Sind Hilferufe berechtigt? Wie geht es der Stadtteilschule wirklich? – Die Zwei-Jahres-Bilanz im großen Kirschsblog-Interview mit Karin Brose

23 Aug

Karin Brose, 61, Studienrätin, war als Expertin für die CDU in der Enquete Kommission, auf deren Empfehlung das Zweistufenmodell aus Gymnasium und Stadtteilschule eingeführt wurde. Sie ist Lehrerin an der Lessing-Stadtteilschule in Harburg, und war davor lange Lehrerin an der Haupt- und Realschule Sinstorf, die mit der HR Schule Hanhoopsfeld und dem Lessing-Aufbaugymnasium zur Stadtteilschule zusammengelegt wurde. Sie ist außerdem Autorin, und hat ua. das Buch „Survival für Lehrer“ geschrieben.

 
„Wir sind nicht gewillt, diese Missstände tatenlos hinzunehmen!“ – Seit zwei Jahren gibt es die Stadtteilschule –  im neuen Schuljahr waren Eltern einer Stadtteilschule jetzt mit ihrer Geduld am Ende: Die Größe der Klassen an der Stadtteilschule sei höher als zugesagt, die Zahl der Sonderpädagogen zu gering für eine „fachkundige Betreuung und Unterstützung“ von „Inklusionskindern“, es gebe zu wenig Klassen-, Differenzierungs-und Fachräume: Das sei „verantwortungslos und fahrlässig“, protestierte der Elternrat der Stadtteilschule Goosacker in einem offenen Brief. Die Behörde wiegelte umgehend ab: Alle Schulprobleme könnten „vor Ort gelöst werden“. Doch wie geht es den Stadtteilschulen wirklich?  Karin Brose hat als Lehrerin einer Stadtteilschule schon nach  deren Einführung heftige Kritik an Umsetzung, an Raum- und Personalmangel geübt. Vor einem Jahr hat sie in einem Kirschsblog-Interview ihre Kritik erneuert. Doch wie sieht es jetzt aus? Im neuen Kirschsblog Interview zieht sie Bilanz:
 

Kirschsblog: Die Stadtteilschule Goosacker hat zum Schuljahrsbeginn in einem offenen Brief, von Kritikern auch Hilfeschrei genannt, über große Probleme der Stadtteilschulen geklagt. Eins dieser Probleme sei die „drastische“ Erhöhung der Klassenfrequenzen in den 7. Klassen von 25 Schülern pro Klasse auf bis zu 29 Schüler. Ursache sei eine drastische Erhöhung der Rückkehrerzahlen von den Gymnasien. Wie ist die Lage an Ihrer Schule? 

Karin Brose: Wir haben auch Rückläufer, aber nicht in diesem Maße. Unsere Klassenfrequenzen liegen zwischen 23 und 25 Schülern, wir haben aber ein Problem bei der Besetzung der Kurse, die haben zum Teil 30 Schüler. 

 Kirschsblog: Das bedeutet ja auf dem Umweg über Kurse auch eine Erhöhung der Frequenzen an der Stadtteilschule. Wie kommt es dazu?

 Karin Brose: Ich glaube, dass die „paradiesischen“ Zustände der Klassen fünf und sechs – die ja nicht wirklich paradiesisch sind, aber zumindest ist da die Verteilung der Lehrkräfte gut – dadurch kompensiert werden, dass man die höheren Klassen aufstockt.

Kirschsblog: Klappt denn der Unterricht bei dreißig Schülern?

Karin Brose: Nein, das klappt nicht, weil man kleinere Gruppen braucht, z.B. in Wahlpflichtfächern wie Kunst und Sport, um effizient zu sein und auch einen gewissen Spaß an der Sache zu erhalten. Bei dieser heterogenen Schülerschaft ist das so nahezu nicht denkbar.

Kirschsblog: Der Elternrat der Stadtteilschule Goosacker beklagt auch, dass die Schule zwar drei Stellen für Sonderpädagogen für die Inklusion bekommen hat, aber nur ein Sonderpädagoge an der Schule ist. Wie ist die Situation bei Ihnen?

