Inklusion: Expertenanhörung im Schulausschuss der Bürgerschaft

13 Nov

Seit Beginn dieses Schuljahres haben in Hamburg Kinder und Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderdarf das Recht, Regelschulen zu besuchen. Dieser Rechtsanspruch besteht seit der Änderung von Paragraph 12  des Hamburger Schulgesetzes, mit der in Hamburg die bis Ende 2010 von 155 Staaten weltweit unterzeichnete UN Konvention über die Rechte auf Bildung für Menschen mit Behinderung verwirklicht werden soll. „Für Eltern in Hamburg bedeutet dieses, dass sie…die  freie Wahl der Schulform haben. Sie können wählen, ob ihr Kind an einer allgemeinbildenden  Schule oder an einer Sonderschule unterrichtet und gefördert wird.„, so heißt es in einer Handreichung zum § 12 durch die Hamburger Schulbehörde. http://www.hamburg.de/integration-inklusion/2594060/paragraf-12.html

Das klingt einfach und klar. Doch die Umsetzung in der Praxis ist schwierig, und das Thema ist sensibel. 

Wie sensibel, zeigte der Eklat um zwei Schulleiter, deren Erscheinen vor dem Ausschuss Schulsenator Rabe zwei Tage vorher untersagt hatte. Die Begrundung des Schulsenators, die Behörde sollte mit „einer klaren Linie sprechen„, das sei „immer common sense“ gewesen, konnte der Ausschussvorsitzende Walter Scheuerl glatt widerlegen: Als früherer Ausschussvorsitzende habe Ties Rabe selbst eine Schulleiterin zu einer Anhörung in den Ausschuss geladen.  Einer der zwei Schulleiter,  Pit Katzer, Schulleilter der Erich-Kästner-Stadtteilschule, war  trotz „Maulkorb“ zu Anhörung erschienen, als Vertreter der GEW. Dietmar Schmidt  von der Ganztagsförderschule Kielkoppelstraße hatte abgesagt.

In den Wochen vor der Anhörung hatten Schulleitungen, Lehrer, Eltern von Sonderschulen die Umsetzung de Inklusion heftig kritisiert. Bemängelt wurden die ungenügenden Ressourcen, die unzureichende Ausstattung und Räume und es wurden mehr Lehrer gefordert.

Umstritten ist die Art der Umsetzung auch in der Politik. So strebt Schulsenator Rabe eine Vereinheitlichung der Fördersysteme an.  Er sieht für den Förderbereich „Lernen, Sprache, soziale oder emotionale Entwicklung“ (LSE) eine sogenannte „systemische Förderung“ vor. Das heißt, dass die sonderpädagogischen Förderstunden und Ressourcen den Schulen entsprechend einer Förderquote pauschal berechnet und zugewiesen werden. Man geht dabei von der Annahme aus, dass 4,6  Prozent der Schüler beeinträchtigt sind.

Für die CDU Fraktion haben der Schulausschussvorsitzende Walter Scheuerl und der bildungspolitische Sprecher der Fraktion, Robert Heinemann, im Oktober „Eckpunkte zur Integration behinderter Schüler“  vorgelegt. Sie sehen darin ua. vor, an individuellen Gutachten und festgelegten Förderstunden für jedes Kind festzuhalten, die Wahl zwischen Sonder- und Regelschulen zu erhalten, und die sonderpädagogische Förderung von Lernbehinderten  künftig an einzelnen Schulen pro Bezirk zu konzentrieren. Die Idee einer Konzentration auf Inklusionsstandorte hatte im April auch der Chef des Landesschulbeirats in Hamburg, Prof. Reiner Lehberger, vorgeschlagen, zumindest für eine Übergangszeit.

Um sich mehr Klarheit über einen guten Weg zur Umsetzung der Inklusion zu verschaffen, hatte der Schulausschuss der Bürgerschaft am Freitag nachmittag Experten eingeladen. In der fünfstündigen Fragezeit wurde aber klar, auch die Fachleute sind sich nicht einig.

Professor Bernd Ahrbeck, Psycholanalytiker und Erziehungswissenschaftler der Humboldt-Universität zu Berlin und Autor des Buches „vom Umgang mit Behinderung“ (2011) erklärte, der Grundgedanke der UN Konvention sei, dass keine behinderten Menschen aus Bildungswegen ausgeschlossen werden dürften. Es gebe aber keine „zwingenden Vorschriften mit Regeln, wie das in den Ländern organisiert wird“, es könne auch eine „differenzierte Schulorganisation“ bedeuten.“.

Es werde auch weiter weiter einen Bedarf an spezialisierten Einrichtungen für behinderte Kinder geben, so Prof. Ahrbeck. „Der Vielfalt wird ein einziges System nicht gerecht“. Es gebe Kinder, für die Integration nicht möglich sei, das belegten u.a. Stapel von Elternbriefen. Einige Kinder, die massiv autistisch, schwer mehrfachbehindert, oder massiv verhaltensgestört seien, seien im  „Kontext der allgemeinen Schulen nicht zu halten“.  für sie brauchte man spezielle „Settings“, bzw. Einrichtungen von „einiger Dauer„.  Die UN Konvention sehe deshalb auch vor, 80 Prozent der Kinder inklusiv zu unterrichten. Und er ergänzte, „Lehrer ohne Erträglichkeitsgrenzen wird es langfristig nicht geben„.

