Archiv | November, 2011

Protest gegen Ganztags-Schulreform: Das 2. Vernetzungstreffen Hamburger Eltern

30 Nov

Es ist alles noch viel schlimmer, als von vielen schon vermutet:  Zu ihrem 2. Vernetzungstreffen waren wieder Eltern und Elternvertretern von Schulen und Horten aus ganz Hamburg, gekommen, viele mehr, die es nicht schaffen konnten, hatten den protestierenden Eltern per Mail und Telefon ihre Unterstützung zugesagt. Was die Eltern an diesem Abend erschreckte  und entschlossen machte: Je mehr Details der Ganztags-Schulreform von Schulsenators Rabe klar werden, desto klarer wird auch das Ausmass der Zumutungen, das diese Reform für die Kinder bedeutet.

„Die Kinder gehen mit dem Essen zurück in den Klassenraum, mein Sohn sitzt dort den ganzen Tag an seinem Platz“, berichtet eine Mutter aus seiner Modellschule, die schon in diesem Jahr die „ganztägige Bildung und Betreuung eingeführt“, GBS, eingeführt hat.  Im Klassenraum sollen die Kinder spielen und ihre Hausaufgaben erledigen,  „beim Lärm und Durcheinander mit 23 Kindern hat mein Sohn noch nie seine Hausaufgaben gemacht“. Ein Versuch, das Ganze auf den Flur zu verlagern, sei gescheitert, dort sei es noch ungemütlicher und lauter gewesen.  

Die Kinder  würden wegen der Kapazitätsgrenzen der Küchen in Schichtdienst durch das Essen “ geschleust“. Pro Schicht hätten die Kinder hätten rund 20 Minuten Zeit zum Mittagessen, so eine andere Mutter.“Beschäftigungsräume, die wir hatten, wurden aus Platzmangel abgeschafft, es sind zu viele Kinder“, ergänzt die Mutter der Modellschule, sie denke jetzt daran, ihre Arbeit aufzugeben. Das überlegen auch andere Eltern der Runde.

 „Jedes Kind „tickt“  anders, viele Kinder brauchen Ruhe nach dem Essen , und Rückzugsmöglichkeiten, …auch mal Langeweile zum Nachdenken“, erklärt ein Vater, der von Beruf Erziehungsberater ist. „Bespaßung oder Spaßbildungspolitik bis 16 Uhr schaffen viele nicht, viele Kinder sitzen dann von 16 bis 18 Uhr in der Ecke“. Auch für außerschulische Interessen,  Aktivitäten, Sport, Musik , die  frühestens ab 16. 30 Uhr beginnen könnten, sei es dann  für viele zu spät. Ebenso für Ergotherapie oder  Arztbesuche.

Ein Problem, das ganz besonders Eltern von Kindern mit Behinderungen und sonderpädagogischem Förderbedarf betrifft. Für Therapien und Fördermaßnahmen am Nachmittag, für viele Kinder existentiell wichtig, läßt ein langer Schultag bis 16 Uhr keine Zeit, so wird berichtet.

Das zweite Riesenproblem seien die Vorschulkinder, ergänzt eine Erzieherin. Auch diese sollen auch in die GBS Betreuung fallen. Für Vorschulkinder gelte im Moment ein Betreuungsschlüssel von 1:11, bei GBS sei aber nur noch ein Schlüssel von 1: 23 für die Kinder vorgesehen. Es sei noch ungeklärt, ob das dem Gesetz entspricht.

 „Wir haben Angst, dass Kinder als Personen im GBS, Ganztagsschule und Mulitifunktionsräumen verloren gehen“, so ein Vater. „Wir haben uns das Konzept unseres Hortes genau angeschaut und diesen Hort bewußt ausgesucht“. Das Konzept, berichtet er sei in 40 jähriger Erfahrung aufgebaut worden, ebenso die große Kursvielfalt. „Der Hort soll jetzt auslaufen, nächstes Jahr sind wir dann ohne Betreuung. Ich sehe das nicht ein, wir wollen, dass unsere Kinder im Hort bleiben“.

Ein anderer Hort sei gerade neu gebaut worden, mit moderner Ausstattung, erzählt eine Mutter, jetzt soll er schließen. Die anderen Eltern bestätigen das. Viele Horte hätten in den letzten Jahren mühevoll ihre Ausstattung verbessert, Räume ausgebaut, Spiele speziell für Schulkinder angeschafft. Jetzt sollen diese Horte geschlossen werden. „Wir machen bestehende Räume in Horten kaputt, ohne neue zu bekommen“, so das Resumee eines Vaters.

„Wir wollen den Kindern die Freiheit erhalten, früher nach Hause zu gehen“. eine Mutter. Auch sie ist sehr zufrieden mit dem Hort und will ihn nicht aufgeben. Doch die Kitagutscheine sollen nächstes Jahr auslaufen, berichten Eltern. Aus Angst, dass Kinder dann ganz ohne Betreuung dastehen, stimmten ihre Schulen jetzt für die Einführung von GBS. Der Elternrat seiner Schule fühle sich klar erpreßt, erklärt ein Vater.

Die LEA Vertreterin berichtet über eine weitere Neuentwicklung an den Schulen:  Es gebe immer mehr Rückmeldungen von Eltern aus Schulen, die sich jetzt für die gebundene Ganztagsschule entscheiden, erklärt sie. Der Grund: „Man wählt Ganztagsschule, weil man Angst hat, dass sich die Eltern bei GBS verabschieden, deshalb führt man den Zwang zur Schulfplicht ein“.

Die versammeltern  Eltern sind entschlossen, diese Entwicklungen nicht einfach hinzunehmen.  Ein ersten Schritt seien Zusatzprotokolle bei der Abstimmung der Schulkonferenz, so die Empfehlung einer Mutter.

„Unsere Schule wollte eigentlich auch gegen GBS stimmen. Damit niemand ohne Betreuung bleibt, macht sie nun doch mit“, berichtet die Mutter. Deshalb wolle die Schulkonferenz ihrer Schule jetzt in einem Zusatzprotokoll festhalten, dass sie nur unter dem Druck des drohenden Wegfalls jeglicher  Betreuung für GBS gestimmt habe, erklärt die Mutter. Das rät sie auch andereren Schulen, um den Zwang bei der Abstimmunt auch gegenüber der Behörde zu dokumentieren. 

Bei den Eltern – Umfragen an den Schulen, so die Kritik einer Mutter, werde nur nach den vier Ganztagsschul – Modellen gefragt. Der Vorschlag aus der Eltern-Runde: Die Schulen sollten die Frage an die Eltern nachreichen, ob sie sich lieber für den Hort entscheiden wollen und dies auch in die Dokumentation für die Behörde mit aufnehmen.

Was an diesem Abend immer klarer wird, was alle Eltern, Erzieher, Vertreter von Schulen, LEA , darunter Eltern mit ganz unterschiedlichem politischem Hintergrund vereint. Sie sind entschlossen, sich sich gegen diese Ganztags-Schulreform wehren.

Wie dies geschehen soll, darüber machen an diesem Abend viele Vorschläge die Runde. Dies wird von den Eltern weiter intern diskutiert.

Am Ende haben sich aber alle auf vier Grundforderungen an Schulsenator Rabe und die Schulbehörde geeinigt:

1. Entschleunigung 

2. Flexibilität

3. Kein Zwang: D.h. keine flächendeckende Einführung der gebundenen Ganztagsschule für alle.

4. Kein Zurück unter die bisherigen Bedingungen der Betreuung von Kindern, wie sie bisher für den Hort galten.

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Freiwillige Ganztagsschule: Politikerversprechen, Elternprotest und ein Freiwilligkeitsgesetz

28 Nov

Freiwilligkeit für Ganztagschule, das ist plötzlich ein beliebtes Versprechen von Hamburger Politikern. „Wir machen es freiwillig“, hatte in der letzten Woche Schulsenator Rabe dreimal laut der versammelten Bürgerschaft entgegengerufen. Und die WELT am Sonntag  zitierte gestern den „CDU Bildungsexperten Robert Heinemann“. Dieser habe den Antrag seiner Fraktion für die Ganztagsbetreuung als „ freiwilliges Angebot“ elternnah begründet: „Was Eltern sicher nicht wollen, ist ein unflexibler Zwang“. Gegen Senator Rabe habe R. Heinemann dann  „gewettert“.  „Das ist Politik gegen berechtigte Elterninteressen“.

Die Proteste der Eltern von Hamburger Hort- und Grundschulkindern haben also die Politik erreicht. Die Eltern wehren sich gegen die Mängel der Ganztags- Schulreform von Ties Rabe, vor allem gegen die an mindestens drei Tagen vorgeschriebene Anwesenheitspflicht aller Kinder bis 16 Uhr in der „ganztägigen Bildung und Betreuung“ GBS.

Viele Eltern sehen die plötzlichen Versprechen der Politiker in diesen Tagen jedoch mit Misstrauen. Sie wissen, ein Bundes-Masterplan der SPD sieht die  flächendeckene ganztägige Schulpflicht für alle Kinder in gebundenen Ganztagsschulen für ganz Deutschland vor.  Und auch Ties Rabe hatte noch im August die jetzt versprochene Freiwilligkeit der „offenen Ganztagsschule“ zur Übergangslösung erklärt:

Ich erwarte, dass sie sich in großer Schnelligkeit in die gebundene Form entwickelt“, wenn die offene Form jetzt überall eingeführt wird“, sagte er.„Ich bin der festen Überzeugung, das wird kommen“.  Die„gebundene GTS“….. sei für ihn auch das „das pädagogisch beste Modell“, so Rabe auch im Juni im Schulausschuss.

Viele Eltern wünschen sich aber, das machen sie in diesen Tagen deutlich, flexible Abholzeiten für ihre Kinder,  bei GBS und offener Ganztagsschule. Und sie wünschen damit auch keine verpflichtende Ganztagsschule mit Schulpflicht bis 16 Uhr für alle.

Doch welche Sicherheit haben Hamburgs Eltern, dass die Politiker die Versprechen dieser Tage ernst meinen und einhalten? Dass sie als Eltern zumindest die Wahl zwischen offener und gebundener, Pflichtganztagsschule für ihre Kinder haben, dass Ganztagsschule also auch künftig freiwillig bleibt?

