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GBS revisited: „Alle lieben Valeska“ – Reportage

19 Jun

IMG_0260Mittwoch vor den Sommerferien: Die Kinder der Zweitklässler GBS-Gruppe stehen dichtgedrängt  aber ruhig neben der Eingangstür der Grundschule Falkenberg – und blicken gespannt zu ihrer Betreuerin Valeska …. Valeska gibt ein Zeichen, dann stürmen alle laut und fröhlich los über den Hof zur zu der zur Kantine umfunktionierten Pausenhalle. Dort treffen nacheinander weitere Gruppen mit Kindern ein, jede Gruppe hat ihren eigenen Esstisch und feste Sitzplätze. An einem der Zehnertische, umringt von ihrer Gruppe sitzt Valeska  „Hallo Lukas!“ begrüßt sie die Nachzügler, die heute Projekttag hatten, „hol Dir was zu essen“, sie hakt in einem Heft  die  Namen ab. Durch die großen Fenster der hellen Pausenhalle sieht man den weitläufigen  Innenhof mit Spielplatz und Kletternetzen, viel Grün im Hintergrund, die Turnhalle und alte  Backstein-Schulgebäude  der Grundschule,  die Verwaltungsgebäude von Schulleiter und Sekretariat. Die Kinder stehen in der Reihe vor dem Tresen – gerangelt wird nicht, alles läuft ruhig und diszipliniert ab – und kommen mit  dem Essen zurück: Paniertes Huhn, Kartoffel, Gemüse, 3 Euro pro Essen. Auf jedem Tisch dazu ein Teller Gurken, Tomaten und Karotten. Die Vorschüler sind fast fertig,  sie sind die erste Gruppe in der Kantine und bekommen von ihrer Betreuerin am Tisch serviert. Valeska Stüben ist die pädagogische Leiterin und die Seele der GBS , seit die Schule 2011 im Standort Falkenberg der STS Fischbek-Falkenberg als eine der  ersten sieben Modellschulen mit der GBS-Ganztagsbetreuung bestartet ist.

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Am selben Mittwoch: Heftige Debatte über  GBS und Ganztagsschule in der Bürgerschaft. Seit Schulsenator Ties Rabe begonnen hat, alle Grundschulen in Hamburg in nur zwei Jahren in Ganztagsschulen umzuwandeln  und Horte und Hortgutscheine abzuschaffen, gibt es immer wieder Proteste wütender und enttäuschter Eltern. 2014 soll alles abgeschlossen sein, dann habe der Senator ein schulisches Betreuungsmonopol geschaffen, zu dem es keine Alternative mehr gebe, so eine Mutter bei einer Anhörung. Doch die Rahmenbedingungen,die Betreuungsschlüssel und Raumsituation der GBS Schulen sind deutlich schlechter als die in den Horten, kritisieren die Eltern. Im April hatte der Schulsenator dem Landeselternausschuss für Kindertagesbetreuung (LEA) und der Elternkammer zugesagt, die GBS-Rahmenbedingungen würden denen der Horte angeglichen, doch der Schulsenator habe seine Zusage nicht eingehalten, so  Jörg Gröndahl von LEA. Die Eltern fordern mehr Personal, bessere Ausstattung, einen beschleunigten Kantinenausbau, Mittel für die Inklusion, Zwischenmahlzeiten und bessere Informationen. Die LINKE hatte die Elternforderungen in einem Antrag  aufgegriffen,  der am Mittwoch in der Bürgerschaft debattiert und mt den Stimmen der SPD Mehrheit abgelehnt wurde.

Ärger und Proteste gegen die  Umstetzung der GBS war auch häufig Thema von Kirschsblog – berichte doch auch mal über ein Positivbeispiel von GBS, statt immer nur in „kritischen Tönen  (die auch aus meiner Sicht völlig berechtigt sind)“, forderte  Gerrit Petrich, Elternrat in der Stadtteilschule Falkenberg  Fischbeck , der neue Vorsitzende der Hamburger Elternkammer. Seine Kinder sind Schüler Grundschule des Standorts Falkenberg – sie sind dort in der GBS.

