„Die Schule hält die Kindheit im Klammergriff“: Überraschender Erfolg einer Streitschrift, die sich gestern in Hamburg als besonders aktuell erwies

29 Mrz

Ein erstaunliches Phänomen greift seit einigen Tagen um sich. „Danke, Norbert Blüm“, so brachte es eine Leserin auf den Punkt: Der Ex- Sozialminister der CDU hat bei vielen Eltern Begeisterung ausgelöst, mit einem Beitrag in der ZEIT, der in Netzwerken, bei Facebook und in Emailverteilern als heißer Lese-Tipp weiterempfohlen wird. Überraschend ist das unter anderem deshalb, weil sich viele Eltern von links bis eher konservativ in ihrer Begeisterung einig sind.

Der Beitrag ist eine furios geschriebene, 13 ausgedruckte Seiten lange Streitschrift“: „Freiheit! Über die Enteignung der Kindheit und die Verstaatlichung der Familie“, so der Titel der Streitschrift. In ihr beschreibt Norbert Blüm, wie Schule und Staat zunehmend die Kindheit vereinnahmen und anstelle der Eltern und Familie nun neben Bildung auch noch für Erziehung und Betreuung der Kinder „allzuständig“ sind . Blüm kritisiert: „ Die Eroberung der Kindheit durch die Schule, als den allumfassenden Ort, in dem Kindheit stattfindet, kulminiert in der Ganztagsschule“. Wie eine Diskussion über die SPD Ganztags-Schulreform im Rathaus Altona gestern zeigte, ist seine Streitschrift derzeit in Hamburg besonders aktuell.

Jugendeinrichtungen fürchten das Aus wg. Mittelkürzung und Ganztagsschule

wg. Mittelkürzung und Ganztagsschule
Aus für Jugendhilfeeinrichtungen befürchtet

Uwe Gaul, in Hamburgs Schulbehörde für Ganztagsschulen zuständig, machte es gestern vor rund 200 Zuhörern noch einmal ganz deutlich. „Wir gehen davon aus, dass alle Schulen Ganztagsschulen werden“, erklärte er auf Fragen nach der ganztägigen Bildung und Betreuung, GBS, und anderen Ganztagsschulformen. Unter den Zuhörern in Altona waren viele Erzieher und Mitarbeiter von offenen Jugendhilfeangeboten wie Bauspielplätzen und Jugendtreffs, denen der SPD Senat nach Einführung der Ganztagsschule 10 Prozent ihrer finanziellen Mittel streichen will. Ein Teil der bisher offenen Jugendhilfeeinrichtungen soll künftig mit den Schulen kooperieren, ihre Angebote sollen Teil des Ganztagsbetriebs werden, erläuterte Uwe Gaul. Für viele außerschulische Angebote der offenen Kinder- und Jugendarbeit könnten Mittelkürzungen und Ganztagsschule in den nächsten Jahren das Aus bedeuten, erklärten gestern  Zuhörer in Altona.

„Der Schulische Imperialismus“, so nennt Norbert Blüm in seiner Streitschrift den Prozess, in dem Schule „zusehends einen Expansionsdrang“ entwickele, „für alles zuständig zu sein, was das Leben den zukünftigen Erwachsenen abfordern könnte.“ Der Lehrplan weite sich ständig aus, Schule sei nicht nur für ihre traditionellen Felder zuständig, sondern übernehme in „pädagogischer Allmacht“ auch die Aufgaben von Erziehung und Betreuung: „Erziehungsexperten … definieren die Erziehungsprobleme,… lösen sie und ….“entmündigen die Überbleibsel der familiären Kompetenz“. Nur wenige Eltern trauten sich noch, Erziehungsschwierigkeiten alleine zu lösen. Schule biete zudem „allerlei prophylaktischen Lebenshilfen“ an, wie Verkehrserziehung, Kochunterricht, Umwelthilfe, inklusive Entsorgungsfragen, Verbraucherberatung, Erste Hilfe, Bastelei, usw.

Die Schule sei für alle Aktivitäten zuständig, die früher außerschulisch in Familie, Vereinen und unter Freunden ausgeübt wurden, bis hin zur Ferienbetreuung, erklärt Norbert Blüm in seiner Streitschrift. Und in der offenen Jugendhilfe, könnte man nach der Diskussion in Altona ergänzen.

