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GBS revisited: „Alle lieben Valeska“ – Reportage

19 Jun

IMG_0260Mittwoch vor den Sommerferien: Die Kinder der Zweitklässler GBS-Gruppe stehen dichtgedrängt  aber ruhig neben der Eingangstür der Grundschule Falkenberg – und blicken gespannt zu ihrer Betreuerin Valeska …. Valeska gibt ein Zeichen, dann stürmen alle laut und fröhlich los über den Hof zur zu der zur Kantine umfunktionierten Pausenhalle. Dort treffen nacheinander weitere Gruppen mit Kindern ein, jede Gruppe hat ihren eigenen Esstisch und feste Sitzplätze. An einem der Zehnertische, umringt von ihrer Gruppe sitzt Valeska  „Hallo Lukas!“ begrüßt sie die Nachzügler, die heute Projekttag hatten, „hol Dir was zu essen“, sie hakt in einem Heft  die  Namen ab. Durch die großen Fenster der hellen Pausenhalle sieht man den weitläufigen  Innenhof mit Spielplatz und Kletternetzen, viel Grün im Hintergrund, die Turnhalle und alte  Backstein-Schulgebäude  der Grundschule,  die Verwaltungsgebäude von Schulleiter und Sekretariat. Die Kinder stehen in der Reihe vor dem Tresen – gerangelt wird nicht, alles läuft ruhig und diszipliniert ab – und kommen mit  dem Essen zurück: Paniertes Huhn, Kartoffel, Gemüse, 3 Euro pro Essen. Auf jedem Tisch dazu ein Teller Gurken, Tomaten und Karotten. Die Vorschüler sind fast fertig,  sie sind die erste Gruppe in der Kantine und bekommen von ihrer Betreuerin am Tisch serviert. Valeska Stüben ist die pädagogische Leiterin und die Seele der GBS , seit die Schule 2011 im Standort Falkenberg der STS Fischbek-Falkenberg als eine der  ersten sieben Modellschulen mit der GBS-Ganztagsbetreuung bestartet ist.

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Am selben Mittwoch: Heftige Debatte über  GBS und Ganztagsschule in der Bürgerschaft. Seit Schulsenator Ties Rabe begonnen hat, alle Grundschulen in Hamburg in nur zwei Jahren in Ganztagsschulen umzuwandeln  und Horte und Hortgutscheine abzuschaffen, gibt es immer wieder Proteste wütender und enttäuschter Eltern. 2014 soll alles abgeschlossen sein, dann habe der Senator ein schulisches Betreuungsmonopol geschaffen, zu dem es keine Alternative mehr gebe, so eine Mutter bei einer Anhörung. Doch die Rahmenbedingungen,die Betreuungsschlüssel und Raumsituation der GBS Schulen sind deutlich schlechter als die in den Horten, kritisieren die Eltern. Im April hatte der Schulsenator dem Landeselternausschuss für Kindertagesbetreuung (LEA) und der Elternkammer zugesagt, die GBS-Rahmenbedingungen würden denen der Horte angeglichen, doch der Schulsenator habe seine Zusage nicht eingehalten, so  Jörg Gröndahl von LEA. Die Eltern fordern mehr Personal, bessere Ausstattung, einen beschleunigten Kantinenausbau, Mittel für die Inklusion, Zwischenmahlzeiten und bessere Informationen. Die LINKE hatte die Elternforderungen in einem Antrag  aufgegriffen,  der am Mittwoch in der Bürgerschaft debattiert und mt den Stimmen der SPD Mehrheit abgelehnt wurde.

Ärger und Proteste gegen die  Umstetzung der GBS war auch häufig Thema von Kirschsblog – berichte doch auch mal über ein Positivbeispiel von GBS, statt immer nur in „kritischen Tönen  (die auch aus meiner Sicht völlig berechtigt sind)“, forderte  Gerrit Petrich, Elternrat in der Stadtteilschule Falkenberg  Fischbeck , der neue Vorsitzende der Hamburger Elternkammer. Seine Kinder sind Schüler Grundschule des Standorts Falkenberg – sie sind dort in der GBS.

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Mittwoch 14 Uhr: Die GBS  Kinder sind ins Grundschulgebäude zurückgekehrt und sitzen über Schulbücher und Hefte gebeugt nach Alter verteilt in den Klassenräumen.  Nur einige sind jetzt beim Chor und kommen später zu den „Hausis“ dazu. Am Mittwoch Nachmittag sind fast alle GBS Schüler da, an anderen Tagen sind es weniger, da viele Schüler nur für drei Tage angemeldet sind. Von 500 Schülern der Schule nehmen insgesamt 180 Schüler an der GBS teil, neun Kinder haben sonderpädagogischem Förderbedarf.  Es gibt sieben Gruppen, die jeweils  von einem Betreuer pro Gruppe betreut, eingeteilt nach Klassen von der Vorschule bis zur 5. und 6. Klasse. Ein Betreuer betreut also eine Gruppe von 25 Kindern.  Der Betreuerschlüssel für GBS  liegt bei 1:23, dh. ein Betreuer für 23 Kinder (bzw. je nach soz. Lage 1:19). Er ist damit deutlich schlechter als bisher im Hort, dort betrug er 1:17. Die Verschlechterung des Betreuerschlüssels in der GBS im Vergleich zum Hort ist einer der zentralen Gründe für die Kritik von Eltern und Kindern an der GBS, auch darum ging es in der Debatte am Mittwoch.

Die meisten Betreuer des Standorts Falkenberg haben eine zweijährige Ausbildung als sozialpädagogische Assistenten, ein Betreuer macht die berufsbegleitende Erzieherausbildung. „Ich erfülle den GBS Schlüssel nicht ganz“, sagt Valeska Stüben, die für den Kooperationspartner der Schule,  das „Kinderhaus Hotzenplotz“ , die GBS am Standort Falkenberg leitet. Zum Kinderhaus Hotzenplotz gehört auch die Kita am Rand des Schulgeländes, zu der man nur ein paar Schritte über den Schulhof laufen muss – ein „extremer Vorteil“ für Schule und Kinder, erklärt Frau Stüben,  da die kleinen Vorschulkinder schon früh mit dem Schulgelände vertraut sind und Kinder in Kita und GBS im Früh- oder Spätdienst gemeinsam betreut werden können. Nach dem Sommer  wird die GBS, die einmal mit 100 Kindern gestartet ist, noch einmal auf 200 Kinder anwachsen.  Dann sollen für die GBS zwei  Betreuer  dazukommen.  In den Ferien selber sind nur 6 bis 9 Kinder für die Ferienbetreuung angemeldet, betreut werden sie von zwei Erziehern. An diesem Mittwoch sind übrigens 3 Betreuer ausgefallen, die Gruppen werden zusammengelegt  und sind entsprechend größer.

Es ist still,  einige Kinder schreiben konzentriert, ein Junge schaut müde träumend auf sein Heft. In Valeskas Gruppe sind 25 Schüler aus zwei zweiten Klasse.  Das Klassenzimmer ist  groß, bunt und ziemlich alt, wie das ganze Grundschule-Gebäude. Die Schultische sind zu Viertisch-Inseln  zusammengerückt. Auf jedem steht ein Blumentopf mit Gänseblümchen, daneben ein Stapel Mathehefte, an den Wänden stehen Regale mit bunten Kinderbüchern,  an den Fenstern hängen gelbe Vorhänge. Es klopft. Zwei Jungs kommen rein, und fragen höflich„ Können wir einen Fußball ausleihen“? Sie bekommen den Schlüssel  zu Valeskas Büro, ein schlauchartiger, schlichter Raum am Ende des Flurs, an dem sich neben ihrem Schreibtisch Wasserkisten stapeln und Fussbälle lagern. „Komm wieder mit dem Schlüssel,“ ermahnt Valeska die Jungs .

VALESKA MIT HAUSAUFGABEN

Neben dem Lehrerpult hat sich eine Schlange von Schülern gebildet, mit den Hausaufgabenheften in der Hand. Valeska schaut sich die Hefte an, weist freundlich auf Fehler hin, schlägt geduldig Verbesserungen vor, korrigieren soll sie nicht,  und notiert in einem großen Klassenbuch, ob die Hausaufgaben gemacht sind oder ob jemand zuhause weiterarbeiten will.  Sie hat die Bücher angeschafft, um eine bessere Übersicht zu behalten, und um Eltern und Lehrern bei Problemen immer zuverlässig  Auskunft über die gemachten  Hausaufgaben geben zu können. Sind dreimal keine „Hausis“ gemacht, informieren die Lehrer die Eltern.

Einige Kinder sind fertig, packen sorgfältig ihre Stifte, Bücher und Schultaschen ein. Ein paar ziehen jetzt um zur „Förderung“  in benachbarten Klassenräumen. Bis zu 8 Schüler werden dort  in Deutsch oder Mathe von Lehrern gefördert, von Lehrern, Lehramtsstudenten und  Studenten.

Wer mit allem fertig ist, darf raus in das weiträumige Schulgelände. Draußen wartet schon eine Mutter, Andrea Niphut.  Sie hat zwei Kinder im GBS. „Wir sind sehr zufrieden“, erklärt sie.

Probleme gebe es nur mit dem Essen: „Meinen Kindern schmeckt das Essen nicht, sie sagen, es ist nur tiefgekühlt und aufgetaut.  Und es ist zu vorhersehbar, Montags gibt’s Fisch, Mittwochs immer Nudeln,  am Freitag Süßes.“  Manchmal erklärten ihre Kinder ,„ Wir wollen nicht in den Hort, weil das Essen nicht schmeckt“.  Die Kinder haben recht – das Essen der Schule wird tiefgefroren und getrennt nach Zutaten angeliefert und dann in der Kantine 90 Minuten in einem Konvektomaten dampfgegart. Die Kantinen  sind ebenfalls ein wichtiger Kritikpunkte der Eltern an der GBS. „Unsere Kinder werden an industrielles, aufgewärmtes Essen gewöhnt, statt zu lernen, wie wertvoll unsere Nahrungsmittel sind und wie sie nachhaltig zubereitet werden,“ so ua. die Kritik des Lea am mangelhaften Kantienenausbau für GBS.   http://www.lea-hamburg.de/aktuelle-pressemitteilungen/395-massive-fehler-und-versaeumnisse-bei-gbs-einfuehrung

Sehr zufrieden ist Andrea Niphut dagegen  mit den flexiblen Abholzeiten. „Das ist super, es gibt keine Probleme, wenn wir die Kinder einmal früher abholen“.  Das erklärten auch andere Eltern, die ihre Kinder an diesem Nachmittag abholen.  Flexibilität sei ihnen besonders wichtig, sagt Valeska Stüben:  „Bei uns können Eltern ihre Kinder auch zu individuellen Abholzeiten abholen “. Ich wünsche mir noch mehr mehr Kurse zum Thema „Forschen“ ,ergänzt noch ein Junge.

