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GBS revisited: „Alle lieben Valeska“ – Reportage

19 Jun

IMG_0260Mittwoch vor den Sommerferien: Die Kinder der Zweitklässler GBS-Gruppe stehen dichtgedrängt  aber ruhig neben der Eingangstür der Grundschule Falkenberg – und blicken gespannt zu ihrer Betreuerin Valeska …. Valeska gibt ein Zeichen, dann stürmen alle laut und fröhlich los über den Hof zur zu der zur Kantine umfunktionierten Pausenhalle. Dort treffen nacheinander weitere Gruppen mit Kindern ein, jede Gruppe hat ihren eigenen Esstisch und feste Sitzplätze. An einem der Zehnertische, umringt von ihrer Gruppe sitzt Valeska  „Hallo Lukas!“ begrüßt sie die Nachzügler, die heute Projekttag hatten, „hol Dir was zu essen“, sie hakt in einem Heft  die  Namen ab. Durch die großen Fenster der hellen Pausenhalle sieht man den weitläufigen  Innenhof mit Spielplatz und Kletternetzen, viel Grün im Hintergrund, die Turnhalle und alte  Backstein-Schulgebäude  der Grundschule,  die Verwaltungsgebäude von Schulleiter und Sekretariat. Die Kinder stehen in der Reihe vor dem Tresen – gerangelt wird nicht, alles läuft ruhig und diszipliniert ab – und kommen mit  dem Essen zurück: Paniertes Huhn, Kartoffel, Gemüse, 3 Euro pro Essen. Auf jedem Tisch dazu ein Teller Gurken, Tomaten und Karotten. Die Vorschüler sind fast fertig,  sie sind die erste Gruppe in der Kantine und bekommen von ihrer Betreuerin am Tisch serviert. Valeska Stüben ist die pädagogische Leiterin und die Seele der GBS , seit die Schule 2011 im Standort Falkenberg der STS Fischbek-Falkenberg als eine der  ersten sieben Modellschulen mit der GBS-Ganztagsbetreuung bestartet ist.

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Am selben Mittwoch: Heftige Debatte über  GBS und Ganztagsschule in der Bürgerschaft. Seit Schulsenator Ties Rabe begonnen hat, alle Grundschulen in Hamburg in nur zwei Jahren in Ganztagsschulen umzuwandeln  und Horte und Hortgutscheine abzuschaffen, gibt es immer wieder Proteste wütender und enttäuschter Eltern. 2014 soll alles abgeschlossen sein, dann habe der Senator ein schulisches Betreuungsmonopol geschaffen, zu dem es keine Alternative mehr gebe, so eine Mutter bei einer Anhörung. Doch die Rahmenbedingungen,die Betreuungsschlüssel und Raumsituation der GBS Schulen sind deutlich schlechter als die in den Horten, kritisieren die Eltern. Im April hatte der Schulsenator dem Landeselternausschuss für Kindertagesbetreuung (LEA) und der Elternkammer zugesagt, die GBS-Rahmenbedingungen würden denen der Horte angeglichen, doch der Schulsenator habe seine Zusage nicht eingehalten, so  Jörg Gröndahl von LEA. Die Eltern fordern mehr Personal, bessere Ausstattung, einen beschleunigten Kantinenausbau, Mittel für die Inklusion, Zwischenmahlzeiten und bessere Informationen. Die LINKE hatte die Elternforderungen in einem Antrag  aufgegriffen,  der am Mittwoch in der Bürgerschaft debattiert und mt den Stimmen der SPD Mehrheit abgelehnt wurde.

Ärger und Proteste gegen die  Umstetzung der GBS war auch häufig Thema von Kirschsblog – berichte doch auch mal über ein Positivbeispiel von GBS, statt immer nur in „kritischen Tönen  (die auch aus meiner Sicht völlig berechtigt sind)“, forderte  Gerrit Petrich, Elternrat in der Stadtteilschule Falkenberg  Fischbeck , der neue Vorsitzende der Hamburger Elternkammer. Seine Kinder sind Schüler Grundschule des Standorts Falkenberg – sie sind dort in der GBS.

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Mittwoch 14 Uhr: Die GBS  Kinder sind ins Grundschulgebäude zurückgekehrt und sitzen über Schulbücher und Hefte gebeugt nach Alter verteilt in den Klassenräumen.  Nur einige sind jetzt beim Chor und kommen später zu den „Hausis“ dazu. Am Mittwoch Nachmittag sind fast alle GBS Schüler da, an anderen Tagen sind es weniger, da viele Schüler nur für drei Tage angemeldet sind. Von 500 Schülern der Schule nehmen insgesamt 180 Schüler an der GBS teil, neun Kinder haben sonderpädagogischem Förderbedarf.  Es gibt sieben Gruppen, die jeweils  von einem Betreuer pro Gruppe betreut, eingeteilt nach Klassen von der Vorschule bis zur 5. und 6. Klasse. Ein Betreuer betreut also eine Gruppe von 25 Kindern.  Der Betreuerschlüssel für GBS  liegt bei 1:23, dh. ein Betreuer für 23 Kinder (bzw. je nach soz. Lage 1:19). Er ist damit deutlich schlechter als bisher im Hort, dort betrug er 1:17. Die Verschlechterung des Betreuerschlüssels in der GBS im Vergleich zum Hort ist einer der zentralen Gründe für die Kritik von Eltern und Kindern an der GBS, auch darum ging es in der Debatte am Mittwoch.

Die meisten Betreuer des Standorts Falkenberg haben eine zweijährige Ausbildung als sozialpädagogische Assistenten, ein Betreuer macht die berufsbegleitende Erzieherausbildung. „Ich erfülle den GBS Schlüssel nicht ganz“, sagt Valeska Stüben, die für den Kooperationspartner der Schule,  das „Kinderhaus Hotzenplotz“ , die GBS am Standort Falkenberg leitet. Zum Kinderhaus Hotzenplotz gehört auch die Kita am Rand des Schulgeländes, zu der man nur ein paar Schritte über den Schulhof laufen muss – ein „extremer Vorteil“ für Schule und Kinder, erklärt Frau Stüben,  da die kleinen Vorschulkinder schon früh mit dem Schulgelände vertraut sind und Kinder in Kita und GBS im Früh- oder Spätdienst gemeinsam betreut werden können. Nach dem Sommer  wird die GBS, die einmal mit 100 Kindern gestartet ist, noch einmal auf 200 Kinder anwachsen.  Dann sollen für die GBS zwei  Betreuer  dazukommen.  In den Ferien selber sind nur 6 bis 9 Kinder für die Ferienbetreuung angemeldet, betreut werden sie von zwei Erziehern. An diesem Mittwoch sind übrigens 3 Betreuer ausgefallen, die Gruppen werden zusammengelegt  und sind entsprechend größer.

Es ist still,  einige Kinder schreiben konzentriert, ein Junge schaut müde träumend auf sein Heft. In Valeskas Gruppe sind 25 Schüler aus zwei zweiten Klasse.  Das Klassenzimmer ist  groß, bunt und ziemlich alt, wie das ganze Grundschule-Gebäude. Die Schultische sind zu Viertisch-Inseln  zusammengerückt. Auf jedem steht ein Blumentopf mit Gänseblümchen, daneben ein Stapel Mathehefte, an den Wänden stehen Regale mit bunten Kinderbüchern,  an den Fenstern hängen gelbe Vorhänge. Es klopft. Zwei Jungs kommen rein, und fragen höflich„ Können wir einen Fußball ausleihen“? Sie bekommen den Schlüssel  zu Valeskas Büro, ein schlauchartiger, schlichter Raum am Ende des Flurs, an dem sich neben ihrem Schreibtisch Wasserkisten stapeln und Fussbälle lagern. „Komm wieder mit dem Schlüssel,“ ermahnt Valeska die Jungs .

VALESKA MIT HAUSAUFGABEN

Neben dem Lehrerpult hat sich eine Schlange von Schülern gebildet, mit den Hausaufgabenheften in der Hand. Valeska schaut sich die Hefte an, weist freundlich auf Fehler hin, schlägt geduldig Verbesserungen vor, korrigieren soll sie nicht,  und notiert in einem großen Klassenbuch, ob die Hausaufgaben gemacht sind oder ob jemand zuhause weiterarbeiten will.  Sie hat die Bücher angeschafft, um eine bessere Übersicht zu behalten, und um Eltern und Lehrern bei Problemen immer zuverlässig  Auskunft über die gemachten  Hausaufgaben geben zu können. Sind dreimal keine „Hausis“ gemacht, informieren die Lehrer die Eltern.

Einige Kinder sind fertig, packen sorgfältig ihre Stifte, Bücher und Schultaschen ein. Ein paar ziehen jetzt um zur „Förderung“  in benachbarten Klassenräumen. Bis zu 8 Schüler werden dort  in Deutsch oder Mathe von Lehrern gefördert, von Lehrern, Lehramtsstudenten und  Studenten.

Wer mit allem fertig ist, darf raus in das weiträumige Schulgelände. Draußen wartet schon eine Mutter, Andrea Niphut.  Sie hat zwei Kinder im GBS. „Wir sind sehr zufrieden“, erklärt sie.

Probleme gebe es nur mit dem Essen: „Meinen Kindern schmeckt das Essen nicht, sie sagen, es ist nur tiefgekühlt und aufgetaut.  Und es ist zu vorhersehbar, Montags gibt’s Fisch, Mittwochs immer Nudeln,  am Freitag Süßes.“  Manchmal erklärten ihre Kinder ,„ Wir wollen nicht in den Hort, weil das Essen nicht schmeckt“.  Die Kinder haben recht – das Essen der Schule wird tiefgefroren und getrennt nach Zutaten angeliefert und dann in der Kantine 90 Minuten in einem Konvektomaten dampfgegart. Die Kantinen  sind ebenfalls ein wichtiger Kritikpunkte der Eltern an der GBS. „Unsere Kinder werden an industrielles, aufgewärmtes Essen gewöhnt, statt zu lernen, wie wertvoll unsere Nahrungsmittel sind und wie sie nachhaltig zubereitet werden,“ so ua. die Kritik des Lea am mangelhaften Kantienenausbau für GBS.   http://www.lea-hamburg.de/aktuelle-pressemitteilungen/395-massive-fehler-und-versaeumnisse-bei-gbs-einfuehrung

Sehr zufrieden ist Andrea Niphut dagegen  mit den flexiblen Abholzeiten. „Das ist super, es gibt keine Probleme, wenn wir die Kinder einmal früher abholen“.  Das erklärten auch andere Eltern, die ihre Kinder an diesem Nachmittag abholen.  Flexibilität sei ihnen besonders wichtig, sagt Valeska Stüben:  „Bei uns können Eltern ihre Kinder auch zu individuellen Abholzeiten abholen “. Ich wünsche mir noch mehr mehr Kurse zum Thema „Forschen“ ,ergänzt noch ein Junge.

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Am Spielplatz hat sich ein jetzt kleines Grüppchen von Schülern neben Herrn Stüben, dem Vater von Valeska Stüben, versammelt. Herr Stüben macht als Honorarkraft die Aufsicht auf dem Schulhof. Betreuerin Hanim Gümis notiert in einem Heft,  welche Kinder an diesem Nachmittag an welchen Kurse teilnehmen möchten, die von 15 bis 16 Uhr angeboten werden. Die Kurse heute:  Fußball , Wald, Kochen oder Mosaik. Der Kurs „Forschen“ fällt aus, weil die Kursleiterin krank ist. Ein Junge kommt plötzlich weinend angelaufen, er hat sich am Bein weh getan, Valeska kommt und schaut sich das Bein an, klopft ihm aufmunternd auf die Schulter und der Junge zieht wieder ab.

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Ich mag am liebsten Mosaik, erklärt die 10 jährige Larischa, Zaliha mag am liebsten Kochen.

Kochen ist überhaupt sehr beliebt, erklärt Valeska Stüben, zweitweise melden sich bis zu 40 Kinder „wer will, kann dann nächste Woche teilnehmen“. Kurse an anderen Tagen sind Töpfern, Weben, Fußball für Mädchen, für Jungen, Spanisch und PC Nutzung, die Elternvertreter Gerrit Petrich anbietet. Neben den Klassenräumen hat die Schule dafür eine Bibliothek, einen Werkraum, ein Spielezimmer, einen Töpferraum und zwei Vorschulräume.

Neue Räume gibt es allerdings für die GBS Nachmittage nicht – auch keine Pausenhalle für die vielen Hamburger Regentage. Geplant war für 2014 der Neubau eines großen Grundschulgebäudes mit Räumen und neuer Kantine für die GBS. Vorher sollte noch die Turnhalle abgerissen und neu gebaut werden. „Der Plan liegt vor, aber niemand weiß Genaues, es wird immer weiter nach hinten geschoben“ erklärt Valeska Stüben.

FAHRZEUGEBetreuer Alex holt jetzt die „Fahrzeuge raus“-  Zwei-,  Drei- oder Vierräder auf denen die Kinder im Schulgelände herumrasen können. Platz dafür ist in der Schule reichlich vorhanden. Es bestehe auch keine Gefahr, dass Senat und Behörde Schulgelände verkaufen würden,  wie in Schulen in der Stadtmitte geplant, die nach Berechnungen der Behörde „zuviel Platz“ haben.  Diese Sorge müsse man sich an seiner Schule nicht machen,  erklärt der Schulleiter des Standorts Falkenberg Jens Bendixen: „Wir haben wachsende Schülerzahlen“.

Jens Bendixen ist ein weiterer Glücksfall für die Schule am Standort Falkenberg: Sein großes Thema ist Sport – Sport hat er auch zum Thema seiner Schule gemacht. Ab der 3. Klasse sind viele GBS Schüler  nachmittags in Sportvereinen der Umgebung aktiv,  die Schule hat zahlreiche Kooperationen mit Sportvereinen –  Vereine, die ihr Schulleiter gut kennt –  denn er ist selbst in vielen Mitglied. Die Schule ist eine sog. „sportbetonte Schule“  mit einer  speziellen Sportklasse.

Die GBS Nachmittagskurse sind mittlerweile aufgeteilt.Der Kurs „Wald“ wandert nur wenige Schritte und Minuten und ist schnell mitten im Wald der benachbarten „Neugrabener Heide“.Die neun  Kinder klettern auf Bäume, rutschen einen hohen Sandberg herunter und essen Gurken, Tomaten und Kirschen zum Picknick zwischendurch. Ihre Betreuerin ist  Svenja Schürmann, Grundschullehrerin und selber Mutter von zwei Kindern.

WALDPICKNIKSie  wird nach den Ferien die Stelle von Valeska Stüben als Leiterin der GBS übernehmen. „Valeska hat mich überredet. Sie hat meinen Ehrgeiz geweckt, es auszuprobieren, ich kann hier gestalten, mit Personal arbeiten und die GBS weiterentwickeln“.   Mit zu ihrer Entscheidung beigetragen habe die gute Stimmung an Schule und GBS. Es gebe Respekt, Höflichkeit, die Grenzen der anderen würden beachtet und dies werde auch den Schülern beigebracht. Wichtig sei auch der gute Austausch mit Schulleitung und den Vertretern des Elternrats in der „Steuergruppe der GBS“,  die sich alle zwei Wochen treffe. Sie habe schon Pläne für das nächste Jahr, und wolle vor allem mehr Kooperationspartner dazu gewinnen, die Musikkurse, zB. Gitarrenunterricht anbieten. Diese müßten allerdings von den Eltern bezahlt werden. Zurück in der Schule gibt mir Valeska Stüben schliesslich noch ein Foto von den Mosaiken mit auf den Weg, den die Schüler des Mosaikurses in der letzten Stunde gebastelt hat.

