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Hamburger ZEITgeist: Anti-Bildungsbürger- und Anti-G9-Dossier einer Bildungsbürger Zeitung

10 Feb

Kommentar

Wer sich noch wundert, dass die CDU in Hamburg ihre Wähler verliert, der sollte in der jetzigen Ausgabe der ZEIT lesen, wie ausgerechnet der ehemalige schulpolitische Sprecher der Hamburger CDU Fraktion, Robert Heinemann, ZEIT „Chefreporter“ Stefan Willeke als Kronzeuge beim Bildungsbürger-Bashing unterstützt: „Die Kassierer“ heißt das Dossier, in dem Chefreporter Willeke seine These über die angebliche „Lüge von der armen Mittelschicht“ vorstellt, die seiner Meinung nach in Wirklichkeit von ihren eigenen massiven Abgaben profitiere.

Kronzeuge Robert Heinemann schimpft in dem Dossier über die „Unehrlichkeit in Teilen des Bürgertums“ und macht deutlich, dass er für den Wunsch von bürgerlichen Eltern nach einem Gleichgewicht zwischen guter Bildung in der Schule und Freiräumen für außerschulische selbstbestimmte Zeit, für Kindheit, Jugend oder Familie kein Verständnis hat. Es spricht von einer „Gesellschaftsschicht“, die „einerseits ihren Kindern einen gradlinigen Lebensplan bis zur Berufskarriere“ zimmere und andererseits „unverstellte Kindheit.. frei vom Effizienzdenken der Ökonomie“ wünsche. Robert Heinemann, der über ein Jahrzehnt die Schulpolitik der CDU Hamburg mitprägte, spottet damit über Mittelschicht-Eltern, die sich humanistische Bildung für ihre Kinder wünschen, die dem Menschen und nicht dem ökonomistischen Zweck dient, die ausreichendes Grundlagenwissen für Studium oder Beruf vermittelt und findet ihren Wunsch nach Ausgewogenheit zwischen Schule und Freiheit, Kindheit, Jugend, Familie „seltsam“: Zitat ZEIT: „Heinemann nennt es einen „seltsamen Mix aus Harvard und Bullerbü“.

Interessant auch, selbst erleben zu können, wie ZEIT-Reporter Willeke über Bildungsbürger urteilt. Da wird schlicht und streng zwischen Guten und Nicht-Guten sortiert: Robert Heinemann ist eher gut, denn er ist für G8. Wer für die Verlängerung der Schulzeit an Gymnasien ist, ist für Willeke nicht gut: Das wird schon in unserem Interview klar:

G9-Anhängern gehe es gar nicht um Kinder, Kindeswohl und mehr Zeit zum gründlichen Lernen: Dossier Autor Willeke urteilt da ganz klar: „Vordergründig geht es um Fragen des Gymnasiums, in Wahrheit geht es darum, den Nachwuchs der gebildeten Mittelschicht in einem homogenen Umfeld einzuzäumen und gegen die gefährlichen Einflüsse unangepasster Migranten und anderer Störenfriede abzuschotten“. Protestierende Eltern sind, auch da steht sein Urteil fest, immer „Anwälte, Redakteure oder Architekten…Putzfrauen oder Hilfsarbeiter spielen in diesen Konflikten keine Rolle“, urteilt Willeke, selber durch und durch Bildungsbürger.

Gar nicht gerne läßt er sich daran erinnern, dass einer seiner Kollegen aus der zutiefst bildungsbürgerlichen ZEIT Redaktion einen der schönsten Artikel über die Schrecken des Turbo G8 geschrieben hat: http://www.zeit.de/2011/22/DOS-G8<

Die ZEIT: 5. Januar 2015, Dossier: Die Mitteschicht Lüge- Die Kassierer. S.13 bis 15,
ua. mit Robert Heinemann und Mareile Kirsch

Dazu der erwähnte Artikel über die Schrecken des Turbo G8 von Henning Sußebach

Warum müssen Fünftklässler sonntags büffeln statt Freunde zu treffen? Weshalb dieser Unsinn? Henning Sußebach versucht, es seiner Tochter in einem Brief zu erklären. zeit.de|Von ZEIT ONLINE GmbH, Hamburg, Germany
 
 
Sußebach hat zum Artikel auch ein Buch geschrieben:

Sußebach, Henning,

„Liebe Sophie!

Brief an meine Tochter“

Verlag Herder
Aufl./Jahr: 1. Aufl. 2013

im Begleittext des Herder Verlages heißt es dazu:„Henning Sußebach erzählt von der zunehmenden Unterwerfung der Kindheit – auch der seiner Tochter – unter Leistungsdenken, Zeitknappheit und Konkurrenzdruck, und versucht Sophie zu erklären, warum das so ist. Vor allem aber ermutigt er sie (und mit ihr alle Kinder und Eltern!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!), die äußerlichen Erwartungen und Zumutungen nicht fraglos zu erfüllen und ihren eigenen Weg zu gehen.
Henning Sußebach bringt das Lebensgefühl der heutigen Kinder und Eltern auf den Punkt. Sein dem Buch zugrunde liegender Artikel ist auf ZEIT Online einer der meistgelesenen und am häufigsten kommentierten. Ein kluges und bewegendes Plädoyer, die Kindheit, überhaupt das Leben, nicht mit Ängstlichkeit, Vor-Sorge und Eile, sondern mit Zuversicht, Neugier und Gelassenheit zu gestalten.“

Ähnlich äußern sich viele Eltern, Lehrer und Großeltern, die G9-Petitionen und G9-Volksbegehren unterzeichnet haben und in überwältigender Mehrheit in repräsentativen Umfragen in allen westlichen Bundesländern die Wiedereinführung des G9 an Gymnasien fordern. Einige Hamburger Eltern – darunter die Autorin dieses Blogs – haben deshalb in Hamburg die Hamburger Bürger-Liste gegründet. Sie setzt sich für bessere Schulpolitik für Hamburgs Kinder und die Wiedereinführung des G9 mit Wahlfreiheit zwischen G8und G9 ein und kandidiert für die Bürgerschaftswahl am 15. 2.2015: Ihr Ziel:

Mehr Zeit zum gründlichen Lernen, für Wissen und für Kindheit, Jugend und Persönlichkeitsentwicklung!

Weitere Informationen zu den Zielen der Hamburger Bürger-Liste und zu aktuellen schulpolitischen Entwicklungen siehe:

http://mareilekirsch.de/

Hamburger Bürger-Liste, HHBL

 

Petition für G9 und gegen Turbo G8 an Hamburgs Gymnasien erfolgreich gestartet

14 Jan

Seit dem Wochenende ist sie gestartet und stündlich werden es mehr Unterschriften: Immer mehr Hamburger unterstützen die Petition für eine „Wiedereinführung des G9 in Hamburg, mit Wahlfreiheit zwischen G8 und G9“ mit ihrer Unterschrift. Gestartet wurde diese Petition von der Autorin dieses Blogs gemeinsam mit vier weiteren Unterschreibern des Petitionstextes, Eltern von ein bis fünf Kindern aus ganz Hamburg. Schon am Sonntagabend hatten 382 Befürworter des G9 an Hamburgs Gymnasien die Petition unterschrieben.