Karin Brose: Wir haben zwei Sonderpädagogen, allerdings arbeiten die am Nachmittag im „Sozialen Lernen“, einem Arbeitsprogramm mit Zehner-Gruppen. So hat eine Kollegin, die am Vormittag mit vier Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf in der Klasse bisher die größte Not hatte, in ihrem Unterricht am Vormittag gar keine Unterstützung. Obwohl es mit einigen Kindern gar nicht lief, weil eben nicht alle „inkludiert“ werden können. Diese Kinder brauchen eine Sonderzuwendung und –Förderung. So war z.B. ein Junge mit Asberger Syndrom nicht beschulbar in dieser Konstellation und konnte nicht an der Schule bleiben.

Kirschsblog: Was müsste geschehen, um die Situation an der Schule zu verbessern?

Karin Brose: Ich denke, das ist nicht ein Problem nur einer Schule. Generell muss man darüber genau nachdenken und Eltern intensiv beraten, wenn es darum geht, Kinder mit großem Förderbedarf zu inkludieren. Manche Kinder benötigen eine andere Umgebung als die heterogene Schülerschaft einer Stadtteilschule, vor allem mehr Lehrerkapazität. Ich habe viele Gespräche mit Eltern von behinderten Kindern gehabt, die mir gesagt haben, „ich hätte mein Kind niemals in eine Regelklasse gegeben, weil es da einfach nicht bekommt, was es braucht“. Die sich fragen, wie soll das Kind in einer Schulklasse bestehen, in der vielleicht schon fünf verhaltensauffällige Kinder sitzen, die aber keinen Befund haben. Wenn ein Kind einen großen Förderbedarf hat, kommt es so nicht zu seinem Recht. Ich finde, man muss auf das Kind schauen und dann entscheiden, was für das Kind richtig ist.

Kirschsblog: Vor einem Jahr hatten wir auch über den Förderunterricht für schwächere Schüler gesprochen, der ja künftig an den Stadtteilschulen wie auch an allen anderen Schulen in Hamburg das Sitzenbleiben ersetzen sollen. Es gab heftige Kritik an der Bezahlung für die Förderstunden, die zum Teil von Honorarkräften geleistet werden soll und  um die Sozialabgaben. Sie hatten kritisiert, der Beginn des geplanten Förderunterrichts verzögere sich und käme für viele, zB. die Schüler der 10. Klassen zu spät. Wie ist die Lage heute?

Karin Brose: Aus meiner Sicht läuft es schlecht, viele Schüler unserer sehr gemischten Klientel erscheinen dort nicht, auch die Eltern sorgen nicht dafür. Der Effekt des Förderunterrichts ist insgesamt zu klein.

Kirschsblog: Aber der Förderunterricht soll doch das Sitzenbleiben kompensieren.

Karin Brose: Ja, aber das kann er so nicht. Es handelt sich ja um Schüler, die Fünfen haben, in Englisch, Deutsch, Mathematik. Und die kommen auch in die nächste Klasse, wenn sich das nicht verbessert, also wenn es keine vier geworden ist.

Kirschsblog: Wer macht denn jetzt den Förderunterricht ?

Karin Brose: An unserer Schule gibt es eine Absprache mit einem Nachhilfeinstitut. Doch soweit ich weiß, ist der Förderunterricht in diesem Schuljahr noch gar nicht angelaufen.

Kirschsblog: Aber das Sitzenbleiben ist bereits abgeschafft…

Karin Brose: Ja, leider… 

Kirschsblog: Sie bedauern das? Warum? 

Karin Brose: Weil ich glaube, dass man manche Kinder besser fördern kann, wenn sie ein Jahr wiederholen. Es gibt einfach Entwicklungsphasen bei den Jugendlichen, in denen man so effizienter nachbessern kann. Ein Jahr länger oder kürzer, das ist nicht das Problem. Die Schwierigkeit sind die heterogenen Klassen. Wir müssen besser an die Kinder herankommen! 