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Resümee: Die Schule Falkenberg hat zwei wichtigen Pluspunkte auf ihrer Habenseite: Das sind einmal die Menschen:  Eine ungewöhnlich engagierte, kinderliebende und organisatorisch begabte  Erzieherin, ein engagierter und in den Sportvereinen bestens vernetzter, offener Schulleiter und ungewöhnlich engagierte Elternvertreter im Elternrat. Sie haben es gemeinsam geschafft, dass sich in der GBS der Schule Falkenberg  Kinder, Eltern, Betreuer und Besucher wohl und gut aufgehoben fühlen. Bei  der neuen Leiterin der GBS, Svenja Schürmann, liegt die Nachmittagsbetreuung, so der Eindruck, weiter in den besten Händen:

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Pluspunkt der Schule ist zum anderen die Größe und  Lage der Schule zwischen Naturschutzgebieten und Wäldern am Rande der Stadt. Ein Vorteil, den Schulen im Zentrum nicht haben.

Unabhängig von Engagement und Leistung der Menschen  bleiben aber dennoch die Punkte, die Eltern, Lea, und Opposition in der Debatte in der Bürgerschaft so heftig und zurecht kritisieren. Es sind die mangelhaften Rahmenbedingungen, das schulisch-staatliche Monopol bei der Nachmittagsbetreuung von Kindern und die Mängel der Umsetzung der Ganztagsschulreform des Schulsenators: Dazu gehören der schleppende Ausbau der Kantinen, die fehlenden Produktionsküchen, die  fehlenden Räume für Rückzug, Ruhe, Toben und Differenzierung, die fehlenden Mitteln für Inklusion  und die deutliche Verschlechterung des Betreuungsschlüssels im Vergleich zu den Horten.

Turbo G8 – „Allgemeinbildungsanspruch und eine humane Bildung wurden nahezu völlig aufgegeben“: Bildungswissenschaftler Professor Hans Peter Klein

13 Mai

G9PlakatAn diesem Wochenende hat sich in Presse und sozialen Netzwerken in Hamburg die Debatte um die acht- oder neunjährige Schulzeit an den Gymnasien, G8 – G9, heftig zugespitzt. Auslöser ist eine Einladung zu einem Treffen der Hamburger G9 Befürworter durch die Elterninitiative „G9-Jetzt-HH“, die eine Wiedereinführung des G9 an Hamburgs Gymnasien mit Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 fordert. Die Eltern hatten in einer Petition in drei Monaten über 6000 Unterschriften für die Rückkehr zum G9 an Hamburgs Gymnasien erhalten, doch Schulsenator Ties Rabe hält weiter an Turbo G8 fest.  Die Elterninititive kündigte deshalb an, das Treffen der G9 Befürworter könnte der Startschuss zu einer Volksinitiative für die Wiedereinführung des G9 an Gymnasien werden. 

Wie schon einmal während des Volksentscheids gegen die Primarschule ist die schulpolitische Diskussion um G8 oder G9 in Hamburg festgefahren zwischen den Eltern auf der einen und allen etablierten Parteien von Senat und Bürgerschaft auf der anderen Seite. Wie der SPD Schulsenator wollen auch CDU, FDP, Grüne und Linke am Turbo G8 festhalten. Sie erklären, man könne ja die zweite Schulform in Hamburg, die Stadtteilschule wählen, an der es das G9 gebe. Schulsenator Rabe selber hatte dagegen noch in Jahr 2009 die von CDU/FDP eingeführte Schulzeitverkürzung heftig kritisiert: „Der Senat hat mit fliegenden Fahnen und gegen alle Argumente die Schulzeitverkürzung durchgepeitscht“, hatte er damals als Oppositionspolitiker erklärt. http://www.tiesrabe.de/89.html?&tx_ttnews%5Btt_news%5D=217&tx_ttnews%5BbackPid%5D=90&cHash=a7148fe2a0

Kirschsblog hat deshalb nachgefragt. Was sagen Bildungswissenschaftler? Was beurteilen sie das Für und Wider von G8 und G9? Kirschsblogs Interview mit Professor Dr. Hans Peter Klein von der Goethe Universität Frankfurt:

KleinTCNJ2011Professor Dr. Hans Peter Klein unterrichtete mehr als 20 Jahre als Gymnasiallehrer und Lehrbeauftragter in der Lehrerausbildung an den Universitäten Köln und Koblenz, bevor er 2001 von der Goethe-Universität Frankfurt auf den Lehrstuhl für Didaktik der Biowissenschaften berufen wurde. Professor Klein ist Präsident der Gesellschaft für Didaktik der Biowissenschaften (www.didaktik-biowissenschaften.de), Vorstandsmitglied der Bildungskommission der Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte, sowie Mitbegründer und Geschäftsführer der 2010 in Köln gegründeten Gesellschaft für Bildung und Wissen (www.bildung-wissen.eu). 2011/2012 war er als Gastprofessor am College of New Jersey (TCNJ) in den USA tätig. Professor Klein war am 16. April 2013 in der Experten-Anhörung zum Thema individualisierter und kompetenzorientierter Unterrricht als Sachverständiger im Schulausschuss der Hamburgischen Bürgerschaft geladen.

Kirschblog: Herr Professor Klein, sind Sie für das G8 oder für das G9 an Gymnasien?

Prof. Klein: Diese Frage ist relativ einfach zu beantworten: für G9.

Kirschblog: Welche Gründe sprechen denn gegen G8?

Prof. Klein: Die Begründungen, die zu G8 geführt haben, kamen in erster Linie aus einem neoliberalen Anspruch auf Bildung, der unsere Kinder als nachwachsenden Rohstoff für den Kapital- und Arbeitsmarkt betrachtet und in der es darauf ankommt, dieses Humankapital möglichst effizient im Rahmen der Globalisierung und einer weltweiten Employability aufzustellen. Diese Forderungen werden ja unter anderem über die OECD und die weltweit agierende Bertelsmann Stiftung  vertreten. Die Finanzminister haben dann auch schnell einen Haken hinter G8 gemacht, da es Einsparpotentiale insbesondere im Bereich der Lehrerversorgung bot. Auch der Vorwurf, dass deutsche Schul- und Universitätsabsolventen deutlich älter sind als die vor allem aus den anglo-amerikanischen Ländern, ist natürlich abwegig, da es erstens ja wohl auf die Qualität des Abschlusses ankommt – und da war gerade der deutsche Absolvent sowohl des neunjährigen Abiturs als auch des 10 und mehr Semester dauernden Diploms gern gesehener Gast, Universitäts- oder auch Berufseinsteiger in diesen Ländern. Hinzu kommt, dass die USA flächendeckend einen 8-semestrigen Bachelor vergibt, der ja mit dem deutschen und teilweise europäischem 6-semestrigen Schmalspur-Bachelor nicht zu vergleichen ist.

Kirschblog: Sie glauben also, dass die Bildungsökonomie sich hier durchgesetzt hat?

Prof. Klein: Klar! „Möglichst schnell und kostengünstig durch das Bildungssystem“ scheint die leider immer noch andauernde Parole der Protagonisten dieser Entwicklung zu sein, das betrifft ja die Bacherlor-Studiengänge gleichermaßen.

Kirschblog: Hat es denn noch andere Gründe für die Einführung von G8 gegeben?

Prof. Klein: Eines der Argumente war, dass die Kinder ein Jahr ihrer Lebenszeit gestohlen bekämen, dies hatte seinerzeit der damalige Bundespräsident Roman Herzog so formuliert. Dies scheint sich seit der Einführung von G8 ins Gegenteil verwandelt zu haben: Schulkindern wird ihre Kindheit und Jugend gestohlen, da selbst die Kleinsten in immer kürzerer Zeit mit einer bisher nie gekannten Anzahl von Wochenarbeitsstunden oftmals bis in den späten Nachmittag in der Schule ihren Fächern nachgehen müssen. Die für eine positive Bildung der Gesamtpersönlichkeit dringend notwendigen sportlichen, künstlerischen und musischen Aktivitäten sind praktisch kaum noch zu realisieren. Das darüber hinaus für eine mündige und kreative Persönlichkeitsentwicklung ebenfalls wichtige „Chillen“, wie es so schön in der Jugendsprache heute heißt, hat man den Kindern weitgehend weggenommen. Sie sind in ihren Aktivitäten durchgeplant wie junge Roboter und werden leider nicht nur so durch ihre schönsten Jahre geschleust, sondern kommen danach auch an den Hochschulen in ein völlig durchstrukturiertes Bachelor/Master System hinein, dass Ihnen jede Eigeninitiative und Kritikfähigkeit geradezu nimmt. Anscheinend geht es nur noch darum, angepasste Kräfte möglichst kostengünstig für den globalen Arbeitsmarkt zu generieren. Parallel zu dieser Entwicklung wurde ein ehemals besonders im bisherigen deutschen Bildungssystem entwickelter Allgemeinbildungsanspruch und eine humane Bildung nahezu völlig aufgegeben, von Standardisierung, Effizienz und von Kompetenzen ist die Rede, eine Entwicklung, die ich eher als Weg in die Unbildung bezeichnen würde. Entsprechend wird mein neues Buch, was ich derzeit schreibe, auch den Titel oder Untertitel haben „Praxis der Unbildung“, denn genau dort sind wir mittlerweile angelangt. Bildung braucht Zeit und die Wähler werden es den Politkern danken, wenn diese ehrlich genug sind, hier eine vielleicht sogar einmal gut gemeinte Fehlentwicklung zu korrigieren.

Kirschblog: Was ist denn überhaupt Bildung?

Prof. Klein: Dies ist keine leichte Frage, denn eine einheitliche Definition von Bildung gibt es nicht. Gehen wir mal auf den Bildungsbegriff von Wilhelm von Humboldt zurück, der derzeit in der ganzen Welt eine nie gekannte Beachtung findet – außer in Deutschland –  so versteht man darunter im weitesten Sinne die Entwicklung einer ganzheitlichen Persönlichkeit basierend auf einer möglichst breiten Allgemeinbildung, in der Selbstbestimmung, Mündigkeit und Vernunftgebrauch die zentralen Elemente darstellen. Eberhard von Kuenheim, Vorsitzender der gleichnamigen Stiftung und jahrelanger Vorstandsvorsitzender von BMW, hat in einem leider viel zu wenig beachteten Artikel in der FAZ mit dem Titel „Wider die Ökonomisierung der Bildung“ eindringlich vor einem reinen Nützlichkeitsdenken gewarnt, da ein strenger Utilitarismus genau die Schäden verursache, die man beklage. Insbesondere auch die geisteswissenschaftlichen Disziplinen – die heute sowohl an Schulen als auch an Universitäten im Rahmen eines bisher nie gekannten Drittmittel- und Employabilitywahns in ihrer Daseinsberechtigung angezweifelt werden – sollten dazu beitragen, die Kindern zu mündigen und kritischen Bürgern zu erziehen, die sowohl in ihrem persönlichen als auch im gesellschaftlichen Leben auf der Basis von Wissen kompetent Entscheidungen, Bewertungen und Kommunikationen durchführen können, was übrigens auch der Anspruch eines sinnvollen Kompetenzbegriffs durchaus anfangs war.

Kirschblog: Sie verwenden in diesem Zusammenhang öfter die Definition „Bildung ist Widerstand“. Was verstehen Sie darunter?

Prof. Klein:„Bildung bedeutet Widerstand“ ist eine der Sichtweisen von Bildung, die von meiner Kollegin Ursula Frost  von der Uni Köln in einem bemerkenswerten Vortrag auf der Gründungstagung unserer 2010 ins Leben gerufenen Gesellschaft für Bildung und Wissen (www.bildung-wissen.eu) zu diesem Thema vorgetragen wurde. Davon kann nun leider heute überhaupt keine Rede mehr sein. Ganz im Gegenteil scheinen die neuen Bildungskonzepte eher den angepassten und kritiklosen, möglichst auch nicht mit zuviel Wissen ausgestatteten Menschen als das ausgewiesene Ziel eines ökonomistischen Bildungsbegriffs zu fordern, der in Politik und Wirtschaft optimal verwertbar alle ihm aufgetragenen Aufgaben ohne Nachfragen erledigt und sich möglichst eigener Gedankengänge enthält, von Kritik ganz zu schweigen. Mainstream ist angesagt und das gilt in gleicher Weise mittlerweile auch für Wissenschaft und Forschung. Auch hier schwimmt man auf der vorgegebenen Welle mit. Kritische Geister, falls es sie überhaupt noch gibt, erhalten den Querulantenstatus und keine Drittmittel. Dabei haben gerade in der Wissenschaft insbesondere kritische Geister die Forschung voran gebracht, die immer wieder die wichtigen Fragen „Wieso“, „Weshalb“, „Warum“ gestellt haben. Heute ist es nur noch das Motto der Sesamstrasse und der Sendung mit der Maus. Kritiklose Bürger, die auf der Schiene des Zeitgeistes mit gefühltem Wissen mitschwimmen, sind halt leichter manipulierbar. Wie ich schon sagte: Unbildung!

Kirschblog: Gerade im anglo-amerikanischen Raum gehen die Schüler aber auch nur 12 Jahre in die Schule. Welche Erfahrungen hat man denn dort?

Prof. Klein: Dort hat man nur deswegen 12 Jahre Schule, da der Staat nur diese Zeit bezahlt. Danach wird das Bildungssystem mehr oder weniger komplett privatisiert. Auch die amerikanischen Colleges und Universitäten sehen dies durchaus kritisch und hätten lieber um wenigstens ein Jahr ältere Studienanfänger. Die kommen jetzt – wie hier nun auch – mit 17 Jahren dorthin und werden als „Freshmen“ bezeichnet, die in den ersten beiden Semestern eine Art Studium generale durchführen können, damit sie sich zuerst einmal orientieren können. Noch nicht einmal das gewährt man den deutschen Studienanfängern. „Helicopter Parents“ begleiten die Freshmen in den USA und üben durchaus Druck auf die Lehrenden aus, sie zahlen ja schließlich deutlich mehr als Zehntausend Dollar pro Semester für ihre Zöglinge und wollen nicht, dass diese dort nur Partys feiern. Und dieser Unfug hält derzeit Einzug in die deutschen Hochschulen. Zudem empfiehlt man den G8ern soziale Jahre, Auslandsaufenthalte, Praktika, Studium vorbereitende Veranstaltungen und vieles mehr, um die Zeit für die Aufnahme eines Studiums zu überbrücken. All das haben wir bei G9 nicht gebraucht.

Kirschblog: Aber auch in der ehemaligen DDR ging man maximal 12 Jahre zu Schule und die neuen Bundesländer haben auch heute meist G8?