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Am Spielplatz hat sich ein jetzt kleines Grüppchen von Schülern neben Herrn Stüben, dem Vater von Valeska Stüben, versammelt. Herr Stüben macht als Honorarkraft die Aufsicht auf dem Schulhof. Betreuerin Hanim Gümis notiert in einem Heft,  welche Kinder an diesem Nachmittag an welchen Kurse teilnehmen möchten, die von 15 bis 16 Uhr angeboten werden. Die Kurse heute:  Fußball , Wald, Kochen oder Mosaik. Der Kurs „Forschen“ fällt aus, weil die Kursleiterin krank ist. Ein Junge kommt plötzlich weinend angelaufen, er hat sich am Bein weh getan, Valeska kommt und schaut sich das Bein an, klopft ihm aufmunternd auf die Schulter und der Junge zieht wieder ab.

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Ich mag am liebsten Mosaik, erklärt die 10 jährige Larischa, Zaliha mag am liebsten Kochen.

Kochen ist überhaupt sehr beliebt, erklärt Valeska Stüben, zweitweise melden sich bis zu 40 Kinder „wer will, kann dann nächste Woche teilnehmen“. Kurse an anderen Tagen sind Töpfern, Weben, Fußball für Mädchen, für Jungen, Spanisch und PC Nutzung, die Elternvertreter Gerrit Petrich anbietet. Neben den Klassenräumen hat die Schule dafür eine Bibliothek, einen Werkraum, ein Spielezimmer, einen Töpferraum und zwei Vorschulräume.

Neue Räume gibt es allerdings für die GBS Nachmittage nicht – auch keine Pausenhalle für die vielen Hamburger Regentage. Geplant war für 2014 der Neubau eines großen Grundschulgebäudes mit Räumen und neuer Kantine für die GBS. Vorher sollte noch die Turnhalle abgerissen und neu gebaut werden. „Der Plan liegt vor, aber niemand weiß Genaues, es wird immer weiter nach hinten geschoben“ erklärt Valeska Stüben.

FAHRZEUGEBetreuer Alex holt jetzt die „Fahrzeuge raus“-  Zwei-,  Drei- oder Vierräder auf denen die Kinder im Schulgelände herumrasen können. Platz dafür ist in der Schule reichlich vorhanden. Es bestehe auch keine Gefahr, dass Senat und Behörde Schulgelände verkaufen würden,  wie in Schulen in der Stadtmitte geplant, die nach Berechnungen der Behörde „zuviel Platz“ haben.  Diese Sorge müsse man sich an seiner Schule nicht machen,  erklärt der Schulleiter des Standorts Falkenberg Jens Bendixen: „Wir haben wachsende Schülerzahlen“.

Jens Bendixen ist ein weiterer Glücksfall für die Schule am Standort Falkenberg: Sein großes Thema ist Sport – Sport hat er auch zum Thema seiner Schule gemacht. Ab der 3. Klasse sind viele GBS Schüler  nachmittags in Sportvereinen der Umgebung aktiv,  die Schule hat zahlreiche Kooperationen mit Sportvereinen –  Vereine, die ihr Schulleiter gut kennt –  denn er ist selbst in vielen Mitglied. Die Schule ist eine sog. „sportbetonte Schule“  mit einer  speziellen Sportklasse.

Die GBS Nachmittagskurse sind mittlerweile aufgeteilt.Der Kurs „Wald“ wandert nur wenige Schritte und Minuten und ist schnell mitten im Wald der benachbarten „Neugrabener Heide“.Die neun  Kinder klettern auf Bäume, rutschen einen hohen Sandberg herunter und essen Gurken, Tomaten und Kirschen zum Picknick zwischendurch. Ihre Betreuerin ist  Svenja Schürmann, Grundschullehrerin und selber Mutter von zwei Kindern.

WALDPICKNIKSie  wird nach den Ferien die Stelle von Valeska Stüben als Leiterin der GBS übernehmen. „Valeska hat mich überredet. Sie hat meinen Ehrgeiz geweckt, es auszuprobieren, ich kann hier gestalten, mit Personal arbeiten und die GBS weiterentwickeln“.   Mit zu ihrer Entscheidung beigetragen habe die gute Stimmung an Schule und GBS. Es gebe Respekt, Höflichkeit, die Grenzen der anderen würden beachtet und dies werde auch den Schülern beigebracht. Wichtig sei auch der gute Austausch mit Schulleitung und den Vertretern des Elternrats in der „Steuergruppe der GBS“,  die sich alle zwei Wochen treffe. Sie habe schon Pläne für das nächste Jahr, und wolle vor allem mehr Kooperationspartner dazu gewinnen, die Musikkurse, zB. Gitarrenunterricht anbieten. Diese müßten allerdings von den Eltern bezahlt werden. Zurück in der Schule gibt mir Valeska Stüben schliesslich noch ein Foto von den Mosaiken mit auf den Weg, den die Schüler des Mosaikurses in der letzten Stunde gebastelt hat.

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Resümee: Die Schule Falkenberg hat zwei wichtigen Pluspunkte auf ihrer Habenseite: Das sind einmal die Menschen:  Eine ungewöhnlich engagierte, kinderliebende und organisatorisch begabte  Erzieherin, ein engagierter und in den Sportvereinen bestens vernetzter, offener Schulleiter und ungewöhnlich engagierte Elternvertreter im Elternrat. Sie haben es gemeinsam geschafft, dass sich in der GBS der Schule Falkenberg  Kinder, Eltern, Betreuer und Besucher wohl und gut aufgehoben fühlen. Bei  der neuen Leiterin der GBS, Svenja Schürmann, liegt die Nachmittagsbetreuung, so der Eindruck, weiter in den besten Händen:

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Pluspunkt der Schule ist zum anderen die Größe und  Lage der Schule zwischen Naturschutzgebieten und Wäldern am Rande der Stadt. Ein Vorteil, den Schulen im Zentrum nicht haben.

Unabhängig von Engagement und Leistung der Menschen  bleiben aber dennoch die Punkte, die Eltern, Lea, und Opposition in der Debatte in der Bürgerschaft so heftig und zurecht kritisieren. Es sind die mangelhaften Rahmenbedingungen, das schulisch-staatliche Monopol bei der Nachmittagsbetreuung von Kindern und die Mängel der Umsetzung der Ganztagsschulreform des Schulsenators: Dazu gehören der schleppende Ausbau der Kantinen, die fehlenden Produktionsküchen, die  fehlenden Räume für Rückzug, Ruhe, Toben und Differenzierung, die fehlenden Mitteln für Inklusion  und die deutliche Verschlechterung des Betreuungsschlüssels im Vergleich zu den Horten.

GBS REVISITED: Enttäuscht – empört – verzweifelt – Wieder heftige Elternproteste gegen Ties Rabes Ganztags-Schul-Reform

15 Apr

„Ich bin wütend und verzweifelt und für jede Empfehlung dankbar“,  schreibt Eva Landmann, Mutter einer siebenjährigen Tochter. „Es brennen mir einige Fragen auf der Seele, die mir in der Schule niemand beantworten kann. Die GBS-Hotline war auch in keinster Weise hilfreich. Dort sagte mir die Behördenmitarbeiterin am Telefon, sie sei für GBS nicht geschult und könne mir meine Fragen nicht beantworten.“

Vor einem Jahr, vor der Umwandlung von 50 Hamburger Grundschulen in  Ganztagsschulen mit Ganztägiger Bildung und Betreuung (GBS), gab es bei Eltern heftige Kritik an der Umsetzung und am Tempo der Ganztagsschul-Reform von SPD Schulsenator Ties Rabe. Kirschsblog hatte ausführlich darüber berichtet.  In diesem Sommer sollen 70 weitere Grundschulen zu Ganztagsschulen umgewandelt werden und die Stimmung unter den Eltern hat sich nicht gebessert. Es gibt erneut heftige Kritik. Ties Rabes Ganztags-Grundschul-Reform soll mit den 70 neuen Schulen im August  abgeschlossen sein – fast alle 204 Grundschulen werden dann Ganztagsschulen sein, zumeist in der offenen Form mit GBS. Doch die heftige Kritik der Eltern klingt in diesen Tagen fast genau wie vor eineinhalb Jahren.

Eva Landmann ist alleinerziehende Mutter einer siebenjährigen Tochter in der Grundschule Forsmannstraße. Sie ist voll berufstätig und muß bis 17 Uhr arbeiten. Ihre Tochter,  die bislang nachmittags im Hort ist, muss nun nach Ties Rabes Ganztags-Schulreform zur ganztägigen Betreuung (GBS) wechseln.

Der Grund für Evas Verzweiflung: „Ich habe bislang einen Hort-Gutschein für eine 5-stündige Hortbetreuung bis 18 Uhr und zahle dort 95,00 € monatlich“,  schreibt sie. „Der Online-Gebührenrechner für GBS hat mir nun … ausgerechnet: Wenn ich die Spätbetreuung bis 18 Uhr buche + Mittagsverpflegung + 10 Wochen Ferienbetreuung + Sockelwoche zahle ich jetzt bei GBS  summa summarum 159,38 € monatlich – d. h. unglaubliche 64,38 € mehr als im Moment.“

Erst von Oliver Hilgers, Elternvertreter und Gebührenspezialist im Landeselternausschusses Kindertagesbertreuung  (LEA), bekommt sie eine klare Antwort: Sie muss diese Summe von 64, 38 Euro monatlich 1 Jahr in Vorleistung“ zahlen und kann dann nach der „Keiner zahlt mehr als im Hort“-Regelung per Antrag eine „Rückerstattung“ bekommen. Das Antragsformular existiert noch nicht.