Kirschsblog: Heterogene Klassen, also gemeinsame Klassen für Kinder mit unterschiedlichsten Begabungen und Schwächen, waren von Anfang als pädagogisches Grundprinzip für die Stadtteilschulen vorgesehen, darin liege eine besondere Chance, hieß es, binnendifferenziertes Lernen in heterogenen Klassen wirke sich auch positiv auf das Lernen und Kompetenzen aus. (,http://www.hamburg.de/contentblob/1131284/data/rahmenkonzept.pdf)

Karin Brose: Wer damit näher befasst ist, merkt, dass das nicht überall funktioniert. Es ist ja nur ein Lehrer da, der, bevor er eine Klasse neu aufgenommen hat und vollständig versteht, schon einmal eine Anlaufzeit von einem halben Jahr braucht. Dann weiß man erst, wo jeder Schüler steht, wo seine Lücken und Stärken sind. Und dann hat der Lehrer eine Bandbreite von Sonderschule bis Gymnasium vor sich, die er nicht alle einzeln „bedienen“ kann. Er muss dann ein gewisses mittleres Maß halten, um überhaupt mit dem Stoff durchzukommen. Dass der Lehrer nur „Lernbegleiter“ ist und jeder Schüler für sich allein selbstverantwortlich arbeitet, das ist an Stadtteilschulen meist eine Illusion. Was jetzt hinzugekommen ist: Es sind viel mehr schwächere Schüler da, die – ich gehe mal vom Englischen aus – in der achten Klasse gar kein Englisch können. Sie kennen keine Fragestellung, wissen nichts über Satzbau in Englisch, gar nichts! Und es gibt andere Kinder, die können mir Geschichten erzählen. 

Kirschsblog: Da müsste aber doch der Förderunterricht greifen… 

Karin Brose: Ja, wenn der Förderunterricht läuft und sie auch dahin gehen, dann mag das ja angehen. Nur, ich trau dem Frieden nicht, in diesem Schuljahr habe ich davon noch nichts gesehen. Und fraglich bleibt, ob da wirklich Zeit für individuelle Förderung ist. 

Kirschsblog: Nun sollen ja nicht nur die schwächeren Schüler und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf gefördert werden, sondern auch die begabten Schüler. Schulsenator Ties Rabe hat in diesen Tagen sehr klar den Wunsch vieler Eltern nach Wahlfreiheit zwischen G8 und dem früheren G9 zurückgewiesen und erklärt, man könne ja das G9, also das Abitur in neun Jahren, an der Stadtteilschule wählen. Und in der Presseantwort der Behörde auf den Protestbrief der Stadtteilschule Goosacker heißt es: Stadteilschulen böten „hervorragende Chancen, in neun Jahren das gleiche Abitur wie am Gymnasium zu machen“. Was sagen Sie aus Ihrer praktischen Erfahrung an der Stadtteilschule dazu?

Karin Brose: Ich glaube, dass Herr Rabe da schlecht informiert ist oder sich das so wünscht. Ich denke, dass die Stadtteilschule das nicht in diesem Maß schaffen kann. Das ist doch Augenwischerei und ich denke, dass Eltern da etwas vorgemacht wird. Denn die Heterogenität dieser Klassen ist bis zur Klasse zehn derartig groß, dass das niedrige Niveau der Schwächsten das Niveau bestimmt, so dass die Leistungen der Schüler, die das Abitur machen wollen, die ganze Zeit gebremst werden. Wir haben das schon früher in den HR-Klassen gesehen, in denen wir nur die Haupt und Realschüler hatten. Und das war noch eine andere Klientel. Doch die Schülerschaft hat sich jetzt in vielen Stadtteilschulen total gedreht. Bei den HR Schülern gab es im Wesentlichen nur zwei Typen von Schülern, so dass wir diese bis Klasse Neun auf einem mittleren Niveau unterrichtet haben und mit kleinen Ausläufern allen gerecht wurden.

