Mehrheit in Schleswig Holstein für G9 Gymnasien: Wie eine Gegenreform zum Wahlkampfschlager wurde

4 Mai

G9 Wochen – so könnte man die vergangenen Wochen vor der Schleswig Holstein Wahl nennen. Gemeint sind nicht die Treffen von Wirtschaftmächten, wie kaufmännisch denkende Hamburger schon einmal spotten. Es geht vielmehr um das Abi in neun Jahren an Gymnasien, das in fast allen Bundesländern zum „Turbo Abi nach acht Jahren“, G8, verkürzt wurde. Hamburg gehörte dabei 2004 zu den „Vorreitern“ dieser Schulreform. „G8 bleibt“, so war in den Jahren  seither immer wieder die Antwort von Politikern auf die Bitten, Appelle und Gesuche von Eltern, die wegen der hohen Belastungen ihrer Kinder durch lange Tage, hohe Wochenstundenzahl und dichtgedrängtes Pensum des G8 um Rückkehr zum G9 baten.

In Schleswig Holstein fanden die Eltern – anders als in Hamburg – Gehör: Auf Initiative des FDP Bildungsmininsters Ekkehard Klug hat die dortige CDU/FDP Regierung im vergangenen Jahr für alle 100 Gymnasien des Landes in einem neuen Schulgesetz die Wahlmöglichkeit zwischen G8 und G9 geschaffen. Dazu beigetragen hatte die Elterninitiative „G9 jetzt“, die bei Protestversammlungen und einer landesweiten Unterschriftenaktion die Wahlmöglichkeit zwischen G8 und G9 gefordert und das neue Gesetz massiv unterstützt hatte – für das G9 sprachen sich bei einer aktuellen Umfrage auch 78 Prozent der Befragten in Schleswig Holstein aus, nur 16 Prozent entschieden sich für das G8! Und die FDP liegt ua. mit dem Thema G9 derzeit erstaunlich im Aufwind.

Kirschsblog sprach mit der Vorsitzenden der Initiative „G9 Jetzt“ und des Schleswig Holsteiner Elternvereins, Astrid Schulz-Evers. Sie ist als Mutter eines G8 und eines G9 Kindes Elternvertreterin und Mitglied im Vorstand des Schulelternbeirates am Gymnasium Schloß Plön und im Kreiselternbeirat der Gymnasien im Kreis Plön.

Kirschsblog: Sie sind in vielen Funktionen Elternsprecherin, Vorsitzende von Elterninitiativen, engagierte Streiterin für das G9 seit einigen Jahren aktiv. In Schleswig-Holstein gibt es die Wahlmöglichkeit zwischen G8 und G9 auch an den Gymnasien. Wie ist es dazu gekommen? 

Astrid Schulz-Evers: Es war so, dass ich als Elternvertreter meines Sohnes in seiner G8 – Klasse festgestellt habe, dass die Belastung durch das G8 für ihn und die anderen Kinder sehr hoch war, sowohl im privaten Bereich, als auch im psychischem Bereich. Viele Kinder mußten damals schnell Nachhilfe in Anspruch nehmen. Wir haben viele Fahrschüler und FahrschülerInnen, die noch lange mit dem Bus vor und nach der Schule unterwegs sind. Durch den Ganztagssunterricht konnten sie dann am Sport, Fußball und anderen Aktivitäten außerhalb der Schule nicht mehr teilnehmen, keine Freunde mehr treffen. Die ersten Abmeldungen bei den Vereinen folgten! Die ersten Feuerwehren und der DLRG meldeten dann, dass auch dort die Kinderzahlen zurückgingen. Und die Eltern stellten fest, dass auch das Familienleben sehr beeinträchtigt war. Was nun die Wochenenden der Familie bestimmte, das waren Hausaufgaben machen und für die Schule üben. Es ging einfach sehr viel mehr Zeit für das Schulleben im G8 drauf.

Kirschsblog: Sie waren mir Ihren Erfahrungen nicht allein, es ist damals eine richtige Bewegung entstanden. Wie war das?

Astrid Schulz -Evers: Parallel zu unserem Gymnasium, wo es massiv Klagen über die Belastung durch das G8 gab, gab es auch von anderen Gymnasien im Land ähnliche Berichte. Es wurden dann in einigen Gymnasien schon kleine Aktionen und Initiativen gestartet, die sich gegen diese Belastung wehren wollten.

Kirschsblog: Es kam zu einer Protestversammlung und einer landesweiten Unterschriftenaktion. Wie kam es dazu, und was wollten Sie damit erreichen ?

