Was ist Kermit?- Neue„Kompetenz“ Tests in Hamburgs Schulen verunsichern Eltern und Schüler:

4 Sep
Was wird getestet?  – Warum fällt für neue Tests stundenlang Unterricht aus? – Und warum streicht Ties Rabe Lehrergespräche mit Eltern über die Lernentwicklung ihrer Kinder?
 

Vier Stunden lang soll ihre 10 jährige Tochter heute, am Dienstag, in der fünften Klasse ihres Gymnasiums getestet werden,  ganze vier Wochen nach Schulbeginn, berichtet eine Mutter. Fünf Stunden soll eine Siebtklässlerin in einer anderen Hamburger Schule geprüft werden, berichtet eine weitere Mutter. „Kermit“ heißt der Test der beiden Schülerinnen und das bedeutet: „Kompetenzen ermitteln“, so die Erklärung des Hamburger Landesinstituts für Lehrerbildung und Schulentwicklung (LI) auf seiner Homepage. Aber was wird da genau getestet, fragen sich die Eltern! Muß ihre Tochter daran teilnehmen, so die Mutter der Siebtklässlerin. Klar ist nur:  Der Unterricht fällt vier bis fünf Stunden aus.

Dabei  hatte Schulsenator Ties Rabe erst gestern mit einem Brief an alle Lehrer der Stadt scharfe Kritik von Eltern und Opposition auf sich gezogen, weil er darin die Streichung des zweiten verbindlichen Lernentwicklungsgesprächs (LEG) der Lehrer mit den Eltern angekündigt hatte. Ties Rabes begründet das in einer Pressemitteilung: Er wolle so die Lehrer entlasten: „Statt immer mehr zu prüfen und zu verwalten“ sollten sich die Lehrer künfig „wieder stärker auf guten Unterricht konzentrieren“. http://www.hamburg.de/pressearchiv-fhh/3584638/2012-09-03-bsb-arbeitsentlastung-fuer-lehrkraefte.html

Kermit irritiert Eltern und gibt viele Rätsel auf. Worum geht es in dem Test? Werden die Schüler auf „Kompetenzen“ in Mathe, Biologie oder Sprachen geprüft? Geht es um andere „Kompetenzen“? Was geschieht mit den Ergebnissen, werden die Eltern darüber informiert, kommen sie in Schülerakten?  Warum werden Zehnjährige überhaupt so viele Stunden getestet und welchem Zweck dient der stundenlange Arbeitseinsatz von Lehrern für einen Test von Schülern,  die gerade einmal vier Wochen Unterricht im neuen Schuljahr oder in einer neuen weiterführenden Schule  hatten.

Aufklärung und Transparenz für Eltern findet beim Thema Kermit  nicht statt – stattdessen erhalten einige Eltern einen Link zur Homepage des Landesinstitus LI. Auf der Homepage läßt sich Spannendes entdecken. Auf einer Graphik sieht man Kästchen mit Kermit-Tests übereinander getürmt, die sich von Klasse eins bis Klasse neun hochranken: Es handele sich um ein „System zur Erfassung der Kompetenzentwicklung“, heißt es im Begleittext .  (http://li.hamburg.de/qualitaetsentwicklung-standardsicherung/2855898/aktuelles-liq.html)

Das Spannende: Zusätzlich zu schon länger „bundesweit durchgeführten Lernstandserhebungen“ in Klasse 3 und 8, so erklärt das Landesinstitut, gibt es neue Kermit-Tests für das Schuljahr 2012/13. In „allen Hamburger Stadtteilschulen und Gymnasien“ sollen demnach in Ergänzung zu den bisherigen Tests mit Beginn dieses neuen Schuljahrs „Kompetenzfeststellungen in den Jahrgangsstufen 5, 7 und 9 durchgeführt“ werden. Bei diesen neuen Kompetenzfeststellungen handelt es sich offenbar um jene Kermits, über die die Mütter irritiert berichtet hatten.

Das dürfte die Irritation von Eltern noch verstärken: Warum beklagt Schulsenator Rabe in seiner Presseerklärung, dass Lehrer „immer mehr prüfen und zu verwalten“…statt zu unterrichten, führt aber laut Homepage des LI gleichzeitig neue Tests ein – während er – ebenfalls gleichzeitig  – mit der Begründung der Arbeitsentlastung von Lehrern das zweite verbindliche Lernentwicklungsgespräch streicht? Was diese Streichung bedeutet, hat die Hamburger Elternkammer in einer scharfen Kritik klar gemacht: Die Lernentwicklungsgespräche seien aus Sicht der Eltern „ ein besonders effektives Mittel, Informationen über das Fortkommen ihres Kindes in der Schule, das Verhältnis zu seinen Mitschülern und sein Sozialverhalten zu erhalten“. Diese Gespräche seien „unverzichtbar“. Hinzu kommt, dass der Schulsenator auch „die obligatorischen Lernentwicklungsblätter für alle Schülerinnen und Schüler … ab dem Schuljahr 2012/13“ abschaffen will und dazu erklärte, die „Lernentwicklung der Schüler“ werde über Elternsprechtage, Zeugnisse und Lernentwicklungsgespräche „ausreichend reflektiert und dokumentiert.“

Auf der Homepage des LI erfährt man noch ein wenig mehr über die Kermit-tests: Kermit 5 in Klasse Fünf zum Beispiel dient demnach „der  Ermittlung der Lernausgangslagen und der Leistungsermittlung in den neuen Klassen“, so wird auf der LI Homepage erläutert.

