Archiv | August, 2012

Sind Hilferufe berechtigt? Wie geht es der Stadtteilschule wirklich? – Die Zwei-Jahres-Bilanz im großen Kirschsblog-Interview mit Karin Brose

23 Aug

Karin Brose, 61, Studienrätin, war als Expertin für die CDU in der Enquete Kommission, auf deren Empfehlung das Zweistufenmodell aus Gymnasium und Stadtteilschule eingeführt wurde. Sie ist Lehrerin an der Lessing-Stadtteilschule in Harburg, und war davor lange Lehrerin an der Haupt- und Realschule Sinstorf, die mit der HR Schule Hanhoopsfeld und dem Lessing-Aufbaugymnasium zur Stadtteilschule zusammengelegt wurde. Sie ist außerdem Autorin, und hat ua. das Buch „Survival für Lehrer“ geschrieben.

 
„Wir sind nicht gewillt, diese Missstände tatenlos hinzunehmen!“ – Seit zwei Jahren gibt es die Stadtteilschule –  im neuen Schuljahr waren Eltern einer Stadtteilschule jetzt mit ihrer Geduld am Ende: Die Größe der Klassen an der Stadtteilschule sei höher als zugesagt, die Zahl der Sonderpädagogen zu gering für eine „fachkundige Betreuung und Unterstützung“ von „Inklusionskindern“, es gebe zu wenig Klassen-, Differenzierungs-und Fachräume: Das sei „verantwortungslos und fahrlässig“, protestierte der Elternrat der Stadtteilschule Goosacker in einem offenen Brief. Die Behörde wiegelte umgehend ab: Alle Schulprobleme könnten „vor Ort gelöst werden“. Doch wie geht es den Stadtteilschulen wirklich?  Karin Brose hat als Lehrerin einer Stadtteilschule schon nach  deren Einführung heftige Kritik an Umsetzung, an Raum- und Personalmangel geübt. Vor einem Jahr hat sie in einem Kirschsblog-Interview ihre Kritik erneuert. Doch wie sieht es jetzt aus? Im neuen Kirschsblog Interview zieht sie Bilanz:
 

Kirschsblog: Die Stadtteilschule Goosacker hat zum Schuljahrsbeginn in einem offenen Brief, von Kritikern auch Hilfeschrei genannt, über große Probleme der Stadtteilschulen geklagt. Eins dieser Probleme sei die „drastische“ Erhöhung der Klassenfrequenzen in den 7. Klassen von 25 Schülern pro Klasse auf bis zu 29 Schüler. Ursache sei eine drastische Erhöhung der Rückkehrerzahlen von den Gymnasien. Wie ist die Lage an Ihrer Schule? 

Karin Brose: Wir haben auch Rückläufer, aber nicht in diesem Maße. Unsere Klassenfrequenzen liegen zwischen 23 und 25 Schülern, wir haben aber ein Problem bei der Besetzung der Kurse, die haben zum Teil 30 Schüler. 

 Kirschsblog: Das bedeutet ja auf dem Umweg über Kurse auch eine Erhöhung der Frequenzen an der Stadtteilschule. Wie kommt es dazu?

 Karin Brose: Ich glaube, dass die „paradiesischen“ Zustände der Klassen fünf und sechs – die ja nicht wirklich paradiesisch sind, aber zumindest ist da die Verteilung der Lehrkräfte gut – dadurch kompensiert werden, dass man die höheren Klassen aufstockt.

Kirschsblog: Klappt denn der Unterricht bei dreißig Schülern?

Karin Brose: Nein, das klappt nicht, weil man kleinere Gruppen braucht, z.B. in Wahlpflichtfächern wie Kunst und Sport, um effizient zu sein und auch einen gewissen Spaß an der Sache zu erhalten. Bei dieser heterogenen Schülerschaft ist das so nahezu nicht denkbar.

Kirschsblog: Der Elternrat der Stadtteilschule Goosacker beklagt auch, dass die Schule zwar drei Stellen für Sonderpädagogen für die Inklusion bekommen hat, aber nur ein Sonderpädagoge an der Schule ist. Wie ist die Situation bei Ihnen?

Karin Brose: Wir haben zwei Sonderpädagogen, allerdings arbeiten die am Nachmittag im „Sozialen Lernen“, einem Arbeitsprogramm mit Zehner-Gruppen. So hat eine Kollegin, die am Vormittag mit vier Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf in der Klasse bisher die größte Not hatte, in ihrem Unterricht am Vormittag gar keine Unterstützung. Obwohl es mit einigen Kindern gar nicht lief, weil eben nicht alle „inkludiert“ werden können. Diese Kinder brauchen eine Sonderzuwendung und –Förderung. So war z.B. ein Junge mit Asberger Syndrom nicht beschulbar in dieser Konstellation und konnte nicht an der Schule bleiben.

Kirschsblog: Was müsste geschehen, um die Situation an der Schule zu verbessern?

Karin Brose: Ich denke, das ist nicht ein Problem nur einer Schule. Generell muss man darüber genau nachdenken und Eltern intensiv beraten, wenn es darum geht, Kinder mit großem Förderbedarf zu inkludieren. Manche Kinder benötigen eine andere Umgebung als die heterogene Schülerschaft einer Stadtteilschule, vor allem mehr Lehrerkapazität. Ich habe viele Gespräche mit Eltern von behinderten Kindern gehabt, die mir gesagt haben, „ich hätte mein Kind niemals in eine Regelklasse gegeben, weil es da einfach nicht bekommt, was es braucht“. Die sich fragen, wie soll das Kind in einer Schulklasse bestehen, in der vielleicht schon fünf verhaltensauffällige Kinder sitzen, die aber keinen Befund haben. Wenn ein Kind einen großen Förderbedarf hat, kommt es so nicht zu seinem Recht. Ich finde, man muss auf das Kind schauen und dann entscheiden, was für das Kind richtig ist.

Kirschsblog: Vor einem Jahr hatten wir auch über den Förderunterricht für schwächere Schüler gesprochen, der ja künftig an den Stadtteilschulen wie auch an allen anderen Schulen in Hamburg das Sitzenbleiben ersetzen sollen. Es gab heftige Kritik an der Bezahlung für die Förderstunden, die zum Teil von Honorarkräften geleistet werden soll und  um die Sozialabgaben. Sie hatten kritisiert, der Beginn des geplanten Förderunterrichts verzögere sich und käme für viele, zB. die Schüler der 10. Klassen zu spät. Wie ist die Lage heute?