Prof. Klein: Das stimmt, aber in der DDR haben auch nur weniger als 10% der Schüler die sogenannte Erweiterte Oberschule besucht, man hat also nur 10% Abiturienten generiert, also die besten eines Jahrgangs. Das geht nun gar nicht mit der derzeit ins Visier genommenen Abiturientenquote von mindestens 50%, es sei denn, man senkt die Ansprüche drastisch ab und das bestreitet heute ernsthaft niemand mehr.

Kirschblog: Aber die Hamburger KESS Studie behauptet doch das genaue Gegenteil.

Prof. Klein: Ich bin immer wieder erstaunt, wie sehr sich die Öffentlichkeit und selbst die Presse bluffen lassen. Wir untersuchen derzeit vergleichend die Hamburger Zentralabiturarbeiten von 2005 bis 2011 in den einzelnen Fächern und erste Ergebnisse weisen eher auf das genaue Gegenteil hin.

Kirschblog: Herr Professor Klein, vielen Dank für das Interview.

Einladung

Treffen der Hamburger G9 Befürworter:

14. Mai 2013

20 Uhr

Brechtschule

Norderstrasse 163-5

7 Minuten von Hauptbahnhof

Informationen zu Elterninitiative „G9-Jetzt-HH“unter:

http://www.g9-jetzt-hh.de,

Tel. 0172/4356563

GBS REVISITED: Enttäuscht – empört – verzweifelt – Wieder heftige Elternproteste gegen Ties Rabes Ganztags-Schul-Reform

15 Apr

„Ich bin wütend und verzweifelt und für jede Empfehlung dankbar“,  schreibt Eva Landmann, Mutter einer siebenjährigen Tochter. „Es brennen mir einige Fragen auf der Seele, die mir in der Schule niemand beantworten kann. Die GBS-Hotline war auch in keinster Weise hilfreich. Dort sagte mir die Behördenmitarbeiterin am Telefon, sie sei für GBS nicht geschult und könne mir meine Fragen nicht beantworten.“

Vor einem Jahr, vor der Umwandlung von 50 Hamburger Grundschulen in  Ganztagsschulen mit Ganztägiger Bildung und Betreuung (GBS), gab es bei Eltern heftige Kritik an der Umsetzung und am Tempo der Ganztagsschul-Reform von SPD Schulsenator Ties Rabe. Kirschsblog hatte ausführlich darüber berichtet.  In diesem Sommer sollen 70 weitere Grundschulen zu Ganztagsschulen umgewandelt werden und die Stimmung unter den Eltern hat sich nicht gebessert. Es gibt erneut heftige Kritik. Ties Rabes Ganztags-Grundschul-Reform soll mit den 70 neuen Schulen im August  abgeschlossen sein – fast alle 204 Grundschulen werden dann Ganztagsschulen sein, zumeist in der offenen Form mit GBS. Doch die heftige Kritik der Eltern klingt in diesen Tagen fast genau wie vor eineinhalb Jahren.

Eva Landmann ist alleinerziehende Mutter einer siebenjährigen Tochter in der Grundschule Forsmannstraße. Sie ist voll berufstätig und muß bis 17 Uhr arbeiten. Ihre Tochter,  die bislang nachmittags im Hort ist, muss nun nach Ties Rabes Ganztags-Schulreform zur ganztägigen Betreuung (GBS) wechseln.

Der Grund für Evas Verzweiflung: „Ich habe bislang einen Hort-Gutschein für eine 5-stündige Hortbetreuung bis 18 Uhr und zahle dort 95,00 € monatlich“,  schreibt sie. „Der Online-Gebührenrechner für GBS hat mir nun … ausgerechnet: Wenn ich die Spätbetreuung bis 18 Uhr buche + Mittagsverpflegung + 10 Wochen Ferienbetreuung + Sockelwoche zahle ich jetzt bei GBS  summa summarum 159,38 € monatlich – d. h. unglaubliche 64,38 € mehr als im Moment.“

Erst von Oliver Hilgers, Elternvertreter und Gebührenspezialist im Landeselternausschusses Kindertagesbertreuung  (LEA), bekommt sie eine klare Antwort: Sie muss diese Summe von 64, 38 Euro monatlich 1 Jahr in Vorleistung“ zahlen und kann dann nach der „Keiner zahlt mehr als im Hort“-Regelung per Antrag eine „Rückerstattung“ bekommen. Das Antragsformular existiert noch nicht.

Macht fast 800 Euro im Jahr mehr als im Hort –  zuviel für Eva Landmann: „Ich habe meinen Antrag drastisch reduziert – nämlich statt der Betreuung bis 18 Uhr nur bis 17 Uhr – und statt elf Ferienwochen nur vier … Jetzt kann ich sehen,  wie ich klarkomme (zahle so „nur noch“ 2,50 € mehr als im Moment). Ich kann einfach nicht ein Jahr lang 800 € vorschießen.“

Kein Einzelfall, so die Kritik vieler  Eltern. In einer öffentlichen Fragestunde des Jugendhilfeausschuss im Bezirk Wandsbek in der letzten Woche konfrontierten sie den Vertreter der Schulbehörde, B. Oldenburg, mit Kritik und Fragen.

Keiner zahlt mehr als im Hort?

„Keiner zahlt mehr“ als im Hort, dieses Versprechen von Schulsenator Ties Rabe für die Gebühren der Ganztagsbetreuung in der Schule „stimmt gar nicht“, erklärte Farahnaz Bergmann stellvertretend für viele andere Eltern. Es sei keineswegs selten der Fall, dass Eltern für GBS mehr zahlten als für die Hortbetreuung, das bestätigen auch andere Eltern. Das gelte für alle Stufen der nach Einkommen gestaffelten GBS Gebühren. So werde auch die Gebühr von 207 Euro für Höchstzahler überschritten, die eigentlich als maximale Obergrenze für Höchstzahler festgelegt sei, wenn man alle Ferienzeiten und Mittagessen bucht, erklärte Farahnaz Bergmann. Sie selbst müsse aber alle Ferienzeiten buchen, denn zum Zeitpunkt der Anmeldung für das gesamte nächste Schuljahr (die Frist lief bis zum 30.März)  könne sie in ihrer Arbeit nicht planen, wann sie genau in nächsten Schuljahr in Urlaub gehe. Sie habe für ihre Tochter erst einmal alles gebucht.

„Sollten tatsächlich in wenigen Fällen … höhere Elternbeiträge“ als im Hort anfallen „wird die Schulbehörde die Differenz erstatten“, so hatte dagegen in der letzten Woche Schulsenator Rabe in einer Presseerklärung  nach einem der Treffen des „Runden Tisches“ melden lassen,  an dem Vertreter der Schulbehörde und Senator Ties Rabe mit Vertretern von Elternkammer und Landeselternausschuss (LEA) die Kritik der Eltern vorgetragen hatten. http://www.hamburg.de/bsb/bsb-pressemitteilungen/3922392/2013-04-11-bsb-gnaztagsausbau-schulen.html

Doch die Zusage des Senators, zuviel gezahlte Gebühren zurückzuzahlen, sorgt für Ärger und Verunsicherung bei den Eltern. Viele Eltern wüssten gar nicht, dass es eine Rückerstattung gebe, erklärte auch Anja Quast, Fraktionsvorsitzende der SPD im Bezirk Wandsbek. Eltern müssten viel besser informiert werden. Da fehle ein wichtiger Baustein, die Kommunikation zwischen Eltern, Kitaleitern und Lehrern müsse dringend verbessert werden. Denn „wer es nicht weiß, der wird sich auch nicht melden.“

Rückerstattung von Gebühren

Hinzu kommt, dass die Gebühren erst nach Ablauf des ganzen Schuljahres rückerstattet werden. „Ich finde es nicht gut, wozu soll ich denn erst einmal alles bezahlen? Und an welchem Tag soll ich dann kommen, um es zurück zu bekommen. Welche Unterlagen soll ich mitbringen?“, fragte Farahnaz Bergmann empört.

Vorher zahlen und hinterher zurückzahlen sei nicht „sozial verträglich“, erklärte Claudia Folkers von der CDU Fraktion und bezog sich damit auf Eltern, die wie Eva Landmann diese Summen für die Vorfinanzierung der Gebühren gar nicht aufbringen können. Die Kosten der Ferienbetreuung müssten reduziert werden, die Anträge seien außerdem viel zu kompliziert, kritisierte ein Vertreter eines „Freien Trägers“ der GBS-Nachmittagsbetreuung. In sozialen Brennpunkten, in denen Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen eigentlich auf die Nachmittagsbetreuung angewiesen seien, würden nur 10 bis 12 Prozent der Kinder an der Ferienbetreuung teilnehmen, denn das Ganze sei vielen zu teuer, zu kompliziert und nicht flexibel genug. Viele Familien seien mit dem Prozedere der Anmeldung, den vielen unterschiedlichen Formularen und der langfristigen Planung überfordert.

Die Rückerstattung könne erst am Jahresende erfolgen, weil erst nach dem Schuljahr alle Ausgaben, die Gebührenscheine und die Abrechnungen der Caterer für die Berechnung vorlägen. Geben Sie uns für die Organistation der Rückerstattung noch „ein paar Wochen“, bat Herr Oldenburg von der Behörde.

Ausstattung bei GBS und Hort auf gleichem Niveau?

„Die ganztägige Betreuung an den Schulen (GBS) werde auf dem gleichen Ausstattungsniveau stattfinden wie die bisherige Hortbetreuung“, so die Erklärung von Schulsentor Rabe nach dem Treffen des Runden Tischs zum Thema GBS in der vergangenen Woche. http://www.hamburg.de/bsb/bsb-pressemitteilungen/3922392/2013-04-11-bsb-gnaztagsausbau-schulen.html

Doch die Eltern sehen das ganz anders als der Schulsenator:  In ihren Fragen kritisierten sie auch den Personalschlüssel der GBS. Der Schlüssel von einem Betreuer für eine Gruppe von 19 bzw. 23  Kindern sei schlechter als im Hort, es würden außerdem Hilfskräfte ohne  pädagogische Qualifikation eingesetzt, so Farahnaz Bergmann. Kritische Fragen gab es auch zu den Problemen beim  Mittagessen, zu den Warmhalteküchen und zum Raummangel. So gibt es Schulen, in denen ab August über 100 bis 150  Kinder an GBS teilnehmen werden, die aber keine entsprechenden Kantinen oder viel zu kleine Kantinen haben. Um- und Ausbauten von Kantinen sollen noch bis 2015 oder sogar bis 2017 dauern, in einem Fall ist noch gar kein Termin für einen Umbau bekannt, kritisierten die Eltern.

Ganz unbegreiflich sei für sie, dass Kinder bei der Ganztagsbetreuung keine Zwischenmahlzeit erhalten, erklärte  Farahnaz Bergmann im Ausschuss. „Ich verstehe nicht, dass es dafür kein Budget gibt. Ein Kind ist doch immer noch ein Kind, die brauchen das!“.

Das sei eine politische Entscheidung erklärte Herr Oldenburg von der BSB, im Übrigen sei vieles der „Systemumstellung geschuldet“ und das „sei eine Sache“, die müsse „man in Kauf nehmen“. Das zusätzliche „pädagogische Budget“ für die GBS könne aber dazu beitragen, den Personalschlüssel zu senken, erklärter er. Außerdem würden „Leute auf Honorarbasis“ Kurse anbieten oder mit den Kindern lesen. Alle Betreuungsbereiche hätten aufgrund des Kitaausbaus im Moment außerdem Probleme, genügend Erzieher zu finden, erklärte Oldenburg.

Kritische Fragen der Eltern betrafen auch das inhaltliche Angebot von GBS. Es wurde gefragt, ob die Schulbehörde überhaupt wisse, was da von wem in welcher Qualität angeboten werde. Zusatzangebote, so die Kritik weiter, seien außerdem kostenpflichtig, es sei ein falscher Ansatz, dass sogar Fußball Geld koste.

Eltern: „Unausgegoren und zu kompliziert“

„Völlig unausgegoren und viel zu kompliziert für alle Beteiligten“, so bringt Eva Landmann die Kritik vieler Eltern an der Ganztagsreform und Umsetzung von GBS auf den Punkt. Hinzukommt, es gibt keine Alternativen mehr, fast alle Horte werden am Ende dieses Schuljahres abgeschafft.

Kritik und Fragen der Eltern finden sich im 10-Punkte-Nofall-Paket wieder, dass die Elternkammer und der Landeselternausschuss (LEA) für Kindertagesbetreuung Schulsenator Ties Rabe beim Treffen des Runden Tisch in der letzten Woche überreichten. Neben dem beschleunigten Kantinenausbau werden darin u.a. Ruhe-, Bewegungs- und Kursräume gefordert, außerdem mehr Geld und Personal für die Information über GBS, ein Konzept mit qualitativen Mindeststandards, mehr Elternmitwirkung oder zusätzliche Mittel für die Inklusion.

Noch umfangreicher ist eine Liste Deutsche Kinder- und Jugendstiftung mit 23 Punkten, die aus der Sicht von Kindern beschreiben, was Ganztagsschule bieten sollte. Z.B. Punkt 17: „Die Mittagspause ist lang genug, um mich auszutoben, zusammen mit Freunden oder allein etwas zu machen, was Spaß macht, oder mich zurückzuziehen, mich mit meinem Hobby zu beschäftigen, zu lesen, ein Musikinstrument zu spielen oder ein Kunststück einzuüben, am Computer zu arbeiten oder miteinander etwas „Richtiges“ zu machen.

Schön klingt auch Punkt 19: Es gibt auf dem Schulgelände und im Schulhaus genug Platz und Gelegenheiten, um mit anderen zu spielen, Sport zu treiben, Kunststücke zu üben oder zu experimentieren. Es stehen Sport- und Spielgeräte zur Verfügung, es gibt Klettermöglichkeiten, Bereiche, in denen man bauen und gestalten kann, aber auch Verstecke, geheime und ruhige Ecken“. http://www.ganztaegig-lernen.de/sites/default/files/23_Thesen.pdf

Doch bis Hamburgs Ganztagsschulen das bieten, ist es noch ein weiter Weg. Ties Rabe weist rigoros alle Forderungen zurück: „Es ist schon ein großes Vorhaben die Zahl der Ganztagsschulen in drei Jahren um 50 Prozent zu steigern, wir sollten diesen ehrgeizigen Plan jetzt umsetzen und nicht ständig mit neuen Zusatzforderungen erschweren“. http://www.hamburg.de/bsb/bsb-pressemitteilungen/3922392/2013-04-11-bsb-gnaztagsausbau-schulen.html

Bleibt schließlich eine Frage: Was passiert, wenn es keine Horte und Kita-Gutscheine mehr gibt? Erlischt damit für die GBS-Gebühren auch die „Keiner zahlt mehr als im Hort-Regelung“? Das würde bedeuten, Eva Landmann und alle Eltern, die für GBS höhere Gebühren zahlen als für die Betreuung im Hort, bekommen kein Geld mehr rückerstattet. Sie müssen dann mehr zahlen. Wie sagte es eine Mutter am 10 Mai – fast genau vor einem Jahr: „Wir zahlen ab Sommer im Monat über € 35,00 mehr für ein schlechteres Angebot – und das wird uns als „kostenlose Nachmittagsbetreuung“ verkauft!“

https://kirschsblog.wordpress.com/2012/05/10/die-versprechen-des-schulsenators-grundschuleltern-rechnen-nach-ganztagsschule-kann-fur-familien-teurer-als-hort-werden/

Petition für G9 und gegen Turbo G8 an Hamburgs Gymnasien erfolgreich gestartet

14 Jan

Seit dem Wochenende ist sie gestartet und stündlich werden es mehr Unterschriften: Immer mehr Hamburger unterstützen die Petition für eine „Wiedereinführung des G9 in Hamburg, mit Wahlfreiheit zwischen G8 und G9“ mit ihrer Unterschrift. Gestartet wurde diese Petition von der Autorin dieses Blogs gemeinsam mit vier weiteren Unterschreibern des Petitionstextes, Eltern von ein bis fünf Kindern aus ganz Hamburg. Schon am Sonntagabend hatten 382 Befürworter des G9 an Hamburgs Gymnasien die Petition unterschrieben.

