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Hamburger ZEITgeist: Anti-Bildungsbürger- und Anti-G9-Dossier einer Bildungsbürger Zeitung

10 Feb

Kommentar

Wer sich noch wundert, dass die CDU in Hamburg ihre Wähler verliert, der sollte in der jetzigen Ausgabe der ZEIT lesen, wie ausgerechnet der ehemalige schulpolitische Sprecher der Hamburger CDU Fraktion, Robert Heinemann, ZEIT „Chefreporter“ Stefan Willeke als Kronzeuge beim Bildungsbürger-Bashing unterstützt: „Die Kassierer“ heißt das Dossier, in dem Chefreporter Willeke seine These über die angebliche „Lüge von der armen Mittelschicht“ vorstellt, die seiner Meinung nach in Wirklichkeit von ihren eigenen massiven Abgaben profitiere.

Kronzeuge Robert Heinemann schimpft in dem Dossier über die „Unehrlichkeit in Teilen des Bürgertums“ und macht deutlich, dass er für den Wunsch von bürgerlichen Eltern nach einem Gleichgewicht zwischen guter Bildung in der Schule und Freiräumen für außerschulische selbstbestimmte Zeit, für Kindheit, Jugend oder Familie kein Verständnis hat. Es spricht von einer „Gesellschaftsschicht“, die „einerseits ihren Kindern einen gradlinigen Lebensplan bis zur Berufskarriere“ zimmere und andererseits „unverstellte Kindheit.. frei vom Effizienzdenken der Ökonomie“ wünsche. Robert Heinemann, der über ein Jahrzehnt die Schulpolitik der CDU Hamburg mitprägte, spottet damit über Mittelschicht-Eltern, die sich humanistische Bildung für ihre Kinder wünschen, die dem Menschen und nicht dem ökonomistischen Zweck dient, die ausreichendes Grundlagenwissen für Studium oder Beruf vermittelt und findet ihren Wunsch nach Ausgewogenheit zwischen Schule und Freiheit, Kindheit, Jugend, Familie „seltsam“: Zitat ZEIT: „Heinemann nennt es einen „seltsamen Mix aus Harvard und Bullerbü“.

Interessant auch, selbst erleben zu können, wie ZEIT-Reporter Willeke über Bildungsbürger urteilt. Da wird schlicht und streng zwischen Guten und Nicht-Guten sortiert: Robert Heinemann ist eher gut, denn er ist für G8. Wer für die Verlängerung der Schulzeit an Gymnasien ist, ist für Willeke nicht gut: Das wird schon in unserem Interview klar:

G9-Anhängern gehe es gar nicht um Kinder, Kindeswohl und mehr Zeit zum gründlichen Lernen: Dossier Autor Willeke urteilt da ganz klar: „Vordergründig geht es um Fragen des Gymnasiums, in Wahrheit geht es darum, den Nachwuchs der gebildeten Mittelschicht in einem homogenen Umfeld einzuzäumen und gegen die gefährlichen Einflüsse unangepasster Migranten und anderer Störenfriede abzuschotten“. Protestierende Eltern sind, auch da steht sein Urteil fest, immer „Anwälte, Redakteure oder Architekten…Putzfrauen oder Hilfsarbeiter spielen in diesen Konflikten keine Rolle“, urteilt Willeke, selber durch und durch Bildungsbürger.

Gar nicht gerne läßt er sich daran erinnern, dass einer seiner Kollegen aus der zutiefst bildungsbürgerlichen ZEIT Redaktion einen der schönsten Artikel über die Schrecken des Turbo G8 geschrieben hat: http://www.zeit.de/2011/22/DOS-G8<

Die ZEIT: 5. Januar 2015, Dossier: Die Mitteschicht Lüge- Die Kassierer. S.13 bis 15,
ua. mit Robert Heinemann und Mareile Kirsch

Dazu der erwähnte Artikel über die Schrecken des Turbo G8 von Henning Sußebach

Warum müssen Fünftklässler sonntags büffeln statt Freunde zu treffen? Weshalb dieser Unsinn? Henning Sußebach versucht, es seiner Tochter in einem Brief zu erklären. zeit.de|Von ZEIT ONLINE GmbH, Hamburg, Germany
 
 
Sußebach hat zum Artikel auch ein Buch geschrieben:

Sußebach, Henning,

„Liebe Sophie!

Brief an meine Tochter“

Verlag Herder
Aufl./Jahr: 1. Aufl. 2013

im Begleittext des Herder Verlages heißt es dazu:„Henning Sußebach erzählt von der zunehmenden Unterwerfung der Kindheit – auch der seiner Tochter – unter Leistungsdenken, Zeitknappheit und Konkurrenzdruck, und versucht Sophie zu erklären, warum das so ist. Vor allem aber ermutigt er sie (und mit ihr alle Kinder und Eltern!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!), die äußerlichen Erwartungen und Zumutungen nicht fraglos zu erfüllen und ihren eigenen Weg zu gehen.
Henning Sußebach bringt das Lebensgefühl der heutigen Kinder und Eltern auf den Punkt. Sein dem Buch zugrunde liegender Artikel ist auf ZEIT Online einer der meistgelesenen und am häufigsten kommentierten. Ein kluges und bewegendes Plädoyer, die Kindheit, überhaupt das Leben, nicht mit Ängstlichkeit, Vor-Sorge und Eile, sondern mit Zuversicht, Neugier und Gelassenheit zu gestalten.“

Ähnlich äußern sich viele Eltern, Lehrer und Großeltern, die G9-Petitionen und G9-Volksbegehren unterzeichnet haben und in überwältigender Mehrheit in repräsentativen Umfragen in allen westlichen Bundesländern die Wiedereinführung des G9 an Gymnasien fordern. Einige Hamburger Eltern – darunter die Autorin dieses Blogs – haben deshalb in Hamburg die Hamburger Bürger-Liste gegründet. Sie setzt sich für bessere Schulpolitik für Hamburgs Kinder und die Wiedereinführung des G9 mit Wahlfreiheit zwischen G8und G9 ein und kandidiert für die Bürgerschaftswahl am 15. 2.2015: Ihr Ziel:

Mehr Zeit zum gründlichen Lernen, für Wissen und für Kindheit, Jugend und Persönlichkeitsentwicklung!

Weitere Informationen zu den Zielen der Hamburger Bürger-Liste und zu aktuellen schulpolitischen Entwicklungen siehe:

http://mareilekirsch.de/

Hamburger Bürger-Liste, HHBL

 

Turbo G8 – „Allgemeinbildungsanspruch und eine humane Bildung wurden nahezu völlig aufgegeben“: Bildungswissenschaftler Professor Hans Peter Klein

13 Mai

G9PlakatAn diesem Wochenende hat sich in Presse und sozialen Netzwerken in Hamburg die Debatte um die acht- oder neunjährige Schulzeit an den Gymnasien, G8 – G9, heftig zugespitzt. Auslöser ist eine Einladung zu einem Treffen der Hamburger G9 Befürworter durch die Elterninitiative „G9-Jetzt-HH“, die eine Wiedereinführung des G9 an Hamburgs Gymnasien mit Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 fordert. Die Eltern hatten in einer Petition in drei Monaten über 6000 Unterschriften für die Rückkehr zum G9 an Hamburgs Gymnasien erhalten, doch Schulsenator Ties Rabe hält weiter an Turbo G8 fest.  Die Elterninititive kündigte deshalb an, das Treffen der G9 Befürworter könnte der Startschuss zu einer Volksinitiative für die Wiedereinführung des G9 an Gymnasien werden. 

