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Falsche Inklusionszahlen des Schulsenators – Demonstration: „Inklusion braucht mehr“ am 26. Januar

18 Jan

Nun steht fest: Ties Rabes Inklusionszahlen waren falsch. Die Fördermittel für die Inklusion, die er Hamburgs Schulen in den letzten zwei Jahren zugestanden hat, waren viel zu niedrig.

Der Schulsenator hat nun nach heftigen Druck in der Öffentlichkeit die Ergebnisse von Viertklässler-Gutachten offengelegt. Statt bei 4 Prozent besteht demnach bei 6,6 Prozent der Schüler sonderpädagogischer Förderbedarf. Demnach werden mindestens 350 mehr Pädagogen als bisher gebraucht.
Eine „Gewaltige Blamage für Ties Rabe (SPD). „, so brachte die Hamburger Morgenpost diese Ergebnisse auf den Punkt: „Seit Jahren tönt der Bildungssenator, dass Hamburgs Schulen deutlich weniger Problemkinder haben, als die Lehrer behaupten. Immer schwang dabei mit, dass die Schulen sich nur zusätzliche Stellen ergaunern wollen. Jetzt stellen Gutachten aus seiner Behörde klar: Der Förderbedarf liegt etwa 70 Prozent über Rabes Berechnung!“
http://www.mopo.de/politik/problemkinder-gutachten-blamage-fuer-hamburgs-bildungssenator-ties-rabe,5067150,29516148.html

Die Förderzeiten wurden im Vergleich zum damaligen Intergrationsmodell nach Angaben von Fachleuten mit der Einführung des neuen Inklusionskonzeptes des Schulsenators dagegen um bis zu 70 Prozent gekürzt. Doch selbst mit zusätzlichen Lehrern ist eine sonderpädagogische Förderung wie in der früheren Kombination von Förderschulen und Integrationsklassen allein nicht  möglich. Wichtigste Forderung der  Kritiker des Inklusionskonzeptes des Schulsentors ist die Einstellung von mehr Sonderpädagogen. Es müsse außerdem sichergestellt werden, dass  „die jeweilige sonderpädagogische Fachrichtung zu dem jeweiligen sonderpädagogoischen Förderbedarf passt.“

Das „Hamburger Bündnis für schulische Inklusion“, ein Bündnis von 10 Fachgruppen und Institutionen aus dem Bereich der Inklusion und die GEW haben deshalb zu einer Demonstration am 26.12015 aufgerufen. Ihre Forderung:Inklusion braucht mehr – mehr Personal, mehr Räume, mehr Sachmittel“: Start ist 17 Uhr am Dammtorbahnhof.

Hier der Link mit den Details: https://www.gew-hamburg.de/termine/demo/2015-01-26/demonstration-inklusion-braucht-mehr-mehr-personal-mehr-raeume-mehr-sachmitt

 

GBS REVISITED: Enttäuscht – empört – verzweifelt – Wieder heftige Elternproteste gegen Ties Rabes Ganztags-Schul-Reform

15 Apr

„Ich bin wütend und verzweifelt und für jede Empfehlung dankbar“,  schreibt Eva Landmann, Mutter einer siebenjährigen Tochter. „Es brennen mir einige Fragen auf der Seele, die mir in der Schule niemand beantworten kann. Die GBS-Hotline war auch in keinster Weise hilfreich. Dort sagte mir die Behördenmitarbeiterin am Telefon, sie sei für GBS nicht geschult und könne mir meine Fragen nicht beantworten.“

Vor einem Jahr, vor der Umwandlung von 50 Hamburger Grundschulen in  Ganztagsschulen mit Ganztägiger Bildung und Betreuung (GBS), gab es bei Eltern heftige Kritik an der Umsetzung und am Tempo der Ganztagsschul-Reform von SPD Schulsenator Ties Rabe. Kirschsblog hatte ausführlich darüber berichtet.  In diesem Sommer sollen 70 weitere Grundschulen zu Ganztagsschulen umgewandelt werden und die Stimmung unter den Eltern hat sich nicht gebessert. Es gibt erneut heftige Kritik. Ties Rabes Ganztags-Grundschul-Reform soll mit den 70 neuen Schulen im August  abgeschlossen sein – fast alle 204 Grundschulen werden dann Ganztagsschulen sein, zumeist in der offenen Form mit GBS. Doch die heftige Kritik der Eltern klingt in diesen Tagen fast genau wie vor eineinhalb Jahren.

Eva Landmann ist alleinerziehende Mutter einer siebenjährigen Tochter in der Grundschule Forsmannstraße. Sie ist voll berufstätig und muß bis 17 Uhr arbeiten. Ihre Tochter,  die bislang nachmittags im Hort ist, muss nun nach Ties Rabes Ganztags-Schulreform zur ganztägigen Betreuung (GBS) wechseln.

Der Grund für Evas Verzweiflung: „Ich habe bislang einen Hort-Gutschein für eine 5-stündige Hortbetreuung bis 18 Uhr und zahle dort 95,00 € monatlich“,  schreibt sie. „Der Online-Gebührenrechner für GBS hat mir nun … ausgerechnet: Wenn ich die Spätbetreuung bis 18 Uhr buche + Mittagsverpflegung + 10 Wochen Ferienbetreuung + Sockelwoche zahle ich jetzt bei GBS  summa summarum 159,38 € monatlich – d. h. unglaubliche 64,38 € mehr als im Moment.“

Erst von Oliver Hilgers, Elternvertreter und Gebührenspezialist im Landeselternausschusses Kindertagesbertreuung  (LEA), bekommt sie eine klare Antwort: Sie muss diese Summe von 64, 38 Euro monatlich 1 Jahr in Vorleistung“ zahlen und kann dann nach der „Keiner zahlt mehr als im Hort“-Regelung per Antrag eine „Rückerstattung“ bekommen. Das Antragsformular existiert noch nicht.

Macht fast 800 Euro im Jahr mehr als im Hort –  zuviel für Eva Landmann: „Ich habe meinen Antrag drastisch reduziert – nämlich statt der Betreuung bis 18 Uhr nur bis 17 Uhr – und statt elf Ferienwochen nur vier … Jetzt kann ich sehen,  wie ich klarkomme (zahle so „nur noch“ 2,50 € mehr als im Moment). Ich kann einfach nicht ein Jahr lang 800 € vorschießen.“

Kein Einzelfall, so die Kritik vieler  Eltern. In einer öffentlichen Fragestunde des Jugendhilfeausschuss im Bezirk Wandsbek in der letzten Woche konfrontierten sie den Vertreter der Schulbehörde, B. Oldenburg, mit Kritik und Fragen.

Keiner zahlt mehr als im Hort?

„Keiner zahlt mehr“ als im Hort, dieses Versprechen von Schulsenator Ties Rabe für die Gebühren der Ganztagsbetreuung in der Schule „stimmt gar nicht“, erklärte Farahnaz Bergmann stellvertretend für viele andere Eltern. Es sei keineswegs selten der Fall, dass Eltern für GBS mehr zahlten als für die Hortbetreuung, das bestätigen auch andere Eltern. Das gelte für alle Stufen der nach Einkommen gestaffelten GBS Gebühren. So werde auch die Gebühr von 207 Euro für Höchstzahler überschritten, die eigentlich als maximale Obergrenze für Höchstzahler festgelegt sei, wenn man alle Ferienzeiten und Mittagessen bucht, erklärte Farahnaz Bergmann. Sie selbst müsse aber alle Ferienzeiten buchen, denn zum Zeitpunkt der Anmeldung für das gesamte nächste Schuljahr (die Frist lief bis zum 30.März)  könne sie in ihrer Arbeit nicht planen, wann sie genau in nächsten Schuljahr in Urlaub gehe. Sie habe für ihre Tochter erst einmal alles gebucht.

„Sollten tatsächlich in wenigen Fällen … höhere Elternbeiträge“ als im Hort anfallen „wird die Schulbehörde die Differenz erstatten“, so hatte dagegen in der letzten Woche Schulsenator Rabe in einer Presseerklärung  nach einem der Treffen des „Runden Tisches“ melden lassen,  an dem Vertreter der Schulbehörde und Senator Ties Rabe mit Vertretern von Elternkammer und Landeselternausschuss (LEA) die Kritik der Eltern vorgetragen hatten. http://www.hamburg.de/bsb/bsb-pressemitteilungen/3922392/2013-04-11-bsb-gnaztagsausbau-schulen.html

Doch die Zusage des Senators, zuviel gezahlte Gebühren zurückzuzahlen, sorgt für Ärger und Verunsicherung bei den Eltern. Viele Eltern wüssten gar nicht, dass es eine Rückerstattung gebe, erklärte auch Anja Quast, Fraktionsvorsitzende der SPD im Bezirk Wandsbek. Eltern müssten viel besser informiert werden. Da fehle ein wichtiger Baustein, die Kommunikation zwischen Eltern, Kitaleitern und Lehrern müsse dringend verbessert werden. Denn „wer es nicht weiß, der wird sich auch nicht melden.“

Rückerstattung von Gebühren

Hinzu kommt, dass die Gebühren erst nach Ablauf des ganzen Schuljahres rückerstattet werden. „Ich finde es nicht gut, wozu soll ich denn erst einmal alles bezahlen? Und an welchem Tag soll ich dann kommen, um es zurück zu bekommen. Welche Unterlagen soll ich mitbringen?“, fragte Farahnaz Bergmann empört.

Vorher zahlen und hinterher zurückzahlen sei nicht „sozial verträglich“, erklärte Claudia Folkers von der CDU Fraktion und bezog sich damit auf Eltern, die wie Eva Landmann diese Summen für die Vorfinanzierung der Gebühren gar nicht aufbringen können. Die Kosten der Ferienbetreuung müssten reduziert werden, die Anträge seien außerdem viel zu kompliziert, kritisierte ein Vertreter eines „Freien Trägers“ der GBS-Nachmittagsbetreuung. In sozialen Brennpunkten, in denen Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen eigentlich auf die Nachmittagsbetreuung angewiesen seien, würden nur 10 bis 12 Prozent der Kinder an der Ferienbetreuung teilnehmen, denn das Ganze sei vielen zu teuer, zu kompliziert und nicht flexibel genug. Viele Familien seien mit dem Prozedere der Anmeldung, den vielen unterschiedlichen Formularen und der langfristigen Planung überfordert.

Die Rückerstattung könne erst am Jahresende erfolgen, weil erst nach dem Schuljahr alle Ausgaben, die Gebührenscheine und die Abrechnungen der Caterer für die Berechnung vorlägen. Geben Sie uns für die Organistation der Rückerstattung noch „ein paar Wochen“, bat Herr Oldenburg von der Behörde.

Ausstattung bei GBS und Hort auf gleichem Niveau?

„Die ganztägige Betreuung an den Schulen (GBS) werde auf dem gleichen Ausstattungsniveau stattfinden wie die bisherige Hortbetreuung“, so die Erklärung von Schulsentor Rabe nach dem Treffen des Runden Tischs zum Thema GBS in der vergangenen Woche. http://www.hamburg.de/bsb/bsb-pressemitteilungen/3922392/2013-04-11-bsb-gnaztagsausbau-schulen.html

Doch die Eltern sehen das ganz anders als der Schulsenator:  In ihren Fragen kritisierten sie auch den Personalschlüssel der GBS. Der Schlüssel von einem Betreuer für eine Gruppe von 19 bzw. 23  Kindern sei schlechter als im Hort, es würden außerdem Hilfskräfte ohne  pädagogische Qualifikation eingesetzt, so Farahnaz Bergmann. Kritische Fragen gab es auch zu den Problemen beim  Mittagessen, zu den Warmhalteküchen und zum Raummangel. So gibt es Schulen, in denen ab August über 100 bis 150  Kinder an GBS teilnehmen werden, die aber keine entsprechenden Kantinen oder viel zu kleine Kantinen haben. Um- und Ausbauten von Kantinen sollen noch bis 2015 oder sogar bis 2017 dauern, in einem Fall ist noch gar kein Termin für einen Umbau bekannt, kritisierten die Eltern.

Ganz unbegreiflich sei für sie, dass Kinder bei der Ganztagsbetreuung keine Zwischenmahlzeit erhalten, erklärte  Farahnaz Bergmann im Ausschuss. „Ich verstehe nicht, dass es dafür kein Budget gibt. Ein Kind ist doch immer noch ein Kind, die brauchen das!“.

Das sei eine politische Entscheidung erklärte Herr Oldenburg von der BSB, im Übrigen sei vieles der „Systemumstellung geschuldet“ und das „sei eine Sache“, die müsse „man in Kauf nehmen“. Das zusätzliche „pädagogische Budget“ für die GBS könne aber dazu beitragen, den Personalschlüssel zu senken, erklärter er. Außerdem würden „Leute auf Honorarbasis“ Kurse anbieten oder mit den Kindern lesen. Alle Betreuungsbereiche hätten aufgrund des Kitaausbaus im Moment außerdem Probleme, genügend Erzieher zu finden, erklärte Oldenburg.

