Ganztagsschule enttäuscht bei schulischen Leistungen und Gerechtigkeit: Chancenspiegel der Bertelsmann Stiftung dämpft Erwartungen

20 Mrz

 „Offenbar gelingt es auch Ganztagsschulen bisher nicht, den viel zitierten straffen Zusammenhang zwischen der Herkunft der Schüler und deren Leistung zu entkoppeln“. Das ist das ernüchternde Ergebnis des „Chancenspiegels“ der Bertelsmann Stiftung und des Instituts für Schulentwicklungsforschung (IFS) an der TU Dortmund. Wie seit Veröffentlichung vor einer Woche vielfach berichtet, hat der Ländervergleich trotz erfreulicher Fortschritte seit Pisa 2000 ein noch immer deutliches Gerechtigkeitsdefizit in den deutschen Schulsystemen ergeben. Die soziale Herkunft hat  immer noch entscheidenden“ Einfluss auf den Bildungserfolg der Schüler. Allerdings, was in der Berichterstattung nur wenig beachtet wurde: Die Ergebnisse der Ganztagsschule sind nicht besser als die der klassischen Halbtagsschule: Weder in Hinblick auf schulische Leistungen noch in Hinblick auf den Einfluss der sozialen Herkunft auf den Bildungserfolg schneidet die Ganztagsschule besser ab. http://www.chancen-spiegel.de/downloads-und-presse.html?no_cache=1

Viele Politiker und Bildungsfachleute reagierten auf die Ergebnisse des Chancenspiegels mit der Forderung nach einem Ausbau der Ganztagsschule in Deutschland. So auch Ulrich Kober, der am „Chancenspiegel“ als Leiter des Programms Integration und Bildung der Bertelsmann-Stiftung mitwirkte.http://www.cicero.de/berliner-republik/chancenspiegel-bildungspolitik-schulsystem-bayern-ausgesiebt-berlin-abgeschult/48640

Der „Chancenspiegel“ liefert  auch die Begründung für diese Forderung: Mit der Ganztagsschule verbindet sich die Erwartung, dass sie zu einen „Ausgleich schwacher sozialer Herkunftsbedingungen von Kindern und Jugendlichen“ beitrage. Ganztagsschulen werden verstanden als ein „Instrument zur Herstellung von mehr Chancengerechtigkeit, die über die Verlängerung der schulischen Lernzeit in den Nachmittag und neu entwickelte Lernkulturen im Rahmen der ganztägigen Angebote angestrebt wird“ S. 47/48 http://www.chancen-spiegel.de/downloads-und-presse.html?no_cache=1 Schulpolitiker und Eltern hoffen, so der Chancenspiegel, dass sich ganztägige Angebote und eine intensive Lernförderung der Ganztagsschule „auch auf die Leistung von Schülerinnen und Schülern positiv“ auswirken.

Soweit die Erwartungen an die Ganztagsschule, doch kann die Ganztagsschule diese Erwartungen und Hoffnungen auch erfüllen? Auch dieser Frage geht der “ Chancenspiegel“ nach. Er liefert dabei eine Antwort, die überrascht und ernüchtert.

Die Ganztagsschule erfüllt diese Erwartungen nicht: Die ganztägige Schule fördert die Kompetenzen der Schüler offenbar nicht besser als die Schule an einem halben Tag. „ Auswertungen diverser Studien, die die Fachleistungen mit in den Blick genommen haben, konnten diesbezüglich keine Wirkungen nachweisen“, heißt es im Chancenspiegel.

Im Gegenteil: Anhand von Daten verschiedener Untersuchungen aus den Jahren 2006 und 2007 wurde sogar ein leichter Kompetenzvorsprung von Halbtagsschülern gegenüber Ganztagsschülern festgestellt. Der „Chancenspiegel“ geht auch mit eigenen Berechnungen, für die er Daten verschiedener Studien, zB. Pisa 2006, verwendet, der Frage nach. “inwiefern sich die Leistungen zwischen Ganztags- und Halbtagsschulen unterscheiden und die Ganztagsschule einen Effekt auf den Zusammenhang von Herkunft und Leistung hat“. Dabei wurde sichergestellt, dass der soziale Hintergrund der Schulen vergleichbar war.

Das Ergebnis: „Keine unserer Analysen der genannten Stichproben kommt zu dem Ergebnis, dass Schülerinnen und Schüler, die eine Ganztagsschule besuchen, signifikant besser in en Kompetenztests abschneiden. Vielmehr schneiden Halbtagsschüler im Lesen, in Mathematik und in Naturwissenschaften etwas – jedoch nicht signifikant – besser ab. Das gilt sowohl für Grundschulen als auch für die Sekundarstufe. Untersucht wurden auch die Ergebnisse von Kindern mit Migrationshintergrund, die in den Fächern insgesamt deutlich schlechter abschnitten als Kinder ohne Migrationsunterschied. Dabei gab es nur leichte aber keine „signifikanten Unterschiede“ zwischen Ganztagsschule und Halbtagsschule. (S.77). In der Grundschule schnitt die Ganztagsschule geringfügig schlechter ab, in der Sekundarstufe etwas besser.

 Alle Ergebnisse deuten laut „Chancenspiegel“ darauf hin, „dass auch Ganztagsschulen es (noch) nicht schaffen, Herkunft und Schulleistung zu entkoppeln“. (S.77)  Dass Ganztagsschulen „keinen Effekt auf Leistung und/oder die Entkopplung von Herkunft und Leistung haben, muss zu kritischen Rückfragen führen“, so die Autoren des „Chancenspiegels“. Ihre Schlussfolgerung: Es scheine „nicht auszureichen, auf den Ganztag zu verweisen, wenn Effekten wie der Kopplung von Herkunft und Leistung entgegengewirkt soll“. (S.78) Ebenso wie bei den Halbtagsschulen bleibe der Einfluss der sozialen Herkunft bei den Ganztagsschulen „bedeutsam“. Die Frage sei, so schließen die Autoren, inwieweit Ganztagsschule ihre Fördermöglichkeiten ausreichend nutze. Gut belegt sei dagegen die positive Auswirkung von Ganztagsschule auf die Lernmotivation der Schüler.

 Die Ergebnisse des Chancenspiegels werden auch durch jüngere Zahlen der „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“ (STEG) aus den Jahren 2005 bis 2010 bestätigt:Ganztägige Beschulung alleine scheint nicht per se die Schulleistungen zu verbessern.“, so fasst Ivo Züchner, Mitarbeiter von STEG, die Ergebnisse dieser Studie zusammen. http://www.dji.de/bulletin/DJIB_91.pdf, S. 6. Verbesserungen gab es bei Sozialverhalten und Lernmotivation, allerdings spielt dabei die Qualität der Ganztagsschule eine zentrale Rolle.

Auf einen weiteres Ergebnis des „Chancenspiegels“ hat vor wenigen Tagen schließlich die Financial Times Deutschland aufmerksam gemacht. Gerade in den Bundesländern, die die meisten Ganztagsschulen hätten, würden Schüler häufiger die Schule ohne Abschluss abbrechen, so der Bericht. (FTD vom 13.3..20012, S.11) Die Financial Times Deutschland bringt  die Ergebnisse des Chancenspiegels in Hinblick auf Ganztagsschule insgesamt auf den Punkt: „Die Studie weckt Zweifel an Ganztagsschulen“, so der treffende Titel.

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