Eine denkbare Sicherheit für Hamburgs Eltern wäre es, die Freiwilligkeit der Ganztagsschule im Hamburger Schulgesetz zu verankern. So hätten Eltern, die keine verpflichtenden Ganztagstage für ihre Kinder wünschen, ein einklagbares Recht und damit eine Grundlage für evtl. Klagen, so wie vor vier Jahren in Bremen geschehen. Dort hatten Eltern einer Schule, die in Ganztagsschule umgewandelt wurde, für den Erhalt des Halbtagsunterrichts für ihren Sohn geklagt. Sie waren damit vor Gericht erfolgreich, obwohl sie mit diesem Wunsch mit einigen anderen Eltern nur eine Minderheit der Elternschaft  dieser Schule waren.

Doch in Hamburg haben Eltern auch mit gesetzlichen Regelungen schlechte Erfahrungen gemacht. Denn, was heute kaum noch jemand weiß, noch bis Dezember 2004 gab es auch im Hamburger Schulgesetz ein „Freiwilligkeitsgebot“ wie in Bremen.

Die Entscheidung über den Besuch der obligatorischen Ganztagsschule ist den Erziehungsberechtigten freigestellt.“, hieß es  in § 13 Abs. 3 S. 1 Hamburger Schulgesetz in der Form von 1997.  Es handelte sich dabei um das Recht einzelner Eltern, sich für oder gegen Ganztagsschule für ihre Kinder zu entscheiden. Ein individuelles Recht also, das nicht von Gremien, Schulkonferenzen, Mehrheitsentscheidungen oder anderen Kollektiven ausgeübt und den einzelnen Eltern damit entzogen werden konnte. 

Abgeschafft wurde dieser Satz des Hamburger Schulgesetzes   von der damaligen CDU Regierung: Eine Entscheidung, gegen deren Folgen sich damals viele Eltern in Hamburg wehrten. Eltern, die die Einführung der Schulzeitverkürzung G8 kritisierten und die sich vor allem gegen die neuen verpflichtenden, langen Schultage und die Umwandlung aller Hamburger Gymnasien in verpflichtende Ganztagsschule  engagierten.

Immerhin bietet sich den Politikern, die sich jetzt öffentlich für Freiwilligkeit der Ganztagsschule  aussprechen, damit ein möglicher Weg an, das verbreitete Misstrauen vieler Hamburger Eltern zu entkräften. Die Politiker könnten parteiübergreifend die Freiwilligkeit der Ganztagsschule wieder in das Schulgesetz aufnehmen, und damit ihre Glaubwürdigkeit bestärken.

Durch echte Offenheit gegenüber den Elternwünschen, anstelle  öffentlichkeitwirksamer Versprechen in der Bürgerschaft , könnten Hamburgs Politike darüber hinaus noch mehr zu ihrer Glaubwürdigkeit bei Hamburger Eltern beitragen.  Viele Eltern, das wurde an den letzten Treffen der betroffenen Netzwerker klar, wünschen sich einen Erhalt vielfältiger Betreuungsangebote.

Freiwilligkeit, eine qualitativ gute Ausstattung der Ganztagsschule , geeignete Räume, fachlich qualifiziertes Personal und  flexible Öffnungszeiten für Kinder und  Eltern, die sich neben der Arbeit auch Zeit miteinander wünschen, das wäre schließlich eine echte Werbung für die neue Ganztagsschule von Ties Rabe. Damit könnte er die Eltern wohl am besten von seiner Ganztagsschul-Reform überzeugen.

Landeselternausschuss Kindertagesbetreuung LEA,Eimsbüttel Bezirkselternausschuss,Kindertagesbetreuung BEA,Die gewählte Vertretung der Eltern mit Kindern in Kita- Betreuung in Eimsbüttel

INITIATIVE BILDUNG UND VIELFALT

Einladung:

Zweites GBS-Vernetzungstreffen am Dienstag,

den 29.11.2011 um 19.30 Uhr im

„Wüstencafé(Gustav-Falke-Straße nahe Bogenstraße)

Der Raum wird ausgeschildert sein.

Was verändert sich durch das Inklusionskonzept von Ties Rabe, wird die Förderung schlechter oder besser? Das Interview

25 Nov

Die „Eckpunkte für ein neues Konzept zur inklusiven Bildung“  von Hamburg Schulsenator Ties Rabe haben in dieser Woche heftige Kritik ausgelöst. Die Förderung der Kinder werde sich damit deutlich verschlechtern, so Opposition und Gewerkschaften.  Auch Eltern, Schülern,  Lehrer, demonstrierten mit Verbänden und Gewerkschaften für mehr Geld und bessere Ausstattung  für inklusive Schulen. Die „Förderung sei mehr als doppelt so hoch wie unter CDU und GAL“ verteidigte  dagegen der Schulsenator sein Konzept. Eine Kontroverse, die betroffene Eltern und Schüler verwirren kann. Doch was verändert sich durch das „Rabe – Konzept“ für die Kinder,  wird die Förderung schlechter,  oder besser?

Diese Fragen stellt Kirschblog heute der Sonderpädagogin Kristine Leites, die als 1. Vorsitzende für den Hamburger Landesverbandes der Deutschen Gesellschaft für Sprachheilpädagogik e. V. spricht. Als Sonderpädagogin an einer integrativen Grundschule kennt sie die Arbeit für die Inklusion aus der Praxis.

Kirschsblog: Schulsenator Rabe hat in dieser Woche sein Konzept für die Inklusion vorgestellt. Sie sind Vorsitzende eines Verbandes von Sonderpädagogen und haben jahrelang Erfahrung sowohl mit der Inklusion an einer integrativen Grundschule als auch mit der Arbeit an Sonderschulen: Wie beurteilen sie das Inklusionskonzept des Schulsenators?

Kristine Leites: Besonders für Schüler mit Sprachbehinderung, Lernbehinderung und Verhaltensstörung wird das zu einem großen Problem werden, weil es zu einer erheblichen Reduzierung der fachspezifischen Förderung für sie führt.

Kirschsblog: Was heißt das konkret?

Kristine Leites:  Das fängt schon mit der Definition von Behinderung an, die Schulsenator Rabe entgegen dem Sozialgesetzbuch umdefiniert. Er nimmt die Kinder mit Sprach-, Lernbehinderung und Schweren Verhaltensstörungen aus dem Behinderungsbegriff heraus. Rabe unterscheidet plötzlich bei den Schülern mit besonderen Beeinträchtigungen (Noch Sonderschülern) zwischen „Behinderten“ und „Schülern mit Förderbedarf“. Das bedeutet die Aberkennung des Behinderten-Status‘ für alle Lernbehinderten, Sprachbehinderten und Verhaltensgestörten. Diese heißen nun „Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf in den Bereichen Lernen oder Sprache oder sozial-emotionale Entwicklung“ (LSE). Aber die Frage, was eine Behinderung ist, ist keine Ansichtssache, sondern fachwissenschaftlich und gesetzlich im 9. Buch des Sozialgesetzbuch, Paragraph 2, zum Thema Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen definiert: 

Sonderpädagogische Förderbedarfe, auch im Bereich Sprache, Verhalten oder Kognition, sind Behinderungen, im klinischen und auch im gesetzlichen Sinne. Eine echte Verhaltensstörung, Lern- oder Sprachbehinderung, die Fachpädagogen sehr wohl von einfachem Förderbedarf ohne Behinderungscharakter unterscheiden können, schränkt  die Betroffenen bei der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und beim Erwerb größtmöglicher individueller Autonomie ebenso ein wie eine Körper- oder Sinnesbehinderung – der Laie kann es nur i. d. R. nicht spontan erkennen.

Mit dem Begriff „Förderbedarf“ wird deren Behinderung bagatellisiert. Das führt dazu, dass die fachspezifischen Ressourcen, die diesen Kindern zur Verfügung gestellt werden, deutlich reduziert werden, indem der bisherige Umfang der an Sonderschulen und in der bisherigen Integration vorhanden war, drastisch gekürzt wird. Diese Schüler verlieren damit ihren bisher klar definierten, persönlichen und einklagbaren Anspruch auf  fachspezifische Förderung, und damit zusammenhängende materielle Leistungen. Dazu gehören sowohl persönlich zugeordnete Sonderpädagogen-Stunden als auch besondere Hilfs -und Unterrichtsmittel, eine spezielle Ausstattung der Unterrichtsräume, Busbeförderung, Ermäßigungen bzw. Kostenbefreiungen etc. Diese Ansprüche sind jetzt bedroht, und zwar für alle Schüler, die aus der Definition „Behinderung“ durch das Konzept von Schulsenator Rabe ausgenommen werden, das sind also auch viele materielle Ressourcen. Das betrifft alle Schüler mit Lernbehinderung, Sprachbehinderung und Schwerer Verhaltensstörung.

Kirschsblog:  Schulsenator Rabe hat sich für das Inklusionsmodell entschieden, in dem nicht dem einzelnen Kind, sondern der Schule pauschal die Fördermittel und Ressourcen zugerechnet werden, und zwar auf der Grundlage einer bestimmten errechneten Quote von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Das ist die sogenannte systemische Fördermodell. Wie schätzen sie das ein?

Kristine Leites: Grundsätzlich ist gegen eine systemische Resssource nichts einzuwenden. Im Gegenteil, die Schulen brauchen auf jeden Fall eine verlässliche Basisausstattung an Sonderpädagogen. Aber das reicht bei weitem nicht aus, zumal die sytemische Ressource pauschal den Schulen zugewiesen wird, unabhängig von der tatsächlichen Anzahl von Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf am einzelnen Standort. Das heißt, eine Schule mit sehr vielen Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf wird dann „Pech“ haben, sie bekommt trotzdem nicht mehr Ressourcen. Das heißt die Förder- und Therapiezeit für das einzelne Kind muß gekürzt werden. Auf diese Weise wird man kaum noch die eigentlich möglichen nachhaltigen Förderwirkungen erzielen können.

Kirschsblog: Herr Rabe will die Förderung regional nach sozialer Lage der Schulen, und damit nach Kessgebieten gefächert, unterschiedlich gewichten.

