Archiv | G9 Abiturienten RSS feed for this section

Turbo G8 – „Allgemeinbildungsanspruch und eine humane Bildung wurden nahezu völlig aufgegeben“: Bildungswissenschaftler Professor Hans Peter Klein

13 Mai

G9PlakatAn diesem Wochenende hat sich in Presse und sozialen Netzwerken in Hamburg die Debatte um die acht- oder neunjährige Schulzeit an den Gymnasien, G8 – G9, heftig zugespitzt. Auslöser ist eine Einladung zu einem Treffen der Hamburger G9 Befürworter durch die Elterninitiative „G9-Jetzt-HH“, die eine Wiedereinführung des G9 an Hamburgs Gymnasien mit Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 fordert. Die Eltern hatten in einer Petition in drei Monaten über 6000 Unterschriften für die Rückkehr zum G9 an Hamburgs Gymnasien erhalten, doch Schulsenator Ties Rabe hält weiter an Turbo G8 fest.  Die Elterninititive kündigte deshalb an, das Treffen der G9 Befürworter könnte der Startschuss zu einer Volksinitiative für die Wiedereinführung des G9 an Gymnasien werden. 

Wie schon einmal während des Volksentscheids gegen die Primarschule ist die schulpolitische Diskussion um G8 oder G9 in Hamburg festgefahren zwischen den Eltern auf der einen und allen etablierten Parteien von Senat und Bürgerschaft auf der anderen Seite. Wie der SPD Schulsenator wollen auch CDU, FDP, Grüne und Linke am Turbo G8 festhalten. Sie erklären, man könne ja die zweite Schulform in Hamburg, die Stadtteilschule wählen, an der es das G9 gebe. Schulsenator Rabe selber hatte dagegen noch in Jahr 2009 die von CDU/FDP eingeführte Schulzeitverkürzung heftig kritisiert: „Der Senat hat mit fliegenden Fahnen und gegen alle Argumente die Schulzeitverkürzung durchgepeitscht“, hatte er damals als Oppositionspolitiker erklärt. http://www.tiesrabe.de/89.html?&tx_ttnews%5Btt_news%5D=217&tx_ttnews%5BbackPid%5D=90&cHash=a7148fe2a0

Kirschsblog hat deshalb nachgefragt. Was sagen Bildungswissenschaftler? Was beurteilen sie das Für und Wider von G8 und G9? Kirschsblogs Interview mit Professor Dr. Hans Peter Klein von der Goethe Universität Frankfurt:

KleinTCNJ2011Professor Dr. Hans Peter Klein unterrichtete mehr als 20 Jahre als Gymnasiallehrer und Lehrbeauftragter in der Lehrerausbildung an den Universitäten Köln und Koblenz, bevor er 2001 von der Goethe-Universität Frankfurt auf den Lehrstuhl für Didaktik der Biowissenschaften berufen wurde. Professor Klein ist Präsident der Gesellschaft für Didaktik der Biowissenschaften (www.didaktik-biowissenschaften.de), Vorstandsmitglied der Bildungskommission der Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte, sowie Mitbegründer und Geschäftsführer der 2010 in Köln gegründeten Gesellschaft für Bildung und Wissen (www.bildung-wissen.eu). 2011/2012 war er als Gastprofessor am College of New Jersey (TCNJ) in den USA tätig. Professor Klein war am 16. April 2013 in der Experten-Anhörung zum Thema individualisierter und kompetenzorientierter Unterrricht als Sachverständiger im Schulausschuss der Hamburgischen Bürgerschaft geladen.

Kirschblog: Herr Professor Klein, sind Sie für das G8 oder für das G9 an Gymnasien?

Prof. Klein: Diese Frage ist relativ einfach zu beantworten: für G9.

Kirschblog: Welche Gründe sprechen denn gegen G8?

Prof. Klein: Die Begründungen, die zu G8 geführt haben, kamen in erster Linie aus einem neoliberalen Anspruch auf Bildung, der unsere Kinder als nachwachsenden Rohstoff für den Kapital- und Arbeitsmarkt betrachtet und in der es darauf ankommt, dieses Humankapital möglichst effizient im Rahmen der Globalisierung und einer weltweiten Employability aufzustellen. Diese Forderungen werden ja unter anderem über die OECD und die weltweit agierende Bertelsmann Stiftung  vertreten. Die Finanzminister haben dann auch schnell einen Haken hinter G8 gemacht, da es Einsparpotentiale insbesondere im Bereich der Lehrerversorgung bot. Auch der Vorwurf, dass deutsche Schul- und Universitätsabsolventen deutlich älter sind als die vor allem aus den anglo-amerikanischen Ländern, ist natürlich abwegig, da es erstens ja wohl auf die Qualität des Abschlusses ankommt – und da war gerade der deutsche Absolvent sowohl des neunjährigen Abiturs als auch des 10 und mehr Semester dauernden Diploms gern gesehener Gast, Universitäts- oder auch Berufseinsteiger in diesen Ländern. Hinzu kommt, dass die USA flächendeckend einen 8-semestrigen Bachelor vergibt, der ja mit dem deutschen und teilweise europäischem 6-semestrigen Schmalspur-Bachelor nicht zu vergleichen ist.