Astrid Schulz-Evers: Wir wollten damit zeigen, wie es den Kindern geht. Ich hab selber damals z.B. den Schulranzen für einen Acht-Stunden Tag packen lassen. Der war dermaßen schwer, dass mein Sohn ihn kaum heben konnte. Das war wirklich dramatisch. Wir wollten ein Signal setzten und ich habe die Elternvertretungen der Gymnasien im ganzen Land angeschrieben und sie im März 2010 zu einer Podiumsdiskussion zu uns an das Gymnasium nach Plön eingeladen. Der Saal bei dieser Diskussion wurde rappelvoll und das Signal war eindeutig. Wir haben dort eine Abstimmungen durchgeführt, und es wurde mehrheitlich gesagt: Wir wollen G9.

Kirschsblog: Daraufhin gab es dann noch weitere Aktionen, z.B. eine Unterschriftenaktion.

Astrid Schulz Evers: Ja, wir Eltern haben dann eine Unterschriftenaktion gestartet, um weitere Signale zu setzen. Da kamen innerhalb sehr kurzer Zeit über 25.000 Unterschriften zusammen.

Kirschsblog: In ganz Schleswig Holstein?

Astrid Schulz-Evers: In ganz Schleswig-Holstein! In knapp drei, vier Monaten hatten wir die Unterschriften zusammen. Wir hätten sicherlich mehr zusammen kriegen können, wenn wir mehr Zeit gehabt hätten, aber das musste angesichts der Schulgesetzgebung dann recht zügig gehen. Es ging um das Schulgesetz der schwarz- gelben Landesregierung, das im Januar mit nur einer Stimme Mehrheit der Landesregierung beschlossen werden sollte. Darin war vorgesehen, dass die 100 Gymnasien in Schleswig Holstein neben dem 2008 eingeführten Abitur nach 8 Jahren auch wieder das Abitur nach neun Jahren anbieten sollten. Die Forderung der Eltern aus der Unterschriftenaktion war ganz eindeutig, wir möchten die Rückkehr zu G9.

Kirschblog: Das Schulgesetz wurde entsprechend verabschiedet und nun gibt es eine Reihe von Schulen, die die Alternativen zwischen G9 oder G8 anbieten, andere Gymnasien bieten allein das G9. Wie kam das zustande?

Astrid Schulz-Evers: Die Schulkonferenzen der Gymnasien konnten nun also das G9 beantragen. Bedingung war, das Einigkeit zwischen Schulleitung, Schulkonferenz und Schulträger bestand – und das Ergebnis wurde dann dem Bildungsminister vorgetragen. Wenn eine Einigkeit vorlag, hat er das genehmigt. Lag die nicht vor, dann hat er im Einzelfall entschieden, das kam auch vor.

Kirschsblog: Wie viele Schulen bieten jetzt G9 in Schleswig-Holstein an und welche unterschiedlichen Modelle gibt es?

Astrid Schulz- Evers: Wir haben zur Zeit 11 Gymnasien, die ausschließlich G9 anbieten und vier Gymnasien, die das sogenannte Y-Modell anbieten. Das heißt also G8 und G9 parallel zu einander. Bei einem weiteren Gymnasium, in dem auch für G9 gestimmt wurde, läuft zur Zeit ein Klageverfahren.

Kirschsblog: Das ist in Wentorf, im Osten von Hamburg, dort waren sich die Eltern weitgehend einig, aber die Gemeinde als Schulträger war gegen das G9.

Astrid Schulz- Evers: Ja, in Wentorf hatte sich eine sehr starke Elterninitiative gebildet und die forderte die Rückkehr zu G9, einstimmig auch mit dem Schulleiter. Sie hat Unterschriften dafür gesammelt und weitere Aktionen durchgeführt. Der Schulträger wollte das G9 aber nicht und stimmte dagegen, so dass das Bildungsministerium eine Entscheidung treffen mußte. Der Bildungsminister hatte schließlich für G9 entschieden. Damit war der Schulträger aber nicht einverstanden. Es kam zu einem Klageprozess und der Stand ist, dass seitens des Gerichts für das G8 entschieden wurde, wobei der Bildungsminister (FDP) sich weiter für das G9 einsetzen wollte.

Kirschsblog: Wie wird denn das G9 von den Eltern angenommen. Und gibt es immer eine Alternative in Form eines G8 Gymnasiums?