Karin Brose: Aus meiner Sicht läuft es schlecht, viele Schüler unserer sehr gemischten Klientel erscheinen dort nicht, auch die Eltern sorgen nicht dafür. Der Effekt des Förderunterrichts ist insgesamt zu klein.

Kirschsblog: Aber der Förderunterricht soll doch das Sitzenbleiben kompensieren.

Karin Brose: Ja, aber das kann er so nicht. Es handelt sich ja um Schüler, die Fünfen haben, in Englisch, Deutsch, Mathematik. Und die kommen auch in die nächste Klasse, wenn sich das nicht verbessert, also wenn es keine vier geworden ist.

Kirschsblog: Wer macht denn jetzt den Förderunterricht ?

Karin Brose: An unserer Schule gibt es eine Absprache mit einem Nachhilfeinstitut. Doch soweit ich weiß, ist der Förderunterricht in diesem Schuljahr noch gar nicht angelaufen.

Kirschsblog: Aber das Sitzenbleiben ist bereits abgeschafft…

Karin Brose: Ja, leider… 

Kirschsblog: Sie bedauern das? Warum? 

Karin Brose: Weil ich glaube, dass man manche Kinder besser fördern kann, wenn sie ein Jahr wiederholen. Es gibt einfach Entwicklungsphasen bei den Jugendlichen, in denen man so effizienter nachbessern kann. Ein Jahr länger oder kürzer, das ist nicht das Problem. Die Schwierigkeit sind die heterogenen Klassen. Wir müssen besser an die Kinder herankommen! 

Kirschsblog: Heterogene Klassen, also gemeinsame Klassen für Kinder mit unterschiedlichsten Begabungen und Schwächen, waren von Anfang als pädagogisches Grundprinzip für die Stadtteilschulen vorgesehen, darin liege eine besondere Chance, hieß es, binnendifferenziertes Lernen in heterogenen Klassen wirke sich auch positiv auf das Lernen und Kompetenzen aus. (,http://www.hamburg.de/contentblob/1131284/data/rahmenkonzept.pdf)

Karin Brose: Wer damit näher befasst ist, merkt, dass das nicht überall funktioniert. Es ist ja nur ein Lehrer da, der, bevor er eine Klasse neu aufgenommen hat und vollständig versteht, schon einmal eine Anlaufzeit von einem halben Jahr braucht. Dann weiß man erst, wo jeder Schüler steht, wo seine Lücken und Stärken sind. Und dann hat der Lehrer eine Bandbreite von Sonderschule bis Gymnasium vor sich, die er nicht alle einzeln „bedienen“ kann. Er muss dann ein gewisses mittleres Maß halten, um überhaupt mit dem Stoff durchzukommen. Dass der Lehrer nur „Lernbegleiter“ ist und jeder Schüler für sich allein selbstverantwortlich arbeitet, das ist an Stadtteilschulen meist eine Illusion. Was jetzt hinzugekommen ist: Es sind viel mehr schwächere Schüler da, die – ich gehe mal vom Englischen aus – in der achten Klasse gar kein Englisch können. Sie kennen keine Fragestellung, wissen nichts über Satzbau in Englisch, gar nichts! Und es gibt andere Kinder, die können mir Geschichten erzählen. 

Kirschsblog: Da müsste aber doch der Förderunterricht greifen… 

Karin Brose: Ja, wenn der Förderunterricht läuft und sie auch dahin gehen, dann mag das ja angehen. Nur, ich trau dem Frieden nicht, in diesem Schuljahr habe ich davon noch nichts gesehen. Und fraglich bleibt, ob da wirklich Zeit für individuelle Förderung ist. 

Kirschsblog: Nun sollen ja nicht nur die schwächeren Schüler und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf gefördert werden, sondern auch die begabten Schüler. Schulsenator Ties Rabe hat in diesen Tagen sehr klar den Wunsch vieler Eltern nach Wahlfreiheit zwischen G8 und dem früheren G9 zurückgewiesen und erklärt, man könne ja das G9, also das Abitur in neun Jahren, an der Stadtteilschule wählen. Und in der Presseantwort der Behörde auf den Protestbrief der Stadtteilschule Goosacker heißt es: Stadteilschulen böten „hervorragende Chancen, in neun Jahren das gleiche Abitur wie am Gymnasium zu machen“. Was sagen Sie aus Ihrer praktischen Erfahrung an der Stadtteilschule dazu?

Karin Brose: Ich glaube, dass Herr Rabe da schlecht informiert ist oder sich das so wünscht. Ich denke, dass die Stadtteilschule das nicht in diesem Maß schaffen kann. Das ist doch Augenwischerei und ich denke, dass Eltern da etwas vorgemacht wird. Denn die Heterogenität dieser Klassen ist bis zur Klasse zehn derartig groß, dass das niedrige Niveau der Schwächsten das Niveau bestimmt, so dass die Leistungen der Schüler, die das Abitur machen wollen, die ganze Zeit gebremst werden. Wir haben das schon früher in den HR-Klassen gesehen, in denen wir nur die Haupt und Realschüler hatten. Und das war noch eine andere Klientel. Doch die Schülerschaft hat sich jetzt in vielen Stadtteilschulen total gedreht. Bei den HR Schülern gab es im Wesentlichen nur zwei Typen von Schülern, so dass wir diese bis Klasse Neun auf einem mittleren Niveau unterrichtet haben und mit kleinen Ausläufern allen gerecht wurden.

Kirschsblog: Was hat sich denn jetzt geändert?