Bleibt die Frage, was bei Kermit nun so lange so genau getestet wird. Auf der LI-Homepage heißt es dazu:  Diese neuen „Erhebungen orientieren sich an den Inhalten der Hamburger Bildungspläne in Deutsch, Mathematik, Englisch und Naturwissenschaften.“ Und weiter: „Die KERMIT-Erhebungen dienen vor allem der Unterrichtsentwicklung und werden nicht benotet. Die Auseinandersetzung mit den Ergebnissen unterstützt die Lehrkräfte (einzeln und im Team) bei der Diagnose der erreichten Kompetenzen ihrer Schülerinnen und Schüler. Erwartungswidrige (positive und negative) Ergebnisse bieten Impulse für eine pädagogische Diskussion“

Viele Fragen von Eltern bleiben damit offen, was geschieht mit den Ergebnissen,  werden Eltern informiert, was bedeutet „erwartungswidrige positive oder negative Ergebnisse“, usw.

Klar ist: Bei Kermit dreht sich alles um Kompetenzen, einem Begriff, der sich auch sonst durch die gesamte Homepage des LI zieht.

Doch bei der Frage, was Kompetenzen sind,  wird es auf den LI-Seiten sehr kompliziert. In einem Aufsatz, der das Thema näher erklären soll,  wird auf jeden Fall deutlich, dass „Kompetenz“ in der Pädagogik ein schwer greifbarer Begriff ist. Es stammt demnach aus der Psychologie, hat sich in der Pädagogik seit den 70ger Jahren entwickelt, und ist seit Pisa „in aller Munde“, wird erklärt, dann wird der Text immer abstrakter. http://li.hamburg.de/contentblob/2876040/data/pdf-kompetenzen-und-bildungsstandards-im-fach-mathematik.pdf

An anderer Stelle ist schließlich auf der LI-Homepage davon die Rede, dass neben fachlichen Kompetenzen auch überfachliche, „weichere“ Kompetenzen von Schülern erfasst werden, die die Persönlichkeit und Verhalten von Schülern betreffen, zB. ihre Motivation, sowie ihre „soziale und lernmethodische Kompetenz“. Für die Ermittlung der fachlichen Kompetenzen haben demnach Universitäten  „normierte Tests“ entwickelt ,, für die überfachlichen Kompetenzen sind es die sogenannten „Einschätzungsbögen. Das Ganze, Tests und Einschätzungsbögen, heißt aber nicht Kermit, sondern nennt sich Keks: Kompetenz-Erfassung in Kita und Schule. Hier endet die Recherche.

Was Eltern allerdings interessieren wird: Werden Einschätzungbögen auch bei Kermit eingesetzt? Viele Fragen der Eltern bleiben also ungeklärt.

Das Thema Kompetenzen erhält aber für alle Schüler und Eltern in Hamburg schon in einigen Tagen noch größere Bedeutung. Schulsenator Rabe plant in einer großen Schulreform die Umstellung der Hamburger Schulen auf Kompetenzen und kompetenzorientierten Unterricht. Dies ist die Grundlage seines neuen „Orientierungsrahmen Schulqualität“, über den die Deputation der Schulbehörde am 19. September beschließen soll.

Doch was bedeutet das für Schule und Bildung. Wer bestimmt, was kompetent ist und welche Kompetenzen wichtig sind? Sollen Kompetenzen Inhalte oder humanistische Bildung ersetzen? Oder ist Kompetenzorientierung nur ein Bluff?

Der Frankfurter Professor Hans Peter Klein kommt auf Einladung des Elternnetzwerkes „Wir wollen Lernen“ nach Hamburg:  
Am 11. 9. antwortet er auf Fragen von Eltern und Interessierten.
 
Sein Thema:

„Der Bluff der Kompetenzorientierung“

 

In der Brecht Schule,  Norderstraße 163-165, nahe U-Bahn Berliner Tor oder  Hauptbahnhof.
Beginn 20 Uhr 
 
Der Link zur Einladung:
http://www.wir-wollen-lernen.de/wp-content/uploads/2012/09/Einladung_Forum_Bildung_20120911_Was_ist_gute_Schule.pdf
 
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3 Antworten to “Was ist Kermit?- Neue„Kompetenz“ Tests in Hamburgs Schulen verunsichern Eltern und Schüler:”

  1. Jaana Rasmussen September 4, 2012 um 8:23 am #

    Mei Sohn, Klasse 7, hat von „Kermit“ berichtet, es sei kein Wissen abgefragt worden, dass in der Schule zuvor behandelt worden sei. Es sei um Inhalte gegangen, aus denen man mit gesundem Menschenverstand logische Schlussfolgerungen hätte ziehen müssen. Außerdem um Themen, die gar nicht in der Schule behandelt würden, die man nur „aus Büchern, die man so zuhause liest“ hätte wissen können. Wozu die Erhebung diene, sei den Schülern nicht klar gewesen.