Wie schon einmal während des Volksentscheids gegen die Primarschule ist die schulpolitische Diskussion um G8 oder G9 in Hamburg festgefahren zwischen den Eltern auf der einen und allen etablierten Parteien von Senat und Bürgerschaft auf der anderen Seite. Wie der SPD Schulsenator wollen auch CDU, FDP, Grüne und Linke am Turbo G8 festhalten. Sie erklären, man könne ja die zweite Schulform in Hamburg, die Stadtteilschule wählen, an der es das G9 gebe. Schulsenator Rabe selber hatte dagegen noch in Jahr 2009 die von CDU/FDP eingeführte Schulzeitverkürzung heftig kritisiert: „Der Senat hat mit fliegenden Fahnen und gegen alle Argumente die Schulzeitverkürzung durchgepeitscht“, hatte er damals als Oppositionspolitiker erklärt. http://www.tiesrabe.de/89.html?&tx_ttnews%5Btt_news%5D=217&tx_ttnews%5BbackPid%5D=90&cHash=a7148fe2a0

Kirschsblog hat deshalb nachgefragt. Was sagen Bildungswissenschaftler? Was beurteilen sie das Für und Wider von G8 und G9? Kirschsblogs Interview mit Professor Dr. Hans Peter Klein von der Goethe Universität Frankfurt:

KleinTCNJ2011Professor Dr. Hans Peter Klein unterrichtete mehr als 20 Jahre als Gymnasiallehrer und Lehrbeauftragter in der Lehrerausbildung an den Universitäten Köln und Koblenz, bevor er 2001 von der Goethe-Universität Frankfurt auf den Lehrstuhl für Didaktik der Biowissenschaften berufen wurde. Professor Klein ist Präsident der Gesellschaft für Didaktik der Biowissenschaften (www.didaktik-biowissenschaften.de), Vorstandsmitglied der Bildungskommission der Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte, sowie Mitbegründer und Geschäftsführer der 2010 in Köln gegründeten Gesellschaft für Bildung und Wissen (www.bildung-wissen.eu). 2011/2012 war er als Gastprofessor am College of New Jersey (TCNJ) in den USA tätig. Professor Klein war am 16. April 2013 in der Experten-Anhörung zum Thema individualisierter und kompetenzorientierter Unterrricht als Sachverständiger im Schulausschuss der Hamburgischen Bürgerschaft geladen.

Kirschblog: Herr Professor Klein, sind Sie für das G8 oder für das G9 an Gymnasien?

Prof. Klein: Diese Frage ist relativ einfach zu beantworten: für G9.

Kirschblog: Welche Gründe sprechen denn gegen G8?

Prof. Klein: Die Begründungen, die zu G8 geführt haben, kamen in erster Linie aus einem neoliberalen Anspruch auf Bildung, der unsere Kinder als nachwachsenden Rohstoff für den Kapital- und Arbeitsmarkt betrachtet und in der es darauf ankommt, dieses Humankapital möglichst effizient im Rahmen der Globalisierung und einer weltweiten Employability aufzustellen. Diese Forderungen werden ja unter anderem über die OECD und die weltweit agierende Bertelsmann Stiftung  vertreten. Die Finanzminister haben dann auch schnell einen Haken hinter G8 gemacht, da es Einsparpotentiale insbesondere im Bereich der Lehrerversorgung bot. Auch der Vorwurf, dass deutsche Schul- und Universitätsabsolventen deutlich älter sind als die vor allem aus den anglo-amerikanischen Ländern, ist natürlich abwegig, da es erstens ja wohl auf die Qualität des Abschlusses ankommt – und da war gerade der deutsche Absolvent sowohl des neunjährigen Abiturs als auch des 10 und mehr Semester dauernden Diploms gern gesehener Gast, Universitäts- oder auch Berufseinsteiger in diesen Ländern. Hinzu kommt, dass die USA flächendeckend einen 8-semestrigen Bachelor vergibt, der ja mit dem deutschen und teilweise europäischem 6-semestrigen Schmalspur-Bachelor nicht zu vergleichen ist.

Kirschblog: Sie glauben also, dass die Bildungsökonomie sich hier durchgesetzt hat?

Prof. Klein: Klar! „Möglichst schnell und kostengünstig durch das Bildungssystem“ scheint die leider immer noch andauernde Parole der Protagonisten dieser Entwicklung zu sein, das betrifft ja die Bacherlor-Studiengänge gleichermaßen.

Kirschblog: Hat es denn noch andere Gründe für die Einführung von G8 gegeben?

Prof. Klein: Eines der Argumente war, dass die Kinder ein Jahr ihrer Lebenszeit gestohlen bekämen, dies hatte seinerzeit der damalige Bundespräsident Roman Herzog so formuliert. Dies scheint sich seit der Einführung von G8 ins Gegenteil verwandelt zu haben: Schulkindern wird ihre Kindheit und Jugend gestohlen, da selbst die Kleinsten in immer kürzerer Zeit mit einer bisher nie gekannten Anzahl von Wochenarbeitsstunden oftmals bis in den späten Nachmittag in der Schule ihren Fächern nachgehen müssen. Die für eine positive Bildung der Gesamtpersönlichkeit dringend notwendigen sportlichen, künstlerischen und musischen Aktivitäten sind praktisch kaum noch zu realisieren. Das darüber hinaus für eine mündige und kreative Persönlichkeitsentwicklung ebenfalls wichtige „Chillen“, wie es so schön in der Jugendsprache heute heißt, hat man den Kindern weitgehend weggenommen. Sie sind in ihren Aktivitäten durchgeplant wie junge Roboter und werden leider nicht nur so durch ihre schönsten Jahre geschleust, sondern kommen danach auch an den Hochschulen in ein völlig durchstrukturiertes Bachelor/Master System hinein, dass Ihnen jede Eigeninitiative und Kritikfähigkeit geradezu nimmt. Anscheinend geht es nur noch darum, angepasste Kräfte möglichst kostengünstig für den globalen Arbeitsmarkt zu generieren. Parallel zu dieser Entwicklung wurde ein ehemals besonders im bisherigen deutschen Bildungssystem entwickelter Allgemeinbildungsanspruch und eine humane Bildung nahezu völlig aufgegeben, von Standardisierung, Effizienz und von Kompetenzen ist die Rede, eine Entwicklung, die ich eher als Weg in die Unbildung bezeichnen würde. Entsprechend wird mein neues Buch, was ich derzeit schreibe, auch den Titel oder Untertitel haben „Praxis der Unbildung“, denn genau dort sind wir mittlerweile angelangt. Bildung braucht Zeit und die Wähler werden es den Politkern danken, wenn diese ehrlich genug sind, hier eine vielleicht sogar einmal gut gemeinte Fehlentwicklung zu korrigieren.

Kirschblog: Was ist denn überhaupt Bildung?

Prof. Klein: Dies ist keine leichte Frage, denn eine einheitliche Definition von Bildung gibt es nicht. Gehen wir mal auf den Bildungsbegriff von Wilhelm von Humboldt zurück, der derzeit in der ganzen Welt eine nie gekannte Beachtung findet – außer in Deutschland –  so versteht man darunter im weitesten Sinne die Entwicklung einer ganzheitlichen Persönlichkeit basierend auf einer möglichst breiten Allgemeinbildung, in der Selbstbestimmung, Mündigkeit und Vernunftgebrauch die zentralen Elemente darstellen. Eberhard von Kuenheim, Vorsitzender der gleichnamigen Stiftung und jahrelanger Vorstandsvorsitzender von BMW, hat in einem leider viel zu wenig beachteten Artikel in der FAZ mit dem Titel „Wider die Ökonomisierung der Bildung“ eindringlich vor einem reinen Nützlichkeitsdenken gewarnt, da ein strenger Utilitarismus genau die Schäden verursache, die man beklage. Insbesondere auch die geisteswissenschaftlichen Disziplinen – die heute sowohl an Schulen als auch an Universitäten im Rahmen eines bisher nie gekannten Drittmittel- und Employabilitywahns in ihrer Daseinsberechtigung angezweifelt werden – sollten dazu beitragen, die Kindern zu mündigen und kritischen Bürgern zu erziehen, die sowohl in ihrem persönlichen als auch im gesellschaftlichen Leben auf der Basis von Wissen kompetent Entscheidungen, Bewertungen und Kommunikationen durchführen können, was übrigens auch der Anspruch eines sinnvollen Kompetenzbegriffs durchaus anfangs war.

Kirschblog: Sie verwenden in diesem Zusammenhang öfter die Definition „Bildung ist Widerstand“. Was verstehen Sie darunter?