 Karin Brose: Die Klientel hat sich vom Niveau her nach unten entwickelt, wir haben viel mehr schwächere Schüler. Wir haben mehr Kinder ohne Bildungswillen dabei. Die Zahl der Verhaltensauffälligen hat enorm zugenommen. Die körperliche Entwicklung, also auch die Pubertät, greift viel früher und heftiger. Unsere 13jährigen Mädchen sehen aus wie 17! Die Arbeitssituation hat sich für uns geändert. Momentan kommen die besten und erfahrensten Lehrer aus dem Unterricht und brechen fast zusammen, so anstrengend ist das, vergleichbar mit Dompteursarbeit im Zirkus, wenn gleichzeitig Löwen, Kaninchen, Krokodile und Kätzchen in der Manege sind. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass viele SekII (Oberstufe) Lehrkräfte an unserer Schule im nächsten Jahr das Recht in Anspruch nehmen werden, sich an ein Gymnasien zu bewerben, weil sie es an unserer Schule jetzt mit Schülern zu tun haben, die sie nicht gewohnt sind und für die sie nicht ausgebildet wurden.

Kirschsblog: Wie erklärt sich die Entwicklung der Schülerschaft an Ihrer Schule?

Karin Brose: Woran das liegt, ist mir nicht ganz klar. Vielleicht hat das spezifische regionale Gründe. Früher haben sich viele Schüler aus dem Einzugsgebiet freiwillig angemeldet, weil wir eine tolle Schule waren, die z.B. auch eine eigene Schulkleidung hatte. Wir bekommen jetzt zahlreiche Schüler aus Harburg zugewiesen, die an anderen Schulen nicht ankamen.

Kirschsblog: Sie hatten vor einem Jahr das Durcheinander verschiedener „Benotungssysteme“ in den Stadtteilschulen kritisiert. Hat sich das denn verändert?

Karin Brose: Also im Moment bekommen unsere fünften und sechsten Klassen die Noten eins bis sechs. Die Klassen sieben bis neun bekommen G und E Noten, das sind Grundnoten, die etwa Hauptschulnoten entsprechen und erweiterte Noten für gehobene Anforderungen, die Klasse 10 bekommt die Realschulnoten von eins bis sechs und die Oberstufe bekommt Punkte, das sind also drei verschiedene Systeme.

Kirschsblog: Was würden Sie sich denn wünschen?

Karin Brose: Wenn man auf das Punktsystem für alle gehen würde, dann wäre das einsehbarer, weil alle nach dem gleichen Maßstab bewertet werden. Auf jeden Fall sollte man die Vielfalt der Systeme auf maximal zwei reduzieren.

Kirschsblog: Der Elternrat von Goosacker hat auch den Mangel an Räumen heftig kritisiert, es fehlen demnach Räume für Gruppenunterricht und Fachräume. Sie hatten im letzten Jahr auch die räumliche Lage an Ihrer Stadtteilschule kritisiert, vor allem, dass sie drei Standorte hat, da sie,  ähnlich wie andere Stadtteilschulen, aus drei Schulen zusammengesetzt wurde. Hat sich diese räumliche Lage verbessert.

Karin Brose: Wir sind immer noch an den drei Standorten, und es sieht auch nicht so aus, als würde sich das ändern. Das heißt also, eine Schule, die zerhackt ist, Lehrer, die ständig hin und herpendeln, die sich kaum noch besprechen können, weil sie einander nicht mehr treffen, die mehr Dienstbesprechungen brauchen, um überhaupt noch einmal in Kontakt zu kommen. Für die Schüler bedeutet das, dass sie sich mit ihrer Schule schlecht identifizieren, weil sie nicht das Gefühl haben, dass sie an einer Schule sind. Die müssen ständig umziehen, denn die Schule ist horizontal geteilt. Das heißt, die Klassen fünf bis sieben sind an einem Standort, die Klassen acht und neun an einem anderen und die Klasse 10 zusammen mit der Oberstufe an einem dritten Standort.

Kirschsblog: Wie wirkt sich denn diese horizontale Teilung der Stadtteilschule aus?

Karin Brose: Wir Lehrer haben ständig mit neuen Schülern zu tun, man kennt sich nicht mehr. Vorher waren wir eine Schule mit 400 Schülern, jeder kannte jeden. Das gab Sicherheit und Geborgenheit für die Kinder, die sie dringend brauchen und für die Lehrer letztlich auch eine Sicherheit und Überschaubarkeit. Das ist jetzt nicht mehr gegeben. Wir haben an unserem Standort in diesem Schuljahr neue achte und neunte Klasen bekommen. Davon kenne ich zufällig zehn Kinder, die ich einmal in der fünften Klasse unterrichtet habe.

Kirschsblog: Gibt es denn eine Aussicht auf Verbesserung?

Karin Brose: Uns wurde in Aussicht gestellt, dass die drei Standorte an einem Standort in Hanhoopsfeld zusammengelegt werden. Es gibt aber keine Angaben darüber, wann das geschehen wird. Das wäre aber wichtig, um bei Schülern und Eltern ein Bild als Schule abzugeben.

Kirschsblog: Sie sind ja auch teilgebundene Ganztagsschule. Wie ist die räumliche Ausstattung für den Ganztag.

Karin Brose: Die bisherige Pausenhalle an dem Standort der Klassen fünf bis sieben wird jetzt zur Kantine umgebaut und die Pausenhalle, die die Kinder, gerade die Kleinen, zum Spielen und Bewegungsdrang brauchen, wird in den Musikraum verlegt, der ganz klein ist. Das Raumangebot ist durch die neue Verlegung der Klassen ansonsten etwas größer geworden, aber nicht ausreichend.

Kirschsblog: Ein Thema, das gerade diskutiert wird, ist das Schulschwänzen. Schulsenator Rabe hat härtere Maßnahmen gegen Schulschwänzer angekündigt, Bußgelder und auch Jugendarrest. Wie ist die Lage bei Ihnen und wie beurteilen sie das?

Karin Brose: Bei uns wird nach meiner Beobachtung nicht so viel geschwänzt, unsere Schulleitung verfolgt das sehr genau. Probleme gibt es beim Förderunterricht. Der wird nicht ernst genommen. Ich denke schon, dass man beim Thema Schulschwänzen am Ball bleiben muss, vielleicht nicht unbedingt mit Arrest. Wir müssten generell eine Bildungsnähe herstellen, das heißt die Motivation von Kindern und Familien stärken, so dass die Schüler etwas lernen wollen. Wir haben vermehrt den Eindruck, dass viele Schüler nicht wissen, warum sie in die Schule kommen. Wenn ich danach frage, wissen sie keine Antwort.

Kirschsblog: Wäre es nicht wichtig, mehr mit den Eltern zusammenzuarbeiten.