Macht fast 800 Euro im Jahr mehr als im Hort –  zuviel für Eva Landmann: „Ich habe meinen Antrag drastisch reduziert – nämlich statt der Betreuung bis 18 Uhr nur bis 17 Uhr – und statt elf Ferienwochen nur vier … Jetzt kann ich sehen,  wie ich klarkomme (zahle so „nur noch“ 2,50 € mehr als im Moment). Ich kann einfach nicht ein Jahr lang 800 € vorschießen.“

Kein Einzelfall, so die Kritik vieler  Eltern. In einer öffentlichen Fragestunde des Jugendhilfeausschuss im Bezirk Wandsbek in der letzten Woche konfrontierten sie den Vertreter der Schulbehörde, B. Oldenburg, mit Kritik und Fragen.

Keiner zahlt mehr als im Hort?

„Keiner zahlt mehr“ als im Hort, dieses Versprechen von Schulsenator Ties Rabe für die Gebühren der Ganztagsbetreuung in der Schule „stimmt gar nicht“, erklärte Farahnaz Bergmann stellvertretend für viele andere Eltern. Es sei keineswegs selten der Fall, dass Eltern für GBS mehr zahlten als für die Hortbetreuung, das bestätigen auch andere Eltern. Das gelte für alle Stufen der nach Einkommen gestaffelten GBS Gebühren. So werde auch die Gebühr von 207 Euro für Höchstzahler überschritten, die eigentlich als maximale Obergrenze für Höchstzahler festgelegt sei, wenn man alle Ferienzeiten und Mittagessen bucht, erklärte Farahnaz Bergmann. Sie selbst müsse aber alle Ferienzeiten buchen, denn zum Zeitpunkt der Anmeldung für das gesamte nächste Schuljahr (die Frist lief bis zum 30.März)  könne sie in ihrer Arbeit nicht planen, wann sie genau in nächsten Schuljahr in Urlaub gehe. Sie habe für ihre Tochter erst einmal alles gebucht.

„Sollten tatsächlich in wenigen Fällen … höhere Elternbeiträge“ als im Hort anfallen „wird die Schulbehörde die Differenz erstatten“, so hatte dagegen in der letzten Woche Schulsenator Rabe in einer Presseerklärung  nach einem der Treffen des „Runden Tisches“ melden lassen,  an dem Vertreter der Schulbehörde und Senator Ties Rabe mit Vertretern von Elternkammer und Landeselternausschuss (LEA) die Kritik der Eltern vorgetragen hatten. http://www.hamburg.de/bsb/bsb-pressemitteilungen/3922392/2013-04-11-bsb-gnaztagsausbau-schulen.html

Doch die Zusage des Senators, zuviel gezahlte Gebühren zurückzuzahlen, sorgt für Ärger und Verunsicherung bei den Eltern. Viele Eltern wüssten gar nicht, dass es eine Rückerstattung gebe, erklärte auch Anja Quast, Fraktionsvorsitzende der SPD im Bezirk Wandsbek. Eltern müssten viel besser informiert werden. Da fehle ein wichtiger Baustein, die Kommunikation zwischen Eltern, Kitaleitern und Lehrern müsse dringend verbessert werden. Denn „wer es nicht weiß, der wird sich auch nicht melden.“

Rückerstattung von Gebühren

Hinzu kommt, dass die Gebühren erst nach Ablauf des ganzen Schuljahres rückerstattet werden. „Ich finde es nicht gut, wozu soll ich denn erst einmal alles bezahlen? Und an welchem Tag soll ich dann kommen, um es zurück zu bekommen. Welche Unterlagen soll ich mitbringen?“, fragte Farahnaz Bergmann empört.

Vorher zahlen und hinterher zurückzahlen sei nicht „sozial verträglich“, erklärte Claudia Folkers von der CDU Fraktion und bezog sich damit auf Eltern, die wie Eva Landmann diese Summen für die Vorfinanzierung der Gebühren gar nicht aufbringen können. Die Kosten der Ferienbetreuung müssten reduziert werden, die Anträge seien außerdem viel zu kompliziert, kritisierte ein Vertreter eines „Freien Trägers“ der GBS-Nachmittagsbetreuung. In sozialen Brennpunkten, in denen Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen eigentlich auf die Nachmittagsbetreuung angewiesen seien, würden nur 10 bis 12 Prozent der Kinder an der Ferienbetreuung teilnehmen, denn das Ganze sei vielen zu teuer, zu kompliziert und nicht flexibel genug. Viele Familien seien mit dem Prozedere der Anmeldung, den vielen unterschiedlichen Formularen und der langfristigen Planung überfordert.

Die Rückerstattung könne erst am Jahresende erfolgen, weil erst nach dem Schuljahr alle Ausgaben, die Gebührenscheine und die Abrechnungen der Caterer für die Berechnung vorlägen. Geben Sie uns für die Organistation der Rückerstattung noch „ein paar Wochen“, bat Herr Oldenburg von der Behörde.

Ausstattung bei GBS und Hort auf gleichem Niveau?

„Die ganztägige Betreuung an den Schulen (GBS) werde auf dem gleichen Ausstattungsniveau stattfinden wie die bisherige Hortbetreuung“, so die Erklärung von Schulsentor Rabe nach dem Treffen des Runden Tischs zum Thema GBS in der vergangenen Woche. http://www.hamburg.de/bsb/bsb-pressemitteilungen/3922392/2013-04-11-bsb-gnaztagsausbau-schulen.html

Doch die Eltern sehen das ganz anders als der Schulsenator:  In ihren Fragen kritisierten sie auch den Personalschlüssel der GBS. Der Schlüssel von einem Betreuer für eine Gruppe von 19 bzw. 23  Kindern sei schlechter als im Hort, es würden außerdem Hilfskräfte ohne  pädagogische Qualifikation eingesetzt, so Farahnaz Bergmann. Kritische Fragen gab es auch zu den Problemen beim  Mittagessen, zu den Warmhalteküchen und zum Raummangel. So gibt es Schulen, in denen ab August über 100 bis 150  Kinder an GBS teilnehmen werden, die aber keine entsprechenden Kantinen oder viel zu kleine Kantinen haben. Um- und Ausbauten von Kantinen sollen noch bis 2015 oder sogar bis 2017 dauern, in einem Fall ist noch gar kein Termin für einen Umbau bekannt, kritisierten die Eltern.

Ganz unbegreiflich sei für sie, dass Kinder bei der Ganztagsbetreuung keine Zwischenmahlzeit erhalten, erklärte  Farahnaz Bergmann im Ausschuss. „Ich verstehe nicht, dass es dafür kein Budget gibt. Ein Kind ist doch immer noch ein Kind, die brauchen das!“.

Das sei eine politische Entscheidung erklärte Herr Oldenburg von der BSB, im Übrigen sei vieles der „Systemumstellung geschuldet“ und das „sei eine Sache“, die müsse „man in Kauf nehmen“. Das zusätzliche „pädagogische Budget“ für die GBS könne aber dazu beitragen, den Personalschlüssel zu senken, erklärter er. Außerdem würden „Leute auf Honorarbasis“ Kurse anbieten oder mit den Kindern lesen. Alle Betreuungsbereiche hätten aufgrund des Kitaausbaus im Moment außerdem Probleme, genügend Erzieher zu finden, erklärte Oldenburg.

Kritische Fragen der Eltern betrafen auch das inhaltliche Angebot von GBS. Es wurde gefragt, ob die Schulbehörde überhaupt wisse, was da von wem in welcher Qualität angeboten werde. Zusatzangebote, so die Kritik weiter, seien außerdem kostenpflichtig, es sei ein falscher Ansatz, dass sogar Fußball Geld koste.

Eltern: „Unausgegoren und zu kompliziert“

„Völlig unausgegoren und viel zu kompliziert für alle Beteiligten“, so bringt Eva Landmann die Kritik vieler Eltern an der Ganztagsreform und Umsetzung von GBS auf den Punkt. Hinzukommt, es gibt keine Alternativen mehr, fast alle Horte werden am Ende dieses Schuljahres abgeschafft.

Kritik und Fragen der Eltern finden sich im 10-Punkte-Nofall-Paket wieder, dass die Elternkammer und der Landeselternausschuss (LEA) für Kindertagesbetreuung Schulsenator Ties Rabe beim Treffen des Runden Tisch in der letzten Woche überreichten. Neben dem beschleunigten Kantinenausbau werden darin u.a. Ruhe-, Bewegungs- und Kursräume gefordert, außerdem mehr Geld und Personal für die Information über GBS, ein Konzept mit qualitativen Mindeststandards, mehr Elternmitwirkung oder zusätzliche Mittel für die Inklusion.

Noch umfangreicher ist eine Liste Deutsche Kinder- und Jugendstiftung mit 23 Punkten, die aus der Sicht von Kindern beschreiben, was Ganztagsschule bieten sollte. Z.B. Punkt 17: „Die Mittagspause ist lang genug, um mich auszutoben, zusammen mit Freunden oder allein etwas zu machen, was Spaß macht, oder mich zurückzuziehen, mich mit meinem Hobby zu beschäftigen, zu lesen, ein Musikinstrument zu spielen oder ein Kunststück einzuüben, am Computer zu arbeiten oder miteinander etwas „Richtiges“ zu machen.