Kirschsblog: Was hat sich denn jetzt geändert?

 Karin Brose: Die Klientel hat sich vom Niveau her nach unten entwickelt, wir haben viel mehr schwächere Schüler. Wir haben mehr Kinder ohne Bildungswillen dabei. Die Zahl der Verhaltensauffälligen hat enorm zugenommen. Die körperliche Entwicklung, also auch die Pubertät, greift viel früher und heftiger. Unsere 13jährigen Mädchen sehen aus wie 17! Die Arbeitssituation hat sich für uns geändert. Momentan kommen die besten und erfahrensten Lehrer aus dem Unterricht und brechen fast zusammen, so anstrengend ist das, vergleichbar mit Dompteursarbeit im Zirkus, wenn gleichzeitig Löwen, Kaninchen, Krokodile und Kätzchen in der Manege sind. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass viele SekII (Oberstufe) Lehrkräfte an unserer Schule im nächsten Jahr das Recht in Anspruch nehmen werden, sich an ein Gymnasien zu bewerben, weil sie es an unserer Schule jetzt mit Schülern zu tun haben, die sie nicht gewohnt sind und für die sie nicht ausgebildet wurden.

Kirschsblog: Wie erklärt sich die Entwicklung der Schülerschaft an Ihrer Schule?

Karin Brose: Woran das liegt, ist mir nicht ganz klar. Vielleicht hat das spezifische regionale Gründe. Früher haben sich viele Schüler aus dem Einzugsgebiet freiwillig angemeldet, weil wir eine tolle Schule waren, die z.B. auch eine eigene Schulkleidung hatte. Wir bekommen jetzt zahlreiche Schüler aus Harburg zugewiesen, die an anderen Schulen nicht ankamen.

Kirschsblog: Sie hatten vor einem Jahr das Durcheinander verschiedener „Benotungssysteme“ in den Stadtteilschulen kritisiert. Hat sich das denn verändert?

Karin Brose: Also im Moment bekommen unsere fünften und sechsten Klassen die Noten eins bis sechs. Die Klassen sieben bis neun bekommen G und E Noten, das sind Grundnoten, die etwa Hauptschulnoten entsprechen und erweiterte Noten für gehobene Anforderungen, die Klasse 10 bekommt die Realschulnoten von eins bis sechs und die Oberstufe bekommt Punkte, das sind also drei verschiedene Systeme.

Kirschsblog: Was würden Sie sich denn wünschen?

Karin Brose: Wenn man auf das Punktsystem für alle gehen würde, dann wäre das einsehbarer, weil alle nach dem gleichen Maßstab bewertet werden. Auf jeden Fall sollte man die Vielfalt der Systeme auf maximal zwei reduzieren.

Kirschsblog: Der Elternrat von Goosacker hat auch den Mangel an Räumen heftig kritisiert, es fehlen demnach Räume für Gruppenunterricht und Fachräume. Sie hatten im letzten Jahr auch die räumliche Lage an Ihrer Stadtteilschule kritisiert, vor allem, dass sie drei Standorte hat, da sie,  ähnlich wie andere Stadtteilschulen, aus drei Schulen zusammengesetzt wurde. Hat sich diese räumliche Lage verbessert.

Karin Brose: Wir sind immer noch an den drei Standorten, und es sieht auch nicht so aus, als würde sich das ändern. Das heißt also, eine Schule, die zerhackt ist, Lehrer, die ständig hin und herpendeln, die sich kaum noch besprechen können, weil sie einander nicht mehr treffen, die mehr Dienstbesprechungen brauchen, um überhaupt noch einmal in Kontakt zu kommen. Für die Schüler bedeutet das, dass sie sich mit ihrer Schule schlecht identifizieren, weil sie nicht das Gefühl haben, dass sie an einer Schule sind. Die müssen ständig umziehen, denn die Schule ist horizontal geteilt. Das heißt, die Klassen fünf bis sieben sind an einem Standort, die Klassen acht und neun an einem anderen und die Klasse 10 zusammen mit der Oberstufe an einem dritten Standort.