Karin Brose: Ja, man muss Eltern vom ersten Schuljahr an mehr in die Pflicht nehmen. 

Kirschsblog: Vor einem Jahr hatten wir von der erfolgreichen Mittelschule im „Bildungssiegerland“ Sachsen gesprochen, die als Vorbild für die Stadtteilschule galt. Unter dem Dach der Mittelschule laufen aber anders als in der Stadtteilschule zwei getrennte Züge, der Realschul- und Hauptzug. Sie haben damals auch für die Hamburger Stadtteilschule eine Außendifferenzierung empfohlen, was würde das konkret bedeuten?

Karin Brose: Das würde bedeuten, dass man spätestens ab Klasse neun, eigentlich ab Klasse, acht Englisch, Deutsch und Mathe in Kursen laufen lassen würde, so dass wir Unterricht für leistungsstärkere und für leistungsschwächere Schüler hätten. So würde man den Kindern gerechter werden. Bisher hatten ja in Sachsen die Förderschüler eigene Schulen, waren also nicht Teil der Mittelschulen, die  unseren Stadtteilschulen entsprechen. Außerdem durfte man dort nur mit 2,0 in das Gymnasium gehen, was bedeutet, dass noch ein gutes Potenzial in der Mittelschule verbleibt.

Kirschsblog: Sie hatten damals erklärt, die Binnendifferenzierung sei für einige Schüler durchaus geeignet, für andere weniger.

Karin Brose: Binnendifferenzierung klappt gut, wenn der Anteil begabter Schüler überwiegt. Ansonsten ist das ein Ideal, das bei uns hier so adhoc schwer anläuft und Hamburg ist nach meiner Information auch das einzige Bundesland, das das derartig übers Knie bricht. Wenn dieses System hochwächst, von der Grundschule an, wenn die Kinder nichts anderes gewohnt sind, wird das hoffentlich besser. In erster Linie muss man aber an die Elternhäuser ran und die Verantwortlichkeit der elterlichen Erziehung betonen und einfordern. Ich kann das Elternhaus in der Schule nicht ersetzen, ich kann nur kooperieren. 

Zum Beispiel erkläre ich meiner Elternschaft schriftlich, welche Aufgaben sie hat, dass viele Schüler noch nicht die Verantwortung für ihr Lernen zu Hause und ihr Verhalten in der Schule übernommen haben. Ich bitte die Eltern, ihrem Kind klarzumachen, dass es sich richtig benehmen muss, pünktlich zur Schule kommen, Hausaufgaben machen und Vokabeln lernen muss. Auch dass es ausreichend Schlaf und Bewegung hat. Und ich erkläre, was unsere Aufgabe als Lehrer ist, nämlich lehren, erklären, die Leistungen prüfen und Zeugnisse geben. Auch, dass wir die Eltern bei der Erziehung unterstützen, beraten und helfen. All dies mit dem gemeinsamen Ziel, das Kind zu einem guten Abschluss zu führen.

Das ist für bildungsnahe Eltern oft selbstverständlich, aber nicht für alle Eltern, leider.

Kirschsblog: Gibt es denn an den Schulen mittlerweile auch die Möglichkeit der Außendifferenzierung?

Karin Brose: Einige Schulen machen das, die machen projektorientierten Unterricht, die arbeiten mit Profilen. Dort gibt es auch Kurse.

Kirschsblog: Gibt es das auch an Ihrer Schule?

Karin Brose: Nein, wir machen das an unserer Schule nicht, wir arbeiten binnendifferenziert. Man kann das aber entscheiden. Die Schulbehörde lässt den Schulen die Möglichkeit, selbst zu bestimmen, in welcher Form sie die Kinder fördern.

Kirschsblog: Insgesamt entsteht nach diesem Gespräch der Eindruck, dass sich die Lage der Stadtteilschule auch jetzt, zwei Jahre nach ihrer Einführung noch nicht wesentlich verbessert hat.

Karin Brose: Wenn wir dieses Modell so weiter fahren – das wird man mir jetzt vielleicht ankreiden – aber schlecht finanziert und zu schnell, ohne die nötige Ruhe, sich zu entwickeln, dann wird das sehr lange dauern. Hinzu kommt, die Lehrkräfte haben zu wenig Möglichkeiten, ihre Erfahrung und ihr Know How einzubringen, das haben wir Lehrer jetzt moniert. Es wird einfach übers Knie gebrochen, was von oben kommt. Da wird sich etwas tun müssen. Lehrer müssen mit ins Boot geholt werden. Man muss mit ihren Erfahrungen arbeiten, damit dieses Modell erfolgreich wird. Und es wird trotzdem Jahre und Jahrzehnte dauern, wenn man diesen Kurs weiterverfolgt, den wir jetzt haben. Wenn man also nicht realistischer sieht, wie kann ich am besten und gezielt verschieden begabte Kinder betreuen und unterrichten.

 
 
Advertisements

Rudern im Schulausschuss – Fragestunde zu Ties Rabes Inklusionskonzept läßt zentrale Fragen offen!

11 Aug

Gibt es  in Zukunft noch sonderpädagogische  Gutachten? Gibt es Diagnosen oder Untersuchungen,  mit denen geklärt wird, ob bei Schülern sonderpädagogischer Förderbedarf in den Bereichen Lernen, Sprache und emotionale und soziale Entwicklung, LSE, vorliegt?  Wie soll künftig sonderpädagogischer Förderbedarf bei  Schülern festgestellt werden und wann sieht Schulsenator Ties Rabe dies nach seinem Inklusionskonzept vor –  zu Schulbeginn oder irgendwann später?

Fast zwei Stunden kreisten die Fragen der Abgeordneten im Schulausschuss am Donnerstag  abend um diese Fragen. Ties Rabes Antworten umkreisten das Thema auch. Er ruderte dabei aber immer wieder um die eigentlichen Kernfragen herum: Denn nach einer Presse-Erklärung der Schulbehörde vom 25. 7. werden die bisher üblichen “ sonderpädagogischen Gutachten für Schülerinnen und Schüler mit Schwerpunkt LSE vor der Einschulung künftig abgeschafft“., http://www.hamburg.de/pressearchiv-fhh/3520200/2012-07-25-bsb-sonderpaed-foerderung.html.  Dies betrifft mit fast 70 Prozent die größte Gruppe von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf.

