Was verändert sich durch das Inklusionskonzept von Ties Rabe, wird die Förderung schlechter oder besser? Das Interview

25 Nov

Die „Eckpunkte für ein neues Konzept zur inklusiven Bildung“  von Hamburg Schulsenator Ties Rabe haben in dieser Woche heftige Kritik ausgelöst. Die Förderung der Kinder werde sich damit deutlich verschlechtern, so Opposition und Gewerkschaften.  Auch Eltern, Schülern,  Lehrer, demonstrierten mit Verbänden und Gewerkschaften für mehr Geld und bessere Ausstattung  für inklusive Schulen. Die „Förderung sei mehr als doppelt so hoch wie unter CDU und GAL“ verteidigte  dagegen der Schulsenator sein Konzept. Eine Kontroverse, die betroffene Eltern und Schüler verwirren kann. Doch was verändert sich durch das „Rabe – Konzept“ für die Kinder,  wird die Förderung schlechter,  oder besser?

Diese Fragen stellt Kirschblog heute der Sonderpädagogin Kristine Leites, die als 1. Vorsitzende für den Hamburger Landesverbandes der Deutschen Gesellschaft für Sprachheilpädagogik e. V. spricht. Als Sonderpädagogin an einer integrativen Grundschule kennt sie die Arbeit für die Inklusion aus der Praxis.

Kirschsblog: Schulsenator Rabe hat in dieser Woche sein Konzept für die Inklusion vorgestellt. Sie sind Vorsitzende eines Verbandes von Sonderpädagogen und haben jahrelang Erfahrung sowohl mit der Inklusion an einer integrativen Grundschule als auch mit der Arbeit an Sonderschulen: Wie beurteilen sie das Inklusionskonzept des Schulsenators?

Kristine Leites: Besonders für Schüler mit Sprachbehinderung, Lernbehinderung und Verhaltensstörung wird das zu einem großen Problem werden, weil es zu einer erheblichen Reduzierung der fachspezifischen Förderung für sie führt.

Kirschsblog: Was heißt das konkret?

Kristine Leites:  Das fängt schon mit der Definition von Behinderung an, die Schulsenator Rabe entgegen dem Sozialgesetzbuch umdefiniert. Er nimmt die Kinder mit Sprach-, Lernbehinderung und Schweren Verhaltensstörungen aus dem Behinderungsbegriff heraus. Rabe unterscheidet plötzlich bei den Schülern mit besonderen Beeinträchtigungen (Noch Sonderschülern) zwischen „Behinderten“ und „Schülern mit Förderbedarf“. Das bedeutet die Aberkennung des Behinderten-Status‘ für alle Lernbehinderten, Sprachbehinderten und Verhaltensgestörten. Diese heißen nun „Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf in den Bereichen Lernen oder Sprache oder sozial-emotionale Entwicklung“ (LSE). Aber die Frage, was eine Behinderung ist, ist keine Ansichtssache, sondern fachwissenschaftlich und gesetzlich im 9. Buch des Sozialgesetzbuch, Paragraph 2, zum Thema Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen definiert: 

Sonderpädagogische Förderbedarfe, auch im Bereich Sprache, Verhalten oder Kognition, sind Behinderungen, im klinischen und auch im gesetzlichen Sinne. Eine echte Verhaltensstörung, Lern- oder Sprachbehinderung, die Fachpädagogen sehr wohl von einfachem Förderbedarf ohne Behinderungscharakter unterscheiden können, schränkt  die Betroffenen bei der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und beim Erwerb größtmöglicher individueller Autonomie ebenso ein wie eine Körper- oder Sinnesbehinderung – der Laie kann es nur i. d. R. nicht spontan erkennen.

Mit dem Begriff „Förderbedarf“ wird deren Behinderung bagatellisiert. Das führt dazu, dass die fachspezifischen Ressourcen, die diesen Kindern zur Verfügung gestellt werden, deutlich reduziert werden, indem der bisherige Umfang der an Sonderschulen und in der bisherigen Integration vorhanden war, drastisch gekürzt wird. Diese Schüler verlieren damit ihren bisher klar definierten, persönlichen und einklagbaren Anspruch auf  fachspezifische Förderung, und damit zusammenhängende materielle Leistungen. Dazu gehören sowohl persönlich zugeordnete Sonderpädagogen-Stunden als auch besondere Hilfs -und Unterrichtsmittel, eine spezielle Ausstattung der Unterrichtsräume, Busbeförderung, Ermäßigungen bzw. Kostenbefreiungen etc. Diese Ansprüche sind jetzt bedroht, und zwar für alle Schüler, die aus der Definition „Behinderung“ durch das Konzept von Schulsenator Rabe ausgenommen werden, das sind also auch viele materielle Ressourcen. Das betrifft alle Schüler mit Lernbehinderung, Sprachbehinderung und Schwerer Verhaltensstörung.

Kirschsblog:  Schulsenator Rabe hat sich für das Inklusionsmodell entschieden, in dem nicht dem einzelnen Kind, sondern der Schule pauschal die Fördermittel und Ressourcen zugerechnet werden, und zwar auf der Grundlage einer bestimmten errechneten Quote von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Das ist die sogenannte systemische Fördermodell. Wie schätzen sie das ein?

