Rudern im Schulausschuss – Fragestunde zu Ties Rabes Inklusionskonzept läßt zentrale Fragen offen!

11 Aug

Gibt es  in Zukunft noch sonderpädagogische  Gutachten? Gibt es Diagnosen oder Untersuchungen,  mit denen geklärt wird, ob bei Schülern sonderpädagogischer Förderbedarf in den Bereichen Lernen, Sprache und emotionale und soziale Entwicklung, LSE, vorliegt?  Wie soll künftig sonderpädagogischer Förderbedarf bei  Schülern festgestellt werden und wann sieht Schulsenator Ties Rabe dies nach seinem Inklusionskonzept vor –  zu Schulbeginn oder irgendwann später?

Fast zwei Stunden kreisten die Fragen der Abgeordneten im Schulausschuss am Donnerstag  abend um diese Fragen. Ties Rabes Antworten umkreisten das Thema auch. Er ruderte dabei aber immer wieder um die eigentlichen Kernfragen herum: Denn nach einer Presse-Erklärung der Schulbehörde vom 25. 7. werden die bisher üblichen “ sonderpädagogischen Gutachten für Schülerinnen und Schüler mit Schwerpunkt LSE vor der Einschulung künftig abgeschafft“., http://www.hamburg.de/pressearchiv-fhh/3520200/2012-07-25-bsb-sonderpaed-foerderung.html.  Dies betrifft mit fast 70 Prozent die größte Gruppe von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf.

Wenn die Gutachten abgeschafft sind, wie soll dann künftig der sonderpädagogische Förderbedarf der Schüler festgestellt werden? So die zentrale Frage im Schulausschuss, der sich bei diesem ersten Treffen nach den Ferien mit einer Bürgerschaftsanfrage und zwei Anträgen zum Inklusionskonzept des Schulsenators befasste, die GAL und CDU schon im letzten Jahr gestellt hatten.(Drs. 20/1716, Drs. 20/ 1945, Drs. 20/2246,  https://www.buergerschaft-hh.de/parldok/).

Hintergrund der Fragen ist die heftige Kritik von Betroffenen, Pädagogen und Gewerkschaften am Inklusionskonzept des Schulsenators und Proteste bei Demonstrationen und auch bei einer Anhörung im Schulausschuss in den letzten Monaten. Denn die Inklusion hat längst begonnen, Förderschulen nehmen vielfach keine Kinder mehr an, immer mehr Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf werden an Regelschulen angemeldet – doch dort herrscht große Verunsicherung. Denn viele Eltern und Lehrer wissen – wie auch Zuschriften an Kirschsblog zeigen – noch nicht, wie die Förderung der Kinder vor allem im Bereich LSE künftig eigentlich in den Regelschulen konkret umgesetzt werden soll.

Künftig werde es einen „persönlichen Förderplan“ für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf in den Bereichen LSE geben, so Schulsenator Rabe auf die Fragen der Ausschussmitglieder. „Dieser „Förderplan saugt das Gutachten auf“, erklärte er, denn der Förderplan werde auch einen diagnostischen Teil enthalten. Ob die Abschaffung der Gutachten nicht eine Gesetzesänderung erforderlich mache, da die Gutachten gesetzlich vorgeschrieben  seien, fragte der schulpolitische Sprecher der CDU Fraktion, Robert Heinemann. Er verstehe im Übrigen nicht, ergänzte er später, warum die Gutachten überhaupt abgeschafft würden und warum man nicht einfach häufiger begutachte, wenn die Gutachten bisher zu ungenau seien.

Eine sonderpädagogische Begutachtung im Rahmen des Förderplans werde dem Hamburgischen Schulgesetz gerecht, erklärte darauf die in der Schulbehörde für Inklusion zuständige Referatsleiterin Anke Pörksen. Der Förderplan werde den Eltern ausgehändigt, diese hätten ein Widerspruchsrecht, sowie einen Rechtsanspruch auf Förderung.

