Pisapapst und Pisakritik – Feriennachlese Teil 2

17 Okt

In einem Interview aus Anlass des zehnjährigen Jubiläums des ersten Pisatests hat der bekannteste deutsche Bildungs- und Pisaforscher Jürgen Baumert die Kultusminister aufgefordert, „die kommenden fünf bis zehn Jahre für nötige Interventionen im Schulsystem zu nutzen“. Hintergrund sei eine „Veränderung der Sozialstruktur der Bevölkerung“. Mit zunehmender Bildung der Eltern ginge die Zahl der Kinder immer weiter zurück. 

Es bleibt den Kultusministern nach Ansicht des Bildungsforschers nicht mehr viel Zeit, um Einbußen bei den schulischen Ergebnissen der Länder vorzubauen. Ausnahmen seien nur östlichen Bundesländer, wo die Einwanderungsquote niedrig und die Zahl der Krippen und Horte hoch sei. Das berichtete am vergangenen Donnerstag die Bildungsredakterin Heike Schmoll in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nach einem Interview mit Jürgen Baumert, dem laut ZEIT „einflussreichsten Bildungsforscher des Landes“. Er ist heute Vizepräsident des Max-Planck Gesellschaft und leitete bis zu seiner Erememitierung im Jahr 2010 das Max Planck Instituts für Bildungsforschung.

Seine wichtigste Forderung an die Kultusminister ist mehr „frühe Frühförderung von Familien, die potentiell überfordert sind, ihren Kindern eine anregungsreiche Umwelt zu geben“. Das gelte nicht nur für eingewanderte Familien, sondern auch für bildungsferne deutsche Familien in sozial präkärer Situation. Viele Einwandererfamilien „unterschieden sich in der zweiten Generation im Bildungsverhalten und Leistung“ nicht mehr von deutschen. Probleme gebe es allerdings oft bei türkischen Familien. Ihr „Spracherwerb sei nicht besser geworden und auch die Bildungsbeiligung kaum“, trotz hoher Bildungsmotivation. Für die Frühförderung fordert Baumert gute Diagnosen, „jeweils angemessene Betreuung“ und zusätzliche Lernzeiten für die Kinder, die Hilfe benötigen. Die Förderung müsse aber in der gesamten Schulzeit forgesetzt werden, und zwar nicht nur freiwillig, sondern als „Teil der Schulpflicht“. Eine dritte Maßnahme sei der Ausbau von Ganztagsschulen in Brennpunkt- und Ballungsgebieten.

Der Bildungsforscher wird auch oft als Pisapapst bezeichnet, seit er vor 10 Jahren den ersten Pisatest in Deutschland vorgestellt hat.  „Zwar hat Baumert die Pisa-Studie nicht erfunden, aber ohne ihn hätte sie in Deutschland nicht eine derartige Wucht entfalten und auf Jahre hinaus die Bildungsdebatte bestimmen können“, heißt es in einem Kommentar der ZEIT. http://www.zeit.de/2010/27/C-Seitenhieb-Juergen-Baumert

Auf Fragen nach der zunehmenden Pisakritik reagiert J. Baumert in dem FAZ Bericht  mit wenig Verständnis und antwortet mit Gegenkritik. „Pisa sei zum Synonym für Tests jeder Art geworden“, erklärt er. Viele Kritiker könnten nicht zwischen Pisatests und Vergleichsarbeitern unterscheiden. „“Pisa ist das Flaggschiff der Dauerberichterstattung in Ergänzung der Bildungsberichterstattung und Finanzberichterstattung“ . Er verweist auf viele Verbesserungen, die Pisa bewirkt habe, bei Lesekompetenz und Lernmotivation, die Risikogruppe sei kleiner geworden, Sitzenbleiben sei zurückgegangen. Ein für ihn besonders interessantes Pisaergebnis: die Gymnasien seien die effektivste Schulform. Allerdings würden Gymnasien die Schüler eher „unterfordern“, sie könnten „anspruchsvoller sein“. Pisa habe insgesamt einen „Mentalitätswechsel eingeleitet – Eltern achteten mehr denn je auf die Bildung ihrer Kinder und .. Qualität.

Diese sehr positive Sicht teilen nicht alle, auch vor J. Krautz heftiger Pisa und OECD Kritik in der FAZ  fielen Pisa-Bilanzen kritisch aus.  „Pisa macht die Schulen nicht besser“, resümierte Anfang des Jahres zB. Hans Brügelman in der ZEIT. Verbesserungen gebe es zwar  „hinsichtlich der Wirkung der Studien auf Politik und Öffentlichkeit“, zB in der Frage „Abhängigkeit des Schulerfolgs von der sozialen Herkunft“. Diese sei „erst durch Pisa ist dieses zentrale Problem wieder auf die Agenda gekommen. Ähnliches gilt für die Schwierigkeiten von Migranten in unserem Bildungssystem.“ Doch der Erfolg habe seine  Preis, meint er und nennt Beispiele. „Wenig ergiebig sind die (Pisa) Befunde vor allem für diejenigen, die vor Ort mit einzelnen Schülern zu tun haben. … Auf der Unterrichtsebene verstellen sie die Wahrnehmung für die jeweils besondere Lernbiografie einzelner Schüler. Der in den letzten 20, 30 Jahren in der pädagogischen Praxis mühsam errungene »Blick auf das Individuum« droht im Nach-Pisa-Diskurs wieder verloren zu gehen – übrigens entgegen der erklärten Absicht der Autoren“. http://www.zeit.de/2011/03/C-Pisa-Kritik

Der FAZ Bericht endet mit einem Resumee von Jürgen Baumert „…Viele Politiker würden Pisa gern wieder loswerden, weil es für einige Länder immer wieder einStachel  im Fleisch ist. Pisa bringt unangenehme Nachrichten, und man hört, man hat seine Hausaufgaben nicht gemacht“.

„Langsam kommt der Tanker auf Kurs“, Heike Schmoll, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. Oktober, S. 7, http://www.seiten.faz-archiv.de/faz/20111013/fd1201110133257627.html

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Eine Antwort to “Pisapapst und Pisakritik – Feriennachlese Teil 2”

  1. Henry C. Brinker Oktober 17, 2011 um 1:32 pm #

    „Das Gymnasium ist die effektivste Schulform!“-Dieser eine Satz ist die wahre Essenz des Pisa-Papst-Beitrags.

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