Prof. Klein:„Bildung bedeutet Widerstand“ ist eine der Sichtweisen von Bildung, die von meiner Kollegin Ursula Frost  von der Uni Köln in einem bemerkenswerten Vortrag auf der Gründungstagung unserer 2010 ins Leben gerufenen Gesellschaft für Bildung und Wissen (www.bildung-wissen.eu) zu diesem Thema vorgetragen wurde. Davon kann nun leider heute überhaupt keine Rede mehr sein. Ganz im Gegenteil scheinen die neuen Bildungskonzepte eher den angepassten und kritiklosen, möglichst auch nicht mit zuviel Wissen ausgestatteten Menschen als das ausgewiesene Ziel eines ökonomistischen Bildungsbegriffs zu fordern, der in Politik und Wirtschaft optimal verwertbar alle ihm aufgetragenen Aufgaben ohne Nachfragen erledigt und sich möglichst eigener Gedankengänge enthält, von Kritik ganz zu schweigen. Mainstream ist angesagt und das gilt in gleicher Weise mittlerweile auch für Wissenschaft und Forschung. Auch hier schwimmt man auf der vorgegebenen Welle mit. Kritische Geister, falls es sie überhaupt noch gibt, erhalten den Querulantenstatus und keine Drittmittel. Dabei haben gerade in der Wissenschaft insbesondere kritische Geister die Forschung voran gebracht, die immer wieder die wichtigen Fragen „Wieso“, „Weshalb“, „Warum“ gestellt haben. Heute ist es nur noch das Motto der Sesamstrasse und der Sendung mit der Maus. Kritiklose Bürger, die auf der Schiene des Zeitgeistes mit gefühltem Wissen mitschwimmen, sind halt leichter manipulierbar. Wie ich schon sagte: Unbildung!

Kirschblog: Gerade im anglo-amerikanischen Raum gehen die Schüler aber auch nur 12 Jahre in die Schule. Welche Erfahrungen hat man denn dort?

Prof. Klein: Dort hat man nur deswegen 12 Jahre Schule, da der Staat nur diese Zeit bezahlt. Danach wird das Bildungssystem mehr oder weniger komplett privatisiert. Auch die amerikanischen Colleges und Universitäten sehen dies durchaus kritisch und hätten lieber um wenigstens ein Jahr ältere Studienanfänger. Die kommen jetzt – wie hier nun auch – mit 17 Jahren dorthin und werden als „Freshmen“ bezeichnet, die in den ersten beiden Semestern eine Art Studium generale durchführen können, damit sie sich zuerst einmal orientieren können. Noch nicht einmal das gewährt man den deutschen Studienanfängern. „Helicopter Parents“ begleiten die Freshmen in den USA und üben durchaus Druck auf die Lehrenden aus, sie zahlen ja schließlich deutlich mehr als Zehntausend Dollar pro Semester für ihre Zöglinge und wollen nicht, dass diese dort nur Partys feiern. Und dieser Unfug hält derzeit Einzug in die deutschen Hochschulen. Zudem empfiehlt man den G8ern soziale Jahre, Auslandsaufenthalte, Praktika, Studium vorbereitende Veranstaltungen und vieles mehr, um die Zeit für die Aufnahme eines Studiums zu überbrücken. All das haben wir bei G9 nicht gebraucht.

Kirschblog: Aber auch in der ehemaligen DDR ging man maximal 12 Jahre zu Schule und die neuen Bundesländer haben auch heute meist G8?

Prof. Klein: Das stimmt, aber in der DDR haben auch nur weniger als 10% der Schüler die sogenannte Erweiterte Oberschule besucht, man hat also nur 10% Abiturienten generiert, also die besten eines Jahrgangs. Das geht nun gar nicht mit der derzeit ins Visier genommenen Abiturientenquote von mindestens 50%, es sei denn, man senkt die Ansprüche drastisch ab und das bestreitet heute ernsthaft niemand mehr.

Kirschblog: Aber die Hamburger KESS Studie behauptet doch das genaue Gegenteil.

Prof. Klein: Ich bin immer wieder erstaunt, wie sehr sich die Öffentlichkeit und selbst die Presse bluffen lassen. Wir untersuchen derzeit vergleichend die Hamburger Zentralabiturarbeiten von 2005 bis 2011 in den einzelnen Fächern und erste Ergebnisse weisen eher auf das genaue Gegenteil hin.

Kirschblog: Herr Professor Klein, vielen Dank für das Interview.

Einladung

Treffen der Hamburger G9 Befürworter:

14. Mai 2013

20 Uhr

Brechtschule

Norderstrasse 163-5

7 Minuten von Hauptbahnhof

Informationen zu Elterninitiative „G9-Jetzt-HH“unter:

http://www.g9-jetzt-hh.de,

Tel. 0172/4356563

Petition für G9 und gegen Turbo G8 an Hamburgs Gymnasien erfolgreich gestartet

14 Jan

Seit dem Wochenende ist sie gestartet und stündlich werden es mehr Unterschriften: Immer mehr Hamburger unterstützen die Petition für eine „Wiedereinführung des G9 in Hamburg, mit Wahlfreiheit zwischen G8 und G9“ mit ihrer Unterschrift. Gestartet wurde diese Petition von der Autorin dieses Blogs gemeinsam mit vier weiteren Unterschreibern des Petitionstextes, Eltern von ein bis fünf Kindern aus ganz Hamburg. Schon am Sonntagabend hatten 382 Befürworter des G9 an Hamburgs Gymnasien die Petition unterschrieben.

Hier der Link zur Petition: http://www.change.org/de/Petitionen/wiedereinf%C3%BChrung-des-g9-an-hamburger-gymnasien-mit-wahlfreiheit-zwischen-g8-und-g9

Das Thema beherrscht in diesen Wochen die Schlagzeilen: „Mehrheit der Eltern gegen Turbo G8 und für G9, Turbo-Abi überzeugt Eltern nicht“, „Philologenverband fordert mehr G9-Versuchsschulen“: ARD, NTV, Spiegel, Stern, Frankfurter Rundschau – überall gibt in diesen Tagen Berichte über den Aufstand von Eltern gegen das Turbo G8 an den Gymnasien, das in Hamburg vor 10 Jahren eingeführt wurde. Nun hat eine neue Hamburger Elterninitiative,  „G9-Jetzt-HH“ , eine Petition für die Rückkehr zum G9 gestartet, und zwar in Form einer Wahlfreiheit zwischen dem G8 und dem G9 an den Schulen. Auf der Homepage der Elterninitiative  heißt es zur Begründung:

„Mit dieser Petition wollen wir Eltern und Befürwortern des G9 Mut machen, aktiv zu werden, wollen uns miteinander vernetzen und so den Druck auf den Schulsenator erhöhen, der Forderung von Schülern, Eltern, Großeltern, Lehrern, Wissenschaftlern, Kinderärzten und anderen nach einer Rückkehr zum G9 zu entsprechen. Am besten als Wahlfreiheit zwischen G8 und G9.“

Die Elterninitiative  droht,  eine Volksinitiative zu starten, wenn ihre Forderungen nach dem G9 nicht umgesetzt werden.