Hier der Link zur Petition: http://www.change.org/de/Petitionen/wiedereinf%C3%BChrung-des-g9-an-hamburger-gymnasien-mit-wahlfreiheit-zwischen-g8-und-g9

Das Thema beherrscht in diesen Wochen die Schlagzeilen: „Mehrheit der Eltern gegen Turbo G8 und für G9, Turbo-Abi überzeugt Eltern nicht“, „Philologenverband fordert mehr G9-Versuchsschulen“: ARD, NTV, Spiegel, Stern, Frankfurter Rundschau – überall gibt in diesen Tagen Berichte über den Aufstand von Eltern gegen das Turbo G8 an den Gymnasien, das in Hamburg vor 10 Jahren eingeführt wurde. Nun hat eine neue Hamburger Elterninitiative,  „G9-Jetzt-HH“ , eine Petition für die Rückkehr zum G9 gestartet, und zwar in Form einer Wahlfreiheit zwischen dem G8 und dem G9 an den Schulen. Auf der Homepage der Elterninitiative  heißt es zur Begründung:

„Mit dieser Petition wollen wir Eltern und Befürwortern des G9 Mut machen, aktiv zu werden, wollen uns miteinander vernetzen und so den Druck auf den Schulsenator erhöhen, der Forderung von Schülern, Eltern, Großeltern, Lehrern, Wissenschaftlern, Kinderärzten und anderen nach einer Rückkehr zum G9 zu entsprechen. Am besten als Wahlfreiheit zwischen G8 und G9.“

Die Elterninitiative  droht,  eine Volksinitiative zu starten, wenn ihre Forderungen nach dem G9 nicht umgesetzt werden.

80 Prozent der Eltern wollten nach einer Emnid Umfrage zum G9 zurückkehren, heißt es in der Begründung der Elterninitiative weiter. „Auch Hamburger Eltern wehren sich gegen die Überforderungen der Schüler durch pädagogisch unsinnig lange Unterrichtstage des Turbo G8, die selbst in Ganztagsschulen in anderen europäischen Ländern nicht üblich sind, und gegen die Belastung von Kindern ab 10/11 Jahren durch bis zu 50 Arbeitsstunden pro Woche“. Die Eltern kritisieren auch das „Chaos von langen und kurzen Schultagen, täglich wechselnde Zeiten für Hausaufgaben, Mittagessen, Lernen, Gruppenarbeiten, usw., die keine klare Struktur ermöglichen, erschwert durch unzureichende Rahmenbedingungen an den Schulen.“

Das G8 sei ferner ein „Eingriff in die selbstbestimmte Zeit der Kinder und Jugendlichen“, der die „Teilhabe am sozialen, kulturellen, sportlichen Leben außerhalb der Schule einschränke“ , ebenso wie die „freiwillige Teilnahme an Angeboten innerhalb der Schule“. Es fehle im G8 die „Zeit für außerschulische Förderung besonderer Fähigkeiten und Neigungen, Eigeninitiative und selbstgewählte Aktivitäten“. Sport in Vereinen, Musikschule, Pfadfinder, Konfirmandenunterricht fänden nur noch „unter erheblichem Zeitdruck statt oder müssen ganz aufgegeben werden. Freiheit und Kindheit werden beeinträchtigt.“

Auch die schulischen Leistungen würden durch das G8 beeinträchtigt: „Aufgrund des verdichteten Lehrstoffes“ fehle es im Unterricht an Zeit für Vertiefung und Wiederholung. Nach einer wissenschaftlichen Untersuchung des Turbo G8 in Sachsen Anhalt zeigten sich „negative Effekte der Schulzeitverkürzung auf die Mathematikleistungen im Abitur sowie auf die Aufnahme eines Studiums“. http://www.niw.de/index.php/presse-detail/items/turbo-abitur-leistungen-in-mathematik-schlechter-geringere-einschreibungsquote-von-frauen-keine-unterschiede-in-der-persoenlichk.html

Im Gegensatz zu den Erklärungen des Schulsenators werde die Verschlechterung der Schulleistungen auch durch die Ende 2012 vorgestellte Hamburger Vergleichsstudie Kess 12 zwischen den Leistungen der G9 Abiturienten und denen der G8 Abiturienten belegt. Das G8 belaste außerdem das Familienleben durch die langen Schultage und die vielen Wochenstunden, begründen die Eltern ihre Petition.

Sie bitten  Eltern, Lehrer, Großeltern und alle Interessierte, ihre Forderung nach einer Wiedereinführung des G9 mit einer Unterschrift unter die Petition zu unterstützen. http://g9-jetzt-hh.de/unserziel/174-warum-g9-an-hamburger-gymnasien

Über die Elterninitiative berichtet am Wochenende auch die Presse: “ Diese Mutter will das Turbo-Abi stoppen“, so titelte am Sonnabend die Hamburger Morgenpost, und brachte damit auf den Punkt, was die Eltern und Kritiker des Turbo G8 fordern: Ein Ende des G8 an den Gymnasien und die Rückkehr zum G9.

http://www.mopo.de/nachrichten/stoppt-diese-mutter-das-turbo-abi–hamburg-droht-ein-neuer-volksentscheid,5067140,21443364.html

Sind G8 Abiturienten besser als G9 Abiturienten oder schlechter? Und warum wurde erstmals auf die Frage verzichtet, wie es den Abiturienten geht? Die Ergebnisse der Kess 12 Studie

28 Nov

Wer hat Recht? Die Ergebnisse der gestern vorgestellten Kess 12 Studie,  in der die Leistungen der Abiturienten des G8 Abi-Jahrgangs von 2011 geprüft wurden, haben erstaunlich Unterschiede und unerwartete Allianzen in der Bewertung  ausgelöst.

Die Leistungen in Englisch seien in der „Gesamtbreite aller Lerngruppen“ bei den  G8 Abiturienten „höher“ als die der G9 Abiturienten in der vorherigen Lau-Studie vor sechs Jahren, erläuterte Studienleiter Ulrich Vieluf. Auch im Bereich der „voruniversitären Mathematik“ habe der G8 Jahrgang besser abgeschnitten.  „Deutlich bessere Leistungen“ als die G9 Abiturienten hätten  in beiden Bereichen vor allem die 500 leistungsstärksten der knapp 4000 getesteten Abiturienten des G8 erreicht, erklärte er. Leichte Verbesserungen  gebe es bei den leistungsstärkeren G8 Abiturienten auch in den Naturwissenschaften. Schulsenator Ties Rabe kommentierte hocherfreut: „In allen Tabellen zeigt sich, dass die Schülerinnen und Schüler unter verschärften Bedingungen zu besseren Leistungen kommen. Das „überraschende Ergebnis „ von Schulzeitverkürzung und Profiloberstufe, so der Senator in seiner Pressemitteilung: „Bessere Leistung im Abitur“. http://www.hamburg.de/pressearchiv-fhh/3702064/2012-11-27-bsb-kess-12.html

„G8 scheitert in Hamburg: aktuelle Längsschnittstudie KESS 12 belegt Misserfolg trotz Profiloberstufe“, urteilte dagegen der Bürgerschaftsabgeordnete in der CDU Fraktion, Walter Scheuerl. Die G8-Schülerinnen und Schüler im Abiturjahr 2011 hätten „schlechtere Leistungen erzielt als ihre Vorgänger im Vergleichsabiturjahr 2005 im G9“. Und das, obwohl sie sich bei der Kurswahl in der Profiloberstufe im Vergleich zum G9 Jahrgang viel stärker auf  Kernfächer wie Mathematik und Englisch konzentriert hätten. Der Vorsitzende des Schulausschusses der Bürgerschaft belegte seine Kritik mit Zitaten aus allen drei Bereichen Englisch, Mathematik und Naturwissenschaft der Kess Studie: So verwies er u.a. auf die besseren Ergebnisse der G9 Abiturienten in dem „unbestechlichen internationalen TOEFL-Test („Test of English as a Foreign Language)“ Auf Seite 5 der Studie heißt es: „„die Abiturientinnen und Abiturienten des KESS-Jahrgangs schneiden auf beiden Kursniveaus über das gesamte Leistungsspektrum schwächer ab als der LAU-Jahrgang“. Walter Scheuerls Fazit: „Schulsenator Rabe verhöhnt mit seiner heutigen Pressemeldung die Schülerinnen und Schüler im G8-System, wenn er …behauptet, das G8 hätte in Hamburg in Verbindung mit der Profiloberstufe zu angeblich besseren Leistungen im Abitur geführt. Das Gegenteil ist der Fall!“

Ganz ähnlich auch die Kritik der GEW: „Die Jubelmeldungen des Bildungssenators und KMK-Präsidenten Ties Rabe zur Vorstellung der Ergebnisse der KESS 12 Studie sind voreilig und ungerechtfertigt“. Es entspreche „nicht der Wahrheit“, dass die „Schulzeitverkürzung zum Abitur (G8) zu besseren Schulleistungen geführt“ habe. In der Studie selbst werde  „viel bescheidener“ erklärt, das G8 habe „nicht zu einem Leistungseinbruch geführt“.   Das sei aber, so auch die GEW, ein Ergebnis der Profiloberstufe und der „stärkeren Anwahl von Kursen mit erhöhten Anforderungen in Englisch und Mathematik“. Mit der Schulzeitverkürzung habe das „ nichts zu tun“.

Kess 12 sei eine reine Leistungsstudie, kritisiert die GEW weiter. Die Bedingungen, unter denen diese erzielt worden seien, seien gar nicht untersucht worden. „Zunehmender Zeitdruck beim Lernen und verdichtete Unterrichtstage und –wochen“ führten zu „massivem Stress bei den SchülerInnen und ihren Familien“ Es fehle an Freizeit und außerschulischen Aktivitäten,  Gymnasiasten hätten „Arbeitswochen, die weit über die Regelarbeitszeiten von ArbeitnehmerInnen hinaus“ gingen, erklärte der GEW Vorstzende Klaus Bullan auch in einen Interview in der Tagesschau. Doch seine Empfehlung,  lieber das G9 an der Stadtteilschule zu wählen, ist für viele Eltern, die sich bewußt für das Gymnasium entschieden haben, wohl keine Lösung.  http://www.gew-hamburg.de/themen/bildungspolitik/schulzeitverkuerzung-ist-und-bleibt-falsch

Eine erstaunliche Allianz mit dem SPD Schulsenator bildete dagegen der schulpolitische Sprecher der CDU Fraktion, Robert Heinemann. Er war einer der maßgeblichen Schulpolitiker seiner Partei, als vor 10 Jahren unter CDU und FDP Regierung in Hamburg die Schulzeit an den Gymnasien von neun auf acht Jahre reduziert und das G8 damit eingeführt wurde. Sein erfreuter Kommentar zur Kess 12 Studie. „Die Ergebnisse zeigen, dass sowohl die Einführung des G8 als auch die stärkere Leistungsorientierung der Gymnasien – etwa durch die zentralen Prüfungen – unter den CDU-Senaten richtig war. Besonders beeindruckend ist, dass sich die Leistungen trotz der deutlichen Erhöhung der Abiturientenquote verbessert haben“.  Anders als die GEW, sieht Robert Heinemann lediglich gewisse Probleme bei der Umsetzung des G8, die noch nicht „optimal“ erfolgt sei. Dadurch komme es „teilweise zu unnötigen Belastungen der Schülerinnen und Schüler“. Robert Heinemanns Verbesserungsvorschlag:  „Schulinspektion und Schulaufsicht“ müssten da noch genauer hinsehen.

Die Zitate und die sehr unterschiedlichen Bewertungen machen insgesamt eins deutlich: Einen eindeutigen Leistungsvorsprung der G8 Abiturienten vor den Abiturienten des G9, wie es Ties Rabe in seiner Pressemitteilung behauptet, läßt sich mit den Ergebnissen der Kess 12 Studie keineswegs belegen.  

Es gibt allerdings ein klares Ergebnis: Die Zahl der Abiturienten hat sich insgesamt erheblich erhöht. Sie stieg um 33 Prozent, von 3517 Abiturienten im Jahr 2005 auf 4675 im Jahr 2011. Die Schülerschaft hat sich dabei verändert, es gibt jetzt mehr Abiturienten aus bildungsfernen Elternhäusern.

Am Ende der Leistungsbilanz fragte eine Journalistin gestern, ob man denn bei der Kess 12 Studie auch Wohlbefinden oder Gesundheit der Abiturienten des G8 Jahrgangs geprüft habe. Die Antwort von Studienleiter Ulrich Vieluf: Bei Lau und früheren Untersuchungen habe man die Abiturienten „noch gefragt“: „Wie geht es Dir?“. Diese Frage, so Vieluf, sei aber von den Abiturienten „nicht goutiert“ worden. Deshalb habe man bei KESS erst garnicht danach gefragt.

Schulsenator Rabe zeigte sich von dieser Frage unberührt. In Hamburg gebe es zwei  Möglichkeiten, das Abitur zu machen, das G8 am Gymnasium und das G9 an der Stadtteilschule. Diese Kombination sei „geradezu ideal“, man habe beide Wege eröffnet, der G8 Jahrgang sei erfolgreich, so „dass wir das so lassen“.

 Die Frage eines anderen Journalisten, ob sich der ganze Stress denn lohne, beantwortete er nicht.

Ein sprachloser Ties Rabe – ARD Bericht zieht „verheerende Bilanz des Turbo G8“

5 Nov

Vielen Eltern in Hamburg, die sich seit Einführung des Turbo G8 vor 10 Jahren gegen Druck, Überforderung und lange Schultage des G8 wehren, bescherte die Sendung „Titel, Thesen, Temperamente“ des ersten Programms der ARD am Sonntag abend ein dreifach beglückendes Erlebnis!!!

Warum dreifach beglückend?

1. Zum ersten Mal erlebten sie einen Schulsenator, der sich auf eine Frage eines Journalisten nicht wie gewohnt mit vielen schmückenden Worten glatt aus kritischen Fragen herauswand: Ties Rabe war schlicht sprachlos! 2. Der Bericht mit der „verheerenden Bilanz des Turbo G8“ kam aus HH, eine Ausrede wie „Bayern ist viel schwerer“ war also nicht möglich. 3. der Beitrag lief in der ARD und brachte auf den Punkt, wogegen Eltern seit 10 Jahren in HH kämpfen und wofür sie sich einsetzten: Für eine Wiedereinführung des G9 an Gymnasien –  am besten umgesetzt in einer Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 an den Gymnasien!!!

