„SCHLUSS MIT LUSTIG“ – Ties Rabe will Zentralabi nach höheren bayrischen Maß: doch Leistungsdruck gekoppelt mit G8 Turbotempo macht bayrische Schüler krank

29 Feb

„Schluss mit lustig“, so schrieb die Morgenpost, und ähnlich klingt es seit Wochenbeginn durch Hamburgs Blätterwald: Das Hamburger Abitur soll „härter“ werden. SPD Schulsenator Ties Rabe plane als neuer Präsident der Kultusministerkonferenz gemeinsam mit anderen Bundesländern ein einheitliches Zentralabitur, und zwar ausgerichtet nach den höheren Standards des Abiturs in Bayern, so die Meldungen. Höhere Standards und mehr Wissen, das wünschen sich nach den Wirren der vielen Schulreformen, nach G8 und Abschaffung des Sitzenbleibens, viele Eltern von Kindern an Hamburger Gymnasien. Eltern, die an den Schulen zunehmend die Vermittlung von Wissen in den Fächern Geschichte, in deutscher und englischer Literatur vermissen, Eltern, die die die Verlagerung von Wissensvermittlung auf unklare und schwer nachvollziehbare Kompetenzen in der Schule kritisieren. Eine Kritik, die auch viele Lehrer teilen. http://www.mopo.de/politik/so-schwer-wie-in-bayern-hamburgs-abi-wird-haerter,5067150,11719824.html

Doch „Schluss mit lustig“ ist für viele Schüler in Bayern ganz wörtlich zu verstehen. Das bayrische Vorbild mit seinen höheren Standards ist für viele Schüler, Eltern und auch Lehrer gar nicht so vorbildlich, das zeigt ein Bericht des bayrischen Lehrerverbandes, der ebenfalls zu Wochenbeginn veröffentlicht wurde. Vielen Schülern in Bayern ist demnach die Lust am Lernen längst vergangen, für die hohen Standards zahlen sie einen hohen Preis. Der Weg durch das Turbo-Tempo des G8 Gymnasien zum Abitur macht nach einer Studie der Universität München viele Schüler krank:

Nach dieser Studie berichten „80 Prozent befragter Gymnasiasten aus München von Kopfschmerzen, viele zudem von Schmerzen im Rücken und im Bauch“ . so der Bericht des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV). Dies seien „auch Folgen des extremen Leistungsdrucks gekoppelt mit immer weniger Möglichkeiten der Freizeitgestaltung….“Viele Gymnasiasten kennen keine Ruhepausen mehr…Sie stehen unter Dauerstress,“ beklagte BLLV-Präsident Klaus Wenzel. http://verbaende.com/news.php/Stress-und-Belastung-an-Gymnasien-zu-hoch–Viele-Schueler-und-Lehrer-sind-erschoepft–sie-brauchen-Unterstuetzung-BLLV-Praesident-Klaus-Wenzel-warnt-vor-den-gesundheitlichen-Folgen?m=82497&utm_source=twitterfeed&utm_medium=twitter

Unter dem Druck der Schule habe der Alkohol-Missbrauch der Gymnasiasten „massiv“ zugenommen, so Klaus Wenzel: „Der Leistungsdruck, dem die Schulen unterworfen sind, führt viele an die Grenze ihrer persönlichen Belastbarkeit“. Viele Schüler griffen außerdem zu Medikamenten. Diese „beruhigen, verhelfen zu mehr Konzentration oder halten wach. Diese Entwicklung hat mit einem gesunden Lern- und Leistungsverständnis nichts mehr zu tun. Sie ist gefährlich und kontraproduktiv. Bei vielen jungen Menschen sind Folgeerkrankungen programmiert.“, kritisiert Klaus Wenzel..

Der BLLV-Präsident rät dem bayrischen Kultusministerium , diese wissenschaftlichen Befunde ernst zu nehmen und angemessen darauf zu reagieren. Auch Lehrer seien betroffen und müßten entlastet werden.

Wenzel nennt in dem Bericht Gründe für die Belastungen. Die Lehrpläne seien nicht entrümpelt worden, es gebe eine zu hohe Prüfungs-Dichte, alles sei zu sehr auf Noten und Punkte ausgerichtet. Hinzu komme, so Wenzel, die „ständige Verwaltung des Mangels…An allen Ecken und Enden fehlt das Personal. Vertretungen und Überstunden sind an der Tagesordnung“:  Probleme, die vielen Schülern, Eltern und Lehrern an Hamburger Schulen nur allzu bekannt sind.

Hier sieht der BLLV Präsident auch einen Zusammenhang mit dem hohen Stundenausfall, der derzeit auch viele Schulen in Hamburg belastet: „Dass an den Gymnasien erschöpfte Lehrkräfte auf ebenso erschöpfte Schüler treffen, sei ein Skandal. Mehrmals wöchentlich müsse Unterricht ausfallen, den Schülern fehle inzwischen die notwendige Kontinuität, weil für langfristige Vertretungen kein Personal zur Verfügung stehe“.

