Ganztagsschul – Reform: Die Probleme der Pilotschulen und was man daraus lernen kann: Eine Befragung von Eltern für Eltern

12 Dez

Probleme mit dem Mittagessen, mit Lärm, Räumen, Freizeit, Kursen, Hausaufgabenbetreuung – fast an allen 29 Grundschulen in Hamburg, die seit August 2010 schon in GBS, offene oder gebundene Ganztagsschulen umgewandelt worden seien, gebe es Probleme dieser Art. So am Freitag der Landeselternausschuss   Kindertagesbetreuung, LEA. In seiner Stellungnahme zur Ganztags – Schulreform von Schulsenator Rabe hat der LEA u.a. die fehlende Evaluation und Auswertung der schon gestarteten Pilot und Modell – Ganztagschulen durch die Schulbehörde heftig kritisiert. Vertreter der Hort – Elterninitiative „Peter und Paula“ machten gestern deshalb noch einmal auf eine Liste mit teils erheblichen Mängeln und Problemen aufmerksam, die eine Befragung von Eltern und Mitarbeitern der ersten „Pilotschulen“ durch LEA, Elternintiative und das Hamburger Hortbündnis im Frühjahr ergeben hatte.

Sieben Pilotschulen Hamburg haben schon im August 2010 mit der Nachmittagsbetreuung von Schulkindern in Schulen statt Horten im Rahmen der „ganztägigen Bildung und Betreuung , GBS“. begonnen. 21 weitere Modellschulen wurden in diesem Schuljahr in offene oder gebundene Ganztagsschulen ungewandelt. Wertvolle Probeläuf, so meinen viele Eltern, für die Ganztags-Schulreform des Hamburger Schulsenator. Aus diesen Erfahrungen der Vorreiterschulen könnten die Schulen, denen die Umwandlung in Ganztagsschule jetzt bevorsteht,  viel lernen und Fehler vermeiden. Denn Schulsenator Ties Rabe erwartet schon bis Ende Dezember, spätestens März, von den Hamburger Grundschulen Entscheidungen darüber, in welches von vier Ganztagsmodellen sie sich umwandeln wollen. Alle sollen spätestens bis zum Schuljahr 2013/14 Ganztagsschule sein. Doch die Erfahrungen der bisherigen Pilot- und Modellschulen, auf die die Eltern und Schulen ihre Entscheidungen stützen und aus denen sie  lernen könnten,  liegen ihnen nicht vor.

Es habe lediglig eine Auswertung per Fragebogen gegeben, deren Ergebnisse aber nicht bekannt gegeben worden seien. Eine richtige Evaluation von GBS und anderen Ganztags-Formen sei überhaupt nicht vorgesehen, so heißt es in der Stellungnahme des LEA. Diese sei aber  als „Erfahrungspool für die folgenden Ganztags-Schulen unerläßlich…Da eine Überprüfung nicht erfolgen soll, muss daraus geschlossen werden, dass es tatsächlich nicht um die Verbesserung der Betreuung und Bildung geht, sondern in erster Linie darum, eine größere Zahl von Kindern in eine Betreuung zu bekommen“, schlussfolgert der LEA.

In Ermangelung einer offiziellen Evaluation durch die Behörde habe  das Hortbündis, der LEA und die Elterninitiative „Peter und Paula“ im April 2011 selber bei mehreren Treffen die Eltern und Beschäftigten der Pilotschulen nach ihren Erfahrungen befragt, sowie nach den „Gelingensbedingungen“ für die Nachmittagsbetreuung der Schulkinder (GBS)  in der Schule. Das erklärte jetzt ein Vater von „Peter und Paula“. Die Befragung sei bei den Verantwortlichen in Politik und Behörde allerdings nicht auf Interesse gestoßen, ergänzte er, „denn wenn man es anerkennt und wahrnimmt, wäre man ja in der Pflicht etwas zu verbessern.“ 

Die Fragen nach den Erfahrungen der Pilotschulen ergaben eine ausführliche Liste mit Problemen und Verbesserungswünschen  von Eltern und Mitarbeitern dieser Vorreiterschulen.