Kristine Leites: Auch das ist für einige Bereiche problematisch. Er bezieht sich bei den Kessgebieten vor allem auf die Schüler, die bisher an Schulen für Lernbehinderte (sog. Förderschulen) waren. Dort mischt sich die eigentliche Behinderung mit milieubedingten Störungen des Lernens und des Verhaltens. Es gibt viele Schüler, die Probleme im Bereich Lernen und Verhalten haben. Nicht immer ist das angeboren, häufig hat es mit dem sozialen Umfeld zu  tun. Echte Sprachbehinderungen hingegen treten unabhängig vom sozialen Hintergrund der Eltern auf. Und auch schwere Verhaltensstörungen, wie z.B. ADHS, können in jeder Familie vorkommen.

Kirschsblog: Sie sind schon als Lehrerin in der Inklusion an einer Grundschule tätig. Was bedeutet dieses Konzept für Ihre Schüler, was verändert sich für sie.

Kristine Leites: Für sie wird sich verändern, dass die ohnehin schon knapp bemessenen Förderressourcen nochmals gekürzt werden müssen, weil immer mehr Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf an unsere Schule kommen und gleichzeitig nur noch eine pauschale systemische Ressource,  die mit auch sehr knapp ist, zugewiesen wird. Diese Ressource, das ist ein wichtiger Kritikpunkt, beträgt „1,5  Stellen für durchschnittliche Grundschulen“. Doch diese 1,5 Stellen sind nicht näher definiert. Das sind nicht 1,5 Sonderpädagogenstellen, sondern die werden geteilt in Sonderpädagogen, Erzieher und Sozialpädagogen. Erzieher und Sozialpädagogen sind aber keine speziell ausgebildeten Sonderpädagogen, die die Kinder mit Behinderungen tatsächlich therapieren und unterrichten können. Der Anteil der Sonderpädagogen dabei soll nur 40 Prozent betragen. Eine drastische Verschlechterung gegenüber 75 Prozent in den bisherigen integrativen Modellen.

Kirschsblog: Sie haben schon erwähnt, es sollen nun viele Sonderschulen abgeschafft werden. Wie beurteilen Sie das?

Kristine Leites: Wir brauchen, wie gehabt, beides, die integrative Beschulung für die Kinder, die dafür geeignet sind, das sind in Regel die leichteren Fälle, und wir brauchen unbedingt den Erhalt der Sonderschulen auch für die sprach- und die lernbehinderten Kinder, weil es sehr viele Kinder gibt, für die eine integrative oder inklusive Beschulung bei weitem nicht ausreicht, um ihr persönliches Potential zu heben und sie ausreichend für ihren gesamten Lebensweg zu fördern. An den Sonderschulen kann eine wesentlich höhere therapeutische Intensität erreicht werden, weil der gesamte Schulalltag Therapie ist, auf die speziellen Bedürfnisse dieser Schüler ausgerichtet ist, die die Klassen wesentlich kleiner sind und dort der gesamte Unterricht von speziell ausgebildeten Sonderpädagogen durchgeführt wird.

Kirschsblog: Ist das Ihre spezielle Kritik als Sprachheilpädagogin oder gibt es in dieser Frage bei den Sonderpädagogen allgemeinen Konsens?

Kristine Leites: In der Frage der Ressourcenausstattung herrscht weitgehend Konsens, vor allem unter den Praktikern, die ja schon lange vor Ort in der Integration tätig sind. Für die war die bisherige Ausstattung schon zu knapp und die sind der Meinung, dieses wird bei weitem nicht ausreichen und wird zu einer drastischen Verschlechterung der fachspezifischen Förderung für die betroffenen Kinder führen.

Bedingungen der Integrationsklassen verschlechtern sich: Schulsenator Rabe stellt Eckpunkte seines Inklusionskonzeptes vor

23 Nov

Ties Rabe nannte Zahlen, zitierte Graphiken und Quotenberechnungen, verwies auf wissenschaftliche Grundlagen – dabei ging es um Kinder in Hamburg. Die Frage: Wie kann Inklusion gelingen, wie kann  man Paragraph 12 des Hamburger Schulgesetzes umsetzen, nach dem Kinder und Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf seit dem Jahr 2010 das Recht haben, Regelschulen zu besuchen. In einer überraschend noch vor der Haushaltssitzung der Bürgerschaft angesetzten Pressekonferenz stellte der Schulsenator gestern seine „Eckpunkte für ein neues Konzept zur inklusiven Bildung„ vor. Trotz der vielen Zahlen blieb dabei vieles unklar.

Klar ist allerdings, dass der Schulsenator sich mit seinem Inklusionskonzept für eine von zwei sehr unterschiedlichen wissenschaftlichen Empfehlungen entschieden hat. Denn die Wissenschaft, das hatte eine Expertenanhörung des Schulausschusses vor einer Woche gezeigt, ist sich keineswegs einig. Es gibt vielmehr unterschiedliche Auffassungen darüber, wie Inklusion gelingen kann.

Ties Rabe hat sich für das Modell entschieden, nach dem Fördermittel und Ressourcen nach einer pauschalen Quote berechnet in alle Regelschulen in Hamburg fließen soll. Er will damit das bisher übliche Integrationsmodell ablösen, bei dem die Verteilung sonderpädagischer Mittel und Förderstunden, von Diagnose bis zu der Anzahl der Stunden, dem einzelnen Kind zugerechnet werden, das dann quasi „Huckpack“ seine Fördermittel mit in die Regelschule nimmt.

Klar wurde heute auch: die bisherigen Bedingungen der Integration an Regelschulen werden  sich verschlechtern. Zwar betonte T. Rabe, er habe im Sommer 120 Stellen für Erzieher und Sozialpädagogen bereit gestellt, um die Förderung zu verbessern, zusätzlich zu 60 neuen Stellen der Vorgängerregierung. Aber, so räumte er ein, damit würde das Niveau der bisherigen Integrationsklassen nur „beinahe“ erreicht, denn Ressourcen und Mittel werden auf alle Regelschulen verteilt.

Insgesamt geht es um  6 bis 7 Prozent der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Dabei sei, so Rabe, zwischen zwei Gruppen zu unterscheiden.

Zum einen die Gruppe der Kinder mit geistigen, motorischen körperlichen Behinderungen (zB. Down Syndrom oder Autismus), das sind ca. zwei Prozent der Kinder. Für sie soll es künftig die Wahl zwischen 50 bis 60 Regelschulen in Hamburg geben, die schon seit Jahren Erfahrungen mit Integration gesammelt hätten, und entsprechend fachlich qualifiziert und räumlich darauf eingestellt seien. Für diese Kinder gilt also künftig nicht die freie Wahl zwischen sämtlichen Hamburger Regelschulen. „Das kann nicht jede Schule leisten“, erklärte T. Rabe. Es werde aber ein regional „vernünftig verteiltes Angebot“ geben. 

Die Kinder mit Behinderungen sollen künftig 7 zusätzliche Unterrichtsstunden an Halbtagsschulen und 9 Unterrichtsstunden an Ganztagsschulen erhalten, wobei möglichst drei bis vier Kinder in einer Klasse sein sollen. Bei vier Kindern seien das insgesamt 28 Unterrichtsstunden. Darüber hinaus bleiben für die Kinder mit Behinderungen auch die Sonderschulen erhalten, und zwar da „wo sie sind und wie sie sind“.

Die zweite Gruppe sind die Kinder mit Förderbedarf in den Bereichen Lernen, Sprache und emotionale Entwicklung (LSE). Für diese Gruppe gilt: Allgemeine Schulen im Halbtagsbetrieb erhalten für diese Kinder 3, 5 zusätzliche Unterrichtsstunden, 3, 8 an Ganztagsschulen. Diese Stunden werden den Schulen nach einer pauschalen Quote zugewiesen. Noch vor kurzem sei man von einer Quote von 4 Prozent Kindern mit LSE Förderbedarf ausgegangen, doch sei diese Quote in den letzten zwei Jahren auf über 6 Prozent „hochgeschnellt“, so habe man nun eine Quote von 5 festgelegt. Man wolle mit dieser festen Förder – Quote für Schulen weg vom Gedanken der  „Huckepack“ Förderung für das einzelne  Kind“ und mehr auf eine Veränderung des Unterrichts abzielen.

Die Schulen sollten dabei die Freiheit haben, selber zu entscheiden, wieviel Ressourcen die Kinder bekommen. „Wir schreiben nicht vor, dass jedes Kind die 3, 5 Stunden bekommt“. Über die Verwendung der Mittel werde es in Zukunft Rechenschaftsberichte geben. „Wir müssen sicherstellen, dass das beim Kind ankommt.“

Für die Mittelverteilung und Rechenschaftsberichte soll es nach den Plänen von Ties Rabe  in Zukunft  an jeder Schule einen sog. „Förderkoordinator“ geben. Dieser werde in Zukunft  für alle drei Förderarten zuständig sein: Die Lernförderung, die Sprachförderung und die sonderpädagogische Förderung. An Grundschulen sollen sich die zwei Bereiche Lern- und Sprachförderung für die sonderpädagogische Förderung „öffnen“, denn diese ließen sich nicht immer unterscheiden.

 Alle Schulen würden künftig Förderpläne für die Kinder ausarbeiten. Wie in den Integrationsklassen üblich, würden für den Unterricht und die Begleitung künftig rund 40 Prozent Sonderpädagogen und 60 Prozent Sozialpädagogen eingesetzt.

 Die Mittel sollen dabei nicht gleichmäßg an alle Schulen verteilt werden.. Vielmehr sei der Bedarf  für Förderung von Stadtteil zu Stadtteil sehr verschieden, erklärte T.Rabe. Während eine Schule in den Walddörfern kaum Schüler mit Förderbedarf habe, könne der Förderbedarf in anderen Stadtteilen wie Billstedt 7 mal höher sein. Er verwies auf eine Graphik, aus der die sehr unterschiedliche Verteilung der Schüler mit sonderpädagogischen Förderbedarf in verschiedenen Stadtgebieten zu erkennen war. Eine Auffächerung der sozialen Lage nach 7 sogenannten Kessgebieten soll neu überarbeitet werden, ergänzte der Schulsenator.