Wenn die Gutachten abgeschafft sind, wie soll dann künftig der sonderpädagogische Förderbedarf der Schüler festgestellt werden? So die zentrale Frage im Schulausschuss, der sich bei diesem ersten Treffen nach den Ferien mit einer Bürgerschaftsanfrage und zwei Anträgen zum Inklusionskonzept des Schulsenators befasste, die GAL und CDU schon im letzten Jahr gestellt hatten.(Drs. 20/1716, Drs. 20/ 1945, Drs. 20/2246,  https://www.buergerschaft-hh.de/parldok/).

Hintergrund der Fragen ist die heftige Kritik von Betroffenen, Pädagogen und Gewerkschaften am Inklusionskonzept des Schulsenators und Proteste bei Demonstrationen und auch bei einer Anhörung im Schulausschuss in den letzten Monaten. Denn die Inklusion hat längst begonnen, Förderschulen nehmen vielfach keine Kinder mehr an, immer mehr Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf werden an Regelschulen angemeldet – doch dort herrscht große Verunsicherung. Denn viele Eltern und Lehrer wissen – wie auch Zuschriften an Kirschsblog zeigen – noch nicht, wie die Förderung der Kinder vor allem im Bereich LSE künftig eigentlich in den Regelschulen konkret umgesetzt werden soll.

Künftig werde es einen „persönlichen Förderplan“ für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf in den Bereichen LSE geben, so Schulsenator Rabe auf die Fragen der Ausschussmitglieder. „Dieser „Förderplan saugt das Gutachten auf“, erklärte er, denn der Förderplan werde auch einen diagnostischen Teil enthalten. Ob die Abschaffung der Gutachten nicht eine Gesetzesänderung erforderlich mache, da die Gutachten gesetzlich vorgeschrieben  seien, fragte der schulpolitische Sprecher der CDU Fraktion, Robert Heinemann. Er verstehe im Übrigen nicht, ergänzte er später, warum die Gutachten überhaupt abgeschafft würden und warum man nicht einfach häufiger begutachte, wenn die Gutachten bisher zu ungenau seien.

Eine sonderpädagogische Begutachtung im Rahmen des Förderplans werde dem Hamburgischen Schulgesetz gerecht, erklärte darauf die in der Schulbehörde für Inklusion zuständige Referatsleiterin Anke Pörksen. Der Förderplan werde den Eltern ausgehändigt, diese hätten ein Widerspruchsrecht, sowie einen Rechtsanspruch auf Förderung.

Diagnose und Förderpläne sollten „aus dem Unterricht erwachsen“, erläuterte dann Schulsenator Rabe. Die Schulen sollten mit den Kindern eine Zeitlang gearbeitet haben, „wir erwarten, dass die Schule die Kinder eine Weile betrachtet und ein Bild von ihnen bekommt. Längere Erfahrungszeiten „verbesserten die Gutachten“.

Allerdings ließ der Schulsenator dabei im Dunkeln, wann die Förderpläne aus dem Unterricht „erwachsen“ sollen und wer die Kinder „betrachten“ soll, da es an vielen Schulen keinen Sonderpädagogen gibt. Dies wurde trotz vieler Nachfragen der Abgeordneten auch nicht klarer. Sie könne das nicht verstehen, hakte Dora Hayenn von den Linken nach: Die Gutachten würden abgeschafft, aber die Lehrer wüssten nun nicht, wie die Förderressourcen verteilt würden. Sie werde „immer hellhörig, wenn sie „sytemische Ressoure höre, also die Zuteilung der Fördermittel nach einer festgelegten Pauschale, errechnet auf der Grundlage einer angenommenen Quote von durchschnittlich fünf Prozent Kindern eines Jahrgangs mit sonderpädagogischem Förderbedarf LSE und der sozialen Lage der Schule.  Im Moment würden die Lehrer in den Schulen allein gelassen, sie müßten die Situation in den Schulen allein bewältigen, da könne viel schief gehen.

Ties Rabe erwiderte, die von ihm vorgesehenen Mittel für die Förderung seien viel umfangreicher als von der Vorgängerregierung geplant. Durch die „systemische Ressource“ würden die Mittel auch „gerechter verteilt“ und die von ihm dafür vorgesehene pauschal festgelegt Förderquote von fünf Prozent sei höher als in anderen Bundesländern. Wenn sich jetzt  in einigen Stadtteilschulen mehr Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf meldeten, müsse man noch „nachsteuern“. Dafür würden jetzt 10 Stellen zurückgehalten, als eine „Feuerwehr, und ansonsten werde man zwischen den Schulen je nach Bedarf umverteilen.

Wann denn die Förderpläne gemacht würden, so hakte noch einmal der Ausschussvorsitzende Walter Scheuerl von der CDU Fraktion nach, Doch dies blieb für Abgeordnete und Zuhörer auch nach weiteren Erklärungen des Schulsenators unklar. “Wir brauchen eine Verordnung zur sonderpädagogischen Förderung“, erklärte Ties Rabe. Dabei gehe es ua. um die Fragen, “wie macht man einen Förderplan und was gehört dazu“. An der Verordnung  werde derzeit gearbeitet. Sie werde „in diesem Jahr in die Deputation“ gehen. Im Übrigen verwies, er wie schon bei früheren Anlässen, auf die Unsicherheit von Gutachten. Es gebe sehr unterschiedliche wissenschaftliche Standards. So gebe ZB. große Unterschiede bei der Zahl der gemeldeten  Kinder mit sprachlichen Behinderungen in Bremen, Berlin und Hamburg,.