Kirschblog: Sie glauben also, dass die Bildungsökonomie sich hier durchgesetzt hat?

Prof. Klein: Klar! „Möglichst schnell und kostengünstig durch das Bildungssystem“ scheint die leider immer noch andauernde Parole der Protagonisten dieser Entwicklung zu sein, das betrifft ja die Bacherlor-Studiengänge gleichermaßen.

Kirschblog: Hat es denn noch andere Gründe für die Einführung von G8 gegeben?

Prof. Klein: Eines der Argumente war, dass die Kinder ein Jahr ihrer Lebenszeit gestohlen bekämen, dies hatte seinerzeit der damalige Bundespräsident Roman Herzog so formuliert. Dies scheint sich seit der Einführung von G8 ins Gegenteil verwandelt zu haben: Schulkindern wird ihre Kindheit und Jugend gestohlen, da selbst die Kleinsten in immer kürzerer Zeit mit einer bisher nie gekannten Anzahl von Wochenarbeitsstunden oftmals bis in den späten Nachmittag in der Schule ihren Fächern nachgehen müssen. Die für eine positive Bildung der Gesamtpersönlichkeit dringend notwendigen sportlichen, künstlerischen und musischen Aktivitäten sind praktisch kaum noch zu realisieren. Das darüber hinaus für eine mündige und kreative Persönlichkeitsentwicklung ebenfalls wichtige „Chillen“, wie es so schön in der Jugendsprache heute heißt, hat man den Kindern weitgehend weggenommen. Sie sind in ihren Aktivitäten durchgeplant wie junge Roboter und werden leider nicht nur so durch ihre schönsten Jahre geschleust, sondern kommen danach auch an den Hochschulen in ein völlig durchstrukturiertes Bachelor/Master System hinein, dass Ihnen jede Eigeninitiative und Kritikfähigkeit geradezu nimmt. Anscheinend geht es nur noch darum, angepasste Kräfte möglichst kostengünstig für den globalen Arbeitsmarkt zu generieren. Parallel zu dieser Entwicklung wurde ein ehemals besonders im bisherigen deutschen Bildungssystem entwickelter Allgemeinbildungsanspruch und eine humane Bildung nahezu völlig aufgegeben, von Standardisierung, Effizienz und von Kompetenzen ist die Rede, eine Entwicklung, die ich eher als Weg in die Unbildung bezeichnen würde. Entsprechend wird mein neues Buch, was ich derzeit schreibe, auch den Titel oder Untertitel haben „Praxis der Unbildung“, denn genau dort sind wir mittlerweile angelangt. Bildung braucht Zeit und die Wähler werden es den Politkern danken, wenn diese ehrlich genug sind, hier eine vielleicht sogar einmal gut gemeinte Fehlentwicklung zu korrigieren.

Kirschblog: Was ist denn überhaupt Bildung?

Prof. Klein: Dies ist keine leichte Frage, denn eine einheitliche Definition von Bildung gibt es nicht. Gehen wir mal auf den Bildungsbegriff von Wilhelm von Humboldt zurück, der derzeit in der ganzen Welt eine nie gekannte Beachtung findet – außer in Deutschland –  so versteht man darunter im weitesten Sinne die Entwicklung einer ganzheitlichen Persönlichkeit basierend auf einer möglichst breiten Allgemeinbildung, in der Selbstbestimmung, Mündigkeit und Vernunftgebrauch die zentralen Elemente darstellen. Eberhard von Kuenheim, Vorsitzender der gleichnamigen Stiftung und jahrelanger Vorstandsvorsitzender von BMW, hat in einem leider viel zu wenig beachteten Artikel in der FAZ mit dem Titel „Wider die Ökonomisierung der Bildung“ eindringlich vor einem reinen Nützlichkeitsdenken gewarnt, da ein strenger Utilitarismus genau die Schäden verursache, die man beklage. Insbesondere auch die geisteswissenschaftlichen Disziplinen – die heute sowohl an Schulen als auch an Universitäten im Rahmen eines bisher nie gekannten Drittmittel- und Employabilitywahns in ihrer Daseinsberechtigung angezweifelt werden – sollten dazu beitragen, die Kindern zu mündigen und kritischen Bürgern zu erziehen, die sowohl in ihrem persönlichen als auch im gesellschaftlichen Leben auf der Basis von Wissen kompetent Entscheidungen, Bewertungen und Kommunikationen durchführen können, was übrigens auch der Anspruch eines sinnvollen Kompetenzbegriffs durchaus anfangs war.