Hier der Link zur Petition: http://www.change.org/de/Petitionen/wiedereinf%C3%BChrung-des-g9-an-hamburger-gymnasien-mit-wahlfreiheit-zwischen-g8-und-g9

Das Thema beherrscht in diesen Wochen die Schlagzeilen: „Mehrheit der Eltern gegen Turbo G8 und für G9, Turbo-Abi überzeugt Eltern nicht“, „Philologenverband fordert mehr G9-Versuchsschulen“: ARD, NTV, Spiegel, Stern, Frankfurter Rundschau – überall gibt in diesen Tagen Berichte über den Aufstand von Eltern gegen das Turbo G8 an den Gymnasien, das in Hamburg vor 10 Jahren eingeführt wurde. Nun hat eine neue Hamburger Elterninitiative,  „G9-Jetzt-HH“ , eine Petition für die Rückkehr zum G9 gestartet, und zwar in Form einer Wahlfreiheit zwischen dem G8 und dem G9 an den Schulen. Auf der Homepage der Elterninitiative  heißt es zur Begründung:

„Mit dieser Petition wollen wir Eltern und Befürwortern des G9 Mut machen, aktiv zu werden, wollen uns miteinander vernetzen und so den Druck auf den Schulsenator erhöhen, der Forderung von Schülern, Eltern, Großeltern, Lehrern, Wissenschaftlern, Kinderärzten und anderen nach einer Rückkehr zum G9 zu entsprechen. Am besten als Wahlfreiheit zwischen G8 und G9.“

Die Elterninitiative  droht,  eine Volksinitiative zu starten, wenn ihre Forderungen nach dem G9 nicht umgesetzt werden.

80 Prozent der Eltern wollten nach einer Emnid Umfrage zum G9 zurückkehren, heißt es in der Begründung der Elterninitiative weiter. „Auch Hamburger Eltern wehren sich gegen die Überforderungen der Schüler durch pädagogisch unsinnig lange Unterrichtstage des Turbo G8, die selbst in Ganztagsschulen in anderen europäischen Ländern nicht üblich sind, und gegen die Belastung von Kindern ab 10/11 Jahren durch bis zu 50 Arbeitsstunden pro Woche“. Die Eltern kritisieren auch das „Chaos von langen und kurzen Schultagen, täglich wechselnde Zeiten für Hausaufgaben, Mittagessen, Lernen, Gruppenarbeiten, usw., die keine klare Struktur ermöglichen, erschwert durch unzureichende Rahmenbedingungen an den Schulen.“

Das G8 sei ferner ein „Eingriff in die selbstbestimmte Zeit der Kinder und Jugendlichen“, der die „Teilhabe am sozialen, kulturellen, sportlichen Leben außerhalb der Schule einschränke“ , ebenso wie die „freiwillige Teilnahme an Angeboten innerhalb der Schule“. Es fehle im G8 die „Zeit für außerschulische Förderung besonderer Fähigkeiten und Neigungen, Eigeninitiative und selbstgewählte Aktivitäten“. Sport in Vereinen, Musikschule, Pfadfinder, Konfirmandenunterricht fänden nur noch „unter erheblichem Zeitdruck statt oder müssen ganz aufgegeben werden. Freiheit und Kindheit werden beeinträchtigt.“

Auch die schulischen Leistungen würden durch das G8 beeinträchtigt: „Aufgrund des verdichteten Lehrstoffes“ fehle es im Unterricht an Zeit für Vertiefung und Wiederholung. Nach einer wissenschaftlichen Untersuchung des Turbo G8 in Sachsen Anhalt zeigten sich „negative Effekte der Schulzeitverkürzung auf die Mathematikleistungen im Abitur sowie auf die Aufnahme eines Studiums“. http://www.niw.de/index.php/presse-detail/items/turbo-abitur-leistungen-in-mathematik-schlechter-geringere-einschreibungsquote-von-frauen-keine-unterschiede-in-der-persoenlichk.html

Im Gegensatz zu den Erklärungen des Schulsenators werde die Verschlechterung der Schulleistungen auch durch die Ende 2012 vorgestellte Hamburger Vergleichsstudie Kess 12 zwischen den Leistungen der G9 Abiturienten und denen der G8 Abiturienten belegt. Das G8 belaste außerdem das Familienleben durch die langen Schultage und die vielen Wochenstunden, begründen die Eltern ihre Petition.

Sie bitten  Eltern, Lehrer, Großeltern und alle Interessierte, ihre Forderung nach einer Wiedereinführung des G9 mit einer Unterschrift unter die Petition zu unterstützen. http://g9-jetzt-hh.de/unserziel/174-warum-g9-an-hamburger-gymnasien

Über die Elterninitiative berichtet am Wochenende auch die Presse: “ Diese Mutter will das Turbo-Abi stoppen“, so titelte am Sonnabend die Hamburger Morgenpost, und brachte damit auf den Punkt, was die Eltern und Kritiker des Turbo G8 fordern: Ein Ende des G8 an den Gymnasien und die Rückkehr zum G9.

http://www.mopo.de/nachrichten/stoppt-diese-mutter-das-turbo-abi–hamburg-droht-ein-neuer-volksentscheid,5067140,21443364.html

Sind G8 Abiturienten besser als G9 Abiturienten oder schlechter? Und warum wurde erstmals auf die Frage verzichtet, wie es den Abiturienten geht? Die Ergebnisse der Kess 12 Studie

28 Nov

Wer hat Recht? Die Ergebnisse der gestern vorgestellten Kess 12 Studie,  in der die Leistungen der Abiturienten des G8 Abi-Jahrgangs von 2011 geprüft wurden, haben erstaunlich Unterschiede und unerwartete Allianzen in der Bewertung  ausgelöst.

Die Leistungen in Englisch seien in der „Gesamtbreite aller Lerngruppen“ bei den  G8 Abiturienten „höher“ als die der G9 Abiturienten in der vorherigen Lau-Studie vor sechs Jahren, erläuterte Studienleiter Ulrich Vieluf. Auch im Bereich der „voruniversitären Mathematik“ habe der G8 Jahrgang besser abgeschnitten.  „Deutlich bessere Leistungen“ als die G9 Abiturienten hätten  in beiden Bereichen vor allem die 500 leistungsstärksten der knapp 4000 getesteten Abiturienten des G8 erreicht, erklärte er. Leichte Verbesserungen  gebe es bei den leistungsstärkeren G8 Abiturienten auch in den Naturwissenschaften. Schulsenator Ties Rabe kommentierte hocherfreut: „In allen Tabellen zeigt sich, dass die Schülerinnen und Schüler unter verschärften Bedingungen zu besseren Leistungen kommen. Das „überraschende Ergebnis „ von Schulzeitverkürzung und Profiloberstufe, so der Senator in seiner Pressemitteilung: „Bessere Leistung im Abitur“. http://www.hamburg.de/pressearchiv-fhh/3702064/2012-11-27-bsb-kess-12.html

„G8 scheitert in Hamburg: aktuelle Längsschnittstudie KESS 12 belegt Misserfolg trotz Profiloberstufe“, urteilte dagegen der Bürgerschaftsabgeordnete in der CDU Fraktion, Walter Scheuerl. Die G8-Schülerinnen und Schüler im Abiturjahr 2011 hätten „schlechtere Leistungen erzielt als ihre Vorgänger im Vergleichsabiturjahr 2005 im G9“. Und das, obwohl sie sich bei der Kurswahl in der Profiloberstufe im Vergleich zum G9 Jahrgang viel stärker auf  Kernfächer wie Mathematik und Englisch konzentriert hätten. Der Vorsitzende des Schulausschusses der Bürgerschaft belegte seine Kritik mit Zitaten aus allen drei Bereichen Englisch, Mathematik und Naturwissenschaft der Kess Studie: So verwies er u.a. auf die besseren Ergebnisse der G9 Abiturienten in dem „unbestechlichen internationalen TOEFL-Test („Test of English as a Foreign Language)“ Auf Seite 5 der Studie heißt es: „„die Abiturientinnen und Abiturienten des KESS-Jahrgangs schneiden auf beiden Kursniveaus über das gesamte Leistungsspektrum schwächer ab als der LAU-Jahrgang“. Walter Scheuerls Fazit: „Schulsenator Rabe verhöhnt mit seiner heutigen Pressemeldung die Schülerinnen und Schüler im G8-System, wenn er …behauptet, das G8 hätte in Hamburg in Verbindung mit der Profiloberstufe zu angeblich besseren Leistungen im Abitur geführt. Das Gegenteil ist der Fall!“

Ganz ähnlich auch die Kritik der GEW: „Die Jubelmeldungen des Bildungssenators und KMK-Präsidenten Ties Rabe zur Vorstellung der Ergebnisse der KESS 12 Studie sind voreilig und ungerechtfertigt“. Es entspreche „nicht der Wahrheit“, dass die „Schulzeitverkürzung zum Abitur (G8) zu besseren Schulleistungen geführt“ habe. In der Studie selbst werde  „viel bescheidener“ erklärt, das G8 habe „nicht zu einem Leistungseinbruch geführt“.   Das sei aber, so auch die GEW, ein Ergebnis der Profiloberstufe und der „stärkeren Anwahl von Kursen mit erhöhten Anforderungen in Englisch und Mathematik“. Mit der Schulzeitverkürzung habe das „ nichts zu tun“.