Seit 10 Jahre, seit Einführung des Turbo G8 an Hamburgs Gymnasien, engagieren sich Eltern in Hamburg gegen die Verkürzung der Schulzeit an Gymnasien von 9 auf 8 Jahre. Die Eltern protestieren gegen eine gesundheitliche Überforderung ihrer Kinder durch pädagogisch unsinnig lange Unterrichtstage von 8 bis 11 Pflichtstunden am Tag, und gegen eine 50 Stundenwoche für Schüler ab 1o, 11 Jahren, rechnet man Hausaufgaben etc. dazu. Eltern kritisieren das Chaos der täglich wechselnden langen und kurzen Tage in der Schule, der fehlenden klaren Zeitstrukturen bei Mittagessen, Hausaufgaben, Üben, Referaten, den Mangel an Freizeit und Erholung. Sie protestieren gegen das Zusammenpressen des Stoffs von insgesamt 13 in 12 Schuljahre, die fehlende Ausstattung der Schulen mit Räumen, Kantinen und Personal und gegen den Eingriff in die selbstbestimmte Zeit für außerschulische Aktivitäten der Kinder, für Familienleben und elterliches Erziehungsrecht.

Die Eltern-Proteste gegen das G8 prallten jedoch gegen eine Mauer der Abwehr bei allen verantwortlichen Schulpolitikern – sowohl bei CDU und FDP, unter deren Regierung das G8 eingeführt worden war, als auch beim derzeitigen Schulsenator Ties Rabe von der SPD, der erst vor wenigen Wochen auf die Frage von Eltern audrücklich erklärte, dass er für Kinder und Jugendliche am Gymnasien kein G9 zulassen werde, weil es ja das G9 ja schon an den Hamburger Stadtteilschulen gebe.

Umso erstaunlicher für die kritischen Eltern die Reaktion des Schulsenators in dem Bericht der ARD am Sonntag. Von den Reportern gefragt, was denn das Gute am G8 sei, rang Ties Rabe um Worte – und fand keine. Die Sprachlosigkeit des Schulsenators wirkte wie ein ungewolltes Zugeständnis an die kritischen Eltern.

„Die Bilanz nach zehn Jahren Turbo-Abi ist verheerend.“ so überhaupt das Resumee in dem TTT Bericht, der damit die jahrelange Kritik und Proteste der Eltern am G8 bestätigte. Nach einer aktuellen Emnid-Umfrage wollten knapp „80 Prozent der Eltern das alte Gymnasium zurück“, so es hieß es in dem Bericht, in dem dann auch die Gründe für diese verheerende Bilanz aufgezählt wurden:

„Da wächst eine Generation ohne Zeit auf. Ohne Zeit für das, was Spaß macht. Ohne Zeit für Musikinstrumente und Sport.“so der ARD Bericht, in dem Schüler, Lehrer und Schulleiter aus Hamburg zu Worte kamen. Die verkürzte Schulzeit stresse auch Lehrer, denn sie hätten „täglich mit kaputten und überforderten Schülern zu kämpfen“. Der Schulleiter des Emilie Wüstenfeld Gymansiums in Hamburg, Winfried Rangnick, kritisiert in dem Bericht: „Das eine ist tatsächlich der Wechsel von G9 auf G8, eine größere Anzahl an Stunden, längere Schultage, gerade auch für Schüler im Alter von 13 bis 16, in der Pubertät oft schwierig, wo sie mehr Zeit für sich bräuchten. Der andere Teil, den wir wahrnehmen, ist, dass sich gesellschaftlich etwas verändert hat. Der Druck der Gesellschaft, der sich den Schülern auf welche Weise auch immer mitteilt, ohne dass Eltern gezielt darüber sprechen, glaube ich, lautet: Streck dich nach der Decke, es kann schwierig werden, es gibt eine hohe Konkurrenz.“

Vielleicht ist sei das G8 „einfach kein gutes Modell“, so die ARD Reporter. Manche Bundesländer planten schon eine „Rolle rückwärts… denn auf der Strecke bleibt: die Kindheit, die Jugend. Die Schüler sind früher fertig – in jeder Hinsicht. „Es ist ein hoher Preis, den die Schüler und Lehrer an den Gymnasien zahlen für, ich will mal sagen, eine Laune der Wirtschaft, die irgendwann mal alle Kultusminister überzeugt hat“, so denn auch die Kritik eines Lehrer.

„Reife kann man nicht beschleunigen“, so bringt der Bericht die Sorgen, Proteste und Kritik von Eltern, Schülern, Lehrern und Schulleitern auf den Punkt: “ Für viele Schüler, Eltern und Lehrer ist das Turbo-Abi durchgefallen. „

http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/sendung/ndr/2012/turboabitur-100.html

Wird das Zentralabi ab 2017 ein „Abi Light?“ Zum Hamburger KMK Beschluss über einheitliche Bildungsstandards für das Zentralabitur

21 Okt

Fast wirkte der Hamburger Schulsenator und Präsident der deutschen Kultusministerkonferenz Ties Rabe bei der Pressekonferenz der KMK am Freitag enttäuscht, weil noch keiner der vielen Journalisten nach einem zentralen Stichwort gefragt hatte: So nannte er es selbst:  Wissen!  Kritiker, so Ties Rabe, würden immer wieder vor einem Verlust an „Wissen“ durch die Einführung  von „Kompetenzen“ warnen,  die nun nach Beschluss der Kultusministerkonferenz die Grundlage bundesweit einheitlicher Bildungsstandards für ein Zentralabitur in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch bzw. Französisch bilden sollen. Die Bildungssstandards  wurden vom Berliner Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) und Fachleuten der Länder entwickelt und sollen mit Beginn der 11. Klassen ab 2014 zu einem bundesweiten Zentralabi in diesen Fächern im Jahr 2017 führen. Bis 2017 soll außerdem ein gemeinsamer Aufgabenpool für  bundesweit einheitliche Abiprüfungen entwickelt werden, aus dem die Länder dann Aufgaben entnehmen können. Allerdings finden die Abiturprüfungen der Länder weiter wie bisher an unterschiedlichen Terminen statt.

Worauf Ties Rabe mit dem Stichwort Wissen abzielte: Immer mehr Bildungsforscher kritisieren, dass mit der Umstellung auf Kompetenzen und Kompetenzorientierung ein Verlust an Wissen und Bildung in Unterricht und Abitur droht.

Hintergrund: Was sind Bildungsstandards? Was sind Kompetenzen?

Die seit 2003 schrittweise eingeführten „Bildungsstandards“ lösen die zuvor geltenden Lehrpläne ab. Während Lehrpläne festlegten, welche Inhalte Schüler wie lernen sollen, geht es in den Bildungsstandards um Kompetenzen, die Schüler am Ende der Schulzeit beim jeweiligen Schulabschluss, in diesem Fall also dem Abitur, entwickelt haben sollen. Kompetenz wird hier allerdings, anders als im Alltag,  als ein schwer greifbarer Fachbegriff mit vielerlei Definitionen verwandt.  Neben den fachlichen gibt es dabei auch sogenannte „überfachliche Kompetenzen“, wie  z.B. Sozialkompetenz oder emotionale Kompetenz. „Der Begriff „Kompetenz hat etwas Respekteinflößendes“, schreibt Helmut Meißner, Studiendirektor und ehemaliger Fachleiter am Studienseminar Karlsruhe im Juli in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. „Aus Sorge, sich zu blamieren“, wage kaum einer zu fragen, „was es mit den Kompetenzen auf sich habe, die den Schüler beigebracht werden sollen“. Ein Austausch an Argumenten werde so erschwert . http://www.seiten.faz-archiv.de/faz/20120705/fd1201207053366317.html

Was man im Fall der jetzt vereinbarten gemeinsamen Bildungsstandards unter Kompetenzen versteht, erklärte Professor Petra Stanat, Direktoren des IQB am Freitag so: „Unter einer Kompetenz wird … die Fähigkeit verstanden, Wissen und Können in den jeweiligen Fächern zur Lösung von Problemen anzuwenden“. Es gehe nicht darum, Kompetenzen vom Wissensstoff zu befreien, sondern darum, das Wissen anwenden zu können, ergänzte Ties Rabe.

Doch  in ihrer Erklärung zum Beschluss der KMK  führte seine Amtskollegin, die FDP Kultusministerin von Hessen, Nicola Beer, in wenigen klaren Worten genau die Punkte an,  die für die Kritiker Anlass zu ihrer Warnung vor den Kompetenzen und einem drohenden Wissensverlust sind.

Hessens Kultusministerin Nicola Beer: „modernes Qualitätsniveau“ durch Kompetenzen

Durch die KMK Einigung auf gemeinsame Bildungsstandards  würden zwei Ziele erreicht, erklärte Nicola Beer. Zum einen würde durch die einheitlichen Bildungsstandards eine „stärkere Vergleichbarkeit“ zwischen den Bundesländern erreicht. Zum anderen wolle man mit diesem „wichtigen Schritt“ die Qualität sichern. Sie erklärte dann auch, was das aus ihrer Sicht bedeute:

Es gehe heute nicht mehr darum, drei oder vier Gedichte zu lernen, erklärte die hessische Kultusministerin am Beispiel des Fachs Deutsch. Vielmehr entwickelten sich heute immer neue Sachverhalte, die sich jeder „holen“ könne.  Mit der Kompetenzorientierung gebe es nun ein neues „modernes Qualitätsniveau“.  Es gehe dabei um das „was die Leute brauchen…um erfolgreich für ein späteres Leben zu sein, für Studium und Beruf“, so die FPD Ministerin, die für alle CDU regierten Bundesländer in der KMK sprach. Das Ziel sei „Kompetenzvermittlung in allen Bereichen“.

Kritiker: kompetenzorientierte Bildungsstandards führen zu Abi-Light

Nicola Beer brachte mit ihrer Erklärung exakt das auf den Punkt, was Kritiker wie der Bildungsforscher Professor Hans Peter Klein von der Universität Frankfurt an der Kompetenzorientierung bemängeln: „Man muß sich die rein unter einem ökonomischen Nützlichkeitsfaktor ausgerichtete Bedeutung des neuen “Kompetenzbegriffs” deutlich machen. Dieser hat die Steuerung, Zentralisierung und Globalisierung des Bildungssystems zum Ziel. Bildung hat hier keinen Eigenwert mehr, daher droht Fächern wie Kunst, Musik, Geschichte, Literatur, von Latein und Altgriechisch ganz zu schweigen, die Verschiebung aufs Abstellgleis“. https://kirschsblog.wordpress.com/author/kirschsblog/ Sein Kollege, Matthias Burchard, vom Institut für Bildungsphilosophie der Universität Köln spricht im Zusammenhang mit dem Kompetenzerwerb von „Bildung Light für magere Zeiten“. http://bildung-wissen.eu/glossen/kompetenz.html

Die Folge der Kompetenzorientierung sei ein Verlust an Fachwissen und eine „Nivellierung der Ansprüche auf breiter Front“, erklärte Bildungsforscher Klein vor wenigen Tagen in der FAZ. Das gilt auch für die kompetenzorientierten Abitursaufgaben, wie seine Untersuchungen des Zentralabiturs in Nordrhein-Westfalen belegen. Dort hat er Prüfungsaufgaben für das Abitur in Mathematik und Abiaufgaben für einen Biologie-Leistungskurses jeweils niedrigeren 9. und 11.Klassen vorgelegt, die den Stoff nicht kannten. Bis auf je zwei hatten alle jüngeren Schüler die Aufgaben in beiden Abifächern mit zum Teil sehr guten Noten gelöst. Der Grund, so Professor Klein: Bei  kompetenzorientierten Aufgaben seien „nahezu alle Antworten in dem ausführlichen Arbeitsmaterial“ enthalten. Vorwissen sei kaum nötig, zur Beantwortung der Aufgaben brauchte man nur den Text lesen und verstehen zu können, also Lesekompetenz. http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/interview-moeglichst-viele-schueler-sollen-das-abitur-bestehen-11913477.html

KMK-Präsident Ties Rabe: „Schwierigkeitsniveau zwischen Bundesländern wächst zusammen“

„Wir haben jetzt kein Abi-Light“ betonte dagegen KMK-Präsident Rabe am Freitag. Die KMK habe sich seit Jahren damit befaßt, die Vergleichbarkeit in deutschen Bildungssystemen zu verbessern, so Ties Rabe. Der Beschluss der KMK sorge jetzt dafür, dass das Bildungssystem zusammenwachse. Mit den gemeinsamen Bildungsstandards werde das „Schwierigkeitsniveau zwischen den Bundesländern angeglichen“. Mit den Bildungsstandards für das Abitur habe die KMK Vergleichbarkeit und Qualität erreicht, ohne „irgendwie irgendwo nivelliert“ zu haben, versicherte auch die Bildungsministerin von Rheinland Pfalz, Doris Ahnen, SPD.

Kompetenzen aber kein konkreten Fachinhalte: Beispiel Bildungsstandard Deutsch

Bildungsstandards dienen der vertieften Allgemeinbildung, der Festlegung verbindlicher Regelstandards für das, was „Schüler können sollen“ (kompetenzorientiert)  und der Einführung in die Wissenschaft, erklärte Professor Petra Spanat. Letzteres sei gerade im Fach Deutsch verstärkt worden, im Bildungsstandard Mathematik sei im Vergleich zu vorher die Stochastik und in den Fremdsprachen das Mündliche gestärkt worden.

Was ein Bildungsstandard enthält, erklärte sie am Beispiel Deutsch. Dieser Bildungsstandard umfasst  264 Seiten. Darin werden die Kompetenzen aufgeführt und näher beschrieben, die die Schüler am Ende der gymnasialen Oberstufe erreicht haben sollen. Es sind Kompetenzen, wie  Lesen, Sprechen, Verstehen, oder die etwas holprig klingende Kompetenz „Sich mit Texten und Medien auseinandersetzen“, alles unterteilt in grundlegendes und höheres Niveau. Darüber hinaus liefert der Bildungsstandard Hinweise zur Durchführung der Prüfungen und schließlich noch einzelne Beispiele für Lern- und Prüfungsaufgaben. http://www.kmk.org/fileadmin/veroeffentlichungen_beschluesse/2012/2012_10_18-Bildungsstandards-Deutsch-Abi.pdf

„Alle Schüler sollen dieselben Kompetenzen erreichen“, erklärte Professor Petra Stanat dazu. Über die fachlichen Inhalte geben die Bildungsstandards allerding keine konkrete Auskunft. So gibt es z.B. unter dem Stichwort „sich mit literarischen Texten auskennen“ keine Literaturangaben. Da heißt es vielmehr ganz allgemein: „Die Schülerinnen und Schüler erschließen sich literarische Texte von der Aufklärung bis zur Gegenwart und verstehen das Ästhetische als eine spezifische Weise der Wahrnehmung, der Gestaltung und der Erkenntnis“.