Sie umfaßt die Punkte: Konzept, Personal, Raum, Betreuungszeiten, Essen und Verpflegung, und ist eine wertvolle Orientierung und „Checkliste“ für die Eltern und Beschäftigten der Grundschulen, die im nächsten und übernächsten Jahr Ganztagsschulen werden sollen. Für alle betroffenen Eltern veröffentlicht deshalb Kirschsblog hier die Liste:

Der Text, so der Vertreter von „Peter und Paula“ sei damals „bewusst konstruktiv“, also sehr freundlich formuliert worden.  Die Bezeichnung „kritisch“ könne man „getrost als „hier läuft es katastrophal“ und „hilfreich“ mit „so MUSS es gemacht werden“ übersetzen.  

Pädagogisches Konzept

 

kritisch : Gruppenzusammenstellung nicht nachvollziehbar

Klassengemeinschaft wird getrennt

Hausaufgabenbegleitung z.T. unbefriedigend (z.B nur 1 Erzieherin)

Pädagogisches Konzept nicht erkennbar

Keine Projektarbeit der Erzieherinnen mehr

zuerst kaum Freispiel möglich

Kinder dürfen nicht allein auf den Schulhof / Flur

Kaum situativ  gestaltete Pädagogik, wenig Angebote

Kinder langweilen sich, dadurch verstärkt Konflikte und Disziplinierungsprobleme

Strafe als Disziplinierungsmaßnahme (im Sekretariat sitzen)

Viel nach Schema F, wenig Flexibilität

Oder zu offenes Konzept, zu viel Wechsel

häufiger Kursausfall durch Urlaub oder Kündigungen

Kurse können nicht nach individueller Neigung belegt werden (z.B. überfüllt oder nicht angeboten)

Angebote kosten extra (z.B. Jugendmusikschule)

hilfreich: Gruppenbezug

Klassenverband bleibt erhalten

Zuordnung der Kinder zu Bezugserzieherin

Konzeptionelle Vorgabe: regelmäßiger Kontakt Bezugserzieherin óKind

Bezugspersonen sind verfügbar (Grundvoraussetzung für pädagogische Arbeit)

Auf Kursangebote zugunsten von frei gestalteter Zeit  verzichten

Gute Struktur für den Tagesablauf mit geplanter Hausaufgabenzeit

Wunsch der Eltern: Betreuung ist Freizeit und keine verlängerte Schulzeit!

Personaleinsatz

 

kritisch: durchweg zu geringe Ressourcen für die personelle Ausstattung

Erzieherin-Kind-Schlüssel im Mittel 1:23 oft höher (z.B. 1:28)

Bei Krankheit einer Erzieherin werden Kinder aufgeteilt ( dann 1:30)

Wenn ein Kind sich verletzt, sind die anderen ohne Aufsicht

mangelnde Qualifikation: Tagesmütter als Erzieherinnen tätig

Arbeitsbedingungen unattraktiv ( 15 Stunden für Erzieherinnen; geringe Honorare für Kursleiter)

Mangelnde Beziehungsstabilität:

Hohe Personalfluktuation bei Leitung, Erzieherinnen, Honorarkräften

Zu viel Kurssystem, zu wenig kontinuierlicher Kontakt zu Bezugsperson

Personalwechsel in Randbetreuung

 

hilfreich: ausgebildete Hort-Erzieher(innen)

zusätzlich: studentische Hilfskräfte oder Ehrenamtliche (Notlösung)

höherer Beschäftigungsumfang z.B. bei Angliederung an eine Kita möglich

Erzieherin der Ganztagsbetreuung betreut auch in der Randbetreuung 

 

Raumgestaltung

 

kritisch: mangelnde Ausstattung (Honorarkräfte nutzen persönliches Material)

