Archive | Schulpolitik RSS feed for this section

SPD und Grüne stimmen in erster Lesung mit Hilfe von CDU für Verfassungsänderung zur Einführung von „Senats Volksentscheiden von Oben“: trotz Ablehnung von Verfassungsexperten und Protesten von „Mehr Demokratie“

7 Mai

SPD, Grüne und die Helfer der CDU HH haben heute in 1. Lesung in der Bürgerschaft für eine Verfassungsänderung gestimmt, die künftig generelle „Volksentscheide von Oben“, also für Vorlagen des Senats, möglich machen soll. Fünf bekannte Verfassungsexperten hatten diese geplante VErfassungsänderung bei einer Anhörung erst vor wenigen Tagen aus Sorge um unsere Demokratie einhellig abgelehnt. Dies wurde aber in den vielen Erklärungen in der heutigen Bürgerschaftssitzung von SPD, Grünen und CDU mit keinem Wort erwähnt.

Die Experten hatten ausdrücklich zu einer Einzelfall-Lösung nur für einen Volksentscheid/Referendum zum Thema Olympia in Hamburg geraten.Grund: Diese Verfassungsänderung für generelle Senats-Volksentscheid zerstört nach Ansicht der Experten das Gleichgwicht von Exekutive und Legislative, also die Gewaltenteilung, Grundlage unserer Demokrate. Heftige Kritik kommt auch von Bürgern und dem Verein „Mehr Demokratie“, da die Verfassungsänderung eine massive Einschränkung für Volksintitiaven und Begehren des Volkes zur Folge haben wird.

Olaf Scholz, der diese Verfassungsänderung gegen den Rat der Verfassungsexperten zu verantworten hat, liess sich bei diesem tiefgreifenden Eingriff in Hamburgs Verfassung in der Bürgerschaft nicht blicken. Er erschien nicht bei der Abstimmung über die Verfassungsänderung.

Am 28. Mai muss die Bürgerschaft zur endgültigen Entscheidung in zweiter Lesung über die Verfassungsänderung abstimmen.

GBS REVISITED: Enttäuscht – empört – verzweifelt – Wieder heftige Elternproteste gegen Ties Rabes Ganztags-Schul-Reform

15 Apr

„Ich bin wütend und verzweifelt und für jede Empfehlung dankbar“,  schreibt Eva Landmann, Mutter einer siebenjährigen Tochter. „Es brennen mir einige Fragen auf der Seele, die mir in der Schule niemand beantworten kann. Die GBS-Hotline war auch in keinster Weise hilfreich. Dort sagte mir die Behördenmitarbeiterin am Telefon, sie sei für GBS nicht geschult und könne mir meine Fragen nicht beantworten.“

Vor einem Jahr, vor der Umwandlung von 50 Hamburger Grundschulen in  Ganztagsschulen mit Ganztägiger Bildung und Betreuung (GBS), gab es bei Eltern heftige Kritik an der Umsetzung und am Tempo der Ganztagsschul-Reform von SPD Schulsenator Ties Rabe. Kirschsblog hatte ausführlich darüber berichtet.  In diesem Sommer sollen 70 weitere Grundschulen zu Ganztagsschulen umgewandelt werden und die Stimmung unter den Eltern hat sich nicht gebessert. Es gibt erneut heftige Kritik. Ties Rabes Ganztags-Grundschul-Reform soll mit den 70 neuen Schulen im August  abgeschlossen sein – fast alle 204 Grundschulen werden dann Ganztagsschulen sein, zumeist in der offenen Form mit GBS. Doch die heftige Kritik der Eltern klingt in diesen Tagen fast genau wie vor eineinhalb Jahren.

Eva Landmann ist alleinerziehende Mutter einer siebenjährigen Tochter in der Grundschule Forsmannstraße. Sie ist voll berufstätig und muß bis 17 Uhr arbeiten. Ihre Tochter,  die bislang nachmittags im Hort ist, muss nun nach Ties Rabes Ganztags-Schulreform zur ganztägigen Betreuung (GBS) wechseln.

Der Grund für Evas Verzweiflung: „Ich habe bislang einen Hort-Gutschein für eine 5-stündige Hortbetreuung bis 18 Uhr und zahle dort 95,00 € monatlich“,  schreibt sie. „Der Online-Gebührenrechner für GBS hat mir nun … ausgerechnet: Wenn ich die Spätbetreuung bis 18 Uhr buche + Mittagsverpflegung + 10 Wochen Ferienbetreuung + Sockelwoche zahle ich jetzt bei GBS  summa summarum 159,38 € monatlich – d. h. unglaubliche 64,38 € mehr als im Moment.“

Erst von Oliver Hilgers, Elternvertreter und Gebührenspezialist im Landeselternausschusses Kindertagesbertreuung  (LEA), bekommt sie eine klare Antwort: Sie muss diese Summe von 64, 38 Euro monatlich 1 Jahr in Vorleistung“ zahlen und kann dann nach der „Keiner zahlt mehr als im Hort“-Regelung per Antrag eine „Rückerstattung“ bekommen. Das Antragsformular existiert noch nicht.

Macht fast 800 Euro im Jahr mehr als im Hort –  zuviel für Eva Landmann: „Ich habe meinen Antrag drastisch reduziert – nämlich statt der Betreuung bis 18 Uhr nur bis 17 Uhr – und statt elf Ferienwochen nur vier … Jetzt kann ich sehen,  wie ich klarkomme (zahle so „nur noch“ 2,50 € mehr als im Moment). Ich kann einfach nicht ein Jahr lang 800 € vorschießen.“

Kein Einzelfall, so die Kritik vieler  Eltern. In einer öffentlichen Fragestunde des Jugendhilfeausschuss im Bezirk Wandsbek in der letzten Woche konfrontierten sie den Vertreter der Schulbehörde, B. Oldenburg, mit Kritik und Fragen.

Keiner zahlt mehr als im Hort?

„Keiner zahlt mehr“ als im Hort, dieses Versprechen von Schulsenator Ties Rabe für die Gebühren der Ganztagsbetreuung in der Schule „stimmt gar nicht“, erklärte Farahnaz Bergmann stellvertretend für viele andere Eltern. Es sei keineswegs selten der Fall, dass Eltern für GBS mehr zahlten als für die Hortbetreuung, das bestätigen auch andere Eltern. Das gelte für alle Stufen der nach Einkommen gestaffelten GBS Gebühren. So werde auch die Gebühr von 207 Euro für Höchstzahler überschritten, die eigentlich als maximale Obergrenze für Höchstzahler festgelegt sei, wenn man alle Ferienzeiten und Mittagessen bucht, erklärte Farahnaz Bergmann. Sie selbst müsse aber alle Ferienzeiten buchen, denn zum Zeitpunkt der Anmeldung für das gesamte nächste Schuljahr (die Frist lief bis zum 30.März)  könne sie in ihrer Arbeit nicht planen, wann sie genau in nächsten Schuljahr in Urlaub gehe. Sie habe für ihre Tochter erst einmal alles gebucht.

„Sollten tatsächlich in wenigen Fällen … höhere Elternbeiträge“ als im Hort anfallen „wird die Schulbehörde die Differenz erstatten“, so hatte dagegen in der letzten Woche Schulsenator Rabe in einer Presseerklärung  nach einem der Treffen des „Runden Tisches“ melden lassen,  an dem Vertreter der Schulbehörde und Senator Ties Rabe mit Vertretern von Elternkammer und Landeselternausschuss (LEA) die Kritik der Eltern vorgetragen hatten. http://www.hamburg.de/bsb/bsb-pressemitteilungen/3922392/2013-04-11-bsb-gnaztagsausbau-schulen.html

Doch die Zusage des Senators, zuviel gezahlte Gebühren zurückzuzahlen, sorgt für Ärger und Verunsicherung bei den Eltern. Viele Eltern wüssten gar nicht, dass es eine Rückerstattung gebe, erklärte auch Anja Quast, Fraktionsvorsitzende der SPD im Bezirk Wandsbek. Eltern müssten viel besser informiert werden. Da fehle ein wichtiger Baustein, die Kommunikation zwischen Eltern, Kitaleitern und Lehrern müsse dringend verbessert werden. Denn „wer es nicht weiß, der wird sich auch nicht melden.“

Rückerstattung von Gebühren

Hinzu kommt, dass die Gebühren erst nach Ablauf des ganzen Schuljahres rückerstattet werden. „Ich finde es nicht gut, wozu soll ich denn erst einmal alles bezahlen? Und an welchem Tag soll ich dann kommen, um es zurück zu bekommen. Welche Unterlagen soll ich mitbringen?“, fragte Farahnaz Bergmann empört.

Vorher zahlen und hinterher zurückzahlen sei nicht „sozial verträglich“, erklärte Claudia Folkers von der CDU Fraktion und bezog sich damit auf Eltern, die wie Eva Landmann diese Summen für die Vorfinanzierung der Gebühren gar nicht aufbringen können. Die Kosten der Ferienbetreuung müssten reduziert werden, die Anträge seien außerdem viel zu kompliziert, kritisierte ein Vertreter eines „Freien Trägers“ der GBS-Nachmittagsbetreuung. In sozialen Brennpunkten, in denen Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen eigentlich auf die Nachmittagsbetreuung angewiesen seien, würden nur 10 bis 12 Prozent der Kinder an der Ferienbetreuung teilnehmen, denn das Ganze sei vielen zu teuer, zu kompliziert und nicht flexibel genug. Viele Familien seien mit dem Prozedere der Anmeldung, den vielen unterschiedlichen Formularen und der langfristigen Planung überfordert.

Die Rückerstattung könne erst am Jahresende erfolgen, weil erst nach dem Schuljahr alle Ausgaben, die Gebührenscheine und die Abrechnungen der Caterer für die Berechnung vorlägen. Geben Sie uns für die Organistation der Rückerstattung noch „ein paar Wochen“, bat Herr Oldenburg von der Behörde.

Ausstattung bei GBS und Hort auf gleichem Niveau?

