Großes Echo auf Kritik an OECD, Bertelsmann und Pisa – Ferien Nachlese

17 Okt

 

Hunderte von Einträgen im Internet, Leserbriefe und Kommentare – bis  zu diesem Wochenende: Seit Ende September schlägt eine kritische Analyse der Hintergründe von Pisa und Bologna und der Aktivitäten  der Wirtschaftsorganisation OECD im Bereich Bildung Wellen in der öffentlichen Diskussion. Dabei geht es auch um die Rolle der Bertelsmannstifung.    

                                                                                                                                                                    In seinem Beitrag: „Die sanfte Steuerung der Bildung“ hatte der Pädagoge Professor Jochen Krautz in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung  kritisiert, Pisa und Bologna  seien von der Wirtschaftsorganisation OECD gezielt eingesetzt worden, um Bildung und Bildungssystem in Deutschland den Interessen der Wirtschaft unterzuordnen, anzupassen und entsprechend umzubauen. Pisa und Bologna seien Teil einer  langfristigen, klar berechneten Strategie der „sanften Steuerung“, mit der die OECD Einfluss auf das Verhalten souveräner Staaten nehme.  Das Ziel dieser Strategie: Die Zersetzung des Humboldschen, nicht „gerade funktionalistischen deutschen Bildungsdenkens“. Dieses sollte ersetzt werden durch ein „verengtes, utilitaristisches Bildungsverständnis“.  Bildung und Wissenschaft habe demnach “ als Dienstleistungsfaktor…. primär Stakeholder-Interessen zu bedienen“.

Pisa sei  Mittel einer „naming und shaming“ Technik. Wer nicht dem Pisa Kodex enspreche, werde am medialen Pranger blossgestellt. Dabei gehe es aber gar nicht um nationale Lehrpläne und gelerntes Schülerwissen. Die OECD habe stattdessen ein eigenes Konzept der Kompetenz entwickelt, eine „rein funktionale Fähigkeit, … sich an die ökonomischen Erfordernisse flexibel „anzupassen“.  Anpassung sei aber gerade das Gegenteil von Bildung.

Heftig kritisierte Krautz in diesem Zusammenhang die  die Bertelsmanstiftung. Diese habe die Anleitungen zur Strategie der OECD entwickelt. In einem Papier „Kunst des Reformierens“ habe die Bertelsmannstiftung die „Blaupause“ geliefert, wie man – gemeint sind Regierungen – „Reformen  gegen den Willen der Bürger und Betroffenen durchsetzt“. 

 Krautz beschrieb  in seinem Beitrag Details und Vorgehensweise dieser gar nicht so sanften Strategie: „Widerstandspotentiale“  würden gezielt „geschwächt“ mit dem Ziel sie „aufzubrechen“, mit „alarmistischer Rhetorik“ werde die „Rückständigkeit“ des Bildungssystems ausgemalt, bestehende Probleme im Bildungswesen würden zur Manipulation von „kritischen Geistern“ genutzt, Pisa und Bologna zur Propaganda für „Reformen“ eingesetzt. Mit dem Versprechen „Bildung für alle“ manipuliere man Meinungen und grenze „Ewiggestrige“ aus

Eine derartige „von Fachleuten gesteuerte Scheindemokratie, die den Volkswillen als zufällig und lenkbar sieht“ entspreche dem Vorbild alter Modelle von Propaganda und Manipulation, kritisiert Krautz. Wirkliche Erziehungsprobleme blieben ungelöst. http://www.nachdenkseiten.de/upload/pdf/111005_krautz-sanfte-steuerung.pdf

In den Leserbriefen löste J, Krautz Beitrag große Zustimmung aus.  Leser bedankten sich für die „Erhellenden Analysen“  und den Blick hinter die Kulissen der „soganannten Bildungsreformen“. „Die Bologna Reform beispielsweise“, so ein Leser am 11. Oktober, “ korrumpiert sow0hl die universitäre Bildung durch eine marktorientierente Verwertungslogistik (Employabilitiy) als auch die inernational modellhafte duale Ausbildung durche einen fragwürdigen Akademisierungs-Imperativ“.

Wie ein „Nebel“ habe sich  – „im Zuge von Pisa, Bologna und Co. – die Sprech- und Denkweise der weltweiten Neoliberalen über die europäische Bldungslandschaft gesenkt, schrieb Leser Prof. A. Hügli aus der Schweiz. „Bildungspolitiker von rechts bis links“ hätten „sich ihr widerstandslos ergeben“. Er gebe mittlerweile einen wachsendem „Widerstand“ angesichts „angerichteter Reformschäden“. So habe der Schweizer Dachverband der Lehrerinnen und Lehrer am 18. Juni eine Resolution gegen den „sinnlosen Wettbewerb im Bildungswesen“ mit ständigen Tests, Rankings und Wettbwerb zw. Schulen und Regionen verabschiedet, mit dem das Schulwesen aus Sicht der schweizer Pädagogen nicht verbessert sondern unterminiert werde.