Unklar blieb dabei, wie die Sonderpädagogen,  Sozialarbeiter und Erzieher künftig an den Schulen und den unterschiedlichen Standorten verteilt und wie die sonderpädagische Förderung aller Schüler an allen Schulen gesichert sein soll. Unklar blieb besonders auch eine Frage, die im Moment viele Eltern beschäftigt: Wie soll dieses Konzept in den neuen Ganztagsschulen in HH umgesetzt werden, zB. in den Ganztags -Grundschulen? Die vorgesehenen Betreuuerschlüssel für die ganztagägige Bildung und Betreuung (GBS) sind schlechter als die bisherigen Hortbetreungsschlüssel und lassen nach der derzeitigen Planung keinen Raum für sonderpädagogische Förderung erkennen.  

Alle 25 Sprach- und Heilschulen sollen nach dem Konzept des Schulsenators ferner mit den 14 regionalen REBUS (regionale Beratungs- und Unterstützungsstelle) zu rund 14 regionalen Bildungs- und Beratungszentren zusammengelegt werden. Dort sollen künftig Lehrer und Schulen beraten und Förderkinder „dauerhaft“ beschult werden. Darüber hinaus sollen dort auch Kinder über kürzere Zeiträme, d.h. einige Wochen oder Monate, unterrichtet werden.

Das Konzept von Ties Rabe bezieht auch Gymnasien mit ein. Ihnen soll die „Möglichkeit eröffnet werden“, ebenfalls Kinder mit sonderpädagogischen Förderbedarf aufzunehmen, auch „wenn diese die Leistungsstandards nicht erreichen“. Diese sollten „zieldifferenziert“ unterrichtet werden, erklärte er. Diese Schüler der Gymnasien bekämen so zusätzliche „Professionalität“ und die „zusätzliche Bildungsaspekte auch in Punkto Sozialverhalten“ erklärte Ties Rabe. Ich setze dabei auf Freiwilligkeit, ergänzte T. Rabe, es gebe schon Interesse von Gymnasien.

Mit der Umsetzung seines Konzepts will Ties Rabe im nächsten Schuljahr beginnen, angefangen mit den 1. und 5. Klassen und dann in sechs Jahren hochwachsend in allen Jahrgänge. Inhaltliche Beratungen sollen in Januar abgeschlossen sein, Lehrerfortbildungen „nach März losgehen“. Spätestens Ende Mai soll der gesamte Prozess dann endgültig abgeschlossen sein.

Unklar blieb am Ende auch die Frage nach den Kosten seines Inklusionskonzeptes : „zig Millionen“, sagte T. Rabe an einer Stelle und am Ende stellte er fest , das sei  „schwer zu sagen“.

Ties Rabes Ganztagsbetreuung: fachliche Qualifikation wünschenswert aber nicht Bedingung

20 Nov

Die folgende Anzeige spricht für sich. Dies ist die qualifizierte Betreuung, die Schulsenator Rabe Eltern für seine SPD Ganztags-Schulreform versprochen hat. 

Niendorfer Wochenblatt, 5.1.2011,

„Die Nachmittagsbetreuung der Schule Burgunderweg sucht

5 Minijobber auf 400 EuroBasis,

zur Unterstützung im Kinderdienst,

Schüler der 1-4. Klasse

„Fachliche Qualifikation wünschenswert aber nicht Bedingung“ 

Arbeitszeit Mo. -Do. von 14 -16 Uhr.

Schriftliche Bewerbung an:

Nachmittagsbetreuung der Schule Burgunderweg.

Z.Hd. Fr. Schreck – Burgunderweg 2 – 22453 Hamburg“

 

Es handelt sich um eine integrative Grundschule!

nachzulesen bei Facebook, bei Peter Paula

 

 

Geschockte Eltern: „Gebundene Ganztagsschule für alle“ auch in Hamburg: offene Ganztagsschule nur ein Übergang?

18 Nov

Die Ganztagsschule mit der „Ganztägigen Bildung und Betreuung“, GBS,  und die offene Ganztagsschule in Hamburg sollen nur eine Übergangslösung sein, auf dem Weg zur gebundenen Ganztagsschule mit Ganztagspflicht für alle. Diese ist das eigentliche schulpolitische Ziel der SPD Ganztags-Schulreform in Hamburg. Das haben verläßliche Quellen aus der Schulbehörde nach Angaben von Vertretern des Landeselternausschusses Kindertagesbetreuung,  LEA,  ganz offen erklärt, wie eine LEA Vertreterin gestern betroffenen Eltern berichtete

Die Eltern aus Grundschulen und Horten waren nach einem Treffen in der vergangenen Woche gestern zum zweiten mal aus ganz Hamburg zu einem „Vernetzungstreffen“ zusammengekommen.

Die Eltern aus Billstedt, Altona,  Bramfeld, Eimsbüttel, den Walddörfern, und anderen Stadteilen hat die Empörung und Kritik an der SPD Ganztags-Schulreform zusammengebracht.  „Wir wollen, dass die Kinder im Hort bleiben“, „wir wollen keine Änderung“, ich bin total dagegen“, „das Ganze ist übers Knie geborchen“, so die  Kritik der Eltern gestern. Es werde jetzt in den Schulen Druck auf Eltern ausgeübt, sich für Ganztagsschule zu entscheiden, worden, weil die Horte geschlossen würden, erklären die aufgebrachten Eltern.
 
Sie habe stapelweise Mails von Eltern, die nicht zum Treffen kommen konnten aber genauso empört seien, erklärte eine LEA Vertreterin. Viele Eltern wüßten außerdem noch gar nicht, was auf sie zukommt. Das gilt vor allem für die Tatsache, dass auch an der offenen Ganztagsschule künftig Schulpflicht bis 16 Uhr gelten soll, und zwar je nach Modell an drei oder vier Tagen, also wie bei der gebundenen Ganztagsschule. Viele haben gestern erst von den Elternvertretern des LEA exakte Informationen über die Ganztags -Schulreform und die vier Modelle erhalten, die im Moment zur Wahl stehen.
 
Was bisher auch niemand wissen konnte: Den Eltern, die sich jetzt noch für offene Ganztagsschule entscheiden, droht, dass sie schon bald ihre Wahlfreiheit verlieren.  Zwar gibt es noch die Möglichkeit, ein Kind um 13 Uhr abzuholen. Doch damit soll bald Schluss sein. Das  sieht der gestern von Kirschblog veröffentlichte Masterplan der Bundes SPD vor, in dem es heißt: „Ziel ist die gebundene Ganztagsschule für alle“. 
 
Jetzt sei aber nach Angaben aus der Schulbehörde erstmalig klar: Die „gebundene Ganztagsschule für alle“ ist auch das Ziel der SPD Ganztags-Schulreform in Hamburg, so die Information aus dem LEA gestern. Auch in Hamburg soll es demnach bald keine Halbtagsangebote  für Kinder mehr geben,  auch nicht an offenen Ganztagsschulen. Alle Schulen,  die offenen Ganztagsschulen und auch die ganztägige Bildung und Betreuung, GBS, sollen demnach gebundene Ganztagsschulen werden, so gestern ein Mitglied des Vorstandes des LEA.
 
Damit würde den Eltern in Hamburg die Wahlfreiheit zwischen Halbtagsangeboten, offenen Abholzeiten bei der Nachmittagsbetreuung wie bisher bei den Horten, oder anderen Betreuungen von Kirchen oder offener Jugendpflege entzogen.
 
Entzogen wäre damit auch das Erziehungsrecht der Eltern am Nachmittag. Das betrifft ihr Grundrecht nach Art. 6 Grundgesetz. Siehe Beitrag Kirschsblog, rechtliche Grenzen der Ganztags – Schulreform. 
  
Es geht den Eltern dabei auch um die Rahmenbedingungen, zu denen Kinder betreut nachmittags werden sollen. Klassenzimmer  – Kästen, fehlende Bwegungsmöglichkeiten, kein Platz zum Toben und Spielen und kaum sinnliche Anregungen. Es sind  Rahmenbedingungen, die schon beim Vorläufermodell GABI von GAL und CDU von Eltern heftig kritisiert worden sind.
 
An ihnen hat sich aber auch bei GBS wenig geändert.
 
Hinzu kommt jetzt die starre Schulpflicht, ohne Möglichkeit für sozialen Austausch und  Begegnungen mit anderen Kindern außerhalb der Schule, im Sportvereinen, Musikschulen, Chören, Opern, und für ein Familienleben am Nachmittag.
 
Größte Sorgen haben besonders auch Eltern von Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Therapien, Arztbesuche, individuelle Förderung, individuelles Engagement, Ansprache und Förderung durch ihre Eltern, all das wird  am Nachmittag nach diesen Masterplänen der SPD nicht mehr möglich sein. 
 
Was gestern klar wurde: Viele Eltern wollen all das  nicht hinnehmen. Sie sind entschlossen, sich dagegen zu wehren und  für Wahlfreiheit, und Vielfalt der Betreuungsangebote zu kämfen, sowie auch für bessere Qualität. Bei weiteren Folgetreffen wollen sie überlegen, was sie nun unternehmen können.
 
 

Masterplan der Bundes SPD „Ziel ist die Gebundene Ganztagsschule für alle“

17 Nov
 

Die Elternproteste in Hamburg gegen GBS und die SPD Ganztags-Schulreform machen klar: Qualitativ gut ausgestattete Ganztagsschulen sind für viele Kinder und Eltern ein wichtiges schulisches Angebot, das sich auch viele Eltern wünschen.  Allerdings nicht als Ganztagszwang für alle, mit Schulpflicht bis 16 Uhr an drei oder vier Tagen der Woche. Ein großer Teil der Eltern, das wird in diesen Tagen deutlich, fordert neben mehr Qualität vor allem Flexibilität. Das wünschen sie sich für Arbeitszeiten  und  auch für Betreuungszeiten ihrer Kinder, besonders viele Mütter.  Sie wollen, das machen sie klar, Zeit mit ihren Kindern verbringen. Wieviel Zeit das ist, das wollen sie sich nicht von staatlichen Schulpflichtzeiten vorschreiben lassen, wie sie Hamburgs  SPD Schulsenator vorsieht. Das wollen sie selber bestimmen.

