Archiv | FDP;SPD.CDU RSS feed for this section

Turbo G8 – „Allgemeinbildungsanspruch und eine humane Bildung wurden nahezu völlig aufgegeben“: Bildungswissenschaftler Professor Hans Peter Klein

13 Mai

G9PlakatAn diesem Wochenende hat sich in Presse und sozialen Netzwerken in Hamburg die Debatte um die acht- oder neunjährige Schulzeit an den Gymnasien, G8 – G9, heftig zugespitzt. Auslöser ist eine Einladung zu einem Treffen der Hamburger G9 Befürworter durch die Elterninitiative „G9-Jetzt-HH“, die eine Wiedereinführung des G9 an Hamburgs Gymnasien mit Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 fordert. Die Eltern hatten in einer Petition in drei Monaten über 6000 Unterschriften für die Rückkehr zum G9 an Hamburgs Gymnasien erhalten, doch Schulsenator Ties Rabe hält weiter an Turbo G8 fest.  Die Elterninititive kündigte deshalb an, das Treffen der G9 Befürworter könnte der Startschuss zu einer Volksinitiative für die Wiedereinführung des G9 an Gymnasien werden. 

Wie schon einmal während des Volksentscheids gegen die Primarschule ist die schulpolitische Diskussion um G8 oder G9 in Hamburg festgefahren zwischen den Eltern auf der einen und allen etablierten Parteien von Senat und Bürgerschaft auf der anderen Seite. Wie der SPD Schulsenator wollen auch CDU, FDP, Grüne und Linke am Turbo G8 festhalten. Sie erklären, man könne ja die zweite Schulform in Hamburg, die Stadtteilschule wählen, an der es das G9 gebe. Schulsenator Rabe selber hatte dagegen noch in Jahr 2009 die von CDU/FDP eingeführte Schulzeitverkürzung heftig kritisiert: „Der Senat hat mit fliegenden Fahnen und gegen alle Argumente die Schulzeitverkürzung durchgepeitscht“, hatte er damals als Oppositionspolitiker erklärt. http://www.tiesrabe.de/89.html?&tx_ttnews%5Btt_news%5D=217&tx_ttnews%5BbackPid%5D=90&cHash=a7148fe2a0

Kirschsblog hat deshalb nachgefragt. Was sagen Bildungswissenschaftler? Was beurteilen sie das Für und Wider von G8 und G9? Kirschsblogs Interview mit Professor Dr. Hans Peter Klein von der Goethe Universität Frankfurt:

KleinTCNJ2011Professor Dr. Hans Peter Klein unterrichtete mehr als 20 Jahre als Gymnasiallehrer und Lehrbeauftragter in der Lehrerausbildung an den Universitäten Köln und Koblenz, bevor er 2001 von der Goethe-Universität Frankfurt auf den Lehrstuhl für Didaktik der Biowissenschaften berufen wurde. Professor Klein ist Präsident der Gesellschaft für Didaktik der Biowissenschaften (www.didaktik-biowissenschaften.de), Vorstandsmitglied der Bildungskommission der Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte, sowie Mitbegründer und Geschäftsführer der 2010 in Köln gegründeten Gesellschaft für Bildung und Wissen (www.bildung-wissen.eu). 2011/2012 war er als Gastprofessor am College of New Jersey (TCNJ) in den USA tätig. Professor Klein war am 16. April 2013 in der Experten-Anhörung zum Thema individualisierter und kompetenzorientierter Unterrricht als Sachverständiger im Schulausschuss der Hamburgischen Bürgerschaft geladen.

Kirschblog: Herr Professor Klein, sind Sie für das G8 oder für das G9 an Gymnasien?

Prof. Klein: Diese Frage ist relativ einfach zu beantworten: für G9.

Kirschblog: Welche Gründe sprechen denn gegen G8?

Prof. Klein: Die Begründungen, die zu G8 geführt haben, kamen in erster Linie aus einem neoliberalen Anspruch auf Bildung, der unsere Kinder als nachwachsenden Rohstoff für den Kapital- und Arbeitsmarkt betrachtet und in der es darauf ankommt, dieses Humankapital möglichst effizient im Rahmen der Globalisierung und einer weltweiten Employability aufzustellen. Diese Forderungen werden ja unter anderem über die OECD und die weltweit agierende Bertelsmann Stiftung  vertreten. Die Finanzminister haben dann auch schnell einen Haken hinter G8 gemacht, da es Einsparpotentiale insbesondere im Bereich der Lehrerversorgung bot. Auch der Vorwurf, dass deutsche Schul- und Universitätsabsolventen deutlich älter sind als die vor allem aus den anglo-amerikanischen Ländern, ist natürlich abwegig, da es erstens ja wohl auf die Qualität des Abschlusses ankommt – und da war gerade der deutsche Absolvent sowohl des neunjährigen Abiturs als auch des 10 und mehr Semester dauernden Diploms gern gesehener Gast, Universitäts- oder auch Berufseinsteiger in diesen Ländern. Hinzu kommt, dass die USA flächendeckend einen 8-semestrigen Bachelor vergibt, der ja mit dem deutschen und teilweise europäischem 6-semestrigen Schmalspur-Bachelor nicht zu vergleichen ist.

Kirschblog: Sie glauben also, dass die Bildungsökonomie sich hier durchgesetzt hat?

Prof. Klein: Klar! „Möglichst schnell und kostengünstig durch das Bildungssystem“ scheint die leider immer noch andauernde Parole der Protagonisten dieser Entwicklung zu sein, das betrifft ja die Bacherlor-Studiengänge gleichermaßen.

Kirschblog: Hat es denn noch andere Gründe für die Einführung von G8 gegeben?

