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Turbo G8 – „Allgemeinbildungsanspruch und eine humane Bildung wurden nahezu völlig aufgegeben“: Bildungswissenschaftler Professor Hans Peter Klein

13 Mai

G9PlakatAn diesem Wochenende hat sich in Presse und sozialen Netzwerken in Hamburg die Debatte um die acht- oder neunjährige Schulzeit an den Gymnasien, G8 – G9, heftig zugespitzt. Auslöser ist eine Einladung zu einem Treffen der Hamburger G9 Befürworter durch die Elterninitiative „G9-Jetzt-HH“, die eine Wiedereinführung des G9 an Hamburgs Gymnasien mit Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 fordert. Die Eltern hatten in einer Petition in drei Monaten über 6000 Unterschriften für die Rückkehr zum G9 an Hamburgs Gymnasien erhalten, doch Schulsenator Ties Rabe hält weiter an Turbo G8 fest.  Die Elterninititive kündigte deshalb an, das Treffen der G9 Befürworter könnte der Startschuss zu einer Volksinitiative für die Wiedereinführung des G9 an Gymnasien werden. 

Wie schon einmal während des Volksentscheids gegen die Primarschule ist die schulpolitische Diskussion um G8 oder G9 in Hamburg festgefahren zwischen den Eltern auf der einen und allen etablierten Parteien von Senat und Bürgerschaft auf der anderen Seite. Wie der SPD Schulsenator wollen auch CDU, FDP, Grüne und Linke am Turbo G8 festhalten. Sie erklären, man könne ja die zweite Schulform in Hamburg, die Stadtteilschule wählen, an der es das G9 gebe. Schulsenator Rabe selber hatte dagegen noch in Jahr 2009 die von CDU/FDP eingeführte Schulzeitverkürzung heftig kritisiert: „Der Senat hat mit fliegenden Fahnen und gegen alle Argumente die Schulzeitverkürzung durchgepeitscht“, hatte er damals als Oppositionspolitiker erklärt. http://www.tiesrabe.de/89.html?&tx_ttnews%5Btt_news%5D=217&tx_ttnews%5BbackPid%5D=90&cHash=a7148fe2a0

Kirschsblog hat deshalb nachgefragt. Was sagen Bildungswissenschaftler? Was beurteilen sie das Für und Wider von G8 und G9? Kirschsblogs Interview mit Professor Dr. Hans Peter Klein von der Goethe Universität Frankfurt:

KleinTCNJ2011Professor Dr. Hans Peter Klein unterrichtete mehr als 20 Jahre als Gymnasiallehrer und Lehrbeauftragter in der Lehrerausbildung an den Universitäten Köln und Koblenz, bevor er 2001 von der Goethe-Universität Frankfurt auf den Lehrstuhl für Didaktik der Biowissenschaften berufen wurde. Professor Klein ist Präsident der Gesellschaft für Didaktik der Biowissenschaften (www.didaktik-biowissenschaften.de), Vorstandsmitglied der Bildungskommission der Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte, sowie Mitbegründer und Geschäftsführer der 2010 in Köln gegründeten Gesellschaft für Bildung und Wissen (www.bildung-wissen.eu). 2011/2012 war er als Gastprofessor am College of New Jersey (TCNJ) in den USA tätig. Professor Klein war am 16. April 2013 in der Experten-Anhörung zum Thema individualisierter und kompetenzorientierter Unterrricht als Sachverständiger im Schulausschuss der Hamburgischen Bürgerschaft geladen.

Kirschblog: Herr Professor Klein, sind Sie für das G8 oder für das G9 an Gymnasien?

Prof. Klein: Diese Frage ist relativ einfach zu beantworten: für G9.

Kirschblog: Welche Gründe sprechen denn gegen G8?

Prof. Klein: Die Begründungen, die zu G8 geführt haben, kamen in erster Linie aus einem neoliberalen Anspruch auf Bildung, der unsere Kinder als nachwachsenden Rohstoff für den Kapital- und Arbeitsmarkt betrachtet und in der es darauf ankommt, dieses Humankapital möglichst effizient im Rahmen der Globalisierung und einer weltweiten Employability aufzustellen. Diese Forderungen werden ja unter anderem über die OECD und die weltweit agierende Bertelsmann Stiftung  vertreten. Die Finanzminister haben dann auch schnell einen Haken hinter G8 gemacht, da es Einsparpotentiale insbesondere im Bereich der Lehrerversorgung bot. Auch der Vorwurf, dass deutsche Schul- und Universitätsabsolventen deutlich älter sind als die vor allem aus den anglo-amerikanischen Ländern, ist natürlich abwegig, da es erstens ja wohl auf die Qualität des Abschlusses ankommt – und da war gerade der deutsche Absolvent sowohl des neunjährigen Abiturs als auch des 10 und mehr Semester dauernden Diploms gern gesehener Gast, Universitäts- oder auch Berufseinsteiger in diesen Ländern. Hinzu kommt, dass die USA flächendeckend einen 8-semestrigen Bachelor vergibt, der ja mit dem deutschen und teilweise europäischem 6-semestrigen Schmalspur-Bachelor nicht zu vergleichen ist.