Kritische Fragen der Eltern betrafen auch das inhaltliche Angebot von GBS. Es wurde gefragt, ob die Schulbehörde überhaupt wisse, was da von wem in welcher Qualität angeboten werde. Zusatzangebote, so die Kritik weiter, seien außerdem kostenpflichtig, es sei ein falscher Ansatz, dass sogar Fußball Geld koste.

Eltern: „Unausgegoren und zu kompliziert“

„Völlig unausgegoren und viel zu kompliziert für alle Beteiligten“, so bringt Eva Landmann die Kritik vieler Eltern an der Ganztagsreform und Umsetzung von GBS auf den Punkt. Hinzukommt, es gibt keine Alternativen mehr, fast alle Horte werden am Ende dieses Schuljahres abgeschafft.

Kritik und Fragen der Eltern finden sich im 10-Punkte-Nofall-Paket wieder, dass die Elternkammer und der Landeselternausschuss (LEA) für Kindertagesbetreuung Schulsenator Ties Rabe beim Treffen des Runden Tisch in der letzten Woche überreichten. Neben dem beschleunigten Kantinenausbau werden darin u.a. Ruhe-, Bewegungs- und Kursräume gefordert, außerdem mehr Geld und Personal für die Information über GBS, ein Konzept mit qualitativen Mindeststandards, mehr Elternmitwirkung oder zusätzliche Mittel für die Inklusion.

Noch umfangreicher ist eine Liste Deutsche Kinder- und Jugendstiftung mit 23 Punkten, die aus der Sicht von Kindern beschreiben, was Ganztagsschule bieten sollte. Z.B. Punkt 17: „Die Mittagspause ist lang genug, um mich auszutoben, zusammen mit Freunden oder allein etwas zu machen, was Spaß macht, oder mich zurückzuziehen, mich mit meinem Hobby zu beschäftigen, zu lesen, ein Musikinstrument zu spielen oder ein Kunststück einzuüben, am Computer zu arbeiten oder miteinander etwas „Richtiges“ zu machen.

Schön klingt auch Punkt 19: Es gibt auf dem Schulgelände und im Schulhaus genug Platz und Gelegenheiten, um mit anderen zu spielen, Sport zu treiben, Kunststücke zu üben oder zu experimentieren. Es stehen Sport- und Spielgeräte zur Verfügung, es gibt Klettermöglichkeiten, Bereiche, in denen man bauen und gestalten kann, aber auch Verstecke, geheime und ruhige Ecken“. http://www.ganztaegig-lernen.de/sites/default/files/23_Thesen.pdf

Doch bis Hamburgs Ganztagsschulen das bieten, ist es noch ein weiter Weg. Ties Rabe weist rigoros alle Forderungen zurück: „Es ist schon ein großes Vorhaben die Zahl der Ganztagsschulen in drei Jahren um 50 Prozent zu steigern, wir sollten diesen ehrgeizigen Plan jetzt umsetzen und nicht ständig mit neuen Zusatzforderungen erschweren“. http://www.hamburg.de/bsb/bsb-pressemitteilungen/3922392/2013-04-11-bsb-gnaztagsausbau-schulen.html

Bleibt schließlich eine Frage: Was passiert, wenn es keine Horte und Kita-Gutscheine mehr gibt? Erlischt damit für die GBS-Gebühren auch die „Keiner zahlt mehr als im Hort-Regelung“? Das würde bedeuten, Eva Landmann und alle Eltern, die für GBS höhere Gebühren zahlen als für die Betreuung im Hort, bekommen kein Geld mehr rückerstattet. Sie müssen dann mehr zahlen. Wie sagte es eine Mutter am 10 Mai – fast genau vor einem Jahr: „Wir zahlen ab Sommer im Monat über € 35,00 mehr für ein schlechteres Angebot – und das wird uns als „kostenlose Nachmittagsbetreuung“ verkauft!“

https://kirschsblog.wordpress.com/2012/05/10/die-versprechen-des-schulsenators-grundschuleltern-rechnen-nach-ganztagsschule-kann-fur-familien-teurer-als-hort-werden/

„Wir erwarten 170 Kinder, die essen sollen, aber wir wissen nicht, wo!“ – GBS/GTS Vernetzungstreffen und Anhörung in Schul- und Sozialausschuss

15 Nov

Erstaunlich,  wie unterschiedlich innerhalb einer Woche in Hamburg zweimal über dasselbe Thema gesprochen wurde, die Umwandlung aller Hamburger Grundschulen in Ganztagsschule: Zum Einen in Schulen mit Ganztägiger Bildung und Betreuung (GBS) mit außerschulischem Partner und zum Anderen in Ganztagsschulen in schulischer Verantwortung (GTS).

Frei und offen hatten fast 50 Eltern vor einer Woche beim achten GBS/GTS Vernetzungstreffen des Landeselternausschusses Kitabetreuung (LEA)  – ohne Senator und Presse  –  über zwei Stunden lang die Mängel der neuen Ganztags- und GBS Schulen kritisiert.  Es ging um Verschlechterungen im Vergleich zu der bisherigen Betreuung in Horten,  z.B. beim Betreuungsschlüssel, die schleppende Umbauten und fehlende Räume wurden bemängelt, es gebe Baulöcher aber noch lange keine Kantinen, so die Eltern und es wurde deutlich, wie groß der Informationsmangel in puncto  Ganztagsschulreform bei vielen Eltern noch ist. Der Mangel an Information für Eltern hatte schon vor genau einem Jahr, am 17.11.2011, den Lea, den Elternausschuss des Bezirks Eimsbüttel (BEA) und das Hamburger Hortbündnis veranlasst, die Vernetzungstreffen ins Leben zu rufen – zum Austausch von Informationen und Kritik.

Die öffentliche Anhörung von Schul- und Sozialausschuss der Bürgerschaft am Mittwoch mit  Schulsenator Ties Rabe und Vertretern der Behörden – bei der Eltern und Betroffene Gelegenheit zu Kritik und Verbesserungsforderungen haben –  verlief dagegen ein wenig schleppend und sie war auch schon nach knapp einer Stunde wieder vorbei . 

Was Vertreter der Regierungspartei, SPD, denn auch gleich so interpretierten, dass die Eltern ganz ganz offensichtlich zufrieden mit dem Konzept von Ties Rabe seien – es gebe nur einige Umsetzungsschwierigkeiten. Das war auch die Kernaussage von Schulsenator Rabe in seiner Antwort auf die Elternkritik. Es gebe einige „Anfangsschwierigkeiten“,  die sich aus der auch für ihn „überraschenden Geschwindigkeit“ bei der Umsetzung seiner Ganztagsreform ergäben, so der Senator. Was er zum wiederholten Male nicht erwähnte: Er selbst hat für diese „überraschende Geschwindigkeit“ gesorgt, als er vor eineinhalb Jahren ankündigte, ab 2013 die Kitagutscheine und die Horte abzuschaffen. Eltern aus Schulkonferenzen und Gremien von Hamburger Grundschulen haben immer wieder empört darauf hingewiesen, sie fühlten sich dadurch gezwungen, ihre Schulen Hals über Kopf in Ganztagsschulen umzuwandeln, damit niemand am Ende ganz ohne Betreuung für seine Kinder da stehe.

Doch dass es sich Hamburgs Schulsenator mit dem Hinweis auf „Anfangsschwierigkeiten“ etwas zu einfach machte, wurde  – bei aller Kürze – auch in der Anhörung deutlich.

Die Kritiker: Zu wenig Betreuer, Räume, Ressourcen

Sie sei „ausgesprochen unzufrieden mit der GBS“, erklärte Gabriele Ellerbeck, Mutter von vier Kindern, deren jüngster Sohn Schüler der Grundschule Lutterothstraße ist. Es fehle an Qualität bei der Nachmittagsbetreuung der GBS, so ihre Kritik.  An drei von fünf Nachmittagen seien wechselnde studentische  Hilfskräfte als Betreuer tätig. „ Echte Probleme“ gebe es auch mit einem „nicht so guten Erzieher“. Ihre  drei älteren Kinder seien in Horten gewesen,  deshalb könne sie das Angebot der GBS gut vergleichen. In den Horten seien die Kinder, anders als jetzt in den großen Gruppen der GBS, individuell betreut worden.

Die Kinder hätten außerdem erst in den Klassenräumen, dann in Mänteln in der zugigen Schulhalle Mittag gegessen,  jetzt finde das Essen in roten Container statt, die als das „Rote Haus“ verspottet würden . „Wer kontrolliert eigentlich die Qualität“, fragte Gabrielle Ellerbeck. Ihre Familie falle auch finanziell „durch das Raster“. Im Vergleich zu den Kitagutscheinen vorher „zahlen wir deutlich mehr Geld“, erklärte sie – was Schulsenator Rabe zu Protest und Kopfschütteln veranlasste.  Für sie als berufstätige Mutter sei es außerdem ein Problem, die benötigte Ferienbetreuung schon für ein Jahr im Voraus zu buchen. Es  sei „frustrierend, dass man dem ausgeliefert ist. Wir haben überlegt, unser Kind zu einem Schlüsselkind zu machen, weil es nicht gut läuft“, so die Kritik von Gabriele Ellerbeck.

Karin Jessen, Schulleiterin einer offenen Ganztagsschule und Vorsitzende des Ganztagsschulverbandes, bemängelt die Verpflegung an den Ganztagsschulen.  Wenn Kinder den ganzen Tag, teilweise schon ab 6 Uhr morgens, in der Schule seien, müsse es auch eine Verpflegung für den ganzen Tag geben, nicht nur zum Mittagessen. Wann eigentlich das bargeldlose Mittagessen eingeführt werde, fragte dann Roberto Lehmann. Die Bezahlung des Mittagessens mit Chips statt Bargeld hatte Schulsenator Rabe im letzten Schuljahr für die Ganztagsschulen angekündigt.

Ein Vertreter des Grundschulverbandes sprach die zusätzliche Belastung für Schulbüros an. Die Schulbüros bräuchten für die Umwandlung von Schulen in Ganztagsschule zusätzliche Ressourcen, um Eltern zu beraten und zu begleiten. Eine Vertreterin des Schulbüros der Stadtteilschule Blankenese bestätigte das und forderte wegen der zusätzlichen Beratung eine höhere Lohngruppe für Mitarbeiter der Büros.

Nach Erfahrungen der schon bestehenden Pilot- und Modellschulen sei die Personaldecke für die Ferienbesetzung zu dünn, kritisierte dann der Vertreter des Grundschulverbandes, es gebe Probleme bei der Ferienvertretung. Eine Schulleiterin ergänzte, die Stundenberechnungen für die Erzieher in der GBS seien zu niedrig, es müsse auch Besprechungszeiten für Erzieher geben. Sie forderte im Übrigen eine Gleichbehandlung der Ganztagsschulen nach Rahmenkonzept (GTS) mit den GBS Schulen.

„Viel zu knapp“ sei auch die Ressource für die Inklusion am Nachmittag der neuen Ganztagsgrundschulen, betonte die Schulleiterin außerdem. Eine in der Integration tätige Erzieherin bestätigte das und kritisierte die Gruppengröße für den Nachmittagsbereich. Sie arbeite mit schwerstbehinderten Kindern: „Es kann nicht sein, das da 28 bis 29 Kinder von zwei Erziehern betreut werden“, protestierte sie.

Kritik an Küchen und Kantinen

Die für Grundschulen eingeführte Sozialstaffelung der Essensgebühren müsse auch an weiterführenden Schulen gelten, erklärte dann ein Vertreter des Ganztagsschulverbandes. Eltern dort könnten sich das Essen vielfach nicht leisen.

Ihr Sohn werde bis 2014 nur durch Provisorien über Caterer ein Mittagessen erhalten, „ernährungswissenschaftlich ist nichts Gesundes in dem Essen mehr drin“, kritisierte eine Mutter aus einer GBS-Schule in Poppenbüttel. Mit der Ganztagsschule sei das Versprechen verbunden worden, Lern- und Lebensort zu verbinden. Sie forderte die Einrichtung von Produktionsküchen, in denen Essen frisch gekocht werden, damit Eltern ihre Kinder „mit gutem Gewissen in der Ganztagsschule lassen“ könnten.

„Wir erwarten 170 Kinder, die essen sollen, aber wir wissen nicht, wo!“, so die Kritik von Lilly Gries von der Grundschule Kleiner Kielort. An der  Schule würden in den nächsten drei bis vier Jahren Turnhalle,  Aula und  Mensa umgebaut. Es sei deshalb sinnvoll, solange den Hort zu erhalten!

Jörg Gröndahl vom LEA kritisierte, dass es diverse Kritikpunkte und Verbesserungswünsche von Eltern, z.B. in Hinblick auf Raummangel und fehlende Kantinen, gegeben habe, doch: „In der Umsetzung findet sich fast nichts davon wieder“. Er forderte den Schulsenator auf, „an der Umsetzung der Reform sorgfältiger zu arbeiten“. Dem schloss sich auch Christian Martens vom Lea an. Es sei geplant, Räume und Raumbedarf zu reduzieren, dabei würden mehr Räume, u.a. für die Gruppendifferenzierung, benötigt. „Räume sind der dritte Pädagoge“, erklärte er, und plädierte an Ties Rabe, „mehr Räume zu schaffen“.