Kess 12 sei eine reine Leistungsstudie, kritisiert die GEW weiter. Die Bedingungen, unter denen diese erzielt worden seien, seien gar nicht untersucht worden. „Zunehmender Zeitdruck beim Lernen und verdichtete Unterrichtstage und –wochen“ führten zu „massivem Stress bei den SchülerInnen und ihren Familien“ Es fehle an Freizeit und außerschulischen Aktivitäten,  Gymnasiasten hätten „Arbeitswochen, die weit über die Regelarbeitszeiten von ArbeitnehmerInnen hinaus“ gingen, erklärte der GEW Vorstzende Klaus Bullan auch in einen Interview in der Tagesschau. Doch seine Empfehlung,  lieber das G9 an der Stadtteilschule zu wählen, ist für viele Eltern, die sich bewußt für das Gymnasium entschieden haben, wohl keine Lösung.  http://www.gew-hamburg.de/themen/bildungspolitik/schulzeitverkuerzung-ist-und-bleibt-falsch

Eine erstaunliche Allianz mit dem SPD Schulsenator bildete dagegen der schulpolitische Sprecher der CDU Fraktion, Robert Heinemann. Er war einer der maßgeblichen Schulpolitiker seiner Partei, als vor 10 Jahren unter CDU und FDP Regierung in Hamburg die Schulzeit an den Gymnasien von neun auf acht Jahre reduziert und das G8 damit eingeführt wurde. Sein erfreuter Kommentar zur Kess 12 Studie. „Die Ergebnisse zeigen, dass sowohl die Einführung des G8 als auch die stärkere Leistungsorientierung der Gymnasien – etwa durch die zentralen Prüfungen – unter den CDU-Senaten richtig war. Besonders beeindruckend ist, dass sich die Leistungen trotz der deutlichen Erhöhung der Abiturientenquote verbessert haben“.  Anders als die GEW, sieht Robert Heinemann lediglich gewisse Probleme bei der Umsetzung des G8, die noch nicht „optimal“ erfolgt sei. Dadurch komme es „teilweise zu unnötigen Belastungen der Schülerinnen und Schüler“. Robert Heinemanns Verbesserungsvorschlag:  „Schulinspektion und Schulaufsicht“ müssten da noch genauer hinsehen.

Die Zitate und die sehr unterschiedlichen Bewertungen machen insgesamt eins deutlich: Einen eindeutigen Leistungsvorsprung der G8 Abiturienten vor den Abiturienten des G9, wie es Ties Rabe in seiner Pressemitteilung behauptet, läßt sich mit den Ergebnissen der Kess 12 Studie keineswegs belegen.  

Es gibt allerdings ein klares Ergebnis: Die Zahl der Abiturienten hat sich insgesamt erheblich erhöht. Sie stieg um 33 Prozent, von 3517 Abiturienten im Jahr 2005 auf 4675 im Jahr 2011. Die Schülerschaft hat sich dabei verändert, es gibt jetzt mehr Abiturienten aus bildungsfernen Elternhäusern.

Am Ende der Leistungsbilanz fragte eine Journalistin gestern, ob man denn bei der Kess 12 Studie auch Wohlbefinden oder Gesundheit der Abiturienten des G8 Jahrgangs geprüft habe. Die Antwort von Studienleiter Ulrich Vieluf: Bei Lau und früheren Untersuchungen habe man die Abiturienten „noch gefragt“: „Wie geht es Dir?“. Diese Frage, so Vieluf, sei aber von den Abiturienten „nicht goutiert“ worden. Deshalb habe man bei KESS erst garnicht danach gefragt.

Schulsenator Rabe zeigte sich von dieser Frage unberührt. In Hamburg gebe es zwei  Möglichkeiten, das Abitur zu machen, das G8 am Gymnasium und das G9 an der Stadtteilschule. Diese Kombination sei „geradezu ideal“, man habe beide Wege eröffnet, der G8 Jahrgang sei erfolgreich, so „dass wir das so lassen“.

 Die Frage eines anderen Journalisten, ob sich der ganze Stress denn lohne, beantwortete er nicht.

Ein sprachloser Ties Rabe – ARD Bericht zieht „verheerende Bilanz des Turbo G8“

5 Nov

Vielen Eltern in Hamburg, die sich seit Einführung des Turbo G8 vor 10 Jahren gegen Druck, Überforderung und lange Schultage des G8 wehren, bescherte die Sendung „Titel, Thesen, Temperamente“ des ersten Programms der ARD am Sonntag abend ein dreifach beglückendes Erlebnis!!!

Warum dreifach beglückend?

1. Zum ersten Mal erlebten sie einen Schulsenator, der sich auf eine Frage eines Journalisten nicht wie gewohnt mit vielen schmückenden Worten glatt aus kritischen Fragen herauswand: Ties Rabe war schlicht sprachlos! 2. Der Bericht mit der „verheerenden Bilanz des Turbo G8“ kam aus HH, eine Ausrede wie „Bayern ist viel schwerer“ war also nicht möglich. 3. der Beitrag lief in der ARD und brachte auf den Punkt, wogegen Eltern seit 10 Jahren in HH kämpfen und wofür sie sich einsetzten: Für eine Wiedereinführung des G9 an Gymnasien –  am besten umgesetzt in einer Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 an den Gymnasien!!!

Seit 10 Jahre, seit Einführung des Turbo G8 an Hamburgs Gymnasien, engagieren sich Eltern in Hamburg gegen die Verkürzung der Schulzeit an Gymnasien von 9 auf 8 Jahre. Die Eltern protestieren gegen eine gesundheitliche Überforderung ihrer Kinder durch pädagogisch unsinnig lange Unterrichtstage von 8 bis 11 Pflichtstunden am Tag, und gegen eine 50 Stundenwoche für Schüler ab 1o, 11 Jahren, rechnet man Hausaufgaben etc. dazu. Eltern kritisieren das Chaos der täglich wechselnden langen und kurzen Tage in der Schule, der fehlenden klaren Zeitstrukturen bei Mittagessen, Hausaufgaben, Üben, Referaten, den Mangel an Freizeit und Erholung. Sie protestieren gegen das Zusammenpressen des Stoffs von insgesamt 13 in 12 Schuljahre, die fehlende Ausstattung der Schulen mit Räumen, Kantinen und Personal und gegen den Eingriff in die selbstbestimmte Zeit für außerschulische Aktivitäten der Kinder, für Familienleben und elterliches Erziehungsrecht.

