen Sie doch die aktuellen Tages- oder Wochenzeitungen auf. Spätestens seit einem Jahr liest man immer öfter, dass eine zunehmende Anzahl von Abiturienten für die Aufnahme eines Studiums kaum noch in der Lage sind: In den Ingenieurwissenschaften fallen derzeit bis zu 70 Prozent der Erstsemester durch, in der ZEIT konnte man gerade lesen, nicht einmal 50 Prozent der Studenten erreichen den Bachelor, sondern brechen ihr Studium vorher ab. In Mathematik gibt es mittlerweile Horrorzahlen –  auch im Lehramt in Köln – wonach 92 Prozent der Erstsemester die Erstsemester Klausur nicht geschafft haben. Und jetzt übt man in der Presse auch noch Druck auf die Universitäten aus. Sie werden aufgefordert, sich aus dem „Elfenbeinturm“ zu bewegen, und es wird kritisiert, dass an den Universitäten wohl nicht bekannt sei, dass wir Ingenieure und Mathematiker brauchen.

Kirschblog: Und wie reagieren die Universitäten darauf?

Professor Klein: In der einschlägigen „Bildungspresse“ wird oft nicht einmal gefragt, ob die Schüler, die jetzt den neuen kompetenzorientierten Unterricht und das „teaching to the test“  als Vorbereitung auf kompetenzorientierte Zentralabituraufgabenstellungen genossen haben, vielleicht gar nicht mehr das notwendige Fachwissen zur Aufnahme eines derartigen Studiums haben. Denn Mathematik bedeutet mehr als nur Textaufgaben lösen zu können. Horst Hippler, der Präsident der deutschen Hochschullehrerkonferenz, formulierte die hohen Abbrecherquoten besonders in der Mathematik und den Ingenieurwissenschaften mehr als deutlich: es fehlen vielfach die notwendigen fachlichen Kenntnisse, um ein derartiges Studium erfolgreich aufnehmen zu können. Auf die Frage „warum“ kam die ebenso deutliche Antwort: „weil man den Stoff und die Intensität verringern muss, damit ein größerer Teil der Bevölkerung zum Abitur gelangt“ (Focus 28/12).

Kirschsblog: Was bedeutet das für die Studierfähigkeit der Abiturienten?

Professor Klein: Horst Hippler bringt es auf den Punkt: Das derzeitige Abitur ist keine hinreichende Qualifikation für die Aufnahme eines Studiums. Ein zusätzlicher bundesweiter Test – ähnlich dem SAT-Test in den USA – muss her. Viele der Protganonisten dieser Entwicklung behaupten dagegen, die Schule – auch das Gymnasium – habe nicht die Aufgabe, Schüler auf die Aufnahme eines Studiums in einem Fach vorzubereiten.

Kirschsblog: Auf was denn sonst?

Professor Klein: Eben auf die bereits erwähnten fachunabhängigen Kompetenzen, die man zur Bewältigung des privaten und beruflichen Alltags in einer globalisierten Welt braucht.

Kirschsblog: Was sagen denn die Verantwortlichen in Berlin zu dieser Entwicklung?

Professor Klein: Das Bundesministerium für Bildung und Forschung, dass diese Entwicklung mit hunderten von Millionen Euro in den letzten 10 Jahren mit auf den Weg gebracht hat, scheint zu ahnen, das da nicht alles glatt läuft: Dort hat man jetzt gerade noch einmal 500 Millionen Euro in die Hochschulen gepumpt, und zwar in den sogenannten „Qualitätspakt Lehre“, um damit „Brückenkurse für Erstsemester“ anzubieten. Das ist sozusagen ein „Nachhilfeunterricht für nicht studierfähige Abiturienten“, denen grundlegende Wissensbestände für die Aufnahme eines erfolgreichen Studiums einfach fehlen.

Kirschsblog:  Sie haben Ihren Biologietest ja mit einer  Zentralabiturarbeit in Nordrhein Westfalen durchgeführt. Hamburgs Schulsenator Ties Rabe will ab dem Jahr 2014 auch in Hamburg das Zentralabitur einführen, und zwar erst in allen Fächern in ganz Hamburg, und dann soll es bundesweite Zentralabituraufgaben in einigen Fächern geben. Darüber wurde gerade in diesen Tagen in Hamburg noch einmal heftig diskutiert. Das  Zentralabitur beschädige die neue Profiloberstufe, so die Kritik.  In Zeitungsberichten wurde außerdem gewarnt, dass das Zentralabitur viel „schwerer“ wird:  Nämlich spätestens dann, wenn Abituraufgaben gemeinsam mit Bayern entwickelt werden? Wird es  schwerer?