Kirschblog: Sie verwenden in diesem Zusammenhang öfter die Definition „Bildung ist Widerstand“. Was verstehen Sie darunter?

Prof. Klein:„Bildung bedeutet Widerstand“ ist eine der Sichtweisen von Bildung, die von meiner Kollegin Ursula Frost  von der Uni Köln in einem bemerkenswerten Vortrag auf der Gründungstagung unserer 2010 ins Leben gerufenen Gesellschaft für Bildung und Wissen (www.bildung-wissen.eu) zu diesem Thema vorgetragen wurde. Davon kann nun leider heute überhaupt keine Rede mehr sein. Ganz im Gegenteil scheinen die neuen Bildungskonzepte eher den angepassten und kritiklosen, möglichst auch nicht mit zuviel Wissen ausgestatteten Menschen als das ausgewiesene Ziel eines ökonomistischen Bildungsbegriffs zu fordern, der in Politik und Wirtschaft optimal verwertbar alle ihm aufgetragenen Aufgaben ohne Nachfragen erledigt und sich möglichst eigener Gedankengänge enthält, von Kritik ganz zu schweigen. Mainstream ist angesagt und das gilt in gleicher Weise mittlerweile auch für Wissenschaft und Forschung. Auch hier schwimmt man auf der vorgegebenen Welle mit. Kritische Geister, falls es sie überhaupt noch gibt, erhalten den Querulantenstatus und keine Drittmittel. Dabei haben gerade in der Wissenschaft insbesondere kritische Geister die Forschung voran gebracht, die immer wieder die wichtigen Fragen „Wieso“, „Weshalb“, „Warum“ gestellt haben. Heute ist es nur noch das Motto der Sesamstrasse und der Sendung mit der Maus. Kritiklose Bürger, die auf der Schiene des Zeitgeistes mit gefühltem Wissen mitschwimmen, sind halt leichter manipulierbar. Wie ich schon sagte: Unbildung!

Kirschblog: Gerade im anglo-amerikanischen Raum gehen die Schüler aber auch nur 12 Jahre in die Schule. Welche Erfahrungen hat man denn dort?

Prof. Klein: Dort hat man nur deswegen 12 Jahre Schule, da der Staat nur diese Zeit bezahlt. Danach wird das Bildungssystem mehr oder weniger komplett privatisiert. Auch die amerikanischen Colleges und Universitäten sehen dies durchaus kritisch und hätten lieber um wenigstens ein Jahr ältere Studienanfänger. Die kommen jetzt – wie hier nun auch – mit 17 Jahren dorthin und werden als „Freshmen“ bezeichnet, die in den ersten beiden Semestern eine Art Studium generale durchführen können, damit sie sich zuerst einmal orientieren können. Noch nicht einmal das gewährt man den deutschen Studienanfängern. „Helicopter Parents“ begleiten die Freshmen in den USA und üben durchaus Druck auf die Lehrenden aus, sie zahlen ja schließlich deutlich mehr als Zehntausend Dollar pro Semester für ihre Zöglinge und wollen nicht, dass diese dort nur Partys feiern. Und dieser Unfug hält derzeit Einzug in die deutschen Hochschulen. Zudem empfiehlt man den G8ern soziale Jahre, Auslandsaufenthalte, Praktika, Studium vorbereitende Veranstaltungen und vieles mehr, um die Zeit für die Aufnahme eines Studiums zu überbrücken. All das haben wir bei G9 nicht gebraucht.

Kirschblog: Aber auch in der ehemaligen DDR ging man maximal 12 Jahre zu Schule und die neuen Bundesländer haben auch heute meist G8?

Prof. Klein: Das stimmt, aber in der DDR haben auch nur weniger als 10% der Schüler die sogenannte Erweiterte Oberschule besucht, man hat also nur 10% Abiturienten generiert, also die besten eines Jahrgangs. Das geht nun gar nicht mit der derzeit ins Visier genommenen Abiturientenquote von mindestens 50%, es sei denn, man senkt die Ansprüche drastisch ab und das bestreitet heute ernsthaft niemand mehr.

