Trotz massiver Proteste: Inklusionskonzept des Schulsenatators mit SPD Mehrheit in der Bürgerschaft beschlossen

14 Jun

am Tag vor der Abstimmung im Rathaus

„So wird die Inklusion an die Wand gefahren“, schallte es noch am Montag vor der Bürgerschaftssitzung aus Lautsprechern über den Rathausmarkt. Bis zuletzt hatte es heftige Proteste gegeben, rund 1200 Menschen waren auf einer Demonstration, zu der die Gewerkschaft GEW aufgerufen hatte, vom Bahnhof zum Rathaus gezogen.  Eltern, Lehrer, Erzieher, Kinder, Sonderpädagogen, Schulleitungen waren sich wie schon bei  der Inklusions – Anhörung im Schulausschuss Ende April (s.Kirschsblog) in ihrer Kritik einig.Auch die Oppositionsparteien kritisierten in ungewohnter Einmündigkeit das  Inklusionskonzept des SPD Schulsenators.“ Doch mit der Mehrheit der SPD Stimmen in der Bürgerschaft wurde das Konzept von Schulsenator Ties Rabe beschlossen.

„Heute legen wir das beste Förderkonzept in ganz Deutschland vor“, hatte Ties Rabe sein Konzept   in der Bürgerschaft gegen die heftige Kritik der Oppositionsparteien verteidigt.  Dies sei der „sichere Weg, um die Inklusion in Hamburg zu einem Erfolg zu machen“, sagte er. (Drucksache 20/3641: https://www.buergerschaft-hh.de/parldok/)

Kernpunkt seines Konzepts für die Inklusion ist die sogenannte „systemische Förderung“: Das bedeutet, die Mittel für die Förderung von Kindern mit sonderpädaogischem Förderbedarf an den allgemeinen Schulen  sollen künftig nicht individuell für jedes Kind „nach Bedarf einzelfallbezogen über sonderpädagogische Gutachten“ berechnet werden. Stattdessen werden den  Schulen pauschal berechnete Fördermittel zugewiesen, errechnet auf der Grundlage einer angenommenen Quote von durchschnittlich fünf Prozent Kindern eines Jahrgangs mit sonderpädagogischem Förderbedarf LSE ( dh. in den Bereichen Lernen, Sprache, emotionale und soziale Entwicklung) .  Als weiterer Berechnungs-Faktor kommt noch die soziale Lage (Sozialindex) der Schule hinzu, unterteilt nach den sogenannten Kess-Gebieten.

„Wir sind uns einig, dass Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam in der Schule lernen sollen, aber mit diesem Konzept des Senators, ohne ausreichende Mittel, wird das nicht gelingen“, so hatte der Sprecher der GEW die Kritik der Demonstranten zusammengefaßt.

Claudia Wackendorf und Karen Rüßbült
„Mit diesem Konzept ist Inklusion nicht möglich“

„Wir glauben, in dieser Form ist Inklusion nicht möglich“, so auch Claudia Wackendorf vom Landeselternausschuss Kindertagesbetreuuung und Kreiselternrat Wilhelmsburg bei der Demo: „Weil mit dem Unterricht, wie er geplant ist, Kinder nicht ausreichend gefördert werden können. Die Schulen kriegen das gleiche Geld, egal ob sie 20 Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf haben, oder fünf“. Ähnlich auch Stepanie Mäder vom Elternrat der Grundschule Kamminer Straße. „Wir sind eine Integrationsschule mit 200 Kindern aus 24 Nationen. An unserer Schule werden mit diesem Konzept 70 Prozent  der Förderstunden gestrichen“. Bisher hatte die I-Klasse eine Doppelbesetzung mit einem Lehrer und einem Erzieher, sowie stundenweise mit einen Sonderpädagogen sogar eine Dreifachbesetzung. Künftig gebe es keine durchgängige Doppelbesetzung und die Sonderpädagogen aus dem nahegelegenen Förderzentrum fielen in im nächsten Jahr „auch ganz weg“.

Ties Rabe dagegen erklärte in der Bürgerschaftssitzung, sein Fördersystem mit dreieinhalb Doppel-Förderstunden für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf und sieben Doppelstunden für Kinder mit spezieller Behinderung sei „bundesweit spitze“. Das entspreche auch den Empfehlungen von Bildungsforschern und Wissenschaftlern. Außerdem werde eine halbe Million Euro für die Lehrerforbildung im Bereich Inklusion bereitgestellt, so Ties Rabe an die Adresse der schulpolitischen Sprecherin der GAL, Stephanie von Berg, die den geplanten Stellenabbau in der Lehrerfortbildung kritisiert hatte.

