Ganztagsschul-Experte: „Käfighaltung“ oder „Wenn man Ganztagsschule nur in Klassenräumen organisiert, wird es nichts werden“

8 Dez

Ganztagsschule könne „einzelne Kinder besser und gezielter fördern“, dort könnten sie „ihre Talente besonders gut entwickeln“, so wirbt die Hamburger Schulbehörde auf ihrer Homepage für Schulsenator Rabes großes Ziel, die Umwandlung der Hamburger Schulen in Ganztagsschulen. Bei den Grundschulen soll es jetzt ganz schnell gehen. Noch drei Wochen haben sie Zeit, sich zwischen vier Ganztagsformen zu entscheiden, um im nächsten Jahr die Vorzüge von Ganztagsschule zu genießen (Nachzügler müssen sich bis März für 2013 anmelden). Die Behörde nennt viele Vorzüge von Ganztagsschule: „Angebote…in Sport, Musik, Werken, Kunst, Theater“, „erledigte  Hausaufgaben“ und ein „warmes Mittagessen“. Neben Lehrern würden außerdem Sozialpädagogen, Erzieher und „weitere pädagogische Fachkräfte“ an der Ganztagsschule tätig

Das klingt sehr schön. Nur hat die Ganztagsschule des Hamburger Schulsenators nicht nur aus Sicht vieler besorgter Hamburger Eltern mehrere Haken:

Seit zwei Tagen kursiert ein internes  Papier von Schulsenator und Behörde durch die Mailverteiler von Eltern und Piratenpartei, das gestern durch CDU Fraktionsmitglied Walter Scheuerl öffentlich bekannt wurde. Das Papier, das den trockenen Namen „Musterflächenprogramm“ trägt, enthält brisante Informationen für die Eltern, die sich in diesen Wochen überrumpelt fühlen: Von der Abschaffung der Horte, der Umwandlung ihrer Grundschulen in Ganztagsschulen, von mangelhaften Informationen und vom Tempo der Ganztags-Schulreform des Schulsenators. In dem Papier geht um die Planung von schulischen Neu- und Umbauten in Hamburg –  für die kommenden Jahre, falls dann Geld vorhanden ist. Der Protest der Eltern gegen die Schulreform erhält mit diesem Papier neue Nahrung.

Denn darin heißt es mit Blick auf Räume und Flächen der künftigen Ganztagsgrundschulen: „Ihre Bedarfe stimmen mit denen von Halbtagsschulen weitgehend überein“. Für die die Umwandlung der Grundschulen in Ganztagsschulen, seien sie gebunden, offen oder Ganztägige Bildung und Betreuung (GBS), bedeutet das: Sie bekommen keine Räume hinzu, abgesehen von Essplätzen, sowie Verteiler- und Abwaschküchen. Schulen und Kinder der künftigen Ganztagsschulen müssen sich mit „multifunktionale Nutzungen sowohl von Unterrichtsräumen als auch von Gemeinschaftsflächen.“ begnügen. Für das Essen sind Kantinen mit Essplätzen von je 1,5 Quadratmetern pro Kind. Darin soll künftig in drei Schichten gegessen werden. Und auch dieser Raum soll außerhalb der Esszeiten „multifunktonal“ genutzt werden,  als Aufenthaltsort, für Spiel, Arbeitsplatz. Allerdings – viel Zeit bleibt dafür nach drei Schichten Essenszeit, zusammen wohl rund 2 Stunden, nicht.

Das ist, abgesehen von der Abschaffung von Horten, flexiblen Abholzeiten und der Sorge vor einer Zwangsganztagsschule für alle,  für die protestierenden Eltern ein Riesenhaken. Und nicht nur für sie. Denn die schön klingenden Versprechen, mit denen Schulsenator und Behörde für die Ganztagsschule werben, sind auch aus Sicht von Wissenschaftlern und Pädagogen mit dieser „kostenneutralen“ Ausstattung nicht zu halten.

 Eine der umfangreichsten deutschen Untersuchungen über die Wirkungen von Ganztagsschulen, ist die „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“ , STEG,  aus den Jahren 2005 bis 2009. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter von STEG faßt Dr. Ivo Züchner die Ergebnisse der Ganztagsstudie so zusammen:

„Bei den Schulleistungen zeigen sich nur geringe Effekte Auch wenn viele Schulen ihr Ganztagsangebot stark ausgebaut haben, so scheint die Frage nach der Qualität der Förderung noch ein Knackpunkt in der Ganztagsschulentwicklung darzustellen….. Ganztägige Beschulung alleine scheint nicht per se die Schulleistungen zu verbessern.

