Verunglückter Start: Ties Rabes Inklusionskonzept löste zum Schuljahrsbeginn neue Kritik aus – Wie wird es jetzt umgesetzt? Ist die Kritik berechtigt? KIRSCHSBLOGS INTERVIEW

8 Aug

Das neue Schuljahr hatte noch nicht recht begonnen, da gab es heftige Kritik an ersten Folgen des Inklusionskonzeptes von Schulsenator Ties Rabe, mit dem er Paragraph 12 des Hamburgischen Schulgesetzes umsetzen will, wonach „Kinder und Jugendliche mit sonderpädagogischen Förderbedarf“ fortan das Recht haben, allgemeine Schulen zu besuchen.  Das Konzept  hatte schon vor den Ferien bei Eltern, Pädagogen, Gewerkschaften und Oppsosition monatelang für heftig Proteste gesorgt,  bevor es am 14.Juni mit den Stimmen der SPD in der Bürgerschaft angenommen wurde.  (Senatsdrucksache 20/3641). Heute, beim ersten Treffen des Schulausschusses der Bürgerschaft nach den Ferien, steht  Ties Rabes erneut im Mittelpunkt der Diskussion.  

Doch was bedeutet das Inklusionskonzept in der Praxis an den Schulen? Was ändert sich konkret, was bedeutet es für die Förderung von Kindern mit sonderpädagogischen Förderbedarf, ist die Kritik berechtigt?

Diese und weitere Fragen stellte Kirschsblog der Sonderpädagogin Kristine Leites, 1. Vorsitzende des Hamburger Landesverbandes der Deutschen Gesellschaft für Sprachheilpädagogik e. V (dgs). und Sonderpädagogin an einer inklusiven Grundschule in Hamburg.

Kirschsblog: Gleich zu Schuljahresbeginn gab es erste heftige Proteste, dass in diesem Schuljahr nicht mehr die konkreten Anmeldezahlen von Schülern mit Lernbehinderungen, Sprachbehinderungen und Behinderungen in der emotionalen und sozialen Entwicklung, kurz LSE, erfasst werden sollen. Was bedeutetet das, ist die Kritik berechtigt?

Kristine Leites: Leider ja, denn durch diese Entscheidung werden die Kinder mit Behinderungen der Sprache, des Lernens oder der emotionalen und sozialen Entwicklung quasi unsichtbar gemacht. Ihre fachspezifische Förderung wird damit noch mehr der Beliebigkeit ausgesetzt, als es zuvor schon durch die nur noch pauschale Zuweisung von Sonderpädagogen-Stunden geschehen ist. Wenn sich die Schulbehörde nicht einmal mehr einen groben Überblick über den Umfang und die Art dieser Förderbedarfe verschafft, dann kann sie ja auch die benötigten Sonderpädagogen gar nicht bereitstellen, schon gar nicht passgenau, wie es Senator Rabe immer wieder versprochen hat. Denn, um die richtige Anzahl an Sonderpädagogen, und dann mit den passenden Fachrichtungen, bedarfsgerecht an die richtigen Schulen senden zu können, müsste sie ja wissen, wie viele Schüler mit welchem sonderpädagogischem Förderbedarf sich an den einzelnen Inklusionsschulen befinden.

Kirschsblog: Wie wurde das denn bisher gehandhabt?

Kristine Leites: Bisher war das ein geregeltes Verfahren. Für jedes Kind mit vermutetem sonderpädagogischem Förderbedarf musste ein „sonderpädagogisches Feststellungsgutachten“ erstellt werden, durch qualifizierte Sonderpädagogen. Dieses Gutachten wurde zunächst von den Leitungen der Sonderschulen geprüft, dann wurde es bei der Behörde eingereicht, dort bewertet und positiv oder negativ beschieden.

Kirschsblog: Diese Gutachten sollen jetzt abgeschafft werden, Senator Rabe hat kritisiert, sie seien nicht zuverlässig, was man schon daran erkenne, dass sich die Zahl der begutachteten Kinder mit Förderbedarf zuletzt auf für ihn unerklärliche Weise erheblich erhöht habe. Wie sollen jetzt stattdessen die Behinderungen eigentlich festgestellt werden?