Prof. Klein: Eines der Argumente war, dass die Kinder ein Jahr ihrer Lebenszeit gestohlen bekämen, dies hatte seinerzeit der damalige Bundespräsident Roman Herzog so formuliert. Dies scheint sich seit der Einführung von G8 ins Gegenteil verwandelt zu haben: Schulkindern wird ihre Kindheit und Jugend gestohlen, da selbst die Kleinsten in immer kürzerer Zeit mit einer bisher nie gekannten Anzahl von Wochenarbeitsstunden oftmals bis in den späten Nachmittag in der Schule ihren Fächern nachgehen müssen. Die für eine positive Bildung der Gesamtpersönlichkeit dringend notwendigen sportlichen, künstlerischen und musischen Aktivitäten sind praktisch kaum noch zu realisieren. Das darüber hinaus für eine mündige und kreative Persönlichkeitsentwicklung ebenfalls wichtige „Chillen“, wie es so schön in der Jugendsprache heute heißt, hat man den Kindern weitgehend weggenommen. Sie sind in ihren Aktivitäten durchgeplant wie junge Roboter und werden leider nicht nur so durch ihre schönsten Jahre geschleust, sondern kommen danach auch an den Hochschulen in ein völlig durchstrukturiertes Bachelor/Master System hinein, dass Ihnen jede Eigeninitiative und Kritikfähigkeit geradezu nimmt. Anscheinend geht es nur noch darum, angepasste Kräfte möglichst kostengünstig für den globalen Arbeitsmarkt zu generieren. Parallel zu dieser Entwicklung wurde ein ehemals besonders im bisherigen deutschen Bildungssystem entwickelter Allgemeinbildungsanspruch und eine humane Bildung nahezu völlig aufgegeben, von Standardisierung, Effizienz und von Kompetenzen ist die Rede, eine Entwicklung, die ich eher als Weg in die Unbildung bezeichnen würde. Entsprechend wird mein neues Buch, was ich derzeit schreibe, auch den Titel oder Untertitel haben „Praxis der Unbildung“, denn genau dort sind wir mittlerweile angelangt. Bildung braucht Zeit und die Wähler werden es den Politkern danken, wenn diese ehrlich genug sind, hier eine vielleicht sogar einmal gut gemeinte Fehlentwicklung zu korrigieren.

Kirschblog: Was ist denn überhaupt Bildung?

Prof. Klein: Dies ist keine leichte Frage, denn eine einheitliche Definition von Bildung gibt es nicht. Gehen wir mal auf den Bildungsbegriff von Wilhelm von Humboldt zurück, der derzeit in der ganzen Welt eine nie gekannte Beachtung findet – außer in Deutschland –  so versteht man darunter im weitesten Sinne die Entwicklung einer ganzheitlichen Persönlichkeit basierend auf einer möglichst breiten Allgemeinbildung, in der Selbstbestimmung, Mündigkeit und Vernunftgebrauch die zentralen Elemente darstellen. Eberhard von Kuenheim, Vorsitzender der gleichnamigen Stiftung und jahrelanger Vorstandsvorsitzender von BMW, hat in einem leider viel zu wenig beachteten Artikel in der FAZ mit dem Titel „Wider die Ökonomisierung der Bildung“ eindringlich vor einem reinen Nützlichkeitsdenken gewarnt, da ein strenger Utilitarismus genau die Schäden verursache, die man beklage. Insbesondere auch die geisteswissenschaftlichen Disziplinen – die heute sowohl an Schulen als auch an Universitäten im Rahmen eines bisher nie gekannten Drittmittel- und Employabilitywahns in ihrer Daseinsberechtigung angezweifelt werden – sollten dazu beitragen, die Kindern zu mündigen und kritischen Bürgern zu erziehen, die sowohl in ihrem persönlichen als auch im gesellschaftlichen Leben auf der Basis von Wissen kompetent Entscheidungen, Bewertungen und Kommunikationen durchführen können, was übrigens auch der Anspruch eines sinnvollen Kompetenzbegriffs durchaus anfangs war.

Kirschblog: Sie verwenden in diesem Zusammenhang öfter die Definition „Bildung ist Widerstand“. Was verstehen Sie darunter?

Prof. Klein:„Bildung bedeutet Widerstand“ ist eine der Sichtweisen von Bildung, die von meiner Kollegin Ursula Frost  von der Uni Köln in einem bemerkenswerten Vortrag auf der Gründungstagung unserer 2010 ins Leben gerufenen Gesellschaft für Bildung und Wissen (www.bildung-wissen.eu) zu diesem Thema vorgetragen wurde. Davon kann nun leider heute überhaupt keine Rede mehr sein. Ganz im Gegenteil scheinen die neuen Bildungskonzepte eher den angepassten und kritiklosen, möglichst auch nicht mit zuviel Wissen ausgestatteten Menschen als das ausgewiesene Ziel eines ökonomistischen Bildungsbegriffs zu fordern, der in Politik und Wirtschaft optimal verwertbar alle ihm aufgetragenen Aufgaben ohne Nachfragen erledigt und sich möglichst eigener Gedankengänge enthält, von Kritik ganz zu schweigen. Mainstream ist angesagt und das gilt in gleicher Weise mittlerweile auch für Wissenschaft und Forschung. Auch hier schwimmt man auf der vorgegebenen Welle mit. Kritische Geister, falls es sie überhaupt noch gibt, erhalten den Querulantenstatus und keine Drittmittel. Dabei haben gerade in der Wissenschaft insbesondere kritische Geister die Forschung voran gebracht, die immer wieder die wichtigen Fragen „Wieso“, „Weshalb“, „Warum“ gestellt haben. Heute ist es nur noch das Motto der Sesamstrasse und der Sendung mit der Maus. Kritiklose Bürger, die auf der Schiene des Zeitgeistes mit gefühltem Wissen mitschwimmen, sind halt leichter manipulierbar. Wie ich schon sagte: Unbildung!

Kirschblog: Gerade im anglo-amerikanischen Raum gehen die Schüler aber auch nur 12 Jahre in die Schule. Welche Erfahrungen hat man denn dort?

Prof. Klein: Dort hat man nur deswegen 12 Jahre Schule, da der Staat nur diese Zeit bezahlt. Danach wird das Bildungssystem mehr oder weniger komplett privatisiert. Auch die amerikanischen Colleges und Universitäten sehen dies durchaus kritisch und hätten lieber um wenigstens ein Jahr ältere Studienanfänger. Die kommen jetzt – wie hier nun auch – mit 17 Jahren dorthin und werden als „Freshmen“ bezeichnet, die in den ersten beiden Semestern eine Art Studium generale durchführen können, damit sie sich zuerst einmal orientieren können. Noch nicht einmal das gewährt man den deutschen Studienanfängern. „Helicopter Parents“ begleiten die Freshmen in den USA und üben durchaus Druck auf die Lehrenden aus, sie zahlen ja schließlich deutlich mehr als Zehntausend Dollar pro Semester für ihre Zöglinge und wollen nicht, dass diese dort nur Partys feiern. Und dieser Unfug hält derzeit Einzug in die deutschen Hochschulen. Zudem empfiehlt man den G8ern soziale Jahre, Auslandsaufenthalte, Praktika, Studium vorbereitende Veranstaltungen und vieles mehr, um die Zeit für die Aufnahme eines Studiums zu überbrücken. All das haben wir bei G9 nicht gebraucht.