Die Analyse von J. Kreutz sei auch deshalb „überaus brisant, weil die beschriebenen Vorgänge  nicht allein auf das Bildungsystem beschränkt“ seien. Auch „Altersicherung, Gesundheits- und Verkehrswesen, Energie-und Finanzpolitik“ würden nicht mehr „im Sinne eines allgemeinen, gesellschaftlichen Versorgungsauftrags verstanden…. Mit konzentrierter wirtschaftlicher Macht werden demokratische Bürgerrechte ausgehebelt.“ Nur eine „umfassend gebildete und informierte Bevölkerung“ könne wirkungsvoll der „Okkupation politischen Terrains durch ökonomische und „mediale“ Thinktanks“ widerstehen, so Leser L.Reinhardt am 6. Oktober. Mit der „Gleichschaltung unseres Bildungssystems mit den Prizipien eines fragwürdigen Marktes würden den Bürgern ihre ureigenen Souveränitätsrechte streitig gemacht“.

„Unter maßgeblicher Beteiligung von Bertelsmann wurde und wird unser Bildungswesen, das in der Humboldtschen Tradition eine zweckfreie Bildung des Menschen und eine verfassungmäßg verankerte Erziehung zu Demokratie und Frieden forderte, umgebaut zu einem System, das sich wirtschaftlichen Effizienzansprüchen verpflichtet sieht“.  Die Umdeutung des Bildungsbegriffs durch das Kompetenz-Konzept der OECD bedeute eine „massive Aushöhlung der Demokratie“, schreibt ebenfalls am 6. Okt. Leserin A. Lehnert.

„Die äußerst treffende Analyse sollte Pflichtlektüre unserer Bildungspoliitiker“ sein, „vor allen von jenen selbstkritisch zu lesen“ , die Pisa und Bologna abgesegnet und durchgewinkt haben und nun immer noch so tun als hätten wir ihnen eine bildungspoltiische Großtat zu verdanken“, forderte schließlich noch vor drei Tagen Leserin B. Scheuermann: Sie staune, dass sich keiner der „Verantwortlichen von OECD, Bertelsmann, dem Centrum für Hochschulentwicklung und auch keiner der verantwortliche Politiker“ bisher zu Worte gemeldet hat, „um die Analyse von Krautz empört und vehement zurückzuweisen“ Vieles spreche für die Annahme, sie blieben stumm, „weil sie nur die Schlagwörter und Leerformeln  der Vergangenheit wiederholen könnten, die nicht mehr verfangen, denn “ Der Kaiser hat ja nichts an!“, rief zuletzt das ganze Volk“. FAZ, 14. Okt., S. 7

Siehe dazu:  Pisapapst und Pisakritik, Feriennachlese Teil 2

Hier der Link zu der  von Jochen Krautz erwähnten Strategie der Bertelsmann Anleitung: Die Kunst des Reformierens. Friedbert W. Rüb, Karen Alnor und Florian Spohr. Konzeptionelle Überlegungen zu einer erfolgreichen Regierungsstrategie http://www.bertelsmann-stiftung.de/bst/de/media/xcms_bst_dms_30519_30520_2.pdf

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Eine Antwort to “Großes Echo auf Kritik an OECD, Bertelsmann und Pisa – Ferien Nachlese”

  1. Frank-Rüdiger Halt September 10, 2012 um 8:04 pm #

    wenigstens schreit es Prof. Krautz laut iund öffentlich heraus, was vermutlich alle klar Denkenden hinter vorgehaltener Hand sagen: das Bildung im Zeitalter des Finanz-u. Wirtschafts/-Totalitarismus von den weitgehend unsichtbar vernetzten Welteliten lediglich als Profit-Hilsmittel akzeptiert und mißbraucht wird wie andere Systeme auch, insbesondere das Gesundheitssystem. Dieser fatalen Fehlentwicklung kommt zugute, dass der Großteil der akademischen Welt überhaupt nichts vom Finanzwesen und deren
    Globalspieler versteht. Um Geld -immer mehr und schneller-dreht sich die Welt nicht erst seit Rockefeller und Rothschild, aber die „allgemeinbildende Schule“ vermittelt grob fahrlässig nichts davon!! Darum dürfte es dem Nachwuchs schwerfallen überhaupt zu begreifen, was um sie herum wirklich passiert.
    Wie sagte mal einer der modernen Weltenordner: „gib mir die Macht über das Geld und es ist mir egal, wer die Gesetze macht“.

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