„Die ganztägige Betreuung an den Schulen (GBS) werde auf dem gleichen Ausstattungsniveau stattfinden wie die bisherige Hortbetreuung“, so die Erklärung von Schulsentor Rabe nach dem Treffen des Runden Tischs zum Thema GBS in der vergangenen Woche. http://www.hamburg.de/bsb/bsb-pressemitteilungen/3922392/2013-04-11-bsb-gnaztagsausbau-schulen.html

Doch die Eltern sehen das ganz anders als der Schulsenator:  In ihren Fragen kritisierten sie auch den Personalschlüssel der GBS. Der Schlüssel von einem Betreuer für eine Gruppe von 19 bzw. 23  Kindern sei schlechter als im Hort, es würden außerdem Hilfskräfte ohne  pädagogische Qualifikation eingesetzt, so Farahnaz Bergmann. Kritische Fragen gab es auch zu den Problemen beim  Mittagessen, zu den Warmhalteküchen und zum Raummangel. So gibt es Schulen, in denen ab August über 100 bis 150  Kinder an GBS teilnehmen werden, die aber keine entsprechenden Kantinen oder viel zu kleine Kantinen haben. Um- und Ausbauten von Kantinen sollen noch bis 2015 oder sogar bis 2017 dauern, in einem Fall ist noch gar kein Termin für einen Umbau bekannt, kritisierten die Eltern.

Ganz unbegreiflich sei für sie, dass Kinder bei der Ganztagsbetreuung keine Zwischenmahlzeit erhalten, erklärte  Farahnaz Bergmann im Ausschuss. „Ich verstehe nicht, dass es dafür kein Budget gibt. Ein Kind ist doch immer noch ein Kind, die brauchen das!“.

Das sei eine politische Entscheidung erklärte Herr Oldenburg von der BSB, im Übrigen sei vieles der „Systemumstellung geschuldet“ und das „sei eine Sache“, die müsse „man in Kauf nehmen“. Das zusätzliche „pädagogische Budget“ für die GBS könne aber dazu beitragen, den Personalschlüssel zu senken, erklärter er. Außerdem würden „Leute auf Honorarbasis“ Kurse anbieten oder mit den Kindern lesen. Alle Betreuungsbereiche hätten aufgrund des Kitaausbaus im Moment außerdem Probleme, genügend Erzieher zu finden, erklärte Oldenburg.

Kritische Fragen der Eltern betrafen auch das inhaltliche Angebot von GBS. Es wurde gefragt, ob die Schulbehörde überhaupt wisse, was da von wem in welcher Qualität angeboten werde. Zusatzangebote, so die Kritik weiter, seien außerdem kostenpflichtig, es sei ein falscher Ansatz, dass sogar Fußball Geld koste.

Eltern: „Unausgegoren und zu kompliziert“

„Völlig unausgegoren und viel zu kompliziert für alle Beteiligten“, so bringt Eva Landmann die Kritik vieler Eltern an der Ganztagsreform und Umsetzung von GBS auf den Punkt. Hinzukommt, es gibt keine Alternativen mehr, fast alle Horte werden am Ende dieses Schuljahres abgeschafft.

Kritik und Fragen der Eltern finden sich im 10-Punkte-Nofall-Paket wieder, dass die Elternkammer und der Landeselternausschuss (LEA) für Kindertagesbetreuung Schulsenator Ties Rabe beim Treffen des Runden Tisch in der letzten Woche überreichten. Neben dem beschleunigten Kantinenausbau werden darin u.a. Ruhe-, Bewegungs- und Kursräume gefordert, außerdem mehr Geld und Personal für die Information über GBS, ein Konzept mit qualitativen Mindeststandards, mehr Elternmitwirkung oder zusätzliche Mittel für die Inklusion.

Noch umfangreicher ist eine Liste Deutsche Kinder- und Jugendstiftung mit 23 Punkten, die aus der Sicht von Kindern beschreiben, was Ganztagsschule bieten sollte. Z.B. Punkt 17: „Die Mittagspause ist lang genug, um mich auszutoben, zusammen mit Freunden oder allein etwas zu machen, was Spaß macht, oder mich zurückzuziehen, mich mit meinem Hobby zu beschäftigen, zu lesen, ein Musikinstrument zu spielen oder ein Kunststück einzuüben, am Computer zu arbeiten oder miteinander etwas „Richtiges“ zu machen.

Schön klingt auch Punkt 19: Es gibt auf dem Schulgelände und im Schulhaus genug Platz und Gelegenheiten, um mit anderen zu spielen, Sport zu treiben, Kunststücke zu üben oder zu experimentieren. Es stehen Sport- und Spielgeräte zur Verfügung, es gibt Klettermöglichkeiten, Bereiche, in denen man bauen und gestalten kann, aber auch Verstecke, geheime und ruhige Ecken“. http://www.ganztaegig-lernen.de/sites/default/files/23_Thesen.pdf

Doch bis Hamburgs Ganztagsschulen das bieten, ist es noch ein weiter Weg. Ties Rabe weist rigoros alle Forderungen zurück: „Es ist schon ein großes Vorhaben die Zahl der Ganztagsschulen in drei Jahren um 50 Prozent zu steigern, wir sollten diesen ehrgeizigen Plan jetzt umsetzen und nicht ständig mit neuen Zusatzforderungen erschweren“. http://www.hamburg.de/bsb/bsb-pressemitteilungen/3922392/2013-04-11-bsb-gnaztagsausbau-schulen.html

Bleibt schließlich eine Frage: Was passiert, wenn es keine Horte und Kita-Gutscheine mehr gibt? Erlischt damit für die GBS-Gebühren auch die „Keiner zahlt mehr als im Hort-Regelung“? Das würde bedeuten, Eva Landmann und alle Eltern, die für GBS höhere Gebühren zahlen als für die Betreuung im Hort, bekommen kein Geld mehr rückerstattet. Sie müssen dann mehr zahlen. Wie sagte es eine Mutter am 10 Mai – fast genau vor einem Jahr: „Wir zahlen ab Sommer im Monat über € 35,00 mehr für ein schlechteres Angebot – und das wird uns als „kostenlose Nachmittagsbetreuung“ verkauft!“

https://kirschsblog.wordpress.com/2012/05/10/die-versprechen-des-schulsenators-grundschuleltern-rechnen-nach-ganztagsschule-kann-fur-familien-teurer-als-hort-werden/

Wird das Zentralabi ab 2017 ein „Abi Light?“ Zum Hamburger KMK Beschluss über einheitliche Bildungsstandards für das Zentralabitur

21 Okt

Fast wirkte der Hamburger Schulsenator und Präsident der deutschen Kultusministerkonferenz Ties Rabe bei der Pressekonferenz der KMK am Freitag enttäuscht, weil noch keiner der vielen Journalisten nach einem zentralen Stichwort gefragt hatte: So nannte er es selbst:  Wissen!  Kritiker, so Ties Rabe, würden immer wieder vor einem Verlust an „Wissen“ durch die Einführung  von „Kompetenzen“ warnen,  die nun nach Beschluss der Kultusministerkonferenz die Grundlage bundesweit einheitlicher Bildungsstandards für ein Zentralabitur in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch bzw. Französisch bilden sollen. Die Bildungssstandards  wurden vom Berliner Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) und Fachleuten der Länder entwickelt und sollen mit Beginn der 11. Klassen ab 2014 zu einem bundesweiten Zentralabi in diesen Fächern im Jahr 2017 führen. Bis 2017 soll außerdem ein gemeinsamer Aufgabenpool für  bundesweit einheitliche Abiprüfungen entwickelt werden, aus dem die Länder dann Aufgaben entnehmen können. Allerdings finden die Abiturprüfungen der Länder weiter wie bisher an unterschiedlichen Terminen statt.

Worauf Ties Rabe mit dem Stichwort Wissen abzielte: Immer mehr Bildungsforscher kritisieren, dass mit der Umstellung auf Kompetenzen und Kompetenzorientierung ein Verlust an Wissen und Bildung in Unterricht und Abitur droht.

Hintergrund: Was sind Bildungsstandards? Was sind Kompetenzen?

Die seit 2003 schrittweise eingeführten „Bildungsstandards“ lösen die zuvor geltenden Lehrpläne ab. Während Lehrpläne festlegten, welche Inhalte Schüler wie lernen sollen, geht es in den Bildungsstandards um Kompetenzen, die Schüler am Ende der Schulzeit beim jeweiligen Schulabschluss, in diesem Fall also dem Abitur, entwickelt haben sollen. Kompetenz wird hier allerdings, anders als im Alltag,  als ein schwer greifbarer Fachbegriff mit vielerlei Definitionen verwandt.  Neben den fachlichen gibt es dabei auch sogenannte „überfachliche Kompetenzen“, wie  z.B. Sozialkompetenz oder emotionale Kompetenz. „Der Begriff „Kompetenz hat etwas Respekteinflößendes“, schreibt Helmut Meißner, Studiendirektor und ehemaliger Fachleiter am Studienseminar Karlsruhe im Juli in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. „Aus Sorge, sich zu blamieren“, wage kaum einer zu fragen, „was es mit den Kompetenzen auf sich habe, die den Schüler beigebracht werden sollen“. Ein Austausch an Argumenten werde so erschwert . http://www.seiten.faz-archiv.de/faz/20120705/fd1201207053366317.html

Was man im Fall der jetzt vereinbarten gemeinsamen Bildungsstandards unter Kompetenzen versteht, erklärte Professor Petra Stanat, Direktoren des IQB am Freitag so: „Unter einer Kompetenz wird … die Fähigkeit verstanden, Wissen und Können in den jeweiligen Fächern zur Lösung von Problemen anzuwenden“. Es gehe nicht darum, Kompetenzen vom Wissensstoff zu befreien, sondern darum, das Wissen anwenden zu können, ergänzte Ties Rabe.

Doch  in ihrer Erklärung zum Beschluss der KMK  führte seine Amtskollegin, die FDP Kultusministerin von Hessen, Nicola Beer, in wenigen klaren Worten genau die Punkte an,  die für die Kritiker Anlass zu ihrer Warnung vor den Kompetenzen und einem drohenden Wissensverlust sind.

Hessens Kultusministerin Nicola Beer: „modernes Qualitätsniveau“ durch Kompetenzen

Durch die KMK Einigung auf gemeinsame Bildungsstandards  würden zwei Ziele erreicht, erklärte Nicola Beer. Zum einen würde durch die einheitlichen Bildungsstandards eine „stärkere Vergleichbarkeit“ zwischen den Bundesländern erreicht. Zum anderen wolle man mit diesem „wichtigen Schritt“ die Qualität sichern. Sie erklärte dann auch, was das aus ihrer Sicht bedeute:

Es gehe heute nicht mehr darum, drei oder vier Gedichte zu lernen, erklärte die hessische Kultusministerin am Beispiel des Fachs Deutsch. Vielmehr entwickelten sich heute immer neue Sachverhalte, die sich jeder „holen“ könne.  Mit der Kompetenzorientierung gebe es nun ein neues „modernes Qualitätsniveau“.  Es gehe dabei um das „was die Leute brauchen…um erfolgreich für ein späteres Leben zu sein, für Studium und Beruf“, so die FPD Ministerin, die für alle CDU regierten Bundesländer in der KMK sprach. Das Ziel sei „Kompetenzvermittlung in allen Bereichen“.