Kirschblog: Aber die Hamburger KESS Studie behauptet doch das genaue Gegenteil.

Prof. Klein: Ich bin immer wieder erstaunt, wie sehr sich die Öffentlichkeit und selbst die Presse bluffen lassen. Wir untersuchen derzeit vergleichend die Hamburger Zentralabiturarbeiten von 2005 bis 2011 in den einzelnen Fächern und erste Ergebnisse weisen eher auf das genaue Gegenteil hin.

Kirschblog: Herr Professor Klein, vielen Dank für das Interview.

Einladung

Treffen der Hamburger G9 Befürworter:

14. Mai 2013

20 Uhr

Brechtschule

Norderstrasse 163-5

7 Minuten von Hauptbahnhof

Informationen zu Elterninitiative „G9-Jetzt-HH“unter:

http://www.g9-jetzt-hh.de,

Tel. 0172/4356563

Sind G8 Abiturienten besser als G9 Abiturienten oder schlechter? Und warum wurde erstmals auf die Frage verzichtet, wie es den Abiturienten geht? Die Ergebnisse der Kess 12 Studie

28 Nov

Wer hat Recht? Die Ergebnisse der gestern vorgestellten Kess 12 Studie,  in der die Leistungen der Abiturienten des G8 Abi-Jahrgangs von 2011 geprüft wurden, haben erstaunlich Unterschiede und unerwartete Allianzen in der Bewertung  ausgelöst.

Die Leistungen in Englisch seien in der „Gesamtbreite aller Lerngruppen“ bei den  G8 Abiturienten „höher“ als die der G9 Abiturienten in der vorherigen Lau-Studie vor sechs Jahren, erläuterte Studienleiter Ulrich Vieluf. Auch im Bereich der „voruniversitären Mathematik“ habe der G8 Jahrgang besser abgeschnitten.  „Deutlich bessere Leistungen“ als die G9 Abiturienten hätten  in beiden Bereichen vor allem die 500 leistungsstärksten der knapp 4000 getesteten Abiturienten des G8 erreicht, erklärte er. Leichte Verbesserungen  gebe es bei den leistungsstärkeren G8 Abiturienten auch in den Naturwissenschaften. Schulsenator Ties Rabe kommentierte hocherfreut: „In allen Tabellen zeigt sich, dass die Schülerinnen und Schüler unter verschärften Bedingungen zu besseren Leistungen kommen. Das „überraschende Ergebnis „ von Schulzeitverkürzung und Profiloberstufe, so der Senator in seiner Pressemitteilung: „Bessere Leistung im Abitur“. http://www.hamburg.de/pressearchiv-fhh/3702064/2012-11-27-bsb-kess-12.html

„G8 scheitert in Hamburg: aktuelle Längsschnittstudie KESS 12 belegt Misserfolg trotz Profiloberstufe“, urteilte dagegen der Bürgerschaftsabgeordnete in der CDU Fraktion, Walter Scheuerl. Die G8-Schülerinnen und Schüler im Abiturjahr 2011 hätten „schlechtere Leistungen erzielt als ihre Vorgänger im Vergleichsabiturjahr 2005 im G9“. Und das, obwohl sie sich bei der Kurswahl in der Profiloberstufe im Vergleich zum G9 Jahrgang viel stärker auf  Kernfächer wie Mathematik und Englisch konzentriert hätten. Der Vorsitzende des Schulausschusses der Bürgerschaft belegte seine Kritik mit Zitaten aus allen drei Bereichen Englisch, Mathematik und Naturwissenschaft der Kess Studie: So verwies er u.a. auf die besseren Ergebnisse der G9 Abiturienten in dem „unbestechlichen internationalen TOEFL-Test („Test of English as a Foreign Language)“ Auf Seite 5 der Studie heißt es: „„die Abiturientinnen und Abiturienten des KESS-Jahrgangs schneiden auf beiden Kursniveaus über das gesamte Leistungsspektrum schwächer ab als der LAU-Jahrgang“. Walter Scheuerls Fazit: „Schulsenator Rabe verhöhnt mit seiner heutigen Pressemeldung die Schülerinnen und Schüler im G8-System, wenn er …behauptet, das G8 hätte in Hamburg in Verbindung mit der Profiloberstufe zu angeblich besseren Leistungen im Abitur geführt. Das Gegenteil ist der Fall!“

Ganz ähnlich auch die Kritik der GEW: „Die Jubelmeldungen des Bildungssenators und KMK-Präsidenten Ties Rabe zur Vorstellung der Ergebnisse der KESS 12 Studie sind voreilig und ungerechtfertigt“. Es entspreche „nicht der Wahrheit“, dass die „Schulzeitverkürzung zum Abitur (G8) zu besseren Schulleistungen geführt“ habe. In der Studie selbst werde  „viel bescheidener“ erklärt, das G8 habe „nicht zu einem Leistungseinbruch geführt“.   Das sei aber, so auch die GEW, ein Ergebnis der Profiloberstufe und der „stärkeren Anwahl von Kursen mit erhöhten Anforderungen in Englisch und Mathematik“. Mit der Schulzeitverkürzung habe das „ nichts zu tun“.