Auch bei einer weiteren Frage blieben die Antworten des Schulsenators für Ausschussmitglieder und Zuhörer unklar: Mit heftiger Kritik hatte der Ausschussvorsitzende schon vor Schulbeginn auf eine Senatsantwort zu einer Bürgerschafts-Anfrage reagiert. Der Senatsantwort zufolge werden ab diesem Schuljahr die konkreten Anmeldezahlen von Schülern mit Behinderungen in den LSE Bereichen in den Schulen nicht mehr erhoben. Begründet wurde dies vom Senat mit der „der systemischen Zuweisung“, also der Zuteilung der Fördermittel an Schulen nach der vorgesehenen Quote von fünf Prozent Kindern eines Jahrgangs mit sonderpädagogischem Förderbedarf LSE. https://www.buergerschaft-hh.de/Parldok/Cache/4430132452054840BF0107A0.pdf

Den Wegfall der konkreten Anmeldezahlen hatte auch Sonderpädagogen heftig kritisiert. Durch diese Entscheidung würden die Kinder mit Behinderungen der Sprache, des Lernens oder der emotionalen und sozialen Entwicklung „quasi unsichtbar gemacht“, hatte die Vorsitzende für Sprachheilpädagogik e.V., Kristine Leites in einem KirschsblogsInterview erklärt. Um „die richtige Anzahl an Sonderpädagogen, und dann mit den passenden Fachrichtungen, bedarfsgerecht an die richtigen Schulen senden zu können, müsste die Behörde ja wissen, wie viele Schüler mit welchem sonderpädagogischem Förderbedarf sich an den einzelnen Inklusionsschulen befinden“.

Der Senator widersprach der Senatsantwort: Das „liest sich so, als ob die Schule nicht mehr erhebt“, erklärte er im Ausschuss. Dies sei aber anders. “Selbstverständlich erfassen wir auch den Förderbedarf, zählen das und das ist auch abrufbar.“ An anderer Stelle betonte der Senator dann aber wieder, die Schule müsse die Schüler erst einmal kennenlernen, erst dann würden die Förderpläne gemacht, die ja auch, wie er erklärte die Diagnosen über den Förderbedarf enthalten sollen. Wie sich der Wegfall der Gutachten, der unklare Zeitplan der Förderpläne, die Senatsantwort und der Widerpruch des Schulsentors miteinander vertragen, das löste im Ausschuss sichtlich Verwirrung aus.

Klar machte Ties Rabe dann, dass 19 Förderschulen, sechs Sprachheilschulen und 14 „Rebus“ Dienststellen („Regionale Beratungs- und Unterstützungsstellen“ für die Beratung bei Problemen an Schulen) zu 13 Bildungs- und Beratungszentren zusammengeschlossen werden sollen. Dort werde eine Beratung für sonderpädagogische Anfragen angeboten, dazu auch die bisherige Beratung von Rebus, ferner zeitlich befristete Beschulung, sowie dauerhafte Beschulung wie in den bisherigen Förderschulen, wenn diese von Eltern gewünscht würde. Die 39 Leitungskräfte würden weiterhin „angemessen beschäftigt“. Die Fragen der Partner, Standorte und Leitung „werden jetzt geklärt“, so der Senator zum zeitlichen Rahmen. Derzeit werde ferner diskutiert, ob und wie es auch in Schulen, speziell Ganztagsschulen, Therapeuten und therapeutische Stunden geben werde, wie schon in einzelnen Pilotschulen, erklärte dann Frau Pörksen. Dies müsse auch mit den Krankenkassen ausgehandelt werden.

Sie wünsche sich ein standardisiertes Verfahren für die Erstellung von Förderplänen, erklärte die Grünen (GAL) Abgeordnete Stephanie von Berg schließlich. Man werde Standards einführen, es werde zu diesem Zweck Musterbeispiele und Vordrucke geben, versprach der Schulsenator.

Eins ließ Ties Rabe aber trotz der vielen Nachfragen der Ausschussmitglieder bis zuletzt im Unklaren. Die Frage, wann der Förderplan und die darin vorgesehene Diagnose erstellt werden blieb offen. Kinder würden nicht allein gelassen, sondern von Anfang an von Sonderpädagogen gefördert, so der Senator. Die Viereinhalb Jährigen Untersuchung  würde überarbeitet, die regelhafte Einschätzung der Kitas würde miteinbezogen, so der Schulsenator.

„Wir überlegen, wann die Förderpläne fertig gestellt werden sollen“, so relativierte Ties Rabe das dann aber wieder. Auf jeden Fall, „nachdem die Kinder eine Weile in Beobachtung sind. Die Fragen werden bearbeitet, sind daher offen…“ Offen sei etwa noch, so ergänzte er „ob wir bis zur 2. Klasse“ oder in der dritten Klasse „Diagnosen machen“, das werde noch entschieden. Es gebe da eine ganz unterschiedliche Praxis in den Bundesländern. „Wir sind dabei, das zu durchleuchten“.

Verunglückter Start: Ties Rabes Inklusionskonzept löste zum Schuljahrsbeginn neue Kritik aus – Wie wird es jetzt umgesetzt? Ist die Kritik berechtigt? KIRSCHSBLOGS INTERVIEW

8 Aug

Das neue Schuljahr hatte noch nicht recht begonnen, da gab es heftige Kritik an ersten Folgen des Inklusionskonzeptes von Schulsenator Ties Rabe, mit dem er Paragraph 12 des Hamburgischen Schulgesetzes umsetzen will, wonach „Kinder und Jugendliche mit sonderpädagogischen Förderbedarf“ fortan das Recht haben, allgemeine Schulen zu besuchen.  Das Konzept  hatte schon vor den Ferien bei Eltern, Pädagogen, Gewerkschaften und Oppsosition monatelang für heftig Proteste gesorgt,  bevor es am 14.Juni mit den Stimmen der SPD in der Bürgerschaft angenommen wurde.  (Senatsdrucksache 20/3641). Heute, beim ersten Treffen des Schulausschusses der Bürgerschaft nach den Ferien, steht  Ties Rabes erneut im Mittelpunkt der Diskussion.  

Doch was bedeutet das Inklusionskonzept in der Praxis an den Schulen? Was ändert sich konkret, was bedeutet es für die Förderung von Kindern mit sonderpädagogischen Förderbedarf, ist die Kritik berechtigt?

Diese und weitere Fragen stellte Kirschsblog der Sonderpädagogin Kristine Leites, 1. Vorsitzende des Hamburger Landesverbandes der Deutschen Gesellschaft für Sprachheilpädagogik e. V (dgs). und Sonderpädagogin an einer inklusiven Grundschule in Hamburg.