Kritiker: kompetenzorientierte Bildungsstandards führen zu Abi-Light

Nicola Beer brachte mit ihrer Erklärung exakt das auf den Punkt, was Kritiker wie der Bildungsforscher Professor Hans Peter Klein von der Universität Frankfurt an der Kompetenzorientierung bemängeln: „Man muß sich die rein unter einem ökonomischen Nützlichkeitsfaktor ausgerichtete Bedeutung des neuen “Kompetenzbegriffs” deutlich machen. Dieser hat die Steuerung, Zentralisierung und Globalisierung des Bildungssystems zum Ziel. Bildung hat hier keinen Eigenwert mehr, daher droht Fächern wie Kunst, Musik, Geschichte, Literatur, von Latein und Altgriechisch ganz zu schweigen, die Verschiebung aufs Abstellgleis“. https://kirschsblog.wordpress.com/author/kirschsblog/ Sein Kollege, Matthias Burchard, vom Institut für Bildungsphilosophie der Universität Köln spricht im Zusammenhang mit dem Kompetenzerwerb von „Bildung Light für magere Zeiten“. http://bildung-wissen.eu/glossen/kompetenz.html

Die Folge der Kompetenzorientierung sei ein Verlust an Fachwissen und eine „Nivellierung der Ansprüche auf breiter Front“, erklärte Bildungsforscher Klein vor wenigen Tagen in der FAZ. Das gilt auch für die kompetenzorientierten Abitursaufgaben, wie seine Untersuchungen des Zentralabiturs in Nordrhein-Westfalen belegen. Dort hat er Prüfungsaufgaben für das Abitur in Mathematik und Abiaufgaben für einen Biologie-Leistungskurses jeweils niedrigeren 9. und 11.Klassen vorgelegt, die den Stoff nicht kannten. Bis auf je zwei hatten alle jüngeren Schüler die Aufgaben in beiden Abifächern mit zum Teil sehr guten Noten gelöst. Der Grund, so Professor Klein: Bei  kompetenzorientierten Aufgaben seien „nahezu alle Antworten in dem ausführlichen Arbeitsmaterial“ enthalten. Vorwissen sei kaum nötig, zur Beantwortung der Aufgaben brauchte man nur den Text lesen und verstehen zu können, also Lesekompetenz. http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/interview-moeglichst-viele-schueler-sollen-das-abitur-bestehen-11913477.html

KMK-Präsident Ties Rabe: „Schwierigkeitsniveau zwischen Bundesländern wächst zusammen“

„Wir haben jetzt kein Abi-Light“ betonte dagegen KMK-Präsident Rabe am Freitag. Die KMK habe sich seit Jahren damit befaßt, die Vergleichbarkeit in deutschen Bildungssystemen zu verbessern, so Ties Rabe. Der Beschluss der KMK sorge jetzt dafür, dass das Bildungssystem zusammenwachse. Mit den gemeinsamen Bildungsstandards werde das „Schwierigkeitsniveau zwischen den Bundesländern angeglichen“. Mit den Bildungsstandards für das Abitur habe die KMK Vergleichbarkeit und Qualität erreicht, ohne „irgendwie irgendwo nivelliert“ zu haben, versicherte auch die Bildungsministerin von Rheinland Pfalz, Doris Ahnen, SPD.

Kompetenzen aber kein konkreten Fachinhalte: Beispiel Bildungsstandard Deutsch

Bildungsstandards dienen der vertieften Allgemeinbildung, der Festlegung verbindlicher Regelstandards für das, was „Schüler können sollen“ (kompetenzorientiert)  und der Einführung in die Wissenschaft, erklärte Professor Petra Spanat. Letzteres sei gerade im Fach Deutsch verstärkt worden, im Bildungsstandard Mathematik sei im Vergleich zu vorher die Stochastik und in den Fremdsprachen das Mündliche gestärkt worden.

Was ein Bildungsstandard enthält, erklärte sie am Beispiel Deutsch. Dieser Bildungsstandard umfasst  264 Seiten. Darin werden die Kompetenzen aufgeführt und näher beschrieben, die die Schüler am Ende der gymnasialen Oberstufe erreicht haben sollen. Es sind Kompetenzen, wie  Lesen, Sprechen, Verstehen, oder die etwas holprig klingende Kompetenz „Sich mit Texten und Medien auseinandersetzen“, alles unterteilt in grundlegendes und höheres Niveau. Darüber hinaus liefert der Bildungsstandard Hinweise zur Durchführung der Prüfungen und schließlich noch einzelne Beispiele für Lern- und Prüfungsaufgaben. http://www.kmk.org/fileadmin/veroeffentlichungen_beschluesse/2012/2012_10_18-Bildungsstandards-Deutsch-Abi.pdf

„Alle Schüler sollen dieselben Kompetenzen erreichen“, erklärte Professor Petra Stanat dazu. Über die fachlichen Inhalte geben die Bildungsstandards allerding keine konkrete Auskunft. So gibt es z.B. unter dem Stichwort „sich mit literarischen Texten auskennen“ keine Literaturangaben. Da heißt es vielmehr ganz allgemein: „Die Schülerinnen und Schüler erschließen sich literarische Texte von der Aufklärung bis zur Gegenwart und verstehen das Ästhetische als eine spezifische Weise der Wahrnehmung, der Gestaltung und der Erkenntnis“.

Es werde kein fester „Kanon“ für den Lesestoff „definiert“, erklärte Professor Spanat. Für sie wäre es allerdings auch ein „Horror, wenn wir alle dieselben Texte lesen sollen“.  Kompetenzen sollten allerdings nicht losgelöst von Inhalten erreicht werden, das sei eine „völlig unberechtigte Kritik“.

Bildungswissenschaftler warnen vor „Absinken der Ansprüche bei den Abiaufgaben“

Die Kritiker unter den Bildungsforschern sehen das allerdings ganz anders:  „Die Begriffe „Kompetenz“ und „Wissen“ würden „willkürlich getrennt. Statt „inhaltliche Schwerpunkte in den einzelnen Fächern zu setzten, die zu einer sinnvollen inhaltlichen Konzentration auf das Wesentliche führen“, enthielten die kompetenzorientierten Standards, Rahmenpläne oder Curricula „keinerlei inhaltliche Vorgaben, sondern nur noch Kompetenzbeschreibungen. Es bleibe den Schulen überlassen, die jeweiligen Inhalte dazu zu suchen.“, so Professor Hans Peter Klein. Er warnt vor vor einem Absinken der Ansprüche bei den Abiaufgaben zum Zentralabitur. Schon jetzt führten die fehlenden Fachkenntnisse der Studienanfänger zu hohen Abbrecherquoten, besonders in der Mathematik und den Ingenieurwissenschaften.

Ähnlich kritisch äußerte sich auch in der Süddeutschen vor zwei Monaten der Philosoph Professor Christoph Tücke:

„Prüfen lässt sich freilich immer nur ein Können. Aber Können ist stets Können von etwas. Es bemisst sich an seinem Fundus: den Stoffen, Inhalten, Gewichten, die es koordiniert und balanciert.“, so Professor Tücke von der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig.  „Vernünftige Prüfer beurteilen das Gekonnte immer in Bezug auf seinen Fundus. Ihre Beurteilung ist daher stets eine Abwägung – ebenfalls ein Balancieren, bei dem sie sich genauso vertun können wie Prüflinge. Wenn aber der Fundus zum Schattenreich des Könnens verblasst, zählt nicht mehr das Können von etwas, sondern Können an sich,  Kompetenz.“ http://bildung-wissen.eu/wp-content/uploads/2012/09/tuercke_lernen.pdf

Die Liste der Kompetenzkritiker ließe sich noch deutlich verlängern, dazu gehören ua. der Bonner Bildungswissenschaftler Professor Dr. Jochen Krautz, die Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Volker Ladenthin aus Bonn und Professor Andreas Groschka aus Frankfurt.

Die Rolle des Instituts zur Qualitätsentwicklung in Berlin

Doch Kultusminister und KMK halten beharrlich an der Kompetenzorientierung fest. Neben dem bundesweiten „Aufgabenpool mit gleich schweren, standardbasierten und kompetenzorientierten“ Prüfungsaufgaben für das Zentralabitur in den Fächern Deutsch, Mathe und Fremdsprachen bereiten sie bereits die Entwicklung der nächsten kompetenzorientierten Bildungsstandards für die Naturwissenschaften vor.

Das IQB, so heißt es in der Pressemitteilung der KMK , wird dabei stets “ federführend auch den Prozess der Entwicklung von Bildungsstandards für die Allgemeine Hochschulreife in den Fächern Biologie, Chemie und Physik verantworten, mit denen der Prozesss der Standardentwicklung fortgesetzt wird“. Die wissenschaftliche Überprüfung der „bundesweit gleich schweren Abituraufgaben sowie einheitlicher Bewertungskriterien zur Korrektur und Bewertung der Abituraufgaben“ kommen dazu. Das IQB wird dabei „regelmäßig in mehrjährigen Abständen“ überprüfen, „inwieweit es gelingt, die in den Bildungsstandards formulierten Lernziele zu erreichen“.  http://www.kmk.org/presse-und-aktuelles/meldung/ergebnisse-der-339-plenarsitzung-der-kultusministerkonferenz-am-18-und-19-oktober-2012-in-hamburg.html, http://www.iqb.hu-berlin.de/bista/control

Hinzu kommt die Forschung, die “theoretische und empirische Fundierung der Kompetenzen“, die „Ländervergleichsstudien“, die „Vergleichsarbeiten“ und vieles mehr:

„Zum Kerngeschäft des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) gehört die Operationalisierung und Erfassung von Kompetenzen.“http://www.iqb.hu-berlin.de/research/research1

Das IQB wird also mit den Aufgaben und Aufträgen rund um Kompetenzen viele Jahre beschäftigt sein, und seine zentrale Bedeutung wird dabei angesichts des Zusammenwachsens  der bundesweiten Schulsysteme durch die Einführung von immer mehr einheitlichen Bildungsstandards immer weiter zunehmen. Interessant dürfte werden, welche Bedeutung und Gestaltungsmöglichkeiten Bildungswissenschaftlern  außerhalb der IQB angesichts dieser  Rolle der IQB bleiben  und wie offen Politiker und KMK gegenüber Ergebnissen  wissenschaftlicher Untersuchungen und der Kritik der zahlreichenden Wissenschaflter sind, die vor den Folgen der Kompetenzorientierung, einem „Abi Light“ und  einem Verlust an Wissen und Bildung, warnen.

