Elternprotest gegen die Ganztags-Schulreform: Bericht vom vierten Vernetzungstreffen von Hamburger Hort- und Grundschuleltern

8 Jan

Das vierte Vernetzungstreffen von Hamburger Hort – und Grundschuleltern am 5. Januar verlief etwas anders: Zum einen fand es in der letzten Woche der Weihnachtsferien statt, zum anderen waren neben einer Journalistin des NDR zwei Politikerinnen der GAL erschienen, Stefanie von Berg und Christiane Blomecke. Diese erläuterten den Eltern noch einmal ausführlich die Standpunkte der GAL zur SPD Ganztags-Schulreform. Standpunkte, wie sie in den Medien und aus dem Bürgerschaftsantrag der GAL am Tag zuvor bekannt geworden waren. Dazu zählt die Ablehnung von zwei zentralen Forderungen der Netzwerkeltern: Die Entschleunigung der Reform und die Forderung nach mehr Flexibilität bei den Abholzeiten am Nachmittag.  (Kirschsblog hat darüber am 3. Januar ausführlich berichtet.)

Insbesondere letzteres löste bei den Eltern heftige Diskussionen aus.  An ihrer Schule, so berichtet eine Vertreterin der Modellschule Schimmelmannstraße, sei die Flexibilität gar kein Problem. Die Sekretärin bekomme in ihrem „Headset“ täglich Anrufe von Eltern, so komme eine Liste mit Abholzeiten zusammen, für die Kinder, die zu unterschiedlichen Zeiten abgeholt würden. Es gebe zwar vorher festegelegte Abholzeiten, zumeist drei Tage bis 15 Uhr, dies würde aber oft noch in letzter Minute geändert. Eltern hätten auch das Recht dazu, dies selbst zu bestimmen. „Das klappt wie eine eins“. EinVater ergänzte, eine Umfrage an ihrer Schule habe ergeben, dss 95 Porzent der Eltern Betreuung für einen Tag wünschten, rund 80 Prozent für zwei Tage, und nur rund 50 Prozent an drei Tagen. Flexible Abholzeiten, so lautet im Gegensatz zur GAL die übereinstimmende Forderung der Eltern, das wurde bei diesem Treffen noch einmal klar.

Wie auch an vorherigen Netzwerktreffen gab es auch diesmal Kritik von Eltern an der Reform, ihren Rahmenbedingungen, der fehlenden Flexibilität, und baulichen Problemen. Die Eltern der Modellschule Schimmelmannstraße machten aber auch deutlich, dass an ihrer Schule nach monatelanger Vorarbeit von Schulleitung, Lehrern und Eltern die Nachmittagsbetreuung, also GBS, gut angelaufen sei. Allerdings hat der Elternrat der Schule in einem Offenen Brief am 4. Januar ebenso deutlich auf Probleme bei der GBS Umsetzung hingewiesen. Der  Brief enthält eine Liste mit Mängeln, die nicht regional sondern strukturell bedingt seien, darunter das undurchsichtige Gebührensystem, fehlende Küchen für die Essensversorgung, fehlende Spezialräume, win Mangel an Fachpersonal und dringend nötige bauliche Nachbesserungen, etc..

Die Vorraussetzung für den guten Start von GBS an dieser Modellschule , das wurde nach den Berichten der Elternvertreter klar, war ein monatelanger halbtägiger Einsatz der Eltern, die ehrenamtlich in Steuerungsgruppen die Vorausetzungen für die GBS geschafft hätten, Details geklärt, mit Schulleitungen, Lehrern, Beratern und einem Architekten der Behörde verhandelt, Träger für die Nachmittagsbetreuung ausgesucht hatten, etc. Einen derartigen Einsatz von Eltern, das machten andere Eltern an diesem Treffen klar, können aber wohl nur wenige Elternschaften von Grundschulen in dieser Form leisten.

 „Wenn ich ein neues System schaffe, muß es auch ohne Eltern funktionieren, und nicht vom Elternengagement abhängen“, erklärte eine Mutter. 