Keine flexible Nutzung / Gestaltung möglich

Keine gemütliche Atmosphäre, öder Raum

‚Raum als dritter Pädagoge’ kann nicht wirken: erhöhte Unruhe

keine Rückzugsmöglichkeit für Erholung und Entspannung

Möbel / Spiele / Einrichtung des Klassenzimmers werden zerstört

hilfreich: eigene Räume für die Betreuung

Bei Nutzung von Klassenräumen:

Anschaffung von Mobiliar, das leicht zu bewegen ist

abschließbarer Schrank für die Erzieherin

Nebenraum mit Teppich

Fächer und Ablagen für Kinder der Nachmittagsbetreuung

Betreuungszeiten

 

kritisch: verpflichtende Betreuung an mindestens 3 Tagen bis 16 Uhr.

Kinder können ihre Freizeit nicht mehr individuell gestalten

hilfreich: 2 Abholzeiten: 14.30 und 16 Uhr

oder immer zur vollen Stunde

Wunsch der Eltern: flexible Betreuungszeiten

 

Randbetreuung

kritisch: Finanzierung reicht nicht:

Betreuung vor 8.00 Uhr findet z.B. an 1 Schule nicht statt weil zu wenig Kinder

Betreuung nur möglich durch Querfinanzierung der Träger

Individuallösungen: Mitbetreuung in der Kita, Honorartätigkeit Vorschullehrerin

 

Ferienbetreuung

kritisch: Kosten für Ausflüge zwischen 1.50 – 3 €

Personalschlüssel ermöglicht z.T. keine Ausflüge oder Projekte

Ferienprogramm z.T. nicht altersgerecht und langweilig (Laterne Basteln)

(Zitat einer Mutter: ‚katastrophal’)

Betreuungsbedarf muss 1 Jahr im Voraus angemeldet werden

hilfreich: Ausflüge statt Aufenthalt in der Schule

Einige Eltern haben sich eigene Ferienbetreuungen organisiert.

 

Essen / Verpflegung

Kosten zwischen 2,90 € und 3,50 €

Essen in der Aula, Containern oder Multifunktionsräumen

Essensqualität z.T. gut z.T. kritisch

kritisch: unzureichender Etat für die Organisation der Essensverteilung

Essen in mehreren Schichten (Standzeit des Essens: bis zu 2 Stunden)

Keine Versorgung nach dem Mittagessen oder

von Eltern bezahltes Obst am Nachmittag

hilfreich: Ökotrophologin

              eigen Küche des Trägers

 

Zusammenarbeit Lehrerinnen / Erzieherinnen

 

kritisch: mangelnder Austausch zwischen Lehrerinnen und Erzieherinnen

Kinder fungieren als Info-Boten

Erzieherin nicht an Elterngespräch beteiligt

hilfreich: Prozessentwicklung in Kooperation von Schule / Träger / Eltern

regelmäßiger Austausch Lehrerinnen ó Erzieherinnen

 

Einbeziehung von  Eltern

 

kritisch: Einschränkung der individuellen Wahlfreiheit

keine individuelle Nachmittagsgestaltung mehr möglich (Geburtstage, Verabredungen mit Freunden oder Verwandten, Hobbys jenseits des Kurssystems…)

keine Einbeziehung in der Vorlaufphase

Eltern erhalten von der Schule kaum Informationen

 

hilfreich: Sprechzeiten für Eltern (15.45 – 16.00 Uhr)

und zusätzliche Terminvergaben

regelmäßige Beteiligung an der Konzeptentwicklung im Vorwege

GBS-Elternvertreter im Schul-Elternrat


 

 Drittes GBS-Vernetzungstreffen

 

am Montag, den 12.12.2011 um 19.30 Uhr

im Sitzungssaal M / Schulbehörde (Hamburger Straße 41 III. Stock, Zugang über EKZ Hamburger Meile / Hamburger Straße)

 

Der Raum wird ausgeschildert sein.


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