Ein Vertreter des Caritasverbandes kritisierte eine neue Förderrichtlinie vom 3.7.2012, in der im Vergleich zum Landesrahmenvertrag eine finanzielle Benachteiligung von Schulen in freier Trägerschaft festgeschrieben worden sei. Die Folge: Unter diesen schlechteren Bedingungen der Richtlinie fänden sich keine Partner, die bereit wären, Kooperationsverträge mit den Schulen in freier Trägerschaft zu unterschreiben. Hier müsse eine „vernünftige Lösung“ gefunden werden. 

Martina Peters vom paritätischen Verband Hamburg kritisierte die geplanten Kürzungen in der Jugendhilfe. Ein besonders wichtiger Punkt für GBS und GTS sei die gewollte Kooperation der Ganztagsschulen mit den Einrichtungen der Jugendhilfe: Es sei „schwer vermittelbar“, wenn man den Sozialraum rund um Schulen öffnen wolle, und gleichzeitig Angebote der Jugendhilfe mit dem dort gewachsenen besonderen Sachverstand  „verringert“ würden „ Wenn sich die zwei System, Schule und Jugendhilfe, verschränken“ sollten, dann müsse auch die Ausstattung „passen und angemessen“ sein. Die Kooperation mit Ganztagsschulen mit schulischer Verantwortung (GTS) sei im Übrigen wegen der hierfür vorgesehenen Personalressource so „nicht möglich“.

Schulsenator Rabe antwortet

Es sei erfreulich,  so die Antwort von Schulsenator Rabe auf die Kritik in der  Anhörung, dass sich sehr viele Schulen so schnell zur Umwandlung in eine Ganztagsschule entschlossen hätten, erklärte Ties Rabe – insgesamt würden 200 von 204 Grundschulen bis 2013 GBS- oder GTS-Schulen. Dies zeige u.a., dass es richtig gewesen sei, dass „wir die Schulen nicht zwingen“. Er habe den Schulen „freigestellt, welchen Weg sie gehen wollen, GBS und GTS“. Was Ties Rabe damit indirekt klar machte: Eine andere Wahl, nämlich gar keine Ganztagsschule zu werden, hatten die Schulen demnach nicht.

Die zeitliche Frist für diese Umwandlung sei noch über 2013 verlängert worden, so Ties Rabe weiter. Von der Möglichkeit einer Verlängerung waren allerdings viele Eltern und Schulen gar nicht informiert, wie Eltern bei dem vorherigen GBS/GTS Vernetzungstreffen erklärt hatten. „Hätten wir das gewußt, hätten wir auch länger gewartet“, erklärte ein Vater, als er hörte, dass es noch bis 2015 eine Übergangsfrist von zwei Jahren bis zur endgültigen Abschaffung der Kitagutscheine gibt. Eine Möglichkeit, die offenbar nur zwei, drei Schulen nutzen, die erst 2015 die Ganztagsschule einführen werden.

Ties Rabe zu Betreuungsqualität, Erziehermangel, Raummangel und mehr

Zur Kritik, dass eine Gruppe in einer GBS Schule häufiger von studentischen Hilfskräften als von einem Erzieher betreut wurde, erklärte der Senator: Dies sei durch den Landesrahmenvertrag geregelt, und zwar „so, wie das bisher an den Horten geregelt ist, da ist nichts verändert worden“. Diese Aussage des Senators widerspricht allerdings den offiziellen Zahlen des „Bildungsberichts“ der Schulbehörde von 2011  über „Personalschlüssel im Kita-Gutscheinbereich“.  Im Jahr 2011 wurden demnach im dreistündigen Hort knapp 15 Kinder von einer „Vollzeitkraft“ betreut. Im Bildungsbericht ist dabei ausdrücklich von „Erziehern“ und  „Fachkräften“ und nicht von „studentischen Hilfskräften“ die Rede.  http://www.bildungsmonitoring.hamburg.de/index.php/bildungsbericht2011

Der für die GBS im Landesrahmenvertrag zugrunde gelegte Betreuerschlüssel umfasst dagegen eine pädagogischen Fachkraft für die Betreuung einer Gruppe von 23 Kindern, bzw. eine pädagogische Fachkraft für die Betreuung von 19 Kindern in Standorten im schwierigeren sozialen Umfeld der Sozialinidizes eins und zwei. http://www.hamburg.de/contentblob/3268876/data/rahmenvertrag.pdf

Es gebe aber tatsächlich einen Erziehermangel, räumte der Schulsenator dann ein: „ Wir brauchen so viel Personal, dass der Markt das nicht hergibt“. Ein Mangel, den der Senator allerdings durch den extrem schnellen Ausbau der Ganztagsschulen selbst mitverursacht hat. So werden nach Aussage der Behörde für Arbeit und Soziales , Familie und Integration (BASFI) im Jahre 2013 insgesamt 700 Vollzeiterzieher fehlen. Wegen der unattraktiven Teilzeiteinstellungen träfe dies speziell die GBS Schulen, informierte eine Tischvorlage der Hamburger Jugendhilfe Anbieter zur GBS/GTS, die bei der Anhörung verteilt wurde.

Für die Qualitätskontrolle bei den GBS-Schulen sei im Übrigen die Sozialbehörde zuständig, erklärte Ties Rabe. Bei Beschwerden sollten Eltern sich zunächst an Schule und Trager wenden, dann an die Behörde.

Ties Rabe äußerte sich dann zur Kritik am Raummangel: Der Raumbedarf werde nicht reduziert, erklärte er und auch der in diesem Zusammenhang erhobene Vorwurf, GBS sei ein Billigmodell, träfe nicht zu. Der Schulsenator erklärte, es gebe ein Budget für flexibles Mobiliar, um Räume gemütlicher zu machen. Zur Beratung der 204 Schulen sei außerdem ein Architekt eingestellt worden.

Einen übergangsweisen Erhalt von Horten in Ausnahmen bei größten Schwierigkeiten, wie  zB. bei Baumaßnahmen in der Schule Kleiner Kielort, werde er noch einmal prüfen, erklärter er dann, aber es sei „ein klares Ende“ der Horte gegeben. Er machte deutlich, dass dem Ganztagsbetrieb der Schule der Vorzug eingeräumt würde, wenn er „ohne große Schwierigkeiten“ forgesetzt werden kann.

Ties Rabe zu Produktions- und anderen Küchen, Kantinen und Mittagessen

In puncto Küchen und Kantinen erklärte Ties Rabe, es gebe viele Caterer von unterschiedlicher Qualität. Fachleute hätten ihm erklärt, dass durch schnelles Abkühlens, beim sog. „Cook and Chill“ Vitamine geschont würden. Es seien durchaus Provisorien denkbar, in denen Kinder in Klassenräumen essen,  auch wenn dies bei einigen Schulen strikt abgelehnt würde. Es sei aber „klüger, wenn sich Lehrer als Beteiligte mit an den Tisch“ setzten. Das wolle er aber nicht „jetzt schon“ als Vorschrift einführen.

Produktionsküchen seien ein Problem:  Zum einen sei die Anschaffung teuer und zum anderen müsse auch der Betrieb sichergestellt werden. Letzteres sei bisher häufig über Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen „querfinanziert“ worden, weil es anders „ wirtschaftlich bisher nicht funktioniert“ habe. Es müßten aber Hygienevorschriften von Gesundheitsämtern beachtet werden, der Betrieb sei nur sichergestellt, wenn es eine große Stückzahl von Schulessen gebe, z.B. bei Kooperationen von mehreren Schulen. Den Einwurf von Eltern, dass das bei Kitas bisher auch geklappt habe, wies er zurück. Er sei nicht sicher, dass dort auch der Einbau von Duschen sichergestellt war. Eltern, die das genauer recherchiert haben, kamen jedoch zu anderen Ergebnissen: Duschen seien nicht unbedingt nötig und die Produktionsküchen seien ab ca. 200 Essen rentabel.

Zur Kritik an der Benachteiligung der GTS mit schulischer Verantwortung gegenüber der GBS erklärte Ties Rage, die GBS bestehe ja aus Schule und außerschulischem Träger, für die besondere Kooperationszeiten nötig seien. Die gelte aber nicht für die GTS , bei der ja die Schule für den ganzen Tag selber zuständig sei. Kooperationszeiten seien dort nicht nötig, „die reden ja mit sich selber“, erklärte er, worauf  in den Besucherreihen die „Chuzpe“ des Schulsenators kritisiert wurde. In puncto Gleichstellung der  Schulen in Freier Trägerschaft gebe es noch Beratungsbedarf, da „sei man noch nicht am Ende“, erklärte Ties Rabe.

Die Verzahnung von Jugendhilfe und Schule solle auf Regionalen Bildungskonferenzen geplant werden. Auf die Kiritik an den Einsparungen des Senats bei Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit ging der Schulsenator nicht näher ein.

Resümee

So wiegelte Ties Rabe mit langen, schönen Worten und vielen Absichtserklärungen die Kritik der Eltern und Betroffenen Punkt für Punkt  ab. Das seien eben die „Anlaufprobleme bei der Umsetzung der Ganztagsangebote“. Diese komme aber bei den Eltern offensichtlich gut an, so auch seine Erklärung auf Fragen eines Fersehreporterters nach der Anhörung.

Worauf Schulsenator Rabe aber nicht einging, war die grundsätzliche Kritik von Eltern, Lehrern, Schulleitern und Vertretern der Verbände an der Qualität der Ausstattung für seine neuen Ganztagsschulen. Kritik, wie sie auch von den Eltern des Vernetzungstreffens geäußert wurde. Und dabei können sich die Eltern und Betroffenen auf Ganztagsschulexperten wie Stefan Appel, den langährigen Präsidenten des Deutschen Ganztagsschulverbandes berufen, die immer wieder betonen, dass für qualitativ gute Ganztagsschule besondere räumliche und personelle Anforderungen erfüllt werden müssen.  „Wenn man Ganztagsschule nur in Klassenräumen organisiert, wird es nichts werden.“, so Stefan Appel im Jahr 2010. http://www.ganztagsschulverband.de

Allerdings – den Vergleich mit der besseren Betreuung in den Horten werden schon bald immer weniger Eltern haben. Sie stecken jetzt mittendrin im neuen Ganztagsschulsystem. Und das erklärt vielleicht auch den Unterschied zwischen den zwei GBS/GTS Veranstaltungen. Eltern haben keine Wahl mehr, und sind auch mit ihrer Kritik vorsichtiger geworden. Zurecht, wie eine kritische Mutter nach der Anhörung berichtete. Sie wurde, als sie Kritik äußerte, in ihrer Schule ausgegrenzt. In einem anderen Fall wurde ein Vater, der deutliche und offenbar äußerst berechtigte Kritik äußerte, vom Elternrat zurückgerufen, als er seine Kritik öffentlich machen wollte.  

Umso mehr beeindruckt die ruhige und offene Art der Kritik von Gabriele Ellerbeck. In Hamburg sei jetzt eine „Monopolstellung“ der Ganztagsschule bei der Betreuung von Kindern am Nachmittag entstanden. „Wenn die Betreuung nicht gut ist, kann ich nicht wechseln“, sagte sie. Eine mangelnde Qualität der Betreuung will sie trotzdem nicht hinnehmen.

Sind Hilferufe berechtigt? Wie geht es der Stadtteilschule wirklich? – Die Zwei-Jahres-Bilanz im großen Kirschsblog-Interview mit Karin Brose

23 Aug

Karin Brose, 61, Studienrätin, war als Expertin für die CDU in der Enquete Kommission, auf deren Empfehlung das Zweistufenmodell aus Gymnasium und Stadtteilschule eingeführt wurde. Sie ist Lehrerin an der Lessing-Stadtteilschule in Harburg, und war davor lange Lehrerin an der Haupt- und Realschule Sinstorf, die mit der HR Schule Hanhoopsfeld und dem Lessing-Aufbaugymnasium zur Stadtteilschule zusammengelegt wurde. Sie ist außerdem Autorin, und hat ua. das Buch „Survival für Lehrer“ geschrieben.

 
„Wir sind nicht gewillt, diese Missstände tatenlos hinzunehmen!“ – Seit zwei Jahren gibt es die Stadtteilschule –  im neuen Schuljahr waren Eltern einer Stadtteilschule jetzt mit ihrer Geduld am Ende: Die Größe der Klassen an der Stadtteilschule sei höher als zugesagt, die Zahl der Sonderpädagogen zu gering für eine „fachkundige Betreuung und Unterstützung“ von „Inklusionskindern“, es gebe zu wenig Klassen-, Differenzierungs-und Fachräume: Das sei „verantwortungslos und fahrlässig“, protestierte der Elternrat der Stadtteilschule Goosacker in einem offenen Brief. Die Behörde wiegelte umgehend ab: Alle Schulprobleme könnten „vor Ort gelöst werden“. Doch wie geht es den Stadtteilschulen wirklich?  Karin Brose hat als Lehrerin einer Stadtteilschule schon nach  deren Einführung heftige Kritik an Umsetzung, an Raum- und Personalmangel geübt. Vor einem Jahr hat sie in einem Kirschsblog-Interview ihre Kritik erneuert. Doch wie sieht es jetzt aus? Im neuen Kirschsblog Interview zieht sie Bilanz:
 

Kirschsblog: Die Stadtteilschule Goosacker hat zum Schuljahrsbeginn in einem offenen Brief, von Kritikern auch Hilfeschrei genannt, über große Probleme der Stadtteilschulen geklagt. Eins dieser Probleme sei die „drastische“ Erhöhung der Klassenfrequenzen in den 7. Klassen von 25 Schülern pro Klasse auf bis zu 29 Schüler. Ursache sei eine drastische Erhöhung der Rückkehrerzahlen von den Gymnasien. Wie ist die Lage an Ihrer Schule? 