    • kirschsblog September 4, 2012 um 2:22 pm #

      vielen Dank für Ihren Kommentar… die Beobachtung Ihres Sohnes wird von anderen Eltern bestätigt, auch die Kommentare der Kinder waren ähnlich: leicht – wozu soll das nutzen? außerdem wurde ua. ein längerer Test in einem FAch gemacht, das erst vier Wochen unterrichtet wurde – der Eindruck einer Lehrerabeitszeit Verschwendung durch Kompetenztests wie kermit drängt sich betroffenen Schülern wie Eltern auf. viele Grüße

  2. Kein Lehrer September 6, 2012 um 6:50 pm #

    Der Begriff Kompetenz (lt. Lexikon etwa Fähigkeit/Können/Sachkenntnis) mag schwammig sein, wenn er für sich alleine betrachtet wird. Bricht man ihn jedoch auf einzelne Bereiche runter, wird er deutlicher. Lesekompetenz oder Sozialkompetenz konkretisieren, was die Fragestellung bezüglich einer Testung sein kann, beispielsweise nach tatsächlicher, erforderlicher und noch zu erreichender Niveaustufe.

    In meinem Bereich noch relevant ist die Informationskompetenz, die sehr vereinfacht die Fähigkeit benennt, sich selbständig verlässliches Information (und schließlich Wissen) zu ermitteln und zu erschließen. Gerade hier stelle ich immer wieder zum einen fest, dass Schüler mit erheblich unterschiedlicher „Kompetenz“ von den Grundschulen kommen, zum anderen, dass ihnen erheblich mehr methodisches Wissen zum Erwerb dieser Kompetenz in der Schule vermittelt werden muss. Und schließlich noch, dass dies sich in den Lehrplänen manifestieren muss. Ein radikales Beispiel ist, dass Schüler in der 5/6 immer wieder Aufgaben kriegen, die sie „recherchieren“ sollen, wobei sie in der Konsequenz (alleine) vor Google landen, ohne jede Ahnung, wie sie dieses Werkzeug sinnvoll nutzen sollen oder wie sie bei einem Ergebnis schließlich ermitteln können, ob es richtig, vollständig, relevant etc, ist. Einige kommen aus den vierten und können problemlos ein Lexikon benutzen, anderen bereitet schön bei Büchern die Nutzung eines Inhaltsverzeichnisses (ganz zu schweigen eines Registers) Probleme. die Anforderungen einer Internetrecherche liegen dabei weit, weit über dem Anspruchsniveau von (altersgerechten) Büchern. Und am Ende kennen sie in der Oberstufe keine andere Quelle, als die Einwortsuche bei Google, die sie aber selten bei komplexen Fragen (gegenüber Faktenfragen/ fragen zu „etabliertem Wissen“) effektiv und effizient ans Ziel bringen wird.

    Die neuen Medien verlangen ihnen viel mehr Methodenkenntnisse ab, als das beispielsweise früher bei einer Unterrichtseinheit zu den Ägyptern der Fall war, wo Schulbücher und eine Bücherkiste mit ausgewählten Titeln in der Klasse verfügbar war. Hier ist ein riesige Kluft zwischen dem klassischen Frontalunterricht und dem Anspruch zur Nutzung der neuen Medien befähigt zu werden. Oder anders: Die Kluft liegt zwischen der Frage, welchen Wissenskanon (Allgemeinbildung) man in gleicher oder sogar weniger Zeit als früher ganz gezielt vermitteln und dann aber auch das Rüstzeug (Methoden) mitgibt, das früher in dem Umfang nicht erforderlich war. Natürlich musste man auch früher Kriterien zu Analyse eines Aufsatzes kennen, um diesen methodisch zu analysieren, aber da hört es bei weitem nicht mehr auf. Mir wurde noch beigebracht, die Ägypter ließen die Pyramiden von Sklaven bauen, heute ist da ein ganz anderer Stand aktuell. Das alte Buch sagt nun dies, das neue das. Die eine Internetseite dies, die andere das (und dann sagt die Pyramiden sind von außerirdischen erbaut worden).

    An unserer Schule, wie auch vielen weiteren, wird deswegen auch keine Kompetenzcurriculum, sondern ein Methodencurriculum entwickelt, dass festlegt, welche „Technik“ wann zu beherrschen ist und wer sie in welcher Form in welchem Fach/welcher Einheit vermittelt.

    Ich fürchte, ich bin etwas ausschweifend geworden, aber die Frage „Sollen Kompetenzen Inhalte oder humanistische Bildung ersetzen?“ scheint mir sehr vereinfacht, auch wenn ich es sehr wichtig fände, dass eine neue Einvernehmlichkeit zum Verhältnis Allgemeinbildung (Kanon) und Fähigkeit diese selbständig auszubauen geschaffen wird.

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