Für diese Verschulung der Kindheit nennt er wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Gründe. Beim genauen Hinsehen entpuppe sich etwa die Forderung nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf als „Unterordnung der Familie unter die Wirtschaft“. In der „verwirtschafteten“ Gesellschaft gelte „Einkommensverlust durch Kindererziehung als sozialer Abstieg und gesellschaftlicher Defekt.“ Dass „Kinder ein nicht bezahlbares Glück sind, dass die gemeinsame Zeit mit Kindern die Eltern „reich mache“ tauche in der „monetären Rechnung nicht auf“, so Norbert Blüm und kritisiert, dass das allseits geforderte staatliche Betreuungsangebot sich „hinterrücks als Waffe gegen das Recht auf Erziehung“ entpuppe, dass das Grundgesetz eigentlich „zuvörderst den Eltern sichert“.

Hinzu kommt Blüm zufolge die gesellschaftspolitische Vorstellung: „ Emanzipation ist Erwerbsarbeit“. Freiheit bestehe aus dieser Sicht „in der Unterordnung der Erziehungsarbeit unter die Lohnarbeit“. Befreiung werde an der „uneingeschränkten Einbeziehung aller Mütter und Väter in die Erwerbsarbeit“ gemessen. Eine Erziehungszeit zur Betreuung der Kinder werde Müttern und Eltern nur vorübergehend und immer kürzer zugestanden.

Nach dem Motto „soviel Schule wie möglich“ bleibe für die Kindheit „nach diesem »ganzheitlichen« Schulkonzept lediglich die Nacht sowie der kümmerliche Rest zwischen Tag und Nacht…..“ „Die Schule saugt auf diese Weise alle Aktivitäten auf, die früher außerhalb von ihr, … in Familie, Vereinen und unter Freunden, initiiert wurden. So trocknet der Raum zwischen Individuum und Staat aus. In diesem Zwischenraum war aber von jeher der Widerstand gegen totalitäre Vereinnahmung lokalisiert, weshalb alle Diktatoren diese intermediären Widerstandsnester aus dem Weg zu räumen versuchten, um ihr Feld so zu planieren, dass es von der konturlosen Masse und deren Bewegungen besetzt werden konnte“

Norbert Blüm nennt noch weitere Gründe für die Verschulung bzw. Verstaatlichung von Kindheit. Es gehe auch um gute Zeugnisse, mit denen Schule zu einem Zulieferant für Betriebe gemacht werde, von Schule werde außerdem erwartet, dass sie auf die bestmögliche Karriere vorzubereite.

Das meiste, was er gelernt habe, habe er dagegen nicht in der Schule gelernt, erklärt Norbert Blüm, sondern von seinen Eltern, Großeltern, von Tanten und Freunden, Nachbarn, auf der Straße und bei der praktischen Arbeit an der Werkbank. Doch von einer Kindheit mit abenteuerlichen Erkundungen, mit Geheimnissen, mit Gefahr und Fantasie sei mit der Verschulung der Kindheit kaum noch etwas übrig geblieben In seiner Streitschrift gehe ihm nicht darum, die Schule abzuschaffen, erklärt Norbert Blüm, er wolle nur “ die professionelle pädagogische Omnipotenz von Schule“ aufzeigen und die Erwartungen an sie relativieren. Im Schlusssatz relativiert noch mehr, nämlich die Frage, ob Geld und Karriere alles ist.

Wenn das konservativ sei, lobte die eingangs zitierte Leserin die Streitschrift auf Facebook, dann werde sie auf ihre alten Tage noch konservativ.

Herr Gaul hatte übrigens für Kritiker der Ganztagsverschulung ein neues Wort parat: “ Binnenfreiwilligkeit„!!! Mehr dazu in einem Kirschsblog Nachtrag: Binnenfreiwilligkeit – Freiwilligkeit im Sinne des Ganztagsschulbeauftragten

 

http://www.zeit.de/2012/12/C-Bluem

www.zeit.de

Die Kindheit wird enteignet, die Familie verstaatlicht – und die Gesellschaft rücksichtslos verwirtschaftet. Norbert Blüm hat eine Streitschrift verfasst.
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2 Antworten to “„Die Schule hält die Kindheit im Klammergriff“: Überraschender Erfolg einer Streitschrift, die sich gestern in Hamburg als besonders aktuell erwies”

  1. roberteschneider April 1, 2012 um 10:05 pm #

    Wenn Herr Blüm schreibt „Das meiste, was ich gelernt habe, habe ich nicht in der Schule gelernt.“, dann stimme ich ihm ja zu.

    Und auch sowas gab es zu seiner Jugendzeit: „Meine erfolgreichsten Lehrer waren Mama und Papa, Oma, Opa, Tanten, Onkel, vor allem aber Freunde, Spielkameraden und -kumpane, Nachbarn, Cliquen.“

    ‎Aber: wieviele Kinder haben heute noch regelmäßig Kontakt zu Oma, Opa, Tanten, Onkels?

    Und was sagt Onkel Blüm zu den Kindern, die das Pech haben, ohne diese auskommen zu müssen (Wieviele Kinder leben bei uns nochmal in 2-Generationen- oder gar 2-Personen-Familien?) ?