Kirschsblog: Wie wirkt sich denn diese horizontale Teilung der Stadtteilschule aus?

Karin Brose: Wir Lehrer haben ständig mit neuen Schülern zu tun, man kennt sich nicht mehr. Vorher waren wir eine Schule mit 400 Schülern, jeder kannte jeden. Das gab Sicherheit und Geborgenheit für die Kinder, die sie dringend brauchen und für die Lehrer letztlich auch eine Sicherheit und Überschaubarkeit. Das ist jetzt nicht mehr gegeben. Wir haben an unserem Standort in diesem Schuljahr neue achte und neunte Klasen bekommen. Davon kenne ich zufällig zehn Kinder, die ich einmal in der fünften Klasse unterrichtet habe.

Kirschsblog: Gibt es denn eine Aussicht auf Verbesserung?

Karin Brose: Uns wurde in Aussicht gestellt, dass die drei Standorte an einem Standort in Hanhoopsfeld zusammengelegt werden. Es gibt aber keine Angaben darüber, wann das geschehen wird. Das wäre aber wichtig, um bei Schülern und Eltern ein Bild als Schule abzugeben.

Kirschsblog: Sie sind ja auch teilgebundene Ganztagsschule. Wie ist die räumliche Ausstattung für den Ganztag.

Karin Brose: Die bisherige Pausenhalle an dem Standort der Klassen fünf bis sieben wird jetzt zur Kantine umgebaut und die Pausenhalle, die die Kinder, gerade die Kleinen, zum Spielen und Bewegungsdrang brauchen, wird in den Musikraum verlegt, der ganz klein ist. Das Raumangebot ist durch die neue Verlegung der Klassen ansonsten etwas größer geworden, aber nicht ausreichend.

Kirschsblog: Ein Thema, das gerade diskutiert wird, ist das Schulschwänzen. Schulsenator Rabe hat härtere Maßnahmen gegen Schulschwänzer angekündigt, Bußgelder und auch Jugendarrest. Wie ist die Lage bei Ihnen und wie beurteilen sie das?

Karin Brose: Bei uns wird nach meiner Beobachtung nicht so viel geschwänzt, unsere Schulleitung verfolgt das sehr genau. Probleme gibt es beim Förderunterricht. Der wird nicht ernst genommen. Ich denke schon, dass man beim Thema Schulschwänzen am Ball bleiben muss, vielleicht nicht unbedingt mit Arrest. Wir müssten generell eine Bildungsnähe herstellen, das heißt die Motivation von Kindern und Familien stärken, so dass die Schüler etwas lernen wollen. Wir haben vermehrt den Eindruck, dass viele Schüler nicht wissen, warum sie in die Schule kommen. Wenn ich danach frage, wissen sie keine Antwort.

Kirschsblog: Wäre es nicht wichtig, mehr mit den Eltern zusammenzuarbeiten.

Karin Brose: Ja, man muss Eltern vom ersten Schuljahr an mehr in die Pflicht nehmen. 

Kirschsblog: Vor einem Jahr hatten wir von der erfolgreichen Mittelschule im „Bildungssiegerland“ Sachsen gesprochen, die als Vorbild für die Stadtteilschule galt. Unter dem Dach der Mittelschule laufen aber anders als in der Stadtteilschule zwei getrennte Züge, der Realschul- und Hauptzug. Sie haben damals auch für die Hamburger Stadtteilschule eine Außendifferenzierung empfohlen, was würde das konkret bedeuten?