Die Eltern-Proteste gegen das G8 prallten jedoch gegen eine Mauer der Abwehr bei allen verantwortlichen Schulpolitikern – sowohl bei CDU und FDP, unter deren Regierung das G8 eingeführt worden war, als auch beim derzeitigen Schulsenator Ties Rabe von der SPD, der erst vor wenigen Wochen auf die Frage von Eltern audrücklich erklärte, dass er für Kinder und Jugendliche am Gymnasien kein G9 zulassen werde, weil es ja das G9 ja schon an den Hamburger Stadtteilschulen gebe.

Umso erstaunlicher für die kritischen Eltern die Reaktion des Schulsenators in dem Bericht der ARD am Sonntag. Von den Reportern gefragt, was denn das Gute am G8 sei, rang Ties Rabe um Worte – und fand keine. Die Sprachlosigkeit des Schulsenators wirkte wie ein ungewolltes Zugeständnis an die kritischen Eltern.

„Die Bilanz nach zehn Jahren Turbo-Abi ist verheerend.“ so überhaupt das Resumee in dem TTT Bericht, der damit die jahrelange Kritik und Proteste der Eltern am G8 bestätigte. Nach einer aktuellen Emnid-Umfrage wollten knapp „80 Prozent der Eltern das alte Gymnasium zurück“, so es hieß es in dem Bericht, in dem dann auch die Gründe für diese verheerende Bilanz aufgezählt wurden:

„Da wächst eine Generation ohne Zeit auf. Ohne Zeit für das, was Spaß macht. Ohne Zeit für Musikinstrumente und Sport.“so der ARD Bericht, in dem Schüler, Lehrer und Schulleiter aus Hamburg zu Worte kamen. Die verkürzte Schulzeit stresse auch Lehrer, denn sie hätten „täglich mit kaputten und überforderten Schülern zu kämpfen“. Der Schulleiter des Emilie Wüstenfeld Gymansiums in Hamburg, Winfried Rangnick, kritisiert in dem Bericht: „Das eine ist tatsächlich der Wechsel von G9 auf G8, eine größere Anzahl an Stunden, längere Schultage, gerade auch für Schüler im Alter von 13 bis 16, in der Pubertät oft schwierig, wo sie mehr Zeit für sich bräuchten. Der andere Teil, den wir wahrnehmen, ist, dass sich gesellschaftlich etwas verändert hat. Der Druck der Gesellschaft, der sich den Schülern auf welche Weise auch immer mitteilt, ohne dass Eltern gezielt darüber sprechen, glaube ich, lautet: Streck dich nach der Decke, es kann schwierig werden, es gibt eine hohe Konkurrenz.“

Vielleicht ist sei das G8 „einfach kein gutes Modell“, so die ARD Reporter. Manche Bundesländer planten schon eine „Rolle rückwärts… denn auf der Strecke bleibt: die Kindheit, die Jugend. Die Schüler sind früher fertig – in jeder Hinsicht. „Es ist ein hoher Preis, den die Schüler und Lehrer an den Gymnasien zahlen für, ich will mal sagen, eine Laune der Wirtschaft, die irgendwann mal alle Kultusminister überzeugt hat“, so denn auch die Kritik eines Lehrer.

„Reife kann man nicht beschleunigen“, so bringt der Bericht die Sorgen, Proteste und Kritik von Eltern, Schülern, Lehrern und Schulleitern auf den Punkt: “ Für viele Schüler, Eltern und Lehrer ist das Turbo-Abi durchgefallen. „

http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/sendung/ndr/2012/turboabitur-100.html

Wird das Zentralabi ab 2017 ein „Abi Light?“ Zum Hamburger KMK Beschluss über einheitliche Bildungsstandards für das Zentralabitur

21 Okt

Fast wirkte der Hamburger Schulsenator und Präsident der deutschen Kultusministerkonferenz Ties Rabe bei der Pressekonferenz der KMK am Freitag enttäuscht, weil noch keiner der vielen Journalisten nach einem zentralen Stichwort gefragt hatte: So nannte er es selbst:  Wissen!  Kritiker, so Ties Rabe, würden immer wieder vor einem Verlust an „Wissen“ durch die Einführung  von „Kompetenzen“ warnen,  die nun nach Beschluss der Kultusministerkonferenz die Grundlage bundesweit einheitlicher Bildungsstandards für ein Zentralabitur in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch bzw. Französisch bilden sollen. Die Bildungssstandards  wurden vom Berliner Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) und Fachleuten der Länder entwickelt und sollen mit Beginn der 11. Klassen ab 2014 zu einem bundesweiten Zentralabi in diesen Fächern im Jahr 2017 führen. Bis 2017 soll außerdem ein gemeinsamer Aufgabenpool für  bundesweit einheitliche Abiprüfungen entwickelt werden, aus dem die Länder dann Aufgaben entnehmen können. Allerdings finden die Abiturprüfungen der Länder weiter wie bisher an unterschiedlichen Terminen statt.

Worauf Ties Rabe mit dem Stichwort Wissen abzielte: Immer mehr Bildungsforscher kritisieren, dass mit der Umstellung auf Kompetenzen und Kompetenzorientierung ein Verlust an Wissen und Bildung in Unterricht und Abitur droht.

Hintergrund: Was sind Bildungsstandards? Was sind Kompetenzen?

Die seit 2003 schrittweise eingeführten „Bildungsstandards“ lösen die zuvor geltenden Lehrpläne ab. Während Lehrpläne festlegten, welche Inhalte Schüler wie lernen sollen, geht es in den Bildungsstandards um Kompetenzen, die Schüler am Ende der Schulzeit beim jeweiligen Schulabschluss, in diesem Fall also dem Abitur, entwickelt haben sollen. Kompetenz wird hier allerdings, anders als im Alltag,  als ein schwer greifbarer Fachbegriff mit vielerlei Definitionen verwandt.  Neben den fachlichen gibt es dabei auch sogenannte „überfachliche Kompetenzen“, wie  z.B. Sozialkompetenz oder emotionale Kompetenz. „Der Begriff „Kompetenz hat etwas Respekteinflößendes“, schreibt Helmut Meißner, Studiendirektor und ehemaliger Fachleiter am Studienseminar Karlsruhe im Juli in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. „Aus Sorge, sich zu blamieren“, wage kaum einer zu fragen, „was es mit den Kompetenzen auf sich habe, die den Schüler beigebracht werden sollen“. Ein Austausch an Argumenten werde so erschwert . http://www.seiten.faz-archiv.de/faz/20120705/fd1201207053366317.html

Was man im Fall der jetzt vereinbarten gemeinsamen Bildungsstandards unter Kompetenzen versteht, erklärte Professor Petra Stanat, Direktoren des IQB am Freitag so: „Unter einer Kompetenz wird … die Fähigkeit verstanden, Wissen und Können in den jeweiligen Fächern zur Lösung von Problemen anzuwenden“. Es gehe nicht darum, Kompetenzen vom Wissensstoff zu befreien, sondern darum, das Wissen anwenden zu können, ergänzte Ties Rabe.

Doch  in ihrer Erklärung zum Beschluss der KMK  führte seine Amtskollegin, die FDP Kultusministerin von Hessen, Nicola Beer, in wenigen klaren Worten genau die Punkte an,  die für die Kritiker Anlass zu ihrer Warnung vor den Kompetenzen und einem drohenden Wissensverlust sind.

Hessens Kultusministerin Nicola Beer: „modernes Qualitätsniveau“ durch Kompetenzen

Durch die KMK Einigung auf gemeinsame Bildungsstandards  würden zwei Ziele erreicht, erklärte Nicola Beer. Zum einen würde durch die einheitlichen Bildungsstandards eine „stärkere Vergleichbarkeit“ zwischen den Bundesländern erreicht. Zum anderen wolle man mit diesem „wichtigen Schritt“ die Qualität sichern. Sie erklärte dann auch, was das aus ihrer Sicht bedeute:

Es gehe heute nicht mehr darum, drei oder vier Gedichte zu lernen, erklärte die hessische Kultusministerin am Beispiel des Fachs Deutsch. Vielmehr entwickelten sich heute immer neue Sachverhalte, die sich jeder „holen“ könne.  Mit der Kompetenzorientierung gebe es nun ein neues „modernes Qualitätsniveau“.  Es gehe dabei um das „was die Leute brauchen…um erfolgreich für ein späteres Leben zu sein, für Studium und Beruf“, so die FPD Ministerin, die für alle CDU regierten Bundesländer in der KMK sprach. Das Ziel sei „Kompetenzvermittlung in allen Bereichen“.