    „Pech gehabt“?

    „Dann kriegste halt nur das bißchen Bildung am Vormittag, das die Nicht-Ganztagsschule Dir geben kann“?

    „Nachmittags wirste sowieso auf dem Hof gebraucht“? -uups, falsches Jahrhundert. Aber von dem kommt auch Herrn Blüms weinerliches Geschreibsel, würde ich sagen.

  2. Martina Lührs April 2, 2012 um 4:08 am #

    Das „Ende der Kindheit“ beginnt zu Hause!
    Warum nur diese Aufregung über die angeblich geplante flächendeckende Einführung von „Ganztagsschulen“? Flächendeckend sollen in Hamburg lediglich offene Ganztagsschulen eingeführt werden. Bei diesen Schulen können sich die Eltern auch in Zukunft dafür entscheiden, dass ihre Kinder daran eben nicht teilnehmen, sondern mittags wie bisher üblich nach Hause gehen. Auch die Ferienbetreuung „muss“ niemand in Anspruch nehmen, auch wenn es für viele Familien besser wäre, sie würden ihr Kind daran teilnehmen lassen.
    Ich sorge mich auch um die Freiheit der Kinder!
    Aber nicht wegen der Ganztagsschulen. Kinder wachsen heutzutage vollkommen anders auf als in den Zeiten als Norbert Blüm ein Kind war.
    Die Kindheit heutzutage ist leider geprägt durch elektronische Medien und Vernachlässigung durch die Eltern einerseits und Überbehütung und Überforderung durch die Eltern andererseits!
    Wir haben an unserer Schule die Ferienbetreuung eingeführt, weil bei uns viele Kinder ihre Sommerferien weitestgehend vor dem Fernseher oder am Computer verbringen. Den Eltern ist es immer noch lieber, die Kinder sitzen vorm TV, als dass sie unbeaufsichtigt draußen spielen. Aber auch viele sogenannte „gut behütete“ Kinder dürfen gar nicht mehr alleine mit ihren Freunden draußen spielen. „Abenteuerliche Erkundungen mit Gefahr und Fantasie“ sind den Kindern in vielen Familien heutzutage verboten. Auf Bäume klettern? Viel zu gefährlich! Die überbehütende Mutter passt schon im Kleinkindalter auf dem Spielplatz genau auf, dass das andere Kind ihrem Nachwuchs nicht die Schaufel wegnimmt und greift andauernd steuernd ein. Kinder aus überbehütenden Familien sitzen am Nachmittag stundenlang mit ihrer Mutter am Küchentisch, bis diese mit den Hausaufgaben zufrieden ist, danach werden sie wahlweise zum Hockey oder zum Klavierunterricht kutschiert.
    Sicherlich gibt es auch heute noch Familien, die ihren Kindern einerseits den nötigen Freiraum lassen und ihnen andererseits auch genug Anregung und Regeln für eine Freizeit ohne elektronische Medien geben. Die Zahl nimmt aber leider ab.
    In unserer gebundenen Ganztagsschule haben die Schüler freie Spielzeiten. In dieser Zeit sind sie nicht verpflichtet an irgendwelchen Kursen teilzunehmen, sondern spielen zusammen, bauen Höhlen im Gebüsch, erfinden „Clubs“, können sich auch zurückziehen. Wenn sie um 16.00 Uhr Schulschluss haben, müssen sie danach keine Hausaufgaben mehr machen, sie haben schon Mittag gegessen, sich viel bewegt und kein TV gesehen. Zweimal in der Woche gehen bei uns Schüler, wenn sie dies möchten, mit einem Erzieher zusammen zum Haus der Jugend. Ein Erzieher vom Haus der Jugend kommt auch einmal in der Woche zu uns. Seitdem wird diese Einrichtung der offenen Kinder- und Jugendhilfe auch am Freitagnachmittag und am Wochenende viel stärker von unseren Schülern besucht.
    Was soll daran schlecht sein?
    In der Tat übernimmt die Schule zum Teil damit auch Aufgaben, die die Familien früher übernommen haben. Dies ist aber auch in vielen Fällen nötig. Heutzutage steht nur noch selten ein Großvater für seine Enkel zur Verfügung um mit ihm in der Werkstatt zu basteln. Die Großmutter arbeitet häufig schon selbst oder lebt sowieso in einer anderen Stadt. Dass Norbert Blüm die Erwerbstätigkeit der Mütter nicht gefällt, ist bei seinem Rollenverständnis klar. Dennoch ist sie nun einmal das Ergebnis einer gesellschaftlichen Entwicklung, auf die sich Schulen einstellen müssen.
    Martina Lührs, Schulleiterin

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