Kirschblog: Sie glauben also, dass die Bildungsökonomie sich hier durchgesetzt hat?

Prof. Klein: Klar! „Möglichst schnell und kostengünstig durch das Bildungssystem“ scheint die leider immer noch andauernde Parole der Protagonisten dieser Entwicklung zu sein, das betrifft ja die Bacherlor-Studiengänge gleichermaßen.

Kirschblog: Hat es denn noch andere Gründe für die Einführung von G8 gegeben?

Prof. Klein: Eines der Argumente war, dass die Kinder ein Jahr ihrer Lebenszeit gestohlen bekämen, dies hatte seinerzeit der damalige Bundespräsident Roman Herzog so formuliert. Dies scheint sich seit der Einführung von G8 ins Gegenteil verwandelt zu haben: Schulkindern wird ihre Kindheit und Jugend gestohlen, da selbst die Kleinsten in immer kürzerer Zeit mit einer bisher nie gekannten Anzahl von Wochenarbeitsstunden oftmals bis in den späten Nachmittag in der Schule ihren Fächern nachgehen müssen. Die für eine positive Bildung der Gesamtpersönlichkeit dringend notwendigen sportlichen, künstlerischen und musischen Aktivitäten sind praktisch kaum noch zu realisieren. Das darüber hinaus für eine mündige und kreative Persönlichkeitsentwicklung ebenfalls wichtige „Chillen“, wie es so schön in der Jugendsprache heute heißt, hat man den Kindern weitgehend weggenommen. Sie sind in ihren Aktivitäten durchgeplant wie junge Roboter und werden leider nicht nur so durch ihre schönsten Jahre geschleust, sondern kommen danach auch an den Hochschulen in ein völlig durchstrukturiertes Bachelor/Master System hinein, dass Ihnen jede Eigeninitiative und Kritikfähigkeit geradezu nimmt. Anscheinend geht es nur noch darum, angepasste Kräfte möglichst kostengünstig für den globalen Arbeitsmarkt zu generieren. Parallel zu dieser Entwicklung wurde ein ehemals besonders im bisherigen deutschen Bildungssystem entwickelter Allgemeinbildungsanspruch und eine humane Bildung nahezu völlig aufgegeben, von Standardisierung, Effizienz und von Kompetenzen ist die Rede, eine Entwicklung, die ich eher als Weg in die Unbildung bezeichnen würde. Entsprechend wird mein neues Buch, was ich derzeit schreibe, auch den Titel oder Untertitel haben „Praxis der Unbildung“, denn genau dort sind wir mittlerweile angelangt. Bildung braucht Zeit und die Wähler werden es den Politkern danken, wenn diese ehrlich genug sind, hier eine vielleicht sogar einmal gut gemeinte Fehlentwicklung zu korrigieren.

Kirschblog: Was ist denn überhaupt Bildung?

Prof. Klein: Dies ist keine leichte Frage, denn eine einheitliche Definition von Bildung gibt es nicht. Gehen wir mal auf den Bildungsbegriff von Wilhelm von Humboldt zurück, der derzeit in der ganzen Welt eine nie gekannte Beachtung findet – außer in Deutschland –  so versteht man darunter im weitesten Sinne die Entwicklung einer ganzheitlichen Persönlichkeit basierend auf einer möglichst breiten Allgemeinbildung, in der Selbstbestimmung, Mündigkeit und Vernunftgebrauch die zentralen Elemente darstellen. Eberhard von Kuenheim, Vorsitzender der gleichnamigen Stiftung und jahrelanger Vorstandsvorsitzender von BMW, hat in einem leider viel zu wenig beachteten Artikel in der FAZ mit dem Titel „Wider die Ökonomisierung der Bildung“ eindringlich vor einem reinen Nützlichkeitsdenken gewarnt, da ein strenger Utilitarismus genau die Schäden verursache, die man beklage. Insbesondere auch die geisteswissenschaftlichen Disziplinen – die heute sowohl an Schulen als auch an Universitäten im Rahmen eines bisher nie gekannten Drittmittel- und Employabilitywahns in ihrer Daseinsberechtigung angezweifelt werden – sollten dazu beitragen, die Kindern zu mündigen und kritischen Bürgern zu erziehen, die sowohl in ihrem persönlichen als auch im gesellschaftlichen Leben auf der Basis von Wissen kompetent Entscheidungen, Bewertungen und Kommunikationen durchführen können, was übrigens auch der Anspruch eines sinnvollen Kompetenzbegriffs durchaus anfangs war.