Kirschblog: Aber auch in der ehemaligen DDR ging man maximal 12 Jahre zu Schule und die neuen Bundesländer haben auch heute meist G8?

Prof. Klein: Das stimmt, aber in der DDR haben auch nur weniger als 10% der Schüler die sogenannte Erweiterte Oberschule besucht, man hat also nur 10% Abiturienten generiert, also die besten eines Jahrgangs. Das geht nun gar nicht mit der derzeit ins Visier genommenen Abiturientenquote von mindestens 50%, es sei denn, man senkt die Ansprüche drastisch ab und das bestreitet heute ernsthaft niemand mehr.

Kirschblog: Aber die Hamburger KESS Studie behauptet doch das genaue Gegenteil.

Prof. Klein: Ich bin immer wieder erstaunt, wie sehr sich die Öffentlichkeit und selbst die Presse bluffen lassen. Wir untersuchen derzeit vergleichend die Hamburger Zentralabiturarbeiten von 2005 bis 2011 in den einzelnen Fächern und erste Ergebnisse weisen eher auf das genaue Gegenteil hin.

Kirschblog: Herr Professor Klein, vielen Dank für das Interview.

Einladung

Treffen der Hamburger G9 Befürworter:

14. Mai 2013

20 Uhr

Brechtschule

Norderstrasse 163-5

7 Minuten von Hauptbahnhof

Informationen zu Elterninitiative „G9-Jetzt-HH“unter:

http://www.g9-jetzt-hh.de,

Tel. 0172/4356563

Ein sprachloser Ties Rabe – ARD Bericht zieht „verheerende Bilanz des Turbo G8“

5 Nov

Vielen Eltern in Hamburg, die sich seit Einführung des Turbo G8 vor 10 Jahren gegen Druck, Überforderung und lange Schultage des G8 wehren, bescherte die Sendung „Titel, Thesen, Temperamente“ des ersten Programms der ARD am Sonntag abend ein dreifach beglückendes Erlebnis!!!

Warum dreifach beglückend?

1. Zum ersten Mal erlebten sie einen Schulsenator, der sich auf eine Frage eines Journalisten nicht wie gewohnt mit vielen schmückenden Worten glatt aus kritischen Fragen herauswand: Ties Rabe war schlicht sprachlos! 2. Der Bericht mit der „verheerenden Bilanz des Turbo G8“ kam aus HH, eine Ausrede wie „Bayern ist viel schwerer“ war also nicht möglich. 3. der Beitrag lief in der ARD und brachte auf den Punkt, wogegen Eltern seit 10 Jahren in HH kämpfen und wofür sie sich einsetzten: Für eine Wiedereinführung des G9 an Gymnasien –  am besten umgesetzt in einer Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 an den Gymnasien!!!

Seit 10 Jahre, seit Einführung des Turbo G8 an Hamburgs Gymnasien, engagieren sich Eltern in Hamburg gegen die Verkürzung der Schulzeit an Gymnasien von 9 auf 8 Jahre. Die Eltern protestieren gegen eine gesundheitliche Überforderung ihrer Kinder durch pädagogisch unsinnig lange Unterrichtstage von 8 bis 11 Pflichtstunden am Tag, und gegen eine 50 Stundenwoche für Schüler ab 1o, 11 Jahren, rechnet man Hausaufgaben etc. dazu. Eltern kritisieren das Chaos der täglich wechselnden langen und kurzen Tage in der Schule, der fehlenden klaren Zeitstrukturen bei Mittagessen, Hausaufgaben, Üben, Referaten, den Mangel an Freizeit und Erholung. Sie protestieren gegen das Zusammenpressen des Stoffs von insgesamt 13 in 12 Schuljahre, die fehlende Ausstattung der Schulen mit Räumen, Kantinen und Personal und gegen den Eingriff in die selbstbestimmte Zeit für außerschulische Aktivitäten der Kinder, für Familienleben und elterliches Erziehungsrecht.

Die Eltern-Proteste gegen das G8 prallten jedoch gegen eine Mauer der Abwehr bei allen verantwortlichen Schulpolitikern – sowohl bei CDU und FDP, unter deren Regierung das G8 eingeführt worden war, als auch beim derzeitigen Schulsenator Ties Rabe von der SPD, der erst vor wenigen Wochen auf die Frage von Eltern audrücklich erklärte, dass er für Kinder und Jugendliche am Gymnasien kein G9 zulassen werde, weil es ja das G9 ja schon an den Hamburger Stadtteilschulen gebe.

Umso erstaunlicher für die kritischen Eltern die Reaktion des Schulsenators in dem Bericht der ARD am Sonntag. Von den Reportern gefragt, was denn das Gute am G8 sei, rang Ties Rabe um Worte – und fand keine. Die Sprachlosigkeit des Schulsenators wirkte wie ein ungewolltes Zugeständnis an die kritischen Eltern.

„Die Bilanz nach zehn Jahren Turbo-Abi ist verheerend.“ so überhaupt das Resumee in dem TTT Bericht, der damit die jahrelange Kritik und Proteste der Eltern am G8 bestätigte. Nach einer aktuellen Emnid-Umfrage wollten knapp „80 Prozent der Eltern das alte Gymnasium zurück“, so es hieß es in dem Bericht, in dem dann auch die Gründe für diese verheerende Bilanz aufgezählt wurden:

„Da wächst eine Generation ohne Zeit auf. Ohne Zeit für das, was Spaß macht. Ohne Zeit für Musikinstrumente und Sport.“so der ARD Bericht, in dem Schüler, Lehrer und Schulleiter aus Hamburg zu Worte kamen. Die verkürzte Schulzeit stresse auch Lehrer, denn sie hätten „täglich mit kaputten und überforderten Schülern zu kämpfen“. Der Schulleiter des Emilie Wüstenfeld Gymansiums in Hamburg, Winfried Rangnick, kritisiert in dem Bericht: „Das eine ist tatsächlich der Wechsel von G9 auf G8, eine größere Anzahl an Stunden, längere Schultage, gerade auch für Schüler im Alter von 13 bis 16, in der Pubertät oft schwierig, wo sie mehr Zeit für sich bräuchten. Der andere Teil, den wir wahrnehmen, ist, dass sich gesellschaftlich etwas verändert hat. Der Druck der Gesellschaft, der sich den Schülern auf welche Weise auch immer mitteilt, ohne dass Eltern gezielt darüber sprechen, glaube ich, lautet: Streck dich nach der Decke, es kann schwierig werden, es gibt eine hohe Konkurrenz.“