Vielen Eltern wurden die strengen Regelungen, die auch für offene Ganztagsschulen gelten sollen, erst in diesen Tagen  bekannt. So hätten sich in ihrer Grundschule zunächst 180 Eltern für die GBS Nachmittagsbetreuung  ausgesprochen, berichtet eine Mutter. Doch seit bekannt ist, dass sie sich damit für Ganztagsschule mit Schulpflicht bis 16 Uhr entscheiden, waren es bei der Abstimmung zuletzt nur noch 50 Eltern.

Was vielen bisher auch unbekannt war:  Ties Rabe führt mit seiner Ganztags-Schulreform nur aus, was die SPD auf Bundesebene schon vor einem Jahr beschlossen hat. Betroffene Eltern entdeckten jetzt bei ihren Recherchen über die Details dieser Reform folgendes interessantes Dokument.

In einem „Masterplan Ganztagsschule 2020“ aus der SPD Bundestagsfrakion von 2010 heißt es:   

Ziel ist die gebundene Ganztagsschule für alle!

hier ein Auszug:

„ARBEITSGRUPPE BILDUNG UND FORSCHUNG SPD Bundestags Fraktion ,

Beschlussfassung der AG Bildung und Forschung vom 26.10.2010, S.1

Masterplan Ganztagsschule 2020“ 

1.  Ganztagsschule als Ziel
 
Die Zeit ist reif: Deutschland braucht einen Masterplan Ganztagsschule, mit dem in einem ersten Schritt bis 2015 ein flächendeckendes und bedarfsgerechtes ganztägiges Angebot sichergestellt wird und mit dem in einem zweiten Schritt alle Schulen in Deutschland bis zum Jahr 2020 zu gebundenen bzw. offenen Ganztagsschulen weiterentwickelt werden

Ziel ist die gebundene Ganztagsschule für alle!

 Ganztagsschule ist unverzichtbar

aus pädagogischen Gründen, weil Schule mehr Zeit für Bildung, individuelle Förderung und offene Schulgestaltung braucht

aus integrationspolitischen Gründen, weil Ganztagsschule besser als jede andere Schulform die sprachliche, kulturelle und soziale Integration von Kindern, Jugendlichen und Familien mit Migrationshintergrund leisten kann

aus sozialpolitischen Gründen, weil sich in Ganztagsschulen Bildungschancen für alle  bzw. soziale und kulturelle Teilhabe am besten diskriminierungsfrei und mit niedrigen Zugangsschwellen organisieren lassen.

Die ganztägige Betreuung und Beschulung ist darüber hinaus auch gesamtgesellschaftlich ein großer Fortschritt, und zwar sowohl für die Familien, für die Gleichstellungspolitik wie die Wirtschaft:

 Längere garantierte Betreuungszeiten verbessern die Vereinbarkeit von  Familie und Beruf, von Erziehung und Erwerbstätigkeit. Gerade Mütter profitieren von den zusätzlichen Gestaltungsmöglichkeiten für einen beruflichen Wiedereinstieg und eine erfolgreiche Berufskarriere. 

Wirtschaftlich leistet ein weiterer Ausbau der ganztägigen Betreuung und individuellen Förderung somit kurzfristig einen direkten, langfristig über die höheren 

Bildungserfolgschancen für alle Kinder und dem tendenziell steigenden Bildungsniveau auch einen indirekten Beitrag zur Sicherung des  künftigen Fachkräfteangebots. „

 http://www.spdfraktion.de/cnt/rs/rs_datei/0,,13717,00.pdf

Damit wird ganz klar, was schulpolitisch auf Kinder und Eltern nicht nur in Hamburg zukommt. Viele Eltern wollen diese Entwicklung nicht hinnehmen.  Sie treffen sich heute, um zu überlegen, was sie dagegen tun können.

 Heute:

GBS-Vernetzungstreffen 17. November zur neuen offenen Ganztagsschule

 Hamburg: Wüstencafe im Emilie-Wüstenfeld-Gymnasium | Der Landeselternausschuss Kita-Betreuung (LEA), der Bezirkselternausschuss Eimsbüttel und das Hamburger Hortbündnis laden zu einem Vernetzungstreffen für Eltern mit Kindern in neuen offenen Ganztagsschulen (GBS) ein.

Aufgrund der aktuellen Diskussionen um die neuen offenen Ganztagsschulen (auch GBS oder Hort-Reform genannt) und der Rückmeldungen etlicher GBS-Eltern findet am am Donnerstag, den 17.11.11, ein Vernetzungstreffen interessierter Eltern im „Wüstencafe“ des Emilie-Wüstenfeld-Gymnasium statt.

Anfahrt:
U2 + U3 bis Schlump (ca. 350 Meter Fußweg)
Metrobus 4, Bus 181 bis Schlankreye (ca. 150 Meter Fußweg)
Metrobus 4 und 15 bis Bundesstraße (ca. 200 Meter Fußweg)

 

Rechtliche Grenzen der SPD Ganztags-Schulreform: Klage eines Hamburger Vaters

14 Nov

An der Nachmittagsbetreuung der offenen Ganztagsschule gilt wie bei gebundenen Ganztagsschulen künftig  Schulpflicht. Wer sich nicht daran hält, dem droht Strafe bis zu einem halben Jahr Gefängnis, das haben Politik und Behördenvertreter dem Landeselternausschusses Kindertagesbetreuung, LEA, klipp und klar gemacht. Das erklärten Mitglieder des Vorstandes des LEA bei einem Treffen am Mittwoch, den 9. November Eltern von Grundschulen und Kitas aus ganz Hamburg. 

Die Eltern empört das. Zwar soll es an den offenen Form möglich sein, dass Kinder um 13 Uhr nach Hause gehen. Doch viele Eltern brauchen Nachmittagsbetreuung. Wenn man sich aber für die Betreuung entscheidet,  soll es, anders als beim Hort, künftig an der offenen Ganztagsschule nicht mehr möglich sein, dass Kinder früher als 16 Uhr die Schule verlassen, sei es um Zeit mit den Eltern zu verbringen, oder für Sport, Musikunterricht oder andere außerschulischen Aktivitäten. Dies gilt je nach Modelle der Ganztagsschule für drei oder vier Tage in der Woche. Diese starren Regelung passt in vielen Fällen  nicht zu den Arbeitszeiten berufstätiger Eltern, insbesondere vieler Mütter, die sich flexible Arbeitszeiten erkämpft haben.

Viele Eltern fragen sich nun, ist die die  Schulpflicht an den Nachmittagen der Ganztagsschule, speziell der Offenen Ganztagsschule, überhaupt rechtlich zulässig. Gibt es für die Einführung von Ganztagsschule nicht rechtliche Grenzen? Was ist mit den Rechten von Kindern und Eltern?

Eine Frage, die nicht nur Grundschuleltern beschäftigt, sondern auch Eltern an Stadteilschulen und Gymnasien. „Ich möchte, dass jede Stadtteilschule, Ganztagsschule wird“, hatte Ties Rabe vor kurzem noch einmal bekräftigt. Und die Gymnasien in HH wurden schon bei Einführung des G8 vor 8 Jahren in Ganztagsschulen umgewandelt, mit zwei bis drei langen Tagen, an denen ebenfalls Schulpflicht gilt.

Die konkreten Fragen:  Was ist mit den Eltern, die am den Nachmittagen mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen wollen, als die starre Regelung der Schulpflicht bis 16 Uhr an drei oder vier Tagen der Woche vorsieht? Und außerdem: Was ist mit den Eltern, deren Schulen sich für die gebundene Ganztagsschule mit ganztägiger Schulpflicht für alle entscheiden, die ihre Kinder aber an Nachmittagen selber betreuen wollen?

Bei einer Pressekonferenz am 25.10. antwortete Schulsenator Rabe auf die Frage nach den Rechten von Eltern und rechtlichen Grenzen der GTS Reform:

 „Bei den Ganztagsschulen ist es so, dass wir in Hamburg einen bewährten Prozess haben. Die Schule selber beschließt im Rahmen eines Schulkonferenzbeschlusses, und die Schulkonferenz setzt sich zusammen aus Lehrern Eltern und Schülern bei den weiterführenden Schulen bzw. Lehren und Eltern bei den Grundschulen. Sie beschließt, ob sie Ganztagsschulen werden will, erstens, und zweitens, welche Form diese Ganztagsschule hat.“

Genau dies wird in diesen Tagen auch Eltern in den Schulen mitgeteilt. Die Schulkonferenzen sollen sich bis Dezember zwischen vier Formen von Ganztagschule entscheiden sollen. Wer Glück hat, ist dabei in einer Schule, die vor der Entscheidung der Schulkonferenz noch eine Elternbefragungen durchführt. Wie Eltern berichten, ist das aber nicht überall der Fall.

Doch dass es für dieses Vorgehen, wie auch insgesamt die Einführung von Ganztagsschule rechtliche Grenzen gibt, zeigt ein Urteil des Oberverwaltungsgerichts in Bremen vor vier Jahren.  Im Bremer Fall ging es um die Einführung des Ganztagsschulbetriebs für die gesamte Jahrgangsstufe eines Gymnasiums. Das Gericht hatte Eltern Recht gegeben, die eine Teilnahme ihres Kindes am dreitägigen Ganztagsbetrieb der Schule ablehnten. Sie gehörten zu einer einer Minderheit von 30 Prozent der Eltern der Schule, die sich gegen die Einführung der Ganztagsschule ausgesprochen hatten.

Die Schule wurde verpflichtet, diesen Eltern bzw. ihren Kindern einen Klassenverband mit Halbtagsbetrieb einzurichten. Für den Fall, dass eine Schule „ganz“ als Ganztagsschule betrieben wird (gebundene Form)“, muß laut Urteil „in zumutbarer Entfernung eine Halbtagsschule als Alternative zur Verfügung“ stehen.“ http://www.oberverwaltungsgericht.bremen.de/sixcms/media.php/13/1b24207b.pdf

Das Bremer Urteil bezieht sich in weiten Teilen zwar auf das Bremische Schulgesetz, enthält aber einen für Hamburg wichtigen Satz. Demnach „berührt eine der Schulpflicht unterliegende ganztägige Erziehung der Kinder das Erziehungsrecht der Eltern“, wie es in Artikel  6, Absatz 2 des Grundgesetzes geregelt ist. Darin heißt es: „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft„.