Kirschblog: Sie verwenden in diesem Zusammenhang öfter die Definition „Bildung ist Widerstand“. Was verstehen Sie darunter?

Prof. Klein:„Bildung bedeutet Widerstand“ ist eine der Sichtweisen von Bildung, die von meiner Kollegin Ursula Frost  von der Uni Köln in einem bemerkenswerten Vortrag auf der Gründungstagung unserer 2010 ins Leben gerufenen Gesellschaft für Bildung und Wissen (www.bildung-wissen.eu) zu diesem Thema vorgetragen wurde. Davon kann nun leider heute überhaupt keine Rede mehr sein. Ganz im Gegenteil scheinen die neuen Bildungskonzepte eher den angepassten und kritiklosen, möglichst auch nicht mit zuviel Wissen ausgestatteten Menschen als das ausgewiesene Ziel eines ökonomistischen Bildungsbegriffs zu fordern, der in Politik und Wirtschaft optimal verwertbar alle ihm aufgetragenen Aufgaben ohne Nachfragen erledigt und sich möglichst eigener Gedankengänge enthält, von Kritik ganz zu schweigen. Mainstream ist angesagt und das gilt in gleicher Weise mittlerweile auch für Wissenschaft und Forschung. Auch hier schwimmt man auf der vorgegebenen Welle mit. Kritische Geister, falls es sie überhaupt noch gibt, erhalten den Querulantenstatus und keine Drittmittel. Dabei haben gerade in der Wissenschaft insbesondere kritische Geister die Forschung voran gebracht, die immer wieder die wichtigen Fragen „Wieso“, „Weshalb“, „Warum“ gestellt haben. Heute ist es nur noch das Motto der Sesamstrasse und der Sendung mit der Maus. Kritiklose Bürger, die auf der Schiene des Zeitgeistes mit gefühltem Wissen mitschwimmen, sind halt leichter manipulierbar. Wie ich schon sagte: Unbildung!

Kirschblog: Gerade im anglo-amerikanischen Raum gehen die Schüler aber auch nur 12 Jahre in die Schule. Welche Erfahrungen hat man denn dort?

Prof. Klein: Dort hat man nur deswegen 12 Jahre Schule, da der Staat nur diese Zeit bezahlt. Danach wird das Bildungssystem mehr oder weniger komplett privatisiert. Auch die amerikanischen Colleges und Universitäten sehen dies durchaus kritisch und hätten lieber um wenigstens ein Jahr ältere Studienanfänger. Die kommen jetzt – wie hier nun auch – mit 17 Jahren dorthin und werden als „Freshmen“ bezeichnet, die in den ersten beiden Semestern eine Art Studium generale durchführen können, damit sie sich zuerst einmal orientieren können. Noch nicht einmal das gewährt man den deutschen Studienanfängern. „Helicopter Parents“ begleiten die Freshmen in den USA und üben durchaus Druck auf die Lehrenden aus, sie zahlen ja schließlich deutlich mehr als Zehntausend Dollar pro Semester für ihre Zöglinge und wollen nicht, dass diese dort nur Partys feiern. Und dieser Unfug hält derzeit Einzug in die deutschen Hochschulen. Zudem empfiehlt man den G8ern soziale Jahre, Auslandsaufenthalte, Praktika, Studium vorbereitende Veranstaltungen und vieles mehr, um die Zeit für die Aufnahme eines Studiums zu überbrücken. All das haben wir bei G9 nicht gebraucht.

Kirschblog: Aber auch in der ehemaligen DDR ging man maximal 12 Jahre zu Schule und die neuen Bundesländer haben auch heute meist G8?

Prof. Klein: Das stimmt, aber in der DDR haben auch nur weniger als 10% der Schüler die sogenannte Erweiterte Oberschule besucht, man hat also nur 10% Abiturienten generiert, also die besten eines Jahrgangs. Das geht nun gar nicht mit der derzeit ins Visier genommenen Abiturientenquote von mindestens 50%, es sei denn, man senkt die Ansprüche drastisch ab und das bestreitet heute ernsthaft niemand mehr.