Kritiker: kompetenzorientierte Bildungsstandards führen zu Abi-Light

Nicola Beer brachte mit ihrer Erklärung exakt das auf den Punkt, was Kritiker wie der Bildungsforscher Professor Hans Peter Klein von der Universität Frankfurt an der Kompetenzorientierung bemängeln: „Man muß sich die rein unter einem ökonomischen Nützlichkeitsfaktor ausgerichtete Bedeutung des neuen “Kompetenzbegriffs” deutlich machen. Dieser hat die Steuerung, Zentralisierung und Globalisierung des Bildungssystems zum Ziel. Bildung hat hier keinen Eigenwert mehr, daher droht Fächern wie Kunst, Musik, Geschichte, Literatur, von Latein und Altgriechisch ganz zu schweigen, die Verschiebung aufs Abstellgleis“. https://kirschsblog.wordpress.com/author/kirschsblog/ Sein Kollege, Matthias Burchard, vom Institut für Bildungsphilosophie der Universität Köln spricht im Zusammenhang mit dem Kompetenzerwerb von „Bildung Light für magere Zeiten“. http://bildung-wissen.eu/glossen/kompetenz.html

Die Folge der Kompetenzorientierung sei ein Verlust an Fachwissen und eine „Nivellierung der Ansprüche auf breiter Front“, erklärte Bildungsforscher Klein vor wenigen Tagen in der FAZ. Das gilt auch für die kompetenzorientierten Abitursaufgaben, wie seine Untersuchungen des Zentralabiturs in Nordrhein-Westfalen belegen. Dort hat er Prüfungsaufgaben für das Abitur in Mathematik und Abiaufgaben für einen Biologie-Leistungskurses jeweils niedrigeren 9. und 11.Klassen vorgelegt, die den Stoff nicht kannten. Bis auf je zwei hatten alle jüngeren Schüler die Aufgaben in beiden Abifächern mit zum Teil sehr guten Noten gelöst. Der Grund, so Professor Klein: Bei  kompetenzorientierten Aufgaben seien „nahezu alle Antworten in dem ausführlichen Arbeitsmaterial“ enthalten. Vorwissen sei kaum nötig, zur Beantwortung der Aufgaben brauchte man nur den Text lesen und verstehen zu können, also Lesekompetenz. http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/interview-moeglichst-viele-schueler-sollen-das-abitur-bestehen-11913477.html

KMK-Präsident Ties Rabe: „Schwierigkeitsniveau zwischen Bundesländern wächst zusammen“

„Wir haben jetzt kein Abi-Light“ betonte dagegen KMK-Präsident Rabe am Freitag. Die KMK habe sich seit Jahren damit befaßt, die Vergleichbarkeit in deutschen Bildungssystemen zu verbessern, so Ties Rabe. Der Beschluss der KMK sorge jetzt dafür, dass das Bildungssystem zusammenwachse. Mit den gemeinsamen Bildungsstandards werde das „Schwierigkeitsniveau zwischen den Bundesländern angeglichen“. Mit den Bildungsstandards für das Abitur habe die KMK Vergleichbarkeit und Qualität erreicht, ohne „irgendwie irgendwo nivelliert“ zu haben, versicherte auch die Bildungsministerin von Rheinland Pfalz, Doris Ahnen, SPD.

Kompetenzen aber kein konkreten Fachinhalte: Beispiel Bildungsstandard Deutsch

Bildungsstandards dienen der vertieften Allgemeinbildung, der Festlegung verbindlicher Regelstandards für das, was „Schüler können sollen“ (kompetenzorientiert)  und der Einführung in die Wissenschaft, erklärte Professor Petra Spanat. Letzteres sei gerade im Fach Deutsch verstärkt worden, im Bildungsstandard Mathematik sei im Vergleich zu vorher die Stochastik und in den Fremdsprachen das Mündliche gestärkt worden.

Was ein Bildungsstandard enthält, erklärte sie am Beispiel Deutsch. Dieser Bildungsstandard umfasst  264 Seiten. Darin werden die Kompetenzen aufgeführt und näher beschrieben, die die Schüler am Ende der gymnasialen Oberstufe erreicht haben sollen. Es sind Kompetenzen, wie  Lesen, Sprechen, Verstehen, oder die etwas holprig klingende Kompetenz „Sich mit Texten und Medien auseinandersetzen“, alles unterteilt in grundlegendes und höheres Niveau. Darüber hinaus liefert der Bildungsstandard Hinweise zur Durchführung der Prüfungen und schließlich noch einzelne Beispiele für Lern- und Prüfungsaufgaben. http://www.kmk.org/fileadmin/veroeffentlichungen_beschluesse/2012/2012_10_18-Bildungsstandards-Deutsch-Abi.pdf

„Alle Schüler sollen dieselben Kompetenzen erreichen“, erklärte Professor Petra Stanat dazu. Über die fachlichen Inhalte geben die Bildungsstandards allerding keine konkrete Auskunft. So gibt es z.B. unter dem Stichwort „sich mit literarischen Texten auskennen“ keine Literaturangaben. Da heißt es vielmehr ganz allgemein: „Die Schülerinnen und Schüler erschließen sich literarische Texte von der Aufklärung bis zur Gegenwart und verstehen das Ästhetische als eine spezifische Weise der Wahrnehmung, der Gestaltung und der Erkenntnis“.

Es werde kein fester „Kanon“ für den Lesestoff „definiert“, erklärte Professor Spanat. Für sie wäre es allerdings auch ein „Horror, wenn wir alle dieselben Texte lesen sollen“.  Kompetenzen sollten allerdings nicht losgelöst von Inhalten erreicht werden, das sei eine „völlig unberechtigte Kritik“.

Bildungswissenschaftler warnen vor „Absinken der Ansprüche bei den Abiaufgaben“

Die Kritiker unter den Bildungsforschern sehen das allerdings ganz anders:  „Die Begriffe „Kompetenz“ und „Wissen“ würden „willkürlich getrennt. Statt „inhaltliche Schwerpunkte in den einzelnen Fächern zu setzten, die zu einer sinnvollen inhaltlichen Konzentration auf das Wesentliche führen“, enthielten die kompetenzorientierten Standards, Rahmenpläne oder Curricula „keinerlei inhaltliche Vorgaben, sondern nur noch Kompetenzbeschreibungen. Es bleibe den Schulen überlassen, die jeweiligen Inhalte dazu zu suchen.“, so Professor Hans Peter Klein. Er warnt vor vor einem Absinken der Ansprüche bei den Abiaufgaben zum Zentralabitur. Schon jetzt führten die fehlenden Fachkenntnisse der Studienanfänger zu hohen Abbrecherquoten, besonders in der Mathematik und den Ingenieurwissenschaften.