Mehrere Eltern verwiesen noch einmal auf erhebliche Mängel bei der baulichen Ausstattung der Schulen für den Ganztagsbetrieb hin. Pro Gruppe würden zwei Räume benötigt, so eine Mutter, eine anderer Mutter verwies auf einen erheblichen Ausbaubedarf an ihrer Schule. „Bei uns fehlt ein Fahrstuhl“, behinderte Kinder müssten in den wenigen Räumen im Erdgeschoss bleiben, erklärte eine weitere Mutter. Diskutiert wurde schließliche die Frage der Entschleunigung der Ganztags-Schulreform. Eine Mutter, die sich zunächst sogar für eine Beschleunigung der Reform ausgesprochen hatte, stimmte angesichts der Schilderungen der anderen Eltern schließlich zu, dass dies angesichts der Mängel bei der Ausstattung und angesichts der fehlenden baulichen Voraussetzungen,  nicht möglich sei. Statt die Reform überall gleichzeitig´und flächendeckend bis zum Schuljahr 2013/14 durchzuführen, sei es wichtig, schrittweise die Vorausetzungen für gute Qualität an den Schulen zu schaffen, und parallel die derzeitigen Halbtagsschulen und Hortangebote zu erhalten, das war am Ende das Resumee für viele Eltern.

Die GAL Politikerinnen waren mittlerweile gegangen, die Zeit für einen offenen Austausch zwischen den Eltern war knapp. Die Eltern nutzten sie, um u.a. mit den Erfahrungen der Schule Schimmelmannstraße eine Liste mit Gelingensbedingungen für GBS zusammenzustellen. Zusammengetragen wurden Punkte wie der zusätzliche Fachkräftebedarf, ein Konzept, das auch die Teambildung von Lehrern und Erziehern und von Vormittag und Nachmittag umfaßt, ein Mitbestimmungsrecht von Eltern, die in Steuerungsgruppen, bei Planung und  Umsetzung mitwirken, die Erfassung von Standards,die an Horten gelten, um die Standards für die Betreuung in den Schulen GBS festzulegen, der nötige Ausbau der Schulen über den im Schulentwicklunggsetz vorgesehenen Rahmen hinaus, usw. Wie und mit welchen Aktionen es weitergeht, diskutieren die Netzwerker intern weiter.  Hier der Link zum Offenen Brief  des Elternrates der Schule Schimmelmanstraße:

http://elternrat-schule-schimmelmannstrasse.hamburg.de/index.php/article/detail/428

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Eine Antwort to “Elternprotest gegen die Ganztags-Schulreform: Bericht vom vierten Vernetzungstreffen von Hamburger Hort- und Grundschuleltern”

  1. Elisabeth Jalbert Januar 9, 2012 um 10:10 am #

    Liebe Eltern,
    eure Argumente für flexible Abholzeiten beeindrucken die Politiker deshalb nicht, weil es Kern der Idee ist, die Eltern als Einfluß weitgehend auszuschalten und alle Kinder gemeinsam auch nachmittags in der Schule zu „kasernieren“. Die Nachmittags-Kurse sollen ausgelastet und dadurch finanzierbar werden. Gerade auch die „guten“ Schüler sollen in der Schule gehalten werden.
    Vielleicht ist es vielen noch nicht klar, aber die Schulpolitik strebt an, den gesamten Freizeitbereich incl. Sport, Musik und Nachhilfe zu schlucken und gleich zu schalten.
    Ich (Instrumentallehrerin) werde davon in meiner Existenz bedroht. Eltern sollten sich klar machen, dass professioneller Instrumentalunterricht o. Ä. nicht mehr stattfinden kann, wenn Kinder erst nach 16:00 Uhr dafür Zeit haben.
    Chaotischer Massenaufbewahrungsunterricht, wie in der Ganztagsschule geplant, ist kein Ersatz für Einzel- oder Kleingruppenstunden, nicht nur im Bereich Musik.
    Ganztagsschule als Angebot oder auf Anordnung bei auftretenden Schwierigkeiten? Wunderbar!
    Ganztagsschule als Zwang für alle ? Nein Danke !

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