Im Bremer Urteil ist weiter von der „Zurückdrängung des elterlichen Erziehungsrechts für die Einführung einer Ganztagsschule in verpflichtende Form“ die Rede, für die es einer gesetzlichen Regelung bedürfe und die nicht der Verwaltung überlassen sein dürfe.

Nach dem Bremer Schulgesetz ist in Bremen der Besuch einer Ganztagsschule allerdings „freiwillig“. Ein entsprechender Satz wurde im Hamburger Schulgesetz aber gestrichen. Trotzdem wird aus dem Bremer Urteil deutlich, dass das im Grundgesetz enthaltene Erziehungsrecht der Eltern der Ausdehnung von „Unterricht  und weitere Förder- und Betreuungseinrichtungen der Schule in den Nachmittag“, wie es im Bremer Urteil heißt, rechtliche Grenzen setzt. Fraglich ist demnach, ob der Staat die Entscheidung über die Einführung von Ganztagsschulen an die Schulkonferenz verweisen darf, wenn deren Entscheidung zu einer „Zurückdrängung des elterlichen Erziehungsrechts“ der einzelnen Eltern für ihre Kinder führt.

Um diese Frage geht es auch in der Dissertation der Juristin Malaika Broosch Ganztagsschule und Grundgesetz“ aus dem Jahr 2007, in der sie die „verfassungsrechtlichen Rahmenbedingungen für die Einführung eines Ganztagsschulsystems in Deutschland untersucht“. So die Rezensentin dieser Dissertation, die Öffentlich Rechtlerin Annette Guckelberger von der Universität Saarland. Als Rezensentin fasst sie die Ergebnisse der Studie auch für Nichtjuristen gut verständlich zusammen:  

 Die mit der Einführung der Ganztagsschule verbundene inhaltliche und zeitliche Ausweitung der Schule enthält einen intensiven Eingriff in das Elternrecht……Angesichts der intendierten flächendeckenden Verbreitung der Ganztagsschule und der Abschaffung anderer Schultypen sieht Broosch die Gefahr eines faktischen Zwangs zum Besuch des neuen Schultyps.“  

In der Dissertation von M. Broosch geht es auch um die  Hintergründe der Ganztagsreform in Deutschland, wie sie auch von Hamburger SPD Regierung zur Begründung ihrer Ganztags – Schulreform genannt werden. Prof. Guckelberger fasst das in der Rezension ist so zusammen: „Bei der aktuellen Schulreform stünden vor allem sozialpolitische Erwägungen im Vordergrund (Integration benachteiligter Bevölkerungsgruppen, Entlastung der Eltern von der Hausaufgabenbetreuung, Ermöglichung der Berufstätigkeit für alle Elternteile). Ob das Sozialstaatsprinzip einen derartigen Eingriff in das vorbehaltlos gewährleistete Elternrecht zu rechtfertigen vermag, ist streitig. Broosch schließt sich angesichts der Weite des Sozialstaatsprinzips der verneinenden Ansicht an. Nach diesem stünden dem Staat vielmehr eine ganze Palette von Möglichkeiten zur Förderung der Chancengleichheit und der sozialen Gerechtigkeit zur Verfügung.“

Das Resumee von Prof. Guckelberger:  „Interessant ist, dass nunmehr in einer weiteren, sehr fundierten Studie erhebliche verfassungsrechtliche Zweifel an der obligatorischen Einführung des zurzeit diskutierten Ganztagsschultyps angemeldet werden.“

Die verfassungrechtlichen Zweifel betreffen vor allem die verpflichtende, gebundene Ganztagsschule, aber auch der offenen Ganztagsschule sind demnach Grenzen gesetzt, wie Prof. Guckelberger schreibt “ Bei der offenen Ganztagsschule entfalle aufgrund der Freiwilligkeit der Eingriff“ …in das Elternrecht, „solange den nicht am Ganztagsprogramm teilnehmenden Schülern keine Nachteile durch …..ungünstige Unterrichtszeiten entstünden“. https://bwv-verlag.de/Zeitschriften/Payment/RdJB/RdJB_3-2007/rdjb_3_07__389_rezension.pdf

Was bedeutet das für die Hamburger Eltern?

In der Frage an Schulsenator Rabe zu den rechtlichen Grenzen der Ganztags-Schulreform am 25.10 hatte Kirschsblog auch das Bremer Urteil erwähnt. Ties Rabe erklärte: „Eltern die unbedingt vermeiden wollen, dass ihre Kinder nachmittags in der Schule sind, können in Hamburg genügend Schulen (offene) finden, in denen diesem besonderen Wunsch Rechnung getragen wird“.

Was Eltern in Hamburg derzeit empört: Genau das trifft aber in Wirklichkeit gerade nicht gerade zu. Weder können Eltern, die sich für die offene Ganztagsschule flexible Offnungszeiten und mehr Qualität in der Nachmittagsbetreuung wünschen, künftg eine Schule nach Wunsch finden. Denn Schulpflicht in der Nachmittagsbetreung soll die Schulpflicht bis 16 Uhr künftig an allen offenen Ganztagsschulen gelten und die Horte gibt es bald nicht mehr. Noch können Eltern von Gymnasien, die keine GTS wünschen, Schulen nach Wunsch finden. Denn die Ganztagsschule mit verbindlichen langen Tagen wurde an allen Gymnasien in Hamburg eingeführt.

Und dasselbe wird auch bald für die Eltern der Stadtteilschulen gelten, die ja ebenfalls flächendeckend in Ganztagsschulen umgewandelt werden. Nach Aussagen eines Vertreters der Sozialbehörde vor dem LEA sogar flächendeckend in gebundene Ganztagsschulen. Ties Rabe bestritt dies am 25.110. allerdings und erklärte, „dann mag da sich jemand verhört haben“.   

In Paragraph 13 im Hamburger Schulgesetz heißt es zum Thema Ganztagsschulen: „ Schulen können bis einschließlich der Sekundarstufe I auf Antrag der Schulkonferenz als Ganztagsschulen geführt werden, wenn die personellen, sächlichen und räumlichen Voraussetzungen erfüllt sind oder erfüllt werden  können“. http://www.landesrecht.hamburg.de/jportal/portal/page/bshaprod.psml;jsessionid=4C1280D95ED07D20C992B44930101CDD.jp45?showdoccase=1&doc.id=jlr-SchulGHArahmen&doc.part=X&doc.origin=bs&st=lr

Aber auch das Hamburger Schulgesetz und Hamburger Ganztagsschulen müssen dem Verfassungsrecht und dem darin enthaltenen Erziehungsrecht der Eltern entsprechen. Wie die Beispiele des Bremer Urteils und der Studie von Malaika Broosch zeigen, wäre es interessant und lohnend, auch in Hamburg die Einführung der Ganztagsschule rechtlich prüfen zu lasssen.

Dies geschieht bereits. Auch in Hamburg gibt es zur Frage von Ganztagsschule und Erziehungsrecht einen Prozess. Ein Vater eines Schülers an einem Hamburger Gymnasium klagt gegen die Einführung von verpflichtenden langen Tagen und Ganztagsschule an dem Gymnasium. Dies berührt auch die Frage, die im Moment viele Grundschuleltern beschäftigt, nämlich inwieweit an offenen Ganztagsschulen an langen Tagen Schulpflicht eingeführt werden darf.

Der Prozess ist in der zweiten Instanz vor dem Hamburger Oberverwaltungsgericht und steht vor der Entscheidung. Da es sich um ein sogenanntes „Hauptsacheverfahren“ dreht,  wäre  diese Entscheidung dann endgültig.

Inklusion: Expertenanhörung im Schulausschuss der Bürgerschaft

13 Nov

Seit Beginn dieses Schuljahres haben in Hamburg Kinder und Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderdarf das Recht, Regelschulen zu besuchen. Dieser Rechtsanspruch besteht seit der Änderung von Paragraph 12  des Hamburger Schulgesetzes, mit der in Hamburg die bis Ende 2010 von 155 Staaten weltweit unterzeichnete UN Konvention über die Rechte auf Bildung für Menschen mit Behinderung verwirklicht werden soll. „Für Eltern in Hamburg bedeutet dieses, dass sie…die  freie Wahl der Schulform haben. Sie können wählen, ob ihr Kind an einer allgemeinbildenden  Schule oder an einer Sonderschule unterrichtet und gefördert wird.„, so heißt es in einer Handreichung zum § 12 durch die Hamburger Schulbehörde. http://www.hamburg.de/integration-inklusion/2594060/paragraf-12.html

Das klingt einfach und klar. Doch die Umsetzung in der Praxis ist schwierig, und das Thema ist sensibel. 

Wie sensibel, zeigte der Eklat um zwei Schulleiter, deren Erscheinen vor dem Ausschuss Schulsenator Rabe zwei Tage vorher untersagt hatte. Die Begrundung des Schulsenators, die Behörde sollte mit „einer klaren Linie sprechen„, das sei „immer common sense“ gewesen, konnte der Ausschussvorsitzende Walter Scheuerl glatt widerlegen: Als früherer Ausschussvorsitzende habe Ties Rabe selbst eine Schulleiterin zu einer Anhörung in den Ausschuss geladen.  Einer der zwei Schulleiter,  Pit Katzer, Schulleilter der Erich-Kästner-Stadtteilschule, war  trotz „Maulkorb“ zu Anhörung erschienen, als Vertreter der GEW. Dietmar Schmidt  von der Ganztagsförderschule Kielkoppelstraße hatte abgesagt.

In den Wochen vor der Anhörung hatten Schulleitungen, Lehrer, Eltern von Sonderschulen die Umsetzung de Inklusion heftig kritisiert. Bemängelt wurden die ungenügenden Ressourcen, die unzureichende Ausstattung und Räume und es wurden mehr Lehrer gefordert.