Kristine Leites: Grundsätzlich ist gegen eine systemische Resssource nichts einzuwenden. Im Gegenteil, die Schulen brauchen auf jeden Fall eine verlässliche Basisausstattung an Sonderpädagogen. Aber das reicht bei weitem nicht aus, zumal die sytemische Ressource pauschal den Schulen zugewiesen wird, unabhängig von der tatsächlichen Anzahl von Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf am einzelnen Standort. Das heißt, eine Schule mit sehr vielen Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf wird dann „Pech“ haben, sie bekommt trotzdem nicht mehr Ressourcen. Das heißt die Förder- und Therapiezeit für das einzelne Kind muß gekürzt werden. Auf diese Weise wird man kaum noch die eigentlich möglichen nachhaltigen Förderwirkungen erzielen können.

Kirschsblog: Herr Rabe will die Förderung regional nach sozialer Lage der Schulen, und damit nach Kessgebieten gefächert, unterschiedlich gewichten.

Kristine Leites: Auch das ist für einige Bereiche problematisch. Er bezieht sich bei den Kessgebieten vor allem auf die Schüler, die bisher an Schulen für Lernbehinderte (sog. Förderschulen) waren. Dort mischt sich die eigentliche Behinderung mit milieubedingten Störungen des Lernens und des Verhaltens. Es gibt viele Schüler, die Probleme im Bereich Lernen und Verhalten haben. Nicht immer ist das angeboren, häufig hat es mit dem sozialen Umfeld zu  tun. Echte Sprachbehinderungen hingegen treten unabhängig vom sozialen Hintergrund der Eltern auf. Und auch schwere Verhaltensstörungen, wie z.B. ADHS, können in jeder Familie vorkommen.

Kirschsblog: Sie sind schon als Lehrerin in der Inklusion an einer Grundschule tätig. Was bedeutet dieses Konzept für Ihre Schüler, was verändert sich für sie.

Kristine Leites: Für sie wird sich verändern, dass die ohnehin schon knapp bemessenen Förderressourcen nochmals gekürzt werden müssen, weil immer mehr Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf an unsere Schule kommen und gleichzeitig nur noch eine pauschale systemische Ressource,  die mit auch sehr knapp ist, zugewiesen wird. Diese Ressource, das ist ein wichtiger Kritikpunkt, beträgt „1,5  Stellen für durchschnittliche Grundschulen“. Doch diese 1,5 Stellen sind nicht näher definiert. Das sind nicht 1,5 Sonderpädagogenstellen, sondern die werden geteilt in Sonderpädagogen, Erzieher und Sozialpädagogen. Erzieher und Sozialpädagogen sind aber keine speziell ausgebildeten Sonderpädagogen, die die Kinder mit Behinderungen tatsächlich therapieren und unterrichten können. Der Anteil der Sonderpädagogen dabei soll nur 40 Prozent betragen. Eine drastische Verschlechterung gegenüber 75 Prozent in den bisherigen integrativen Modellen.

Kirschsblog: Sie haben schon erwähnt, es sollen nun viele Sonderschulen abgeschafft werden. Wie beurteilen Sie das?

Kristine Leites: Wir brauchen, wie gehabt, beides, die integrative Beschulung für die Kinder, die dafür geeignet sind, das sind in Regel die leichteren Fälle, und wir brauchen unbedingt den Erhalt der Sonderschulen auch für die sprach- und die lernbehinderten Kinder, weil es sehr viele Kinder gibt, für die eine integrative oder inklusive Beschulung bei weitem nicht ausreicht, um ihr persönliches Potential zu heben und sie ausreichend für ihren gesamten Lebensweg zu fördern. An den Sonderschulen kann eine wesentlich höhere therapeutische Intensität erreicht werden, weil der gesamte Schulalltag Therapie ist, auf die speziellen Bedürfnisse dieser Schüler ausgerichtet ist, die die Klassen wesentlich kleiner sind und dort der gesamte Unterricht von speziell ausgebildeten Sonderpädagogen durchgeführt wird.

Kirschsblog: Ist das Ihre spezielle Kritik als Sprachheilpädagogin oder gibt es in dieser Frage bei den Sonderpädagogen allgemeinen Konsens?

Kristine Leites: In der Frage der Ressourcenausstattung herrscht weitgehend Konsens, vor allem unter den Praktikern, die ja schon lange vor Ort in der Integration tätig sind. Für die war die bisherige Ausstattung schon zu knapp und die sind der Meinung, dieses wird bei weitem nicht ausreichen und wird zu einer drastischen Verschlechterung der fachspezifischen Förderung für die betroffenen Kinder führen.

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Eine Antwort to “Was verändert sich durch das Inklusionskonzept von Ties Rabe, wird die Förderung schlechter oder besser? Das Interview”

  1. Mitbestimmer November 25, 2011 um 1:54 pm #

    Schöne neue Welt: Erst definieren wir die Behinderten weg und dann schaffen wir die Sonderpädagogen ab. UN-Konvention für Behindertenrechte verkehrt herum!

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