Professor Klein:  Nein! Es wird nicht schwerer. Es wird vielmehr der unterste gemeinsame Nenner genommen, der möglich ist. Die Hamburger brauchen da keine Angst zu haben oder glauben Sie, dass es sich die politisch Verantwortlichen erlauben können, Durchfallquoten im zweistelligen Bereich zu generieren? Nehmen Sie das Beispiel Nordrhein Westfalen. Dort hatten die Lehrer im  Jahr 2007, als auf das Zentralabitur umgestellt wurde, auch diese Sorgen. Dies war unnötig, wie sich im Nachhinein herausgestellt hat. In Probedurchläufen werden die Aufgabenstellungen solange weich gespült, bis keiner oder kaum noch jemand scheitern kann. Ergebnisgleichheit ist das Ziel. Betrogen sind aber alle: die Leistungsschwächeren, weil ihnen eigentlich unzureichende Leistungen als ausreichende attestiert werden und dies in ihrer weiteren Entwicklung zum Bumerang werden dürfte und die Leistungsstärkeren ebenso, denn die können sich an solchen Aufgabenstellungen kaum noch auszeichnen.

Kirschsblog: Warum protestieren Eltern und Lehrer nicht gegen diese Entwicklung?

Professor Klein: Wiederum ganz einfach: Hinter all diesen schönen Formulierungen gepaart mit den Erfolgsmeldungen in der Presse über jährlich immer besser werdende Schüler mit immer besseren Noten im Abitur wird die tatsächliche Entwicklung kaschiert. Die Lehrer werden mit Schulinspektionen sanktioniert, die ihnen in einigen Bundesländern – völlig unabhängig von jeder wissenschaftlicher Untersuchung –  auch noch die genauen Unterrichtsmethoden vorschreiben.

Kirschsblog: Was sagen Sie denn zu den Hamburger Entwürfen?

Professor Klein: Ich bin völlig überrascht, wie viele Fässer da derzeit gleichzeitig für die Schulen in Hamburg aufgemacht werden, womit allerdings Hamburg nicht alleine dasteht: Bildungsstandards, Kompetenzorientierung, Kerncurricula, Schulcurricula, Schulinspektion, Qualitätsmanagement, Individualisierung (bei Klassenstärken von teilweise 30 Schülern und mehr), strukturelle Reformen wie Stadtteilschule und Gymnasium, Inklusion und vieles mehr. Die Umsetzung jeder einzelnen dieser Maßnahmen, wenn man sie dann ernst nehmen würde, kostet eine Menge Geld – das hat man aber nicht, es muss selbstverständlich alles kostenneutral auf den Weg gebracht werden.

Kirschsblog: Was ist mit den Lehrern, wie stehen sie dazu?

Professor Klein: Die Lehrer werden mit all dem völlig alleine gelassen. Mir ist kein Land der Welt bekannt, dass derartig fahrlässig teilweise noch nicht einmal angedachte Konzepte einfach so den Schulen verordnet, nach dem Motto: Friss oder stirb. So kann man ein Bildungssystem in kürzester Zeit in Schutt und Asche reformieren. Ties Rabe hat ja kürzlich in der ZEIT ein interessantes Interview gegeben mit dem Titel: „Wir werden ständig mit Ideen überflutet“. Lieber Ties Rabe: Hören Sie doch einfach nicht darauf und nehmen Sie Finnland als Beispiel. Die Finnen haben schon in den 90er Jahren die Schulinspektion komplett abgeschafft, weil sie sich als ineffektiv herausgestellt hat. In Finnland werden die Lehrer fachlich und pädagogisch gut ausgebildet, dort hat man deutlich kleinere Klassenstärken und überläßt es der Kompetenz der Lehrer, ihren Unterricht so zu gestalten, wie sie es für richtig halten. Und mit den frei werdenden Stellen aus dem Qualitätsmanagement können Sie viele Lehrer mehr einstellen.

Kirschsblog: Was sagen denn die führenden Vertreter der neuen Konzepte zu Ihren Vorwürfen?

Professor Klein: Man konnte vor kurzem einen interessanten Artikel des Kollegen Heinz Elmar Tenorth, einem der führenden Vertreter der neuen Konzepte, in der FAZ lesen. Darin stellte er sich  verwundert die Frage, warum denn gerade die Kompetenzorientierung auf einen derartigen Widerstand bei den Lehrern und ihren „erziehungswissenschaftlichen Kampfgenossen“ – damit waren wir gemeint – stoße, wo doch in der „Klieme Expertise“ von 2003 ausdrücklich nicht von fachunabhängigen Kompetenzen die Rede gewesen sei. Dort habe man vielmehr betont, dass ein Kompetenzaufbau nur auf einem soliden Fachwissen möglich sei.

Kirschsblog: Und was ist die Antwort auf diese Frage?