Schön klingt auch Punkt 19: Es gibt auf dem Schulgelände und im Schulhaus genug Platz und Gelegenheiten, um mit anderen zu spielen, Sport zu treiben, Kunststücke zu üben oder zu experimentieren. Es stehen Sport- und Spielgeräte zur Verfügung, es gibt Klettermöglichkeiten, Bereiche, in denen man bauen und gestalten kann, aber auch Verstecke, geheime und ruhige Ecken“. http://www.ganztaegig-lernen.de/sites/default/files/23_Thesen.pdf

Doch bis Hamburgs Ganztagsschulen das bieten, ist es noch ein weiter Weg. Ties Rabe weist rigoros alle Forderungen zurück: „Es ist schon ein großes Vorhaben die Zahl der Ganztagsschulen in drei Jahren um 50 Prozent zu steigern, wir sollten diesen ehrgeizigen Plan jetzt umsetzen und nicht ständig mit neuen Zusatzforderungen erschweren“. http://www.hamburg.de/bsb/bsb-pressemitteilungen/3922392/2013-04-11-bsb-gnaztagsausbau-schulen.html

Bleibt schließlich eine Frage: Was passiert, wenn es keine Horte und Kita-Gutscheine mehr gibt? Erlischt damit für die GBS-Gebühren auch die „Keiner zahlt mehr als im Hort-Regelung“? Das würde bedeuten, Eva Landmann und alle Eltern, die für GBS höhere Gebühren zahlen als für die Betreuung im Hort, bekommen kein Geld mehr rückerstattet. Sie müssen dann mehr zahlen. Wie sagte es eine Mutter am 10 Mai – fast genau vor einem Jahr: „Wir zahlen ab Sommer im Monat über € 35,00 mehr für ein schlechteres Angebot – und das wird uns als „kostenlose Nachmittagsbetreuung“ verkauft!“

https://kirschsblog.wordpress.com/2012/05/10/die-versprechen-des-schulsenators-grundschuleltern-rechnen-nach-ganztagsschule-kann-fur-familien-teurer-als-hort-werden/

„Wir erwarten 170 Kinder, die essen sollen, aber wir wissen nicht, wo!“ – GBS/GTS Vernetzungstreffen und Anhörung in Schul- und Sozialausschuss

15 Nov

Erstaunlich,  wie unterschiedlich innerhalb einer Woche in Hamburg zweimal über dasselbe Thema gesprochen wurde, die Umwandlung aller Hamburger Grundschulen in Ganztagsschule: Zum Einen in Schulen mit Ganztägiger Bildung und Betreuung (GBS) mit außerschulischem Partner und zum Anderen in Ganztagsschulen in schulischer Verantwortung (GTS).

Frei und offen hatten fast 50 Eltern vor einer Woche beim achten GBS/GTS Vernetzungstreffen des Landeselternausschusses Kitabetreuung (LEA)  – ohne Senator und Presse  –  über zwei Stunden lang die Mängel der neuen Ganztags- und GBS Schulen kritisiert.  Es ging um Verschlechterungen im Vergleich zu der bisherigen Betreuung in Horten,  z.B. beim Betreuungsschlüssel, die schleppende Umbauten und fehlende Räume wurden bemängelt, es gebe Baulöcher aber noch lange keine Kantinen, so die Eltern und es wurde deutlich, wie groß der Informationsmangel in puncto  Ganztagsschulreform bei vielen Eltern noch ist. Der Mangel an Information für Eltern hatte schon vor genau einem Jahr, am 17.11.2011, den Lea, den Elternausschuss des Bezirks Eimsbüttel (BEA) und das Hamburger Hortbündnis veranlasst, die Vernetzungstreffen ins Leben zu rufen – zum Austausch von Informationen und Kritik.

Die öffentliche Anhörung von Schul- und Sozialausschuss der Bürgerschaft am Mittwoch mit  Schulsenator Ties Rabe und Vertretern der Behörden – bei der Eltern und Betroffene Gelegenheit zu Kritik und Verbesserungsforderungen haben –  verlief dagegen ein wenig schleppend und sie war auch schon nach knapp einer Stunde wieder vorbei . 

Was Vertreter der Regierungspartei, SPD, denn auch gleich so interpretierten, dass die Eltern ganz ganz offensichtlich zufrieden mit dem Konzept von Ties Rabe seien – es gebe nur einige Umsetzungsschwierigkeiten. Das war auch die Kernaussage von Schulsenator Rabe in seiner Antwort auf die Elternkritik. Es gebe einige „Anfangsschwierigkeiten“,  die sich aus der auch für ihn „überraschenden Geschwindigkeit“ bei der Umsetzung seiner Ganztagsreform ergäben, so der Senator. Was er zum wiederholten Male nicht erwähnte: Er selbst hat für diese „überraschende Geschwindigkeit“ gesorgt, als er vor eineinhalb Jahren ankündigte, ab 2013 die Kitagutscheine und die Horte abzuschaffen. Eltern aus Schulkonferenzen und Gremien von Hamburger Grundschulen haben immer wieder empört darauf hingewiesen, sie fühlten sich dadurch gezwungen, ihre Schulen Hals über Kopf in Ganztagsschulen umzuwandeln, damit niemand am Ende ganz ohne Betreuung für seine Kinder da stehe.

Doch dass es sich Hamburgs Schulsenator mit dem Hinweis auf „Anfangsschwierigkeiten“ etwas zu einfach machte, wurde  – bei aller Kürze – auch in der Anhörung deutlich.

Die Kritiker: Zu wenig Betreuer, Räume, Ressourcen

Sie sei „ausgesprochen unzufrieden mit der GBS“, erklärte Gabriele Ellerbeck, Mutter von vier Kindern, deren jüngster Sohn Schüler der Grundschule Lutterothstraße ist. Es fehle an Qualität bei der Nachmittagsbetreuung der GBS, so ihre Kritik.  An drei von fünf Nachmittagen seien wechselnde studentische  Hilfskräfte als Betreuer tätig. „ Echte Probleme“ gebe es auch mit einem „nicht so guten Erzieher“. Ihre  drei älteren Kinder seien in Horten gewesen,  deshalb könne sie das Angebot der GBS gut vergleichen. In den Horten seien die Kinder, anders als jetzt in den großen Gruppen der GBS, individuell betreut worden.

Die Kinder hätten außerdem erst in den Klassenräumen, dann in Mänteln in der zugigen Schulhalle Mittag gegessen,  jetzt finde das Essen in roten Container statt, die als das „Rote Haus“ verspottet würden . „Wer kontrolliert eigentlich die Qualität“, fragte Gabrielle Ellerbeck. Ihre Familie falle auch finanziell „durch das Raster“. Im Vergleich zu den Kitagutscheinen vorher „zahlen wir deutlich mehr Geld“, erklärte sie – was Schulsenator Rabe zu Protest und Kopfschütteln veranlasste.  Für sie als berufstätige Mutter sei es außerdem ein Problem, die benötigte Ferienbetreuung schon für ein Jahr im Voraus zu buchen. Es  sei „frustrierend, dass man dem ausgeliefert ist. Wir haben überlegt, unser Kind zu einem Schlüsselkind zu machen, weil es nicht gut läuft“, so die Kritik von Gabriele Ellerbeck.

Karin Jessen, Schulleiterin einer offenen Ganztagsschule und Vorsitzende des Ganztagsschulverbandes, bemängelt die Verpflegung an den Ganztagsschulen.  Wenn Kinder den ganzen Tag, teilweise schon ab 6 Uhr morgens, in der Schule seien, müsse es auch eine Verpflegung für den ganzen Tag geben, nicht nur zum Mittagessen. Wann eigentlich das bargeldlose Mittagessen eingeführt werde, fragte dann Roberto Lehmann. Die Bezahlung des Mittagessens mit Chips statt Bargeld hatte Schulsenator Rabe im letzten Schuljahr für die Ganztagsschulen angekündigt.

Ein Vertreter des Grundschulverbandes sprach die zusätzliche Belastung für Schulbüros an. Die Schulbüros bräuchten für die Umwandlung von Schulen in Ganztagsschule zusätzliche Ressourcen, um Eltern zu beraten und zu begleiten. Eine Vertreterin des Schulbüros der Stadtteilschule Blankenese bestätigte das und forderte wegen der zusätzlichen Beratung eine höhere Lohngruppe für Mitarbeiter der Büros.

Nach Erfahrungen der schon bestehenden Pilot- und Modellschulen sei die Personaldecke für die Ferienbesetzung zu dünn, kritisierte dann der Vertreter des Grundschulverbandes, es gebe Probleme bei der Ferienvertretung. Eine Schulleiterin ergänzte, die Stundenberechnungen für die Erzieher in der GBS seien zu niedrig, es müsse auch Besprechungszeiten für Erzieher geben. Sie forderte im Übrigen eine Gleichbehandlung der Ganztagsschulen nach Rahmenkonzept (GTS) mit den GBS Schulen.

„Viel zu knapp“ sei auch die Ressource für die Inklusion am Nachmittag der neuen Ganztagsgrundschulen, betonte die Schulleiterin außerdem. Eine in der Integration tätige Erzieherin bestätigte das und kritisierte die Gruppengröße für den Nachmittagsbereich. Sie arbeite mit schwerstbehinderten Kindern: „Es kann nicht sein, das da 28 bis 29 Kinder von zwei Erziehern betreut werden“, protestierte sie.

Kritik an Küchen und Kantinen

Die für Grundschulen eingeführte Sozialstaffelung der Essensgebühren müsse auch an weiterführenden Schulen gelten, erklärte dann ein Vertreter des Ganztagsschulverbandes. Eltern dort könnten sich das Essen vielfach nicht leisen.

Ihr Sohn werde bis 2014 nur durch Provisorien über Caterer ein Mittagessen erhalten, „ernährungswissenschaftlich ist nichts Gesundes in dem Essen mehr drin“, kritisierte eine Mutter aus einer GBS-Schule in Poppenbüttel. Mit der Ganztagsschule sei das Versprechen verbunden worden, Lern- und Lebensort zu verbinden. Sie forderte die Einrichtung von Produktionsküchen, in denen Essen frisch gekocht werden, damit Eltern ihre Kinder „mit gutem Gewissen in der Ganztagsschule lassen“ könnten.

„Wir erwarten 170 Kinder, die essen sollen, aber wir wissen nicht, wo!“, so die Kritik von Lilly Gries von der Grundschule Kleiner Kielort. An der  Schule würden in den nächsten drei bis vier Jahren Turnhalle,  Aula und  Mensa umgebaut. Es sei deshalb sinnvoll, solange den Hort zu erhalten!

Jörg Gröndahl vom LEA kritisierte, dass es diverse Kritikpunkte und Verbesserungswünsche von Eltern, z.B. in Hinblick auf Raummangel und fehlende Kantinen, gegeben habe, doch: „In der Umsetzung findet sich fast nichts davon wieder“. Er forderte den Schulsenator auf, „an der Umsetzung der Reform sorgfältiger zu arbeiten“. Dem schloss sich auch Christian Martens vom Lea an. Es sei geplant, Räume und Raumbedarf zu reduzieren, dabei würden mehr Räume, u.a. für die Gruppendifferenzierung, benötigt. „Räume sind der dritte Pädagoge“, erklärte er, und plädierte an Ties Rabe, „mehr Räume zu schaffen“.

Ein Vertreter des Caritasverbandes kritisierte eine neue Förderrichtlinie vom 3.7.2012, in der im Vergleich zum Landesrahmenvertrag eine finanzielle Benachteiligung von Schulen in freier Trägerschaft festgeschrieben worden sei. Die Folge: Unter diesen schlechteren Bedingungen der Richtlinie fänden sich keine Partner, die bereit wären, Kooperationsverträge mit den Schulen in freier Trägerschaft zu unterschreiben. Hier müsse eine „vernünftige Lösung“ gefunden werden. 