Vielleicht ist sei das G8 „einfach kein gutes Modell“, so die ARD Reporter. Manche Bundesländer planten schon eine „Rolle rückwärts… denn auf der Strecke bleibt: die Kindheit, die Jugend. Die Schüler sind früher fertig – in jeder Hinsicht. „Es ist ein hoher Preis, den die Schüler und Lehrer an den Gymnasien zahlen für, ich will mal sagen, eine Laune der Wirtschaft, die irgendwann mal alle Kultusminister überzeugt hat“, so denn auch die Kritik eines Lehrer.

„Reife kann man nicht beschleunigen“, so bringt der Bericht die Sorgen, Proteste und Kritik von Eltern, Schülern, Lehrern und Schulleitern auf den Punkt: “ Für viele Schüler, Eltern und Lehrer ist das Turbo-Abi durchgefallen. „

http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/sendung/ndr/2012/turboabitur-100.html

Kirschsblog wünscht allen Lesern schöne Sommerferien und freut sich über einen gemeinsamen Erfolg von Eltern und Kritikern

20 Jun

Das erste Schuljahr mit dem neuen Schulsenator Ties Rabe geht zu Ende. Ein Jahr, das mit dessen Bekenntnis zum Schulfrieden begann und das dann mit heftigen Protesten von Eltern, Lehrern, Erziehern und Gewerkschaftern gegen große Reformvorhaben des Schulsenator unerwartet unruhig wurde. Proteste, die sich  gegen die Abschaffung der Horte und der Vielfalt der Nachmittags- betreuung richteten, gegen die mangelnde Qualität der künftigen Ganztagsschulen, gegen Raummangel, schlechtere Betreuungsschlüssel, fehlende Kantinen, fehlenden Platz zum Ruhen und Toben und fehlende Freiräume für Kinder.

Massive Proteste und Demonstrationen gab es auch gegen das Inklusionskonzept des Schulsenators, das in seltener Übereinstimmung von Lehrern, Eltern, Gewerkschaftern und Oppositionsparteien als unzulängliches Sparmodell kritisiert wurde. Die vom Schulsenator vorgesehenen Mittel  und  Ressourcen seien viel zu gering, ein Gelingen der Inklusion sei so nicht möglich, so ihre Kritik.

Heftige Proteste löste schließlich die geplante 10prozentige Kürzung der Mittel für die offene Kinder –und Jugendarbeit durch den SPD Senat aus, mit der Folge, dass viele Jugendtreffs, Bauspielplätze und Kinderhäuser von der Schließung bedroht sind.

Kirschsblog freut sich, in diesem Jahr mit seinen Berichten, Recherchen, kritischen Nachfragen und Interviews zur öffentlichen Diskussion und zur Aufmerksamkeit für die Interessen der Betroffenen beigetragen zu haben. Ganz besonders freut sich Kirschsblog, mit seinen Berichten über die von Schulsenator Rabe vorgesehene Streichung der „offenen Ganztagsschule“ und der Wahlfreiheit zwischen Halb- und Ganztagsangeboten aus dem neuen Hamburgischen Schulgesetz eine öffentlichen Diskussion über diese Streichung angeregt zu haben. Diese  gipfelte  in einer Warnung  vor einem neuen Volksentscheid durch das CDU Fraktionsmitglied Walter Scheuerl, nach der Schulsenator Rabe das Wahlrecht wieder ins Schulgesetz aufnahm. Am vergangenen Donnerstag beschlossen er und die SPD in der Bürgerschaft, folgenden Satz aus einem FDP Antrag in das Gesetz einzufügen:  „Die Behörde stellt sicher, dass ein regional ausgewogenes Angebot an Halbtagsbeschulung in zumutbarer Entfernung zum Wohnort besteht.“

Für diese Entscheidung des Schulsenators sind viele Eltern und Kritiker dankbar, denn damit ist das elterliche Wahlrecht zwischen schulischen Halbtags- und Ganztagsangeboten gesetzlich verankert.  Trotzdem gibt es aus Elternsicht weiter  Anlass zu Wachsamkeit, denn erst in der Praxis wird sich zeigen, wie ernst es die SPD damit meint, und ob es für die Kinder und Jugendlichen, deren Eltern keine Ganztagsschule wünschen,  auch langfristig die versprochenen Halbtagsangebote in zumutbarer Entfernung geben wird. Die Frage ist außerdem, wie es um die Rechte von Eltern bestellt ist,  deren Schulen nach Schulkonferenzbeschluss in gebundene Ganztagsschulen umgewandelt werden, die aber selbst keine GTS wünschen.  

Dennoch – Ties Rabe ist in der Frage des Wahlrechts Eltern und Kritikern entgegengekommen.  Eine zweite Streichung nahm der Schulsenator allerdings nicht zurück. Nach dem bisherigen Schulgesetz konnten Ganztagsschulen nur genehmigt werden, wenn sie die  personellen, sächlichen und räumlichen Voraussetzungen für eine Ganztagschule erfüllten. Die Qualitätsanforderungen hat Schulsenator Rabe im neuen Schulgesetz gestrichen. Diese Streichung machte er – trotz der heftigen Elternproteste gegen die mangelnde Qualität der neuen Ganztagsschulen – nicht rückgängig.

Es gibt also für Eltern und andere Kritiker zum Jahresende einem erfreulichen Teilerfolg. Das Zugeständnis beim elterlichen Wahlrecht hat den Senator allerdings auch keine zusätzlichen Mittel und Ressourcen gekostet.

Ganz anders dagegen sieht es bei der Qualität und Ausstattung der neuen Ganztagsschulen und ebenso in der Frage des Inklusionskonzepts des Schulsenators aus. Das Konzept ist beschlossen, und Ties Rabe scheint trotz der massiven Proteste zu keinem Entgegenkommen bereit zu sein. In beiden Punkten geht es, wie auch bei den Kürzungen bei der Offenen Kinder und Jugendarbeit, um Ressourcen, Mittel und Finanzen. Doch in der Frage der Mittel und Finanzen ist der SPD Senat offenbar zu keinerlei Einlenken bereit. 