Karin Brose: Wir haben auch Rückläufer, aber nicht in diesem Maße. Unsere Klassenfrequenzen liegen zwischen 23 und 25 Schülern, wir haben aber ein Problem bei der Besetzung der Kurse, die haben zum Teil 30 Schüler. 

 Kirschsblog: Das bedeutet ja auf dem Umweg über Kurse auch eine Erhöhung der Frequenzen an der Stadtteilschule. Wie kommt es dazu?

 Karin Brose: Ich glaube, dass die „paradiesischen“ Zustände der Klassen fünf und sechs – die ja nicht wirklich paradiesisch sind, aber zumindest ist da die Verteilung der Lehrkräfte gut – dadurch kompensiert werden, dass man die höheren Klassen aufstockt.

Kirschsblog: Klappt denn der Unterricht bei dreißig Schülern?

Karin Brose: Nein, das klappt nicht, weil man kleinere Gruppen braucht, z.B. in Wahlpflichtfächern wie Kunst und Sport, um effizient zu sein und auch einen gewissen Spaß an der Sache zu erhalten. Bei dieser heterogenen Schülerschaft ist das so nahezu nicht denkbar.

Kirschsblog: Der Elternrat der Stadtteilschule Goosacker beklagt auch, dass die Schule zwar drei Stellen für Sonderpädagogen für die Inklusion bekommen hat, aber nur ein Sonderpädagoge an der Schule ist. Wie ist die Situation bei Ihnen?

Karin Brose: Wir haben zwei Sonderpädagogen, allerdings arbeiten die am Nachmittag im „Sozialen Lernen“, einem Arbeitsprogramm mit Zehner-Gruppen. So hat eine Kollegin, die am Vormittag mit vier Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf in der Klasse bisher die größte Not hatte, in ihrem Unterricht am Vormittag gar keine Unterstützung. Obwohl es mit einigen Kindern gar nicht lief, weil eben nicht alle „inkludiert“ werden können. Diese Kinder brauchen eine Sonderzuwendung und –Förderung. So war z.B. ein Junge mit Asberger Syndrom nicht beschulbar in dieser Konstellation und konnte nicht an der Schule bleiben.

Kirschsblog: Was müsste geschehen, um die Situation an der Schule zu verbessern?

Karin Brose: Ich denke, das ist nicht ein Problem nur einer Schule. Generell muss man darüber genau nachdenken und Eltern intensiv beraten, wenn es darum geht, Kinder mit großem Förderbedarf zu inkludieren. Manche Kinder benötigen eine andere Umgebung als die heterogene Schülerschaft einer Stadtteilschule, vor allem mehr Lehrerkapazität. Ich habe viele Gespräche mit Eltern von behinderten Kindern gehabt, die mir gesagt haben, „ich hätte mein Kind niemals in eine Regelklasse gegeben, weil es da einfach nicht bekommt, was es braucht“. Die sich fragen, wie soll das Kind in einer Schulklasse bestehen, in der vielleicht schon fünf verhaltensauffällige Kinder sitzen, die aber keinen Befund haben. Wenn ein Kind einen großen Förderbedarf hat, kommt es so nicht zu seinem Recht. Ich finde, man muss auf das Kind schauen und dann entscheiden, was für das Kind richtig ist.

Kirschsblog: Vor einem Jahr hatten wir auch über den Förderunterricht für schwächere Schüler gesprochen, der ja künftig an den Stadtteilschulen wie auch an allen anderen Schulen in Hamburg das Sitzenbleiben ersetzen sollen. Es gab heftige Kritik an der Bezahlung für die Förderstunden, die zum Teil von Honorarkräften geleistet werden soll und  um die Sozialabgaben. Sie hatten kritisiert, der Beginn des geplanten Förderunterrichts verzögere sich und käme für viele, zB. die Schüler der 10. Klassen zu spät. Wie ist die Lage heute?

Karin Brose: Aus meiner Sicht läuft es schlecht, viele Schüler unserer sehr gemischten Klientel erscheinen dort nicht, auch die Eltern sorgen nicht dafür. Der Effekt des Förderunterrichts ist insgesamt zu klein.

Kirschsblog: Aber der Förderunterricht soll doch das Sitzenbleiben kompensieren.

Karin Brose: Ja, aber das kann er so nicht. Es handelt sich ja um Schüler, die Fünfen haben, in Englisch, Deutsch, Mathematik. Und die kommen auch in die nächste Klasse, wenn sich das nicht verbessert, also wenn es keine vier geworden ist.

Kirschsblog: Wer macht denn jetzt den Förderunterricht ?

Karin Brose: An unserer Schule gibt es eine Absprache mit einem Nachhilfeinstitut. Doch soweit ich weiß, ist der Förderunterricht in diesem Schuljahr noch gar nicht angelaufen.

Kirschsblog: Aber das Sitzenbleiben ist bereits abgeschafft…

Karin Brose: Ja, leider… 

Kirschsblog: Sie bedauern das? Warum? 

Karin Brose: Weil ich glaube, dass man manche Kinder besser fördern kann, wenn sie ein Jahr wiederholen. Es gibt einfach Entwicklungsphasen bei den Jugendlichen, in denen man so effizienter nachbessern kann. Ein Jahr länger oder kürzer, das ist nicht das Problem. Die Schwierigkeit sind die heterogenen Klassen. Wir müssen besser an die Kinder herankommen! 

Kirschsblog: Heterogene Klassen, also gemeinsame Klassen für Kinder mit unterschiedlichsten Begabungen und Schwächen, waren von Anfang als pädagogisches Grundprinzip für die Stadtteilschulen vorgesehen, darin liege eine besondere Chance, hieß es, binnendifferenziertes Lernen in heterogenen Klassen wirke sich auch positiv auf das Lernen und Kompetenzen aus. (,http://www.hamburg.de/contentblob/1131284/data/rahmenkonzept.pdf)

Karin Brose: Wer damit näher befasst ist, merkt, dass das nicht überall funktioniert. Es ist ja nur ein Lehrer da, der, bevor er eine Klasse neu aufgenommen hat und vollständig versteht, schon einmal eine Anlaufzeit von einem halben Jahr braucht. Dann weiß man erst, wo jeder Schüler steht, wo seine Lücken und Stärken sind. Und dann hat der Lehrer eine Bandbreite von Sonderschule bis Gymnasium vor sich, die er nicht alle einzeln „bedienen“ kann. Er muss dann ein gewisses mittleres Maß halten, um überhaupt mit dem Stoff durchzukommen. Dass der Lehrer nur „Lernbegleiter“ ist und jeder Schüler für sich allein selbstverantwortlich arbeitet, das ist an Stadtteilschulen meist eine Illusion. Was jetzt hinzugekommen ist: Es sind viel mehr schwächere Schüler da, die – ich gehe mal vom Englischen aus – in der achten Klasse gar kein Englisch können. Sie kennen keine Fragestellung, wissen nichts über Satzbau in Englisch, gar nichts! Und es gibt andere Kinder, die können mir Geschichten erzählen. 

Kirschsblog: Da müsste aber doch der Förderunterricht greifen… 

Karin Brose: Ja, wenn der Förderunterricht läuft und sie auch dahin gehen, dann mag das ja angehen. Nur, ich trau dem Frieden nicht, in diesem Schuljahr habe ich davon noch nichts gesehen. Und fraglich bleibt, ob da wirklich Zeit für individuelle Förderung ist. 

Kirschsblog: Nun sollen ja nicht nur die schwächeren Schüler und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf gefördert werden, sondern auch die begabten Schüler. Schulsenator Ties Rabe hat in diesen Tagen sehr klar den Wunsch vieler Eltern nach Wahlfreiheit zwischen G8 und dem früheren G9 zurückgewiesen und erklärt, man könne ja das G9, also das Abitur in neun Jahren, an der Stadtteilschule wählen. Und in der Presseantwort der Behörde auf den Protestbrief der Stadtteilschule Goosacker heißt es: Stadteilschulen böten „hervorragende Chancen, in neun Jahren das gleiche Abitur wie am Gymnasium zu machen“. Was sagen Sie aus Ihrer praktischen Erfahrung an der Stadtteilschule dazu?

Karin Brose: Ich glaube, dass Herr Rabe da schlecht informiert ist oder sich das so wünscht. Ich denke, dass die Stadtteilschule das nicht in diesem Maß schaffen kann. Das ist doch Augenwischerei und ich denke, dass Eltern da etwas vorgemacht wird. Denn die Heterogenität dieser Klassen ist bis zur Klasse zehn derartig groß, dass das niedrige Niveau der Schwächsten das Niveau bestimmt, so dass die Leistungen der Schüler, die das Abitur machen wollen, die ganze Zeit gebremst werden. Wir haben das schon früher in den HR-Klassen gesehen, in denen wir nur die Haupt und Realschüler hatten. Und das war noch eine andere Klientel. Doch die Schülerschaft hat sich jetzt in vielen Stadtteilschulen total gedreht. Bei den HR Schülern gab es im Wesentlichen nur zwei Typen von Schülern, so dass wir diese bis Klasse Neun auf einem mittleren Niveau unterrichtet haben und mit kleinen Ausläufern allen gerecht wurden.

Kirschsblog: Was hat sich denn jetzt geändert?

 Karin Brose: Die Klientel hat sich vom Niveau her nach unten entwickelt, wir haben viel mehr schwächere Schüler. Wir haben mehr Kinder ohne Bildungswillen dabei. Die Zahl der Verhaltensauffälligen hat enorm zugenommen. Die körperliche Entwicklung, also auch die Pubertät, greift viel früher und heftiger. Unsere 13jährigen Mädchen sehen aus wie 17! Die Arbeitssituation hat sich für uns geändert. Momentan kommen die besten und erfahrensten Lehrer aus dem Unterricht und brechen fast zusammen, so anstrengend ist das, vergleichbar mit Dompteursarbeit im Zirkus, wenn gleichzeitig Löwen, Kaninchen, Krokodile und Kätzchen in der Manege sind. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass viele SekII (Oberstufe) Lehrkräfte an unserer Schule im nächsten Jahr das Recht in Anspruch nehmen werden, sich an ein Gymnasien zu bewerben, weil sie es an unserer Schule jetzt mit Schülern zu tun haben, die sie nicht gewohnt sind und für die sie nicht ausgebildet wurden.

Kirschsblog: Wie erklärt sich die Entwicklung der Schülerschaft an Ihrer Schule?

Karin Brose: Woran das liegt, ist mir nicht ganz klar. Vielleicht hat das spezifische regionale Gründe. Früher haben sich viele Schüler aus dem Einzugsgebiet freiwillig angemeldet, weil wir eine tolle Schule waren, die z.B. auch eine eigene Schulkleidung hatte. Wir bekommen jetzt zahlreiche Schüler aus Harburg zugewiesen, die an anderen Schulen nicht ankamen.

Kirschsblog: Sie hatten vor einem Jahr das Durcheinander verschiedener „Benotungssysteme“ in den Stadtteilschulen kritisiert. Hat sich das denn verändert?

Karin Brose: Also im Moment bekommen unsere fünften und sechsten Klassen die Noten eins bis sechs. Die Klassen sieben bis neun bekommen G und E Noten, das sind Grundnoten, die etwa Hauptschulnoten entsprechen und erweiterte Noten für gehobene Anforderungen, die Klasse 10 bekommt die Realschulnoten von eins bis sechs und die Oberstufe bekommt Punkte, das sind also drei verschiedene Systeme.

Kirschsblog: Was würden Sie sich denn wünschen?

Karin Brose: Wenn man auf das Punktsystem für alle gehen würde, dann wäre das einsehbarer, weil alle nach dem gleichen Maßstab bewertet werden. Auf jeden Fall sollte man die Vielfalt der Systeme auf maximal zwei reduzieren.

Kirschsblog: Der Elternrat von Goosacker hat auch den Mangel an Räumen heftig kritisiert, es fehlen demnach Räume für Gruppenunterricht und Fachräume. Sie hatten im letzten Jahr auch die räumliche Lage an Ihrer Stadtteilschule kritisiert, vor allem, dass sie drei Standorte hat, da sie,  ähnlich wie andere Stadtteilschulen, aus drei Schulen zusammengesetzt wurde. Hat sich diese räumliche Lage verbessert.