Kirschsblog: Gleich zu Schuljahresbeginn gab es erste heftige Proteste, dass in diesem Schuljahr nicht mehr die konkreten Anmeldezahlen von Schülern mit Lernbehinderungen, Sprachbehinderungen und Behinderungen in der emotionalen und sozialen Entwicklung, kurz LSE, erfasst werden sollen. Was bedeutetet das, ist die Kritik berechtigt?

Kristine Leites: Leider ja, denn durch diese Entscheidung werden die Kinder mit Behinderungen der Sprache, des Lernens oder der emotionalen und sozialen Entwicklung quasi unsichtbar gemacht. Ihre fachspezifische Förderung wird damit noch mehr der Beliebigkeit ausgesetzt, als es zuvor schon durch die nur noch pauschale Zuweisung von Sonderpädagogen-Stunden geschehen ist. Wenn sich die Schulbehörde nicht einmal mehr einen groben Überblick über den Umfang und die Art dieser Förderbedarfe verschafft, dann kann sie ja auch die benötigten Sonderpädagogen gar nicht bereitstellen, schon gar nicht passgenau, wie es Senator Rabe immer wieder versprochen hat. Denn, um die richtige Anzahl an Sonderpädagogen, und dann mit den passenden Fachrichtungen, bedarfsgerecht an die richtigen Schulen senden zu können, müsste sie ja wissen, wie viele Schüler mit welchem sonderpädagogischem Förderbedarf sich an den einzelnen Inklusionsschulen befinden.

Kirschsblog: Wie wurde das denn bisher gehandhabt?

Kristine Leites: Bisher war das ein geregeltes Verfahren. Für jedes Kind mit vermutetem sonderpädagogischem Förderbedarf musste ein „sonderpädagogisches Feststellungsgutachten“ erstellt werden, durch qualifizierte Sonderpädagogen. Dieses Gutachten wurde zunächst von den Leitungen der Sonderschulen geprüft, dann wurde es bei der Behörde eingereicht, dort bewertet und positiv oder negativ beschieden.

Kirschsblog: Diese Gutachten sollen jetzt abgeschafft werden, Senator Rabe hat kritisiert, sie seien nicht zuverlässig, was man schon daran erkenne, dass sich die Zahl der begutachteten Kinder mit Förderbedarf zuletzt auf für ihn unerklärliche Weise erheblich erhöht habe. Wie sollen jetzt stattdessen die Behinderungen eigentlich festgestellt werden?

Kristine Leites: Das ist ein gute Frage. Die Gutachtenfür die Kinder mit Behinderungen im Lernen, der Sprache oder der sozialen und emotionalen Entwicklung sind bereits abgeschafft. Als Fachverband können wir diese Kritik überhaupt nicht nachvollziehen, denn diese Gutachten sind ja bisher ausschließlich von hochqualifizierten, erfahrenen Sonderpädagogen erstellt worden, die für die jeweilige Behinderung fachwissenschaftlich ausgebildet worden. Die gestiegene Anzahl der Meldungen in der Inklusion begründet sich nach unserer Auffassung ganz anders als durch unzuverlässige Gutachten. Auch früher schon sind sehr viel mehr Kinder als förderbedürftig betrachtet worden, jedoch häufig nicht gemeldet worden, weil die Hürden zu hoch waren, weil die Eltern es nicht wollten oder weil die Regelschule über keinen Sonderpödagogen verfügte, der eine äußerlich nicht sichtbare Behinderung, wie zB. eine Sprachbehinderung, erkennen konnte. Zudem war die Anzahl der Plätze in der Integration sehr begrenzt und an enge Aufnahmekriterien gebunden. Andere Gutachten sind von der Schulbehörde abgelehnt worden. Hinzu kommt, dass sich mit der Inklusion nun an viel mehr Regelschulen als früher auch Sonderpädagogen befinden. Diese können Behinderungen viel früher erkennen und versuchen natürlich, durch frühzeitige spezielle Förderung präventiv zu arbeiten, statt diese Kinder erst zu melden, wenn sie schon in den sprichwörtlichen „Brunnen gefallen“ sind. Die Eltern stimmen einer sonderpädagogischen Maßnahme viel eher zu, wenn sie an einer „normalen“ Schule stattfinden kann – auch, wenn die therapeutische Intensität dort geringer ist als für ihr Kind wünschenswert wäre. Auch dadurch ist die Anzahl der Begutachtungen gestiegen.

Kirschsblog: Wie soll denn nun künftig nach Wegfall der Einzelgutachten eine Behinderung bzw. sonderpädagogischer Förderbedarf festgestellt werden?

Kristine Leites: Das scheint nach dem bisherigen Stand dem Zufall überlassen, denn es gibt kein geregeltes Verfahren mehr für die Kinder mit L-, S- oder E-Behinderung. Sie waren mit knapp 70 Prozent die bislang größte Gruppe mit einem Rechtsanspruch auf qualifizierte sonderpädagogische Förderung. Dieser Anspruch ist ihnen durch Abschaffung der Gutachten und durch Herausnahme aus dem Behinderungsbegriff schon im letzten Schuljahr entzogen worden. Nun werden sie noch nicht einmal mehr statistisch erfasst, so dass sie als konkretes Einzelschicksal für die Schulbehörde künftig nicht mehr existieren. Das Erkennen dieser Kinder, ebenso wie deren Rehabilitation, wird damit dem Zufall der „systemischen Ressource“ überlassen: Das heißt, die Inklusionsschulen erhalten für L-, S- und E-Schüler nur noch eine pauschale Stundenzuweisung, unabhängig von der tatsächlichen Anzahl und Behinderungsart ihrer förderbedürftigen Schüler. Diese Ressource soll nur noch zu 40 % qualifizierte Sonderpädagogen enthalten, 60% sollen durch dafür nicht qualifiziertes anderes Personal abgedeckt werden. Unter diesen Bedingungen wird in vielen Fällen der sonderpädagogische Förderbedarf nicht mehr oder viel zu spät erkannt werden können. Dann besteht die Gefahr, dass diese Schüler weit hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben.

Kirschsblog: Es sollen künftig nach dem Inklusionskonzept bestimmte Schulen wegfallen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf auf allgemeine Schulen gehen. Welche Schulen betrifft das?