Martina Peters vom paritätischen Verband Hamburg kritisierte die geplanten Kürzungen in der Jugendhilfe. Ein besonders wichtiger Punkt für GBS und GTS sei die gewollte Kooperation der Ganztagsschulen mit den Einrichtungen der Jugendhilfe: Es sei „schwer vermittelbar“, wenn man den Sozialraum rund um Schulen öffnen wolle, und gleichzeitig Angebote der Jugendhilfe mit dem dort gewachsenen besonderen Sachverstand  „verringert“ würden „ Wenn sich die zwei System, Schule und Jugendhilfe, verschränken“ sollten, dann müsse auch die Ausstattung „passen und angemessen“ sein. Die Kooperation mit Ganztagsschulen mit schulischer Verantwortung (GTS) sei im Übrigen wegen der hierfür vorgesehenen Personalressource so „nicht möglich“.

Schulsenator Rabe antwortet

Es sei erfreulich,  so die Antwort von Schulsenator Rabe auf die Kritik in der  Anhörung, dass sich sehr viele Schulen so schnell zur Umwandlung in eine Ganztagsschule entschlossen hätten, erklärte Ties Rabe – insgesamt würden 200 von 204 Grundschulen bis 2013 GBS- oder GTS-Schulen. Dies zeige u.a., dass es richtig gewesen sei, dass „wir die Schulen nicht zwingen“. Er habe den Schulen „freigestellt, welchen Weg sie gehen wollen, GBS und GTS“. Was Ties Rabe damit indirekt klar machte: Eine andere Wahl, nämlich gar keine Ganztagsschule zu werden, hatten die Schulen demnach nicht.

Die zeitliche Frist für diese Umwandlung sei noch über 2013 verlängert worden, so Ties Rabe weiter. Von der Möglichkeit einer Verlängerung waren allerdings viele Eltern und Schulen gar nicht informiert, wie Eltern bei dem vorherigen GBS/GTS Vernetzungstreffen erklärt hatten. „Hätten wir das gewußt, hätten wir auch länger gewartet“, erklärte ein Vater, als er hörte, dass es noch bis 2015 eine Übergangsfrist von zwei Jahren bis zur endgültigen Abschaffung der Kitagutscheine gibt. Eine Möglichkeit, die offenbar nur zwei, drei Schulen nutzen, die erst 2015 die Ganztagsschule einführen werden.

Ties Rabe zu Betreuungsqualität, Erziehermangel, Raummangel und mehr

Zur Kritik, dass eine Gruppe in einer GBS Schule häufiger von studentischen Hilfskräften als von einem Erzieher betreut wurde, erklärte der Senator: Dies sei durch den Landesrahmenvertrag geregelt, und zwar „so, wie das bisher an den Horten geregelt ist, da ist nichts verändert worden“. Diese Aussage des Senators widerspricht allerdings den offiziellen Zahlen des „Bildungsberichts“ der Schulbehörde von 2011  über „Personalschlüssel im Kita-Gutscheinbereich“.  Im Jahr 2011 wurden demnach im dreistündigen Hort knapp 15 Kinder von einer „Vollzeitkraft“ betreut. Im Bildungsbericht ist dabei ausdrücklich von „Erziehern“ und  „Fachkräften“ und nicht von „studentischen Hilfskräften“ die Rede.  http://www.bildungsmonitoring.hamburg.de/index.php/bildungsbericht2011

Der für die GBS im Landesrahmenvertrag zugrunde gelegte Betreuerschlüssel umfasst dagegen eine pädagogischen Fachkraft für die Betreuung einer Gruppe von 23 Kindern, bzw. eine pädagogische Fachkraft für die Betreuung von 19 Kindern in Standorten im schwierigeren sozialen Umfeld der Sozialinidizes eins und zwei. http://www.hamburg.de/contentblob/3268876/data/rahmenvertrag.pdf

Es gebe aber tatsächlich einen Erziehermangel, räumte der Schulsenator dann ein: „ Wir brauchen so viel Personal, dass der Markt das nicht hergibt“. Ein Mangel, den der Senator allerdings durch den extrem schnellen Ausbau der Ganztagsschulen selbst mitverursacht hat. So werden nach Aussage der Behörde für Arbeit und Soziales , Familie und Integration (BASFI) im Jahre 2013 insgesamt 700 Vollzeiterzieher fehlen. Wegen der unattraktiven Teilzeiteinstellungen träfe dies speziell die GBS Schulen, informierte eine Tischvorlage der Hamburger Jugendhilfe Anbieter zur GBS/GTS, die bei der Anhörung verteilt wurde.

Für die Qualitätskontrolle bei den GBS-Schulen sei im Übrigen die Sozialbehörde zuständig, erklärte Ties Rabe. Bei Beschwerden sollten Eltern sich zunächst an Schule und Trager wenden, dann an die Behörde.

Ties Rabe äußerte sich dann zur Kritik am Raummangel: Der Raumbedarf werde nicht reduziert, erklärte er und auch der in diesem Zusammenhang erhobene Vorwurf, GBS sei ein Billigmodell, träfe nicht zu. Der Schulsenator erklärte, es gebe ein Budget für flexibles Mobiliar, um Räume gemütlicher zu machen. Zur Beratung der 204 Schulen sei außerdem ein Architekt eingestellt worden.

Einen übergangsweisen Erhalt von Horten in Ausnahmen bei größten Schwierigkeiten, wie  zB. bei Baumaßnahmen in der Schule Kleiner Kielort, werde er noch einmal prüfen, erklärter er dann, aber es sei „ein klares Ende“ der Horte gegeben. Er machte deutlich, dass dem Ganztagsbetrieb der Schule der Vorzug eingeräumt würde, wenn er „ohne große Schwierigkeiten“ forgesetzt werden kann.

Ties Rabe zu Produktions- und anderen Küchen, Kantinen und Mittagessen

In puncto Küchen und Kantinen erklärte Ties Rabe, es gebe viele Caterer von unterschiedlicher Qualität. Fachleute hätten ihm erklärt, dass durch schnelles Abkühlens, beim sog. „Cook and Chill“ Vitamine geschont würden. Es seien durchaus Provisorien denkbar, in denen Kinder in Klassenräumen essen,  auch wenn dies bei einigen Schulen strikt abgelehnt würde. Es sei aber „klüger, wenn sich Lehrer als Beteiligte mit an den Tisch“ setzten. Das wolle er aber nicht „jetzt schon“ als Vorschrift einführen.

Produktionsküchen seien ein Problem:  Zum einen sei die Anschaffung teuer und zum anderen müsse auch der Betrieb sichergestellt werden. Letzteres sei bisher häufig über Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen „querfinanziert“ worden, weil es anders „ wirtschaftlich bisher nicht funktioniert“ habe. Es müßten aber Hygienevorschriften von Gesundheitsämtern beachtet werden, der Betrieb sei nur sichergestellt, wenn es eine große Stückzahl von Schulessen gebe, z.B. bei Kooperationen von mehreren Schulen. Den Einwurf von Eltern, dass das bei Kitas bisher auch geklappt habe, wies er zurück. Er sei nicht sicher, dass dort auch der Einbau von Duschen sichergestellt war. Eltern, die das genauer recherchiert haben, kamen jedoch zu anderen Ergebnissen: Duschen seien nicht unbedingt nötig und die Produktionsküchen seien ab ca. 200 Essen rentabel.

Zur Kritik an der Benachteiligung der GTS mit schulischer Verantwortung gegenüber der GBS erklärte Ties Rage, die GBS bestehe ja aus Schule und außerschulischem Träger, für die besondere Kooperationszeiten nötig seien. Die gelte aber nicht für die GTS , bei der ja die Schule für den ganzen Tag selber zuständig sei. Kooperationszeiten seien dort nicht nötig, „die reden ja mit sich selber“, erklärte er, worauf  in den Besucherreihen die „Chuzpe“ des Schulsenators kritisiert wurde. In puncto Gleichstellung der  Schulen in Freier Trägerschaft gebe es noch Beratungsbedarf, da „sei man noch nicht am Ende“, erklärte Ties Rabe.

Die Verzahnung von Jugendhilfe und Schule solle auf Regionalen Bildungskonferenzen geplant werden. Auf die Kiritik an den Einsparungen des Senats bei Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit ging der Schulsenator nicht näher ein.

Resümee

So wiegelte Ties Rabe mit langen, schönen Worten und vielen Absichtserklärungen die Kritik der Eltern und Betroffenen Punkt für Punkt  ab. Das seien eben die „Anlaufprobleme bei der Umsetzung der Ganztagsangebote“. Diese komme aber bei den Eltern offensichtlich gut an, so auch seine Erklärung auf Fragen eines Fersehreporterters nach der Anhörung.

Worauf Schulsenator Rabe aber nicht einging, war die grundsätzliche Kritik von Eltern, Lehrern, Schulleitern und Vertretern der Verbände an der Qualität der Ausstattung für seine neuen Ganztagsschulen. Kritik, wie sie auch von den Eltern des Vernetzungstreffens geäußert wurde. Und dabei können sich die Eltern und Betroffenen auf Ganztagsschulexperten wie Stefan Appel, den langährigen Präsidenten des Deutschen Ganztagsschulverbandes berufen, die immer wieder betonen, dass für qualitativ gute Ganztagsschule besondere räumliche und personelle Anforderungen erfüllt werden müssen.  „Wenn man Ganztagsschule nur in Klassenräumen organisiert, wird es nichts werden.“, so Stefan Appel im Jahr 2010. http://www.ganztagsschulverband.de

Allerdings – den Vergleich mit der besseren Betreuung in den Horten werden schon bald immer weniger Eltern haben. Sie stecken jetzt mittendrin im neuen Ganztagsschulsystem. Und das erklärt vielleicht auch den Unterschied zwischen den zwei GBS/GTS Veranstaltungen. Eltern haben keine Wahl mehr, und sind auch mit ihrer Kritik vorsichtiger geworden. Zurecht, wie eine kritische Mutter nach der Anhörung berichtete. Sie wurde, als sie Kritik äußerte, in ihrer Schule ausgegrenzt. In einem anderen Fall wurde ein Vater, der deutliche und offenbar äußerst berechtigte Kritik äußerte, vom Elternrat zurückgerufen, als er seine Kritik öffentlich machen wollte.  

