Ferienlesetip: Verstehen und Entschleunigung, statt immer mehr Wissen in immer kürzerer Zeit: Verfassungsrichter fordert Umlenken im deutschen Bildungssystem

3 Jan

In der langen Neujahrspause vom Hamburger Schulalltag, von neuem Reformchaos, neuen Druck und neuen Elternprotesten, bietet eine spannende Grundsatzkritik am deutschen Bildungssystem durch den Verfassungsrichter und Professor für Verwaltungsrecht an der Universtiät Freiburg, Professor Johannes Masing,  Gelegenheit, wieder einmal frei von Hamburger Besonderheiten über Fragen von  Wissen, Verstehen, Bildung, Bildungssystem und Reformen  in Deutschland nachzudenken:

In der Bildung gehe es in Deutschland viel zu sehr um Wissen, doch viel wichtiger sei das VerstehenDas deutsche  Bildungssystem  müsse deshalb „tiefgreifend reformiert“ werden, aber in eine völlig entgegengesetzte Richtung als bisher, das hat Verfassungsrichter Professor Johannes Masing zum Jahreswechsel in einer Grundsatzkritik in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gefordert. Das Verstehen, so erklärt er, habe zentrale Bedeutung als notwendiges Fundament für eine entwickelte Demokratie und als Grundlage dafür, dass „die Bürger über Recht und Politik gleichberechtigt selbst bestimmen“.

Die jüngsten Reformen von Schulen und Hochschulen seien auf einem „Irrweg“, erklärt Professor Mansing. Bildung dürfe nicht auf eine Anhäufung und reine Vermittlung von Wissen verkürzt werden, es gehe auch nicht um ökonomische Nützlichkeitserwägungen. Viel zu kurz komme vielmehr das Erfassen von Zusammenhängen, Kritik und Selbstreflexion, „kurz, das Verstehen“ .  Genau da liegt für Professor Masing der entscheidende Fehler des deutschen Bildungssystems und ebenso der Reformen der letzten Jahre. Das Verstehen bleibe in diesem Bildungssystem auf der Strecke, so die Kritik des Verfassungsrichters.  Verstehen komplexer Zusammenhänge, so Professor Mansing,  entstehe in einem geistigen Klima, in dem Fragen gedeihen, „Verstehen ist nur möglich im Abstand vom Gewußten“, so seine Kritik.

Stattdessen habe man in den letzten Jahren allein auf vermeintlich effektivere  Wissensvermittlung gesetzt , „zusammengepreßt in kürzester Zeit“: „Einschulung möglichst schon mit fünf Jahren, nach zwölf Jahren Abitur und nach drei weiteren Jahren Bachelor“.   Dieses Modell verschließe Freiräume, unter Berufung auf Annäherung würden so „so die europäisuchen Bildungssysteme nach unten nivelliert“.

Beispiel: Die Umstellung des neun- auf das achtjährige Gymnasiun:  Die Schule verdichte „ihr Programm auf bis zu 38 Stunden gleichförmigen Unterrichts im Klassenverband, verbunden mit Freistunden und Mittagspausen, die schon mangels geeigneter Räume und vor allem wegen fehlender Ansprechpartner oft tote Zeit sind. Eigeninitiative wird erstickt“.  Die „zeitliche Verdichtung des praktisch unveränderten Lehrplans“ reduziere das Lernen „auf ein quantitifizierbares Problem der Wissensaneignung.“  Auslandsaufenthalte würden so zur effizienzmindernden Belastung. Privates Engagement, Zusatzangebote und Vertiefung, Chor, Theater, Sport, Geschichte könnten von Schülern kaum noch wahrgenommen werden.

Ähnliches gelte auch für das das im Bologna-Prozess eingeführte Bachelor Modell, das einheitliche Punktesystem, und das von  „austauschbaren Modulen“ beherrschte Studium. Dies setze das „Zweckdenken der Vorabitursjahre“ fort. Es sei zu einem reinen Lernbetrieb für spezielles Wissen reduziert, der die „Freiheit des Geistes  nicht nachfolgt“, keinen Platz für Sonderwegen, Doppelstudium, oder Studium Generale  ließe,und selbst Auslandsstudien erschwere. Auch Nicht – Bachelor Studiengänge wie Jura seien von diesem „Geist“ angesteckt und selbst das Masterstudium sei oft zu kurz für eine „exzellente“ Ausbildung. Statt Wissen zu vertiefen, käme es oft nur zu einer weiterer Spezialisierung. Dieser von ihm  beschreibene Wechsel des „Verständnisses akademischer Ausbildung“ diene vor allem der Steigerung der Studentenquote, das Studium werde zur „berufsvorbereitenden  Massenausbildung“.

Darüber hinaus sei das Verstehen aber auch durch das Internet und die massive Zunahme an Wissen und Informationen keineswegs leichter geworden, Vielmehr sei es noch schwerer, die Masse an Informationen durch “ individuell gedankliche Verarbeitung“  fruchtbar zu machen. Doch „das Maß, in dem die Öffentlichkeit komplexere Zusammenhänge versteht, entscheidet darüber, welche Fragen ein Gemeinwesen noch erörtern  und anspruchsvoll entscheiden kann“, erklärt Professor Mansing. Verstehen sei die Grundlage für die Urteilsfähigkeit der Bürger, für die Offenheit für Argumentation, Kompromisse, Achtung der anderen, usw., kurz, für die  „Voraussetzungen für Demokratie“.  Außerdem sei „vielleicht nicht viel gemeinsames Wissen erforderlich“, wohl aber ein „gemeinsames Verstehen“, aus dem sich Entfaltungschancen für jeden ergeben, für Unterpreviligierte, auch mit Migrationshintergrund, und damit die Grundlage für den sozialen Zusammenhalt.

Um das Ziel, mehr Verstehen statt Wissen, zu erreichen, ruft Professor Masing in seiner Kritik am derzeitigen  deutschen Bildungssystem zu einem geradezu revolutionäres Umdenken  auf. Statt auf immer mehr Beschleunigung, Verdichtung und Anhäufung von Einzelwissen zu setzen, fordert er für alle Ebenen des Bildungssystems das glatte Gegenteil:

„Freiräume, Entschleunigung und Flexibilität ….Nur diese ermöglichen den Schritt vom Wissen zum Verstehen, zu Kritikfähigkeit, Eigenintitiative und Innovation – und nur dies führt zu innerem Reichtum, aus dem heraus erst Antriebs- und Bindungskräfte erwachsen“.

In Schule und Universität sollte es eine differenzierte und persönliche Förderung geben, „in der Zusatztaktivitäten honoriert und durch die Gewährung von Zeit gefördert werden“. Entschleunigung und mehr Zeit zur Vertiefung, das fordert er auch für die Begabten – Förderung.

Ausbildungszeiten würden auf diese Weise hier und da verlängert,  so Professor Masing, aber, so fragt er,  warum sollte man angesichts einer immer „anspruchsvolleren Lebenswelt und zunehmender Lebenszeit“ die akademische Ausbildung um Jahre verkürzen, warum sollte der Berufsalltag mit 23 Jahren beginnen?

 

Quelle: Wissen und Verstehen, von Professor Dr. Johannes Masing, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29. 12.2011, S. 7

Hier der Link zum Artikel, für 1 Euro kostenpflichtig im FAZ Archiv nachzulesen: http://www.seiten.faz-archiv.de/faz/20111229/fd1201112293329180.html

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