Umstritten ist die Art der Umsetzung auch in der Politik. So strebt Schulsenator Rabe eine Vereinheitlichung der Fördersysteme an.  Er sieht für den Förderbereich „Lernen, Sprache, soziale oder emotionale Entwicklung“ (LSE) eine sogenannte „systemische Förderung“ vor. Das heißt, dass die sonderpädagogischen Förderstunden und Ressourcen den Schulen entsprechend einer Förderquote pauschal berechnet und zugewiesen werden. Man geht dabei von der Annahme aus, dass 4,6  Prozent der Schüler beeinträchtigt sind.

Für die CDU Fraktion haben der Schulausschussvorsitzende Walter Scheuerl und der bildungspolitische Sprecher der Fraktion, Robert Heinemann, im Oktober „Eckpunkte zur Integration behinderter Schüler“  vorgelegt. Sie sehen darin ua. vor, an individuellen Gutachten und festgelegten Förderstunden für jedes Kind festzuhalten, die Wahl zwischen Sonder- und Regelschulen zu erhalten, und die sonderpädagogische Förderung von Lernbehinderten  künftig an einzelnen Schulen pro Bezirk zu konzentrieren. Die Idee einer Konzentration auf Inklusionsstandorte hatte im April auch der Chef des Landesschulbeirats in Hamburg, Prof. Reiner Lehberger, vorgeschlagen, zumindest für eine Übergangszeit.

Um sich mehr Klarheit über einen guten Weg zur Umsetzung der Inklusion zu verschaffen, hatte der Schulausschuss der Bürgerschaft am Freitag nachmittag Experten eingeladen. In der fünfstündigen Fragezeit wurde aber klar, auch die Fachleute sind sich nicht einig.

Professor Bernd Ahrbeck, Psycholanalytiker und Erziehungswissenschaftler der Humboldt-Universität zu Berlin und Autor des Buches „vom Umgang mit Behinderung“ (2011) erklärte, der Grundgedanke der UN Konvention sei, dass keine behinderten Menschen aus Bildungswegen ausgeschlossen werden dürften. Es gebe aber keine „zwingenden Vorschriften mit Regeln, wie das in den Ländern organisiert wird“, es könne auch eine „differenzierte Schulorganisation“ bedeuten.“.

Es werde auch weiter weiter einen Bedarf an spezialisierten Einrichtungen für behinderte Kinder geben, so Prof. Ahrbeck. „Der Vielfalt wird ein einziges System nicht gerecht“. Es gebe Kinder, für die Integration nicht möglich sei, das belegten u.a. Stapel von Elternbriefen. Einige Kinder, die massiv autistisch, schwer mehrfachbehindert, oder massiv verhaltensgestört seien, seien im  „Kontext der allgemeinen Schulen nicht zu halten“.  für sie brauchte man spezielle „Settings“, bzw. Einrichtungen von „einiger Dauer„.  Die UN Konvention sehe deshalb auch vor, 80 Prozent der Kinder inklusiv zu unterrichten. Und er ergänzte, „Lehrer ohne Erträglichkeitsgrenzen wird es langfristig nicht geben„.

Der Integrationsgedanke ziele darauf, so Prof. Ahrbeck, dass behinderte Kinder in ein gutes Leben und in die Gesellschaft hineinwachsen. 

Behinderung ließe sich nicht nivellieren, als Abweichung unter vielen anderen. Es gebe die Gefahr, dass eine „Entdifferenzierung„, also die Sichtweise, Behinderung gebe es nicht, dazu führen könnte, dass Fördermittel weniger würden und dass die besondere Fördersituation der Kinder missachtet werde.

Bei der Inklusion gehe es um die Minimierung von Diskriminierung in Schule, erklärte dann Professor Rolf Werning vom Institut für Sonderpädagogik der Leibnitz Universität Hannover. Heterogenität, also eine sehr unterschiedlich zusammengesetzte Schülerschaft, bringe „bessere Schulleistungen“. Auch für starke Schüler bringe dies „keine Nachteile“, erklärte Prof. Werning, der auch seine Erfahrungen an der Laborschule Bielefeld ins Spiel brachte. Allerdings sei Inklusion in „separierendes Schulsysem“ schwierig.  Um trotzdem die  2. Säule des Hamburger Schulsystems, die Stadtteilschule für Inklusion stark zu manchen,  brauche man mehr Geld und Ressourcen. Dringend nötig sei ein außerdem ein „Changemanagement“ für die Schulen, auch dafür würden Geld und Ressourcen gebraucht.

Gefragt, ob Inklusion für alle Kinder geeignet sei, sagte er „nein …Es wird einen geringen Prozentsatz geben, die in der Schule nicht die bestmögliche Förderung finden“. Allerdings auch nicht in Förderschulen. Vielmehr sollten  für diese Kinder „andere Institutionen“  therapeutische Maßnahmen durchführen, sagte Werning und sprach dabei von„therapeutisch-pädagogischen Förderzentren“. Diese Maßnahmen sollten aber nur vorrübergehend stattfinden. Danach sollten die Kinder wieder in die Regelschule zurückkehren.

Auf immer mehr Grundsatzdiskussionen reagierten Eltern mit ganz großer Ungeduld, erklärt darauf Martin Eckert vom Elternverein “ Leben mit Behinderung Hamburg“. Die Eltern hätten viel Geduld gehabt, wollten jetzt aber bei der Umsetzung „Butter bei die Fische“. Eltern wollten eine bestmögliche Förderung. Wichtig seien ihnen dabei vor allem die „Jahre, die nach der Schule kommen“. Es gehe aber auch um die Schulgemeinde und um Verständnis, viele Eltern hätten selber Ausgrenzung erlebt.

Hamburg sei auf einem guten Weg, erklärte schließlich Professor Ulf Preuss-Lausitz vomInstitut für Erziehungswissenschaft der TU Berlin. „Wir haben Integration zu gewähren, wenn die betroffenen Kinder und Jugendlichen das wünschen“, betonte er. Der Zeitraum zur Umsetzung der UN Konvention sei dabei nicht beliebig, sondern durch einen Staatenbericht, der alle 2 Jahre erfolge, umrissen.Ganz wichtig sei die Qualitätssicherung der Inklusion. Dazu sei ein kontinuierliches System der Rechenschaftslegung erforderlich. Das müsse auch transparent für Personen außerhalb der Schule sein.

Pit Katzer von der Erich-Kästner-Stadtteilschule, die seit 20 Jahren Intergration erfolgreich praktiziert, betonte, Hamburg habe die bundesweit höchste Integrationsrate in bestimmten Bereichen. Sein Resumee als Schulleiter: „Ein bedingungsloses Ja zur Inklusion.“ Allerdings, die Integration setze gute Rahmenbedingungen voraus, um zu gelingen. „Wir haben durchgängig die Erfahrungen gemacht, wenn die Voraussetzung stimmen, ist es pädagogisch zu schaffen“ .

Ein Problem der Stadtteilschule: Zu ihren Schülern zählten auch die 27 Prozent der „Pisa-Risikochüler“ in Hamburg, die an einigen Schulen bis zu 75 Prozent der Schuler ausmachten. Besondes sozialkompentente und leistungsstarke Schüler fehlten vielfach, mit ihnen sei die Integrationskraft höher. Aber 50 Prozent aller Schüler in HH seien in HH im Gymnasium, im Bremen zB. seien es nur 30 Prozent . Trotzdem sei bei intensiver Förderung eine höhere  Abschlussquote zu erreichen als in Förderschulen, allerdings nicht zum Nulltarif.

Hier holte Pit Katzer zu heftiger Kritik aus. Die Inklusion sei die größte Schulreform seit mehreren Jahrzehnten, und zwar in der Art des Unterricht, der Teamarbeit, der Qualifikation. Er verstehe nicht, „warum wir nicht begleitend eine ähnlich große Anstrengung machen wie bei der Primarschulreform“. Es sei versäumt worden, Geld in die Hand zu nehmen. „Das vermisse ich bei ihnen allen in der Bürgerschaft“.

Der Schulleiter, der eigentlich nicht zu Anhörung erscheinen sollte, hatte damit wohl einen wunden Punkt getroffen. Die SPD Abgeordnete Andrea Rugbarth forderte empört einen Antrag zur Geschäftsordnung und erklärte, Experten hätten keine politischen Meinungen zu äußern. Was wiederum eine kurze aber heftige Debatte, eine Abstimmung über Antragsformen und Erklärungen über die Freiheit der Experten auslöste, ihre Meinung zu sagen. 

Die Grundlinien der Experten und Politiker waren schließlich abgesteckt. Es zeigte sich, dass sie auseinanderdrifteten. Wie bei den Politikern zeichneten sich in der Frage der Umsetzung der Inklusion zwei unterschiedliche Positionen ab:

Prof. Preuss Lausitz sprach sich dafür aus, die individuelle Ausstattung der Förderschulen im „Rucksack“ mit in die Regelschule zu nehmen. Eine „Feststellungsdiagnose“ sei dort für den Bereich LSE nicht nötig, es sei bekannt dass  viereinhalb Prozent der Schuler betroffen seien. Die Ressourcen könne man daher in die Schule geben, statt sie individuell dem Kind zuzurechnen. Dabei müsse es allerdings eine Kontrolle geben, „dass die Ressourcen nicht verschwinden“.

Auch Prof. Werning forderte, die Förder – Ressourcen nicht an das Kind zu binden. Eine „systemische Förderung“ sei einer individuellen Förderung und einer damit verbundenen „Ettikettierung“  vorzuziehen. Auf diese Weise könne man Systeme inklusionsfähig machen. Das System arbeite dabei Förderpläne für die Kinder aus. Bei einer frühen Zuschreibung und Ettiketierung gebe es dagegegen „negative Effekte“.  Anders als für die Schule hatte Prof. Werning kurz zuvor jedoch noch eine klare Diagnostik für Kinder in Vorschulalter und Frühförderung gefordert.

Auf diesen Widerspruch wies auch Prof. Ahrbeck hin. Im Gegensatz zu Prof. Werning forderte er:  „Wir brauchen differenzierte Förderung in Grundschulen,… das setzt eine präzise Diagnostik voraus„. Dies sei „unverzichtbar„. Die Förderpläne müßten sehr stark auf das einzelne Kind abgestellt werden,… man müsse ein „klares Bild davon haben, was Kinder brauchen“. Er forderte eine personenbezogenen Förderung und Zuordnung der Sonderpädagogen und warnte vor einen „diffusen Auflösen“ der Förderung und Fördermittel im schulischen Umfeld, bei der nicht mehr sicher sei, „was beim Kind ankommt“.