SPD Mehrheit in der Bürgerschaft hat beschlossen: Wahlfreiheit ins neue Schulgesetz – ja, Qualitätsanforderungen für Ganztagsschulen – nein

15 Jun

Das Grundrecht schütze Eltern nicht vor landesrechtlichen Eingriffen, denn Eltern seien nur für Erziehung und Pflege zuständig, nicht aber für Bildung. Letztere sei Aufgabe des Staates, das erklärte gestern zum Thema Ganztagsschule und Wahlfreiheit Dora Heyenn, Fraktionsvorsitz der Linken.  Sie erschaudere vor dem opportunistischen Politikstil des SPD Schulsenators , dem es besorgniserregend an Führungsstärke mangele, das Ganze sei im Übrigen steinzeitlich, hatte zuvor Stephanie von Berg von den Grünen erklärt. Die heftigen Worte der  zwei Politikerinnen in der aktuellen Stunde der  Bürgerschaft  gestern machten noch einmal klar, was viele Eltern in Hamburg seit Bekanntwerden der Ganztagsschulpläne des neuen  SPD Schulsenators Ties Rabe im letzten Jahr beunruhigt und warum die Einfügung eines Wahlrechts auf Halbtagsangebote in das neue Schulgesetzes des Schulsenators aus ihrer Sicht dringend nötig war. Dieses Einführung des Wahlrechts in das Gesetz hat die SPD mit ihrer Mehrheit in der Bürgerschaft gestern nun  beschlossen.

Auf Protesttreffen gegen die SPD Ganztags-Reform in letzten Monaten hatten Eltern immer wieder erklärt, sie hätten Angst, dass die SPD mit der flächendeckenden Umwandlung von Ganztagsschulen einen schleichender Ausbau der  „gebundenen Pflicht-Ganztagsschule für alle“ plane.  Die beiden Politikerinnen der Grünen und der Linken waren dagegen gestern immer wieder an das Rednerpult getreten, um ganz klar zu machen, dass sie die Einfügung einer Wahlfreiheit zwischen Halbtags- und Ganztagsbeschulung in das neue Hamburgische Schulgesetz  für überflüssig und für einen massiven Fehler hielten.

Der Hintergrund: Ties Rabe  hatte die im bisher geltenden Schulgesetz enthaltene „offene Ganztagsschule“  aus dem neuen Entwurf zu seinem Schulgesetz erst gestrichen  und hat nun nach heftger Kritik von Eltern, in Medien und in der CDU und FDP das Recht auf Halbtagsbeschulung wieder in der Schulgesetz eingefügt. Mit der Streichung hätte der SPD Schulsenator auch das Recht auf halbtägige schulische Angebote und Wahlfreiheit gestrichen,so die Kritiker. CDU Fraktions-Mitglied Walter Scheuerl, Initiator des erfolgreichen Volksentscheids gegen die Primarschule, hatte in der letzten Woche sogar vor einem neuen Volksentscheid gegen die Einschränkung des elterlichen Wahlrechts gewarnt. Mit der gestern beschlossenen Aufnahme der Halbtagsangebote in das Schulgesetz folgt die SPD nun einem Antrag der FDP zur Sicherstellung der Wahlfreiheit an Ganztagsschulen. Dort heißt es: „Die Behörde stellt sicher, dass ein regional ausgewogenes Angebot an Halbtagsbeschulung in zumutbarer Entfernung zum Wohnort besteht.“ http://www.fdp-fraktion-hh.de/wp-content/uploads/Zusatzantrag+Drs+20-3642_Ganztagsschule+Wahlfreiheit-3.pdf

 Ties Rabe habe sich damit aus Angst vor eine neuen Volksentscheid ohne eigenen politischen Willen dem Säbelrasseln mit stumpfen Säbeln gebeugt, kritisierte Stephanie von Berg. Was werde denn passieren, wenn alle Schulen GBS würden, fragte sie. Welches Demokrativerständnis denn da vorliege? Anderslautende Beschlüsse von Schulkonferenzen könnten ausgehebelt werden, wenn auf Halbtagsschulen in zumutbarer Entfernung bestanden würde.  Im Übrigen sei die ganztägige Bildung und Betreuung, GBS, ja  freiwillig.

Ob man ihr einmal erklären könne, was das heiße, „in zumutbarer Entfernung“, frage Dora Heyenn, fünf Kilometer – zehn Kilometer? Außerdem reiche Paragraph 13, Absatz 3 des Schulgesetzes doch völlig aus: In der offenen Form der Ganztagsschule sei die Teilnahme am Unterricht nach  Stundentafel Pflicht, an den ergänzenden Angeboten freiwillig… Was die Abgeordnete offenbar nicht wusste: Dieser Text stammt aus dem derzeit noch geltenden alten Schulgesetz. Doch genau diese Regelung hatte der Schulsenator in seinem neuen Schulgesetz gestrichen. Worauf der Abgeordnete Walter Scheuerl Frau Heyenn unterbrach und darauf  hinwies, dass sie evtl. bei der bevorstehenden Abstimmung vom falschen Gesetz ausgehe.

Man solle zwei Begriffe auseinanderhalten, erklärte Walter Scheuerl außerdem, und nannte dann die zwei im Gesetz enthaltenen Ganztagsschul-Formen: Zum einen die GBS an den Grundschulen, bei der Eltern die Wahl zwischen dem Ganztag mit Nachmittagsbetreuung oder Halbtagsunterricht haben und zum anderen die „echte Ganztagsschule“. Schulkonferenzen könnten unabhängig von der Mehrheit der Elternschaft „hinterrücks“ entscheiden, die Schule in eine gebundene GTS umzuwandeln, so Walter Scheuerl. Beispiel sei die Rellingerstrasse, in der die Hälfte der Eltern für GBS votiert hatten und dann von der Schulkonferenz mit einem Beschluss für gebundene Ganztagschule „brutal überstimmt“ worden sei.  Dies solle sich nicht „schleichend durch die Stadt ziehen“. Bis heute wolle vielmehr die Hälfte der Hamburger Eltern keine Ganztagsschule. Er erinnerte in diesem Zusammenhang an Olaf Scholzs berühmten Satz von der „Lufthoheit über den Kinderbetten“. Sein Anliegen, erklärte Walter Scheuerl sei die Freiwilligkeit.

Bei Ganztagsschulen käme es im Übrigen auf die Qualität an, erklärte er undverwies auf die „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“, STEG. Der Studie zufolge führe der Besuch von Ganztagsschule bei der Leistung von Schülern zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen, jungere Schüer hätten besser Ergebnisse, ältere ab Klasse 7 schlechtere als bei Halbtagsunterricht. Die Ergebnisse seien abhängig von der Qualität und Zusammensetzung der Schulen und Klassen. Die Qualität der Ganztagsschulen, speziell der Kantinen, sprach auch der schulpolitische Sprecher der CDU, Robert Heinemann an. Er fragte, wie der Schulsenator denn nun angesichts der hohen Anmeldezahlen für die Ganztagsschulen reagieren werde. Sollen die Schüler statt in drei Schichten nun in 6 Schichten Mittagessen?, so Robert Heinemann

Die Qualität  ist der  zweite Punkt, den Ties Rabe im neuen Schulgesetz gestrichen hat. Das bisherige Schulgesetz sah vor,  dass Ganztagsschulen für die Genehmigung  personelle, sächliche und räumliche Voraussetzungen erfüllen mußten. Im neuen Schulgesetz tauchen Qualitätanforderungen nicht mehr auf. Diese Streichung – eine Frage, die Mittel, Ressourcen und Finanzen berührt –  hat der SPD Senator allerdings gestern nicht rückgängig gemacht.

Er halte nichts von Zwangsmissionierung, erläuterte schließlich Ties Rabe die Wiederaufnahme der Wahlfreiheit ins Schulgesetz. Es sei auch gar nicht nötig, weil so viele Eltern freiwillig an Ganztagschule teilnehmen wollten. Man schaffe jetzt 10.000 neue Nachmittagsangebote für Kinder, denen bisher Plätze fehlten. Es gebe im Moment „vermutlich“ auch nur 50 gebunden Ganztagsschulen. Im Vergleich zur Vorgängerregierung habe man außerdem die Rahmenbedingungen für Ganztagsschulen, die Ausstattung mit Kantinen, Kooperationszeiten,  usw. verbessert und die Mittel erhöht.

Mit der Wideraufnahme der Wahlfreiheit in das Schulgesetz erklärte Ties Rabe, habe er eine „demagogische Lücke“ schließen wollen. Er habe den Eindruck vermeiden wollen, im Schulgesetz gebe es eine Lücke, die dann dazu genutzt werden könnte, „so zu tun, als ob wir einen fixen Masterplan“ hätten, der eine „subversive Umwandlung“ in andere Schulformen vorsehe.. „Jedes Mittel“ sei ihm recht, darüber „Klarheit zu schaffen“, dass es keine „Zwangsmissionierung“ geben werde.

Nach aufrichtiger Einsicht in die Sorgen und den Wunsch der Eltern nach einer dauerhaften und rechtlich einklagbaren Wahlfreiheit zwischen Halbtagsangeboten und gebundener Ganztagsschule klingt das nicht. Zum Regierungsantritt hatte Ties Rabe denn auch erklärt, er erwarte, dass die Ganztagsschule „sich in großer Schnelligkeit in die gebundene Form entwickelt”, wenn die offene Form überall eingeführt werde.(https://kirschsblog.wordpress.com/2011/08/) Ähnliches hatten auch SPD Politiker von Bund und Land bei einer Veranstaltung der SPD vor 10 Tagen erklärt. Die  SPD Politiker betonten, die offene Ganztagsschule sei aus ihrer Sicht nur eine Übergangsform zur gebundenen Ganztagsschule, die auch in Hamburg bestimmt kommen werde. (https://kirschsblog.wordpress.com/2012/06/05/uberraschter-schulsenator-die-freiwillige-ganztagsschule-und-ihre-zukunft/).