Ähnlich kritisch äußerte sich auch in der Süddeutschen vor zwei Monaten der Philosoph Professor Christoph Tücke:

„Prüfen lässt sich freilich immer nur ein Können. Aber Können ist stets Können von etwas. Es bemisst sich an seinem Fundus: den Stoffen, Inhalten, Gewichten, die es koordiniert und balanciert.“, so Professor Tücke von der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig.  „Vernünftige Prüfer beurteilen das Gekonnte immer in Bezug auf seinen Fundus. Ihre Beurteilung ist daher stets eine Abwägung – ebenfalls ein Balancieren, bei dem sie sich genauso vertun können wie Prüflinge. Wenn aber der Fundus zum Schattenreich des Könnens verblasst, zählt nicht mehr das Können von etwas, sondern Können an sich,  Kompetenz.“ http://bildung-wissen.eu/wp-content/uploads/2012/09/tuercke_lernen.pdf

Die Liste der Kompetenzkritiker ließe sich noch deutlich verlängern, dazu gehören ua. der Bonner Bildungswissenschaftler Professor Dr. Jochen Krautz, die Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Volker Ladenthin aus Bonn und Professor Andreas Groschka aus Frankfurt.

Die Rolle des Instituts zur Qualitätsentwicklung in Berlin

Doch Kultusminister und KMK halten beharrlich an der Kompetenzorientierung fest. Neben dem bundesweiten „Aufgabenpool mit gleich schweren, standardbasierten und kompetenzorientierten“ Prüfungsaufgaben für das Zentralabitur in den Fächern Deutsch, Mathe und Fremdsprachen bereiten sie bereits die Entwicklung der nächsten kompetenzorientierten Bildungsstandards für die Naturwissenschaften vor.

Das IQB, so heißt es in der Pressemitteilung der KMK , wird dabei stets “ federführend auch den Prozess der Entwicklung von Bildungsstandards für die Allgemeine Hochschulreife in den Fächern Biologie, Chemie und Physik verantworten, mit denen der Prozesss der Standardentwicklung fortgesetzt wird“. Die wissenschaftliche Überprüfung der „bundesweit gleich schweren Abituraufgaben sowie einheitlicher Bewertungskriterien zur Korrektur und Bewertung der Abituraufgaben“ kommen dazu. Das IQB wird dabei „regelmäßig in mehrjährigen Abständen“ überprüfen, „inwieweit es gelingt, die in den Bildungsstandards formulierten Lernziele zu erreichen“.  http://www.kmk.org/presse-und-aktuelles/meldung/ergebnisse-der-339-plenarsitzung-der-kultusministerkonferenz-am-18-und-19-oktober-2012-in-hamburg.html, http://www.iqb.hu-berlin.de/bista/control

Hinzu kommt die Forschung, die “theoretische und empirische Fundierung der Kompetenzen“, die „Ländervergleichsstudien“, die „Vergleichsarbeiten“ und vieles mehr:

„Zum Kerngeschäft des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) gehört die Operationalisierung und Erfassung von Kompetenzen.“http://www.iqb.hu-berlin.de/research/research1

Das IQB wird also mit den Aufgaben und Aufträgen rund um Kompetenzen viele Jahre beschäftigt sein, und seine zentrale Bedeutung wird dabei angesichts des Zusammenwachsens  der bundesweiten Schulsysteme durch die Einführung von immer mehr einheitlichen Bildungsstandards immer weiter zunehmen. Interessant dürfte werden, welche Bedeutung und Gestaltungsmöglichkeiten Bildungswissenschaftlern  außerhalb der IQB angesichts dieser  Rolle der IQB bleiben  und wie offen Politiker und KMK gegenüber Ergebnissen  wissenschaftlicher Untersuchungen und der Kritik der zahlreichenden Wissenschaflter sind, die vor den Folgen der Kompetenzorientierung, einem „Abi Light“ und  einem Verlust an Wissen und Bildung, warnen.

„Überraschter“ Schulsenator: Die „freiwillige“ Ganztagsschule und ihre Zukunft

5 Jun

Wer sich in diesen Tagen zum Thema Ganztagsschule auf den Spuren des Schulsenators von Termin zu Termin begibt, hört immer wieder zwei Worte: „überrascht“ und „freiwillig“ So auch bei der Pressekonferenz von Ties Rabe am Dienstag. „Uns überrascht die ungewöhnlich hohe Teilnehmerzahl“, erklärte der SPD Schulsenator. Schulkonferenzen fast aller Grundschulen in Hamburg hätten sich „mit unglaublichem Schwung…sehr klar“ und freiwillig für die Umwandlung in Ganztagsschule entschieden, insgesamt 197 von 204 Grundschulen in Hamburg würden voraussichtlich ab 2013/14 „ein Ganztagsschulangebot haben“.

Weniger „überrascht“ als der Schulsenator sind betroffene Eltern und Schulen. Auch das Wort „freiwillig“ hat für sie einen doppelten Boden. Denn Behörden und Senator hatten im letzten Jahr mit der Ankündigung, Hamburgs Horte bis 2013 zu schließen, alle Eltern, die für ihre Kinder eine Nachmittags-Betreuung brauchten, massiv unter Zeitdruck gesetzt. Die „zeitliche Entschleunigung“ der Ganztags-Schulreform, die in diesem Frühjahr vom Schulsenator eingeräumt wurde und nach der die Horte unter bestimmten Bedingungen noch bis 2015 bestehen können, kam für die allermeisten Eltern und Grundschulen zu spät. Ihre Umwandlung in Ganztagsschulen war schon auf den Weg gebracht, aus Sorge, dass Eltern andernfalls ganz ohne Betreuung für ihre Kinder dastehen könnten.

Die neuen Ganztagsschulen hätten sich in den allermeisten Fällen für ein „freiwilliges Angebot“ entschieden, erklärte Schulsenator Rabe. 45 Prozent der Schüler an insgesamt 63 Ganztagsschulen, die ab August die Ganztägige Bildung und Betreuung, GBS, anbieten, hätten einen Ganztagsplatz von 13 bis 16 Uhr beantragt. Dabei gebe es starke Schwankungen, von 10 Prozent Teilnehmerquote in einer Schule in Wandsbek bis zu einer Teilnehmerquote von 76 Prozent in einer Schule in Winterhude. Die Schwankungen gingen durch alle Stadtteile, unabhängig von sozialen Unterschieden.

Insgesamt 121 Schulen würden bis zum Schuljahr 2013/14 in GBS-Ganztagsschulen mit außerschulischen Trägern umgewandelt, 76 Grundschulen würden Ganztagsschulen in schulischer Verantwortung. Auch die weiterführenden  Schulen würden zu Ganztagsschulen ausgebaut, ab 2013/14 seien 46 von 56 Stadtteilschulen ebenfalls Ganztagsschulen, und auch 27 von 45 Sonderschulen würden bis 2013/14 Ganztagsschulen. Die Gymnasien seien schon seit Einführung des G8 „Ganztagsschulen besonderer Prägung“. Auch dort würden Mittel für den Ausbau von Ganztagsangeboten bereitgestellt, um den Wegfall der Horte für Kinder bis 14 Jahre auszugleichen. Soweit die Zahlen.

Spannend war die Antwort des Senators auf die Frage eines Journalisten, ob er als nächsten Schritt nach Einführung der flächendeckenden Ganztagsschulen deren Umwandlung in gebundene Ganztagsschulen plane.

Der Journalist bezog sich auf die Empfehlung einer neuen Studie der Bertelsmannstifung, die ebenfalls am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Die gebundene, für alle Schüler verbindliche Ganztagsschule biete demnach gegenüber der offenen Ganztagsschule „die besseren Rahmenbedingungen, um jedes Kind individuell zu för­dern“, so Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung. Er widersprach damit allerdings dem Ergebnis einer wissenschaftlichen Studie des eigenen Hauses, die erst vor wenigen Wochen vorgestellt worden war: Offenbar gelinge es auch „Ganztagsschulen bisher nicht, den viel zitierten straffen Zusammenhang zwischen der Herkunft der Schüler und deren Leistung zu entkoppeln”, so das Ergebnis des „Chancenspiegels“ der Bertelsmann Stiftung und des Instituts für Schulentwicklungsforschung (IFS) an der TU Dortmund. http://www.chancen-spiegel.de/downloads-und-presse.html?no_cache=1  und  http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xchg/SID-5B948D67-DE2532A4/bst/hs.xsl/nachrichten_112530.htm.