Kristine Leites: Das ist ein gute Frage. Die Gutachtenfür die Kinder mit Behinderungen im Lernen, der Sprache oder der sozialen und emotionalen Entwicklung sind bereits abgeschafft. Als Fachverband können wir diese Kritik überhaupt nicht nachvollziehen, denn diese Gutachten sind ja bisher ausschließlich von hochqualifizierten, erfahrenen Sonderpädagogen erstellt worden, die für die jeweilige Behinderung fachwissenschaftlich ausgebildet worden. Die gestiegene Anzahl der Meldungen in der Inklusion begründet sich nach unserer Auffassung ganz anders als durch unzuverlässige Gutachten. Auch früher schon sind sehr viel mehr Kinder als förderbedürftig betrachtet worden, jedoch häufig nicht gemeldet worden, weil die Hürden zu hoch waren, weil die Eltern es nicht wollten oder weil die Regelschule über keinen Sonderpödagogen verfügte, der eine äußerlich nicht sichtbare Behinderung, wie zB. eine Sprachbehinderung, erkennen konnte. Zudem war die Anzahl der Plätze in der Integration sehr begrenzt und an enge Aufnahmekriterien gebunden. Andere Gutachten sind von der Schulbehörde abgelehnt worden. Hinzu kommt, dass sich mit der Inklusion nun an viel mehr Regelschulen als früher auch Sonderpädagogen befinden. Diese können Behinderungen viel früher erkennen und versuchen natürlich, durch frühzeitige spezielle Förderung präventiv zu arbeiten, statt diese Kinder erst zu melden, wenn sie schon in den sprichwörtlichen „Brunnen gefallen“ sind. Die Eltern stimmen einer sonderpädagogischen Maßnahme viel eher zu, wenn sie an einer „normalen“ Schule stattfinden kann – auch, wenn die therapeutische Intensität dort geringer ist als für ihr Kind wünschenswert wäre. Auch dadurch ist die Anzahl der Begutachtungen gestiegen.

Kirschsblog: Wie soll denn nun künftig nach Wegfall der Einzelgutachten eine Behinderung bzw. sonderpädagogischer Förderbedarf festgestellt werden?

Kristine Leites: Das scheint nach dem bisherigen Stand dem Zufall überlassen, denn es gibt kein geregeltes Verfahren mehr für die Kinder mit L-, S- oder E-Behinderung. Sie waren mit knapp 70 Prozent die bislang größte Gruppe mit einem Rechtsanspruch auf qualifizierte sonderpädagogische Förderung. Dieser Anspruch ist ihnen durch Abschaffung der Gutachten und durch Herausnahme aus dem Behinderungsbegriff schon im letzten Schuljahr entzogen worden. Nun werden sie noch nicht einmal mehr statistisch erfasst, so dass sie als konkretes Einzelschicksal für die Schulbehörde künftig nicht mehr existieren. Das Erkennen dieser Kinder, ebenso wie deren Rehabilitation, wird damit dem Zufall der „systemischen Ressource“ überlassen: Das heißt, die Inklusionsschulen erhalten für L-, S- und E-Schüler nur noch eine pauschale Stundenzuweisung, unabhängig von der tatsächlichen Anzahl und Behinderungsart ihrer förderbedürftigen Schüler. Diese Ressource soll nur noch zu 40 % qualifizierte Sonderpädagogen enthalten, 60% sollen durch dafür nicht qualifiziertes anderes Personal abgedeckt werden. Unter diesen Bedingungen wird in vielen Fällen der sonderpädagogische Förderbedarf nicht mehr oder viel zu spät erkannt werden können. Dann besteht die Gefahr, dass diese Schüler weit hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben.

Kirschsblog: Es sollen künftig nach dem Inklusionskonzept bestimmte Schulen wegfallen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf auf allgemeine Schulen gehen. Welche Schulen betrifft das?

Kristine Leites: Das betrifft alle Schulen für Sprachbehinderte und Lernbehinderte, die in Hamburg Förderschulen heißen, alle integrativen Förderzentren sowie die regionalen Beratungs- und Unterstützungsstellen, REBUS. Die sollen kurz- bis mittelfristig als eigenständige Standorte abgeschafft und zu nur noch 13 regionalen Bildungs- und Beratungszentren zusammengefasst werden. Diese heißen dann ReBBZ. Die Aufgaben dieser regionalen Bildungs- und Beratungszentren sind noch gar nicht klar definiert, was auch vielfach kritisiert wird. Nach derzeitigem Informationsstand soll es so sein, dass die Schüler dort nur noch vorübergehend, also für einen gewissen Zeitraum, beschult werden können nund dann in der Regelschule gehen, also inklusiv.

Kirschsblog: Hat dieser Prozess denn schon begonnen, sind Schulen schon geschlossen und sind diese neuen Zentren schon geschaffen worden?

Kristine Leites: Das ist noch ein offener Prozess. Das sollte in diesem Schuljahr anlaufen, ist aber von der Behörde wohl organisatorisch noch nicht auf den Weg gebracht worden. Es soll im Laufe des Schuljahres weitergehen. Wie das für die einzelnen Standorte zeitlich aussieht, kann man noch nicht sagen. Fakt ist, dass an viele Standorte bestimmte Klassenstufen nicht mehr aufgenommen werden durften und dass damit der reguläre Schulbetrieb langsam ausläuft.