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Mittwoch 14 Uhr: Die GBS  Kinder sind ins Grundschulgebäude zurückgekehrt und sitzen über Schulbücher und Hefte gebeugt nach Alter verteilt in den Klassenräumen.  Nur einige sind jetzt beim Chor und kommen später zu den „Hausis“ dazu. Am Mittwoch Nachmittag sind fast alle GBS Schüler da, an anderen Tagen sind es weniger, da viele Schüler nur für drei Tage angemeldet sind. Von 500 Schülern der Schule nehmen insgesamt 180 Schüler an der GBS teil, neun Kinder haben sonderpädagogischem Förderbedarf.  Es gibt sieben Gruppen, die jeweils  von einem Betreuer pro Gruppe betreut, eingeteilt nach Klassen von der Vorschule bis zur 5. und 6. Klasse. Ein Betreuer betreut also eine Gruppe von 25 Kindern.  Der Betreuerschlüssel für GBS  liegt bei 1:23, dh. ein Betreuer für 23 Kinder (bzw. je nach soz. Lage 1:19). Er ist damit deutlich schlechter als bisher im Hort, dort betrug er 1:17. Die Verschlechterung des Betreuerschlüssels in der GBS im Vergleich zum Hort ist einer der zentralen Gründe für die Kritik von Eltern und Kindern an der GBS, auch darum ging es in der Debatte am Mittwoch.

Die meisten Betreuer des Standorts Falkenberg haben eine zweijährige Ausbildung als sozialpädagogische Assistenten, ein Betreuer macht die berufsbegleitende Erzieherausbildung. „Ich erfülle den GBS Schlüssel nicht ganz“, sagt Valeska Stüben, die für den Kooperationspartner der Schule,  das „Kinderhaus Hotzenplotz“ , die GBS am Standort Falkenberg leitet. Zum Kinderhaus Hotzenplotz gehört auch die Kita am Rand des Schulgeländes, zu der man nur ein paar Schritte über den Schulhof laufen muss – ein „extremer Vorteil“ für Schule und Kinder, erklärt Frau Stüben,  da die kleinen Vorschulkinder schon früh mit dem Schulgelände vertraut sind und Kinder in Kita und GBS im Früh- oder Spätdienst gemeinsam betreut werden können. Nach dem Sommer  wird die GBS, die einmal mit 100 Kindern gestartet ist, noch einmal auf 200 Kinder anwachsen.  Dann sollen für die GBS zwei  Betreuer  dazukommen.  In den Ferien selber sind nur 6 bis 9 Kinder für die Ferienbetreuung angemeldet, betreut werden sie von zwei Erziehern. An diesem Mittwoch sind übrigens 3 Betreuer ausgefallen, die Gruppen werden zusammengelegt  und sind entsprechend größer.

Es ist still,  einige Kinder schreiben konzentriert, ein Junge schaut müde träumend auf sein Heft. In Valeskas Gruppe sind 25 Schüler aus zwei zweiten Klasse.  Das Klassenzimmer ist  groß, bunt und ziemlich alt, wie das ganze Grundschule-Gebäude. Die Schultische sind zu Viertisch-Inseln  zusammengerückt. Auf jedem steht ein Blumentopf mit Gänseblümchen, daneben ein Stapel Mathehefte, an den Wänden stehen Regale mit bunten Kinderbüchern,  an den Fenstern hängen gelbe Vorhänge. Es klopft. Zwei Jungs kommen rein, und fragen höflich„ Können wir einen Fußball ausleihen“? Sie bekommen den Schlüssel  zu Valeskas Büro, ein schlauchartiger, schlichter Raum am Ende des Flurs, an dem sich neben ihrem Schreibtisch Wasserkisten stapeln und Fussbälle lagern. „Komm wieder mit dem Schlüssel,“ ermahnt Valeska die Jungs .

VALESKA MIT HAUSAUFGABEN

Neben dem Lehrerpult hat sich eine Schlange von Schülern gebildet, mit den Hausaufgabenheften in der Hand. Valeska schaut sich die Hefte an, weist freundlich auf Fehler hin, schlägt geduldig Verbesserungen vor, korrigieren soll sie nicht,  und notiert in einem großen Klassenbuch, ob die Hausaufgaben gemacht sind oder ob jemand zuhause weiterarbeiten will.  Sie hat die Bücher angeschafft, um eine bessere Übersicht zu behalten, und um Eltern und Lehrern bei Problemen immer zuverlässig  Auskunft über die gemachten  Hausaufgaben geben zu können. Sind dreimal keine „Hausis“ gemacht, informieren die Lehrer die Eltern.

Einige Kinder sind fertig, packen sorgfältig ihre Stifte, Bücher und Schultaschen ein. Ein paar ziehen jetzt um zur „Förderung“  in benachbarten Klassenräumen. Bis zu 8 Schüler werden dort  in Deutsch oder Mathe von Lehrern gefördert, von Lehrern, Lehramtsstudenten und  Studenten.