Kirschblog: Aber die Hamburger KESS Studie behauptet doch das genaue Gegenteil.

Prof. Klein: Ich bin immer wieder erstaunt, wie sehr sich die Öffentlichkeit und selbst die Presse bluffen lassen. Wir untersuchen derzeit vergleichend die Hamburger Zentralabiturarbeiten von 2005 bis 2011 in den einzelnen Fächern und erste Ergebnisse weisen eher auf das genaue Gegenteil hin.

Kirschblog: Herr Professor Klein, vielen Dank für das Interview.

Einladung

Treffen der Hamburger G9 Befürworter:

14. Mai 2013

20 Uhr

Brechtschule

Norderstrasse 163-5

7 Minuten von Hauptbahnhof

Informationen zu Elterninitiative „G9-Jetzt-HH“unter:

http://www.g9-jetzt-hh.de,

Tel. 0172/4356563

Ein sprachloser Ties Rabe – ARD Bericht zieht „verheerende Bilanz des Turbo G8“

5 Nov

Vielen Eltern in Hamburg, die sich seit Einführung des Turbo G8 vor 10 Jahren gegen Druck, Überforderung und lange Schultage des G8 wehren, bescherte die Sendung „Titel, Thesen, Temperamente“ des ersten Programms der ARD am Sonntag abend ein dreifach beglückendes Erlebnis!!!

Warum dreifach beglückend?

1. Zum ersten Mal erlebten sie einen Schulsenator, der sich auf eine Frage eines Journalisten nicht wie gewohnt mit vielen schmückenden Worten glatt aus kritischen Fragen herauswand: Ties Rabe war schlicht sprachlos! 2. Der Bericht mit der „verheerenden Bilanz des Turbo G8“ kam aus HH, eine Ausrede wie „Bayern ist viel schwerer“ war also nicht möglich. 3. der Beitrag lief in der ARD und brachte auf den Punkt, wogegen Eltern seit 10 Jahren in HH kämpfen und wofür sie sich einsetzten: Für eine Wiedereinführung des G9 an Gymnasien –  am besten umgesetzt in einer Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 an den Gymnasien!!!

Seit 10 Jahre, seit Einführung des Turbo G8 an Hamburgs Gymnasien, engagieren sich Eltern in Hamburg gegen die Verkürzung der Schulzeit an Gymnasien von 9 auf 8 Jahre. Die Eltern protestieren gegen eine gesundheitliche Überforderung ihrer Kinder durch pädagogisch unsinnig lange Unterrichtstage von 8 bis 11 Pflichtstunden am Tag, und gegen eine 50 Stundenwoche für Schüler ab 1o, 11 Jahren, rechnet man Hausaufgaben etc. dazu. Eltern kritisieren das Chaos der täglich wechselnden langen und kurzen Tage in der Schule, der fehlenden klaren Zeitstrukturen bei Mittagessen, Hausaufgaben, Üben, Referaten, den Mangel an Freizeit und Erholung. Sie protestieren gegen das Zusammenpressen des Stoffs von insgesamt 13 in 12 Schuljahre, die fehlende Ausstattung der Schulen mit Räumen, Kantinen und Personal und gegen den Eingriff in die selbstbestimmte Zeit für außerschulische Aktivitäten der Kinder, für Familienleben und elterliches Erziehungsrecht.

Die Eltern-Proteste gegen das G8 prallten jedoch gegen eine Mauer der Abwehr bei allen verantwortlichen Schulpolitikern – sowohl bei CDU und FDP, unter deren Regierung das G8 eingeführt worden war, als auch beim derzeitigen Schulsenator Ties Rabe von der SPD, der erst vor wenigen Wochen auf die Frage von Eltern audrücklich erklärte, dass er für Kinder und Jugendliche am Gymnasien kein G9 zulassen werde, weil es ja das G9 ja schon an den Hamburger Stadtteilschulen gebe.

Umso erstaunlicher für die kritischen Eltern die Reaktion des Schulsenators in dem Bericht der ARD am Sonntag. Von den Reportern gefragt, was denn das Gute am G8 sei, rang Ties Rabe um Worte – und fand keine. Die Sprachlosigkeit des Schulsenators wirkte wie ein ungewolltes Zugeständnis an die kritischen Eltern.