Auch das kommende, zweite Schuljahr von Schulsentor Rabe dürfte also unruhig werden. Die Proteste werden weitergehen. Kritiker sprechen schon von einem „heißen Herbst“.

Doch bis dahin wünscht Kirschsblog erst einmal allen Schulkindern und Eltern schöne Ferien, eine erholsame Pause von Schule und Schulpolitik und hoffentlich bald auch in Hamburg viel, viel Sonne.

SPD Mehrheit in der Bürgerschaft hat beschlossen: Wahlfreiheit ins neue Schulgesetz – ja, Qualitätsanforderungen für Ganztagsschulen – nein

15 Jun

Das Grundrecht schütze Eltern nicht vor landesrechtlichen Eingriffen, denn Eltern seien nur für Erziehung und Pflege zuständig, nicht aber für Bildung. Letztere sei Aufgabe des Staates, das erklärte gestern zum Thema Ganztagsschule und Wahlfreiheit Dora Heyenn, Fraktionsvorsitz der Linken.  Sie erschaudere vor dem opportunistischen Politikstil des SPD Schulsenators , dem es besorgniserregend an Führungsstärke mangele, das Ganze sei im Übrigen steinzeitlich, hatte zuvor Stephanie von Berg von den Grünen erklärt. Die heftigen Worte der  zwei Politikerinnen in der aktuellen Stunde der  Bürgerschaft  gestern machten noch einmal klar, was viele Eltern in Hamburg seit Bekanntwerden der Ganztagsschulpläne des neuen  SPD Schulsenators Ties Rabe im letzten Jahr beunruhigt und warum die Einfügung eines Wahlrechts auf Halbtagsangebote in das neue Schulgesetzes des Schulsenators aus ihrer Sicht dringend nötig war. Dieses Einführung des Wahlrechts in das Gesetz hat die SPD mit ihrer Mehrheit in der Bürgerschaft gestern nun  beschlossen.

Auf Protesttreffen gegen die SPD Ganztags-Reform in letzten Monaten hatten Eltern immer wieder erklärt, sie hätten Angst, dass die SPD mit der flächendeckenden Umwandlung von Ganztagsschulen einen schleichender Ausbau der  „gebundenen Pflicht-Ganztagsschule für alle“ plane.  Die beiden Politikerinnen der Grünen und der Linken waren dagegen gestern immer wieder an das Rednerpult getreten, um ganz klar zu machen, dass sie die Einfügung einer Wahlfreiheit zwischen Halbtags- und Ganztagsbeschulung in das neue Hamburgische Schulgesetz  für überflüssig und für einen massiven Fehler hielten.

Der Hintergrund: Ties Rabe  hatte die im bisher geltenden Schulgesetz enthaltene „offene Ganztagsschule“  aus dem neuen Entwurf zu seinem Schulgesetz erst gestrichen  und hat nun nach heftger Kritik von Eltern, in Medien und in der CDU und FDP das Recht auf Halbtagsbeschulung wieder in der Schulgesetz eingefügt. Mit der Streichung hätte der SPD Schulsenator auch das Recht auf halbtägige schulische Angebote und Wahlfreiheit gestrichen,so die Kritiker. CDU Fraktions-Mitglied Walter Scheuerl, Initiator des erfolgreichen Volksentscheids gegen die Primarschule, hatte in der letzten Woche sogar vor einem neuen Volksentscheid gegen die Einschränkung des elterlichen Wahlrechts gewarnt. Mit der gestern beschlossenen Aufnahme der Halbtagsangebote in das Schulgesetz folgt die SPD nun einem Antrag der FDP zur Sicherstellung der Wahlfreiheit an Ganztagsschulen. Dort heißt es: „Die Behörde stellt sicher, dass ein regional ausgewogenes Angebot an Halbtagsbeschulung in zumutbarer Entfernung zum Wohnort besteht.“ http://www.fdp-fraktion-hh.de/wp-content/uploads/Zusatzantrag+Drs+20-3642_Ganztagsschule+Wahlfreiheit-3.pdf

 Ties Rabe habe sich damit aus Angst vor eine neuen Volksentscheid ohne eigenen politischen Willen dem Säbelrasseln mit stumpfen Säbeln gebeugt, kritisierte Stephanie von Berg. Was werde denn passieren, wenn alle Schulen GBS würden, fragte sie. Welches Demokrativerständnis denn da vorliege? Anderslautende Beschlüsse von Schulkonferenzen könnten ausgehebelt werden, wenn auf Halbtagsschulen in zumutbarer Entfernung bestanden würde.  Im Übrigen sei die ganztägige Bildung und Betreuung, GBS, ja  freiwillig.

Ob man ihr einmal erklären könne, was das heiße, „in zumutbarer Entfernung“, frage Dora Heyenn, fünf Kilometer – zehn Kilometer? Außerdem reiche Paragraph 13, Absatz 3 des Schulgesetzes doch völlig aus: In der offenen Form der Ganztagsschule sei die Teilnahme am Unterricht nach  Stundentafel Pflicht, an den ergänzenden Angeboten freiwillig… Was die Abgeordnete offenbar nicht wusste: Dieser Text stammt aus dem derzeit noch geltenden alten Schulgesetz. Doch genau diese Regelung hatte der Schulsenator in seinem neuen Schulgesetz gestrichen. Worauf der Abgeordnete Walter Scheuerl Frau Heyenn unterbrach und darauf  hinwies, dass sie evtl. bei der bevorstehenden Abstimmung vom falschen Gesetz ausgehe.

Man solle zwei Begriffe auseinanderhalten, erklärte Walter Scheuerl außerdem, und nannte dann die zwei im Gesetz enthaltenen Ganztagsschul-Formen: Zum einen die GBS an den Grundschulen, bei der Eltern die Wahl zwischen dem Ganztag mit Nachmittagsbetreuung oder Halbtagsunterricht haben und zum anderen die „echte Ganztagsschule“. Schulkonferenzen könnten unabhängig von der Mehrheit der Elternschaft „hinterrücks“ entscheiden, die Schule in eine gebundene GTS umzuwandeln, so Walter Scheuerl. Beispiel sei die Rellingerstrasse, in der die Hälfte der Eltern für GBS votiert hatten und dann von der Schulkonferenz mit einem Beschluss für gebundene Ganztagschule „brutal überstimmt“ worden sei.  Dies solle sich nicht „schleichend durch die Stadt ziehen“. Bis heute wolle vielmehr die Hälfte der Hamburger Eltern keine Ganztagsschule. Er erinnerte in diesem Zusammenhang an Olaf Scholzs berühmten Satz von der „Lufthoheit über den Kinderbetten“. Sein Anliegen, erklärte Walter Scheuerl sei die Freiwilligkeit.