Wer mit allem fertig ist, darf raus in das weiträumige Schulgelände. Draußen wartet schon eine Mutter, Andrea Niphut.  Sie hat zwei Kinder im GBS. „Wir sind sehr zufrieden“, erklärt sie.

Probleme gebe es nur mit dem Essen: „Meinen Kindern schmeckt das Essen nicht, sie sagen, es ist nur tiefgekühlt und aufgetaut.  Und es ist zu vorhersehbar, Montags gibt’s Fisch, Mittwochs immer Nudeln,  am Freitag Süßes.“  Manchmal erklärten ihre Kinder ,„ Wir wollen nicht in den Hort, weil das Essen nicht schmeckt“.  Die Kinder haben recht – das Essen der Schule wird tiefgefroren und getrennt nach Zutaten angeliefert und dann in der Kantine 90 Minuten in einem Konvektomaten dampfgegart. Die Kantinen  sind ebenfalls ein wichtiger Kritikpunkte der Eltern an der GBS. „Unsere Kinder werden an industrielles, aufgewärmtes Essen gewöhnt, statt zu lernen, wie wertvoll unsere Nahrungsmittel sind und wie sie nachhaltig zubereitet werden,“ so ua. die Kritik des Lea am mangelhaften Kantienenausbau für GBS.   http://www.lea-hamburg.de/aktuelle-pressemitteilungen/395-massive-fehler-und-versaeumnisse-bei-gbs-einfuehrung

Sehr zufrieden ist Andrea Niphut dagegen  mit den flexiblen Abholzeiten. „Das ist super, es gibt keine Probleme, wenn wir die Kinder einmal früher abholen“.  Das erklärten auch andere Eltern, die ihre Kinder an diesem Nachmittag abholen.  Flexibilität sei ihnen besonders wichtig, sagt Valeska Stüben:  „Bei uns können Eltern ihre Kinder auch zu individuellen Abholzeiten abholen “. Ich wünsche mir noch mehr mehr Kurse zum Thema „Forschen“ ,ergänzt noch ein Junge.

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Am Spielplatz hat sich ein jetzt kleines Grüppchen von Schülern neben Herrn Stüben, dem Vater von Valeska Stüben, versammelt. Herr Stüben macht als Honorarkraft die Aufsicht auf dem Schulhof. Betreuerin Hanim Gümis notiert in einem Heft,  welche Kinder an diesem Nachmittag an welchen Kurse teilnehmen möchten, die von 15 bis 16 Uhr angeboten werden. Die Kurse heute:  Fußball , Wald, Kochen oder Mosaik. Der Kurs „Forschen“ fällt aus, weil die Kursleiterin krank ist. Ein Junge kommt plötzlich weinend angelaufen, er hat sich am Bein weh getan, Valeska kommt und schaut sich das Bein an, klopft ihm aufmunternd auf die Schulter und der Junge zieht wieder ab.

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Ich mag am liebsten Mosaik, erklärt die 10 jährige Larischa, Zaliha mag am liebsten Kochen.

Kochen ist überhaupt sehr beliebt, erklärt Valeska Stüben, zweitweise melden sich bis zu 40 Kinder „wer will, kann dann nächste Woche teilnehmen“. Kurse an anderen Tagen sind Töpfern, Weben, Fußball für Mädchen, für Jungen, Spanisch und PC Nutzung, die Elternvertreter Gerrit Petrich anbietet. Neben den Klassenräumen hat die Schule dafür eine Bibliothek, einen Werkraum, ein Spielezimmer, einen Töpferraum und zwei Vorschulräume.

Neue Räume gibt es allerdings für die GBS Nachmittage nicht – auch keine Pausenhalle für die vielen Hamburger Regentage. Geplant war für 2014 der Neubau eines großen Grundschulgebäudes mit Räumen und neuer Kantine für die GBS. Vorher sollte noch die Turnhalle abgerissen und neu gebaut werden. „Der Plan liegt vor, aber niemand weiß Genaues, es wird immer weiter nach hinten geschoben“ erklärt Valeska Stüben.