Karin Brose: Das würde bedeuten, dass man spätestens ab Klasse neun, eigentlich ab Klasse, acht Englisch, Deutsch und Mathe in Kursen laufen lassen würde, so dass wir Unterricht für leistungsstärkere und für leistungsschwächere Schüler hätten. So würde man den Kindern gerechter werden. Bisher hatten ja in Sachsen die Förderschüler eigene Schulen, waren also nicht Teil der Mittelschulen, die  unseren Stadtteilschulen entsprechen. Außerdem durfte man dort nur mit 2,0 in das Gymnasium gehen, was bedeutet, dass noch ein gutes Potenzial in der Mittelschule verbleibt.

Kirschsblog: Sie hatten damals erklärt, die Binnendifferenzierung sei für einige Schüler durchaus geeignet, für andere weniger.

Karin Brose: Binnendifferenzierung klappt gut, wenn der Anteil begabter Schüler überwiegt. Ansonsten ist das ein Ideal, das bei uns hier so adhoc schwer anläuft und Hamburg ist nach meiner Information auch das einzige Bundesland, das das derartig übers Knie bricht. Wenn dieses System hochwächst, von der Grundschule an, wenn die Kinder nichts anderes gewohnt sind, wird das hoffentlich besser. In erster Linie muss man aber an die Elternhäuser ran und die Verantwortlichkeit der elterlichen Erziehung betonen und einfordern. Ich kann das Elternhaus in der Schule nicht ersetzen, ich kann nur kooperieren. 

Zum Beispiel erkläre ich meiner Elternschaft schriftlich, welche Aufgaben sie hat, dass viele Schüler noch nicht die Verantwortung für ihr Lernen zu Hause und ihr Verhalten in der Schule übernommen haben. Ich bitte die Eltern, ihrem Kind klarzumachen, dass es sich richtig benehmen muss, pünktlich zur Schule kommen, Hausaufgaben machen und Vokabeln lernen muss. Auch dass es ausreichend Schlaf und Bewegung hat. Und ich erkläre, was unsere Aufgabe als Lehrer ist, nämlich lehren, erklären, die Leistungen prüfen und Zeugnisse geben. Auch, dass wir die Eltern bei der Erziehung unterstützen, beraten und helfen. All dies mit dem gemeinsamen Ziel, das Kind zu einem guten Abschluss zu führen.

Das ist für bildungsnahe Eltern oft selbstverständlich, aber nicht für alle Eltern, leider.

Kirschsblog: Gibt es denn an den Schulen mittlerweile auch die Möglichkeit der Außendifferenzierung?

Karin Brose: Einige Schulen machen das, die machen projektorientierten Unterricht, die arbeiten mit Profilen. Dort gibt es auch Kurse.

Kirschsblog: Gibt es das auch an Ihrer Schule?

Karin Brose: Nein, wir machen das an unserer Schule nicht, wir arbeiten binnendifferenziert. Man kann das aber entscheiden. Die Schulbehörde lässt den Schulen die Möglichkeit, selbst zu bestimmen, in welcher Form sie die Kinder fördern.

Kirschsblog: Insgesamt entsteht nach diesem Gespräch der Eindruck, dass sich die Lage der Stadtteilschule auch jetzt, zwei Jahre nach ihrer Einführung noch nicht wesentlich verbessert hat.

Karin Brose: Wenn wir dieses Modell so weiter fahren – das wird man mir jetzt vielleicht ankreiden – aber schlecht finanziert und zu schnell, ohne die nötige Ruhe, sich zu entwickeln, dann wird das sehr lange dauern. Hinzu kommt, die Lehrkräfte haben zu wenig Möglichkeiten, ihre Erfahrung und ihr Know How einzubringen, das haben wir Lehrer jetzt moniert. Es wird einfach übers Knie gebrochen, was von oben kommt. Da wird sich etwas tun müssen. Lehrer müssen mit ins Boot geholt werden. Man muss mit ihren Erfahrungen arbeiten, damit dieses Modell erfolgreich wird. Und es wird trotzdem Jahre und Jahrzehnte dauern, wenn man diesen Kurs weiterverfolgt, den wir jetzt haben. Wenn man also nicht realistischer sieht, wie kann ich am besten und gezielt verschieden begabte Kinder betreuen und unterrichten.

 
 
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