Bei Ganztagsschulen käme es im Übrigen auf die Qualität an, erklärte er undverwies auf die „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“, STEG. Der Studie zufolge führe der Besuch von Ganztagsschule bei der Leistung von Schülern zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen, jungere Schüer hätten besser Ergebnisse, ältere ab Klasse 7 schlechtere als bei Halbtagsunterricht. Die Ergebnisse seien abhängig von der Qualität und Zusammensetzung der Schulen und Klassen. Die Qualität der Ganztagsschulen, speziell der Kantinen, sprach auch der schulpolitische Sprecher der CDU, Robert Heinemann an. Er fragte, wie der Schulsenator denn nun angesichts der hohen Anmeldezahlen für die Ganztagsschulen reagieren werde. Sollen die Schüler statt in drei Schichten nun in 6 Schichten Mittagessen?, so Robert Heinemann

Die Qualität  ist der  zweite Punkt, den Ties Rabe im neuen Schulgesetz gestrichen hat. Das bisherige Schulgesetz sah vor,  dass Ganztagsschulen für die Genehmigung  personelle, sächliche und räumliche Voraussetzungen erfüllen mußten. Im neuen Schulgesetz tauchen Qualitätanforderungen nicht mehr auf. Diese Streichung – eine Frage, die Mittel, Ressourcen und Finanzen berührt –  hat der SPD Senator allerdings gestern nicht rückgängig gemacht.

Er halte nichts von Zwangsmissionierung, erläuterte schließlich Ties Rabe die Wiederaufnahme der Wahlfreiheit ins Schulgesetz. Es sei auch gar nicht nötig, weil so viele Eltern freiwillig an Ganztagschule teilnehmen wollten. Man schaffe jetzt 10.000 neue Nachmittagsangebote für Kinder, denen bisher Plätze fehlten. Es gebe im Moment „vermutlich“ auch nur 50 gebunden Ganztagsschulen. Im Vergleich zur Vorgängerregierung habe man außerdem die Rahmenbedingungen für Ganztagsschulen, die Ausstattung mit Kantinen, Kooperationszeiten,  usw. verbessert und die Mittel erhöht.

Mit der Wideraufnahme der Wahlfreiheit in das Schulgesetz erklärte Ties Rabe, habe er eine „demagogische Lücke“ schließen wollen. Er habe den Eindruck vermeiden wollen, im Schulgesetz gebe es eine Lücke, die dann dazu genutzt werden könnte, „so zu tun, als ob wir einen fixen Masterplan“ hätten, der eine „subversive Umwandlung“ in andere Schulformen vorsehe.. „Jedes Mittel“ sei ihm recht, darüber „Klarheit zu schaffen“, dass es keine „Zwangsmissionierung“ geben werde.

Nach aufrichtiger Einsicht in die Sorgen und den Wunsch der Eltern nach einer dauerhaften und rechtlich einklagbaren Wahlfreiheit zwischen Halbtagsangeboten und gebundener Ganztagsschule klingt das nicht. Zum Regierungsantritt hatte Ties Rabe denn auch erklärt, er erwarte, dass die Ganztagsschule „sich in großer Schnelligkeit in die gebundene Form entwickelt”, wenn die offene Form überall eingeführt werde.(https://kirschsblog.wordpress.com/2011/08/) Ähnliches hatten auch SPD Politiker von Bund und Land bei einer Veranstaltung der SPD vor 10 Tagen erklärt. Die  SPD Politiker betonten, die offene Ganztagsschule sei aus ihrer Sicht nur eine Übergangsform zur gebundenen Ganztagsschule, die auch in Hamburg bestimmt kommen werde. (https://kirschsblog.wordpress.com/2012/06/05/uberraschter-schulsenator-die-freiwillige-ganztagsschule-und-ihre-zukunft/).

Keiner stelle die Ganztagsschule in Frage, „wir wollen alle die Ganztagsschule“, die FDP wolle aber, dass sie freiwillig sei, erklärte Anna von Treuenfels von der FDP. Sie sei sehr froh, dass die SPD die Wahlfreiheit in das Gesetz wieder aufgenommen habe, sagte sie. So sahen das auch viele Eltern, die sich gestern in ersten Reaktionen erleichtert  über die Entscheidung der SPD zeigten.  In Richtung Grüne und Linke erklärte Anna von Treuenfels zuletzt: „Wer Wahlfreiheit verbieten will, der hat ein Problem mit Wahlfreiheit. Wer damit ein Problem hat, will von oben bestimmen“.

Mehrheit in Schleswig Holstein für G9 Gymnasien: Wie eine Gegenreform zum Wahlkampfschlager wurde

4 Mai

G9 Wochen – so könnte man die vergangenen Wochen vor der Schleswig Holstein Wahl nennen. Gemeint sind nicht die Treffen von Wirtschaftmächten, wie kaufmännisch denkende Hamburger schon einmal spotten. Es geht vielmehr um das Abi in neun Jahren an Gymnasien, das in fast allen Bundesländern zum „Turbo Abi nach acht Jahren“, G8, verkürzt wurde. Hamburg gehörte dabei 2004 zu den „Vorreitern“ dieser Schulreform. „G8 bleibt“, so war in den Jahren  seither immer wieder die Antwort von Politikern auf die Bitten, Appelle und Gesuche von Eltern, die wegen der hohen Belastungen ihrer Kinder durch lange Tage, hohe Wochenstundenzahl und dichtgedrängtes Pensum des G8 um Rückkehr zum G9 baten.