Alle seien sich einig, dass für die Inklusion größere Ressourcen benötigt würden, fasste schließlich die Abgeordnete Dora Heyen von der Linken zusammen. Bei Ties Rabe löste diese Bemerkung kritisches Stirnrunzeln aus.

Er könne sich jedenfalls schwer vorstellen, dasss dies „ohne vermehrte Ressourcen möglich“ sei und dass der „Bedarf nicht steigt„, erklärte Prof. Ahrbeck dazu.

Zum Schluss, die zwei anderen Professoren waren schon gegangen, gab Professor Ahlbeck noch einen Überblick über die Situation in andern Ländern. Bei den sonderpädagogischen Förderquoten liege Deutschland im europäischen Durchschnitt. Die Argumente „ettiketieren“ oder „mit Förderung stigmatisieren“ seien aus anderen Ländern nicht bekannt. 

Als Pschoanalytiker habe er die Erfahrung gemacht, dass es am besten sei, „ehrlich die Dinge zu sagen wie sie sind, und die Kinder so anzunehmen“.

Aufruhr bei einem Treffen mit Grundschuleltern aus ganz Hamburg: Zwischenbericht zur Ganztags – Schulreform

10 Nov

Aus aktuellem Anlass heute bei Kirschsblog ein Zwischenbericht zur                    SPD Turbo – Ganztags – Schulreform.

 

Protest und Aufruhr, das war gestern abend die Stimmung von Eltern aus Grundschulen und Kitas aus ganz Hamburg.  Rund 60 Eltervertreter und Eltern aus den verschiedensten Hamburger Stadtteilen waren wegen der mangelnden und verwirrenden Information über die Ganztagsreform zu einem Treffen des Landeselternausschusses Kindertagesbetreuung (LEA) in die Sozialbehörde gekommen. Schnell wurde klar: Bis auf zwei Teilnehmer waren sich die Eltern unisono einig in der Ablehnung dieser Schulreform.  

Dabei sind die meisten der versammelten Eltern im Prinzip für ganztägige Betreuung und benötigen sie auch. Doch nicht unter den vorgesehenen Bedingungen, wie von Schulsenator und Behörden vorgesehen.

Ein wichtiger Kritikpunkt der Eltern: Die festgelegte Abholzeit am Nachmitag.   Eltern können ihre Kinder künftig nicht vor 16 Uhr abholen: Bei der gebundenen Ganztagsschule betrifft das 4 Tage, bei der Nachmittagsbetreuung der offenen Ganztagsschule gilt das je nach Modell an drei bzw. oder vier Tagen der Woche.

Die Eltern gestern abend machten dagegen ganz klar: Sie und die meisten ihrer Miteltern an den Schulen wünschen flexible Abholzeiten. Viele Eltern brauchen diese Flexibilität schon deshalb, weil ihre Arbeitszeiten keine andere Lösung zulassen. So erklärte eine Mutter, sie habe jahrelang für flexible Arbeitszeiten gekämpft, habe nun zwei lange Arbeitstage bis 18 Uhr und drei freie Tage. Jetzt soll sie ihr Kind an drei oder vier Tage in der Schule abgeben. Auch Schichtarbeit wird bei diesen Abholzeiten ein Problem. 

Was gestern aber deutlich wurde:  Es gibt durchaus andere Möglichkeiten, ganztägige Schulangebote zu organisiern, als die starren Modelle von Schulsenator Rabe und Behörde.

So berichteten die Eltern gestern von Schulen in Hamburg, an denen  freiwillige Teilnahme statt Schulpflicht am Nachmittag  erfolgreich funktioniert. Ein Vater beschrieb das Nachmittagsprogramm seiner Grundschule, die ganz ohne Schulpflicht flexible Angebote, Kurse, Aktivitäten und Hausaufgabenhilfe anbietet. Schüler können an einzelnen Programmpunkten teilnehmen. Sogar Schüler, deren Eltern keine Kinderbetreuung bräuchten, kämen zu den Nachmittagsangeboten in die Schule, weil sie attraktiv sind, so dieser Vater.

Darüber hinaus gibt es Schulen, die längst Horte haben. Auch diese Schulhorte haben keine Schulpflicht. Was die Eltern besonders empört: Die vielen zum Teil über  Jahre aufgebauten individuellen Betreuungsprogramme, auch die Schulhorte, sollen jetzt abgeschafft und aufgelöst werden. Die Schulen müßten stattdessen nun die starren Ganztagsmodelle der SPD Schulreform übernehmen,  berichten Eltern und Erzieher aufgebracht. 

Auch Eltern von Modellschulen waren gestern gekommen. Das sind die Schulen die jetzt schon Ganztagsschulen geworden sind. Einige dieser Schulen hätten jetzt erst einmal  Zwischenabholzeiten eingerichtet, zB. um 14.30h, so eine Mutter.  Damit muß aber in Zukunft Schluss sein, erklärten ihnen dieVertreter des LEA, das habe die Behörde klipp und klar erklärt.

Die Eltern fragen sich, warum damit Schluss sein soll. Sie habe einmal recherchiert, wie in anderen Ländern Ganztagsschule organisiert sei, erzählt eine Mutter. Eine starre  Handhabung wie in Hamburg vorgesehen, gebe es nach dieser Recherche nur in einigen asiatischen Ländern oder in Italien. Im Pisasiegerland Finnland gebe es gar keine Ganztagsschule, dort hätten die Kleineren um 13 bis 14 h Schulschluss. In Schweden gingen die Schüler in der Regel ab 15 Uhr nach Haus. 

Kritisiert wurden gestern auch die übrigen Rahmenbedingungen und die Qualität der geplanten Ganztagsschulen: Punkte wie der  Betreuungsschlüssel, die Hausaufgabenbetreuung, die Kooperation mit Sportvereinen, der Raummangel, die  fehlende Ruhe- und Rückzugsmöglichkeiten, und Platz für Sprot, Toben, Spiel.
 
Im Gespräch mit den LEA Vertretern wurde schließlich klar, dass die Reform auch das Aus für alternative Angebote für Kinder und Jungendliche der Offenen Jugendpflege bedeutet. Ebenso für viele Sportvereine, kulturelle Angebote. Die Frage, ob die eingesparten Mittel der Stadt künftig  in die Ganztagsschulen fließen werden, blieb an diesem Abend unbeantwortet.
 
Je deutlicher gestern die Details der Reform wurden, desto kritischer wurden die Eltern. Von Gefängnissen für Kinder war die Rede, deren Sozialkontakte auf die Schule oder sogar nur noch auf ihre Klasse beschränkt würden. „Das ist ja wie in der DDR, sagte eine Mutter, und auf die betretenen Blicke der anderen hin: “ ich kann das beurteilen, ich komme aus der DDR“.
  
Was können wir noch tun, rief schließlich ein Vater, darüber müssen wir sprechen. In Berlin gibt es jetzt einen Volksentscheid, rief jemand aufgebracht.
Dafür haben wir zuwenig Zeit, antwortete ein Vertreter des LEA.  
 
Allerdings steckt der LEA hier nach langem Hin und Her seiner Positionen in einem Dilemma. 
 
Noch im Januar hatte er  eine Vereinbarung mit der SPD geschlossen, die unter anderem einen Rechtsanspruch auf  Hortplatz bis 14 Jahren vorsah. http://www.spd-hamburg.de/cms/2137/?tx_ttnews%5btt_news%5d=3104&tx_ttnews%5bbackPid%5d=1872&cHash=c8d9b39e87831c445922d7b81ee04e7c
 
Eine Volksinitiative “(Früh-)kindliche Bildung ist ein Grundrecht zog er im Juni zurück.
 
Ende Juni hatten die Rahmenbedingungen der „ganztägigen Betreuung und Bildung“ (GBS), der Erziehermangel, die prekäre Personalsituation und die fehlenden Evaluationen der ersten Modellschulen wiederum heftige Kritik des LEA ausgelöst: “ Vor dem Hintergrund scheint es grob fahrlässig, die Umsetzung von GBS in diesem hohen Tempo fortzusetzen.“ so der Lea damals. http://www.lea-hamburg.de/presse
 
Doch im September beurteilte der LEA die Ganztagspläne von Senator und Behörde wieder positiv. Die Rahmenbeedingungen seien verbessert worden: „Jetzt … wird für die Zukunft eine Grundlage geschaffen, auf der eine Weiterentwicklung von GBS als Betreuungsmodell für Schulkinder doch vorstellbar ist“. http://www.lea-hamburg.de/presse 
 
Allerdings –  am Erziehermangel,  Betreuungsschlüssel, fehlende Evaluation der bestehenden Ganztagsschulen, Tempo der Umsetzung,  hat sich bis heute nur wenig Erkennbares verbessert. Und die starren Abholzeiten wie auch. die Ganztags – Schulpflicht gelten weiter.
 
Die gestern abend versammelten Eltern machten am Ende deutlich, sie wollen diese Bedingungen für die Ganztags-Schulreform nicht hinnehmen. Sie wollen in den nächsten Tagen überlegen, was sie noch dagegen unternehmen können. 
 
Nach diesem aktuellen Zwischenbericht geht es am Montag weiter mit dem zweiten Teil des Berichts:

„Turbo Nachsitzen für Alle“: Die SPD Ganztags – Schulreform: 

Gibt es rechtliche Grenzen? Ein spannendes Urteil des Oberverwaltungsgrichts Bremen?
 
Was bringt Ganztagschule nach dem Rabe Motto: „Quantität statt Qualität“?
 
Und wie paßt diese Schulreform zum Schulfrieden?
 
In den nächsten zwei Tagen dreht sich in der Hamburger Schulpolitik aber erst einmal alles um das Thema Inklusion. Für den morgigen Freitag  hat der Schulausschuss der Bürgerschaft zu einer öffentlichen Anhörung mit Experten eingeladen.
 
Die Anhörung findet im CCH statt, um 16 Uhr im Saal 6, und bietet Platz für alle, die das Thema interessiert.