Keiner stelle die Ganztagsschule in Frage, „wir wollen alle die Ganztagsschule“, die FDP wolle aber, dass sie freiwillig sei, erklärte Anna von Treuenfels von der FDP. Sie sei sehr froh, dass die SPD die Wahlfreiheit in das Gesetz wieder aufgenommen habe, sagte sie. So sahen das auch viele Eltern, die sich gestern in ersten Reaktionen erleichtert  über die Entscheidung der SPD zeigten.  In Richtung Grüne und Linke erklärte Anna von Treuenfels zuletzt: „Wer Wahlfreiheit verbieten will, der hat ein Problem mit Wahlfreiheit. Wer damit ein Problem hat, will von oben bestimmen“.

„Ganztagsschule geht auch ohne Ganztagsausstattung!“: Verblüffende Feststellung des Präsidenten des Oberverwaltungsgerichts in einem Prozeß gegen flächendeckende Ganztagsschule

14 Mai

Wenn eine Ganztagsschule am Nachmittag für die Schüler ein Betreuungsangebot habe, dann brauche sie die gesetzlichen Voraussetzungen für Ganztagsschulen zur Ausstattung mit Räumen, Personal und Sachmitteln nicht zu erfüllen:  Das neben dem Unterricht bestehende Betreuungsangebot beweise ja, dass es auch ohne zusätzliche Ganztagsausstattung gehe. Das erklärte am Freitag der Präsident des Oberverwaltungsgerichts Hamburg, Dr. Rolf Gestefeld, den erstaunten Eltern von vier Kindern, die gegen die Einführung der Ganztagsschule an der Schule ihrer Kinder klagen. Das Betreuungsangbot „werde durchgeführt, also sind alle im Hamburgischen Schulgesetz vorgesehenen Voraussetzungen für die behördliche Genehmigung von Ganztagsschulen erfüllt“. Beispiel: Die Doppelnutzung von Klassenräumen! Wenn es an der Schule seit Jahren so „klappt“, sei die Frage, ob „die zeitlich gestaffelte Nutzung von Klassenräumen zu unterschiedlichen Zwecken nicht“ reiche und „damit die gesetzlichen Mindestanforderungen erfüllt“ seien, so Gerichtspräsident Gestefeld.

In einer zehnstündigen Marathonsitzung wurde am Freitag vor dem Hamburger Oberverwaltungsgericht die Klage der Eltern gegen Einführung der Ganztagsschule am Gymnasium ihrer Kinder verhandelt. Wie sämtliche Hamburger Gymnasien war die Schule 2004 nach Verkürzung der Schulzeit auf acht Jahre,dem Turbo G8, in eine Ganztagsschule mit verpflichtendem Nachmittagsunterricht umgewandelt. Die Wahlfreiheit zwischen Halbtags- und Ganztagsunterricht war damit über Nacht abgeschafft worden. Darin sahen die Eltern einen Eingriff in die Freiheit ihrer Kinder und ihr elterliches  Erziehungsrecht nach Art. 6. Grundgesetz. Sie hatten sich außerdem errechnet, dass die Ganztagsschule auch bei der höheren Wochenstundenzahl des Turbo G8 gar nicht nötig war. Die vorgeschriebenen 34 Wochenstunden ließen sich auch ohne Nachmittagsunterricht auf vier mal sieben und einmal sechs Schulstunden täglich verteilen und der Unterricht könne damit um 14 Uhr beendet werden. Dies fordern nun die Eltern in ihrer Klage, die sie in erster Instanz verloren haben und um die es am Freitg in zweiter Instanz vor dem Oberverwaltungsgericht ging.

Mängelliste einer seit 9 Jahren bestehenden Ganztagsschule

Ihre Schule erfülle gar nicht die im Schulgesetz vorgesehenen personellen, sächlichen und räumlichen Voraussetzungen für eine Ganztagsschule, so die Klage der Eltern. So gebe es auch nach 9 Jahren Ganztagsbetrieb keine richtige Kantine, bei 1000 Schülern gebe es nur 150 Essen in der viel zu kleinen Cafeteria in der Eingangshalle der Schule. Die Schüler der Schule müßten sich ihr Mittagessen bei Bäckern und Imbissbuden der Umgebung zusammenkaufen. Auch die Fläche von 5,5 Quadratmetern pro Schüler, die im Hamburger Musterflächenprogramm vorgeschrieben seien, wobei Lehrerzimmer, Verwaltung und Toiletten mitberechnet werden, könne die Schule nicht vorweisen. Es gebe wegen der Fensterkonstruktion nicht einmal Möglichkeit, die Klassenzimmer ausreichend zu lüften, dies sei aber aus gesundheitlichen Gründen vorgeschrieben, so nur einige Punkte der Eltern.

Der stellvertretende Leiter der Schule erklärte dazu in der Verhandlung, es sei eine Erweiterung von Cafeteria und Klassenräumen geplant. Die Eltern hielten dagegen, in den neun Jahren seit Einführung der Ganztagsschule habe es keinerlei Ausbauten und Verbesserungen gegeben. Die gesetzlichen Voraussetzungen für Ganztagsschulen müßten außerdem vor der Genehmigung erfüllt werden.

Weniger Mittagessen für Offene und „Kleine“ Ganztagsschulen?

Dem widersprach der Präsident des Oberverwaltungsgerichts. Gymnasien seien zum einen offene Ganztagsschulen, bei denen laut Hamburgischen Schulgesetz neben der Betreuung auch am Nachmittag verpflichtender Unterricht stattfinden könne, erklärte der Rolf Gestefeld. Zum anderen sehe das Programm der Gymnasiums nur an zwei lange Tage mit Nachmittagsunterricht und an einem dritten langen Tag mit Nachmittagsbetreuung vor.  Gymnasien seien damit nur „kleine Ganztagsschulen“, für die nur „geringere sachliche und räumliche Anforderungen gälten, als bei vollgebundenen Ganztagsschulen“, so die Definition des Oberverwaltungsgerichtspräsidenten. Man habe außerdem „keinen Anspruch auf eine optimale Ausstattung“ der Ganztagsschule. Der Schulleiter habe ferner erklärt, dass alle Kinder, die essen wollten, auch essen könnten, erklärte der Richter den irritierten Klägern, die darauf beharrten, dass bei jeder Form von Ganztagsschule für alle Schüler, die am Ganztagsbetrieb, am achtstündigen oder längeren Nachmittagsunterricht oder an der Betreuung teilnähmen, ein Essen vorgehalten werden müsse. Der Richter blieb dabei, das Betreuungsangebot werde durchgeführt, also seien die gesetzlichen Auflagen erfüllt.

Dies sei allerdings seine vorläufige Feststellung, erklärte Rolf Gestefeld, in dem späteren Urteil werde diese Frage noch einmal neu erörtert. An dieser Stelle bat auch die Anwältin der beklagten Schulbehörde um eine ausführliche Begründung, die Überlegungen des Gerichts habe sie noch nicht überzeugt.

Verblüfft hat an diesem Freitag auch die Aussage des Gerichtspräsidenten, dass die flächendeckende Umwandlung aller Gymnasien in Ganztagsschulen vor neun Jahren nach der damals geltenden Fassung des Schulgesetz nicht hätte genehmigt werden können. Das Antragsverfahren sei nicht vereinbar mit dem damaligen Schulgesetz gewesen. Darauf komme es aber nicht an, „wenn die Genehmigung nach späterem Recht vorliegt“. Das könne „geheilt“ werden. Eine Erklärung der Schulaufsicht, in der es heißt, man habe die  die Umwandlung der Schule in eine Ganztagsschule genehmigt,  gibt es von April 2007.

Vergleich?

Erstaunt reagierten die Kläger am frühen Nachmittag der Verhandlung auch auf die Frage, ob sie mit einem Vergleich einverstanden seien. Das Vergleichsangebot an sie, das wurde  nach kurzer Diskussion klar, war die Zustimmung zum derzeitigen Ist -Zustand an ihrer Schule, gegen den sie seit sechs Jahren klagen. Die Kläger lehnten ab.„Unsere Forderung, den Schultag um 14 zu beenden, ist schon ein Vergleich für uns“, erklärten sie. Sie hätten bei ihren Berechnungen die erhöhte Wochenstundenzahl des G8 notgedrungen mit berücksichtigt, ein früheres Ende des Schultages rund um ein Uhr wäre ihnen aber viel lieber.

Grundgesetz und Ganztagsschule

Was in der Verhandlung zum Thema Ganztagsschule an diesem Freitag immer wieder eine zentrale Rolle spielte, war die Frage, inwieweit der Staat mit der Ganztagsschule in die Erziehungsrechte der Eltern eingreift. Die Kläger betonten, nach ihrer Auffassung habe das elterliche Erziehungrecht nach Artikel 6 Vorrang vor einem Erziehungsrecht von Schule und Staat, letzterer habe nur das Wächteramt für den Fall, dass Erziehungsberichtigte vesagten,

Dagegen erklärte Rolf Gestefeld, es müsse zwischen dem elterlichen Erziehungsrecht in Artikel 6 und der staatlichen Aufsicht über das Schulwesen in Artikel 7 ausgleichend abgewogen werden. In Hinblick auf die Ganztagsschule müsse es ein Höchstgrenze in der Frage geben, wie lange Ganztagsschule sein dürfe. Es gebe aber die Möglichkeit, eine Schulform flächendeckend umzugestalten, allerdings müsse dabei das Wahlrecht beachtet werden. Eine Frage sei auch, inwieweit dabei wissenschaftliche Erkenntnisse über die Wirkung von Ganztagsschule eine Rolle spielen könnten.

Wissenschaftliche Erkenntnisse zur Wirkung von Ganztagsschule

Mit dieser Frage hätten sich eingehend auseinandergesetzt, erklärten die Kläger, zumal das Gericht die umfangreiche „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“, Steg, angeführt habe. In einem Statement über den Stand der Wissenschaft machten sie deutlich, dass es nach den vorliegenden Studien vom „Chancenspiegel“ der Bertelsmann Stiftung bis hin zur Steg Studie derzeit keine Beweise dafür gebe, wie Ganztagsschule wirke und dass Ganztagsschule die Leistungsfähigkeit von Schülern und die Chancengerechtigkeit verbessert. Auch bei Steg werde das Prinzip der Freiwilligkeit von Ganztagsschule betont, so der Vater, der als Anwalt seine Familie selbst bei der Verhandlung vor Gericht vertrat.

Nach 10 Stunden wurde die Verhandlung erst am Freitagabend gegen 20 Uhr geschlossen.

Nach Mitteilung aus dem Gericht vom Montag wird der Prozess in dieser Instanz fortgesetzt werden.