Umso mehr beeindruckt die ruhige und offene Art der Kritik von Gabriele Ellerbeck. In Hamburg sei jetzt eine „Monopolstellung“ der Ganztagsschule bei der Betreuung von Kindern am Nachmittag entstanden. „Wenn die Betreuung nicht gut ist, kann ich nicht wechseln“, sagte sie. Eine mangelnde Qualität der Betreuung will sie trotzdem nicht hinnehmen.

„Überraschter“ Schulsenator: Die „freiwillige“ Ganztagsschule und ihre Zukunft

5 Jun

Wer sich in diesen Tagen zum Thema Ganztagsschule auf den Spuren des Schulsenators von Termin zu Termin begibt, hört immer wieder zwei Worte: „überrascht“ und „freiwillig“ So auch bei der Pressekonferenz von Ties Rabe am Dienstag. „Uns überrascht die ungewöhnlich hohe Teilnehmerzahl“, erklärte der SPD Schulsenator. Schulkonferenzen fast aller Grundschulen in Hamburg hätten sich „mit unglaublichem Schwung…sehr klar“ und freiwillig für die Umwandlung in Ganztagsschule entschieden, insgesamt 197 von 204 Grundschulen in Hamburg würden voraussichtlich ab 2013/14 „ein Ganztagsschulangebot haben“.

Weniger „überrascht“ als der Schulsenator sind betroffene Eltern und Schulen. Auch das Wort „freiwillig“ hat für sie einen doppelten Boden. Denn Behörden und Senator hatten im letzten Jahr mit der Ankündigung, Hamburgs Horte bis 2013 zu schließen, alle Eltern, die für ihre Kinder eine Nachmittags-Betreuung brauchten, massiv unter Zeitdruck gesetzt. Die „zeitliche Entschleunigung“ der Ganztags-Schulreform, die in diesem Frühjahr vom Schulsenator eingeräumt wurde und nach der die Horte unter bestimmten Bedingungen noch bis 2015 bestehen können, kam für die allermeisten Eltern und Grundschulen zu spät. Ihre Umwandlung in Ganztagsschulen war schon auf den Weg gebracht, aus Sorge, dass Eltern andernfalls ganz ohne Betreuung für ihre Kinder dastehen könnten.

Die neuen Ganztagsschulen hätten sich in den allermeisten Fällen für ein „freiwilliges Angebot“ entschieden, erklärte Schulsenator Rabe. 45 Prozent der Schüler an insgesamt 63 Ganztagsschulen, die ab August die Ganztägige Bildung und Betreuung, GBS, anbieten, hätten einen Ganztagsplatz von 13 bis 16 Uhr beantragt. Dabei gebe es starke Schwankungen, von 10 Prozent Teilnehmerquote in einer Schule in Wandsbek bis zu einer Teilnehmerquote von 76 Prozent in einer Schule in Winterhude. Die Schwankungen gingen durch alle Stadtteile, unabhängig von sozialen Unterschieden.

Insgesamt 121 Schulen würden bis zum Schuljahr 2013/14 in GBS-Ganztagsschulen mit außerschulischen Trägern umgewandelt, 76 Grundschulen würden Ganztagsschulen in schulischer Verantwortung. Auch die weiterführenden  Schulen würden zu Ganztagsschulen ausgebaut, ab 2013/14 seien 46 von 56 Stadtteilschulen ebenfalls Ganztagsschulen, und auch 27 von 45 Sonderschulen würden bis 2013/14 Ganztagsschulen. Die Gymnasien seien schon seit Einführung des G8 „Ganztagsschulen besonderer Prägung“. Auch dort würden Mittel für den Ausbau von Ganztagsangeboten bereitgestellt, um den Wegfall der Horte für Kinder bis 14 Jahre auszugleichen. Soweit die Zahlen.

Spannend war die Antwort des Senators auf die Frage eines Journalisten, ob er als nächsten Schritt nach Einführung der flächendeckenden Ganztagsschulen deren Umwandlung in gebundene Ganztagsschulen plane.

Der Journalist bezog sich auf die Empfehlung einer neuen Studie der Bertelsmannstifung, die ebenfalls am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Die gebundene, für alle Schüler verbindliche Ganztagsschule biete demnach gegenüber der offenen Ganztagsschule „die besseren Rahmenbedingungen, um jedes Kind individuell zu för­dern“, so Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung. Er widersprach damit allerdings dem Ergebnis einer wissenschaftlichen Studie des eigenen Hauses, die erst vor wenigen Wochen vorgestellt worden war: Offenbar gelinge es auch „Ganztagsschulen bisher nicht, den viel zitierten straffen Zusammenhang zwischen der Herkunft der Schüler und deren Leistung zu entkoppeln”, so das Ergebnis des „Chancenspiegels“ der Bertelsmann Stiftung und des Instituts für Schulentwicklungsforschung (IFS) an der TU Dortmund. http://www.chancen-spiegel.de/downloads-und-presse.html?no_cache=1  und  http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xchg/SID-5B948D67-DE2532A4/bst/hs.xsl/nachrichten_112530.htm.

„ Nein“, antwortete der Schulsenator auf die Frage des Journalisten, “dies sei unsinnig und überflüssig“. Es gebe Menschen, die wollten ganztägig rhythmisierten Unterricht und gebundene Ganztagsschule. Doch das könne genau den gegenteiligen Effekt haben, der Ganztagsausbau komme so nicht in Gang, stattdessen werde es bei Eltern einen „berechtigt Widerstand“ geben. Er wolle aber einen „vernünftigen Ausbau“ der Ganztagsschule, so der Schulsenator.

Widerstand und Misstrauen bei Eltern und Oppositionspolitikern hat Ties Rabe in dieser Frage allerdings selbst ausgelöst, indem er die bisher im Hamburgischen Schulgesetz vorgesehene „Offene Ganztagsschule“ in seinem neuen Schulgesetz ersatzlos gestrichen hat. Das neue Gesetz soll ab August in Kraft treten.  Damit werde das  Recht von Eltern und Kindern auf eine offene, also halbtägige Schule in einer für sie erreichbaren Nähe abgeschafft, so die Kritik der CDU.  Aussagen von führenden SPD Politikern am vergangenen Donnerstag bei einer SPD Veranstaltung zum Thema Ganztagsschule könnten das Misstrauen vieler Eltern bestärken. „Wir machen in Hamburg die Tür weit auf, für die Ganztagsschule“. Das Ziel: “von der Krippe bis zum Abitur ganztägige Betreuung“, das erklärte der schulpolitische Sprecher der SPD Fraktion in der Bürgerschaft, Lars Holster, dort. Und er fügte hinzu, „wir wollen die richtige Ganztagschule“ . also die gebundene Ganztagsschule.  GBS solle noch „nicht das Ende sein“, sondern  „der Anfang“.  

Während Ties Rabe an diesem Abend noch betonte, er setze bei  der Ganztagsschule auf Freiwilligkeit, anstelle der rhythmisierten, gebundenen Ganztagsschule, erklärte dagegen die frühere SPD-Bundesbildungsministerin Edelgard Bulman: Die Erfahrung zeige, wenn ein offenes System gut laufe, dann werde auch das gebundenen System folgen, „das wird auch in Hamburg kommen“ , so die SPD Politikerin,  die 2002 das vier Milliarden-Euro-Investionsprogramm des Bundes für die Einführung von Ganztagsschule gestartet hatte.  Zielsetzung sei die „rhythmisierte Form der Ganztagsschule“.

Ebenfalls Thema der Pressekonferenz mit Ties Rabe: Die Mittel für den Ausbau der Ganztagschule. Für den Ausbau müßte Hamburg  jährlich rund 172 Millionen Euro zusätzlich aufbringen, so die Forderung der Bertelsmansstiftung.  http://www.abendblatt.de/politik/deutschland/article2297784/172-Millionen-Euro-fuer-mehr-Ganztagsschulen-noetig.html

Die bisherigen Horte seien von der Sozialbehörde mit 110 Millionen Euro finanziert worden, plus ca. 10 bis 15 Millionen aus den Gebühren der Eltern. Diese Summe werde nun für die Ganztägige Bildung und Betreuung, GBS, und andere ganztägige Angebote für Schüler bis 14 Jahren, zur Verfügung gestellt, erklärte Ties Rabe. Zwar werde die Zahl der Schüler in der Nachmittagsbetreuung der Schulen um 10 000 auf 30 000 Schüler steigen, erklärte er, die Mittel seien aber trotzdem ausreichend, da die bisherigen Ausgaben für die Gebäude der Horte künftig in den Schulen wegfielen.

Das passt allerdings kaum zu früheren Erklärungen des Schulsenators. Demnach rechneten „Schul- und Sozialbehörde … mit 40.000 Kindern“ in der künftigen Nachmittagsbetreuung in den Grundschulen. http://www.ganztagsschulen.org/13720.php Außerdem entstünden künftig auch in den Schulen durch den Nachmittagsbetrieb zusätzliche Gebäudekosten, ua. für Reinigung, Nutzung und Miete, erklärten betroffene Eltern auf Nachfrage von Kirschsblog. Sie kritisieren die deutliche Verschlechterung der Qualitätsstandards der künftigen Ganztagsschulen im Vergleich zu den Horten. In den Ganztagsschulen gebe es schlechtere Betreuungsschlüssel, es fehle an qualifizierten langfristig beschäftigten  Bezugspersonen, es mangele an eine qualitativ guter Ausstattung mit Sachmitteln, Ruhe-, Kurs- und Toberäumen, Platz zum freien Spiel, sowie Kantinen.

Die Hälfte der im August startenden Ganztagsschulen werde spätestens bis zu den Herbstferien eine Kantine haben,  für die Übrigen werde es mithilfe von Caterern Übergangslösungen, wie Essen in Klasssenräumen oder Pausenhallen geben, so erklärte Schulsenator Rabe abschließend.

Ganztagsschulen: Qualität unklar, Eltern verunsichert, Kantinen-Baustellen überall – aber Senator zelebriert Selbstzufriedenheit“ , so das Resumee der schulpolitischen Sprecherin der FDP Fraktion, Anna von Treuenfels, nach dieser Pressekonferenz.