80 Prozent der Eltern wollten nach einer Emnid Umfrage zum G9 zurückkehren, heißt es in der Begründung der Elterninitiative weiter. „Auch Hamburger Eltern wehren sich gegen die Überforderungen der Schüler durch pädagogisch unsinnig lange Unterrichtstage des Turbo G8, die selbst in Ganztagsschulen in anderen europäischen Ländern nicht üblich sind, und gegen die Belastung von Kindern ab 10/11 Jahren durch bis zu 50 Arbeitsstunden pro Woche“. Die Eltern kritisieren auch das „Chaos von langen und kurzen Schultagen, täglich wechselnde Zeiten für Hausaufgaben, Mittagessen, Lernen, Gruppenarbeiten, usw., die keine klare Struktur ermöglichen, erschwert durch unzureichende Rahmenbedingungen an den Schulen.“

Das G8 sei ferner ein „Eingriff in die selbstbestimmte Zeit der Kinder und Jugendlichen“, der die „Teilhabe am sozialen, kulturellen, sportlichen Leben außerhalb der Schule einschränke“ , ebenso wie die „freiwillige Teilnahme an Angeboten innerhalb der Schule“. Es fehle im G8 die „Zeit für außerschulische Förderung besonderer Fähigkeiten und Neigungen, Eigeninitiative und selbstgewählte Aktivitäten“. Sport in Vereinen, Musikschule, Pfadfinder, Konfirmandenunterricht fänden nur noch „unter erheblichem Zeitdruck statt oder müssen ganz aufgegeben werden. Freiheit und Kindheit werden beeinträchtigt.“

Auch die schulischen Leistungen würden durch das G8 beeinträchtigt: „Aufgrund des verdichteten Lehrstoffes“ fehle es im Unterricht an Zeit für Vertiefung und Wiederholung. Nach einer wissenschaftlichen Untersuchung des Turbo G8 in Sachsen Anhalt zeigten sich „negative Effekte der Schulzeitverkürzung auf die Mathematikleistungen im Abitur sowie auf die Aufnahme eines Studiums“. http://www.niw.de/index.php/presse-detail/items/turbo-abitur-leistungen-in-mathematik-schlechter-geringere-einschreibungsquote-von-frauen-keine-unterschiede-in-der-persoenlichk.html

Im Gegensatz zu den Erklärungen des Schulsenators werde die Verschlechterung der Schulleistungen auch durch die Ende 2012 vorgestellte Hamburger Vergleichsstudie Kess 12 zwischen den Leistungen der G9 Abiturienten und denen der G8 Abiturienten belegt. Das G8 belaste außerdem das Familienleben durch die langen Schultage und die vielen Wochenstunden, begründen die Eltern ihre Petition.

Sie bitten  Eltern, Lehrer, Großeltern und alle Interessierte, ihre Forderung nach einer Wiedereinführung des G9 mit einer Unterschrift unter die Petition zu unterstützen. http://g9-jetzt-hh.de/unserziel/174-warum-g9-an-hamburger-gymnasien

Über die Elterninitiative berichtet am Wochenende auch die Presse: “ Diese Mutter will das Turbo-Abi stoppen“, so titelte am Sonnabend die Hamburger Morgenpost, und brachte damit auf den Punkt, was die Eltern und Kritiker des Turbo G8 fordern: Ein Ende des G8 an den Gymnasien und die Rückkehr zum G9.

http://www.mopo.de/nachrichten/stoppt-diese-mutter-das-turbo-abi–hamburg-droht-ein-neuer-volksentscheid,5067140,21443364.html

Sind G8 Abiturienten besser als G9 Abiturienten oder schlechter? Und warum wurde erstmals auf die Frage verzichtet, wie es den Abiturienten geht? Die Ergebnisse der Kess 12 Studie

28 Nov

Wer hat Recht? Die Ergebnisse der gestern vorgestellten Kess 12 Studie,  in der die Leistungen der Abiturienten des G8 Abi-Jahrgangs von 2011 geprüft wurden, haben erstaunlich Unterschiede und unerwartete Allianzen in der Bewertung  ausgelöst.

Die Leistungen in Englisch seien in der „Gesamtbreite aller Lerngruppen“ bei den  G8 Abiturienten „höher“ als die der G9 Abiturienten in der vorherigen Lau-Studie vor sechs Jahren, erläuterte Studienleiter Ulrich Vieluf. Auch im Bereich der „voruniversitären Mathematik“ habe der G8 Jahrgang besser abgeschnitten.  „Deutlich bessere Leistungen“ als die G9 Abiturienten hätten  in beiden Bereichen vor allem die 500 leistungsstärksten der knapp 4000 getesteten Abiturienten des G8 erreicht, erklärte er. Leichte Verbesserungen  gebe es bei den leistungsstärkeren G8 Abiturienten auch in den Naturwissenschaften. Schulsenator Ties Rabe kommentierte hocherfreut: „In allen Tabellen zeigt sich, dass die Schülerinnen und Schüler unter verschärften Bedingungen zu besseren Leistungen kommen. Das „überraschende Ergebnis „ von Schulzeitverkürzung und Profiloberstufe, so der Senator in seiner Pressemitteilung: „Bessere Leistung im Abitur“. http://www.hamburg.de/pressearchiv-fhh/3702064/2012-11-27-bsb-kess-12.html

„G8 scheitert in Hamburg: aktuelle Längsschnittstudie KESS 12 belegt Misserfolg trotz Profiloberstufe“, urteilte dagegen der Bürgerschaftsabgeordnete in der CDU Fraktion, Walter Scheuerl. Die G8-Schülerinnen und Schüler im Abiturjahr 2011 hätten „schlechtere Leistungen erzielt als ihre Vorgänger im Vergleichsabiturjahr 2005 im G9“. Und das, obwohl sie sich bei der Kurswahl in der Profiloberstufe im Vergleich zum G9 Jahrgang viel stärker auf  Kernfächer wie Mathematik und Englisch konzentriert hätten. Der Vorsitzende des Schulausschusses der Bürgerschaft belegte seine Kritik mit Zitaten aus allen drei Bereichen Englisch, Mathematik und Naturwissenschaft der Kess Studie: So verwies er u.a. auf die besseren Ergebnisse der G9 Abiturienten in dem „unbestechlichen internationalen TOEFL-Test („Test of English as a Foreign Language)“ Auf Seite 5 der Studie heißt es: „„die Abiturientinnen und Abiturienten des KESS-Jahrgangs schneiden auf beiden Kursniveaus über das gesamte Leistungsspektrum schwächer ab als der LAU-Jahrgang“. Walter Scheuerls Fazit: „Schulsenator Rabe verhöhnt mit seiner heutigen Pressemeldung die Schülerinnen und Schüler im G8-System, wenn er …behauptet, das G8 hätte in Hamburg in Verbindung mit der Profiloberstufe zu angeblich besseren Leistungen im Abitur geführt. Das Gegenteil ist der Fall!“

Ganz ähnlich auch die Kritik der GEW: „Die Jubelmeldungen des Bildungssenators und KMK-Präsidenten Ties Rabe zur Vorstellung der Ergebnisse der KESS 12 Studie sind voreilig und ungerechtfertigt“. Es entspreche „nicht der Wahrheit“, dass die „Schulzeitverkürzung zum Abitur (G8) zu besseren Schulleistungen geführt“ habe. In der Studie selbst werde  „viel bescheidener“ erklärt, das G8 habe „nicht zu einem Leistungseinbruch geführt“.   Das sei aber, so auch die GEW, ein Ergebnis der Profiloberstufe und der „stärkeren Anwahl von Kursen mit erhöhten Anforderungen in Englisch und Mathematik“. Mit der Schulzeitverkürzung habe das „ nichts zu tun“.

Kess 12 sei eine reine Leistungsstudie, kritisiert die GEW weiter. Die Bedingungen, unter denen diese erzielt worden seien, seien gar nicht untersucht worden. „Zunehmender Zeitdruck beim Lernen und verdichtete Unterrichtstage und –wochen“ führten zu „massivem Stress bei den SchülerInnen und ihren Familien“ Es fehle an Freizeit und außerschulischen Aktivitäten,  Gymnasiasten hätten „Arbeitswochen, die weit über die Regelarbeitszeiten von ArbeitnehmerInnen hinaus“ gingen, erklärte der GEW Vorstzende Klaus Bullan auch in einen Interview in der Tagesschau. Doch seine Empfehlung,  lieber das G9 an der Stadtteilschule zu wählen, ist für viele Eltern, die sich bewußt für das Gymnasium entschieden haben, wohl keine Lösung.  http://www.gew-hamburg.de/themen/bildungspolitik/schulzeitverkuerzung-ist-und-bleibt-falsch

Eine erstaunliche Allianz mit dem SPD Schulsenator bildete dagegen der schulpolitische Sprecher der CDU Fraktion, Robert Heinemann. Er war einer der maßgeblichen Schulpolitiker seiner Partei, als vor 10 Jahren unter CDU und FDP Regierung in Hamburg die Schulzeit an den Gymnasien von neun auf acht Jahre reduziert und das G8 damit eingeführt wurde. Sein erfreuter Kommentar zur Kess 12 Studie. „Die Ergebnisse zeigen, dass sowohl die Einführung des G8 als auch die stärkere Leistungsorientierung der Gymnasien – etwa durch die zentralen Prüfungen – unter den CDU-Senaten richtig war. Besonders beeindruckend ist, dass sich die Leistungen trotz der deutlichen Erhöhung der Abiturientenquote verbessert haben“.  Anders als die GEW, sieht Robert Heinemann lediglich gewisse Probleme bei der Umsetzung des G8, die noch nicht „optimal“ erfolgt sei. Dadurch komme es „teilweise zu unnötigen Belastungen der Schülerinnen und Schüler“. Robert Heinemanns Verbesserungsvorschlag:  „Schulinspektion und Schulaufsicht“ müssten da noch genauer hinsehen.