Kess 12 sei eine reine Leistungsstudie, kritisiert die GEW weiter. Die Bedingungen, unter denen diese erzielt worden seien, seien gar nicht untersucht worden. „Zunehmender Zeitdruck beim Lernen und verdichtete Unterrichtstage und –wochen“ führten zu „massivem Stress bei den SchülerInnen und ihren Familien“ Es fehle an Freizeit und außerschulischen Aktivitäten,  Gymnasiasten hätten „Arbeitswochen, die weit über die Regelarbeitszeiten von ArbeitnehmerInnen hinaus“ gingen, erklärte der GEW Vorstzende Klaus Bullan auch in einen Interview in der Tagesschau. Doch seine Empfehlung,  lieber das G9 an der Stadtteilschule zu wählen, ist für viele Eltern, die sich bewußt für das Gymnasium entschieden haben, wohl keine Lösung.  http://www.gew-hamburg.de/themen/bildungspolitik/schulzeitverkuerzung-ist-und-bleibt-falsch

Eine erstaunliche Allianz mit dem SPD Schulsenator bildete dagegen der schulpolitische Sprecher der CDU Fraktion, Robert Heinemann. Er war einer der maßgeblichen Schulpolitiker seiner Partei, als vor 10 Jahren unter CDU und FDP Regierung in Hamburg die Schulzeit an den Gymnasien von neun auf acht Jahre reduziert und das G8 damit eingeführt wurde. Sein erfreuter Kommentar zur Kess 12 Studie. „Die Ergebnisse zeigen, dass sowohl die Einführung des G8 als auch die stärkere Leistungsorientierung der Gymnasien – etwa durch die zentralen Prüfungen – unter den CDU-Senaten richtig war. Besonders beeindruckend ist, dass sich die Leistungen trotz der deutlichen Erhöhung der Abiturientenquote verbessert haben“.  Anders als die GEW, sieht Robert Heinemann lediglich gewisse Probleme bei der Umsetzung des G8, die noch nicht „optimal“ erfolgt sei. Dadurch komme es „teilweise zu unnötigen Belastungen der Schülerinnen und Schüler“. Robert Heinemanns Verbesserungsvorschlag:  „Schulinspektion und Schulaufsicht“ müssten da noch genauer hinsehen.

Die Zitate und die sehr unterschiedlichen Bewertungen machen insgesamt eins deutlich: Einen eindeutigen Leistungsvorsprung der G8 Abiturienten vor den Abiturienten des G9, wie es Ties Rabe in seiner Pressemitteilung behauptet, läßt sich mit den Ergebnissen der Kess 12 Studie keineswegs belegen.  

Es gibt allerdings ein klares Ergebnis: Die Zahl der Abiturienten hat sich insgesamt erheblich erhöht. Sie stieg um 33 Prozent, von 3517 Abiturienten im Jahr 2005 auf 4675 im Jahr 2011. Die Schülerschaft hat sich dabei verändert, es gibt jetzt mehr Abiturienten aus bildungsfernen Elternhäusern.

Am Ende der Leistungsbilanz fragte eine Journalistin gestern, ob man denn bei der Kess 12 Studie auch Wohlbefinden oder Gesundheit der Abiturienten des G8 Jahrgangs geprüft habe. Die Antwort von Studienleiter Ulrich Vieluf: Bei Lau und früheren Untersuchungen habe man die Abiturienten „noch gefragt“: „Wie geht es Dir?“. Diese Frage, so Vieluf, sei aber von den Abiturienten „nicht goutiert“ worden. Deshalb habe man bei KESS erst garnicht danach gefragt.

Schulsenator Rabe zeigte sich von dieser Frage unberührt. In Hamburg gebe es zwei  Möglichkeiten, das Abitur zu machen, das G8 am Gymnasium und das G9 an der Stadtteilschule. Diese Kombination sei „geradezu ideal“, man habe beide Wege eröffnet, der G8 Jahrgang sei erfolgreich, so „dass wir das so lassen“.

 Die Frage eines anderen Journalisten, ob sich der ganze Stress denn lohne, beantwortete er nicht.