Ganztagsschule kann für Familien teurer als Hort werden: Die Versprechen des Schulsenators und Berechnungen von Grundschuleltern

10 Mai

Sie sei sprachlos, so eine betroffene Mutter: „Wir zahlen ab Sommer im Monat über € 35,00 mehr für ein schlechteres Angebot – und das wird uns als „kostenlose Nachmittagsbetreuung“ verkauft „ Bis zum Mittwoch nächster Woche sollen Eltern von 50 Grundschulen, die ab August in Ganztagsschulen mit ganztägiger Bildung und Betreuung (GBS)  umgewandelt werden, ihre Anträge auf Teilnahme am Ganztag der Grundschulen abgeben. Die betroffene Mutter hat sich nach den Informationen und Gebührentabellen von Schulsenator und Behörde ausgerechnet, was ihre Familie künftig für die Nachmittagsbetreuung an der Schule zahlen sollen.  Was sie sprachlos macht:

„In der künftigen Ganztägigen Bildung und Betreuung an den Grundschulen zahlt niemand mehr als im Hort“, so hat Schulsenator Ties Rabe immer wieder versprochen. Nach der Umwandlung aller Hamburger Grundschulen in Ganztagsschulen und der Abschaffung aller Horte werde die Nachmittagsbetreuung von 13 bis 16 Uhr werde  kostenlos sein, nur die Mittagessen müssten bezahlt werden. Gebühren werde es nur für die Spät und Frühbetreuung vor 8 und nach 16 Uhr  und  für die Betreuung in den Ferien.  Sollte  in einem Einzelfall“ doch jemand mehr als im Hort bezahlen, „dann gibt es das Geld von uns zurück.“ , so das Versprechen des Senators. https://kirschsblog.wordpress.com/2012/02/13/nach-der-gruppengrose-wurde-nicht-gefragt-schulsenator-stellt-ergebnis-einer-befragung-von-gbs-pilostschulen-und-neues-gebuhrensystem-gestellt/   und  http://www.mopo.de/politik/die-neue-gebuehrentabelle-ist-da-so-viel-kostet-die-ganztagsschule,5067150,11632148.html

Was die Berechnungen der betroffenen Mutter für Nachmittagsbetreuung an ihrer Schule ergaben:

Die Betreuung zwischen 13 und 16 Uhr sei zwar künftig wirklich kostenlos. Aber das Mittagessen „schlage mit 3,50 Euro zu Buche – und ist (im Gegensatz zu den bisherigen Betreuungskosten) nicht von der Steuer absetzbar“, so die Mutter. Ihre Rechnung. Bei 230 Tagen, die Wochenenden und „großzügig“ sechs Wochen Ferien abgezogen, ergibt das

805 Euro im Jahr.

Teuer werde aber vor allem die Ferienbetreuung. Jede Woche koste 90 Euro. Und – was viele Eltern zusätzulich aufregt, der Bedarf für das Schuljahr 2012 und 13 ist jetzt schon bei der Anmeldung festzulegen. „Wir rechnen hier optimistisch damit, dass wir neben den drei Wochen Schliesszeit des Hortes weitere drei Wochen andere Lösungen finden; bei insgesamt 12 Wochen Schulferien im Jahr bleiben dann sechs Wochen Ferienbetreuung…. Also insgesamt 540 Euro im Jahr“. Ihre Gesamtkosten für ein Schuljahr: 1345 Euro im Jahr.

Im Monat ergibt das 112 Euro.

Dagegen rechnet diese Mutter ihre derzeitigen Betreuungskosten für den Hort vor:

Sie zahlt derzeit für die Nachmittags-Betreuung im Hort bis 15 Uhr 77 Euro.

Das ist der Höchstsatz für zwei Stunden Betreuung und beinhaltet Mittagessen und Ferienbetreuung inklusive. Die gesamten Kosten kann die Familie ausserdem „steuerlich geltend machen“.

Insgesamt zahlt diese Familie also für die Ganztagsschule mit GBS 35 Euro mehr pro Monat als vorher im Hort.

Sie benötigt nur zwei Stunden Betreuung am Nachmittag, bei GBS soll diese „Flexibiltät“ der Abholzeit künftig auch möglich sein. Doch selbst bei drei Stunden Hortbetreuung wären, so die Zahlen des „Bildungsberichts 2011“ der Schulbehörde, die monatlichen „Leistungsentgelte für Horte im  Kita-Gutschein-System“ mit 87 Euro pro Monat noch 25 Euro niedriger,  als bei einer dreistündigen Betreuung in der Ganztagsschule mit GBS nach den von Ties Rabe und Schulbehörde vorgesehenen Gebühren. (http://www.bildungsmonitoring.hamburg.de/index.php/file/download/1606)

Was diese Mutter besonders empört, die Rahmenbedingungen bei GBS sind deutlich schlechter als in den Horten. Das betriff ua. den Betreuungsschlüssel: Künftig soll 23 Kinder von einem Erzieher betreut werden, in sozialen Brennpunkten 19. Im Hort der Betreuer Kind Schlüssel betrug vorher dem amtlichen “ Bildungsberichts 2011″ zufolge  für drei Stunden Hort 13,87, demnach wurden rund 14 Kinder im Durchschnitt von einem Erzieher betreut. Auch die übrigen Rahmenbedingungen für GBS werden von Eltern seit Bekanntwerden der Details massiv kritisiert:  Das Fehlen von pädagogischen Fachkräften und festen Bezugspersonen,  fehlende Ruhe- oder Gruppen- Räume. Spiel- und Tobe -Flächen, mangelhafte Raum-Ausstattung, fehlende Kantinen und unzureichenden Ausbaupläne, bei denen Essen nur unter Raum- und Zeitmangel möglich ist, fehlende Produktionsküchen für frisch zubereitetes Essen, die Einschränkung von Freiräumen am Nachmittag für Kinder und Familienzeit, zB. für Eltern in Schicht- oder Teilzeit oder für die Nutzung von Jugendhilfeangeboten.

Empörung löste bei Eltern am Donnerstag auch die von Ties Rabe vorgesehene Regelung aus, dass Eltern mit niedrigeren Einkommen für Zuschüsse zum Mittags-Essenspreis eine detaillierte Einkommensteuererklärung abgeben müssen, die auch die Lieferanten des Schulessens erhalten sollen. „Schulen informieren Firmen über Eltern-Einkommen“, titelte gestern das Abendblatt, demzufolge 30.000 Schüler davon betroffen wären. http://www.abendblatt.de/hamburg/article2272084/Schulen-informieren-Firmen-ueber-Eltern-Einkommen.html

Nachdem sie die Mehrkosten von 35 Euro für die GBS Betreuung ausgerechnet hatte, erinnerte sie sich an das Versprechen des Senators, diese Mehrkosten zurückzuerstatten. Sie fragte beim Schulamt nach. Was man ihr dort mitteilte, machte die Mutter erneut sprachlos. Der Fall einer zweistündigen Nachmittagsbetreuung sei nicht vergleichbar mit der dreistündigen bei GBS, die Rückerstattung sei nur für eine dreistündige Betreuungszeit am Nachmittag vorgesehen, die Mehrkosten würden deshalb nicht erstattet. Außerdem: Bei dreistündiger Betreuung wäre GBS billiger.

 „Keiner zahlt mehr“: heißt es in der betreffenden Passage der amtlichen „Mitteilungen des Senats an die Bürgerschaft zur Weiterentwicklung von ganztägigen Angeboten an Schulen“ in der Drucksache 20/3642 vom 27.3.2011. „Ein „Ausgleich etwaiger Gebührenmehrbelastungen im GBS System“ ist darin ausdrücklich vorgesehen, eine Einschränkung in punkto Stundenzahl wird nicht erwähnt.  Allerdings taucht dort eine andere Einschränkung auf, die die Eltern beunruhigt:

„Die Ermäßigung wird maximal bis zur Höhe des zuletzt im Gutschein angesetzten Hortbeitrags gewährt. Zur Ermittlung der höheren Gebühr wird die von den Eltern nachgewiesene durchschnittliche Essensbuchung herangezogen, heißt in den Senatsmitteilungen. https://www.buergerschaft-hh.de/Parldok/Cache/AD626126BAF4C8C08D0107A0.pdf

Wer Rückzahlungen beantragen will, braucht demnach einen Kita-Gutschein des bisherigen Hortbeitrags. Die Sorge der Eltern: Kinder, die vorher keinen Hort besucht haben, und das werden schon bald alle Grundschüler sein, hätten demnach keinen Anspruch auf Rückzahlungen, wenn GBS teurer wird als die bisherigen Horte. Sie gingen dann leer aus: Das Versprechen „keiner zahlt mehr“ des Schulsenators wäre mit dieser Einschränkung schon in absehbarere Zeit wertlos.

 Nachtrag: Massive Kritik äußern die Eltern auch an der Informationspolitik von Senator und Schulbehörde. Während die Antragsfrist bald abläuft, bleiben viele Fragen offen. Nur ein Beispiel: Wie sollen Eltern bei der Anmeldung im August wissen, wann und vieviel Ferien sie im kommenden Jahr machen können, was ist, wenn sie weniger Ferienbetreuung benötigen als geplant,  bekommen sie das Geld zurück? Und was ist, wenn Eltern mehr Ferienbetreuung benötigen als ursprünglich geplant.

Ja“ zur Inklusion, aber „so geht es nicht“: Kritik am Ressourcenmangel bei der Anhörung im Schulausschuss

26 Apr

Ein Beispiel machte deutlich, worum es geht: Ein Junge, der in anderen Schulen immer wieder durch störendes Verhalten aufgefallen war, sei schließlich an ihre Schule gekommen, erklärte eine Lehrerin einer Förderschule. Der Junge sei vermutlich hyperaktiv, so die die Erklärung aus den vorherigen Schulen! Doch das erwies sich als Fehldiagnose. Was die fachliche Diagnose tatsächlich ergab: Der Schüler hatte eine Hörverarbeitungstörung. Mit dieser Diagnose konnte ihm gezielt geholfen werden und es sei  ihm danach gelungen, dem Unterricht zu folgen – ohne zu stören. Ein Beipiel, wie wichtig die fachlich-spezialisierte Arbeit von Sonderpädagogen für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf ist. Genau hier setzte der Kritik der rund 250 versammelten Lehrern, Sonderpädagogen, Schulleiter und Eltern an, die zur öffentlichen Anhörung des Schulausschusses der Bürgerschaft am Dienstag abend in die Handelskammer gekommen waren.