Astrid Schulz Evers: Die Anmeldezahlen sind durchgängig an allen G9-Gymnasien sehr hoch – während die Anmeldezahlen an den G8-Gymnasien rückläufig sind. Eine kürzlich erfolgte Umfrage Infratest Dimap im Auftrage des NDR belegt zudem, daß 78 % der Befragten in Schleswig Holstein für G9 sind. Auch in anderen Bundesländern, wie z.B. Baden-Württemberg, ist zu beobachten, daß die Anmeldezahlen an den G9-Gymnasien sehr gestiegen sind. Für die Kinder ist G9 an den Gymnasien einfach die besser Alternative – und die Eltern wissen das.Wir hier im Kreis Plön haben insgesamt vier Gymnasien, zwei bieten G8 und zwei G9 an, dazu gibt es das Berufliche Gymnasium. Wir stellen insgesamt fest, dass die G9-Gymnasien gute Zahlen haben, während sie bei den G8-Gymnasien deutlich rückläufig sind. Interessant ist, dass es ein Gymnasium gab, das die Wahlmöglichkeit zwischen G8 und G9 hatte und dort dermaßen viele Anmeldungen für G9 eingegangen sind, dass sich dieses Gymnasium entschlossen hat, nur noch G9 anzubieten. Bei einem weiteren Gymnasium, in einer anderen Stadt, wo es zwei Gymnasien gab, hatte das G9 Gymnasium so viele Anmeldungen, dass die Kinder „weggelost“ werden mussten an das G8 Gymnasium, weil die Kapazitäten des G9 Gymnasiums nicht ausreichten, um alle G9 gemeldeten Kinder aufzunehmen.

Kirschsblog: Jetzt bieten 15 Gymnasien in Schleswig-Holstein die G9 an. Wie würde sich das denn unabhängig von der bevorstehenden Wahl weiterentwickeln? Gibt es auch in den Städten, in denen es diese Wahlmöglichkeit vielfach nicht gibt, Interesse daran und warum kam es bisher nicht dazu?

Astrid Schulz-Evers: Das ist eine heikle Angelegenheit. Es scheint fast so, als wenn es dort eine Art Absprache gibt, mit verschiedenen Gremien. Sicherlich ist von der Seite der Elternschaft das G9 gewünscht. Aber im Moment ist die Durchsetzungsmöglichkeit dort sehr schwer – aber wir hoffen, daß sich noch weitere Gymnasien für G9 entscheiden.

Kirschsblog: Wie erklärt sich das? Sind das politische Widerstände oder wie kommt das?

Astrid Schulz-Evers: Wenn man berücksichtigt, wer alles bei einer Entscheidung über G8 oder G9 mitreden kann, ist offensichtlich, dass da gewisse Bereiche wie Schulträger, Schulleitung natürlich durchaus eine andere Meinung vertreten, als viele Eltern und damit dann letztendlich auch über die Schulform entschieden haben.

Kirschsblog: In Wentorf wurde ja erklärt, dass es auch finanzielle Gründe gibt, und dass das G8 für den Träger billiger sein soll ist, als das G9. Was sagen Sie dazu?

Astrid Schulz-Evers: Das ist nicht erwiesen. Wenn man zum Beispiel an den immensen Bauboom an den Gymnasien denkt, der ja in Folge des Ganztagsschulunterrichts durch G8 hier in Schleswig-Holstein sehr groß geworden ist. Viele Details der Kosten fehlen noch und damit steht nicht wirklich fest, ob G8 oder G9 günstiger ist. Für Plön kann ich nur sagen, dass wir hier belegen konnten, dass G9 nicht teurer ist und deswegen haben wir hier relativ schnell die Zustimmung des Schulträgers für G9 bekommen und ebenso die Zustimmung des Bildungsministeriums.

Kirschsblog: Am Sonntag ist die Landtagswahl in Schleswig Holstein. Wie haben sich denn die verschiedenen Parteien zum Thema G9 positioniert?

Astrid Schulz-Evers: Am deutlichsten spricht sich die FDP für die Wahlfreiheit G8/G9 an den Gymnasien aus – und das seit einigen Jahren ! Mittlerweile spricht sie sogar von einer flächendeckenden Wiedereinführung von G9 an den Gymnasien. Die CDU befürwortet die Wahlfreiheit mittlerweile auch – um die Strukturdebatten an den Schulen nicht wieder aufkommen zu lassen. Denn die werden wieder entstehen – weil vorrangig die SPD, die Grünen und der SSW an den Gymnasien das G8 und auch eine Umwandlung der jetzigen G9-Gymnasien zurück in G8 Gymnasien haben wollen. SPD, Grüne und SSW streben in ihren Programmen ein gemeinsames Lernen in Gemeinschaftsschulen und damit „Eine Schule für alle“ an. Die SPD sieht den Ausbau von Oberstufen an 21 bis 23 Gemeinschaftsschulen vor, für die es dann Abitur nach neun Jahren geben soll, für Gymnasien soll nach den Plänen der SPD nur noch das G8 möglich sein. Der Philogenverband von SH hat gerade davor gewarnt, dass man in allen drei Parteiprogrammen kein Bekenntnis zum langfristigen Erhalt der Gymnasien findet, und dass damit das Gymnasium auf dem Spiel steht. Das Ziel „Eine Schule für alle“ – bedeutet damit letztlich die Auflösung der Gymnasien.

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