Karin Brose: Wir sind immer noch an den drei Standorten, und es sieht auch nicht so aus, als würde sich das ändern. Das heißt also, eine Schule, die zerhackt ist, Lehrer, die ständig hin und herpendeln, die sich kaum noch besprechen können, weil sie einander nicht mehr treffen, die mehr Dienstbesprechungen brauchen, um überhaupt noch einmal in Kontakt zu kommen. Für die Schüler bedeutet das, dass sie sich mit ihrer Schule schlecht identifizieren, weil sie nicht das Gefühl haben, dass sie an einer Schule sind. Die müssen ständig umziehen, denn die Schule ist horizontal geteilt. Das heißt, die Klassen fünf bis sieben sind an einem Standort, die Klassen acht und neun an einem anderen und die Klasse 10 zusammen mit der Oberstufe an einem dritten Standort.

Kirschsblog: Wie wirkt sich denn diese horizontale Teilung der Stadtteilschule aus?

Karin Brose: Wir Lehrer haben ständig mit neuen Schülern zu tun, man kennt sich nicht mehr. Vorher waren wir eine Schule mit 400 Schülern, jeder kannte jeden. Das gab Sicherheit und Geborgenheit für die Kinder, die sie dringend brauchen und für die Lehrer letztlich auch eine Sicherheit und Überschaubarkeit. Das ist jetzt nicht mehr gegeben. Wir haben an unserem Standort in diesem Schuljahr neue achte und neunte Klasen bekommen. Davon kenne ich zufällig zehn Kinder, die ich einmal in der fünften Klasse unterrichtet habe.

Kirschsblog: Gibt es denn eine Aussicht auf Verbesserung?

Karin Brose: Uns wurde in Aussicht gestellt, dass die drei Standorte an einem Standort in Hanhoopsfeld zusammengelegt werden. Es gibt aber keine Angaben darüber, wann das geschehen wird. Das wäre aber wichtig, um bei Schülern und Eltern ein Bild als Schule abzugeben.

Kirschsblog: Sie sind ja auch teilgebundene Ganztagsschule. Wie ist die räumliche Ausstattung für den Ganztag.

Karin Brose: Die bisherige Pausenhalle an dem Standort der Klassen fünf bis sieben wird jetzt zur Kantine umgebaut und die Pausenhalle, die die Kinder, gerade die Kleinen, zum Spielen und Bewegungsdrang brauchen, wird in den Musikraum verlegt, der ganz klein ist. Das Raumangebot ist durch die neue Verlegung der Klassen ansonsten etwas größer geworden, aber nicht ausreichend.

Kirschsblog: Ein Thema, das gerade diskutiert wird, ist das Schulschwänzen. Schulsenator Rabe hat härtere Maßnahmen gegen Schulschwänzer angekündigt, Bußgelder und auch Jugendarrest. Wie ist die Lage bei Ihnen und wie beurteilen sie das?

Karin Brose: Bei uns wird nach meiner Beobachtung nicht so viel geschwänzt, unsere Schulleitung verfolgt das sehr genau. Probleme gibt es beim Förderunterricht. Der wird nicht ernst genommen. Ich denke schon, dass man beim Thema Schulschwänzen am Ball bleiben muss, vielleicht nicht unbedingt mit Arrest. Wir müssten generell eine Bildungsnähe herstellen, das heißt die Motivation von Kindern und Familien stärken, so dass die Schüler etwas lernen wollen. Wir haben vermehrt den Eindruck, dass viele Schüler nicht wissen, warum sie in die Schule kommen. Wenn ich danach frage, wissen sie keine Antwort.

Kirschsblog: Wäre es nicht wichtig, mehr mit den Eltern zusammenzuarbeiten.

Karin Brose: Ja, man muss Eltern vom ersten Schuljahr an mehr in die Pflicht nehmen. 

Kirschsblog: Vor einem Jahr hatten wir von der erfolgreichen Mittelschule im „Bildungssiegerland“ Sachsen gesprochen, die als Vorbild für die Stadtteilschule galt. Unter dem Dach der Mittelschule laufen aber anders als in der Stadtteilschule zwei getrennte Züge, der Realschul- und Hauptzug. Sie haben damals auch für die Hamburger Stadtteilschule eine Außendifferenzierung empfohlen, was würde das konkret bedeuten?

Karin Brose: Das würde bedeuten, dass man spätestens ab Klasse neun, eigentlich ab Klasse, acht Englisch, Deutsch und Mathe in Kursen laufen lassen würde, so dass wir Unterricht für leistungsstärkere und für leistungsschwächere Schüler hätten. So würde man den Kindern gerechter werden. Bisher hatten ja in Sachsen die Förderschüler eigene Schulen, waren also nicht Teil der Mittelschulen, die  unseren Stadtteilschulen entsprechen. Außerdem durfte man dort nur mit 2,0 in das Gymnasium gehen, was bedeutet, dass noch ein gutes Potenzial in der Mittelschule verbleibt.

Kirschsblog: Sie hatten damals erklärt, die Binnendifferenzierung sei für einige Schüler durchaus geeignet, für andere weniger.

Karin Brose: Binnendifferenzierung klappt gut, wenn der Anteil begabter Schüler überwiegt. Ansonsten ist das ein Ideal, das bei uns hier so adhoc schwer anläuft und Hamburg ist nach meiner Information auch das einzige Bundesland, das das derartig übers Knie bricht. Wenn dieses System hochwächst, von der Grundschule an, wenn die Kinder nichts anderes gewohnt sind, wird das hoffentlich besser. In erster Linie muss man aber an die Elternhäuser ran und die Verantwortlichkeit der elterlichen Erziehung betonen und einfordern. Ich kann das Elternhaus in der Schule nicht ersetzen, ich kann nur kooperieren. 

Zum Beispiel erkläre ich meiner Elternschaft schriftlich, welche Aufgaben sie hat, dass viele Schüler noch nicht die Verantwortung für ihr Lernen zu Hause und ihr Verhalten in der Schule übernommen haben. Ich bitte die Eltern, ihrem Kind klarzumachen, dass es sich richtig benehmen muss, pünktlich zur Schule kommen, Hausaufgaben machen und Vokabeln lernen muss. Auch dass es ausreichend Schlaf und Bewegung hat. Und ich erkläre, was unsere Aufgabe als Lehrer ist, nämlich lehren, erklären, die Leistungen prüfen und Zeugnisse geben. Auch, dass wir die Eltern bei der Erziehung unterstützen, beraten und helfen. All dies mit dem gemeinsamen Ziel, das Kind zu einem guten Abschluss zu führen.

Das ist für bildungsnahe Eltern oft selbstverständlich, aber nicht für alle Eltern, leider.

Kirschsblog: Gibt es denn an den Schulen mittlerweile auch die Möglichkeit der Außendifferenzierung?

Karin Brose: Einige Schulen machen das, die machen projektorientierten Unterricht, die arbeiten mit Profilen. Dort gibt es auch Kurse.

Kirschsblog: Gibt es das auch an Ihrer Schule?

Karin Brose: Nein, wir machen das an unserer Schule nicht, wir arbeiten binnendifferenziert. Man kann das aber entscheiden. Die Schulbehörde lässt den Schulen die Möglichkeit, selbst zu bestimmen, in welcher Form sie die Kinder fördern.

Kirschsblog: Insgesamt entsteht nach diesem Gespräch der Eindruck, dass sich die Lage der Stadtteilschule auch jetzt, zwei Jahre nach ihrer Einführung noch nicht wesentlich verbessert hat.

Karin Brose: Wenn wir dieses Modell so weiter fahren – das wird man mir jetzt vielleicht ankreiden – aber schlecht finanziert und zu schnell, ohne die nötige Ruhe, sich zu entwickeln, dann wird das sehr lange dauern. Hinzu kommt, die Lehrkräfte haben zu wenig Möglichkeiten, ihre Erfahrung und ihr Know How einzubringen, das haben wir Lehrer jetzt moniert. Es wird einfach übers Knie gebrochen, was von oben kommt. Da wird sich etwas tun müssen. Lehrer müssen mit ins Boot geholt werden. Man muss mit ihren Erfahrungen arbeiten, damit dieses Modell erfolgreich wird. Und es wird trotzdem Jahre und Jahrzehnte dauern, wenn man diesen Kurs weiterverfolgt, den wir jetzt haben. Wenn man also nicht realistischer sieht, wie kann ich am besten und gezielt verschieden begabte Kinder betreuen und unterrichten.

 
 

Rudern im Schulausschuss – Fragestunde zu Ties Rabes Inklusionskonzept läßt zentrale Fragen offen!

11 Aug

Gibt es  in Zukunft noch sonderpädagogische  Gutachten? Gibt es Diagnosen oder Untersuchungen,  mit denen geklärt wird, ob bei Schülern sonderpädagogischer Förderbedarf in den Bereichen Lernen, Sprache und emotionale und soziale Entwicklung, LSE, vorliegt?  Wie soll künftig sonderpädagogischer Förderbedarf bei  Schülern festgestellt werden und wann sieht Schulsenator Ties Rabe dies nach seinem Inklusionskonzept vor –  zu Schulbeginn oder irgendwann später?

Fast zwei Stunden kreisten die Fragen der Abgeordneten im Schulausschuss am Donnerstag  abend um diese Fragen. Ties Rabes Antworten umkreisten das Thema auch. Er ruderte dabei aber immer wieder um die eigentlichen Kernfragen herum: Denn nach einer Presse-Erklärung der Schulbehörde vom 25. 7. werden die bisher üblichen “ sonderpädagogischen Gutachten für Schülerinnen und Schüler mit Schwerpunkt LSE vor der Einschulung künftig abgeschafft“., http://www.hamburg.de/pressearchiv-fhh/3520200/2012-07-25-bsb-sonderpaed-foerderung.html.  Dies betrifft mit fast 70 Prozent die größte Gruppe von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf.

Wenn die Gutachten abgeschafft sind, wie soll dann künftig der sonderpädagogische Förderbedarf der Schüler festgestellt werden? So die zentrale Frage im Schulausschuss, der sich bei diesem ersten Treffen nach den Ferien mit einer Bürgerschaftsanfrage und zwei Anträgen zum Inklusionskonzept des Schulsenators befasste, die GAL und CDU schon im letzten Jahr gestellt hatten.(Drs. 20/1716, Drs. 20/ 1945, Drs. 20/2246,  https://www.buergerschaft-hh.de/parldok/).

Hintergrund der Fragen ist die heftige Kritik von Betroffenen, Pädagogen und Gewerkschaften am Inklusionskonzept des Schulsenators und Proteste bei Demonstrationen und auch bei einer Anhörung im Schulausschuss in den letzten Monaten. Denn die Inklusion hat längst begonnen, Förderschulen nehmen vielfach keine Kinder mehr an, immer mehr Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf werden an Regelschulen angemeldet – doch dort herrscht große Verunsicherung. Denn viele Eltern und Lehrer wissen – wie auch Zuschriften an Kirschsblog zeigen – noch nicht, wie die Förderung der Kinder vor allem im Bereich LSE künftig eigentlich in den Regelschulen konkret umgesetzt werden soll.

Künftig werde es einen „persönlichen Förderplan“ für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf in den Bereichen LSE geben, so Schulsenator Rabe auf die Fragen der Ausschussmitglieder. „Dieser „Förderplan saugt das Gutachten auf“, erklärte er, denn der Förderplan werde auch einen diagnostischen Teil enthalten. Ob die Abschaffung der Gutachten nicht eine Gesetzesänderung erforderlich mache, da die Gutachten gesetzlich vorgeschrieben  seien, fragte der schulpolitische Sprecher der CDU Fraktion, Robert Heinemann. Er verstehe im Übrigen nicht, ergänzte er später, warum die Gutachten überhaupt abgeschafft würden und warum man nicht einfach häufiger begutachte, wenn die Gutachten bisher zu ungenau seien.

Eine sonderpädagogische Begutachtung im Rahmen des Förderplans werde dem Hamburgischen Schulgesetz gerecht, erklärte darauf die in der Schulbehörde für Inklusion zuständige Referatsleiterin Anke Pörksen. Der Förderplan werde den Eltern ausgehändigt, diese hätten ein Widerspruchsrecht, sowie einen Rechtsanspruch auf Förderung.

Diagnose und Förderpläne sollten „aus dem Unterricht erwachsen“, erläuterte dann Schulsenator Rabe. Die Schulen sollten mit den Kindern eine Zeitlang gearbeitet haben, „wir erwarten, dass die Schule die Kinder eine Weile betrachtet und ein Bild von ihnen bekommt. Längere Erfahrungszeiten „verbesserten die Gutachten“.

Allerdings ließ der Schulsenator dabei im Dunkeln, wann die Förderpläne aus dem Unterricht „erwachsen“ sollen und wer die Kinder „betrachten“ soll, da es an vielen Schulen keinen Sonderpädagogen gibt. Dies wurde trotz vieler Nachfragen der Abgeordneten auch nicht klarer. Sie könne das nicht verstehen, hakte Dora Hayenn von den Linken nach: Die Gutachten würden abgeschafft, aber die Lehrer wüssten nun nicht, wie die Förderressourcen verteilt würden. Sie werde „immer hellhörig, wenn sie „sytemische Ressoure höre, also die Zuteilung der Fördermittel nach einer festgelegten Pauschale, errechnet auf der Grundlage einer angenommenen Quote von durchschnittlich fünf Prozent Kindern eines Jahrgangs mit sonderpädagogischem Förderbedarf LSE und der sozialen Lage der Schule.  Im Moment würden die Lehrer in den Schulen allein gelassen, sie müßten die Situation in den Schulen allein bewältigen, da könne viel schief gehen.