„Ich fürchte, meinem Erziehungs- und Bildungsauftrag nicht mehr gerecht werden zu können“, brachte es eine Lehrerin einer Stadtteilschule auf den Punkt. „Inklusion finde ich wunderbar, aber so kann es nicht gehen“, sagte ein Sozialpädagoge einer Ganztags -Stadtteilschule in einen Sozialem Brennpunkt-Stadtteil. Die Redner bei dieser Anhörung  blieben meist ruhig und sachlich, doch in ihrer Kritik am Inklusionskonzept von Schulsenator Ties Rabe waren sich alle einig: Die Ressourcen, also die Fördermittel für die Inklusion reichen nicht aus , so fasste Johannes Kaustenbach, Leiter der Stadtteilschule Niendorf die Kritik zusammen.  

Stein des Anstoßes ist die Drucksache 20/3641. In ihr sind die Rahmenbedingungen festgeschreiben, die Schulsenator Rabe für die „Inklusive Bildung an Hamburgs Schulen“ künftig vorsieht. Damit wird im Detail geregelt, wie der 2009 geänderte Paragraph 12 des Hamburgischen Schulgesetzes umgesetzt werden soll, wonach „Kinder und Jugendliche mit sonderpädagogischen Förderbedarf“ fortan das Recht haben, allgemeine Schulen zu besuchen und gemeinsam mit allen Schülern dieser Schulen unterrichtet und gefördert zu werden. Senatsdrucksache 20/3641 „Inklusive Bildung an Hamburgs Schulen“

Die Kritik richtete sich besonders gegen das sogenannte „systemische Fördermodell“. Künftig sollen demnach nicht mehr dem einzelnen Kind, sondern der Schule pauschal die sonderpädagogischen Fördermittel und Ressourcen zugerechnet werden. Errechnet werden diese Fördermittel und Ressourcen auf der Grundlage einer angenommenen Quote von fünf Prozent Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf pro Jahrgang. Als weiterer Berechnungs-Faktor kommt noch die soziale Lage (Sozialindex) der Schule hinzu, unterteilt nach den sogenannten Kess-Gebieten. Dieses systemische Fördermodell nach Quote und Kessfaktor sei „nicht transparent“ und führe zu „Ungerechtigkeiten“. „Wir machen uns Sorgen, dass die Ressourcen an den Schulen nicht reichen“, erklärte Johannes Kaustenbach, und warnte, dies könne „eine Gefahr für die Inklusion“ werden.

Die pauschale Form der Zurechnung der Ressourcen werde der Situation an ihrer Schule mit 17 Anmeldungen von Kindern mit Förderbedarf bei insgesamt 60 Anmeldungen nicht gerecht. Das rechnete auch eine Vertreterin der Geschwister Scholl Stadtteilschule vor. Das ist „mit systemischer Ressource nicht zu wuppen“.

Seit 30 Jahren gebe es in Hamburg nunmehr schon integrative Beschulung. Hamburg sei dafür weit und breit gelobt worden, erklärte Stefan Romey von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, GEW und Mitglied im Beirat Inklusion. Doch mit dem neuen Inklusionskonzept des Schulsenators würden die Mittel zur Förderung erheblich reduziert.  Im Vergleich zu den bisher bestehenden „Integrativen Regelklassen“ seien 60 bis 70 Prozent der Mittel gestrichen, im Vergleich zu den „Integrationsklassen“ seien 20 bis 40 Prozent der  Ressourcen gestrichen. Was das  Inklusionskonzept des Schulsentors künftig in der Praxis bedeutet, erläuterte er am Beispiel einer vierzügigen Grundschule mit zwei Vorschulklassen, die demnach künftig mit einem Sonderpädagogen und einem Sozialpädagogen nur noch für 13 Prozent des Unterichts eine Doppelbesetzung von Lehrer und Sonderpädagogen oder Sozialpädagogen haben werde. Zwar gebe es einen Sonderpädagogischen Förderplan, aber „real sollen die Allgemeinpädagogen den Prozess allein wuppen“. Die pädagogische Ausstattung der jetzigen  IR Klassen mit Doppelbesetzungen sollte auch künftig bei der Inklusion die Regelausstattung sein, betonte auch ein Vater vom Elternrat der Joseph Schröder Schule.

Enno Bormfleth vom Verband Sonderpädagogik (VDS) kritisierte die vom Senat geplanten „künftigen personellen Ressourcen zur sonderpädagogischen Förderung“. Nach den Plänen von Schulsenator Rabe sollen künftig neben Sonderpädagogen auch Sozialpädagogen und Erzieher im Verhältnis 40 zu 60 Prozent die sonderpädagogische Förderung an den Regelschulen übernehmen. Dieser „Professionenmix“ mache in dieser Höhe „keinen Sinn“, erklärte Enno Bormfleet, der die Ganztagsförderschule Bindfeldweg leitet.  Kritik äußerte er auch an der geplanten Unterteilung  in zwei Förderungsarten. Es werde ein „geringere, gedeckelte“ Förderung für den „sonderpädgogischen Förderbedarf Lernen, Sprache, sowie soziale und emotionale Entwicklung“, LSE, geben und eine „höhere“  personenbezogene Förderung für Schüler mit dem „Förderbedarf im Bereich Sehen, Hören, Kommunikation, geistige, körperliche und  motorische Entwicklung und Autismus“, dem sog. „Speziellen Förderbedarf“. Damit werde deren „Gleichwertigkeit aufgehoben“ und es werde eine Unterteilung vorgenommen in „weniger Behinderte“ und „wahre Behinderte“, kritisierte der Sonderpädagoge des VDS.

Grundlage für jede Art von sonderpädagogischer Förderung sei die „Fachlichkeit“, betonte Sonderpädagogin Christine  Leites von der Deutschen Gesellschaft für Sprachheilpädagogik e. V. Die fachspezifische Förderung überfordere Allgemeine Pädagogen. Sonderpädagogen müssten entscheiden, welche Förderbedarf vorliege, doch dafür gebe es keine Zeit. Beim einzelnen Kindern komme am Ende künftig weniger sonderpädagogische Förderung an.  Hinzu komme, dass Kinder mit Sprach-, Lernbehinderung und Schweren Verhaltensstörungen aus dem „Behinderungsbegriff“ herausgenommen worden seien. Mit der neuen Bezeichnung „Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf in den Bereichen Lernen oder Sprache oder sozial-emotionale Entwicklung“ (LSE)  würden diesen Kindern jetzt einklagbare Ressourcen weggenommen, Eltern und Sonderpädagogen könnten nichts mehr einfordern, speziell auch bei Kindern mit Sprachförderungsbedarf.

Besonders  skandalös sei, dass die Sprachförderung an den Sonderschulen künftig gestrichen sei, kritisierten zwei andere Sonderpädagogen später in diesem Zusammenhang, und zwar gerade dort, wo die Sprachförderung am meisten gebraucht würden. Eine Partei werde nicht christlich durch ein „C“ im Namen, eine Partei werde aber auch nicht sozial, nur weil sie ein „S“ im Namen trage, so erklärte ein Sonderpädagoge und erhielt dafür heftigen Applaus.

Der Elternratsvertreter der Joseph Schröder Schule wies schließlich noch auf die häufig unzureichende räumlich technische Ausstattung von Schulen hin.  Es könne nicht angehen, dass es für Rollstuhlfahrer nur eine Toilette und ein ausreichend niedriges Waschbecken gebe, oder dass der Lichtschalter einfach zu hoch angebracht sei. Jens Fricke von der Gemeinschaft der Elternräte der Stadtteilschulen sprach den Plan von Schulsenator Rabe an, dass auch Gymnasien  Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf übernehmen sollen. Die Gymnasien müssten die Hälfte der Kinder nehmen, so Jens Fricke, „ungeachtet der Schullaufempfehlung“, und „ohne Abschulungs-Gelegenheit“.

Sie mache sich Sorgen um die Kollegien vor Ort, erklärte Regina Tretow vom Gesamtpersonalrat Schule in der Schulbehörde. Seit Beginn der Inklusion steige der Krankenstand der Lehrer in Grund-, Stadtteil – und Sonderschulen. Sie forderte konsequente Doppelbesetzung im Unterricht. Doch selbst die jetzt geplanten Doppelbesetzungen seien nicht gesichert, im Krankheitsfall stehe kein Ersatz zur Verfügung, „viele Doppelbesetzungen werden ausfallen“. Wie  andere Redner bei dieser Anhörung forderte sie außerdem zusätzliche Koordinationszeiten für Absprachen zwischen den beteiligten Pädagogen. Ohne Absprache  werden man die „Kinder nicht fördern können, wie wir es wünschen.“

Viele Kinder seien an einer kleinteiligen Sonderschule besser aufgehoben, erklärte ein Sonderpädagoge und Vater eines Kinders mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Es gebe Schüler, die mit dem Druck einer anderen Schule nicht „klar kommen“,  die keine großen Schulen ertragen, und kleine Gruppen brauchen. Die Förderschulen würden nun aufgelöst, doch er hoffe, dass Schulen für diese Kinder weiterbestehen blieben.

Was wir nicht haben, ist Zeit, so ein Sozialpädagoge der STS Mümmelmannsberg.  „Es  fehlt an menschlicher Zuwendung,  jedes Kind möchte beachtet werden, wenn es nicht passiert, dreht unter Umständen die ganze Klasse durch“. Zwar sei vorgesehen, dass auch Sozialpädagogen künftig für die sonderpädagogische Förderung zuständig seien, doch nirgendwo stehe geschrieben, was die Sozialpädagogen künftig machen sollten, wofür sie zuständig sein sollen. „Bisher werden wir verheizt“,  zum Windelwechseln dort, zur Unterrichtsvertretung da. „Inklusion finde ich wunderbar, aber so geht es nicht“ (so).

„Erstens, Inklusion ist ein gutes Ziel. Zweitens, die Ressourcen reichen nicht aus“, so das Resumee von Schulleiter Johannes Kaustenbach, mit dem er die Anhörung aber nicht beenden wollte. Sein Vorschlag:  Die Abgeordneten des Schulausschusses sollten parteiübergreifend einen Appell an den Finanzausschuss der Bürgerschaft  richten, „einen nennenswerten Betrag zum Gelingen der Inklusion zur Verfügung zu stellen“. Das wäre ein wichtiges Signal!