Diagnose und Förderpläne sollten „aus dem Unterricht erwachsen“, erläuterte dann Schulsenator Rabe. Die Schulen sollten mit den Kindern eine Zeitlang gearbeitet haben, „wir erwarten, dass die Schule die Kinder eine Weile betrachtet und ein Bild von ihnen bekommt. Längere Erfahrungszeiten „verbesserten die Gutachten“.

Allerdings ließ der Schulsenator dabei im Dunkeln, wann die Förderpläne aus dem Unterricht „erwachsen“ sollen und wer die Kinder „betrachten“ soll, da es an vielen Schulen keinen Sonderpädagogen gibt. Dies wurde trotz vieler Nachfragen der Abgeordneten auch nicht klarer. Sie könne das nicht verstehen, hakte Dora Hayenn von den Linken nach: Die Gutachten würden abgeschafft, aber die Lehrer wüssten nun nicht, wie die Förderressourcen verteilt würden. Sie werde „immer hellhörig, wenn sie „sytemische Ressoure höre, also die Zuteilung der Fördermittel nach einer festgelegten Pauschale, errechnet auf der Grundlage einer angenommenen Quote von durchschnittlich fünf Prozent Kindern eines Jahrgangs mit sonderpädagogischem Förderbedarf LSE und der sozialen Lage der Schule.  Im Moment würden die Lehrer in den Schulen allein gelassen, sie müßten die Situation in den Schulen allein bewältigen, da könne viel schief gehen.

Ties Rabe erwiderte, die von ihm vorgesehenen Mittel für die Förderung seien viel umfangreicher als von der Vorgängerregierung geplant. Durch die „systemische Ressource“ würden die Mittel auch „gerechter verteilt“ und die von ihm dafür vorgesehene pauschal festgelegt Förderquote von fünf Prozent sei höher als in anderen Bundesländern. Wenn sich jetzt  in einigen Stadtteilschulen mehr Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf meldeten, müsse man noch „nachsteuern“. Dafür würden jetzt 10 Stellen zurückgehalten, als eine „Feuerwehr, und ansonsten werde man zwischen den Schulen je nach Bedarf umverteilen.

Wann denn die Förderpläne gemacht würden, so hakte noch einmal der Ausschussvorsitzende Walter Scheuerl von der CDU Fraktion nach, Doch dies blieb für Abgeordnete und Zuhörer auch nach weiteren Erklärungen des Schulsenators unklar. “Wir brauchen eine Verordnung zur sonderpädagogischen Förderung“, erklärte Ties Rabe. Dabei gehe es ua. um die Fragen, “wie macht man einen Förderplan und was gehört dazu“. An der Verordnung  werde derzeit gearbeitet. Sie werde „in diesem Jahr in die Deputation“ gehen. Im Übrigen verwies, er wie schon bei früheren Anlässen, auf die Unsicherheit von Gutachten. Es gebe sehr unterschiedliche wissenschaftliche Standards. So gebe ZB. große Unterschiede bei der Zahl der gemeldeten  Kinder mit sprachlichen Behinderungen in Bremen, Berlin und Hamburg,.

Auch bei einer weiteren Frage blieben die Antworten des Schulsenators für Ausschussmitglieder und Zuhörer unklar: Mit heftiger Kritik hatte der Ausschussvorsitzende schon vor Schulbeginn auf eine Senatsantwort zu einer Bürgerschafts-Anfrage reagiert. Der Senatsantwort zufolge werden ab diesem Schuljahr die konkreten Anmeldezahlen von Schülern mit Behinderungen in den LSE Bereichen in den Schulen nicht mehr erhoben. Begründet wurde dies vom Senat mit der „der systemischen Zuweisung“, also der Zuteilung der Fördermittel an Schulen nach der vorgesehenen Quote von fünf Prozent Kindern eines Jahrgangs mit sonderpädagogischem Förderbedarf LSE. https://www.buergerschaft-hh.de/Parldok/Cache/4430132452054840BF0107A0.pdf