„Die Bilanz nach zehn Jahren Turbo-Abi ist verheerend.“ so überhaupt das Resumee in dem TTT Bericht, der damit die jahrelange Kritik und Proteste der Eltern am G8 bestätigte. Nach einer aktuellen Emnid-Umfrage wollten knapp „80 Prozent der Eltern das alte Gymnasium zurück“, so es hieß es in dem Bericht, in dem dann auch die Gründe für diese verheerende Bilanz aufgezählt wurden:

„Da wächst eine Generation ohne Zeit auf. Ohne Zeit für das, was Spaß macht. Ohne Zeit für Musikinstrumente und Sport.“so der ARD Bericht, in dem Schüler, Lehrer und Schulleiter aus Hamburg zu Worte kamen. Die verkürzte Schulzeit stresse auch Lehrer, denn sie hätten „täglich mit kaputten und überforderten Schülern zu kämpfen“. Der Schulleiter des Emilie Wüstenfeld Gymansiums in Hamburg, Winfried Rangnick, kritisiert in dem Bericht: „Das eine ist tatsächlich der Wechsel von G9 auf G8, eine größere Anzahl an Stunden, längere Schultage, gerade auch für Schüler im Alter von 13 bis 16, in der Pubertät oft schwierig, wo sie mehr Zeit für sich bräuchten. Der andere Teil, den wir wahrnehmen, ist, dass sich gesellschaftlich etwas verändert hat. Der Druck der Gesellschaft, der sich den Schülern auf welche Weise auch immer mitteilt, ohne dass Eltern gezielt darüber sprechen, glaube ich, lautet: Streck dich nach der Decke, es kann schwierig werden, es gibt eine hohe Konkurrenz.“

Vielleicht ist sei das G8 „einfach kein gutes Modell“, so die ARD Reporter. Manche Bundesländer planten schon eine „Rolle rückwärts… denn auf der Strecke bleibt: die Kindheit, die Jugend. Die Schüler sind früher fertig – in jeder Hinsicht. „Es ist ein hoher Preis, den die Schüler und Lehrer an den Gymnasien zahlen für, ich will mal sagen, eine Laune der Wirtschaft, die irgendwann mal alle Kultusminister überzeugt hat“, so denn auch die Kritik eines Lehrer.

„Reife kann man nicht beschleunigen“, so bringt der Bericht die Sorgen, Proteste und Kritik von Eltern, Schülern, Lehrern und Schulleitern auf den Punkt: “ Für viele Schüler, Eltern und Lehrer ist das Turbo-Abi durchgefallen. „

http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/sendung/ndr/2012/turboabitur-100.html

Wird das Zentralabi ab 2017 ein „Abi Light?“ Zum Hamburger KMK Beschluss über einheitliche Bildungsstandards für das Zentralabitur

21 Okt

Fast wirkte der Hamburger Schulsenator und Präsident der deutschen Kultusministerkonferenz Ties Rabe bei der Pressekonferenz der KMK am Freitag enttäuscht, weil noch keiner der vielen Journalisten nach einem zentralen Stichwort gefragt hatte: So nannte er es selbst:  Wissen!  Kritiker, so Ties Rabe, würden immer wieder vor einem Verlust an „Wissen“ durch die Einführung  von „Kompetenzen“ warnen,  die nun nach Beschluss der Kultusministerkonferenz die Grundlage bundesweit einheitlicher Bildungsstandards für ein Zentralabitur in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch bzw. Französisch bilden sollen. Die Bildungssstandards  wurden vom Berliner Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) und Fachleuten der Länder entwickelt und sollen mit Beginn der 11. Klassen ab 2014 zu einem bundesweiten Zentralabi in diesen Fächern im Jahr 2017 führen. Bis 2017 soll außerdem ein gemeinsamer Aufgabenpool für  bundesweit einheitliche Abiprüfungen entwickelt werden, aus dem die Länder dann Aufgaben entnehmen können. Allerdings finden die Abiturprüfungen der Länder weiter wie bisher an unterschiedlichen Terminen statt.

Worauf Ties Rabe mit dem Stichwort Wissen abzielte: Immer mehr Bildungsforscher kritisieren, dass mit der Umstellung auf Kompetenzen und Kompetenzorientierung ein Verlust an Wissen und Bildung in Unterricht und Abitur droht.

Hintergrund: Was sind Bildungsstandards? Was sind Kompetenzen?