Ganztagsschule kann für Familien teurer als Hort werden: Die Versprechen des Schulsenators und Berechnungen von Grundschuleltern

10 Mai

Sie sei sprachlos, so eine betroffene Mutter: „Wir zahlen ab Sommer im Monat über € 35,00 mehr für ein schlechteres Angebot – und das wird uns als „kostenlose Nachmittagsbetreuung“ verkauft „ Bis zum Mittwoch nächster Woche sollen Eltern von 50 Grundschulen, die ab August in Ganztagsschulen mit ganztägiger Bildung und Betreuung (GBS)  umgewandelt werden, ihre Anträge auf Teilnahme am Ganztag der Grundschulen abgeben. Die betroffene Mutter hat sich nach den Informationen und Gebührentabellen von Schulsenator und Behörde ausgerechnet, was ihre Familie künftig für die Nachmittagsbetreuung an der Schule zahlen sollen.  Was sie sprachlos macht:

„In der künftigen Ganztägigen Bildung und Betreuung an den Grundschulen zahlt niemand mehr als im Hort“, so hat Schulsenator Ties Rabe immer wieder versprochen. Nach der Umwandlung aller Hamburger Grundschulen in Ganztagsschulen und der Abschaffung aller Horte werde die Nachmittagsbetreuung von 13 bis 16 Uhr werde  kostenlos sein, nur die Mittagessen müssten bezahlt werden. Gebühren werde es nur für die Spät und Frühbetreuung vor 8 und nach 16 Uhr  und  für die Betreuung in den Ferien.  Sollte  in einem Einzelfall“ doch jemand mehr als im Hort bezahlen, „dann gibt es das Geld von uns zurück.“ , so das Versprechen des Senators. https://kirschsblog.wordpress.com/2012/02/13/nach-der-gruppengrose-wurde-nicht-gefragt-schulsenator-stellt-ergebnis-einer-befragung-von-gbs-pilostschulen-und-neues-gebuhrensystem-gestellt/   und  http://www.mopo.de/politik/die-neue-gebuehrentabelle-ist-da-so-viel-kostet-die-ganztagsschule,5067150,11632148.html

Was die Berechnungen der betroffenen Mutter für Nachmittagsbetreuung an ihrer Schule ergaben:

Die Betreuung zwischen 13 und 16 Uhr sei zwar künftig wirklich kostenlos. Aber das Mittagessen „schlage mit 3,50 Euro zu Buche – und ist (im Gegensatz zu den bisherigen Betreuungskosten) nicht von der Steuer absetzbar“, so die Mutter. Ihre Rechnung. Bei 230 Tagen, die Wochenenden und „großzügig“ sechs Wochen Ferien abgezogen, ergibt das

805 Euro im Jahr.

Teuer werde aber vor allem die Ferienbetreuung. Jede Woche koste 90 Euro. Und – was viele Eltern zusätzulich aufregt, der Bedarf für das Schuljahr 2012 und 13 ist jetzt schon bei der Anmeldung festzulegen. „Wir rechnen hier optimistisch damit, dass wir neben den drei Wochen Schliesszeit des Hortes weitere drei Wochen andere Lösungen finden; bei insgesamt 12 Wochen Schulferien im Jahr bleiben dann sechs Wochen Ferienbetreuung…. Also insgesamt 540 Euro im Jahr“. Ihre Gesamtkosten für ein Schuljahr: 1345 Euro im Jahr.

Im Monat ergibt das 112 Euro.

Dagegen rechnet diese Mutter ihre derzeitigen Betreuungskosten für den Hort vor:

Sie zahlt derzeit für die Nachmittags-Betreuung im Hort bis 15 Uhr 77 Euro.

Das ist der Höchstsatz für zwei Stunden Betreuung und beinhaltet Mittagessen und Ferienbetreuung inklusive. Die gesamten Kosten kann die Familie ausserdem „steuerlich geltend machen“.

Insgesamt zahlt diese Familie also für die Ganztagsschule mit GBS 35 Euro mehr pro Monat als vorher im Hort.

Sie benötigt nur zwei Stunden Betreuung am Nachmittag, bei GBS soll diese „Flexibiltät“ der Abholzeit künftig auch möglich sein. Doch selbst bei drei Stunden Hortbetreuung wären, so die Zahlen des „Bildungsberichts 2011“ der Schulbehörde, die monatlichen „Leistungsentgelte für Horte im  Kita-Gutschein-System“ mit 87 Euro pro Monat noch 25 Euro niedriger,  als bei einer dreistündigen Betreuung in der Ganztagsschule mit GBS nach den von Ties Rabe und Schulbehörde vorgesehenen Gebühren. (http://www.bildungsmonitoring.hamburg.de/index.php/file/download/1606)

Was diese Mutter besonders empört, die Rahmenbedingungen bei GBS sind deutlich schlechter als in den Horten. Das betriff ua. den Betreuungsschlüssel: Künftig soll 23 Kinder von einem Erzieher betreut werden, in sozialen Brennpunkten 19. Im Hort der Betreuer Kind Schlüssel betrug vorher dem amtlichen “ Bildungsberichts 2011″ zufolge  für drei Stunden Hort 13,87, demnach wurden rund 14 Kinder im Durchschnitt von einem Erzieher betreut. Auch die übrigen Rahmenbedingungen für GBS werden von Eltern seit Bekanntwerden der Details massiv kritisiert:  Das Fehlen von pädagogischen Fachkräften und festen Bezugspersonen,  fehlende Ruhe- oder Gruppen- Räume. Spiel- und Tobe -Flächen, mangelhafte Raum-Ausstattung, fehlende Kantinen und unzureichenden Ausbaupläne, bei denen Essen nur unter Raum- und Zeitmangel möglich ist, fehlende Produktionsküchen für frisch zubereitetes Essen, die Einschränkung von Freiräumen am Nachmittag für Kinder und Familienzeit, zB. für Eltern in Schicht- oder Teilzeit oder für die Nutzung von Jugendhilfeangeboten.

Empörung löste bei Eltern am Donnerstag auch die von Ties Rabe vorgesehene Regelung aus, dass Eltern mit niedrigeren Einkommen für Zuschüsse zum Mittags-Essenspreis eine detaillierte Einkommensteuererklärung abgeben müssen, die auch die Lieferanten des Schulessens erhalten sollen. „Schulen informieren Firmen über Eltern-Einkommen“, titelte gestern das Abendblatt, demzufolge 30.000 Schüler davon betroffen wären. http://www.abendblatt.de/hamburg/article2272084/Schulen-informieren-Firmen-ueber-Eltern-Einkommen.html

Nachdem sie die Mehrkosten von 35 Euro für die GBS Betreuung ausgerechnet hatte, erinnerte sie sich an das Versprechen des Senators, diese Mehrkosten zurückzuerstatten. Sie fragte beim Schulamt nach. Was man ihr dort mitteilte, machte die Mutter erneut sprachlos. Der Fall einer zweistündigen Nachmittagsbetreuung sei nicht vergleichbar mit der dreistündigen bei GBS, die Rückerstattung sei nur für eine dreistündige Betreuungszeit am Nachmittag vorgesehen, die Mehrkosten würden deshalb nicht erstattet. Außerdem: Bei dreistündiger Betreuung wäre GBS billiger.

 „Keiner zahlt mehr“: heißt es in der betreffenden Passage der amtlichen „Mitteilungen des Senats an die Bürgerschaft zur Weiterentwicklung von ganztägigen Angeboten an Schulen“ in der Drucksache 20/3642 vom 27.3.2011. „Ein „Ausgleich etwaiger Gebührenmehrbelastungen im GBS System“ ist darin ausdrücklich vorgesehen, eine Einschränkung in punkto Stundenzahl wird nicht erwähnt.  Allerdings taucht dort eine andere Einschränkung auf, die die Eltern beunruhigt:

„Die Ermäßigung wird maximal bis zur Höhe des zuletzt im Gutschein angesetzten Hortbeitrags gewährt. Zur Ermittlung der höheren Gebühr wird die von den Eltern nachgewiesene durchschnittliche Essensbuchung herangezogen, heißt in den Senatsmitteilungen. https://www.buergerschaft-hh.de/Parldok/Cache/AD626126BAF4C8C08D0107A0.pdf

Wer Rückzahlungen beantragen will, braucht demnach einen Kita-Gutschein des bisherigen Hortbeitrags. Die Sorge der Eltern: Kinder, die vorher keinen Hort besucht haben, und das werden schon bald alle Grundschüler sein, hätten demnach keinen Anspruch auf Rückzahlungen, wenn GBS teurer wird als die bisherigen Horte. Sie gingen dann leer aus: Das Versprechen „keiner zahlt mehr“ des Schulsenators wäre mit dieser Einschränkung schon in absehbarere Zeit wertlos.

 Nachtrag: Massive Kritik äußern die Eltern auch an der Informationspolitik von Senator und Schulbehörde. Während die Antragsfrist bald abläuft, bleiben viele Fragen offen. Nur ein Beispiel: Wie sollen Eltern bei der Anmeldung im August wissen, wann und vieviel Ferien sie im kommenden Jahr machen können, was ist, wenn sie weniger Ferienbetreuung benötigen als geplant,  bekommen sie das Geld zurück? Und was ist, wenn Eltern mehr Ferienbetreuung benötigen als ursprünglich geplant.

Mehrheit in Schleswig Holstein für G9 Gymnasien: Wie eine Gegenreform zum Wahlkampfschlager wurde

4 Mai

G9 Wochen – so könnte man die vergangenen Wochen vor der Schleswig Holstein Wahl nennen. Gemeint sind nicht die Treffen von Wirtschaftmächten, wie kaufmännisch denkende Hamburger schon einmal spotten. Es geht vielmehr um das Abi in neun Jahren an Gymnasien, das in fast allen Bundesländern zum „Turbo Abi nach acht Jahren“, G8, verkürzt wurde. Hamburg gehörte dabei 2004 zu den „Vorreitern“ dieser Schulreform. „G8 bleibt“, so war in den Jahren  seither immer wieder die Antwort von Politikern auf die Bitten, Appelle und Gesuche von Eltern, die wegen der hohen Belastungen ihrer Kinder durch lange Tage, hohe Wochenstundenzahl und dichtgedrängtes Pensum des G8 um Rückkehr zum G9 baten.