Es werde kein fester „Kanon“ für den Lesestoff „definiert“, erklärte Professor Spanat. Für sie wäre es allerdings auch ein „Horror, wenn wir alle dieselben Texte lesen sollen“.  Kompetenzen sollten allerdings nicht losgelöst von Inhalten erreicht werden, das sei eine „völlig unberechtigte Kritik“.

Bildungswissenschaftler warnen vor „Absinken der Ansprüche bei den Abiaufgaben“

Die Kritiker unter den Bildungsforschern sehen das allerdings ganz anders:  „Die Begriffe „Kompetenz“ und „Wissen“ würden „willkürlich getrennt. Statt „inhaltliche Schwerpunkte in den einzelnen Fächern zu setzten, die zu einer sinnvollen inhaltlichen Konzentration auf das Wesentliche führen“, enthielten die kompetenzorientierten Standards, Rahmenpläne oder Curricula „keinerlei inhaltliche Vorgaben, sondern nur noch Kompetenzbeschreibungen. Es bleibe den Schulen überlassen, die jeweiligen Inhalte dazu zu suchen.“, so Professor Hans Peter Klein. Er warnt vor vor einem Absinken der Ansprüche bei den Abiaufgaben zum Zentralabitur. Schon jetzt führten die fehlenden Fachkenntnisse der Studienanfänger zu hohen Abbrecherquoten, besonders in der Mathematik und den Ingenieurwissenschaften.

Ähnlich kritisch äußerte sich auch in der Süddeutschen vor zwei Monaten der Philosoph Professor Christoph Tücke:

„Prüfen lässt sich freilich immer nur ein Können. Aber Können ist stets Können von etwas. Es bemisst sich an seinem Fundus: den Stoffen, Inhalten, Gewichten, die es koordiniert und balanciert.“, so Professor Tücke von der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig.  „Vernünftige Prüfer beurteilen das Gekonnte immer in Bezug auf seinen Fundus. Ihre Beurteilung ist daher stets eine Abwägung – ebenfalls ein Balancieren, bei dem sie sich genauso vertun können wie Prüflinge. Wenn aber der Fundus zum Schattenreich des Könnens verblasst, zählt nicht mehr das Können von etwas, sondern Können an sich,  Kompetenz.“ http://bildung-wissen.eu/wp-content/uploads/2012/09/tuercke_lernen.pdf

Die Liste der Kompetenzkritiker ließe sich noch deutlich verlängern, dazu gehören ua. der Bonner Bildungswissenschaftler Professor Dr. Jochen Krautz, die Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Volker Ladenthin aus Bonn und Professor Andreas Groschka aus Frankfurt.

Die Rolle des Instituts zur Qualitätsentwicklung in Berlin

Doch Kultusminister und KMK halten beharrlich an der Kompetenzorientierung fest. Neben dem bundesweiten „Aufgabenpool mit gleich schweren, standardbasierten und kompetenzorientierten“ Prüfungsaufgaben für das Zentralabitur in den Fächern Deutsch, Mathe und Fremdsprachen bereiten sie bereits die Entwicklung der nächsten kompetenzorientierten Bildungsstandards für die Naturwissenschaften vor.

Das IQB, so heißt es in der Pressemitteilung der KMK , wird dabei stets “ federführend auch den Prozess der Entwicklung von Bildungsstandards für die Allgemeine Hochschulreife in den Fächern Biologie, Chemie und Physik verantworten, mit denen der Prozesss der Standardentwicklung fortgesetzt wird“. Die wissenschaftliche Überprüfung der „bundesweit gleich schweren Abituraufgaben sowie einheitlicher Bewertungskriterien zur Korrektur und Bewertung der Abituraufgaben“ kommen dazu. Das IQB wird dabei „regelmäßig in mehrjährigen Abständen“ überprüfen, „inwieweit es gelingt, die in den Bildungsstandards formulierten Lernziele zu erreichen“.  http://www.kmk.org/presse-und-aktuelles/meldung/ergebnisse-der-339-plenarsitzung-der-kultusministerkonferenz-am-18-und-19-oktober-2012-in-hamburg.html, http://www.iqb.hu-berlin.de/bista/control

Hinzu kommt die Forschung, die “theoretische und empirische Fundierung der Kompetenzen“, die „Ländervergleichsstudien“, die „Vergleichsarbeiten“ und vieles mehr:

„Zum Kerngeschäft des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) gehört die Operationalisierung und Erfassung von Kompetenzen.“http://www.iqb.hu-berlin.de/research/research1

Das IQB wird also mit den Aufgaben und Aufträgen rund um Kompetenzen viele Jahre beschäftigt sein, und seine zentrale Bedeutung wird dabei angesichts des Zusammenwachsens  der bundesweiten Schulsysteme durch die Einführung von immer mehr einheitlichen Bildungsstandards immer weiter zunehmen. Interessant dürfte werden, welche Bedeutung und Gestaltungsmöglichkeiten Bildungswissenschaftlern  außerhalb der IQB angesichts dieser  Rolle der IQB bleiben  und wie offen Politiker und KMK gegenüber Ergebnissen  wissenschaftlicher Untersuchungen und der Kritik der zahlreichenden Wissenschaflter sind, die vor den Folgen der Kompetenzorientierung, einem „Abi Light“ und  einem Verlust an Wissen und Bildung, warnen.

Sind Hilferufe berechtigt? Wie geht es der Stadtteilschule wirklich? – Die Zwei-Jahres-Bilanz im großen Kirschsblog-Interview mit Karin Brose

23 Aug

Karin Brose, 61, Studienrätin, war als Expertin für die CDU in der Enquete Kommission, auf deren Empfehlung das Zweistufenmodell aus Gymnasium und Stadtteilschule eingeführt wurde. Sie ist Lehrerin an der Lessing-Stadtteilschule in Harburg, und war davor lange Lehrerin an der Haupt- und Realschule Sinstorf, die mit der HR Schule Hanhoopsfeld und dem Lessing-Aufbaugymnasium zur Stadtteilschule zusammengelegt wurde. Sie ist außerdem Autorin, und hat ua. das Buch „Survival für Lehrer“ geschrieben.

 
„Wir sind nicht gewillt, diese Missstände tatenlos hinzunehmen!“ – Seit zwei Jahren gibt es die Stadtteilschule –  im neuen Schuljahr waren Eltern einer Stadtteilschule jetzt mit ihrer Geduld am Ende: Die Größe der Klassen an der Stadtteilschule sei höher als zugesagt, die Zahl der Sonderpädagogen zu gering für eine „fachkundige Betreuung und Unterstützung“ von „Inklusionskindern“, es gebe zu wenig Klassen-, Differenzierungs-und Fachräume: Das sei „verantwortungslos und fahrlässig“, protestierte der Elternrat der Stadtteilschule Goosacker in einem offenen Brief. Die Behörde wiegelte umgehend ab: Alle Schulprobleme könnten „vor Ort gelöst werden“. Doch wie geht es den Stadtteilschulen wirklich?  Karin Brose hat als Lehrerin einer Stadtteilschule schon nach  deren Einführung heftige Kritik an Umsetzung, an Raum- und Personalmangel geübt. Vor einem Jahr hat sie in einem Kirschsblog-Interview ihre Kritik erneuert. Doch wie sieht es jetzt aus? Im neuen Kirschsblog Interview zieht sie Bilanz:
 

Kirschsblog: Die Stadtteilschule Goosacker hat zum Schuljahrsbeginn in einem offenen Brief, von Kritikern auch Hilfeschrei genannt, über große Probleme der Stadtteilschulen geklagt. Eins dieser Probleme sei die „drastische“ Erhöhung der Klassenfrequenzen in den 7. Klassen von 25 Schülern pro Klasse auf bis zu 29 Schüler. Ursache sei eine drastische Erhöhung der Rückkehrerzahlen von den Gymnasien. Wie ist die Lage an Ihrer Schule? 

Karin Brose: Wir haben auch Rückläufer, aber nicht in diesem Maße. Unsere Klassenfrequenzen liegen zwischen 23 und 25 Schülern, wir haben aber ein Problem bei der Besetzung der Kurse, die haben zum Teil 30 Schüler. 

 Kirschsblog: Das bedeutet ja auf dem Umweg über Kurse auch eine Erhöhung der Frequenzen an der Stadtteilschule. Wie kommt es dazu?

 Karin Brose: Ich glaube, dass die „paradiesischen“ Zustände der Klassen fünf und sechs – die ja nicht wirklich paradiesisch sind, aber zumindest ist da die Verteilung der Lehrkräfte gut – dadurch kompensiert werden, dass man die höheren Klassen aufstockt.

Kirschsblog: Klappt denn der Unterricht bei dreißig Schülern?

Karin Brose: Nein, das klappt nicht, weil man kleinere Gruppen braucht, z.B. in Wahlpflichtfächern wie Kunst und Sport, um effizient zu sein und auch einen gewissen Spaß an der Sache zu erhalten. Bei dieser heterogenen Schülerschaft ist das so nahezu nicht denkbar.

Kirschsblog: Der Elternrat der Stadtteilschule Goosacker beklagt auch, dass die Schule zwar drei Stellen für Sonderpädagogen für die Inklusion bekommen hat, aber nur ein Sonderpädagoge an der Schule ist. Wie ist die Situation bei Ihnen?

Karin Brose: Wir haben zwei Sonderpädagogen, allerdings arbeiten die am Nachmittag im „Sozialen Lernen“, einem Arbeitsprogramm mit Zehner-Gruppen. So hat eine Kollegin, die am Vormittag mit vier Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf in der Klasse bisher die größte Not hatte, in ihrem Unterricht am Vormittag gar keine Unterstützung. Obwohl es mit einigen Kindern gar nicht lief, weil eben nicht alle „inkludiert“ werden können. Diese Kinder brauchen eine Sonderzuwendung und –Förderung. So war z.B. ein Junge mit Asberger Syndrom nicht beschulbar in dieser Konstellation und konnte nicht an der Schule bleiben.

Kirschsblog: Was müsste geschehen, um die Situation an der Schule zu verbessern?

Karin Brose: Ich denke, das ist nicht ein Problem nur einer Schule. Generell muss man darüber genau nachdenken und Eltern intensiv beraten, wenn es darum geht, Kinder mit großem Förderbedarf zu inkludieren. Manche Kinder benötigen eine andere Umgebung als die heterogene Schülerschaft einer Stadtteilschule, vor allem mehr Lehrerkapazität. Ich habe viele Gespräche mit Eltern von behinderten Kindern gehabt, die mir gesagt haben, „ich hätte mein Kind niemals in eine Regelklasse gegeben, weil es da einfach nicht bekommt, was es braucht“. Die sich fragen, wie soll das Kind in einer Schulklasse bestehen, in der vielleicht schon fünf verhaltensauffällige Kinder sitzen, die aber keinen Befund haben. Wenn ein Kind einen großen Förderbedarf hat, kommt es so nicht zu seinem Recht. Ich finde, man muss auf das Kind schauen und dann entscheiden, was für das Kind richtig ist.

Kirschsblog: Vor einem Jahr hatten wir auch über den Förderunterricht für schwächere Schüler gesprochen, der ja künftig an den Stadtteilschulen wie auch an allen anderen Schulen in Hamburg das Sitzenbleiben ersetzen sollen. Es gab heftige Kritik an der Bezahlung für die Förderstunden, die zum Teil von Honorarkräften geleistet werden soll und  um die Sozialabgaben. Sie hatten kritisiert, der Beginn des geplanten Förderunterrichts verzögere sich und käme für viele, zB. die Schüler der 10. Klassen zu spät. Wie ist die Lage heute?

Karin Brose: Aus meiner Sicht läuft es schlecht, viele Schüler unserer sehr gemischten Klientel erscheinen dort nicht, auch die Eltern sorgen nicht dafür. Der Effekt des Förderunterrichts ist insgesamt zu klein.

Kirschsblog: Aber der Förderunterricht soll doch das Sitzenbleiben kompensieren.

Karin Brose: Ja, aber das kann er so nicht. Es handelt sich ja um Schüler, die Fünfen haben, in Englisch, Deutsch, Mathematik. Und die kommen auch in die nächste Klasse, wenn sich das nicht verbessert, also wenn es keine vier geworden ist.

Kirschsblog: Wer macht denn jetzt den Förderunterricht ?

Karin Brose: An unserer Schule gibt es eine Absprache mit einem Nachhilfeinstitut. Doch soweit ich weiß, ist der Förderunterricht in diesem Schuljahr noch gar nicht angelaufen.

Kirschsblog: Aber das Sitzenbleiben ist bereits abgeschafft…

Karin Brose: Ja, leider… 

Kirschsblog: Sie bedauern das? Warum? 

Karin Brose: Weil ich glaube, dass man manche Kinder besser fördern kann, wenn sie ein Jahr wiederholen. Es gibt einfach Entwicklungsphasen bei den Jugendlichen, in denen man so effizienter nachbessern kann. Ein Jahr länger oder kürzer, das ist nicht das Problem. Die Schwierigkeit sind die heterogenen Klassen. Wir müssen besser an die Kinder herankommen! 

Kirschsblog: Heterogene Klassen, also gemeinsame Klassen für Kinder mit unterschiedlichsten Begabungen und Schwächen, waren von Anfang als pädagogisches Grundprinzip für die Stadtteilschulen vorgesehen, darin liege eine besondere Chance, hieß es, binnendifferenziertes Lernen in heterogenen Klassen wirke sich auch positiv auf das Lernen und Kompetenzen aus. (,http://www.hamburg.de/contentblob/1131284/data/rahmenkonzept.pdf)

Karin Brose: Wer damit näher befasst ist, merkt, dass das nicht überall funktioniert. Es ist ja nur ein Lehrer da, der, bevor er eine Klasse neu aufgenommen hat und vollständig versteht, schon einmal eine Anlaufzeit von einem halben Jahr braucht. Dann weiß man erst, wo jeder Schüler steht, wo seine Lücken und Stärken sind. Und dann hat der Lehrer eine Bandbreite von Sonderschule bis Gymnasium vor sich, die er nicht alle einzeln „bedienen“ kann. Er muss dann ein gewisses mittleres Maß halten, um überhaupt mit dem Stoff durchzukommen. Dass der Lehrer nur „Lernbegleiter“ ist und jeder Schüler für sich allein selbstverantwortlich arbeitet, das ist an Stadtteilschulen meist eine Illusion. Was jetzt hinzugekommen ist: Es sind viel mehr schwächere Schüler da, die – ich gehe mal vom Englischen aus – in der achten Klasse gar kein Englisch können. Sie kennen keine Fragestellung, wissen nichts über Satzbau in Englisch, gar nichts! Und es gibt andere Kinder, die können mir Geschichten erzählen. 

Kirschsblog: Da müsste aber doch der Förderunterricht greifen… 

Karin Brose: Ja, wenn der Förderunterricht läuft und sie auch dahin gehen, dann mag das ja angehen. Nur, ich trau dem Frieden nicht, in diesem Schuljahr habe ich davon noch nichts gesehen. Und fraglich bleibt, ob da wirklich Zeit für individuelle Förderung ist. 

