Bedingungen der Integrationsklassen verschlechtern sich: Schulsenator Rabe stellt Eckpunkte seines Inklusionskonzeptes vor

23 Nov

Ties Rabe nannte Zahlen, zitierte Graphiken und Quotenberechnungen, verwies auf wissenschaftliche Grundlagen – dabei ging es um Kinder in Hamburg. Die Frage: Wie kann Inklusion gelingen, wie kann  man Paragraph 12 des Hamburger Schulgesetzes umsetzen, nach dem Kinder und Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf seit dem Jahr 2010 das Recht haben, Regelschulen zu besuchen. In einer überraschend noch vor der Haushaltssitzung der Bürgerschaft angesetzten Pressekonferenz stellte der Schulsenator gestern seine „Eckpunkte für ein neues Konzept zur inklusiven Bildung„ vor. Trotz der vielen Zahlen blieb dabei vieles unklar.

Klar ist allerdings, dass der Schulsenator sich mit seinem Inklusionskonzept für eine von zwei sehr unterschiedlichen wissenschaftlichen Empfehlungen entschieden hat. Denn die Wissenschaft, das hatte eine Expertenanhörung des Schulausschusses vor einer Woche gezeigt, ist sich keineswegs einig. Es gibt vielmehr unterschiedliche Auffassungen darüber, wie Inklusion gelingen kann.

Ties Rabe hat sich für das Modell entschieden, nach dem Fördermittel und Ressourcen nach einer pauschalen Quote berechnet in alle Regelschulen in Hamburg fließen soll. Er will damit das bisher übliche Integrationsmodell ablösen, bei dem die Verteilung sonderpädagischer Mittel und Förderstunden, von Diagnose bis zu der Anzahl der Stunden, dem einzelnen Kind zugerechnet werden, das dann quasi „Huckpack“ seine Fördermittel mit in die Regelschule nimmt.

Klar wurde heute auch: die bisherigen Bedingungen der Integration an Regelschulen werden  sich verschlechtern. Zwar betonte T. Rabe, er habe im Sommer 120 Stellen für Erzieher und Sozialpädagogen bereit gestellt, um die Förderung zu verbessern, zusätzlich zu 60 neuen Stellen der Vorgängerregierung. Aber, so räumte er ein, damit würde das Niveau der bisherigen Integrationsklassen nur „beinahe“ erreicht, denn Ressourcen und Mittel werden auf alle Regelschulen verteilt.

Insgesamt geht es um  6 bis 7 Prozent der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Dabei sei, so Rabe, zwischen zwei Gruppen zu unterscheiden.

Zum einen die Gruppe der Kinder mit geistigen, motorischen körperlichen Behinderungen (zB. Down Syndrom oder Autismus), das sind ca. zwei Prozent der Kinder. Für sie soll es künftig die Wahl zwischen 50 bis 60 Regelschulen in Hamburg geben, die schon seit Jahren Erfahrungen mit Integration gesammelt hätten, und entsprechend fachlich qualifiziert und räumlich darauf eingestellt seien. Für diese Kinder gilt also künftig nicht die freie Wahl zwischen sämtlichen Hamburger Regelschulen. „Das kann nicht jede Schule leisten“, erklärte T. Rabe. Es werde aber ein regional „vernünftig verteiltes Angebot“ geben. 

Die Kinder mit Behinderungen sollen künftig 7 zusätzliche Unterrichtsstunden an Halbtagsschulen und 9 Unterrichtsstunden an Ganztagsschulen erhalten, wobei möglichst drei bis vier Kinder in einer Klasse sein sollen. Bei vier Kindern seien das insgesamt 28 Unterrichtsstunden. Darüber hinaus bleiben für die Kinder mit Behinderungen auch die Sonderschulen erhalten, und zwar da „wo sie sind und wie sie sind“.

Die zweite Gruppe sind die Kinder mit Förderbedarf in den Bereichen Lernen, Sprache und emotionale Entwicklung (LSE). Für diese Gruppe gilt: Allgemeine Schulen im Halbtagsbetrieb erhalten für diese Kinder 3, 5 zusätzliche Unterrichtsstunden, 3, 8 an Ganztagsschulen. Diese Stunden werden den Schulen nach einer pauschalen Quote zugewiesen. Noch vor kurzem sei man von einer Quote von 4 Prozent Kindern mit LSE Förderbedarf ausgegangen, doch sei diese Quote in den letzten zwei Jahren auf über 6 Prozent „hochgeschnellt“, so habe man nun eine Quote von 5 festgelegt. Man wolle mit dieser festen Förder – Quote für Schulen weg vom Gedanken der  „Huckepack“ Förderung für das einzelne  Kind“ und mehr auf eine Veränderung des Unterrichts abzielen.

Die Schulen sollten dabei die Freiheit haben, selber zu entscheiden, wieviel Ressourcen die Kinder bekommen. „Wir schreiben nicht vor, dass jedes Kind die 3, 5 Stunden bekommt“. Über die Verwendung der Mittel werde es in Zukunft Rechenschaftsberichte geben. „Wir müssen sicherstellen, dass das beim Kind ankommt.“

Für die Mittelverteilung und Rechenschaftsberichte soll es nach den Plänen von Ties Rabe  in Zukunft  an jeder Schule einen sog. „Förderkoordinator“ geben. Dieser werde in Zukunft  für alle drei Förderarten zuständig sein: Die Lernförderung, die Sprachförderung und die sonderpädagogische Förderung. An Grundschulen sollen sich die zwei Bereiche Lern- und Sprachförderung für die sonderpädagogische Förderung „öffnen“, denn diese ließen sich nicht immer unterscheiden.