Ties Rabe erwiderte, die von ihm vorgesehenen Mittel für die Förderung seien viel umfangreicher als von der Vorgängerregierung geplant. Durch die „systemische Ressource“ würden die Mittel auch „gerechter verteilt“ und die von ihm dafür vorgesehene pauschal festgelegt Förderquote von fünf Prozent sei höher als in anderen Bundesländern. Wenn sich jetzt  in einigen Stadtteilschulen mehr Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf meldeten, müsse man noch „nachsteuern“. Dafür würden jetzt 10 Stellen zurückgehalten, als eine „Feuerwehr, und ansonsten werde man zwischen den Schulen je nach Bedarf umverteilen.

Wann denn die Förderpläne gemacht würden, so hakte noch einmal der Ausschussvorsitzende Walter Scheuerl von der CDU Fraktion nach, Doch dies blieb für Abgeordnete und Zuhörer auch nach weiteren Erklärungen des Schulsenators unklar. “Wir brauchen eine Verordnung zur sonderpädagogischen Förderung“, erklärte Ties Rabe. Dabei gehe es ua. um die Fragen, “wie macht man einen Förderplan und was gehört dazu“. An der Verordnung  werde derzeit gearbeitet. Sie werde „in diesem Jahr in die Deputation“ gehen. Im Übrigen verwies, er wie schon bei früheren Anlässen, auf die Unsicherheit von Gutachten. Es gebe sehr unterschiedliche wissenschaftliche Standards. So gebe ZB. große Unterschiede bei der Zahl der gemeldeten  Kinder mit sprachlichen Behinderungen in Bremen, Berlin und Hamburg,.

Auch bei einer weiteren Frage blieben die Antworten des Schulsenators für Ausschussmitglieder und Zuhörer unklar: Mit heftiger Kritik hatte der Ausschussvorsitzende schon vor Schulbeginn auf eine Senatsantwort zu einer Bürgerschafts-Anfrage reagiert. Der Senatsantwort zufolge werden ab diesem Schuljahr die konkreten Anmeldezahlen von Schülern mit Behinderungen in den LSE Bereichen in den Schulen nicht mehr erhoben. Begründet wurde dies vom Senat mit der „der systemischen Zuweisung“, also der Zuteilung der Fördermittel an Schulen nach der vorgesehenen Quote von fünf Prozent Kindern eines Jahrgangs mit sonderpädagogischem Förderbedarf LSE. https://www.buergerschaft-hh.de/Parldok/Cache/4430132452054840BF0107A0.pdf

Den Wegfall der konkreten Anmeldezahlen hatte auch Sonderpädagogen heftig kritisiert. Durch diese Entscheidung würden die Kinder mit Behinderungen der Sprache, des Lernens oder der emotionalen und sozialen Entwicklung „quasi unsichtbar gemacht“, hatte die Vorsitzende für Sprachheilpädagogik e.V., Kristine Leites in einem KirschsblogsInterview erklärt. Um „die richtige Anzahl an Sonderpädagogen, und dann mit den passenden Fachrichtungen, bedarfsgerecht an die richtigen Schulen senden zu können, müsste die Behörde ja wissen, wie viele Schüler mit welchem sonderpädagogischem Förderbedarf sich an den einzelnen Inklusionsschulen befinden“.

Der Senator widersprach der Senatsantwort: Das „liest sich so, als ob die Schule nicht mehr erhebt“, erklärte er im Ausschuss. Dies sei aber anders. “Selbstverständlich erfassen wir auch den Förderbedarf, zählen das und das ist auch abrufbar.“ An anderer Stelle betonte der Senator dann aber wieder, die Schule müsse die Schüler erst einmal kennenlernen, erst dann würden die Förderpläne gemacht, die ja auch, wie er erklärte die Diagnosen über den Förderbedarf enthalten sollen. Wie sich der Wegfall der Gutachten, der unklare Zeitplan der Förderpläne, die Senatsantwort und der Widerpruch des Schulsentors miteinander vertragen, das löste im Ausschuss sichtlich Verwirrung aus.

Klar machte Ties Rabe dann, dass 19 Förderschulen, sechs Sprachheilschulen und 14 „Rebus“ Dienststellen („Regionale Beratungs- und Unterstützungsstellen“ für die Beratung bei Problemen an Schulen) zu 13 Bildungs- und Beratungszentren zusammengeschlossen werden sollen. Dort werde eine Beratung für sonderpädagogische Anfragen angeboten, dazu auch die bisherige Beratung von Rebus, ferner zeitlich befristete Beschulung, sowie dauerhafte Beschulung wie in den bisherigen Förderschulen, wenn diese von Eltern gewünscht würde. Die 39 Leitungskräfte würden weiterhin „angemessen beschäftigt“. Die Fragen der Partner, Standorte und Leitung „werden jetzt geklärt“, so der Senator zum zeitlichen Rahmen. Derzeit werde ferner diskutiert, ob und wie es auch in Schulen, speziell Ganztagsschulen, Therapeuten und therapeutische Stunden geben werde, wie schon in einzelnen Pilotschulen, erklärte dann Frau Pörksen. Dies müsse auch mit den Krankenkassen ausgehandelt werden.

Sie wünsche sich ein standardisiertes Verfahren für die Erstellung von Förderplänen, erklärte die Grünen (GAL) Abgeordnete Stephanie von Berg schließlich. Man werde Standards einführen, es werde zu diesem Zweck Musterbeispiele und Vordrucke geben, versprach der Schulsenator.

Eins ließ Ties Rabe aber trotz der vielen Nachfragen der Ausschussmitglieder bis zuletzt im Unklaren. Die Frage, wann der Förderplan und die darin vorgesehene Diagnose erstellt werden blieb offen. Kinder würden nicht allein gelassen, sondern von Anfang an von Sonderpädagogen gefördert, so der Senator. Die Viereinhalb Jährigen Untersuchung  würde überarbeitet, die regelhafte Einschätzung der Kitas würde miteinbezogen, so der Schulsenator.

„Wir überlegen, wann die Förderpläne fertig gestellt werden sollen“, so relativierte Ties Rabe das dann aber wieder. Auf jeden Fall, „nachdem die Kinder eine Weile in Beobachtung sind. Die Fragen werden bearbeitet, sind daher offen…“ Offen sei etwa noch, so ergänzte er „ob wir bis zur 2. Klasse“ oder in der dritten Klasse „Diagnosen machen“, das werde noch entschieden. Es gebe da eine ganz unterschiedliche Praxis in den Bundesländern. „Wir sind dabei, das zu durchleuchten“.

Verunglückter Start: Ties Rabes Inklusionskonzept löste zum Schuljahrsbeginn neue Kritik aus – Wie wird es jetzt umgesetzt? Ist die Kritik berechtigt? KIRSCHSBLOGS INTERVIEW

8 Aug

Das neue Schuljahr hatte noch nicht recht begonnen, da gab es heftige Kritik an ersten Folgen des Inklusionskonzeptes von Schulsenator Ties Rabe, mit dem er Paragraph 12 des Hamburgischen Schulgesetzes umsetzen will, wonach „Kinder und Jugendliche mit sonderpädagogischen Förderbedarf“ fortan das Recht haben, allgemeine Schulen zu besuchen.  Das Konzept  hatte schon vor den Ferien bei Eltern, Pädagogen, Gewerkschaften und Oppsosition monatelang für heftig Proteste gesorgt,  bevor es am 14.Juni mit den Stimmen der SPD in der Bürgerschaft angenommen wurde.  (Senatsdrucksache 20/3641). Heute, beim ersten Treffen des Schulausschusses der Bürgerschaft nach den Ferien, steht  Ties Rabes erneut im Mittelpunkt der Diskussion.  

Doch was bedeutet das Inklusionskonzept in der Praxis an den Schulen? Was ändert sich konkret, was bedeutet es für die Förderung von Kindern mit sonderpädagogischen Förderbedarf, ist die Kritik berechtigt?

Diese und weitere Fragen stellte Kirschsblog der Sonderpädagogin Kristine Leites, 1. Vorsitzende des Hamburger Landesverbandes der Deutschen Gesellschaft für Sprachheilpädagogik e. V (dgs). und Sonderpädagogin an einer inklusiven Grundschule in Hamburg.

Kirschsblog: Gleich zu Schuljahresbeginn gab es erste heftige Proteste, dass in diesem Schuljahr nicht mehr die konkreten Anmeldezahlen von Schülern mit Lernbehinderungen, Sprachbehinderungen und Behinderungen in der emotionalen und sozialen Entwicklung, kurz LSE, erfasst werden sollen. Was bedeutetet das, ist die Kritik berechtigt?

Kristine Leites: Leider ja, denn durch diese Entscheidung werden die Kinder mit Behinderungen der Sprache, des Lernens oder der emotionalen und sozialen Entwicklung quasi unsichtbar gemacht. Ihre fachspezifische Förderung wird damit noch mehr der Beliebigkeit ausgesetzt, als es zuvor schon durch die nur noch pauschale Zuweisung von Sonderpädagogen-Stunden geschehen ist. Wenn sich die Schulbehörde nicht einmal mehr einen groben Überblick über den Umfang und die Art dieser Förderbedarfe verschafft, dann kann sie ja auch die benötigten Sonderpädagogen gar nicht bereitstellen, schon gar nicht passgenau, wie es Senator Rabe immer wieder versprochen hat. Denn, um die richtige Anzahl an Sonderpädagogen, und dann mit den passenden Fachrichtungen, bedarfsgerecht an die richtigen Schulen senden zu können, müsste sie ja wissen, wie viele Schüler mit welchem sonderpädagogischem Förderbedarf sich an den einzelnen Inklusionsschulen befinden.

Kirschsblog: Wie wurde das denn bisher gehandhabt?

Kristine Leites: Bisher war das ein geregeltes Verfahren. Für jedes Kind mit vermutetem sonderpädagogischem Förderbedarf musste ein „sonderpädagogisches Feststellungsgutachten“ erstellt werden, durch qualifizierte Sonderpädagogen. Dieses Gutachten wurde zunächst von den Leitungen der Sonderschulen geprüft, dann wurde es bei der Behörde eingereicht, dort bewertet und positiv oder negativ beschieden.

Kirschsblog: Diese Gutachten sollen jetzt abgeschafft werden, Senator Rabe hat kritisiert, sie seien nicht zuverlässig, was man schon daran erkenne, dass sich die Zahl der begutachteten Kinder mit Förderbedarf zuletzt auf für ihn unerklärliche Weise erheblich erhöht habe. Wie sollen jetzt stattdessen die Behinderungen eigentlich festgestellt werden?

Kristine Leites: Das ist ein gute Frage. Die Gutachtenfür die Kinder mit Behinderungen im Lernen, der Sprache oder der sozialen und emotionalen Entwicklung sind bereits abgeschafft. Als Fachverband können wir diese Kritik überhaupt nicht nachvollziehen, denn diese Gutachten sind ja bisher ausschließlich von hochqualifizierten, erfahrenen Sonderpädagogen erstellt worden, die für die jeweilige Behinderung fachwissenschaftlich ausgebildet worden. Die gestiegene Anzahl der Meldungen in der Inklusion begründet sich nach unserer Auffassung ganz anders als durch unzuverlässige Gutachten. Auch früher schon sind sehr viel mehr Kinder als förderbedürftig betrachtet worden, jedoch häufig nicht gemeldet worden, weil die Hürden zu hoch waren, weil die Eltern es nicht wollten oder weil die Regelschule über keinen Sonderpödagogen verfügte, der eine äußerlich nicht sichtbare Behinderung, wie zB. eine Sprachbehinderung, erkennen konnte. Zudem war die Anzahl der Plätze in der Integration sehr begrenzt und an enge Aufnahmekriterien gebunden. Andere Gutachten sind von der Schulbehörde abgelehnt worden. Hinzu kommt, dass sich mit der Inklusion nun an viel mehr Regelschulen als früher auch Sonderpädagogen befinden. Diese können Behinderungen viel früher erkennen und versuchen natürlich, durch frühzeitige spezielle Förderung präventiv zu arbeiten, statt diese Kinder erst zu melden, wenn sie schon in den sprichwörtlichen „Brunnen gefallen“ sind. Die Eltern stimmen einer sonderpädagogischen Maßnahme viel eher zu, wenn sie an einer „normalen“ Schule stattfinden kann – auch, wenn die therapeutische Intensität dort geringer ist als für ihr Kind wünschenswert wäre. Auch dadurch ist die Anzahl der Begutachtungen gestiegen.

Kirschsblog: Wie soll denn nun künftig nach Wegfall der Einzelgutachten eine Behinderung bzw. sonderpädagogischer Förderbedarf festgestellt werden?