Die Zitate und die sehr unterschiedlichen Bewertungen machen insgesamt eins deutlich: Einen eindeutigen Leistungsvorsprung der G8 Abiturienten vor den Abiturienten des G9, wie es Ties Rabe in seiner Pressemitteilung behauptet, läßt sich mit den Ergebnissen der Kess 12 Studie keineswegs belegen.  

Es gibt allerdings ein klares Ergebnis: Die Zahl der Abiturienten hat sich insgesamt erheblich erhöht. Sie stieg um 33 Prozent, von 3517 Abiturienten im Jahr 2005 auf 4675 im Jahr 2011. Die Schülerschaft hat sich dabei verändert, es gibt jetzt mehr Abiturienten aus bildungsfernen Elternhäusern.

Am Ende der Leistungsbilanz fragte eine Journalistin gestern, ob man denn bei der Kess 12 Studie auch Wohlbefinden oder Gesundheit der Abiturienten des G8 Jahrgangs geprüft habe. Die Antwort von Studienleiter Ulrich Vieluf: Bei Lau und früheren Untersuchungen habe man die Abiturienten „noch gefragt“: „Wie geht es Dir?“. Diese Frage, so Vieluf, sei aber von den Abiturienten „nicht goutiert“ worden. Deshalb habe man bei KESS erst garnicht danach gefragt.

Schulsenator Rabe zeigte sich von dieser Frage unberührt. In Hamburg gebe es zwei  Möglichkeiten, das Abitur zu machen, das G8 am Gymnasium und das G9 an der Stadtteilschule. Diese Kombination sei „geradezu ideal“, man habe beide Wege eröffnet, der G8 Jahrgang sei erfolgreich, so „dass wir das so lassen“.

 Die Frage eines anderen Journalisten, ob sich der ganze Stress denn lohne, beantwortete er nicht.

Ein sprachloser Ties Rabe – ARD Bericht zieht „verheerende Bilanz des Turbo G8“

5 Nov

Vielen Eltern in Hamburg, die sich seit Einführung des Turbo G8 vor 10 Jahren gegen Druck, Überforderung und lange Schultage des G8 wehren, bescherte die Sendung „Titel, Thesen, Temperamente“ des ersten Programms der ARD am Sonntag abend ein dreifach beglückendes Erlebnis!!!

Warum dreifach beglückend?

1. Zum ersten Mal erlebten sie einen Schulsenator, der sich auf eine Frage eines Journalisten nicht wie gewohnt mit vielen schmückenden Worten glatt aus kritischen Fragen herauswand: Ties Rabe war schlicht sprachlos! 2. Der Bericht mit der „verheerenden Bilanz des Turbo G8“ kam aus HH, eine Ausrede wie „Bayern ist viel schwerer“ war also nicht möglich. 3. der Beitrag lief in der ARD und brachte auf den Punkt, wogegen Eltern seit 10 Jahren in HH kämpfen und wofür sie sich einsetzten: Für eine Wiedereinführung des G9 an Gymnasien –  am besten umgesetzt in einer Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 an den Gymnasien!!!

Seit 10 Jahre, seit Einführung des Turbo G8 an Hamburgs Gymnasien, engagieren sich Eltern in Hamburg gegen die Verkürzung der Schulzeit an Gymnasien von 9 auf 8 Jahre. Die Eltern protestieren gegen eine gesundheitliche Überforderung ihrer Kinder durch pädagogisch unsinnig lange Unterrichtstage von 8 bis 11 Pflichtstunden am Tag, und gegen eine 50 Stundenwoche für Schüler ab 1o, 11 Jahren, rechnet man Hausaufgaben etc. dazu. Eltern kritisieren das Chaos der täglich wechselnden langen und kurzen Tage in der Schule, der fehlenden klaren Zeitstrukturen bei Mittagessen, Hausaufgaben, Üben, Referaten, den Mangel an Freizeit und Erholung. Sie protestieren gegen das Zusammenpressen des Stoffs von insgesamt 13 in 12 Schuljahre, die fehlende Ausstattung der Schulen mit Räumen, Kantinen und Personal und gegen den Eingriff in die selbstbestimmte Zeit für außerschulische Aktivitäten der Kinder, für Familienleben und elterliches Erziehungsrecht.

Die Eltern-Proteste gegen das G8 prallten jedoch gegen eine Mauer der Abwehr bei allen verantwortlichen Schulpolitikern – sowohl bei CDU und FDP, unter deren Regierung das G8 eingeführt worden war, als auch beim derzeitigen Schulsenator Ties Rabe von der SPD, der erst vor wenigen Wochen auf die Frage von Eltern audrücklich erklärte, dass er für Kinder und Jugendliche am Gymnasien kein G9 zulassen werde, weil es ja das G9 ja schon an den Hamburger Stadtteilschulen gebe.

Umso erstaunlicher für die kritischen Eltern die Reaktion des Schulsenators in dem Bericht der ARD am Sonntag. Von den Reportern gefragt, was denn das Gute am G8 sei, rang Ties Rabe um Worte – und fand keine. Die Sprachlosigkeit des Schulsenators wirkte wie ein ungewolltes Zugeständnis an die kritischen Eltern.

„Die Bilanz nach zehn Jahren Turbo-Abi ist verheerend.“ so überhaupt das Resumee in dem TTT Bericht, der damit die jahrelange Kritik und Proteste der Eltern am G8 bestätigte. Nach einer aktuellen Emnid-Umfrage wollten knapp „80 Prozent der Eltern das alte Gymnasium zurück“, so es hieß es in dem Bericht, in dem dann auch die Gründe für diese verheerende Bilanz aufgezählt wurden:

„Da wächst eine Generation ohne Zeit auf. Ohne Zeit für das, was Spaß macht. Ohne Zeit für Musikinstrumente und Sport.“so der ARD Bericht, in dem Schüler, Lehrer und Schulleiter aus Hamburg zu Worte kamen. Die verkürzte Schulzeit stresse auch Lehrer, denn sie hätten „täglich mit kaputten und überforderten Schülern zu kämpfen“. Der Schulleiter des Emilie Wüstenfeld Gymansiums in Hamburg, Winfried Rangnick, kritisiert in dem Bericht: „Das eine ist tatsächlich der Wechsel von G9 auf G8, eine größere Anzahl an Stunden, längere Schultage, gerade auch für Schüler im Alter von 13 bis 16, in der Pubertät oft schwierig, wo sie mehr Zeit für sich bräuchten. Der andere Teil, den wir wahrnehmen, ist, dass sich gesellschaftlich etwas verändert hat. Der Druck der Gesellschaft, der sich den Schülern auf welche Weise auch immer mitteilt, ohne dass Eltern gezielt darüber sprechen, glaube ich, lautet: Streck dich nach der Decke, es kann schwierig werden, es gibt eine hohe Konkurrenz.“

Vielleicht ist sei das G8 „einfach kein gutes Modell“, so die ARD Reporter. Manche Bundesländer planten schon eine „Rolle rückwärts… denn auf der Strecke bleibt: die Kindheit, die Jugend. Die Schüler sind früher fertig – in jeder Hinsicht. „Es ist ein hoher Preis, den die Schüler und Lehrer an den Gymnasien zahlen für, ich will mal sagen, eine Laune der Wirtschaft, die irgendwann mal alle Kultusminister überzeugt hat“, so denn auch die Kritik eines Lehrer.