Kirschsblog: Nun sollen ja nicht nur die schwächeren Schüler und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf gefördert werden, sondern auch die begabten Schüler. Schulsenator Ties Rabe hat in diesen Tagen sehr klar den Wunsch vieler Eltern nach Wahlfreiheit zwischen G8 und dem früheren G9 zurückgewiesen und erklärt, man könne ja das G9, also das Abitur in neun Jahren, an der Stadtteilschule wählen. Und in der Presseantwort der Behörde auf den Protestbrief der Stadtteilschule Goosacker heißt es: Stadteilschulen böten „hervorragende Chancen, in neun Jahren das gleiche Abitur wie am Gymnasium zu machen“. Was sagen Sie aus Ihrer praktischen Erfahrung an der Stadtteilschule dazu?

Karin Brose: Ich glaube, dass Herr Rabe da schlecht informiert ist oder sich das so wünscht. Ich denke, dass die Stadtteilschule das nicht in diesem Maß schaffen kann. Das ist doch Augenwischerei und ich denke, dass Eltern da etwas vorgemacht wird. Denn die Heterogenität dieser Klassen ist bis zur Klasse zehn derartig groß, dass das niedrige Niveau der Schwächsten das Niveau bestimmt, so dass die Leistungen der Schüler, die das Abitur machen wollen, die ganze Zeit gebremst werden. Wir haben das schon früher in den HR-Klassen gesehen, in denen wir nur die Haupt und Realschüler hatten. Und das war noch eine andere Klientel. Doch die Schülerschaft hat sich jetzt in vielen Stadtteilschulen total gedreht. Bei den HR Schülern gab es im Wesentlichen nur zwei Typen von Schülern, so dass wir diese bis Klasse Neun auf einem mittleren Niveau unterrichtet haben und mit kleinen Ausläufern allen gerecht wurden.

Kirschsblog: Was hat sich denn jetzt geändert?

 Karin Brose: Die Klientel hat sich vom Niveau her nach unten entwickelt, wir haben viel mehr schwächere Schüler. Wir haben mehr Kinder ohne Bildungswillen dabei. Die Zahl der Verhaltensauffälligen hat enorm zugenommen. Die körperliche Entwicklung, also auch die Pubertät, greift viel früher und heftiger. Unsere 13jährigen Mädchen sehen aus wie 17! Die Arbeitssituation hat sich für uns geändert. Momentan kommen die besten und erfahrensten Lehrer aus dem Unterricht und brechen fast zusammen, so anstrengend ist das, vergleichbar mit Dompteursarbeit im Zirkus, wenn gleichzeitig Löwen, Kaninchen, Krokodile und Kätzchen in der Manege sind. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass viele SekII (Oberstufe) Lehrkräfte an unserer Schule im nächsten Jahr das Recht in Anspruch nehmen werden, sich an ein Gymnasien zu bewerben, weil sie es an unserer Schule jetzt mit Schülern zu tun haben, die sie nicht gewohnt sind und für die sie nicht ausgebildet wurden.

Kirschsblog: Wie erklärt sich die Entwicklung der Schülerschaft an Ihrer Schule?

Karin Brose: Woran das liegt, ist mir nicht ganz klar. Vielleicht hat das spezifische regionale Gründe. Früher haben sich viele Schüler aus dem Einzugsgebiet freiwillig angemeldet, weil wir eine tolle Schule waren, die z.B. auch eine eigene Schulkleidung hatte. Wir bekommen jetzt zahlreiche Schüler aus Harburg zugewiesen, die an anderen Schulen nicht ankamen.

Kirschsblog: Sie hatten vor einem Jahr das Durcheinander verschiedener „Benotungssysteme“ in den Stadtteilschulen kritisiert. Hat sich das denn verändert?

Karin Brose: Also im Moment bekommen unsere fünften und sechsten Klassen die Noten eins bis sechs. Die Klassen sieben bis neun bekommen G und E Noten, das sind Grundnoten, die etwa Hauptschulnoten entsprechen und erweiterte Noten für gehobene Anforderungen, die Klasse 10 bekommt die Realschulnoten von eins bis sechs und die Oberstufe bekommt Punkte, das sind also drei verschiedene Systeme.

Kirschsblog: Was würden Sie sich denn wünschen?

Karin Brose: Wenn man auf das Punktsystem für alle gehen würde, dann wäre das einsehbarer, weil alle nach dem gleichen Maßstab bewertet werden. Auf jeden Fall sollte man die Vielfalt der Systeme auf maximal zwei reduzieren.

Kirschsblog: Der Elternrat von Goosacker hat auch den Mangel an Räumen heftig kritisiert, es fehlen demnach Räume für Gruppenunterricht und Fachräume. Sie hatten im letzten Jahr auch die räumliche Lage an Ihrer Stadtteilschule kritisiert, vor allem, dass sie drei Standorte hat, da sie,  ähnlich wie andere Stadtteilschulen, aus drei Schulen zusammengesetzt wurde. Hat sich diese räumliche Lage verbessert.

Karin Brose: Wir sind immer noch an den drei Standorten, und es sieht auch nicht so aus, als würde sich das ändern. Das heißt also, eine Schule, die zerhackt ist, Lehrer, die ständig hin und herpendeln, die sich kaum noch besprechen können, weil sie einander nicht mehr treffen, die mehr Dienstbesprechungen brauchen, um überhaupt noch einmal in Kontakt zu kommen. Für die Schüler bedeutet das, dass sie sich mit ihrer Schule schlecht identifizieren, weil sie nicht das Gefühl haben, dass sie an einer Schule sind. Die müssen ständig umziehen, denn die Schule ist horizontal geteilt. Das heißt, die Klassen fünf bis sieben sind an einem Standort, die Klassen acht und neun an einem anderen und die Klasse 10 zusammen mit der Oberstufe an einem dritten Standort.

Kirschsblog: Wie wirkt sich denn diese horizontale Teilung der Stadtteilschule aus?

Karin Brose: Wir Lehrer haben ständig mit neuen Schülern zu tun, man kennt sich nicht mehr. Vorher waren wir eine Schule mit 400 Schülern, jeder kannte jeden. Das gab Sicherheit und Geborgenheit für die Kinder, die sie dringend brauchen und für die Lehrer letztlich auch eine Sicherheit und Überschaubarkeit. Das ist jetzt nicht mehr gegeben. Wir haben an unserem Standort in diesem Schuljahr neue achte und neunte Klasen bekommen. Davon kenne ich zufällig zehn Kinder, die ich einmal in der fünften Klasse unterrichtet habe.

Kirschsblog: Gibt es denn eine Aussicht auf Verbesserung?

Karin Brose: Uns wurde in Aussicht gestellt, dass die drei Standorte an einem Standort in Hanhoopsfeld zusammengelegt werden. Es gibt aber keine Angaben darüber, wann das geschehen wird. Das wäre aber wichtig, um bei Schülern und Eltern ein Bild als Schule abzugeben.

Kirschsblog: Sie sind ja auch teilgebundene Ganztagsschule. Wie ist die räumliche Ausstattung für den Ganztag.

Karin Brose: Die bisherige Pausenhalle an dem Standort der Klassen fünf bis sieben wird jetzt zur Kantine umgebaut und die Pausenhalle, die die Kinder, gerade die Kleinen, zum Spielen und Bewegungsdrang brauchen, wird in den Musikraum verlegt, der ganz klein ist. Das Raumangebot ist durch die neue Verlegung der Klassen ansonsten etwas größer geworden, aber nicht ausreichend.

Kirschsblog: Ein Thema, das gerade diskutiert wird, ist das Schulschwänzen. Schulsenator Rabe hat härtere Maßnahmen gegen Schulschwänzer angekündigt, Bußgelder und auch Jugendarrest. Wie ist die Lage bei Ihnen und wie beurteilen sie das?

Karin Brose: Bei uns wird nach meiner Beobachtung nicht so viel geschwänzt, unsere Schulleitung verfolgt das sehr genau. Probleme gibt es beim Förderunterricht. Der wird nicht ernst genommen. Ich denke schon, dass man beim Thema Schulschwänzen am Ball bleiben muss, vielleicht nicht unbedingt mit Arrest. Wir müssten generell eine Bildungsnähe herstellen, das heißt die Motivation von Kindern und Familien stärken, so dass die Schüler etwas lernen wollen. Wir haben vermehrt den Eindruck, dass viele Schüler nicht wissen, warum sie in die Schule kommen. Wenn ich danach frage, wissen sie keine Antwort.

Kirschsblog: Wäre es nicht wichtig, mehr mit den Eltern zusammenzuarbeiten.

Karin Brose: Ja, man muss Eltern vom ersten Schuljahr an mehr in die Pflicht nehmen. 

Kirschsblog: Vor einem Jahr hatten wir von der erfolgreichen Mittelschule im „Bildungssiegerland“ Sachsen gesprochen, die als Vorbild für die Stadtteilschule galt. Unter dem Dach der Mittelschule laufen aber anders als in der Stadtteilschule zwei getrennte Züge, der Realschul- und Hauptzug. Sie haben damals auch für die Hamburger Stadtteilschule eine Außendifferenzierung empfohlen, was würde das konkret bedeuten?

Karin Brose: Das würde bedeuten, dass man spätestens ab Klasse neun, eigentlich ab Klasse, acht Englisch, Deutsch und Mathe in Kursen laufen lassen würde, so dass wir Unterricht für leistungsstärkere und für leistungsschwächere Schüler hätten. So würde man den Kindern gerechter werden. Bisher hatten ja in Sachsen die Förderschüler eigene Schulen, waren also nicht Teil der Mittelschulen, die  unseren Stadtteilschulen entsprechen. Außerdem durfte man dort nur mit 2,0 in das Gymnasium gehen, was bedeutet, dass noch ein gutes Potenzial in der Mittelschule verbleibt.

Kirschsblog: Sie hatten damals erklärt, die Binnendifferenzierung sei für einige Schüler durchaus geeignet, für andere weniger.

Karin Brose: Binnendifferenzierung klappt gut, wenn der Anteil begabter Schüler überwiegt. Ansonsten ist das ein Ideal, das bei uns hier so adhoc schwer anläuft und Hamburg ist nach meiner Information auch das einzige Bundesland, das das derartig übers Knie bricht. Wenn dieses System hochwächst, von der Grundschule an, wenn die Kinder nichts anderes gewohnt sind, wird das hoffentlich besser. In erster Linie muss man aber an die Elternhäuser ran und die Verantwortlichkeit der elterlichen Erziehung betonen und einfordern. Ich kann das Elternhaus in der Schule nicht ersetzen, ich kann nur kooperieren. 

Zum Beispiel erkläre ich meiner Elternschaft schriftlich, welche Aufgaben sie hat, dass viele Schüler noch nicht die Verantwortung für ihr Lernen zu Hause und ihr Verhalten in der Schule übernommen haben. Ich bitte die Eltern, ihrem Kind klarzumachen, dass es sich richtig benehmen muss, pünktlich zur Schule kommen, Hausaufgaben machen und Vokabeln lernen muss. Auch dass es ausreichend Schlaf und Bewegung hat. Und ich erkläre, was unsere Aufgabe als Lehrer ist, nämlich lehren, erklären, die Leistungen prüfen und Zeugnisse geben. Auch, dass wir die Eltern bei der Erziehung unterstützen, beraten und helfen. All dies mit dem gemeinsamen Ziel, das Kind zu einem guten Abschluss zu führen.

Das ist für bildungsnahe Eltern oft selbstverständlich, aber nicht für alle Eltern, leider.

Kirschsblog: Gibt es denn an den Schulen mittlerweile auch die Möglichkeit der Außendifferenzierung?

Karin Brose: Einige Schulen machen das, die machen projektorientierten Unterricht, die arbeiten mit Profilen. Dort gibt es auch Kurse.

Kirschsblog: Gibt es das auch an Ihrer Schule?

Karin Brose: Nein, wir machen das an unserer Schule nicht, wir arbeiten binnendifferenziert. Man kann das aber entscheiden. Die Schulbehörde lässt den Schulen die Möglichkeit, selbst zu bestimmen, in welcher Form sie die Kinder fördern.

Kirschsblog: Insgesamt entsteht nach diesem Gespräch der Eindruck, dass sich die Lage der Stadtteilschule auch jetzt, zwei Jahre nach ihrer Einführung noch nicht wesentlich verbessert hat.

Karin Brose: Wenn wir dieses Modell so weiter fahren – das wird man mir jetzt vielleicht ankreiden – aber schlecht finanziert und zu schnell, ohne die nötige Ruhe, sich zu entwickeln, dann wird das sehr lange dauern. Hinzu kommt, die Lehrkräfte haben zu wenig Möglichkeiten, ihre Erfahrung und ihr Know How einzubringen, das haben wir Lehrer jetzt moniert. Es wird einfach übers Knie gebrochen, was von oben kommt. Da wird sich etwas tun müssen. Lehrer müssen mit ins Boot geholt werden. Man muss mit ihren Erfahrungen arbeiten, damit dieses Modell erfolgreich wird. Und es wird trotzdem Jahre und Jahrzehnte dauern, wenn man diesen Kurs weiterverfolgt, den wir jetzt haben. Wenn man also nicht realistischer sieht, wie kann ich am besten und gezielt verschieden begabte Kinder betreuen und unterrichten.

 
 

Rudern im Schulausschuss – Fragestunde zu Ties Rabes Inklusionskonzept läßt zentrale Fragen offen!

11 Aug

Gibt es  in Zukunft noch sonderpädagogische  Gutachten? Gibt es Diagnosen oder Untersuchungen,  mit denen geklärt wird, ob bei Schülern sonderpädagogischer Förderbedarf in den Bereichen Lernen, Sprache und emotionale und soziale Entwicklung, LSE, vorliegt?  Wie soll künftig sonderpädagogischer Förderbedarf bei  Schülern festgestellt werden und wann sieht Schulsenator Ties Rabe dies nach seinem Inklusionskonzept vor –  zu Schulbeginn oder irgendwann später?

Fast zwei Stunden kreisten die Fragen der Abgeordneten im Schulausschuss am Donnerstag  abend um diese Fragen. Ties Rabes Antworten umkreisten das Thema auch. Er ruderte dabei aber immer wieder um die eigentlichen Kernfragen herum: Denn nach einer Presse-Erklärung der Schulbehörde vom 25. 7. werden die bisher üblichen “ sonderpädagogischen Gutachten für Schülerinnen und Schüler mit Schwerpunkt LSE vor der Einschulung künftig abgeschafft“., http://www.hamburg.de/pressearchiv-fhh/3520200/2012-07-25-bsb-sonderpaed-foerderung.html.  Dies betrifft mit fast 70 Prozent die größte Gruppe von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf.

Wenn die Gutachten abgeschafft sind, wie soll dann künftig der sonderpädagogische Förderbedarf der Schüler festgestellt werden? So die zentrale Frage im Schulausschuss, der sich bei diesem ersten Treffen nach den Ferien mit einer Bürgerschaftsanfrage und zwei Anträgen zum Inklusionskonzept des Schulsenators befasste, die GAL und CDU schon im letzten Jahr gestellt hatten.(Drs. 20/1716, Drs. 20/ 1945, Drs. 20/2246,  https://www.buergerschaft-hh.de/parldok/).