„ Nein“, antwortete der Schulsenator auf die Frage des Journalisten, “dies sei unsinnig und überflüssig“. Es gebe Menschen, die wollten ganztägig rhythmisierten Unterricht und gebundene Ganztagsschule. Doch das könne genau den gegenteiligen Effekt haben, der Ganztagsausbau komme so nicht in Gang, stattdessen werde es bei Eltern einen „berechtigt Widerstand“ geben. Er wolle aber einen „vernünftigen Ausbau“ der Ganztagsschule, so der Schulsenator.

Widerstand und Misstrauen bei Eltern und Oppositionspolitikern hat Ties Rabe in dieser Frage allerdings selbst ausgelöst, indem er die bisher im Hamburgischen Schulgesetz vorgesehene „Offene Ganztagsschule“ in seinem neuen Schulgesetz ersatzlos gestrichen hat. Das neue Gesetz soll ab August in Kraft treten.  Damit werde das  Recht von Eltern und Kindern auf eine offene, also halbtägige Schule in einer für sie erreichbaren Nähe abgeschafft, so die Kritik der CDU.  Aussagen von führenden SPD Politikern am vergangenen Donnerstag bei einer SPD Veranstaltung zum Thema Ganztagsschule könnten das Misstrauen vieler Eltern bestärken. „Wir machen in Hamburg die Tür weit auf, für die Ganztagsschule“. Das Ziel: “von der Krippe bis zum Abitur ganztägige Betreuung“, das erklärte der schulpolitische Sprecher der SPD Fraktion in der Bürgerschaft, Lars Holster, dort. Und er fügte hinzu, „wir wollen die richtige Ganztagschule“ . also die gebundene Ganztagsschule.  GBS solle noch „nicht das Ende sein“, sondern  „der Anfang“.  

Während Ties Rabe an diesem Abend noch betonte, er setze bei  der Ganztagsschule auf Freiwilligkeit, anstelle der rhythmisierten, gebundenen Ganztagsschule, erklärte dagegen die frühere SPD-Bundesbildungsministerin Edelgard Bulman: Die Erfahrung zeige, wenn ein offenes System gut laufe, dann werde auch das gebundenen System folgen, „das wird auch in Hamburg kommen“ , so die SPD Politikerin,  die 2002 das vier Milliarden-Euro-Investionsprogramm des Bundes für die Einführung von Ganztagsschule gestartet hatte.  Zielsetzung sei die „rhythmisierte Form der Ganztagsschule“.

Ebenfalls Thema der Pressekonferenz mit Ties Rabe: Die Mittel für den Ausbau der Ganztagschule. Für den Ausbau müßte Hamburg  jährlich rund 172 Millionen Euro zusätzlich aufbringen, so die Forderung der Bertelsmansstiftung.  http://www.abendblatt.de/politik/deutschland/article2297784/172-Millionen-Euro-fuer-mehr-Ganztagsschulen-noetig.html

Die bisherigen Horte seien von der Sozialbehörde mit 110 Millionen Euro finanziert worden, plus ca. 10 bis 15 Millionen aus den Gebühren der Eltern. Diese Summe werde nun für die Ganztägige Bildung und Betreuung, GBS, und andere ganztägige Angebote für Schüler bis 14 Jahren, zur Verfügung gestellt, erklärte Ties Rabe. Zwar werde die Zahl der Schüler in der Nachmittagsbetreuung der Schulen um 10 000 auf 30 000 Schüler steigen, erklärte er, die Mittel seien aber trotzdem ausreichend, da die bisherigen Ausgaben für die Gebäude der Horte künftig in den Schulen wegfielen.

Das passt allerdings kaum zu früheren Erklärungen des Schulsenators. Demnach rechneten „Schul- und Sozialbehörde … mit 40.000 Kindern“ in der künftigen Nachmittagsbetreuung in den Grundschulen. http://www.ganztagsschulen.org/13720.php Außerdem entstünden künftig auch in den Schulen durch den Nachmittagsbetrieb zusätzliche Gebäudekosten, ua. für Reinigung, Nutzung und Miete, erklärten betroffene Eltern auf Nachfrage von Kirschsblog. Sie kritisieren die deutliche Verschlechterung der Qualitätsstandards der künftigen Ganztagsschulen im Vergleich zu den Horten. In den Ganztagsschulen gebe es schlechtere Betreuungsschlüssel, es fehle an qualifizierten langfristig beschäftigten  Bezugspersonen, es mangele an eine qualitativ guter Ausstattung mit Sachmitteln, Ruhe-, Kurs- und Toberäumen, Platz zum freien Spiel, sowie Kantinen.

Die Hälfte der im August startenden Ganztagsschulen werde spätestens bis zu den Herbstferien eine Kantine haben,  für die Übrigen werde es mithilfe von Caterern Übergangslösungen, wie Essen in Klasssenräumen oder Pausenhallen geben, so erklärte Schulsenator Rabe abschließend.

Ganztagsschulen: Qualität unklar, Eltern verunsichert, Kantinen-Baustellen überall – aber Senator zelebriert Selbstzufriedenheit“ , so das Resumee der schulpolitischen Sprecherin der FDP Fraktion, Anna von Treuenfels, nach dieser Pressekonferenz.

„Ganztagsschule geht auch ohne Ganztagsausstattung!“: Verblüffende Feststellung des Präsidenten des Oberverwaltungsgerichts in einem Prozeß gegen flächendeckende Ganztagsschule

14 Mai

Wenn eine Ganztagsschule am Nachmittag für die Schüler ein Betreuungsangebot habe, dann brauche sie die gesetzlichen Voraussetzungen für Ganztagsschulen zur Ausstattung mit Räumen, Personal und Sachmitteln nicht zu erfüllen:  Das neben dem Unterricht bestehende Betreuungsangebot beweise ja, dass es auch ohne zusätzliche Ganztagsausstattung gehe. Das erklärte am Freitag der Präsident des Oberverwaltungsgerichts Hamburg, Dr. Rolf Gestefeld, den erstaunten Eltern von vier Kindern, die gegen die Einführung der Ganztagsschule an der Schule ihrer Kinder klagen. Das Betreuungsangbot „werde durchgeführt, also sind alle im Hamburgischen Schulgesetz vorgesehenen Voraussetzungen für die behördliche Genehmigung von Ganztagsschulen erfüllt“. Beispiel: Die Doppelnutzung von Klassenräumen! Wenn es an der Schule seit Jahren so „klappt“, sei die Frage, ob „die zeitlich gestaffelte Nutzung von Klassenräumen zu unterschiedlichen Zwecken nicht“ reiche und „damit die gesetzlichen Mindestanforderungen erfüllt“ seien, so Gerichtspräsident Gestefeld.

In einer zehnstündigen Marathonsitzung wurde am Freitag vor dem Hamburger Oberverwaltungsgericht die Klage der Eltern gegen Einführung der Ganztagsschule am Gymnasium ihrer Kinder verhandelt. Wie sämtliche Hamburger Gymnasien war die Schule 2004 nach Verkürzung der Schulzeit auf acht Jahre,dem Turbo G8, in eine Ganztagsschule mit verpflichtendem Nachmittagsunterricht umgewandelt. Die Wahlfreiheit zwischen Halbtags- und Ganztagsunterricht war damit über Nacht abgeschafft worden. Darin sahen die Eltern einen Eingriff in die Freiheit ihrer Kinder und ihr elterliches  Erziehungsrecht nach Art. 6. Grundgesetz. Sie hatten sich außerdem errechnet, dass die Ganztagsschule auch bei der höheren Wochenstundenzahl des Turbo G8 gar nicht nötig war. Die vorgeschriebenen 34 Wochenstunden ließen sich auch ohne Nachmittagsunterricht auf vier mal sieben und einmal sechs Schulstunden täglich verteilen und der Unterricht könne damit um 14 Uhr beendet werden. Dies fordern nun die Eltern in ihrer Klage, die sie in erster Instanz verloren haben und um die es am Freitg in zweiter Instanz vor dem Oberverwaltungsgericht ging.