In Schleswig Holstein fanden die Eltern – anders als in Hamburg – Gehör: Auf Initiative des FDP Bildungsmininsters Ekkehard Klug hat die dortige CDU/FDP Regierung im vergangenen Jahr für alle 100 Gymnasien des Landes in einem neuen Schulgesetz die Wahlmöglichkeit zwischen G8 und G9 geschaffen. Dazu beigetragen hatte die Elterninitiative „G9 jetzt“, die bei Protestversammlungen und einer landesweiten Unterschriftenaktion die Wahlmöglichkeit zwischen G8 und G9 gefordert und das neue Gesetz massiv unterstützt hatte – für das G9 sprachen sich bei einer aktuellen Umfrage auch 78 Prozent der Befragten in Schleswig Holstein aus, nur 16 Prozent entschieden sich für das G8! Und die FDP liegt ua. mit dem Thema G9 derzeit erstaunlich im Aufwind.

Kirschsblog sprach mit der Vorsitzenden der Initiative „G9 Jetzt“ und des Schleswig Holsteiner Elternvereins, Astrid Schulz-Evers. Sie ist als Mutter eines G8 und eines G9 Kindes Elternvertreterin und Mitglied im Vorstand des Schulelternbeirates am Gymnasium Schloß Plön und im Kreiselternbeirat der Gymnasien im Kreis Plön.

Kirschsblog: Sie sind in vielen Funktionen Elternsprecherin, Vorsitzende von Elterninitiativen, engagierte Streiterin für das G9 seit einigen Jahren aktiv. In Schleswig-Holstein gibt es die Wahlmöglichkeit zwischen G8 und G9 auch an den Gymnasien. Wie ist es dazu gekommen? 

Astrid Schulz-Evers: Es war so, dass ich als Elternvertreter meines Sohnes in seiner G8 – Klasse festgestellt habe, dass die Belastung durch das G8 für ihn und die anderen Kinder sehr hoch war, sowohl im privaten Bereich, als auch im psychischem Bereich. Viele Kinder mußten damals schnell Nachhilfe in Anspruch nehmen. Wir haben viele Fahrschüler und FahrschülerInnen, die noch lange mit dem Bus vor und nach der Schule unterwegs sind. Durch den Ganztagssunterricht konnten sie dann am Sport, Fußball und anderen Aktivitäten außerhalb der Schule nicht mehr teilnehmen, keine Freunde mehr treffen. Die ersten Abmeldungen bei den Vereinen folgten! Die ersten Feuerwehren und der DLRG meldeten dann, dass auch dort die Kinderzahlen zurückgingen. Und die Eltern stellten fest, dass auch das Familienleben sehr beeinträchtigt war. Was nun die Wochenenden der Familie bestimmte, das waren Hausaufgaben machen und für die Schule üben. Es ging einfach sehr viel mehr Zeit für das Schulleben im G8 drauf.

Kirschsblog: Sie waren mir Ihren Erfahrungen nicht allein, es ist damals eine richtige Bewegung entstanden. Wie war das?

Astrid Schulz -Evers: Parallel zu unserem Gymnasium, wo es massiv Klagen über die Belastung durch das G8 gab, gab es auch von anderen Gymnasien im Land ähnliche Berichte. Es wurden dann in einigen Gymnasien schon kleine Aktionen und Initiativen gestartet, die sich gegen diese Belastung wehren wollten.

Kirschsblog: Es kam zu einer Protestversammlung und einer landesweiten Unterschriftenaktion. Wie kam es dazu, und was wollten Sie damit erreichen ?

Astrid Schulz-Evers: Wir wollten damit zeigen, wie es den Kindern geht. Ich hab selber damals z.B. den Schulranzen für einen Acht-Stunden Tag packen lassen. Der war dermaßen schwer, dass mein Sohn ihn kaum heben konnte. Das war wirklich dramatisch. Wir wollten ein Signal setzten und ich habe die Elternvertretungen der Gymnasien im ganzen Land angeschrieben und sie im März 2010 zu einer Podiumsdiskussion zu uns an das Gymnasium nach Plön eingeladen. Der Saal bei dieser Diskussion wurde rappelvoll und das Signal war eindeutig. Wir haben dort eine Abstimmungen durchgeführt, und es wurde mehrheitlich gesagt: Wir wollen G9.

Kirschsblog: Daraufhin gab es dann noch weitere Aktionen, z.B. eine Unterschriftenaktion.

Astrid Schulz Evers: Ja, wir Eltern haben dann eine Unterschriftenaktion gestartet, um weitere Signale zu setzen. Da kamen innerhalb sehr kurzer Zeit über 25.000 Unterschriften zusammen.

Kirschsblog: In ganz Schleswig Holstein?

Astrid Schulz-Evers: In ganz Schleswig-Holstein! In knapp drei, vier Monaten hatten wir die Unterschriften zusammen. Wir hätten sicherlich mehr zusammen kriegen können, wenn wir mehr Zeit gehabt hätten, aber das musste angesichts der Schulgesetzgebung dann recht zügig gehen. Es ging um das Schulgesetz der schwarz- gelben Landesregierung, das im Januar mit nur einer Stimme Mehrheit der Landesregierung beschlossen werden sollte. Darin war vorgesehen, dass die 100 Gymnasien in Schleswig Holstein neben dem 2008 eingeführten Abitur nach 8 Jahren auch wieder das Abitur nach neun Jahren anbieten sollten. Die Forderung der Eltern aus der Unterschriftenaktion war ganz eindeutig, wir möchten die Rückkehr zu G9.

Kirschblog: Das Schulgesetz wurde entsprechend verabschiedet und nun gibt es eine Reihe von Schulen, die die Alternativen zwischen G9 oder G8 anbieten, andere Gymnasien bieten allein das G9. Wie kam das zustande?

Astrid Schulz-Evers: Die Schulkonferenzen der Gymnasien konnten nun also das G9 beantragen. Bedingung war, das Einigkeit zwischen Schulleitung, Schulkonferenz und Schulträger bestand – und das Ergebnis wurde dann dem Bildungsminister vorgetragen. Wenn eine Einigkeit vorlag, hat er das genehmigt. Lag die nicht vor, dann hat er im Einzelfall entschieden, das kam auch vor.

Kirschsblog: Wie viele Schulen bieten jetzt G9 in Schleswig-Holstein an und welche unterschiedlichen Modelle gibt es?

Astrid Schulz- Evers: Wir haben zur Zeit 11 Gymnasien, die ausschließlich G9 anbieten und vier Gymnasien, die das sogenannte Y-Modell anbieten. Das heißt also G8 und G9 parallel zu einander. Bei einem weiteren Gymnasium, in dem auch für G9 gestimmt wurde, läuft zur Zeit ein Klageverfahren.