Die seit 2003 schrittweise eingeführten „Bildungsstandards“ lösen die zuvor geltenden Lehrpläne ab. Während Lehrpläne festlegten, welche Inhalte Schüler wie lernen sollen, geht es in den Bildungsstandards um Kompetenzen, die Schüler am Ende der Schulzeit beim jeweiligen Schulabschluss, in diesem Fall also dem Abitur, entwickelt haben sollen. Kompetenz wird hier allerdings, anders als im Alltag,  als ein schwer greifbarer Fachbegriff mit vielerlei Definitionen verwandt.  Neben den fachlichen gibt es dabei auch sogenannte „überfachliche Kompetenzen“, wie  z.B. Sozialkompetenz oder emotionale Kompetenz. „Der Begriff „Kompetenz hat etwas Respekteinflößendes“, schreibt Helmut Meißner, Studiendirektor und ehemaliger Fachleiter am Studienseminar Karlsruhe im Juli in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. „Aus Sorge, sich zu blamieren“, wage kaum einer zu fragen, „was es mit den Kompetenzen auf sich habe, die den Schüler beigebracht werden sollen“. Ein Austausch an Argumenten werde so erschwert . http://www.seiten.faz-archiv.de/faz/20120705/fd1201207053366317.html

Was man im Fall der jetzt vereinbarten gemeinsamen Bildungsstandards unter Kompetenzen versteht, erklärte Professor Petra Stanat, Direktoren des IQB am Freitag so: „Unter einer Kompetenz wird … die Fähigkeit verstanden, Wissen und Können in den jeweiligen Fächern zur Lösung von Problemen anzuwenden“. Es gehe nicht darum, Kompetenzen vom Wissensstoff zu befreien, sondern darum, das Wissen anwenden zu können, ergänzte Ties Rabe.

Doch  in ihrer Erklärung zum Beschluss der KMK  führte seine Amtskollegin, die FDP Kultusministerin von Hessen, Nicola Beer, in wenigen klaren Worten genau die Punkte an,  die für die Kritiker Anlass zu ihrer Warnung vor den Kompetenzen und einem drohenden Wissensverlust sind.

Hessens Kultusministerin Nicola Beer: „modernes Qualitätsniveau“ durch Kompetenzen

Durch die KMK Einigung auf gemeinsame Bildungsstandards  würden zwei Ziele erreicht, erklärte Nicola Beer. Zum einen würde durch die einheitlichen Bildungsstandards eine „stärkere Vergleichbarkeit“ zwischen den Bundesländern erreicht. Zum anderen wolle man mit diesem „wichtigen Schritt“ die Qualität sichern. Sie erklärte dann auch, was das aus ihrer Sicht bedeute:

Es gehe heute nicht mehr darum, drei oder vier Gedichte zu lernen, erklärte die hessische Kultusministerin am Beispiel des Fachs Deutsch. Vielmehr entwickelten sich heute immer neue Sachverhalte, die sich jeder „holen“ könne.  Mit der Kompetenzorientierung gebe es nun ein neues „modernes Qualitätsniveau“.  Es gehe dabei um das „was die Leute brauchen…um erfolgreich für ein späteres Leben zu sein, für Studium und Beruf“, so die FPD Ministerin, die für alle CDU regierten Bundesländer in der KMK sprach. Das Ziel sei „Kompetenzvermittlung in allen Bereichen“.

Kritiker: kompetenzorientierte Bildungsstandards führen zu Abi-Light

Nicola Beer brachte mit ihrer Erklärung exakt das auf den Punkt, was Kritiker wie der Bildungsforscher Professor Hans Peter Klein von der Universität Frankfurt an der Kompetenzorientierung bemängeln: „Man muß sich die rein unter einem ökonomischen Nützlichkeitsfaktor ausgerichtete Bedeutung des neuen “Kompetenzbegriffs” deutlich machen. Dieser hat die Steuerung, Zentralisierung und Globalisierung des Bildungssystems zum Ziel. Bildung hat hier keinen Eigenwert mehr, daher droht Fächern wie Kunst, Musik, Geschichte, Literatur, von Latein und Altgriechisch ganz zu schweigen, die Verschiebung aufs Abstellgleis“. https://kirschsblog.wordpress.com/author/kirschsblog/ Sein Kollege, Matthias Burchard, vom Institut für Bildungsphilosophie der Universität Köln spricht im Zusammenhang mit dem Kompetenzerwerb von „Bildung Light für magere Zeiten“. http://bildung-wissen.eu/glossen/kompetenz.html