„Reife kann man nicht beschleunigen“, so bringt der Bericht die Sorgen, Proteste und Kritik von Eltern, Schülern, Lehrern und Schulleitern auf den Punkt: “ Für viele Schüler, Eltern und Lehrer ist das Turbo-Abi durchgefallen. „

http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/sendung/ndr/2012/turboabitur-100.html

„Ganztagsschule geht auch ohne Ganztagsausstattung!“: Verblüffende Feststellung des Präsidenten des Oberverwaltungsgerichts in einem Prozeß gegen flächendeckende Ganztagsschule

14 Mai

Wenn eine Ganztagsschule am Nachmittag für die Schüler ein Betreuungsangebot habe, dann brauche sie die gesetzlichen Voraussetzungen für Ganztagsschulen zur Ausstattung mit Räumen, Personal und Sachmitteln nicht zu erfüllen:  Das neben dem Unterricht bestehende Betreuungsangebot beweise ja, dass es auch ohne zusätzliche Ganztagsausstattung gehe. Das erklärte am Freitag der Präsident des Oberverwaltungsgerichts Hamburg, Dr. Rolf Gestefeld, den erstaunten Eltern von vier Kindern, die gegen die Einführung der Ganztagsschule an der Schule ihrer Kinder klagen. Das Betreuungsangbot „werde durchgeführt, also sind alle im Hamburgischen Schulgesetz vorgesehenen Voraussetzungen für die behördliche Genehmigung von Ganztagsschulen erfüllt“. Beispiel: Die Doppelnutzung von Klassenräumen! Wenn es an der Schule seit Jahren so „klappt“, sei die Frage, ob „die zeitlich gestaffelte Nutzung von Klassenräumen zu unterschiedlichen Zwecken nicht“ reiche und „damit die gesetzlichen Mindestanforderungen erfüllt“ seien, so Gerichtspräsident Gestefeld.

In einer zehnstündigen Marathonsitzung wurde am Freitag vor dem Hamburger Oberverwaltungsgericht die Klage der Eltern gegen Einführung der Ganztagsschule am Gymnasium ihrer Kinder verhandelt. Wie sämtliche Hamburger Gymnasien war die Schule 2004 nach Verkürzung der Schulzeit auf acht Jahre,dem Turbo G8, in eine Ganztagsschule mit verpflichtendem Nachmittagsunterricht umgewandelt. Die Wahlfreiheit zwischen Halbtags- und Ganztagsunterricht war damit über Nacht abgeschafft worden. Darin sahen die Eltern einen Eingriff in die Freiheit ihrer Kinder und ihr elterliches  Erziehungsrecht nach Art. 6. Grundgesetz. Sie hatten sich außerdem errechnet, dass die Ganztagsschule auch bei der höheren Wochenstundenzahl des Turbo G8 gar nicht nötig war. Die vorgeschriebenen 34 Wochenstunden ließen sich auch ohne Nachmittagsunterricht auf vier mal sieben und einmal sechs Schulstunden täglich verteilen und der Unterricht könne damit um 14 Uhr beendet werden. Dies fordern nun die Eltern in ihrer Klage, die sie in erster Instanz verloren haben und um die es am Freitg in zweiter Instanz vor dem Oberverwaltungsgericht ging.

Mängelliste einer seit 9 Jahren bestehenden Ganztagsschule

Ihre Schule erfülle gar nicht die im Schulgesetz vorgesehenen personellen, sächlichen und räumlichen Voraussetzungen für eine Ganztagsschule, so die Klage der Eltern. So gebe es auch nach 9 Jahren Ganztagsbetrieb keine richtige Kantine, bei 1000 Schülern gebe es nur 150 Essen in der viel zu kleinen Cafeteria in der Eingangshalle der Schule. Die Schüler der Schule müßten sich ihr Mittagessen bei Bäckern und Imbissbuden der Umgebung zusammenkaufen. Auch die Fläche von 5,5 Quadratmetern pro Schüler, die im Hamburger Musterflächenprogramm vorgeschrieben seien, wobei Lehrerzimmer, Verwaltung und Toiletten mitberechnet werden, könne die Schule nicht vorweisen. Es gebe wegen der Fensterkonstruktion nicht einmal Möglichkeit, die Klassenzimmer ausreichend zu lüften, dies sei aber aus gesundheitlichen Gründen vorgeschrieben, so nur einige Punkte der Eltern.

Der stellvertretende Leiter der Schule erklärte dazu in der Verhandlung, es sei eine Erweiterung von Cafeteria und Klassenräumen geplant. Die Eltern hielten dagegen, in den neun Jahren seit Einführung der Ganztagsschule habe es keinerlei Ausbauten und Verbesserungen gegeben. Die gesetzlichen Voraussetzungen für Ganztagsschulen müßten außerdem vor der Genehmigung erfüllt werden.

Weniger Mittagessen für Offene und „Kleine“ Ganztagsschulen?

Dem widersprach der Präsident des Oberverwaltungsgerichts. Gymnasien seien zum einen offene Ganztagsschulen, bei denen laut Hamburgischen Schulgesetz neben der Betreuung auch am Nachmittag verpflichtender Unterricht stattfinden könne, erklärte der Rolf Gestefeld. Zum anderen sehe das Programm der Gymnasiums nur an zwei lange Tage mit Nachmittagsunterricht und an einem dritten langen Tag mit Nachmittagsbetreuung vor.  Gymnasien seien damit nur „kleine Ganztagsschulen“, für die nur „geringere sachliche und räumliche Anforderungen gälten, als bei vollgebundenen Ganztagsschulen“, so die Definition des Oberverwaltungsgerichtspräsidenten. Man habe außerdem „keinen Anspruch auf eine optimale Ausstattung“ der Ganztagsschule. Der Schulleiter habe ferner erklärt, dass alle Kinder, die essen wollten, auch essen könnten, erklärte der Richter den irritierten Klägern, die darauf beharrten, dass bei jeder Form von Ganztagsschule für alle Schüler, die am Ganztagsbetrieb, am achtstündigen oder längeren Nachmittagsunterricht oder an der Betreuung teilnähmen, ein Essen vorgehalten werden müsse. Der Richter blieb dabei, das Betreuungsangebot werde durchgeführt, also seien die gesetzlichen Auflagen erfüllt.

Dies sei allerdings seine vorläufige Feststellung, erklärte Rolf Gestefeld, in dem späteren Urteil werde diese Frage noch einmal neu erörtert. An dieser Stelle bat auch die Anwältin der beklagten Schulbehörde um eine ausführliche Begründung, die Überlegungen des Gerichts habe sie noch nicht überzeugt.

Verblüfft hat an diesem Freitag auch die Aussage des Gerichtspräsidenten, dass die flächendeckende Umwandlung aller Gymnasien in Ganztagsschulen vor neun Jahren nach der damals geltenden Fassung des Schulgesetz nicht hätte genehmigt werden können. Das Antragsverfahren sei nicht vereinbar mit dem damaligen Schulgesetz gewesen. Darauf komme es aber nicht an, „wenn die Genehmigung nach späterem Recht vorliegt“. Das könne „geheilt“ werden. Eine Erklärung der Schulaufsicht, in der es heißt, man habe die  die Umwandlung der Schule in eine Ganztagsschule genehmigt,  gibt es von April 2007.

Vergleich?

Erstaunt reagierten die Kläger am frühen Nachmittag der Verhandlung auch auf die Frage, ob sie mit einem Vergleich einverstanden seien. Das Vergleichsangebot an sie, das wurde  nach kurzer Diskussion klar, war die Zustimmung zum derzeitigen Ist -Zustand an ihrer Schule, gegen den sie seit sechs Jahren klagen. Die Kläger lehnten ab.„Unsere Forderung, den Schultag um 14 zu beenden, ist schon ein Vergleich für uns“, erklärten sie. Sie hätten bei ihren Berechnungen die erhöhte Wochenstundenzahl des G8 notgedrungen mit berücksichtigt, ein früheres Ende des Schultages rund um ein Uhr wäre ihnen aber viel lieber.