Professor Klein: Ganz einfach. Wenn Kompetenzen so wunderbar wären, müssten wir zum Einen dieses Interview jetzt nicht führen, und die Verantwortlichen in den zuständigen Abteilungen der Behörde müssten auch nicht – gegen Ausschreibung von Beförderungsstellen – Kompetenzteams bilden, die die vielen widerspenstigen Lehrer auf Linie bringen sollen. Auf der anderen Seite muss man natürlich den Autoren der „Klieme Expertise“ vorwerfen, dass Sie es vielleicht gut gemeint haben, sich aber überhaupt nicht um die praktische Durchführung in den Schulen kümmern. Das überlassen Sie den Qualitätsinstituten in den einzelnen Bundesländern und die kochen ihr eigenes Süppchen.

Kirschsblog: Eigenes Süppchen? Die Gegenseite behauptet ja, dass ihre Maßnahmen Erfolge zeigen: So konnten in kürzester Zeit die Abiturientenquoten fast verdoppelt werden, auch die Zahl der Akademiker steigt an.

Professor Klein: Um hohe Abiturienten- und Akademikerquoten zu generieren, mit denen man seine erfolgreiche Politik in der Öffentlichkeit publik machen kann, werden aber die Ansprüche nivelliert und als Exzellenz ausgewiesen. Die vielleicht einmal positiv gedachte Kompetenzorientierung wird ins Gegenteil verwandelt – nämlich in die fachlich ungebundene, also überfachliche Kompetenzorientierung, wie sie in den Kerncurricula der einzelnen Bundesländer manifestiert sind, „es wimmelt dort nur so vor lauter Kompetenzen“ wie neulich in der FAZ zu lesen war.

Kirschsblog: Sie meinen also, die ursprüngliche Richtung der Kompetenzen, die fach- und wissensgebunden gemeint waren, hat sich verselbstständigt und ist in eine falsche Richtung gelaufen?

Professor Klein: Sie ist nicht nur in die falsche Richtung gelaufen, sie ist von denen, die sie „in der falschen Richtung“ haben wollten, ganz bewusst dorthin bewegt worden.

Kirschsblog: Das hört sich ja alles nicht besonders beruhigend an. Was wollen Sie denn dagegen unternehmen?

Professor Klein: 2010 haben wir die Gesellschaft für Bildung und Wissen gegründet, die mittlerweile mehr als 150 Bildungswissenschaftler und mehr als 300 Schulleiter, Fachleiter, Lehrer, Eltern u.a aus dem gesamten deutschsprachigen Raum in ihren Reihen hat, und die diese Entwicklung äußerst kritisch betrachtet. Sie will eine Diskussion in Gang bringen, in der am Ende vielleicht ein tragfähiges Gegenkonzept mit allen Beteiligten entstehen wird, das Bildung und Wissen wieder als zentrale Komponenten einer Allgemeinbildung enthält, frei von ökonomischen Ansprüchen, die in den jetzt auf den Weg gebrachten Konzepten leider nicht mehr zu erkennen ist. In dem Artikel „Wider die Ökonomisierung der Bildung“ hat kein Geringerer als Eberhard von Kuenheim, ehemals Vorstandsvorsitzender von BMW, in der FAZ dazu eindeutig Stellung bezogen: „Die – vorgeblich durch die Zwänge der Wirtschaft erforderliche – Ökonomisierung der Bildung ist der falsche Weg. Indizien belegen, dass eben sie die Schäden verursacht, die man beklagt“ (FAZ Nr. 87 vom 13.4.2011).

Kirschsblog: Werden Sie denn überhaupt wahrgenommen?

Professor Klein: Wir werden unterstützt von nahezu allen Lehrerverbänden, vielen Elternverbänden, Reformpädagogen und vielen an tatsächlicher Bildung Interessierten im gesamten deutschsprachigen Raum (www.bildung-wissen.eu). Was mich beruhigt ist, dass alle Top-down Verordnungen im Bildungssystem in den letzten 50 Jahren letztendlich gescheitert sind, weil man die Lehrer als tragende Säulen des schulischen Bildungsgeschehens an diesen Konzepten nicht beteiligt hat. Kürzlich äußersten sich zwei Professoren aus England und den USA in der SZ zur Angloamerikanisierung des deutschen Bildungssystems unter der Überschrift „Eine deutsche „akademische Königsklasse?“. Die abschließende Beurteilung des amerikanischen Kollegen sollte einen mehr als nachdenklich stimmen: „Heute stellt sich eher die Frage, ob Wilhelm von Humboldts Idee und die von ihm erfundenen Strukturen irgendwo auf der Welt im universitären Leben nachhaltiger vergessen… sind als in Deutschland“ (SZ Nr. 153, Seite 5)  – und mit der Einführung der Bildungsstandards gilt dies auch für die Schulen in Deutschland.