In Schleswig Holstein fanden die Eltern – anders als in Hamburg – Gehör: Auf Initiative des FDP Bildungsmininsters Ekkehard Klug hat die dortige CDU/FDP Regierung im vergangenen Jahr für alle 100 Gymnasien des Landes in einem neuen Schulgesetz die Wahlmöglichkeit zwischen G8 und G9 geschaffen. Dazu beigetragen hatte die Elterninitiative „G9 jetzt“, die bei Protestversammlungen und einer landesweiten Unterschriftenaktion die Wahlmöglichkeit zwischen G8 und G9 gefordert und das neue Gesetz massiv unterstützt hatte – für das G9 sprachen sich bei einer aktuellen Umfrage auch 78 Prozent der Befragten in Schleswig Holstein aus, nur 16 Prozent entschieden sich für das G8! Und die FDP liegt ua. mit dem Thema G9 derzeit erstaunlich im Aufwind.

Kirschsblog sprach mit der Vorsitzenden der Initiative „G9 Jetzt“ und des Schleswig Holsteiner Elternvereins, Astrid Schulz-Evers. Sie ist als Mutter eines G8 und eines G9 Kindes Elternvertreterin und Mitglied im Vorstand des Schulelternbeirates am Gymnasium Schloß Plön und im Kreiselternbeirat der Gymnasien im Kreis Plön.

Kirschsblog: Sie sind in vielen Funktionen Elternsprecherin, Vorsitzende von Elterninitiativen, engagierte Streiterin für das G9 seit einigen Jahren aktiv. In Schleswig-Holstein gibt es die Wahlmöglichkeit zwischen G8 und G9 auch an den Gymnasien. Wie ist es dazu gekommen? 

Astrid Schulz-Evers: Es war so, dass ich als Elternvertreter meines Sohnes in seiner G8 – Klasse festgestellt habe, dass die Belastung durch das G8 für ihn und die anderen Kinder sehr hoch war, sowohl im privaten Bereich, als auch im psychischem Bereich. Viele Kinder mußten damals schnell Nachhilfe in Anspruch nehmen. Wir haben viele Fahrschüler und FahrschülerInnen, die noch lange mit dem Bus vor und nach der Schule unterwegs sind. Durch den Ganztagssunterricht konnten sie dann am Sport, Fußball und anderen Aktivitäten außerhalb der Schule nicht mehr teilnehmen, keine Freunde mehr treffen. Die ersten Abmeldungen bei den Vereinen folgten! Die ersten Feuerwehren und der DLRG meldeten dann, dass auch dort die Kinderzahlen zurückgingen. Und die Eltern stellten fest, dass auch das Familienleben sehr beeinträchtigt war. Was nun die Wochenenden der Familie bestimmte, das waren Hausaufgaben machen und für die Schule üben. Es ging einfach sehr viel mehr Zeit für das Schulleben im G8 drauf.

Kirschsblog: Sie waren mir Ihren Erfahrungen nicht allein, es ist damals eine richtige Bewegung entstanden. Wie war das?

Astrid Schulz -Evers: Parallel zu unserem Gymnasium, wo es massiv Klagen über die Belastung durch das G8 gab, gab es auch von anderen Gymnasien im Land ähnliche Berichte. Es wurden dann in einigen Gymnasien schon kleine Aktionen und Initiativen gestartet, die sich gegen diese Belastung wehren wollten.

Kirschsblog: Es kam zu einer Protestversammlung und einer landesweiten Unterschriftenaktion. Wie kam es dazu, und was wollten Sie damit erreichen ?

Astrid Schulz-Evers: Wir wollten damit zeigen, wie es den Kindern geht. Ich hab selber damals z.B. den Schulranzen für einen Acht-Stunden Tag packen lassen. Der war dermaßen schwer, dass mein Sohn ihn kaum heben konnte. Das war wirklich dramatisch. Wir wollten ein Signal setzten und ich habe die Elternvertretungen der Gymnasien im ganzen Land angeschrieben und sie im März 2010 zu einer Podiumsdiskussion zu uns an das Gymnasium nach Plön eingeladen. Der Saal bei dieser Diskussion wurde rappelvoll und das Signal war eindeutig. Wir haben dort eine Abstimmungen durchgeführt, und es wurde mehrheitlich gesagt: Wir wollen G9.

Kirschsblog: Daraufhin gab es dann noch weitere Aktionen, z.B. eine Unterschriftenaktion.

Astrid Schulz Evers: Ja, wir Eltern haben dann eine Unterschriftenaktion gestartet, um weitere Signale zu setzen. Da kamen innerhalb sehr kurzer Zeit über 25.000 Unterschriften zusammen.

Kirschsblog: In ganz Schleswig Holstein?

Astrid Schulz-Evers: In ganz Schleswig-Holstein! In knapp drei, vier Monaten hatten wir die Unterschriften zusammen. Wir hätten sicherlich mehr zusammen kriegen können, wenn wir mehr Zeit gehabt hätten, aber das musste angesichts der Schulgesetzgebung dann recht zügig gehen. Es ging um das Schulgesetz der schwarz- gelben Landesregierung, das im Januar mit nur einer Stimme Mehrheit der Landesregierung beschlossen werden sollte. Darin war vorgesehen, dass die 100 Gymnasien in Schleswig Holstein neben dem 2008 eingeführten Abitur nach 8 Jahren auch wieder das Abitur nach neun Jahren anbieten sollten. Die Forderung der Eltern aus der Unterschriftenaktion war ganz eindeutig, wir möchten die Rückkehr zu G9.

Kirschblog: Das Schulgesetz wurde entsprechend verabschiedet und nun gibt es eine Reihe von Schulen, die die Alternativen zwischen G9 oder G8 anbieten, andere Gymnasien bieten allein das G9. Wie kam das zustande?

Astrid Schulz-Evers: Die Schulkonferenzen der Gymnasien konnten nun also das G9 beantragen. Bedingung war, das Einigkeit zwischen Schulleitung, Schulkonferenz und Schulträger bestand – und das Ergebnis wurde dann dem Bildungsminister vorgetragen. Wenn eine Einigkeit vorlag, hat er das genehmigt. Lag die nicht vor, dann hat er im Einzelfall entschieden, das kam auch vor.

Kirschsblog: Wie viele Schulen bieten jetzt G9 in Schleswig-Holstein an und welche unterschiedlichen Modelle gibt es?

Astrid Schulz- Evers: Wir haben zur Zeit 11 Gymnasien, die ausschließlich G9 anbieten und vier Gymnasien, die das sogenannte Y-Modell anbieten. Das heißt also G8 und G9 parallel zu einander. Bei einem weiteren Gymnasium, in dem auch für G9 gestimmt wurde, läuft zur Zeit ein Klageverfahren.

Kirschsblog: Das ist in Wentorf, im Osten von Hamburg, dort waren sich die Eltern weitgehend einig, aber die Gemeinde als Schulträger war gegen das G9.

Astrid Schulz- Evers: Ja, in Wentorf hatte sich eine sehr starke Elterninitiative gebildet und die forderte die Rückkehr zu G9, einstimmig auch mit dem Schulleiter. Sie hat Unterschriften dafür gesammelt und weitere Aktionen durchgeführt. Der Schulträger wollte das G9 aber nicht und stimmte dagegen, so dass das Bildungsministerium eine Entscheidung treffen mußte. Der Bildungsminister hatte schließlich für G9 entschieden. Damit war der Schulträger aber nicht einverstanden. Es kam zu einem Klageprozess und der Stand ist, dass seitens des Gerichts für das G8 entschieden wurde, wobei der Bildungsminister (FDP) sich weiter für das G9 einsetzen wollte.

Kirschsblog: Wie wird denn das G9 von den Eltern angenommen. Und gibt es immer eine Alternative in Form eines G8 Gymnasiums?

Astrid Schulz Evers: Die Anmeldezahlen sind durchgängig an allen G9-Gymnasien sehr hoch – während die Anmeldezahlen an den G8-Gymnasien rückläufig sind. Eine kürzlich erfolgte Umfrage Infratest Dimap im Auftrage des NDR belegt zudem, daß 78 % der Befragten in Schleswig Holstein für G9 sind. Auch in anderen Bundesländern, wie z.B. Baden-Württemberg, ist zu beobachten, daß die Anmeldezahlen an den G9-Gymnasien sehr gestiegen sind. Für die Kinder ist G9 an den Gymnasien einfach die besser Alternative – und die Eltern wissen das.Wir hier im Kreis Plön haben insgesamt vier Gymnasien, zwei bieten G8 und zwei G9 an, dazu gibt es das Berufliche Gymnasium. Wir stellen insgesamt fest, dass die G9-Gymnasien gute Zahlen haben, während sie bei den G8-Gymnasien deutlich rückläufig sind. Interessant ist, dass es ein Gymnasium gab, das die Wahlmöglichkeit zwischen G8 und G9 hatte und dort dermaßen viele Anmeldungen für G9 eingegangen sind, dass sich dieses Gymnasium entschlossen hat, nur noch G9 anzubieten. Bei einem weiteren Gymnasium, in einer anderen Stadt, wo es zwei Gymnasien gab, hatte das G9 Gymnasium so viele Anmeldungen, dass die Kinder „weggelost“ werden mussten an das G8 Gymnasium, weil die Kapazitäten des G9 Gymnasiums nicht ausreichten, um alle G9 gemeldeten Kinder aufzunehmen.

Kirschsblog: Jetzt bieten 15 Gymnasien in Schleswig-Holstein die G9 an. Wie würde sich das denn unabhängig von der bevorstehenden Wahl weiterentwickeln? Gibt es auch in den Städten, in denen es diese Wahlmöglichkeit vielfach nicht gibt, Interesse daran und warum kam es bisher nicht dazu?

Astrid Schulz-Evers: Das ist eine heikle Angelegenheit. Es scheint fast so, als wenn es dort eine Art Absprache gibt, mit verschiedenen Gremien. Sicherlich ist von der Seite der Elternschaft das G9 gewünscht. Aber im Moment ist die Durchsetzungsmöglichkeit dort sehr schwer – aber wir hoffen, daß sich noch weitere Gymnasien für G9 entscheiden.

Kirschsblog: Wie erklärt sich das? Sind das politische Widerstände oder wie kommt das?

Astrid Schulz-Evers: Wenn man berücksichtigt, wer alles bei einer Entscheidung über G8 oder G9 mitreden kann, ist offensichtlich, dass da gewisse Bereiche wie Schulträger, Schulleitung natürlich durchaus eine andere Meinung vertreten, als viele Eltern und damit dann letztendlich auch über die Schulform entschieden haben.

Kirschsblog: In Wentorf wurde ja erklärt, dass es auch finanzielle Gründe gibt, und dass das G8 für den Träger billiger sein soll ist, als das G9. Was sagen Sie dazu?