Grundgesetz und Ganztagsschule

Was in der Verhandlung zum Thema Ganztagsschule an diesem Freitag immer wieder eine zentrale Rolle spielte, war die Frage, inwieweit der Staat mit der Ganztagsschule in die Erziehungsrechte der Eltern eingreift. Die Kläger betonten, nach ihrer Auffassung habe das elterliche Erziehungrecht nach Artikel 6 Vorrang vor einem Erziehungsrecht von Schule und Staat, letzterer habe nur das Wächteramt für den Fall, dass Erziehungsberichtigte vesagten,

Dagegen erklärte Rolf Gestefeld, es müsse zwischen dem elterlichen Erziehungsrecht in Artikel 6 und der staatlichen Aufsicht über das Schulwesen in Artikel 7 ausgleichend abgewogen werden. In Hinblick auf die Ganztagsschule müsse es ein Höchstgrenze in der Frage geben, wie lange Ganztagsschule sein dürfe. Es gebe aber die Möglichkeit, eine Schulform flächendeckend umzugestalten, allerdings müsse dabei das Wahlrecht beachtet werden. Eine Frage sei auch, inwieweit dabei wissenschaftliche Erkenntnisse über die Wirkung von Ganztagsschule eine Rolle spielen könnten.

Wissenschaftliche Erkenntnisse zur Wirkung von Ganztagsschule

Mit dieser Frage hätten sich eingehend auseinandergesetzt, erklärten die Kläger, zumal das Gericht die umfangreiche „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“, Steg, angeführt habe. In einem Statement über den Stand der Wissenschaft machten sie deutlich, dass es nach den vorliegenden Studien vom „Chancenspiegel“ der Bertelsmann Stiftung bis hin zur Steg Studie derzeit keine Beweise dafür gebe, wie Ganztagsschule wirke und dass Ganztagsschule die Leistungsfähigkeit von Schülern und die Chancengerechtigkeit verbessert. Auch bei Steg werde das Prinzip der Freiwilligkeit von Ganztagsschule betont, so der Vater, der als Anwalt seine Familie selbst bei der Verhandlung vor Gericht vertrat.

Nach 10 Stunden wurde die Verhandlung erst am Freitagabend gegen 20 Uhr geschlossen.

Nach Mitteilung aus dem Gericht vom Montag wird der Prozess in dieser Instanz fortgesetzt werden.

Mehrheit in Schleswig Holstein für G9 Gymnasien: Wie eine Gegenreform zum Wahlkampfschlager wurde

4 Mai

G9 Wochen – so könnte man die vergangenen Wochen vor der Schleswig Holstein Wahl nennen. Gemeint sind nicht die Treffen von Wirtschaftmächten, wie kaufmännisch denkende Hamburger schon einmal spotten. Es geht vielmehr um das Abi in neun Jahren an Gymnasien, das in fast allen Bundesländern zum „Turbo Abi nach acht Jahren“, G8, verkürzt wurde. Hamburg gehörte dabei 2004 zu den „Vorreitern“ dieser Schulreform. „G8 bleibt“, so war in den Jahren  seither immer wieder die Antwort von Politikern auf die Bitten, Appelle und Gesuche von Eltern, die wegen der hohen Belastungen ihrer Kinder durch lange Tage, hohe Wochenstundenzahl und dichtgedrängtes Pensum des G8 um Rückkehr zum G9 baten.

In Schleswig Holstein fanden die Eltern – anders als in Hamburg – Gehör: Auf Initiative des FDP Bildungsmininsters Ekkehard Klug hat die dortige CDU/FDP Regierung im vergangenen Jahr für alle 100 Gymnasien des Landes in einem neuen Schulgesetz die Wahlmöglichkeit zwischen G8 und G9 geschaffen. Dazu beigetragen hatte die Elterninitiative „G9 jetzt“, die bei Protestversammlungen und einer landesweiten Unterschriftenaktion die Wahlmöglichkeit zwischen G8 und G9 gefordert und das neue Gesetz massiv unterstützt hatte – für das G9 sprachen sich bei einer aktuellen Umfrage auch 78 Prozent der Befragten in Schleswig Holstein aus, nur 16 Prozent entschieden sich für das G8! Und die FDP liegt ua. mit dem Thema G9 derzeit erstaunlich im Aufwind.

Kirschsblog sprach mit der Vorsitzenden der Initiative „G9 Jetzt“ und des Schleswig Holsteiner Elternvereins, Astrid Schulz-Evers. Sie ist als Mutter eines G8 und eines G9 Kindes Elternvertreterin und Mitglied im Vorstand des Schulelternbeirates am Gymnasium Schloß Plön und im Kreiselternbeirat der Gymnasien im Kreis Plön.

Kirschsblog: Sie sind in vielen Funktionen Elternsprecherin, Vorsitzende von Elterninitiativen, engagierte Streiterin für das G9 seit einigen Jahren aktiv. In Schleswig-Holstein gibt es die Wahlmöglichkeit zwischen G8 und G9 auch an den Gymnasien. Wie ist es dazu gekommen? 

Astrid Schulz-Evers: Es war so, dass ich als Elternvertreter meines Sohnes in seiner G8 – Klasse festgestellt habe, dass die Belastung durch das G8 für ihn und die anderen Kinder sehr hoch war, sowohl im privaten Bereich, als auch im psychischem Bereich. Viele Kinder mußten damals schnell Nachhilfe in Anspruch nehmen. Wir haben viele Fahrschüler und FahrschülerInnen, die noch lange mit dem Bus vor und nach der Schule unterwegs sind. Durch den Ganztagssunterricht konnten sie dann am Sport, Fußball und anderen Aktivitäten außerhalb der Schule nicht mehr teilnehmen, keine Freunde mehr treffen. Die ersten Abmeldungen bei den Vereinen folgten! Die ersten Feuerwehren und der DLRG meldeten dann, dass auch dort die Kinderzahlen zurückgingen. Und die Eltern stellten fest, dass auch das Familienleben sehr beeinträchtigt war. Was nun die Wochenenden der Familie bestimmte, das waren Hausaufgaben machen und für die Schule üben. Es ging einfach sehr viel mehr Zeit für das Schulleben im G8 drauf.

Kirschsblog: Sie waren mir Ihren Erfahrungen nicht allein, es ist damals eine richtige Bewegung entstanden. Wie war das?

Astrid Schulz -Evers: Parallel zu unserem Gymnasium, wo es massiv Klagen über die Belastung durch das G8 gab, gab es auch von anderen Gymnasien im Land ähnliche Berichte. Es wurden dann in einigen Gymnasien schon kleine Aktionen und Initiativen gestartet, die sich gegen diese Belastung wehren wollten.

Kirschsblog: Es kam zu einer Protestversammlung und einer landesweiten Unterschriftenaktion. Wie kam es dazu, und was wollten Sie damit erreichen ?

Astrid Schulz-Evers: Wir wollten damit zeigen, wie es den Kindern geht. Ich hab selber damals z.B. den Schulranzen für einen Acht-Stunden Tag packen lassen. Der war dermaßen schwer, dass mein Sohn ihn kaum heben konnte. Das war wirklich dramatisch. Wir wollten ein Signal setzten und ich habe die Elternvertretungen der Gymnasien im ganzen Land angeschrieben und sie im März 2010 zu einer Podiumsdiskussion zu uns an das Gymnasium nach Plön eingeladen. Der Saal bei dieser Diskussion wurde rappelvoll und das Signal war eindeutig. Wir haben dort eine Abstimmungen durchgeführt, und es wurde mehrheitlich gesagt: Wir wollen G9.

Kirschsblog: Daraufhin gab es dann noch weitere Aktionen, z.B. eine Unterschriftenaktion.

Astrid Schulz Evers: Ja, wir Eltern haben dann eine Unterschriftenaktion gestartet, um weitere Signale zu setzen. Da kamen innerhalb sehr kurzer Zeit über 25.000 Unterschriften zusammen.

Kirschsblog: In ganz Schleswig Holstein?