FAHRZEUGEBetreuer Alex holt jetzt die „Fahrzeuge raus“-  Zwei-,  Drei- oder Vierräder auf denen die Kinder im Schulgelände herumrasen können. Platz dafür ist in der Schule reichlich vorhanden. Es bestehe auch keine Gefahr, dass Senat und Behörde Schulgelände verkaufen würden,  wie in Schulen in der Stadtmitte geplant, die nach Berechnungen der Behörde „zuviel Platz“ haben.  Diese Sorge müsse man sich an seiner Schule nicht machen,  erklärt der Schulleiter des Standorts Falkenberg Jens Bendixen: „Wir haben wachsende Schülerzahlen“.

Jens Bendixen ist ein weiterer Glücksfall für die Schule am Standort Falkenberg: Sein großes Thema ist Sport – Sport hat er auch zum Thema seiner Schule gemacht. Ab der 3. Klasse sind viele GBS Schüler  nachmittags in Sportvereinen der Umgebung aktiv,  die Schule hat zahlreiche Kooperationen mit Sportvereinen –  Vereine, die ihr Schulleiter gut kennt –  denn er ist selbst in vielen Mitglied. Die Schule ist eine sog. „sportbetonte Schule“  mit einer  speziellen Sportklasse.

Die GBS Nachmittagskurse sind mittlerweile aufgeteilt.Der Kurs „Wald“ wandert nur wenige Schritte und Minuten und ist schnell mitten im Wald der benachbarten „Neugrabener Heide“.Die neun  Kinder klettern auf Bäume, rutschen einen hohen Sandberg herunter und essen Gurken, Tomaten und Kirschen zum Picknick zwischendurch. Ihre Betreuerin ist  Svenja Schürmann, Grundschullehrerin und selber Mutter von zwei Kindern.

WALDPICKNIKSie  wird nach den Ferien die Stelle von Valeska Stüben als Leiterin der GBS übernehmen. „Valeska hat mich überredet. Sie hat meinen Ehrgeiz geweckt, es auszuprobieren, ich kann hier gestalten, mit Personal arbeiten und die GBS weiterentwickeln“.   Mit zu ihrer Entscheidung beigetragen habe die gute Stimmung an Schule und GBS. Es gebe Respekt, Höflichkeit, die Grenzen der anderen würden beachtet und dies werde auch den Schülern beigebracht. Wichtig sei auch der gute Austausch mit Schulleitung und den Vertretern des Elternrats in der „Steuergruppe der GBS“,  die sich alle zwei Wochen treffe. Sie habe schon Pläne für das nächste Jahr, und wolle vor allem mehr Kooperationspartner dazu gewinnen, die Musikkurse, zB. Gitarrenunterricht anbieten. Diese müßten allerdings von den Eltern bezahlt werden. Zurück in der Schule gibt mir Valeska Stüben schliesslich noch ein Foto von den Mosaiken mit auf den Weg, den die Schüler des Mosaikurses in der letzten Stunde gebastelt hat.

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Resümee: Die Schule Falkenberg hat zwei wichtigen Pluspunkte auf ihrer Habenseite: Das sind einmal die Menschen:  Eine ungewöhnlich engagierte, kinderliebende und organisatorisch begabte  Erzieherin, ein engagierter und in den Sportvereinen bestens vernetzter, offener Schulleiter und ungewöhnlich engagierte Elternvertreter im Elternrat. Sie haben es gemeinsam geschafft, dass sich in der GBS der Schule Falkenberg  Kinder, Eltern, Betreuer und Besucher wohl und gut aufgehoben fühlen. Bei  der neuen Leiterin der GBS, Svenja Schürmann, liegt die Nachmittagsbetreuung, so der Eindruck, weiter in den besten Händen:

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Pluspunkt der Schule ist zum anderen die Größe und  Lage der Schule zwischen Naturschutzgebieten und Wäldern am Rande der Stadt. Ein Vorteil, den Schulen im Zentrum nicht haben.

Unabhängig von Engagement und Leistung der Menschen  bleiben aber dennoch die Punkte, die Eltern, Lea, und Opposition in der Debatte in der Bürgerschaft so heftig und zurecht kritisieren. Es sind die mangelhaften Rahmenbedingungen, das schulisch-staatliche Monopol bei der Nachmittagsbetreuung von Kindern und die Mängel der Umsetzung der Ganztagsschulreform des Schulsenators: Dazu gehören der schleppende Ausbau der Kantinen, die fehlenden Produktionsküchen, die  fehlenden Räume für Rückzug, Ruhe, Toben und Differenzierung, die fehlenden Mitteln für Inklusion  und die deutliche Verschlechterung des Betreuungsschlüssels im Vergleich zu den Horten.

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