Protest gegen Ganztags-Schulreform: Das 2. Vernetzungstreffen Hamburger Eltern

30 Nov

Es ist alles noch viel schlimmer, als von vielen schon vermutet:  Zu ihrem 2. Vernetzungstreffen waren wieder Eltern und Elternvertretern von Schulen und Horten aus ganz Hamburg, gekommen, viele mehr, die es nicht schaffen konnten, hatten den protestierenden Eltern per Mail und Telefon ihre Unterstützung zugesagt. Was die Eltern an diesem Abend erschreckte  und entschlossen machte: Je mehr Details der Ganztags-Schulreform von Schulsenators Rabe klar werden, desto klarer wird auch das Ausmass der Zumutungen, das diese Reform für die Kinder bedeutet.

„Die Kinder gehen mit dem Essen zurück in den Klassenraum, mein Sohn sitzt dort den ganzen Tag an seinem Platz“, berichtet eine Mutter aus seiner Modellschule, die schon in diesem Jahr die „ganztägige Bildung und Betreuung eingeführt“, GBS, eingeführt hat.  Im Klassenraum sollen die Kinder spielen und ihre Hausaufgaben erledigen,  „beim Lärm und Durcheinander mit 23 Kindern hat mein Sohn noch nie seine Hausaufgaben gemacht“. Ein Versuch, das Ganze auf den Flur zu verlagern, sei gescheitert, dort sei es noch ungemütlicher und lauter gewesen.  

Die Kinder  würden wegen der Kapazitätsgrenzen der Küchen in Schichtdienst durch das Essen “ geschleust“. Pro Schicht hätten die Kinder hätten rund 20 Minuten Zeit zum Mittagessen, so eine andere Mutter.“Beschäftigungsräume, die wir hatten, wurden aus Platzmangel abgeschafft, es sind zu viele Kinder“, ergänzt die Mutter der Modellschule, sie denke jetzt daran, ihre Arbeit aufzugeben. Das überlegen auch andere Eltern der Runde.

 „Jedes Kind „tickt“  anders, viele Kinder brauchen Ruhe nach dem Essen , und Rückzugsmöglichkeiten, …auch mal Langeweile zum Nachdenken“, erklärt ein Vater, der von Beruf Erziehungsberater ist. „Bespaßung oder Spaßbildungspolitik bis 16 Uhr schaffen viele nicht, viele Kinder sitzen dann von 16 bis 18 Uhr in der Ecke“. Auch für außerschulische Interessen,  Aktivitäten, Sport, Musik , die  frühestens ab 16. 30 Uhr beginnen könnten, sei es dann  für viele zu spät. Ebenso für Ergotherapie oder  Arztbesuche.

Ein Problem, das ganz besonders Eltern von Kindern mit Behinderungen und sonderpädagogischem Förderbedarf betrifft. Für Therapien und Fördermaßnahmen am Nachmittag, für viele Kinder existentiell wichtig, läßt ein langer Schultag bis 16 Uhr keine Zeit, so wird berichtet.

Das zweite Riesenproblem seien die Vorschulkinder, ergänzt eine Erzieherin. Auch diese sollen auch in die GBS Betreuung fallen. Für Vorschulkinder gelte im Moment ein Betreuungsschlüssel von 1:11, bei GBS sei aber nur noch ein Schlüssel von 1: 23 für die Kinder vorgesehen. Es sei noch ungeklärt, ob das dem Gesetz entspricht.

 „Wir haben Angst, dass Kinder als Personen im GBS, Ganztagsschule und Mulitifunktionsräumen verloren gehen“, so ein Vater. „Wir haben uns das Konzept unseres Hortes genau angeschaut und diesen Hort bewußt ausgesucht“. Das Konzept, berichtet er sei in 40 jähriger Erfahrung aufgebaut worden, ebenso die große Kursvielfalt. „Der Hort soll jetzt auslaufen, nächstes Jahr sind wir dann ohne Betreuung. Ich sehe das nicht ein, wir wollen, dass unsere Kinder im Hort bleiben“.

Ein anderer Hort sei gerade neu gebaut worden, mit moderner Ausstattung, erzählt eine Mutter, jetzt soll er schließen. Die anderen Eltern bestätigen das. Viele Horte hätten in den letzten Jahren mühevoll ihre Ausstattung verbessert, Räume ausgebaut, Spiele speziell für Schulkinder angeschafft. Jetzt sollen diese Horte geschlossen werden. „Wir machen bestehende Räume in Horten kaputt, ohne neue zu bekommen“, so das Resumee eines Vaters.

„Wir wollen den Kindern die Freiheit erhalten, früher nach Hause zu gehen“. eine Mutter. Auch sie ist sehr zufrieden mit dem Hort und will ihn nicht aufgeben. Doch die Kitagutscheine sollen nächstes Jahr auslaufen, berichten Eltern. Aus Angst, dass Kinder dann ganz ohne Betreuung dastehen, stimmten ihre Schulen jetzt für die Einführung von GBS. Der Elternrat seiner Schule fühle sich klar erpreßt, erklärt ein Vater.

Die LEA Vertreterin berichtet über eine weitere Neuentwicklung an den Schulen:  Es gebe immer mehr Rückmeldungen von Eltern aus Schulen, die sich jetzt für die gebundene Ganztagsschule entscheiden, erklärt sie. Der Grund: „Man wählt Ganztagsschule, weil man Angst hat, dass sich die Eltern bei GBS verabschieden, deshalb führt man den Zwang zur Schulfplicht ein“.

Die versammeltern  Eltern sind entschlossen, diese Entwicklungen nicht einfach hinzunehmen.  Ein ersten Schritt seien Zusatzprotokolle bei der Abstimmung der Schulkonferenz, so die Empfehlung einer Mutter.

„Unsere Schule wollte eigentlich auch gegen GBS stimmen. Damit niemand ohne Betreuung bleibt, macht sie nun doch mit“, berichtet die Mutter. Deshalb wolle die Schulkonferenz ihrer Schule jetzt in einem Zusatzprotokoll festhalten, dass sie nur unter dem Druck des drohenden Wegfalls jeglicher  Betreuung für GBS gestimmt habe, erklärt die Mutter. Das rät sie auch andereren Schulen, um den Zwang bei der Abstimmunt auch gegenüber der Behörde zu dokumentieren. 

Bei den Eltern – Umfragen an den Schulen, so die Kritik einer Mutter, werde nur nach den vier Ganztagsschul – Modellen gefragt. Der Vorschlag aus der Eltern-Runde: Die Schulen sollten die Frage an die Eltern nachreichen, ob sie sich lieber für den Hort entscheiden wollen und dies auch in die Dokumentation für die Behörde mit aufnehmen.

Was an diesem Abend immer klarer wird, was alle Eltern, Erzieher, Vertreter von Schulen, LEA , darunter Eltern mit ganz unterschiedlichem politischem Hintergrund vereint. Sie sind entschlossen, sich sich gegen diese Ganztags-Schulreform wehren.

Wie dies geschehen soll, darüber machen an diesem Abend viele Vorschläge die Runde. Dies wird von den Eltern weiter intern diskutiert.

Am Ende haben sich aber alle auf vier Grundforderungen an Schulsenator Rabe und die Schulbehörde geeinigt:

1. Entschleunigung 

2. Flexibilität

3. Kein Zwang: D.h. keine flächendeckende Einführung der gebundenen Ganztagsschule für alle.

4. Kein Zurück unter die bisherigen Bedingungen der Betreuung von Kindern, wie sie bisher für den Hort galten.

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