Astrid Schulz-Evers: Das ist nicht erwiesen. Wenn man zum Beispiel an den immensen Bauboom an den Gymnasien denkt, der ja in Folge des Ganztagsschulunterrichts durch G8 hier in Schleswig-Holstein sehr groß geworden ist. Viele Details der Kosten fehlen noch und damit steht nicht wirklich fest, ob G8 oder G9 günstiger ist. Für Plön kann ich nur sagen, dass wir hier belegen konnten, dass G9 nicht teurer ist und deswegen haben wir hier relativ schnell die Zustimmung des Schulträgers für G9 bekommen und ebenso die Zustimmung des Bildungsministeriums.

Kirschsblog: Am Sonntag ist die Landtagswahl in Schleswig Holstein. Wie haben sich denn die verschiedenen Parteien zum Thema G9 positioniert?

Astrid Schulz-Evers: Am deutlichsten spricht sich die FDP für die Wahlfreiheit G8/G9 an den Gymnasien aus – und das seit einigen Jahren ! Mittlerweile spricht sie sogar von einer flächendeckenden Wiedereinführung von G9 an den Gymnasien. Die CDU befürwortet die Wahlfreiheit mittlerweile auch – um die Strukturdebatten an den Schulen nicht wieder aufkommen zu lassen. Denn die werden wieder entstehen – weil vorrangig die SPD, die Grünen und der SSW an den Gymnasien das G8 und auch eine Umwandlung der jetzigen G9-Gymnasien zurück in G8 Gymnasien haben wollen. SPD, Grüne und SSW streben in ihren Programmen ein gemeinsames Lernen in Gemeinschaftsschulen und damit „Eine Schule für alle“ an. Die SPD sieht den Ausbau von Oberstufen an 21 bis 23 Gemeinschaftsschulen vor, für die es dann Abitur nach neun Jahren geben soll, für Gymnasien soll nach den Plänen der SPD nur noch das G8 möglich sein. Der Philogenverband von SH hat gerade davor gewarnt, dass man in allen drei Parteiprogrammen kein Bekenntnis zum langfristigen Erhalt der Gymnasien findet, und dass damit das Gymnasium auf dem Spiel steht. Das Ziel „Eine Schule für alle“ – bedeutet damit letztlich die Auflösung der Gymnasien.

Das Abi wird voraussichtlich schwerer und die Profiloberstufe muß „nachjustiert“ werden: Ties Rabe und das Zentralabitur

25 Mrz

Viele Eltern und Schüler sind keineswegs begeisterte Anhänger der erst vor drei Jahren eingeführten Profiloberstufe, aber sie wünschen sich keine neuen Reformwirren an ihren Schulen: Doch genau das kommt nun auf sie zu  – mit den bundeseinheitlichen Aufgaben für das Abitur, die die Kultusministerkonferenz unter ihrem neuen Präsidenten, Schulsenator Ties Rabe beschlossen hat: Bis 2017 sollen bundesweit schrittweise für das Abitur in sieben Fächern zentrale Aufgabenpools eingeführt werden. Außerdem soll es in Hamburgs Schulen schon ab 2014 ein Zentralabitur in 18 Fächern geben. „Wir müssen uns darauf einstellen, dass ein bundeseinheitliches Abitur nicht leichter wird“ erklärte dazu Ties Rabe an diesem Wochenende in einem Interview in der WELT AM SONNTAG. Zwar werde die Profiloberstufe „Bestand“ haben, so Ties Rabe weiter, allerdings nicht ganz in der Form, wie sie jetzt an vielen Schulen praktiziert wird. http://www.welt.de/print/wams/vermischtes/article13944801/Leichter-wird-das-Abitur-nicht.html

Damit werden sich viele Kritiker bestätigt fühlen, die gewarnt hatten, dass das Zentralabitur eine Gefahr für die neue Profiloberstufe sei und dass beide nicht miteinander vereinbar seien. Gerade drei Jahre alt ist die Profiloberstufe, mit der das bis dahin gültige Kursystem mit Leistungskursen in der Oberstufe abgelöst wurde, mit dem Ziel einer neuen „fächerübergreifenden und projektorientierten Arbeit in Profilen.  Das Zentralabitur stehe mit diesem fächerübergreifenden Konzept der Profiloberstufe in „absolutem Widersprich“ so die Kritiker, darunter 13  Oberstufenkoordinatoren von Stadtteilschulen.

Dem widersprach Schulsenator Ties Rabe in dem Interview in der WELT: „Von der Anlage her“ seien zentrale Prüfungen „durchaus mit der Profiloberstufe vereinbar“, so Rabe. Die zentrale Prüfungsaufgabe beziehe sich nur auf „50 Prozent des Fachunterrichts, nämlich die sogenannten Kernthemen, die ohnehin alle Schulen unterrichten müssen“ erklärte Rabe.  Verbindliche Kernthemen, die in den Lehrplänen stehen, habe es auch bisher in jedem Fach gegeben.  

Ganz anders sehen das die Kritiker. Mit dem Zentralabitur bliebe nur noch ein “Bruchteil für die Arbeit in den Profilen“, so zB. in der vergangenen Woche in der TAZ Helge Pepperling, Vorsitzender des Deutschen Lehrerverbandes Hamburg (DLV) http://www.taz.de/Oberstufen-Reform/!89881/. Die vielen Stunden für die Entwicklung und Erprobung der Profiloberstufe seien damit „Makulatur“.  http://www.welt.de/print/die_welt/hamburg/article13929917/Profiloberstufe-in-Gefahr.html „

Einige Schulen  müssten ihre Profiloberstufen „nachjustieren“, räumte Ties Rabe jetzt in dem Interview ein. Einige Schulen hätten allerdings auch „bestimmte Bildungsinhalte…sehr frei“ festgelegt und in der Anfangsphase experimentiert. „Das Missverständnis“ liege darin, dass „einige glauben, mit den Profilen könnten sie im Unterricht machen, was sie wollen“. Jetzt gehe aber darum, sich auf das „Wesentliche zu konzentrieren“. Man könne die Kernthemen in den Profilen auch weiter fächerübergreifend unterrichten, so Ties Rabe weiter,  sie müßten allerdings „im Unterricht vorkommen.

Die „meisten Schüler und Eltern“ , so ergänzte Ties Rabe, hätten bisher nicht „das Gefühl“, dass“ in allen Schulen die gleichen Maßstäbe angelegt würden. Er wisse zwar nicht, wie groß der Niveauunterschied bisher sei, das Niveau solle aber künftig in allen „Abiturfächern auf gleicher Höhe sein“, bei klaren Leistungsstandards für alle Schulen, von Stadtteilschule bis Gymnasium. Er glaube, so Ties Rabe in dem Interview, „dass man das Leistungsniveau auf diese Weise auch verbessern“ könne. Mit zentralen Aufgaben könne man vermutlich besser „qualitätssteuernd auf den Unterricht zurückwirken“ als mit Bildungsplänen, sagte Ties Rabe.

Zweifel an dieser Wirkung des Zentralabiturs hat der Düsserdorfer Bildungsforscher Rainer Bölling.  „Auch ein Zentralabitur bürgt nicht für Qualität“, hatte er in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung  schon vor einem Jahr erklärt  und ähnlich auch in der letzten Woche: Zwar erhofften sich „drei Viertel der Bevölkerung von einen bundeweiten Zentralabitur eine höhere Vergleichbarkeit  schulischer Abschlüsse und mehr Gerechtigkeit bei der  Vergabe von Studienplätzen“.  Doch im heutigen System der gymnasialen Oberstufe werde höchstens ein Viertel der Gesamtqualifikation durch zentrale schriftliche Prüfungen ermittelt, der größte Teil der Abinote werde dezentral ermittelt, zwei Drittel entfielen auf die Kursnoten in den Jahrgängen 11 und 12, dazu käme die dezentrale mündliche Prüfung. :“Wenn „die Abiturnoten bis auf die Stelle nach dem Komma vergleichbar sein sollen, müsste eine völlig andere Oberstufenordnung eingeführt werden, in der allein die Ergebnisse der zentralen schriftlichen Prüfungen zählen“, so Bölling.  FAZ, 15. März, S.8.

Ein solches System mit rein zentralen Prüfungen gebe es  zB. im Frankreich, mit dem französischen Abitur, dem „ Baccalaureat“  Aber „Frankreichs Zentralabitur ist kein Vorbild für Deutschland“, meint Bölling. Seine Begründung: Das französische System führe „zu einer starken Überbetonung reproduktiven Lernens und der Ausblendung all jener Anforderungen und Fähigkeiten, die sich einer standardisierten und punktuellen schriftlichen Überprüfung entziehen“.http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/campus/hochschulreife-auch-ein-zentralabitur-buergt-nicht-fuer-qualitaet-1590722.htmlDazu gehören, so Bölling, mündliche Mitarbeit, Selbsterarbeiten von Referaten, Teamfähigkeit, etc.

Außerdem seien die Bewertungen nicht immer gleich, erklärt Bölling: Korrigierenden Lehrer würden nicht selten von regionalen Schulinspektoren zu einer „wohlwollenden Bewertung gedrängt, um die Erfolgsquote zu verbessern. 2010 erwarben in Frankreich etwa zwei Drittel des Jahrganges eine Studienberechtigung. Dass sie längst nicht alle die Voraussetzungen für ein Hochschulstudium mitbringen, hat der ehemalige Präsident der traditionsreichen Sorbonne in Paris, Jean-Robert Pitte, 2007 in einer Streitschrift mit dem Titel „Stopp dem Abi-Schwindel!“ beklagt. Pitte steht mit seiner Kritik am französischen Abitur nicht allein, und es spricht wenig dafür, es als Modell zu übernehmen“ so schildert Bildungsforscher Bölling die Situation in Frankreich.

Rainer Bölling weist schließlich auf noch eine Besonderheit hin. Beim Zentralabitur gebe es eine auffällige Steigerung von guten Noten, sowohl in NRW, Bayern wie auch Berlin. Es gebe keine fundierte wissenschaftliche Untersuchung über die Ursachen, aber eine mögliche Erklärung sei, „ dass zentrale Prüfungen standardisierte Anforderungen auf mittlerem Niveau begünstigen und allgemeinen Kompetenzen wie Lesefähigkeit größeres Gewicht einräumen als fachlichem Wissen und Können“. Was auch immer die Ursachen seien, so Bildungsforscher Bölling abschließend„ man sollte sich nicht der Illusion hingeben, die Fähigkeiten junger Menschen allein aufgrund standardisierter schriftlicher Prüfungen bis auf Stellen hinter dem Komma verlässlich beurteilen zu können“.