Die Folge der Kompetenzorientierung sei ein Verlust an Fachwissen und eine „Nivellierung der Ansprüche auf breiter Front“, erklärte Bildungsforscher Klein vor wenigen Tagen in der FAZ. Das gilt auch für die kompetenzorientierten Abitursaufgaben, wie seine Untersuchungen des Zentralabiturs in Nordrhein-Westfalen belegen. Dort hat er Prüfungsaufgaben für das Abitur in Mathematik und Abiaufgaben für einen Biologie-Leistungskurses jeweils niedrigeren 9. und 11.Klassen vorgelegt, die den Stoff nicht kannten. Bis auf je zwei hatten alle jüngeren Schüler die Aufgaben in beiden Abifächern mit zum Teil sehr guten Noten gelöst. Der Grund, so Professor Klein: Bei  kompetenzorientierten Aufgaben seien „nahezu alle Antworten in dem ausführlichen Arbeitsmaterial“ enthalten. Vorwissen sei kaum nötig, zur Beantwortung der Aufgaben brauchte man nur den Text lesen und verstehen zu können, also Lesekompetenz. http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/interview-moeglichst-viele-schueler-sollen-das-abitur-bestehen-11913477.html

KMK-Präsident Ties Rabe: „Schwierigkeitsniveau zwischen Bundesländern wächst zusammen“

„Wir haben jetzt kein Abi-Light“ betonte dagegen KMK-Präsident Rabe am Freitag. Die KMK habe sich seit Jahren damit befaßt, die Vergleichbarkeit in deutschen Bildungssystemen zu verbessern, so Ties Rabe. Der Beschluss der KMK sorge jetzt dafür, dass das Bildungssystem zusammenwachse. Mit den gemeinsamen Bildungsstandards werde das „Schwierigkeitsniveau zwischen den Bundesländern angeglichen“. Mit den Bildungsstandards für das Abitur habe die KMK Vergleichbarkeit und Qualität erreicht, ohne „irgendwie irgendwo nivelliert“ zu haben, versicherte auch die Bildungsministerin von Rheinland Pfalz, Doris Ahnen, SPD.

Kompetenzen aber kein konkreten Fachinhalte: Beispiel Bildungsstandard Deutsch

Bildungsstandards dienen der vertieften Allgemeinbildung, der Festlegung verbindlicher Regelstandards für das, was „Schüler können sollen“ (kompetenzorientiert)  und der Einführung in die Wissenschaft, erklärte Professor Petra Spanat. Letzteres sei gerade im Fach Deutsch verstärkt worden, im Bildungsstandard Mathematik sei im Vergleich zu vorher die Stochastik und in den Fremdsprachen das Mündliche gestärkt worden.

Was ein Bildungsstandard enthält, erklärte sie am Beispiel Deutsch. Dieser Bildungsstandard umfasst  264 Seiten. Darin werden die Kompetenzen aufgeführt und näher beschrieben, die die Schüler am Ende der gymnasialen Oberstufe erreicht haben sollen. Es sind Kompetenzen, wie  Lesen, Sprechen, Verstehen, oder die etwas holprig klingende Kompetenz „Sich mit Texten und Medien auseinandersetzen“, alles unterteilt in grundlegendes und höheres Niveau. Darüber hinaus liefert der Bildungsstandard Hinweise zur Durchführung der Prüfungen und schließlich noch einzelne Beispiele für Lern- und Prüfungsaufgaben. http://www.kmk.org/fileadmin/veroeffentlichungen_beschluesse/2012/2012_10_18-Bildungsstandards-Deutsch-Abi.pdf

„Alle Schüler sollen dieselben Kompetenzen erreichen“, erklärte Professor Petra Stanat dazu. Über die fachlichen Inhalte geben die Bildungsstandards allerding keine konkrete Auskunft. So gibt es z.B. unter dem Stichwort „sich mit literarischen Texten auskennen“ keine Literaturangaben. Da heißt es vielmehr ganz allgemein: „Die Schülerinnen und Schüler erschließen sich literarische Texte von der Aufklärung bis zur Gegenwart und verstehen das Ästhetische als eine spezifische Weise der Wahrnehmung, der Gestaltung und der Erkenntnis“.

Es werde kein fester „Kanon“ für den Lesestoff „definiert“, erklärte Professor Spanat. Für sie wäre es allerdings auch ein „Horror, wenn wir alle dieselben Texte lesen sollen“.  Kompetenzen sollten allerdings nicht losgelöst von Inhalten erreicht werden, das sei eine „völlig unberechtigte Kritik“.