Regina Tretow, GEW

„Ich hätte mir gewünscht, dass wir die I-Klassen und die IR- Klassen ausgebaut hätten“, erklärte Regina Tretow, GEW, Vorsitzende des Gesamtpersonalrats Schulen und eine der Organisatorinnen der Demonstration  Sie kritisiere nicht grundsätzlich die systemische Förderung, erklärte sie. Allerdings sei sie gegen eine sofortige flächendeckene Umsetzung. Vielmehr hätte man  „Inseln der Inklusion schaffen sollen“, nur so sei „das mit den Ressourcen machbar“. Diese Inseln hätte man schrittweise immer weiter ausbauen sollen. So wie die Inklusion jetzt umgesetzt werde, „gehen die Pädagogen drauf“ und „die Kinder werden benachteiligt, weil sie nicht genügend Förderung erfahren“.

Die geplante systemische Ressourcenzuweisung sei „ungerecht“ und „zu Unrecht gedeckelt“. Diese Auffassung vertrat in der Bürgerschaft die CDU in einem eigenen Antrag mit dem Titel „Inklusion richtig machen“ . Das Konzept des Senators gehe an den Interessen der betroffenen Kinder vorbei,  erklärte CDU Fraktions-Mitglied, Walter Scheuerl.  Notwendig, so die CDU in ihrem Antrag, sei „weiterhin eine Einzelfalldiagnostik, die Erstellung eines Förderplans, der Rechtsanspruch auf eine fachgerechte Förderung im Unterricht sowie eine Beratung der unterrichtenden Kollegen“. Sie fordert ua. ein „dauerhaftes Wahlrecht“ zwischen inklusiver Beschulung und Sonderschule und eine durchgehende Doppelbesetzung durch Sonderpädagogen.  (http://www.buergerschaft-hh.de/Parldok/Cache/3FF257D2ADF40680BF0107A0.pdf). Der Antrag wurde von SPD, GAL und Linke abgelehnt.

Das Inklusionskonzept des Schulsenators ist dagegen jetzt mit den Stimmen der SPD beschlossen. Die Grünen haben sich enthalten. Die übrigen Oppositionsparteien haben das Konzept abgelehnt.

Tessa, 13 Jahre, lernt in einer Integrationsklasse gemeinsam mit 5 Kindern mit unterschiedlichen Behinderungen in Farmsen. „Ich finde es gut, wie es bis jetzt ist, wir haben 2-3 Lehrer und kommen mit den Fragen besser dran, ,mit weniger lehrern würden wir alle nicht so schnell dran genommen werden, alle würden langsamer lernen“

Umfasssende Information über das Inklusionskonzept des SPD Schulsenators hat die GEW Hamburg in einem Reader über die „Baustelle Inklusion“ zusammengefaßt, siehe: http://www.gew-hamburg.de/sites/default/files/baustelle_inklusion

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2 Antworten to “Trotz massiver Proteste: Inklusionskonzept des Schulsenatators mit SPD Mehrheit in der Bürgerschaft beschlossen”

  1. zwitschersblog Juni 15, 2012 um 8:33 am #

    Eltern behinderter Kinder, die ihre Kinder in die Inklusion geben, müssen sich darüber im Klaren sein, dass sie dort nur noch maximal 20% der ihnen eigentlich zustehenden sonderpädagogischen Förderung erhalten. 80% der Vorbereitung auf eine Teilnahme am gesellschaftlichen Leben wird zukünftig Laien und den andren Kindern in der Klasse übertragen. Deshalb muss es auch weiterhin ein uneingeschränktes Wahlrecht für eine ausreichende Zahl besonderer Schulen geben; auch für LSE-Kinder, deren bisherige Ansprüche nach Sozialgesetzbuch faktisch abgeschafft werden. Hamburg ist auf dem Weg, von einer historisch gefestigten Hochburg der Sonderpädagogik in ein Tal des Dilletantismus und der Vernachlässigung zu stürzen. Der Ausbau der I- und der IR-Klassen an den Regelschulen wäre auch ein Mehr an Inklusion gewesen, ohne die ganze Sonderpädagogik infrage zu stellen. Das hätte allerdings mehr Geld gekostet. Jetzt kommt die Billig-Inklusion, und an diesem Handicap werden nicht nur Kinder und Eltern verzweifeln, sondern auch der Schulsenator.

    • kirschsblog Juni 15, 2012 um 8:38 am #

      herzlichen Dank, lieber Zwitscherblog, für diesen Kommentar, er bringt die Situation exakt auf den Punkt, leider!

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