Astrid Schulz-Evers: In ganz Schleswig-Holstein! In knapp drei, vier Monaten hatten wir die Unterschriften zusammen. Wir hätten sicherlich mehr zusammen kriegen können, wenn wir mehr Zeit gehabt hätten, aber das musste angesichts der Schulgesetzgebung dann recht zügig gehen. Es ging um das Schulgesetz der schwarz- gelben Landesregierung, das im Januar mit nur einer Stimme Mehrheit der Landesregierung beschlossen werden sollte. Darin war vorgesehen, dass die 100 Gymnasien in Schleswig Holstein neben dem 2008 eingeführten Abitur nach 8 Jahren auch wieder das Abitur nach neun Jahren anbieten sollten. Die Forderung der Eltern aus der Unterschriftenaktion war ganz eindeutig, wir möchten die Rückkehr zu G9.

Kirschblog: Das Schulgesetz wurde entsprechend verabschiedet und nun gibt es eine Reihe von Schulen, die die Alternativen zwischen G9 oder G8 anbieten, andere Gymnasien bieten allein das G9. Wie kam das zustande?

Astrid Schulz-Evers: Die Schulkonferenzen der Gymnasien konnten nun also das G9 beantragen. Bedingung war, das Einigkeit zwischen Schulleitung, Schulkonferenz und Schulträger bestand – und das Ergebnis wurde dann dem Bildungsminister vorgetragen. Wenn eine Einigkeit vorlag, hat er das genehmigt. Lag die nicht vor, dann hat er im Einzelfall entschieden, das kam auch vor.

Kirschsblog: Wie viele Schulen bieten jetzt G9 in Schleswig-Holstein an und welche unterschiedlichen Modelle gibt es?

Astrid Schulz- Evers: Wir haben zur Zeit 11 Gymnasien, die ausschließlich G9 anbieten und vier Gymnasien, die das sogenannte Y-Modell anbieten. Das heißt also G8 und G9 parallel zu einander. Bei einem weiteren Gymnasium, in dem auch für G9 gestimmt wurde, läuft zur Zeit ein Klageverfahren.

Kirschsblog: Das ist in Wentorf, im Osten von Hamburg, dort waren sich die Eltern weitgehend einig, aber die Gemeinde als Schulträger war gegen das G9.

Astrid Schulz- Evers: Ja, in Wentorf hatte sich eine sehr starke Elterninitiative gebildet und die forderte die Rückkehr zu G9, einstimmig auch mit dem Schulleiter. Sie hat Unterschriften dafür gesammelt und weitere Aktionen durchgeführt. Der Schulträger wollte das G9 aber nicht und stimmte dagegen, so dass das Bildungsministerium eine Entscheidung treffen mußte. Der Bildungsminister hatte schließlich für G9 entschieden. Damit war der Schulträger aber nicht einverstanden. Es kam zu einem Klageprozess und der Stand ist, dass seitens des Gerichts für das G8 entschieden wurde, wobei der Bildungsminister (FDP) sich weiter für das G9 einsetzen wollte.

Kirschsblog: Wie wird denn das G9 von den Eltern angenommen. Und gibt es immer eine Alternative in Form eines G8 Gymnasiums?

Astrid Schulz Evers: Die Anmeldezahlen sind durchgängig an allen G9-Gymnasien sehr hoch – während die Anmeldezahlen an den G8-Gymnasien rückläufig sind. Eine kürzlich erfolgte Umfrage Infratest Dimap im Auftrage des NDR belegt zudem, daß 78 % der Befragten in Schleswig Holstein für G9 sind. Auch in anderen Bundesländern, wie z.B. Baden-Württemberg, ist zu beobachten, daß die Anmeldezahlen an den G9-Gymnasien sehr gestiegen sind. Für die Kinder ist G9 an den Gymnasien einfach die besser Alternative – und die Eltern wissen das.Wir hier im Kreis Plön haben insgesamt vier Gymnasien, zwei bieten G8 und zwei G9 an, dazu gibt es das Berufliche Gymnasium. Wir stellen insgesamt fest, dass die G9-Gymnasien gute Zahlen haben, während sie bei den G8-Gymnasien deutlich rückläufig sind. Interessant ist, dass es ein Gymnasium gab, das die Wahlmöglichkeit zwischen G8 und G9 hatte und dort dermaßen viele Anmeldungen für G9 eingegangen sind, dass sich dieses Gymnasium entschlossen hat, nur noch G9 anzubieten. Bei einem weiteren Gymnasium, in einer anderen Stadt, wo es zwei Gymnasien gab, hatte das G9 Gymnasium so viele Anmeldungen, dass die Kinder „weggelost“ werden mussten an das G8 Gymnasium, weil die Kapazitäten des G9 Gymnasiums nicht ausreichten, um alle G9 gemeldeten Kinder aufzunehmen.

Kirschsblog: Jetzt bieten 15 Gymnasien in Schleswig-Holstein die G9 an. Wie würde sich das denn unabhängig von der bevorstehenden Wahl weiterentwickeln? Gibt es auch in den Städten, in denen es diese Wahlmöglichkeit vielfach nicht gibt, Interesse daran und warum kam es bisher nicht dazu?

Astrid Schulz-Evers: Das ist eine heikle Angelegenheit. Es scheint fast so, als wenn es dort eine Art Absprache gibt, mit verschiedenen Gremien. Sicherlich ist von der Seite der Elternschaft das G9 gewünscht. Aber im Moment ist die Durchsetzungsmöglichkeit dort sehr schwer – aber wir hoffen, daß sich noch weitere Gymnasien für G9 entscheiden.

Kirschsblog: Wie erklärt sich das? Sind das politische Widerstände oder wie kommt das?

Astrid Schulz-Evers: Wenn man berücksichtigt, wer alles bei einer Entscheidung über G8 oder G9 mitreden kann, ist offensichtlich, dass da gewisse Bereiche wie Schulträger, Schulleitung natürlich durchaus eine andere Meinung vertreten, als viele Eltern und damit dann letztendlich auch über die Schulform entschieden haben.

Kirschsblog: In Wentorf wurde ja erklärt, dass es auch finanzielle Gründe gibt, und dass das G8 für den Träger billiger sein soll ist, als das G9. Was sagen Sie dazu?

Astrid Schulz-Evers: Das ist nicht erwiesen. Wenn man zum Beispiel an den immensen Bauboom an den Gymnasien denkt, der ja in Folge des Ganztagsschulunterrichts durch G8 hier in Schleswig-Holstein sehr groß geworden ist. Viele Details der Kosten fehlen noch und damit steht nicht wirklich fest, ob G8 oder G9 günstiger ist. Für Plön kann ich nur sagen, dass wir hier belegen konnten, dass G9 nicht teurer ist und deswegen haben wir hier relativ schnell die Zustimmung des Schulträgers für G9 bekommen und ebenso die Zustimmung des Bildungsministeriums.

Kirschsblog: Am Sonntag ist die Landtagswahl in Schleswig Holstein. Wie haben sich denn die verschiedenen Parteien zum Thema G9 positioniert?

Astrid Schulz-Evers: Am deutlichsten spricht sich die FDP für die Wahlfreiheit G8/G9 an den Gymnasien aus – und das seit einigen Jahren ! Mittlerweile spricht sie sogar von einer flächendeckenden Wiedereinführung von G9 an den Gymnasien. Die CDU befürwortet die Wahlfreiheit mittlerweile auch – um die Strukturdebatten an den Schulen nicht wieder aufkommen zu lassen. Denn die werden wieder entstehen – weil vorrangig die SPD, die Grünen und der SSW an den Gymnasien das G8 und auch eine Umwandlung der jetzigen G9-Gymnasien zurück in G8 Gymnasien haben wollen. SPD, Grüne und SSW streben in ihren Programmen ein gemeinsames Lernen in Gemeinschaftsschulen und damit „Eine Schule für alle“ an. Die SPD sieht den Ausbau von Oberstufen an 21 bis 23 Gemeinschaftsschulen vor, für die es dann Abitur nach neun Jahren geben soll, für Gymnasien soll nach den Plänen der SPD nur noch das G8 möglich sein. Der Philogenverband von SH hat gerade davor gewarnt, dass man in allen drei Parteiprogrammen kein Bekenntnis zum langfristigen Erhalt der Gymnasien findet, und dass damit das Gymnasium auf dem Spiel steht. Das Ziel „Eine Schule für alle“ – bedeutet damit letztlich die Auflösung der Gymnasien.