Kirschsblog: Das ist in Wentorf, im Osten von Hamburg, dort waren sich die Eltern weitgehend einig, aber die Gemeinde als Schulträger war gegen das G9.

Astrid Schulz- Evers: Ja, in Wentorf hatte sich eine sehr starke Elterninitiative gebildet und die forderte die Rückkehr zu G9, einstimmig auch mit dem Schulleiter. Sie hat Unterschriften dafür gesammelt und weitere Aktionen durchgeführt. Der Schulträger wollte das G9 aber nicht und stimmte dagegen, so dass das Bildungsministerium eine Entscheidung treffen mußte. Der Bildungsminister hatte schließlich für G9 entschieden. Damit war der Schulträger aber nicht einverstanden. Es kam zu einem Klageprozess und der Stand ist, dass seitens des Gerichts für das G8 entschieden wurde, wobei der Bildungsminister (FDP) sich weiter für das G9 einsetzen wollte.

Kirschsblog: Wie wird denn das G9 von den Eltern angenommen. Und gibt es immer eine Alternative in Form eines G8 Gymnasiums?

Astrid Schulz Evers: Die Anmeldezahlen sind durchgängig an allen G9-Gymnasien sehr hoch – während die Anmeldezahlen an den G8-Gymnasien rückläufig sind. Eine kürzlich erfolgte Umfrage Infratest Dimap im Auftrage des NDR belegt zudem, daß 78 % der Befragten in Schleswig Holstein für G9 sind. Auch in anderen Bundesländern, wie z.B. Baden-Württemberg, ist zu beobachten, daß die Anmeldezahlen an den G9-Gymnasien sehr gestiegen sind. Für die Kinder ist G9 an den Gymnasien einfach die besser Alternative – und die Eltern wissen das.Wir hier im Kreis Plön haben insgesamt vier Gymnasien, zwei bieten G8 und zwei G9 an, dazu gibt es das Berufliche Gymnasium. Wir stellen insgesamt fest, dass die G9-Gymnasien gute Zahlen haben, während sie bei den G8-Gymnasien deutlich rückläufig sind. Interessant ist, dass es ein Gymnasium gab, das die Wahlmöglichkeit zwischen G8 und G9 hatte und dort dermaßen viele Anmeldungen für G9 eingegangen sind, dass sich dieses Gymnasium entschlossen hat, nur noch G9 anzubieten. Bei einem weiteren Gymnasium, in einer anderen Stadt, wo es zwei Gymnasien gab, hatte das G9 Gymnasium so viele Anmeldungen, dass die Kinder „weggelost“ werden mussten an das G8 Gymnasium, weil die Kapazitäten des G9 Gymnasiums nicht ausreichten, um alle G9 gemeldeten Kinder aufzunehmen.

Kirschsblog: Jetzt bieten 15 Gymnasien in Schleswig-Holstein die G9 an. Wie würde sich das denn unabhängig von der bevorstehenden Wahl weiterentwickeln? Gibt es auch in den Städten, in denen es diese Wahlmöglichkeit vielfach nicht gibt, Interesse daran und warum kam es bisher nicht dazu?

Astrid Schulz-Evers: Das ist eine heikle Angelegenheit. Es scheint fast so, als wenn es dort eine Art Absprache gibt, mit verschiedenen Gremien. Sicherlich ist von der Seite der Elternschaft das G9 gewünscht. Aber im Moment ist die Durchsetzungsmöglichkeit dort sehr schwer – aber wir hoffen, daß sich noch weitere Gymnasien für G9 entscheiden.

Kirschsblog: Wie erklärt sich das? Sind das politische Widerstände oder wie kommt das?

Astrid Schulz-Evers: Wenn man berücksichtigt, wer alles bei einer Entscheidung über G8 oder G9 mitreden kann, ist offensichtlich, dass da gewisse Bereiche wie Schulträger, Schulleitung natürlich durchaus eine andere Meinung vertreten, als viele Eltern und damit dann letztendlich auch über die Schulform entschieden haben.

Kirschsblog: In Wentorf wurde ja erklärt, dass es auch finanzielle Gründe gibt, und dass das G8 für den Träger billiger sein soll ist, als das G9. Was sagen Sie dazu?

Astrid Schulz-Evers: Das ist nicht erwiesen. Wenn man zum Beispiel an den immensen Bauboom an den Gymnasien denkt, der ja in Folge des Ganztagsschulunterrichts durch G8 hier in Schleswig-Holstein sehr groß geworden ist. Viele Details der Kosten fehlen noch und damit steht nicht wirklich fest, ob G8 oder G9 günstiger ist. Für Plön kann ich nur sagen, dass wir hier belegen konnten, dass G9 nicht teurer ist und deswegen haben wir hier relativ schnell die Zustimmung des Schulträgers für G9 bekommen und ebenso die Zustimmung des Bildungsministeriums.

Kirschsblog: Am Sonntag ist die Landtagswahl in Schleswig Holstein. Wie haben sich denn die verschiedenen Parteien zum Thema G9 positioniert?

Astrid Schulz-Evers: Am deutlichsten spricht sich die FDP für die Wahlfreiheit G8/G9 an den Gymnasien aus – und das seit einigen Jahren ! Mittlerweile spricht sie sogar von einer flächendeckenden Wiedereinführung von G9 an den Gymnasien. Die CDU befürwortet die Wahlfreiheit mittlerweile auch – um die Strukturdebatten an den Schulen nicht wieder aufkommen zu lassen. Denn die werden wieder entstehen – weil vorrangig die SPD, die Grünen und der SSW an den Gymnasien das G8 und auch eine Umwandlung der jetzigen G9-Gymnasien zurück in G8 Gymnasien haben wollen. SPD, Grüne und SSW streben in ihren Programmen ein gemeinsames Lernen in Gemeinschaftsschulen und damit „Eine Schule für alle“ an. Die SPD sieht den Ausbau von Oberstufen an 21 bis 23 Gemeinschaftsschulen vor, für die es dann Abitur nach neun Jahren geben soll, für Gymnasien soll nach den Plänen der SPD nur noch das G8 möglich sein. Der Philogenverband von SH hat gerade davor gewarnt, dass man in allen drei Parteiprogrammen kein Bekenntnis zum langfristigen Erhalt der Gymnasien findet, und dass damit das Gymnasium auf dem Spiel steht. Das Ziel „Eine Schule für alle“ – bedeutet damit letztlich die Auflösung der Gymnasien.