Bildungswissenschaftler warnen vor „Absinken der Ansprüche bei den Abiaufgaben“

Die Kritiker unter den Bildungsforschern sehen das allerdings ganz anders:  „Die Begriffe „Kompetenz“ und „Wissen“ würden „willkürlich getrennt. Statt „inhaltliche Schwerpunkte in den einzelnen Fächern zu setzten, die zu einer sinnvollen inhaltlichen Konzentration auf das Wesentliche führen“, enthielten die kompetenzorientierten Standards, Rahmenpläne oder Curricula „keinerlei inhaltliche Vorgaben, sondern nur noch Kompetenzbeschreibungen. Es bleibe den Schulen überlassen, die jeweiligen Inhalte dazu zu suchen.“, so Professor Hans Peter Klein. Er warnt vor vor einem Absinken der Ansprüche bei den Abiaufgaben zum Zentralabitur. Schon jetzt führten die fehlenden Fachkenntnisse der Studienanfänger zu hohen Abbrecherquoten, besonders in der Mathematik und den Ingenieurwissenschaften.

Ähnlich kritisch äußerte sich auch in der Süddeutschen vor zwei Monaten der Philosoph Professor Christoph Tücke:

„Prüfen lässt sich freilich immer nur ein Können. Aber Können ist stets Können von etwas. Es bemisst sich an seinem Fundus: den Stoffen, Inhalten, Gewichten, die es koordiniert und balanciert.“, so Professor Tücke von der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig.  „Vernünftige Prüfer beurteilen das Gekonnte immer in Bezug auf seinen Fundus. Ihre Beurteilung ist daher stets eine Abwägung – ebenfalls ein Balancieren, bei dem sie sich genauso vertun können wie Prüflinge. Wenn aber der Fundus zum Schattenreich des Könnens verblasst, zählt nicht mehr das Können von etwas, sondern Können an sich,  Kompetenz.“ http://bildung-wissen.eu/wp-content/uploads/2012/09/tuercke_lernen.pdf

Die Liste der Kompetenzkritiker ließe sich noch deutlich verlängern, dazu gehören ua. der Bonner Bildungswissenschaftler Professor Dr. Jochen Krautz, die Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Volker Ladenthin aus Bonn und Professor Andreas Groschka aus Frankfurt.

Die Rolle des Instituts zur Qualitätsentwicklung in Berlin

Doch Kultusminister und KMK halten beharrlich an der Kompetenzorientierung fest. Neben dem bundesweiten „Aufgabenpool mit gleich schweren, standardbasierten und kompetenzorientierten“ Prüfungsaufgaben für das Zentralabitur in den Fächern Deutsch, Mathe und Fremdsprachen bereiten sie bereits die Entwicklung der nächsten kompetenzorientierten Bildungsstandards für die Naturwissenschaften vor.

Das IQB, so heißt es in der Pressemitteilung der KMK , wird dabei stets “ federführend auch den Prozess der Entwicklung von Bildungsstandards für die Allgemeine Hochschulreife in den Fächern Biologie, Chemie und Physik verantworten, mit denen der Prozesss der Standardentwicklung fortgesetzt wird“. Die wissenschaftliche Überprüfung der „bundesweit gleich schweren Abituraufgaben sowie einheitlicher Bewertungskriterien zur Korrektur und Bewertung der Abituraufgaben“ kommen dazu. Das IQB wird dabei „regelmäßig in mehrjährigen Abständen“ überprüfen, „inwieweit es gelingt, die in den Bildungsstandards formulierten Lernziele zu erreichen“.  http://www.kmk.org/presse-und-aktuelles/meldung/ergebnisse-der-339-plenarsitzung-der-kultusministerkonferenz-am-18-und-19-oktober-2012-in-hamburg.html, http://www.iqb.hu-berlin.de/bista/control

Hinzu kommt die Forschung, die “theoretische und empirische Fundierung der Kompetenzen“, die „Ländervergleichsstudien“, die „Vergleichsarbeiten“ und vieles mehr:

„Zum Kerngeschäft des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) gehört die Operationalisierung und Erfassung von Kompetenzen.“http://www.iqb.hu-berlin.de/research/research1

Das IQB wird also mit den Aufgaben und Aufträgen rund um Kompetenzen viele Jahre beschäftigt sein, und seine zentrale Bedeutung wird dabei angesichts des Zusammenwachsens  der bundesweiten Schulsysteme durch die Einführung von immer mehr einheitlichen Bildungsstandards immer weiter zunehmen. Interessant dürfte werden, welche Bedeutung und Gestaltungsmöglichkeiten Bildungswissenschaftlern  außerhalb der IQB angesichts dieser  Rolle der IQB bleiben  und wie offen Politiker und KMK gegenüber Ergebnissen  wissenschaftlicher Untersuchungen und der Kritik der zahlreichenden Wissenschaflter sind, die vor den Folgen der Kompetenzorientierung, einem „Abi Light“ und  einem Verlust an Wissen und Bildung, warnen.