Kristine Leites: Das scheint nach dem bisherigen Stand dem Zufall überlassen, denn es gibt kein geregeltes Verfahren mehr für die Kinder mit L-, S- oder E-Behinderung. Sie waren mit knapp 70 Prozent die bislang größte Gruppe mit einem Rechtsanspruch auf qualifizierte sonderpädagogische Förderung. Dieser Anspruch ist ihnen durch Abschaffung der Gutachten und durch Herausnahme aus dem Behinderungsbegriff schon im letzten Schuljahr entzogen worden. Nun werden sie noch nicht einmal mehr statistisch erfasst, so dass sie als konkretes Einzelschicksal für die Schulbehörde künftig nicht mehr existieren. Das Erkennen dieser Kinder, ebenso wie deren Rehabilitation, wird damit dem Zufall der „systemischen Ressource“ überlassen: Das heißt, die Inklusionsschulen erhalten für L-, S- und E-Schüler nur noch eine pauschale Stundenzuweisung, unabhängig von der tatsächlichen Anzahl und Behinderungsart ihrer förderbedürftigen Schüler. Diese Ressource soll nur noch zu 40 % qualifizierte Sonderpädagogen enthalten, 60% sollen durch dafür nicht qualifiziertes anderes Personal abgedeckt werden. Unter diesen Bedingungen wird in vielen Fällen der sonderpädagogische Förderbedarf nicht mehr oder viel zu spät erkannt werden können. Dann besteht die Gefahr, dass diese Schüler weit hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben.

Kirschsblog: Es sollen künftig nach dem Inklusionskonzept bestimmte Schulen wegfallen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf auf allgemeine Schulen gehen. Welche Schulen betrifft das?

Kristine Leites: Das betrifft alle Schulen für Sprachbehinderte und Lernbehinderte, die in Hamburg Förderschulen heißen, alle integrativen Förderzentren sowie die regionalen Beratungs- und Unterstützungsstellen, REBUS. Die sollen kurz- bis mittelfristig als eigenständige Standorte abgeschafft und zu nur noch 13 regionalen Bildungs- und Beratungszentren zusammengefasst werden. Diese heißen dann ReBBZ. Die Aufgaben dieser regionalen Bildungs- und Beratungszentren sind noch gar nicht klar definiert, was auch vielfach kritisiert wird. Nach derzeitigem Informationsstand soll es so sein, dass die Schüler dort nur noch vorübergehend, also für einen gewissen Zeitraum, beschult werden können nund dann in der Regelschule gehen, also inklusiv.

Kirschsblog: Hat dieser Prozess denn schon begonnen, sind Schulen schon geschlossen und sind diese neuen Zentren schon geschaffen worden?

Kristine Leites: Das ist noch ein offener Prozess. Das sollte in diesem Schuljahr anlaufen, ist aber von der Behörde wohl organisatorisch noch nicht auf den Weg gebracht worden. Es soll im Laufe des Schuljahres weitergehen. Wie das für die einzelnen Standorte zeitlich aussieht, kann man noch nicht sagen. Fakt ist, dass an viele Standorte bestimmte Klassenstufen nicht mehr aufgenommen werden durften und dass damit der reguläre Schulbetrieb langsam ausläuft.

Kirschsblog: Nun tritt ja an die Stelle der Einzelgutachten nach dem Inklusionskonzept des Schulsenators bei Behinderungen in den Bereichen LSE die „systemische Förderung“ mit einer „Förderpauschale“ für jede Schule, errechnet auf der Grundlage einer angenommenen Quote von durchschnittlich fünf Prozent Kindern eines Jahrgangs mit sonderpädagogischem Förderbedarf LSE und der sozialen Lage der Schule, berechnet nach den sogenannten „Kessgebieten“. Ist das aus Ihrer Sicht ausreichend? Was müßte für eine bestmögliche Förderung der Schüler geschehen?.

Kristine Leites: Nein, – die systemische Ressource wird in vielen Fällen quantitativ und qualitativ nicht ausreichen. Sie ist ja eine Pauschale, die völlig unabhängig davon ist, wie die Realität an der einzelnen Schule aussieht. Und die hält sich eben nicht an irgendwelche Statistiken und Kessgebiete, sondern kann unterschiedlich aussehen. Es müßte also möglich sein, zusätzlich zu der systemischen Pauschale den benötigten und fachlich passenden realen Bedarf an Sonderpädagogen nachzubeantragen und zwar kurzfristig. Denn wenn das dann ein halbes Jahr dauert, ist für die entsprechenden Schüler wieder sehr viel wertvolle Förderzeit vergangen.

Kirschsblog: Gibt es denn dafür irgendwelche Zusagen von Senator oder Behörde?

Kristine Leites: Senator Rabe hat zwar vor den Sommerferien in Aussicht gestellt, dass „nachgesteuert“ werden soll. Doch bisher ist den Schulen nicht bekannt, wie. Seitens der Behörde wurde weder ein Verfahren noch eine Ressource dafür benannt. Wir hoffen, dass das noch kommt. Darüber hinaus benötigen die Inklusionsschulen dringend ein Sachmittelbudget, um die nötige sonderpädagogische Ausstattung zu gewährleisten.

Außerdem wäre es sinnvoll, wenn an jeder Inklusionsschule ein Sonderpädagoge in leitender Funktion als Förderkoordinator eingesetzt würde, der auch mit entsprechenden Ressourcen ausgestattet wäre, um z. B. bei den Viereinhalb – Jährigen- und den Einschulungsuntersuchungen Reihen- und Einzeldiagnosen vornehmen zu können, das heißt alle Kinder einmal kurz durchzuchecken, ob denn hier ein Verdacht auf sonderpädagogischen Förderbedarf vorliegt. So könnte ein Großteil der sonderpädagogischen Förderbedarfe frühzeitig erkannt, Schulleitung, Kollegen und Eltern sinnvoll beraten und die notwendigen Maßnahmen qualifiziert eingeleitet und begleitet werden. Dieser sonderpädagogische Koordinator stünde dann auch für Fälle, die erst später zutage treten, zur Verfügung und könnte fachkundig die richtige Hilfe in die Wege leiten.

Kirschsblog: Das findet also derzeit nicht statt?

Kristine Leites: Nein, das ist noch nicht geregelt. Es sollen Förderkoordinatoren eingesetzt werden, allerdings war bisher immer im Gespräch, dass das Regelpädagogen sind. Diese besitzen nicht aber nicht die fachliche Expertise. Vor jeglicher Förderplanung müsste ja zunächst einmal getrennt werden zwischen sonderpädagogischen Förderbedarf und anderem Förderbedarf, der durch Regelpädagogen und anderes Personal abgedeckt werden kann. Eine solche Diagnostik können nur sonderpädagogische Experten leisten. Dazu müssten sie natürlich mit entsprechenden Zeitressourcen für Diagnostik und Beratung ausgestattert werden.

Noch ein Satz dazu:

Die eigentlichen Ziele der Sonderpädagogik sind Prävention, also die Verhütung von behinderungsbedingten Nachteilen, und Rehabilitation: Das bedeutet, dem jeweiligen Schüler zu so viel Normalitaet wie möglich zu verhelfen, also behinderungsbedingte Einschränkungen zu kompensieren oder zu überwinden, um den Kindern langfristig die größtmögliche Teilhabe zu ermöglichen. Bei Sprachbehinderungen ist oft sogar eine Heilung möglich. Das aber erfordert, wie in jeder Reha-Klinik selbstverständlich, fachliche Expertise, spezielle Techniken, Methoden und Ausstattung, Zeitaufwand und Kontinuität der Förderung. Bisher hat das der sog. Therapeutische Unterricht an Sonderschulen, auch an Integrationsschulen, erfolgreich geleistet. Aus unserer Sicht ist Inklusion das Ziel und Rehabilitation der Weg dorthin. Mit der systemischen Pauschale wird eine solche Förderung i. d. R. nicht mehr organisierbar sein – mit dramatischen Folgen für das Schicksal der betroffenen Schüler.

Trotz massiver Proteste: Inklusionskonzept des Schulsenatators mit SPD Mehrheit in der Bürgerschaft beschlossen

14 Jun

am Tag vor der Abstimmung im Rathaus

„So wird die Inklusion an die Wand gefahren“, schallte es noch am Montag vor der Bürgerschaftssitzung aus Lautsprechern über den Rathausmarkt. Bis zuletzt hatte es heftige Proteste gegeben, rund 1200 Menschen waren auf einer Demonstration, zu der die Gewerkschaft GEW aufgerufen hatte, vom Bahnhof zum Rathaus gezogen.  Eltern, Lehrer, Erzieher, Kinder, Sonderpädagogen, Schulleitungen waren sich wie schon bei  der Inklusions – Anhörung im Schulausschuss Ende April (s.Kirschsblog) in ihrer Kritik einig.Auch die Oppositionsparteien kritisierten in ungewohnter Einmündigkeit das  Inklusionskonzept des SPD Schulsenators.“ Doch mit der Mehrheit der SPD Stimmen in der Bürgerschaft wurde das Konzept von Schulsenator Ties Rabe beschlossen.

„Heute legen wir das beste Förderkonzept in ganz Deutschland vor“, hatte Ties Rabe sein Konzept   in der Bürgerschaft gegen die heftige Kritik der Oppositionsparteien verteidigt.  Dies sei der „sichere Weg, um die Inklusion in Hamburg zu einem Erfolg zu machen“, sagte er. (Drucksache 20/3641: https://www.buergerschaft-hh.de/parldok/)

Kernpunkt seines Konzepts für die Inklusion ist die sogenannte „systemische Förderung“: Das bedeutet, die Mittel für die Förderung von Kindern mit sonderpädaogischem Förderbedarf an den allgemeinen Schulen  sollen künftig nicht individuell für jedes Kind „nach Bedarf einzelfallbezogen über sonderpädagogische Gutachten“ berechnet werden. Stattdessen werden den  Schulen pauschal berechnete Fördermittel zugewiesen, errechnet auf der Grundlage einer angenommenen Quote von durchschnittlich fünf Prozent Kindern eines Jahrgangs mit sonderpädagogischem Förderbedarf LSE ( dh. in den Bereichen Lernen, Sprache, emotionale und soziale Entwicklung) .  Als weiterer Berechnungs-Faktor kommt noch die soziale Lage (Sozialindex) der Schule hinzu, unterteilt nach den sogenannten Kess-Gebieten.

„Wir sind uns einig, dass Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam in der Schule lernen sollen, aber mit diesem Konzept des Senators, ohne ausreichende Mittel, wird das nicht gelingen“, so hatte der Sprecher der GEW die Kritik der Demonstranten zusammengefaßt.

Claudia Wackendorf und Karen Rüßbült
„Mit diesem Konzept ist Inklusion nicht möglich“

„Wir glauben, in dieser Form ist Inklusion nicht möglich“, so auch Claudia Wackendorf vom Landeselternausschuss Kindertagesbetreuuung und Kreiselternrat Wilhelmsburg bei der Demo: „Weil mit dem Unterricht, wie er geplant ist, Kinder nicht ausreichend gefördert werden können. Die Schulen kriegen das gleiche Geld, egal ob sie 20 Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf haben, oder fünf“. Ähnlich auch Stepanie Mäder vom Elternrat der Grundschule Kamminer Straße. „Wir sind eine Integrationsschule mit 200 Kindern aus 24 Nationen. An unserer Schule werden mit diesem Konzept 70 Prozent  der Förderstunden gestrichen“. Bisher hatte die I-Klasse eine Doppelbesetzung mit einem Lehrer und einem Erzieher, sowie stundenweise mit einen Sonderpädagogen sogar eine Dreifachbesetzung. Künftig gebe es keine durchgängige Doppelbesetzung und die Sonderpädagogen aus dem nahegelegenen Förderzentrum fielen in im nächsten Jahr „auch ganz weg“.

Ties Rabe dagegen erklärte in der Bürgerschaftssitzung, sein Fördersystem mit dreieinhalb Doppel-Förderstunden für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf und sieben Doppelstunden für Kinder mit spezieller Behinderung sei „bundesweit spitze“. Das entspreche auch den Empfehlungen von Bildungsforschern und Wissenschaftlern. Außerdem werde eine halbe Million Euro für die Lehrerforbildung im Bereich Inklusion bereitgestellt, so Ties Rabe an die Adresse der schulpolitischen Sprecherin der GAL, Stephanie von Berg, die den geplanten Stellenabbau in der Lehrerfortbildung kritisiert hatte.

Regina Tretow, GEW

„Ich hätte mir gewünscht, dass wir die I-Klassen und die IR- Klassen ausgebaut hätten“, erklärte Regina Tretow, GEW, Vorsitzende des Gesamtpersonalrats Schulen und eine der Organisatorinnen der Demonstration  Sie kritisiere nicht grundsätzlich die systemische Förderung, erklärte sie. Allerdings sei sie gegen eine sofortige flächendeckene Umsetzung. Vielmehr hätte man  „Inseln der Inklusion schaffen sollen“, nur so sei „das mit den Ressourcen machbar“. Diese Inseln hätte man schrittweise immer weiter ausbauen sollen. So wie die Inklusion jetzt umgesetzt werde, „gehen die Pädagogen drauf“ und „die Kinder werden benachteiligt, weil sie nicht genügend Förderung erfahren“.