Mängelliste einer seit 9 Jahren bestehenden Ganztagsschule

Ihre Schule erfülle gar nicht die im Schulgesetz vorgesehenen personellen, sächlichen und räumlichen Voraussetzungen für eine Ganztagsschule, so die Klage der Eltern. So gebe es auch nach 9 Jahren Ganztagsbetrieb keine richtige Kantine, bei 1000 Schülern gebe es nur 150 Essen in der viel zu kleinen Cafeteria in der Eingangshalle der Schule. Die Schüler der Schule müßten sich ihr Mittagessen bei Bäckern und Imbissbuden der Umgebung zusammenkaufen. Auch die Fläche von 5,5 Quadratmetern pro Schüler, die im Hamburger Musterflächenprogramm vorgeschrieben seien, wobei Lehrerzimmer, Verwaltung und Toiletten mitberechnet werden, könne die Schule nicht vorweisen. Es gebe wegen der Fensterkonstruktion nicht einmal Möglichkeit, die Klassenzimmer ausreichend zu lüften, dies sei aber aus gesundheitlichen Gründen vorgeschrieben, so nur einige Punkte der Eltern.

Der stellvertretende Leiter der Schule erklärte dazu in der Verhandlung, es sei eine Erweiterung von Cafeteria und Klassenräumen geplant. Die Eltern hielten dagegen, in den neun Jahren seit Einführung der Ganztagsschule habe es keinerlei Ausbauten und Verbesserungen gegeben. Die gesetzlichen Voraussetzungen für Ganztagsschulen müßten außerdem vor der Genehmigung erfüllt werden.

Weniger Mittagessen für Offene und „Kleine“ Ganztagsschulen?

Dem widersprach der Präsident des Oberverwaltungsgerichts. Gymnasien seien zum einen offene Ganztagsschulen, bei denen laut Hamburgischen Schulgesetz neben der Betreuung auch am Nachmittag verpflichtender Unterricht stattfinden könne, erklärte der Rolf Gestefeld. Zum anderen sehe das Programm der Gymnasiums nur an zwei lange Tage mit Nachmittagsunterricht und an einem dritten langen Tag mit Nachmittagsbetreuung vor.  Gymnasien seien damit nur „kleine Ganztagsschulen“, für die nur „geringere sachliche und räumliche Anforderungen gälten, als bei vollgebundenen Ganztagsschulen“, so die Definition des Oberverwaltungsgerichtspräsidenten. Man habe außerdem „keinen Anspruch auf eine optimale Ausstattung“ der Ganztagsschule. Der Schulleiter habe ferner erklärt, dass alle Kinder, die essen wollten, auch essen könnten, erklärte der Richter den irritierten Klägern, die darauf beharrten, dass bei jeder Form von Ganztagsschule für alle Schüler, die am Ganztagsbetrieb, am achtstündigen oder längeren Nachmittagsunterricht oder an der Betreuung teilnähmen, ein Essen vorgehalten werden müsse. Der Richter blieb dabei, das Betreuungsangebot werde durchgeführt, also seien die gesetzlichen Auflagen erfüllt.

Dies sei allerdings seine vorläufige Feststellung, erklärte Rolf Gestefeld, in dem späteren Urteil werde diese Frage noch einmal neu erörtert. An dieser Stelle bat auch die Anwältin der beklagten Schulbehörde um eine ausführliche Begründung, die Überlegungen des Gerichts habe sie noch nicht überzeugt.

Verblüfft hat an diesem Freitag auch die Aussage des Gerichtspräsidenten, dass die flächendeckende Umwandlung aller Gymnasien in Ganztagsschulen vor neun Jahren nach der damals geltenden Fassung des Schulgesetz nicht hätte genehmigt werden können. Das Antragsverfahren sei nicht vereinbar mit dem damaligen Schulgesetz gewesen. Darauf komme es aber nicht an, „wenn die Genehmigung nach späterem Recht vorliegt“. Das könne „geheilt“ werden. Eine Erklärung der Schulaufsicht, in der es heißt, man habe die  die Umwandlung der Schule in eine Ganztagsschule genehmigt,  gibt es von April 2007.

Vergleich?

Erstaunt reagierten die Kläger am frühen Nachmittag der Verhandlung auch auf die Frage, ob sie mit einem Vergleich einverstanden seien. Das Vergleichsangebot an sie, das wurde  nach kurzer Diskussion klar, war die Zustimmung zum derzeitigen Ist -Zustand an ihrer Schule, gegen den sie seit sechs Jahren klagen. Die Kläger lehnten ab.„Unsere Forderung, den Schultag um 14 zu beenden, ist schon ein Vergleich für uns“, erklärten sie. Sie hätten bei ihren Berechnungen die erhöhte Wochenstundenzahl des G8 notgedrungen mit berücksichtigt, ein früheres Ende des Schultages rund um ein Uhr wäre ihnen aber viel lieber.

Grundgesetz und Ganztagsschule

Was in der Verhandlung zum Thema Ganztagsschule an diesem Freitag immer wieder eine zentrale Rolle spielte, war die Frage, inwieweit der Staat mit der Ganztagsschule in die Erziehungsrechte der Eltern eingreift. Die Kläger betonten, nach ihrer Auffassung habe das elterliche Erziehungrecht nach Artikel 6 Vorrang vor einem Erziehungsrecht von Schule und Staat, letzterer habe nur das Wächteramt für den Fall, dass Erziehungsberichtigte vesagten,

Dagegen erklärte Rolf Gestefeld, es müsse zwischen dem elterlichen Erziehungsrecht in Artikel 6 und der staatlichen Aufsicht über das Schulwesen in Artikel 7 ausgleichend abgewogen werden. In Hinblick auf die Ganztagsschule müsse es ein Höchstgrenze in der Frage geben, wie lange Ganztagsschule sein dürfe. Es gebe aber die Möglichkeit, eine Schulform flächendeckend umzugestalten, allerdings müsse dabei das Wahlrecht beachtet werden. Eine Frage sei auch, inwieweit dabei wissenschaftliche Erkenntnisse über die Wirkung von Ganztagsschule eine Rolle spielen könnten.

Wissenschaftliche Erkenntnisse zur Wirkung von Ganztagsschule

Mit dieser Frage hätten sich eingehend auseinandergesetzt, erklärten die Kläger, zumal das Gericht die umfangreiche „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“, Steg, angeführt habe. In einem Statement über den Stand der Wissenschaft machten sie deutlich, dass es nach den vorliegenden Studien vom „Chancenspiegel“ der Bertelsmann Stiftung bis hin zur Steg Studie derzeit keine Beweise dafür gebe, wie Ganztagsschule wirke und dass Ganztagsschule die Leistungsfähigkeit von Schülern und die Chancengerechtigkeit verbessert. Auch bei Steg werde das Prinzip der Freiwilligkeit von Ganztagsschule betont, so der Vater, der als Anwalt seine Familie selbst bei der Verhandlung vor Gericht vertrat.

Nach 10 Stunden wurde die Verhandlung erst am Freitagabend gegen 20 Uhr geschlossen.

Nach Mitteilung aus dem Gericht vom Montag wird der Prozess in dieser Instanz fortgesetzt werden.