Kirschsblog: Nun tritt ja an die Stelle der Einzelgutachten nach dem Inklusionskonzept des Schulsenators bei Behinderungen in den Bereichen LSE die „systemische Förderung“ mit einer „Förderpauschale“ für jede Schule, errechnet auf der Grundlage einer angenommenen Quote von durchschnittlich fünf Prozent Kindern eines Jahrgangs mit sonderpädagogischem Förderbedarf LSE und der sozialen Lage der Schule, berechnet nach den sogenannten „Kessgebieten“. Ist das aus Ihrer Sicht ausreichend? Was müßte für eine bestmögliche Förderung der Schüler geschehen?.

Kristine Leites: Nein, – die systemische Ressource wird in vielen Fällen quantitativ und qualitativ nicht ausreichen. Sie ist ja eine Pauschale, die völlig unabhängig davon ist, wie die Realität an der einzelnen Schule aussieht. Und die hält sich eben nicht an irgendwelche Statistiken und Kessgebiete, sondern kann unterschiedlich aussehen. Es müßte also möglich sein, zusätzlich zu der systemischen Pauschale den benötigten und fachlich passenden realen Bedarf an Sonderpädagogen nachzubeantragen und zwar kurzfristig. Denn wenn das dann ein halbes Jahr dauert, ist für die entsprechenden Schüler wieder sehr viel wertvolle Förderzeit vergangen.

Kirschsblog: Gibt es denn dafür irgendwelche Zusagen von Senator oder Behörde?

Kristine Leites: Senator Rabe hat zwar vor den Sommerferien in Aussicht gestellt, dass „nachgesteuert“ werden soll. Doch bisher ist den Schulen nicht bekannt, wie. Seitens der Behörde wurde weder ein Verfahren noch eine Ressource dafür benannt. Wir hoffen, dass das noch kommt. Darüber hinaus benötigen die Inklusionsschulen dringend ein Sachmittelbudget, um die nötige sonderpädagogische Ausstattung zu gewährleisten.

Außerdem wäre es sinnvoll, wenn an jeder Inklusionsschule ein Sonderpädagoge in leitender Funktion als Förderkoordinator eingesetzt würde, der auch mit entsprechenden Ressourcen ausgestattet wäre, um z. B. bei den Viereinhalb – Jährigen- und den Einschulungsuntersuchungen Reihen- und Einzeldiagnosen vornehmen zu können, das heißt alle Kinder einmal kurz durchzuchecken, ob denn hier ein Verdacht auf sonderpädagogischen Förderbedarf vorliegt. So könnte ein Großteil der sonderpädagogischen Förderbedarfe frühzeitig erkannt, Schulleitung, Kollegen und Eltern sinnvoll beraten und die notwendigen Maßnahmen qualifiziert eingeleitet und begleitet werden. Dieser sonderpädagogische Koordinator stünde dann auch für Fälle, die erst später zutage treten, zur Verfügung und könnte fachkundig die richtige Hilfe in die Wege leiten.

Kirschsblog: Das findet also derzeit nicht statt?

Kristine Leites: Nein, das ist noch nicht geregelt. Es sollen Förderkoordinatoren eingesetzt werden, allerdings war bisher immer im Gespräch, dass das Regelpädagogen sind. Diese besitzen nicht aber nicht die fachliche Expertise. Vor jeglicher Förderplanung müsste ja zunächst einmal getrennt werden zwischen sonderpädagogischen Förderbedarf und anderem Förderbedarf, der durch Regelpädagogen und anderes Personal abgedeckt werden kann. Eine solche Diagnostik können nur sonderpädagogische Experten leisten. Dazu müssten sie natürlich mit entsprechenden Zeitressourcen für Diagnostik und Beratung ausgestattert werden.

Noch ein Satz dazu:

Die eigentlichen Ziele der Sonderpädagogik sind Prävention, also die Verhütung von behinderungsbedingten Nachteilen, und Rehabilitation: Das bedeutet, dem jeweiligen Schüler zu so viel Normalitaet wie möglich zu verhelfen, also behinderungsbedingte Einschränkungen zu kompensieren oder zu überwinden, um den Kindern langfristig die größtmögliche Teilhabe zu ermöglichen. Bei Sprachbehinderungen ist oft sogar eine Heilung möglich. Das aber erfordert, wie in jeder Reha-Klinik selbstverständlich, fachliche Expertise, spezielle Techniken, Methoden und Ausstattung, Zeitaufwand und Kontinuität der Förderung. Bisher hat das der sog. Therapeutische Unterricht an Sonderschulen, auch an Integrationsschulen, erfolgreich geleistet. Aus unserer Sicht ist Inklusion das Ziel und Rehabilitation der Weg dorthin. Mit der systemischen Pauschale wird eine solche Förderung i. d. R. nicht mehr organisierbar sein – mit dramatischen Folgen für das Schicksal der betroffenen Schüler.

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