 Alle Schulen würden künftig Förderpläne für die Kinder ausarbeiten. Wie in den Integrationsklassen üblich, würden für den Unterricht und die Begleitung künftig rund 40 Prozent Sonderpädagogen und 60 Prozent Sozialpädagogen eingesetzt.

 Die Mittel sollen dabei nicht gleichmäßg an alle Schulen verteilt werden.. Vielmehr sei der Bedarf  für Förderung von Stadtteil zu Stadtteil sehr verschieden, erklärte T.Rabe. Während eine Schule in den Walddörfern kaum Schüler mit Förderbedarf habe, könne der Förderbedarf in anderen Stadtteilen wie Billstedt 7 mal höher sein. Er verwies auf eine Graphik, aus der die sehr unterschiedliche Verteilung der Schüler mit sonderpädagogischen Förderbedarf in verschiedenen Stadtgebieten zu erkennen war. Eine Auffächerung der sozialen Lage nach 7 sogenannten Kessgebieten soll neu überarbeitet werden, ergänzte der Schulsenator.

Unklar blieb dabei, wie die Sonderpädagogen,  Sozialarbeiter und Erzieher künftig an den Schulen und den unterschiedlichen Standorten verteilt und wie die sonderpädagische Förderung aller Schüler an allen Schulen gesichert sein soll. Unklar blieb besonders auch eine Frage, die im Moment viele Eltern beschäftigt: Wie soll dieses Konzept in den neuen Ganztagsschulen in HH umgesetzt werden, zB. in den Ganztags -Grundschulen? Die vorgesehenen Betreuuerschlüssel für die ganztagägige Bildung und Betreuung (GBS) sind schlechter als die bisherigen Hortbetreungsschlüssel und lassen nach der derzeitigen Planung keinen Raum für sonderpädagogische Förderung erkennen.  

Alle 25 Sprach- und Heilschulen sollen nach dem Konzept des Schulsenators ferner mit den 14 regionalen REBUS (regionale Beratungs- und Unterstützungsstelle) zu rund 14 regionalen Bildungs- und Beratungszentren zusammengelegt werden. Dort sollen künftig Lehrer und Schulen beraten und Förderkinder „dauerhaft“ beschult werden. Darüber hinaus sollen dort auch Kinder über kürzere Zeiträme, d.h. einige Wochen oder Monate, unterrichtet werden.

Das Konzept von Ties Rabe bezieht auch Gymnasien mit ein. Ihnen soll die „Möglichkeit eröffnet werden“, ebenfalls Kinder mit sonderpädagogischen Förderbedarf aufzunehmen, auch „wenn diese die Leistungsstandards nicht erreichen“. Diese sollten „zieldifferenziert“ unterrichtet werden, erklärte er. Diese Schüler der Gymnasien bekämen so zusätzliche „Professionalität“ und die „zusätzliche Bildungsaspekte auch in Punkto Sozialverhalten“ erklärte Ties Rabe. Ich setze dabei auf Freiwilligkeit, ergänzte T. Rabe, es gebe schon Interesse von Gymnasien.

Mit der Umsetzung seines Konzepts will Ties Rabe im nächsten Schuljahr beginnen, angefangen mit den 1. und 5. Klassen und dann in sechs Jahren hochwachsend in allen Jahrgänge. Inhaltliche Beratungen sollen in Januar abgeschlossen sein, Lehrerfortbildungen „nach März losgehen“. Spätestens Ende Mai soll der gesamte Prozess dann endgültig abgeschlossen sein.

Unklar blieb am Ende auch die Frage nach den Kosten seines Inklusionskonzeptes : „zig Millionen“, sagte T. Rabe an einer Stelle und am Ende stellte er fest , das sei  „schwer zu sagen“.

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Eine Antwort to “Bedingungen der Integrationsklassen verschlechtern sich: Schulsenator Rabe stellt Eckpunkte seines Inklusionskonzeptes vor”

  1. GG Dezember 4, 2011 um 9:18 am #

    Inklusionsklassen sind i.d.R. deutlich kleiner und werden daher mehr und mehr auch von Eltern mit nicht-behinderten Kindern preferiert, da diese dort natürlich auch eine bessere Förderung erfahren. Angesichts des Anteils Behinderter in unserer Gesellschaft würde aber eine konsequente Umsetzung vermutlich auf eine Verdoppelung der Klassenanzahl deutschlandweit hinauslaufen … und damit auf mehr als eine Verdoppelung der Lehrer(innen)zahl … und zudem bräuchten diese noch sonderpädagogische Zusatzausbildungen, wenn das Experiment gelingen soll. Kurz und gut: Hamburg z.B. müßte sich z.B. zwischen der Elbphilharmonie oder den UN-Charten, die sein Bundesstaat BRD unterzeichnet hat, entscheiden.

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