Hintergrund der Fragen ist die heftige Kritik von Betroffenen, Pädagogen und Gewerkschaften am Inklusionskonzept des Schulsenators und Proteste bei Demonstrationen und auch bei einer Anhörung im Schulausschuss in den letzten Monaten. Denn die Inklusion hat längst begonnen, Förderschulen nehmen vielfach keine Kinder mehr an, immer mehr Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf werden an Regelschulen angemeldet – doch dort herrscht große Verunsicherung. Denn viele Eltern und Lehrer wissen – wie auch Zuschriften an Kirschsblog zeigen – noch nicht, wie die Förderung der Kinder vor allem im Bereich LSE künftig eigentlich in den Regelschulen konkret umgesetzt werden soll.

Künftig werde es einen „persönlichen Förderplan“ für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf in den Bereichen LSE geben, so Schulsenator Rabe auf die Fragen der Ausschussmitglieder. „Dieser „Förderplan saugt das Gutachten auf“, erklärte er, denn der Förderplan werde auch einen diagnostischen Teil enthalten. Ob die Abschaffung der Gutachten nicht eine Gesetzesänderung erforderlich mache, da die Gutachten gesetzlich vorgeschrieben  seien, fragte der schulpolitische Sprecher der CDU Fraktion, Robert Heinemann. Er verstehe im Übrigen nicht, ergänzte er später, warum die Gutachten überhaupt abgeschafft würden und warum man nicht einfach häufiger begutachte, wenn die Gutachten bisher zu ungenau seien.

Eine sonderpädagogische Begutachtung im Rahmen des Förderplans werde dem Hamburgischen Schulgesetz gerecht, erklärte darauf die in der Schulbehörde für Inklusion zuständige Referatsleiterin Anke Pörksen. Der Förderplan werde den Eltern ausgehändigt, diese hätten ein Widerspruchsrecht, sowie einen Rechtsanspruch auf Förderung.

Diagnose und Förderpläne sollten „aus dem Unterricht erwachsen“, erläuterte dann Schulsenator Rabe. Die Schulen sollten mit den Kindern eine Zeitlang gearbeitet haben, „wir erwarten, dass die Schule die Kinder eine Weile betrachtet und ein Bild von ihnen bekommt. Längere Erfahrungszeiten „verbesserten die Gutachten“.

Allerdings ließ der Schulsenator dabei im Dunkeln, wann die Förderpläne aus dem Unterricht „erwachsen“ sollen und wer die Kinder „betrachten“ soll, da es an vielen Schulen keinen Sonderpädagogen gibt. Dies wurde trotz vieler Nachfragen der Abgeordneten auch nicht klarer. Sie könne das nicht verstehen, hakte Dora Hayenn von den Linken nach: Die Gutachten würden abgeschafft, aber die Lehrer wüssten nun nicht, wie die Förderressourcen verteilt würden. Sie werde „immer hellhörig, wenn sie „sytemische Ressoure höre, also die Zuteilung der Fördermittel nach einer festgelegten Pauschale, errechnet auf der Grundlage einer angenommenen Quote von durchschnittlich fünf Prozent Kindern eines Jahrgangs mit sonderpädagogischem Förderbedarf LSE und der sozialen Lage der Schule.  Im Moment würden die Lehrer in den Schulen allein gelassen, sie müßten die Situation in den Schulen allein bewältigen, da könne viel schief gehen.

Ties Rabe erwiderte, die von ihm vorgesehenen Mittel für die Förderung seien viel umfangreicher als von der Vorgängerregierung geplant. Durch die „systemische Ressource“ würden die Mittel auch „gerechter verteilt“ und die von ihm dafür vorgesehene pauschal festgelegt Förderquote von fünf Prozent sei höher als in anderen Bundesländern. Wenn sich jetzt  in einigen Stadtteilschulen mehr Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf meldeten, müsse man noch „nachsteuern“. Dafür würden jetzt 10 Stellen zurückgehalten, als eine „Feuerwehr, und ansonsten werde man zwischen den Schulen je nach Bedarf umverteilen.

Wann denn die Förderpläne gemacht würden, so hakte noch einmal der Ausschussvorsitzende Walter Scheuerl von der CDU Fraktion nach, Doch dies blieb für Abgeordnete und Zuhörer auch nach weiteren Erklärungen des Schulsenators unklar. “Wir brauchen eine Verordnung zur sonderpädagogischen Förderung“, erklärte Ties Rabe. Dabei gehe es ua. um die Fragen, “wie macht man einen Förderplan und was gehört dazu“. An der Verordnung  werde derzeit gearbeitet. Sie werde „in diesem Jahr in die Deputation“ gehen. Im Übrigen verwies, er wie schon bei früheren Anlässen, auf die Unsicherheit von Gutachten. Es gebe sehr unterschiedliche wissenschaftliche Standards. So gebe ZB. große Unterschiede bei der Zahl der gemeldeten  Kinder mit sprachlichen Behinderungen in Bremen, Berlin und Hamburg,.

Auch bei einer weiteren Frage blieben die Antworten des Schulsenators für Ausschussmitglieder und Zuhörer unklar: Mit heftiger Kritik hatte der Ausschussvorsitzende schon vor Schulbeginn auf eine Senatsantwort zu einer Bürgerschafts-Anfrage reagiert. Der Senatsantwort zufolge werden ab diesem Schuljahr die konkreten Anmeldezahlen von Schülern mit Behinderungen in den LSE Bereichen in den Schulen nicht mehr erhoben. Begründet wurde dies vom Senat mit der „der systemischen Zuweisung“, also der Zuteilung der Fördermittel an Schulen nach der vorgesehenen Quote von fünf Prozent Kindern eines Jahrgangs mit sonderpädagogischem Förderbedarf LSE. https://www.buergerschaft-hh.de/Parldok/Cache/4430132452054840BF0107A0.pdf

Den Wegfall der konkreten Anmeldezahlen hatte auch Sonderpädagogen heftig kritisiert. Durch diese Entscheidung würden die Kinder mit Behinderungen der Sprache, des Lernens oder der emotionalen und sozialen Entwicklung „quasi unsichtbar gemacht“, hatte die Vorsitzende für Sprachheilpädagogik e.V., Kristine Leites in einem KirschsblogsInterview erklärt. Um „die richtige Anzahl an Sonderpädagogen, und dann mit den passenden Fachrichtungen, bedarfsgerecht an die richtigen Schulen senden zu können, müsste die Behörde ja wissen, wie viele Schüler mit welchem sonderpädagogischem Förderbedarf sich an den einzelnen Inklusionsschulen befinden“.

Der Senator widersprach der Senatsantwort: Das „liest sich so, als ob die Schule nicht mehr erhebt“, erklärte er im Ausschuss. Dies sei aber anders. “Selbstverständlich erfassen wir auch den Förderbedarf, zählen das und das ist auch abrufbar.“ An anderer Stelle betonte der Senator dann aber wieder, die Schule müsse die Schüler erst einmal kennenlernen, erst dann würden die Förderpläne gemacht, die ja auch, wie er erklärte die Diagnosen über den Förderbedarf enthalten sollen. Wie sich der Wegfall der Gutachten, der unklare Zeitplan der Förderpläne, die Senatsantwort und der Widerpruch des Schulsentors miteinander vertragen, das löste im Ausschuss sichtlich Verwirrung aus.

Klar machte Ties Rabe dann, dass 19 Förderschulen, sechs Sprachheilschulen und 14 „Rebus“ Dienststellen („Regionale Beratungs- und Unterstützungsstellen“ für die Beratung bei Problemen an Schulen) zu 13 Bildungs- und Beratungszentren zusammengeschlossen werden sollen. Dort werde eine Beratung für sonderpädagogische Anfragen angeboten, dazu auch die bisherige Beratung von Rebus, ferner zeitlich befristete Beschulung, sowie dauerhafte Beschulung wie in den bisherigen Förderschulen, wenn diese von Eltern gewünscht würde. Die 39 Leitungskräfte würden weiterhin „angemessen beschäftigt“. Die Fragen der Partner, Standorte und Leitung „werden jetzt geklärt“, so der Senator zum zeitlichen Rahmen. Derzeit werde ferner diskutiert, ob und wie es auch in Schulen, speziell Ganztagsschulen, Therapeuten und therapeutische Stunden geben werde, wie schon in einzelnen Pilotschulen, erklärte dann Frau Pörksen. Dies müsse auch mit den Krankenkassen ausgehandelt werden.

Sie wünsche sich ein standardisiertes Verfahren für die Erstellung von Förderplänen, erklärte die Grünen (GAL) Abgeordnete Stephanie von Berg schließlich. Man werde Standards einführen, es werde zu diesem Zweck Musterbeispiele und Vordrucke geben, versprach der Schulsenator.

Eins ließ Ties Rabe aber trotz der vielen Nachfragen der Ausschussmitglieder bis zuletzt im Unklaren. Die Frage, wann der Förderplan und die darin vorgesehene Diagnose erstellt werden blieb offen. Kinder würden nicht allein gelassen, sondern von Anfang an von Sonderpädagogen gefördert, so der Senator. Die Viereinhalb Jährigen Untersuchung  würde überarbeitet, die regelhafte Einschätzung der Kitas würde miteinbezogen, so der Schulsenator.

„Wir überlegen, wann die Förderpläne fertig gestellt werden sollen“, so relativierte Ties Rabe das dann aber wieder. Auf jeden Fall, „nachdem die Kinder eine Weile in Beobachtung sind. Die Fragen werden bearbeitet, sind daher offen…“ Offen sei etwa noch, so ergänzte er „ob wir bis zur 2. Klasse“ oder in der dritten Klasse „Diagnosen machen“, das werde noch entschieden. Es gebe da eine ganz unterschiedliche Praxis in den Bundesländern. „Wir sind dabei, das zu durchleuchten“.

Kirschsblog wünscht allen Lesern schöne Sommerferien und freut sich über einen gemeinsamen Erfolg von Eltern und Kritikern

20 Jun

Das erste Schuljahr mit dem neuen Schulsenator Ties Rabe geht zu Ende. Ein Jahr, das mit dessen Bekenntnis zum Schulfrieden begann und das dann mit heftigen Protesten von Eltern, Lehrern, Erziehern und Gewerkschaftern gegen große Reformvorhaben des Schulsenator unerwartet unruhig wurde. Proteste, die sich  gegen die Abschaffung der Horte und der Vielfalt der Nachmittags- betreuung richteten, gegen die mangelnde Qualität der künftigen Ganztagsschulen, gegen Raummangel, schlechtere Betreuungsschlüssel, fehlende Kantinen, fehlenden Platz zum Ruhen und Toben und fehlende Freiräume für Kinder.

Massive Proteste und Demonstrationen gab es auch gegen das Inklusionskonzept des Schulsenators, das in seltener Übereinstimmung von Lehrern, Eltern, Gewerkschaftern und Oppositionsparteien als unzulängliches Sparmodell kritisiert wurde. Die vom Schulsenator vorgesehenen Mittel  und  Ressourcen seien viel zu gering, ein Gelingen der Inklusion sei so nicht möglich, so ihre Kritik.

Heftige Proteste löste schließlich die geplante 10prozentige Kürzung der Mittel für die offene Kinder –und Jugendarbeit durch den SPD Senat aus, mit der Folge, dass viele Jugendtreffs, Bauspielplätze und Kinderhäuser von der Schließung bedroht sind.

Kirschsblog freut sich, in diesem Jahr mit seinen Berichten, Recherchen, kritischen Nachfragen und Interviews zur öffentlichen Diskussion und zur Aufmerksamkeit für die Interessen der Betroffenen beigetragen zu haben. Ganz besonders freut sich Kirschsblog, mit seinen Berichten über die von Schulsenator Rabe vorgesehene Streichung der „offenen Ganztagsschule“ und der Wahlfreiheit zwischen Halb- und Ganztagsangeboten aus dem neuen Hamburgischen Schulgesetz eine öffentlichen Diskussion über diese Streichung angeregt zu haben. Diese  gipfelte  in einer Warnung  vor einem neuen Volksentscheid durch das CDU Fraktionsmitglied Walter Scheuerl, nach der Schulsenator Rabe das Wahlrecht wieder ins Schulgesetz aufnahm. Am vergangenen Donnerstag beschlossen er und die SPD in der Bürgerschaft, folgenden Satz aus einem FDP Antrag in das Gesetz einzufügen:  „Die Behörde stellt sicher, dass ein regional ausgewogenes Angebot an Halbtagsbeschulung in zumutbarer Entfernung zum Wohnort besteht.“

Für diese Entscheidung des Schulsenators sind viele Eltern und Kritiker dankbar, denn damit ist das elterliche Wahlrecht zwischen schulischen Halbtags- und Ganztagsangeboten gesetzlich verankert.  Trotzdem gibt es aus Elternsicht weiter  Anlass zu Wachsamkeit, denn erst in der Praxis wird sich zeigen, wie ernst es die SPD damit meint, und ob es für die Kinder und Jugendlichen, deren Eltern keine Ganztagsschule wünschen,  auch langfristig die versprochenen Halbtagsangebote in zumutbarer Entfernung geben wird. Die Frage ist außerdem, wie es um die Rechte von Eltern bestellt ist,  deren Schulen nach Schulkonferenzbeschluss in gebundene Ganztagsschulen umgewandelt werden, die aber selbst keine GTS wünschen.  

Dennoch – Ties Rabe ist in der Frage des Wahlrechts Eltern und Kritikern entgegengekommen.  Eine zweite Streichung nahm der Schulsenator allerdings nicht zurück. Nach dem bisherigen Schulgesetz konnten Ganztagsschulen nur genehmigt werden, wenn sie die  personellen, sächlichen und räumlichen Voraussetzungen für eine Ganztagschule erfüllten. Die Qualitätsanforderungen hat Schulsenator Rabe im neuen Schulgesetz gestrichen. Diese Streichung machte er – trotz der heftigen Elternproteste gegen die mangelnde Qualität der neuen Ganztagsschulen – nicht rückgängig.

Es gibt also für Eltern und andere Kritiker zum Jahresende einem erfreulichen Teilerfolg. Das Zugeständnis beim elterlichen Wahlrecht hat den Senator allerdings auch keine zusätzlichen Mittel und Ressourcen gekostet.

Ganz anders dagegen sieht es bei der Qualität und Ausstattung der neuen Ganztagsschulen und ebenso in der Frage des Inklusionskonzepts des Schulsenators aus. Das Konzept ist beschlossen, und Ties Rabe scheint trotz der massiven Proteste zu keinem Entgegenkommen bereit zu sein. In beiden Punkten geht es, wie auch bei den Kürzungen bei der Offenen Kinder und Jugendarbeit, um Ressourcen, Mittel und Finanzen. Doch in der Frage der Mittel und Finanzen ist der SPD Senat offenbar zu keinerlei Einlenken bereit. 

Auch das kommende, zweite Schuljahr von Schulsentor Rabe dürfte also unruhig werden. Die Proteste werden weitergehen. Kritiker sprechen schon von einem „heißen Herbst“.

Doch bis dahin wünscht Kirschsblog erst einmal allen Schulkindern und Eltern schöne Ferien, eine erholsame Pause von Schule und Schulpolitik und hoffentlich bald auch in Hamburg viel, viel Sonne.