Die geplante systemische Ressourcenzuweisung sei „ungerecht“ und „zu Unrecht gedeckelt“. Diese Auffassung vertrat in der Bürgerschaft die CDU in einem eigenen Antrag mit dem Titel „Inklusion richtig machen“ . Das Konzept des Senators gehe an den Interessen der betroffenen Kinder vorbei,  erklärte CDU Fraktions-Mitglied, Walter Scheuerl.  Notwendig, so die CDU in ihrem Antrag, sei „weiterhin eine Einzelfalldiagnostik, die Erstellung eines Förderplans, der Rechtsanspruch auf eine fachgerechte Förderung im Unterricht sowie eine Beratung der unterrichtenden Kollegen“. Sie fordert ua. ein „dauerhaftes Wahlrecht“ zwischen inklusiver Beschulung und Sonderschule und eine durchgehende Doppelbesetzung durch Sonderpädagogen.  (http://www.buergerschaft-hh.de/Parldok/Cache/3FF257D2ADF40680BF0107A0.pdf). Der Antrag wurde von SPD, GAL und Linke abgelehnt.

Das Inklusionskonzept des Schulsenators ist dagegen jetzt mit den Stimmen der SPD beschlossen. Die Grünen haben sich enthalten. Die übrigen Oppositionsparteien haben das Konzept abgelehnt.

Tessa, 13 Jahre, lernt in einer Integrationsklasse gemeinsam mit 5 Kindern mit unterschiedlichen Behinderungen in Farmsen. „Ich finde es gut, wie es bis jetzt ist, wir haben 2-3 Lehrer und kommen mit den Fragen besser dran, ,mit weniger lehrern würden wir alle nicht so schnell dran genommen werden, alle würden langsamer lernen“

Umfasssende Information über das Inklusionskonzept des SPD Schulsenators hat die GEW Hamburg in einem Reader über die „Baustelle Inklusion“ zusammengefaßt, siehe: http://www.gew-hamburg.de/sites/default/files/baustelle_inklusion

Ja“ zur Inklusion, aber „so geht es nicht“: Kritik am Ressourcenmangel bei der Anhörung im Schulausschuss

26 Apr

Ein Beispiel machte deutlich, worum es geht: Ein Junge, der in anderen Schulen immer wieder durch störendes Verhalten aufgefallen war, sei schließlich an ihre Schule gekommen, erklärte eine Lehrerin einer Förderschule. Der Junge sei vermutlich hyperaktiv, so die die Erklärung aus den vorherigen Schulen! Doch das erwies sich als Fehldiagnose. Was die fachliche Diagnose tatsächlich ergab: Der Schüler hatte eine Hörverarbeitungstörung. Mit dieser Diagnose konnte ihm gezielt geholfen werden und es sei  ihm danach gelungen, dem Unterricht zu folgen – ohne zu stören. Ein Beipiel, wie wichtig die fachlich-spezialisierte Arbeit von Sonderpädagogen für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf ist. Genau hier setzte der Kritik der rund 250 versammelten Lehrern, Sonderpädagogen, Schulleiter und Eltern an, die zur öffentlichen Anhörung des Schulausschusses der Bürgerschaft am Dienstag abend in die Handelskammer gekommen waren.

„Ich fürchte, meinem Erziehungs- und Bildungsauftrag nicht mehr gerecht werden zu können“, brachte es eine Lehrerin einer Stadtteilschule auf den Punkt. „Inklusion finde ich wunderbar, aber so kann es nicht gehen“, sagte ein Sozialpädagoge einer Ganztags -Stadtteilschule in einen Sozialem Brennpunkt-Stadtteil. Die Redner bei dieser Anhörung  blieben meist ruhig und sachlich, doch in ihrer Kritik am Inklusionskonzept von Schulsenator Ties Rabe waren sich alle einig: Die Ressourcen, also die Fördermittel für die Inklusion reichen nicht aus , so fasste Johannes Kaustenbach, Leiter der Stadtteilschule Niendorf die Kritik zusammen.  

Stein des Anstoßes ist die Drucksache 20/3641. In ihr sind die Rahmenbedingungen festgeschreiben, die Schulsenator Rabe für die „Inklusive Bildung an Hamburgs Schulen“ künftig vorsieht. Damit wird im Detail geregelt, wie der 2009 geänderte Paragraph 12 des Hamburgischen Schulgesetzes umgesetzt werden soll, wonach „Kinder und Jugendliche mit sonderpädagogischen Förderbedarf“ fortan das Recht haben, allgemeine Schulen zu besuchen und gemeinsam mit allen Schülern dieser Schulen unterrichtet und gefördert zu werden. Senatsdrucksache 20/3641 „Inklusive Bildung an Hamburgs Schulen“

Die Kritik richtete sich besonders gegen das sogenannte „systemische Fördermodell“. Künftig sollen demnach nicht mehr dem einzelnen Kind, sondern der Schule pauschal die sonderpädagogischen Fördermittel und Ressourcen zugerechnet werden. Errechnet werden diese Fördermittel und Ressourcen auf der Grundlage einer angenommenen Quote von fünf Prozent Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf pro Jahrgang. Als weiterer Berechnungs-Faktor kommt noch die soziale Lage (Sozialindex) der Schule hinzu, unterteilt nach den sogenannten Kess-Gebieten. Dieses systemische Fördermodell nach Quote und Kessfaktor sei „nicht transparent“ und führe zu „Ungerechtigkeiten“. „Wir machen uns Sorgen, dass die Ressourcen an den Schulen nicht reichen“, erklärte Johannes Kaustenbach, und warnte, dies könne „eine Gefahr für die Inklusion“ werden.

Die pauschale Form der Zurechnung der Ressourcen werde der Situation an ihrer Schule mit 17 Anmeldungen von Kindern mit Förderbedarf bei insgesamt 60 Anmeldungen nicht gerecht. Das rechnete auch eine Vertreterin der Geschwister Scholl Stadtteilschule vor. Das ist „mit systemischer Ressource nicht zu wuppen“.

Seit 30 Jahren gebe es in Hamburg nunmehr schon integrative Beschulung. Hamburg sei dafür weit und breit gelobt worden, erklärte Stefan Romey von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, GEW und Mitglied im Beirat Inklusion. Doch mit dem neuen Inklusionskonzept des Schulsenators würden die Mittel zur Förderung erheblich reduziert.  Im Vergleich zu den bisher bestehenden „Integrativen Regelklassen“ seien 60 bis 70 Prozent der Mittel gestrichen, im Vergleich zu den „Integrationsklassen“ seien 20 bis 40 Prozent der  Ressourcen gestrichen. Was das  Inklusionskonzept des Schulsentors künftig in der Praxis bedeutet, erläuterte er am Beispiel einer vierzügigen Grundschule mit zwei Vorschulklassen, die demnach künftig mit einem Sonderpädagogen und einem Sozialpädagogen nur noch für 13 Prozent des Unterichts eine Doppelbesetzung von Lehrer und Sonderpädagogen oder Sozialpädagogen haben werde. Zwar gebe es einen Sonderpädagogischen Förderplan, aber „real sollen die Allgemeinpädagogen den Prozess allein wuppen“. Die pädagogische Ausstattung der jetzigen  IR Klassen mit Doppelbesetzungen sollte auch künftig bei der Inklusion die Regelausstattung sein, betonte auch ein Vater vom Elternrat der Joseph Schröder Schule.

Enno Bormfleth vom Verband Sonderpädagogik (VDS) kritisierte die vom Senat geplanten „künftigen personellen Ressourcen zur sonderpädagogischen Förderung“. Nach den Plänen von Schulsenator Rabe sollen künftig neben Sonderpädagogen auch Sozialpädagogen und Erzieher im Verhältnis 40 zu 60 Prozent die sonderpädagogische Förderung an den Regelschulen übernehmen. Dieser „Professionenmix“ mache in dieser Höhe „keinen Sinn“, erklärte Enno Bormfleet, der die Ganztagsförderschule Bindfeldweg leitet.  Kritik äußerte er auch an der geplanten Unterteilung  in zwei Förderungsarten. Es werde ein „geringere, gedeckelte“ Förderung für den „sonderpädgogischen Förderbedarf Lernen, Sprache, sowie soziale und emotionale Entwicklung“, LSE, geben und eine „höhere“  personenbezogene Förderung für Schüler mit dem „Förderbedarf im Bereich Sehen, Hören, Kommunikation, geistige, körperliche und  motorische Entwicklung und Autismus“, dem sog. „Speziellen Förderbedarf“. Damit werde deren „Gleichwertigkeit aufgehoben“ und es werde eine Unterteilung vorgenommen in „weniger Behinderte“ und „wahre Behinderte“, kritisierte der Sonderpädagoge des VDS.

Grundlage für jede Art von sonderpädagogischer Förderung sei die „Fachlichkeit“, betonte Sonderpädagogin Christine  Leites von der Deutschen Gesellschaft für Sprachheilpädagogik e. V. Die fachspezifische Förderung überfordere Allgemeine Pädagogen. Sonderpädagogen müssten entscheiden, welche Förderbedarf vorliege, doch dafür gebe es keine Zeit. Beim einzelnen Kindern komme am Ende künftig weniger sonderpädagogische Förderung an.  Hinzu komme, dass Kinder mit Sprach-, Lernbehinderung und Schweren Verhaltensstörungen aus dem „Behinderungsbegriff“ herausgenommen worden seien. Mit der neuen Bezeichnung „Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf in den Bereichen Lernen oder Sprache oder sozial-emotionale Entwicklung“ (LSE)  würden diesen Kindern jetzt einklagbare Ressourcen weggenommen, Eltern und Sonderpädagogen könnten nichts mehr einfordern, speziell auch bei Kindern mit Sprachförderungsbedarf.

Besonders  skandalös sei, dass die Sprachförderung an den Sonderschulen künftig gestrichen sei, kritisierten zwei andere Sonderpädagogen später in diesem Zusammenhang, und zwar gerade dort, wo die Sprachförderung am meisten gebraucht würden. Eine Partei werde nicht christlich durch ein „C“ im Namen, eine Partei werde aber auch nicht sozial, nur weil sie ein „S“ im Namen trage, so erklärte ein Sonderpädagoge und erhielt dafür heftigen Applaus.

Der Elternratsvertreter der Joseph Schröder Schule wies schließlich noch auf die häufig unzureichende räumlich technische Ausstattung von Schulen hin.  Es könne nicht angehen, dass es für Rollstuhlfahrer nur eine Toilette und ein ausreichend niedriges Waschbecken gebe, oder dass der Lichtschalter einfach zu hoch angebracht sei. Jens Fricke von der Gemeinschaft der Elternräte der Stadtteilschulen sprach den Plan von Schulsenator Rabe an, dass auch Gymnasien  Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf übernehmen sollen. Die Gymnasien müssten die Hälfte der Kinder nehmen, so Jens Fricke, „ungeachtet der Schullaufempfehlung“, und „ohne Abschulungs-Gelegenheit“.

Sie mache sich Sorgen um die Kollegien vor Ort, erklärte Regina Tretow vom Gesamtpersonalrat Schule in der Schulbehörde. Seit Beginn der Inklusion steige der Krankenstand der Lehrer in Grund-, Stadtteil – und Sonderschulen. Sie forderte konsequente Doppelbesetzung im Unterricht. Doch selbst die jetzt geplanten Doppelbesetzungen seien nicht gesichert, im Krankheitsfall stehe kein Ersatz zur Verfügung, „viele Doppelbesetzungen werden ausfallen“. Wie  andere Redner bei dieser Anhörung forderte sie außerdem zusätzliche Koordinationszeiten für Absprachen zwischen den beteiligten Pädagogen. Ohne Absprache  werden man die „Kinder nicht fördern können, wie wir es wünschen.“

Viele Kinder seien an einer kleinteiligen Sonderschule besser aufgehoben, erklärte ein Sonderpädagoge und Vater eines Kinders mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Es gebe Schüler, die mit dem Druck einer anderen Schule nicht „klar kommen“,  die keine großen Schulen ertragen, und kleine Gruppen brauchen. Die Förderschulen würden nun aufgelöst, doch er hoffe, dass Schulen für diese Kinder weiterbestehen blieben.

Was wir nicht haben, ist Zeit, so ein Sozialpädagoge der STS Mümmelmannsberg.  „Es  fehlt an menschlicher Zuwendung,  jedes Kind möchte beachtet werden, wenn es nicht passiert, dreht unter Umständen die ganze Klasse durch“. Zwar sei vorgesehen, dass auch Sozialpädagogen künftig für die sonderpädagogische Förderung zuständig seien, doch nirgendwo stehe geschrieben, was die Sozialpädagogen künftig machen sollten, wofür sie zuständig sein sollen. „Bisher werden wir verheizt“,  zum Windelwechseln dort, zur Unterrichtsvertretung da. „Inklusion finde ich wunderbar, aber so geht es nicht“ (so).

„Erstens, Inklusion ist ein gutes Ziel. Zweitens, die Ressourcen reichen nicht aus“, so das Resumee von Schulleiter Johannes Kaustenbach, mit dem er die Anhörung aber nicht beenden wollte. Sein Vorschlag:  Die Abgeordneten des Schulausschusses sollten parteiübergreifend einen Appell an den Finanzausschuss der Bürgerschaft  richten, „einen nennenswerten Betrag zum Gelingen der Inklusion zur Verfügung zu stellen“. Das wäre ein wichtiges Signal!