Kristine Leites: Das betrifft alle Schulen für Sprachbehinderte und Lernbehinderte, die in Hamburg Förderschulen heißen, alle integrativen Förderzentren sowie die regionalen Beratungs- und Unterstützungsstellen, REBUS. Die sollen kurz- bis mittelfristig als eigenständige Standorte abgeschafft und zu nur noch 13 regionalen Bildungs- und Beratungszentren zusammengefasst werden. Diese heißen dann ReBBZ. Die Aufgaben dieser regionalen Bildungs- und Beratungszentren sind noch gar nicht klar definiert, was auch vielfach kritisiert wird. Nach derzeitigem Informationsstand soll es so sein, dass die Schüler dort nur noch vorübergehend, also für einen gewissen Zeitraum, beschult werden können nund dann in der Regelschule gehen, also inklusiv.

Kirschsblog: Hat dieser Prozess denn schon begonnen, sind Schulen schon geschlossen und sind diese neuen Zentren schon geschaffen worden?

Kristine Leites: Das ist noch ein offener Prozess. Das sollte in diesem Schuljahr anlaufen, ist aber von der Behörde wohl organisatorisch noch nicht auf den Weg gebracht worden. Es soll im Laufe des Schuljahres weitergehen. Wie das für die einzelnen Standorte zeitlich aussieht, kann man noch nicht sagen. Fakt ist, dass an viele Standorte bestimmte Klassenstufen nicht mehr aufgenommen werden durften und dass damit der reguläre Schulbetrieb langsam ausläuft.

Kirschsblog: Nun tritt ja an die Stelle der Einzelgutachten nach dem Inklusionskonzept des Schulsenators bei Behinderungen in den Bereichen LSE die „systemische Förderung“ mit einer „Förderpauschale“ für jede Schule, errechnet auf der Grundlage einer angenommenen Quote von durchschnittlich fünf Prozent Kindern eines Jahrgangs mit sonderpädagogischem Förderbedarf LSE und der sozialen Lage der Schule, berechnet nach den sogenannten „Kessgebieten“. Ist das aus Ihrer Sicht ausreichend? Was müßte für eine bestmögliche Förderung der Schüler geschehen?.

Kristine Leites: Nein, – die systemische Ressource wird in vielen Fällen quantitativ und qualitativ nicht ausreichen. Sie ist ja eine Pauschale, die völlig unabhängig davon ist, wie die Realität an der einzelnen Schule aussieht. Und die hält sich eben nicht an irgendwelche Statistiken und Kessgebiete, sondern kann unterschiedlich aussehen. Es müßte also möglich sein, zusätzlich zu der systemischen Pauschale den benötigten und fachlich passenden realen Bedarf an Sonderpädagogen nachzubeantragen und zwar kurzfristig. Denn wenn das dann ein halbes Jahr dauert, ist für die entsprechenden Schüler wieder sehr viel wertvolle Förderzeit vergangen.

Kirschsblog: Gibt es denn dafür irgendwelche Zusagen von Senator oder Behörde?

Kristine Leites: Senator Rabe hat zwar vor den Sommerferien in Aussicht gestellt, dass „nachgesteuert“ werden soll. Doch bisher ist den Schulen nicht bekannt, wie. Seitens der Behörde wurde weder ein Verfahren noch eine Ressource dafür benannt. Wir hoffen, dass das noch kommt. Darüber hinaus benötigen die Inklusionsschulen dringend ein Sachmittelbudget, um die nötige sonderpädagogische Ausstattung zu gewährleisten.

Außerdem wäre es sinnvoll, wenn an jeder Inklusionsschule ein Sonderpädagoge in leitender Funktion als Förderkoordinator eingesetzt würde, der auch mit entsprechenden Ressourcen ausgestattet wäre, um z. B. bei den Viereinhalb – Jährigen- und den Einschulungsuntersuchungen Reihen- und Einzeldiagnosen vornehmen zu können, das heißt alle Kinder einmal kurz durchzuchecken, ob denn hier ein Verdacht auf sonderpädagogischen Förderbedarf vorliegt. So könnte ein Großteil der sonderpädagogischen Förderbedarfe frühzeitig erkannt, Schulleitung, Kollegen und Eltern sinnvoll beraten und die notwendigen Maßnahmen qualifiziert eingeleitet und begleitet werden. Dieser sonderpädagogische Koordinator stünde dann auch für Fälle, die erst später zutage treten, zur Verfügung und könnte fachkundig die richtige Hilfe in die Wege leiten.

Kirschsblog: Das findet also derzeit nicht statt?

Kristine Leites: Nein, das ist noch nicht geregelt. Es sollen Förderkoordinatoren eingesetzt werden, allerdings war bisher immer im Gespräch, dass das Regelpädagogen sind. Diese besitzen nicht aber nicht die fachliche Expertise. Vor jeglicher Förderplanung müsste ja zunächst einmal getrennt werden zwischen sonderpädagogischen Förderbedarf und anderem Förderbedarf, der durch Regelpädagogen und anderes Personal abgedeckt werden kann. Eine solche Diagnostik können nur sonderpädagogische Experten leisten. Dazu müssten sie natürlich mit entsprechenden Zeitressourcen für Diagnostik und Beratung ausgestattert werden.

Noch ein Satz dazu:

Die eigentlichen Ziele der Sonderpädagogik sind Prävention, also die Verhütung von behinderungsbedingten Nachteilen, und Rehabilitation: Das bedeutet, dem jeweiligen Schüler zu so viel Normalitaet wie möglich zu verhelfen, also behinderungsbedingte Einschränkungen zu kompensieren oder zu überwinden, um den Kindern langfristig die größtmögliche Teilhabe zu ermöglichen. Bei Sprachbehinderungen ist oft sogar eine Heilung möglich. Das aber erfordert, wie in jeder Reha-Klinik selbstverständlich, fachliche Expertise, spezielle Techniken, Methoden und Ausstattung, Zeitaufwand und Kontinuität der Förderung. Bisher hat das der sog. Therapeutische Unterricht an Sonderschulen, auch an Integrationsschulen, erfolgreich geleistet. Aus unserer Sicht ist Inklusion das Ziel und Rehabilitation der Weg dorthin. Mit der systemischen Pauschale wird eine solche Förderung i. d. R. nicht mehr organisierbar sein – mit dramatischen Folgen für das Schicksal der betroffenen Schüler.