Etwas deutlicher zeichnen sich … positive Effekte des Ganztagsschulbesuchs auf das Sozialverhalten und soziale Kompetenzen ab. In der Tendenz entwickeln sich Verhalten und Einstellungen der Ganztagsschülerinnen und -schüler positiver als bei Halbtagsschülerinnen und -schülernhttp://www.dji.de/bulletin/DJIB_91.pdf, S. 6,

Allerdings gilt auch da: „Abgesehen von einzelnen Aspekten des Sozialverhaltens zeigt StEG: längere Schulöffnungszeiten alleine reichen …meist nicht aus, um spezifische Förderung zu leisten. Die Studie macht vielmehr deutlich, dass die Qualität der Schule und der Angebote einflussreich ist“. Dies gilt auch für „Lernmotivation und Schulfreude…Zentral ist… auch hier wieder die Qualität – der Angebote, des Unterrichts und der Schule im allgemeinen“ http://www.projekt-steg.de/files/pk101111/Ergebnisbroschuere_StEG_2010-11-11.pdf

 Qualität ist also das Schlüsselwort für die Wirkung von Ganztagsschule. Aber was heißt das?

In der vierstöckigen Bibliothek der Erziehungswissenschaften der Uni Hamburg finden sich gerade einmal rund 30 Bücher zum Stichwort Ganztagsschule – und noch weniger Informationen über die Bedingungen für qualitativ gute Ganztagsschule.  Erst eine ältere Ausgabe des mehrfach aufgelegten „Handbuch Ganztagsschule“  gibt in zwei Kapiteln konkret Auskunft. Sie stammen vom wohl bekanntesten deutschen „Ganztagsschulberater“  Stefan Appel. Der langjährige Direktor einer Ganztagsschule feierte im letzten Jahr sein 25jähriges Jubiläum als Vorsitzender des Ganztagsschulverbandes GGT e.v..

In einem Kapitel des Handbuches beschreibt er „ganztagsschulspezifische“ Voraussetzungen für Lehrkräfte und andere Mitarbeiterinnen, insgesamt eine Liste von 50 Kriterien. Es sind Begriffe wie Vorbildsbewusstsein, Belastungsfähigkeit und Erzieherkompetenz, die auch in eine veränderte Lehrer – Aus und Forbildung einfließen sollten. In einem Interview am 16. 11. dieses Jahres erklärte Appel, der Ganztagsschulverband plädiere für 30 Prozent mehr Personal an Ganztagsschulen gegenüber Halbtagsschulen,  darunter Lehrer, Sozialarbeiter, Erzieher, sowie Personal von Kooperationsleitern, zb. Übungsleiter aus Vereinen, Musiker und Künstler.

In einem zweiten Kapitel des Handbuches geht es um die räumlichen Voraussetzungen für Ganztagsschule. Über 70 Formen von Räumen für Ganztagsschulen werden da angeführt, darunter  Kleingruppenräume, Werkstätten für Holz oder Textilverarbeitung, Mensa, Cafeteria und Schülerkiosk für Verpflegung und Begegnung. Für den Rückzugsbereich sollte es demnach Nischen zum Alleinsein, sowie Ruheliegen für die Grundschule geben, dazu Sitzecken für Kleingruppen, ferner einen Medienbereich, offene Räume zum Nachlaufen, Toben, Verstecken, eine Spielothek mit Tischspielen, einen Bewegungspielbereich mit Tischtennis, sowie Sport und Lernbereiche, darunter einen Hausaufgabenraum und für jede Klasse einen Klassenraum. Dazu Außenanlagen mit Schulgarten, Tierhof, Malwände, Aktivspielplatz, Klettergerüste usw.

Nichts davon findet sich im kargen Musterflächenprogramm von Schulsenator Rabe und Schulbehörde Behörde wieder. Stattdessen antwortete die Serviceagentur „Ganztägig Lernen“ Hamburg im Landesinstitut für Lehrerbildung, die künftige Ganztagsschulen bei der bei der „Qualitätsentwicklung“ beraten soll,  auf die Frage nach den Raumanforderungen für Ganztagsschulen:

„Es gibt keine verbindlichen Vorgaben, welche Räume eine Ganztagsschule haben muss.“ Zwingend erforderlich sei „ ein vielfältiges Raumangebot bzw. eine multifunktionale Nutzung der Räume“. Benötigt werde auch ein  „Raum für Zubereitung und Einnahme von Essen.“ http://www.hamburg.ganztaegig-lernen.de/die-serviceagentur

Für Ganztagsschulberater Stefan Appel ist das aber zu wenig.  Zu seinem  25jährigen Jubiläum als Vorsitzender des Ganztagsschulverbandes GGT sagte er im März 2010

Allerdings ist es nicht möglich, eine Ganztagsschule zu betreiben, wenn das Gebäude als Halbtagsschule bereits komplett ausgelastet ist. Man kann Ganztagsschule mit geringen Mitteln und wenig Personal betreiben, aber dies hat deutliche Auswirkungen auf das pädagogische Konzept. Wenn man Ganztagsschule nur in Klassenräumen organisiert, wird es nichts werden.

Ich sage den Schulen in solchen Fällen: Ihr werdet Probleme bekommen und das wird zu massiver Unzufriedenheit führen. Im Prinzip gilt: Ganztagsschule braucht 30 Prozent mehr Personal. Wer das nicht umsetzt, versteht nicht viel von Ganztagsschule. So jemand denkt wahrscheinlich an ein angehängtes Modell – also Halbtagsschule mit Betreuungsmodul – oder an Großgruppenbetreuung oder an, zugespitzt ausgedrückt, Käfighaltung.“ http://www.ganztagsschulverband.de/

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