Ein Problem ist für Klaus Wenzel ferner, dass sich „viele Gymnasiasten und Lehrer den ganzen Tag über in ihrer Schule aufhielten“. Die Stundenpläne in der Oberstufe seien so zerrissen, dass Schüler lange Wartezeiten zwischen Unterrichtsstunden in der Schule überbrücken müssten.“ Das Gymnasium sei faktisch ein Ganztagsbetrieb, dem allerdings die entsprechende Ausstattung an Räumen, Freizeit-Angeboten, Förderung, und Personal fehle. Ganztags-Schulen kosteten aber viel Geld, und erforderten auch entsprechendes Personal.

Eine Kritik, die bis ins Details auf die Situation der Hamburger G8 Gymnasien zutrifft. Seit der Verkürzung der Schulzeit vor 9 Jahren und der Umwandlung aller Gymnasien in Hamburg in offene Ganztagsschulen fehlt an vielen Gymnasien immer noch an eine angemessene Ausstattung, fehlen Räume, Kantinen, Personal. Und es gibt in Hamburg  auch immer noch keine Wahlfreiheit zwischen G8 und G9, die seit 9 Jahren immer wieder von vielen Schülern und Eltern gefordert wurde, die das G8 und die Ganztagsschule für ihre Kinder ablehnen. Gymnasien, die diese Wahlfreiheit anbieten, wurden in Schleswig Holstein und jetzt auch in Baden-Würthemberg auf Druck der Eltern geschaffen.

Ab 2014 soll nun in Hamburgs Schulen das Zentralabitur in allen Fächern für Gymnasien und Stadtteilschulen eingeführt werden. Die Abi-Klausuren sollen dann zeitlich verschoben werden, von Januar/Februar auf April/ Mai. Und am 8. März, wenn Hamburgs Schulsenator als neuer Kultusminister zum ersten Mal eine KMK Konferenz leitet, soll es einen Zeitplan für die Einführung eines zentralen „Bundes-Abiturs“  mehrerer Bundesländer geben, mit denselben Aufgaben in Deutsch, Englisch und Mathematik für Abiturienten in Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Bayern. Auch das Zentralabitur soll dann im Jahr 2014 eingeführt werden.

Eine Entlastung von Schülern, Lehrern und Eltern durch eine gleichzeitige Entschleunigung des G8 Gymnasiums oder durch Einführung der Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 an Hamburgs Gymnasien ist aber nicht in Sicht. Wie das Beispiel Bayern zeigt, gilt allerdings auch für Hamburgs Schulsenator der Rat des Bayrischen Lehrerverbandes: Die wissenschaftlichen Befunde über die gesundheitlichen Schäden für die Schüler und Schülerinnen durch den hohen Leistungsdruck in Verbindung mit dem G8 Tempo müssen ernst genommen werden.

Schüler bräuchten Unterstützung, erklärt Klaus Wenzel. „Bleibt sie aus, gefährdet die andauernde Belastung ihre Gesundheit.“ Mit Beschwichtigungen seien die massiven Probleme jedenfalls nicht mehr zu lösen, so die Mahnung des Präsidenten des Bayrischen Lehrerverbandes.

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2 Antworten to “„SCHLUSS MIT LUSTIG“ – Ties Rabe will Zentralabi nach höheren bayrischen Maß: doch Leistungsdruck gekoppelt mit G8 Turbotempo macht bayrische Schüler krank”

  1. Christian März 1, 2012 um 9:16 am #

    Schön, dass das G8-Abitur überhaupt nochmal in Frage gestellt wird. Die neoliberale Idee (möglichst schnell in die Produktion, Bildung vor allem als Ressource für Unternehmen) hölt die Idee von Bildung aus.
    Wenn es ein Zentralabitur für Hamburg geben soll, muss der Grundstein dafür in den unteren Klassen gelegt werden.
    Ob das bayrische Niveau und dessen Folgen wünschenswert sind, halte ich für fraglich (mit bís zu 3 Stunden Hausaufgaben täglich bereits in der Grundschule – unter Einbindung eines Elternteils, zumal dies die Erwerbstätigkeit – zumeist von Müttern- erschwert).
    Es wären andere Maßnahmen wünschenswert: Wenn Hamburg bessere Leistungen in Naturwissenschaften wünscht, müssten diese Fächer auch durchgängig unterrichtet werden .

  2. Sven Garber März 1, 2012 um 9:39 am #

    Irre ist ja, dass wir nur mit Bildung / gut ausgebildeten Fachkräften eine Chance haben in Deutschland. Aber genau die werden nicht ausgebildet. Oder es ist eine ganze zynische Sicht: Egal, wie krank die Jugendlichen sind und wie wenig sie über Geschichte und Literatur wissen, Hauptsache sie funktionieren von 18-45, danach werden sie dann in die Arbeitslosigkeit oder Frührente entlassen, die Kosten trägt die Allgemeinheit…. Und dei Politiker, die das alles verantworten, sind längst in Rente, wenn die Folgen ihres (Nicht-)Tuns bemerkbar werden.

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