Den Wegfall der konkreten Anmeldezahlen hatte auch Sonderpädagogen heftig kritisiert. Durch diese Entscheidung würden die Kinder mit Behinderungen der Sprache, des Lernens oder der emotionalen und sozialen Entwicklung „quasi unsichtbar gemacht“, hatte die Vorsitzende für Sprachheilpädagogik e.V., Kristine Leites in einem KirschsblogsInterview erklärt. Um „die richtige Anzahl an Sonderpädagogen, und dann mit den passenden Fachrichtungen, bedarfsgerecht an die richtigen Schulen senden zu können, müsste die Behörde ja wissen, wie viele Schüler mit welchem sonderpädagogischem Förderbedarf sich an den einzelnen Inklusionsschulen befinden“.

Der Senator widersprach der Senatsantwort: Das „liest sich so, als ob die Schule nicht mehr erhebt“, erklärte er im Ausschuss. Dies sei aber anders. “Selbstverständlich erfassen wir auch den Förderbedarf, zählen das und das ist auch abrufbar.“ An anderer Stelle betonte der Senator dann aber wieder, die Schule müsse die Schüler erst einmal kennenlernen, erst dann würden die Förderpläne gemacht, die ja auch, wie er erklärte die Diagnosen über den Förderbedarf enthalten sollen. Wie sich der Wegfall der Gutachten, der unklare Zeitplan der Förderpläne, die Senatsantwort und der Widerpruch des Schulsentors miteinander vertragen, das löste im Ausschuss sichtlich Verwirrung aus.

Klar machte Ties Rabe dann, dass 19 Förderschulen, sechs Sprachheilschulen und 14 „Rebus“ Dienststellen („Regionale Beratungs- und Unterstützungsstellen“ für die Beratung bei Problemen an Schulen) zu 13 Bildungs- und Beratungszentren zusammengeschlossen werden sollen. Dort werde eine Beratung für sonderpädagogische Anfragen angeboten, dazu auch die bisherige Beratung von Rebus, ferner zeitlich befristete Beschulung, sowie dauerhafte Beschulung wie in den bisherigen Förderschulen, wenn diese von Eltern gewünscht würde. Die 39 Leitungskräfte würden weiterhin „angemessen beschäftigt“. Die Fragen der Partner, Standorte und Leitung „werden jetzt geklärt“, so der Senator zum zeitlichen Rahmen. Derzeit werde ferner diskutiert, ob und wie es auch in Schulen, speziell Ganztagsschulen, Therapeuten und therapeutische Stunden geben werde, wie schon in einzelnen Pilotschulen, erklärte dann Frau Pörksen. Dies müsse auch mit den Krankenkassen ausgehandelt werden.

Sie wünsche sich ein standardisiertes Verfahren für die Erstellung von Förderplänen, erklärte die Grünen (GAL) Abgeordnete Stephanie von Berg schließlich. Man werde Standards einführen, es werde zu diesem Zweck Musterbeispiele und Vordrucke geben, versprach der Schulsenator.

Eins ließ Ties Rabe aber trotz der vielen Nachfragen der Ausschussmitglieder bis zuletzt im Unklaren. Die Frage, wann der Förderplan und die darin vorgesehene Diagnose erstellt werden blieb offen. Kinder würden nicht allein gelassen, sondern von Anfang an von Sonderpädagogen gefördert, so der Senator. Die Viereinhalb Jährigen Untersuchung  würde überarbeitet, die regelhafte Einschätzung der Kitas würde miteinbezogen, so der Schulsenator.

„Wir überlegen, wann die Förderpläne fertig gestellt werden sollen“, so relativierte Ties Rabe das dann aber wieder. Auf jeden Fall, „nachdem die Kinder eine Weile in Beobachtung sind. Die Fragen werden bearbeitet, sind daher offen…“ Offen sei etwa noch, so ergänzte er „ob wir bis zur 2. Klasse“ oder in der dritten Klasse „Diagnosen machen“, das werde noch entschieden. Es gebe da eine ganz unterschiedliche Praxis in den Bundesländern. „Wir sind dabei, das zu durchleuchten“.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s