Der Integrationsgedanke ziele darauf, so Prof. Ahrbeck, dass behinderte Kinder in ein gutes Leben und in die Gesellschaft hineinwachsen. 

Behinderung ließe sich nicht nivellieren, als Abweichung unter vielen anderen. Es gebe die Gefahr, dass eine „Entdifferenzierung„, also die Sichtweise, Behinderung gebe es nicht, dazu führen könnte, dass Fördermittel weniger würden und dass die besondere Fördersituation der Kinder missachtet werde.

Bei der Inklusion gehe es um die Minimierung von Diskriminierung in Schule, erklärte dann Professor Rolf Werning vom Institut für Sonderpädagogik der Leibnitz Universität Hannover. Heterogenität, also eine sehr unterschiedlich zusammengesetzte Schülerschaft, bringe „bessere Schulleistungen“. Auch für starke Schüler bringe dies „keine Nachteile“, erklärte Prof. Werning, der auch seine Erfahrungen an der Laborschule Bielefeld ins Spiel brachte. Allerdings sei Inklusion in „separierendes Schulsysem“ schwierig.  Um trotzdem die  2. Säule des Hamburger Schulsystems, die Stadtteilschule für Inklusion stark zu manchen,  brauche man mehr Geld und Ressourcen. Dringend nötig sei ein außerdem ein „Changemanagement“ für die Schulen, auch dafür würden Geld und Ressourcen gebraucht.

Gefragt, ob Inklusion für alle Kinder geeignet sei, sagte er „nein …Es wird einen geringen Prozentsatz geben, die in der Schule nicht die bestmögliche Förderung finden“. Allerdings auch nicht in Förderschulen. Vielmehr sollten  für diese Kinder „andere Institutionen“  therapeutische Maßnahmen durchführen, sagte Werning und sprach dabei von„therapeutisch-pädagogischen Förderzentren“. Diese Maßnahmen sollten aber nur vorrübergehend stattfinden. Danach sollten die Kinder wieder in die Regelschule zurückkehren.

Auf immer mehr Grundsatzdiskussionen reagierten Eltern mit ganz großer Ungeduld, erklärt darauf Martin Eckert vom Elternverein “ Leben mit Behinderung Hamburg“. Die Eltern hätten viel Geduld gehabt, wollten jetzt aber bei der Umsetzung „Butter bei die Fische“. Eltern wollten eine bestmögliche Förderung. Wichtig seien ihnen dabei vor allem die „Jahre, die nach der Schule kommen“. Es gehe aber auch um die Schulgemeinde und um Verständnis, viele Eltern hätten selber Ausgrenzung erlebt.

Hamburg sei auf einem guten Weg, erklärte schließlich Professor Ulf Preuss-Lausitz vomInstitut für Erziehungswissenschaft der TU Berlin. „Wir haben Integration zu gewähren, wenn die betroffenen Kinder und Jugendlichen das wünschen“, betonte er. Der Zeitraum zur Umsetzung der UN Konvention sei dabei nicht beliebig, sondern durch einen Staatenbericht, der alle 2 Jahre erfolge, umrissen.Ganz wichtig sei die Qualitätssicherung der Inklusion. Dazu sei ein kontinuierliches System der Rechenschaftslegung erforderlich. Das müsse auch transparent für Personen außerhalb der Schule sein.

Pit Katzer von der Erich-Kästner-Stadtteilschule, die seit 20 Jahren Intergration erfolgreich praktiziert, betonte, Hamburg habe die bundesweit höchste Integrationsrate in bestimmten Bereichen. Sein Resumee als Schulleiter: „Ein bedingungsloses Ja zur Inklusion.“ Allerdings, die Integration setze gute Rahmenbedingungen voraus, um zu gelingen. „Wir haben durchgängig die Erfahrungen gemacht, wenn die Voraussetzung stimmen, ist es pädagogisch zu schaffen“ .

Ein Problem der Stadtteilschule: Zu ihren Schülern zählten auch die 27 Prozent der „Pisa-Risikochüler“ in Hamburg, die an einigen Schulen bis zu 75 Prozent der Schuler ausmachten. Besondes sozialkompentente und leistungsstarke Schüler fehlten vielfach, mit ihnen sei die Integrationskraft höher. Aber 50 Prozent aller Schüler in HH seien in HH im Gymnasium, im Bremen zB. seien es nur 30 Prozent . Trotzdem sei bei intensiver Förderung eine höhere  Abschlussquote zu erreichen als in Förderschulen, allerdings nicht zum Nulltarif.

Hier holte Pit Katzer zu heftiger Kritik aus. Die Inklusion sei die größte Schulreform seit mehreren Jahrzehnten, und zwar in der Art des Unterricht, der Teamarbeit, der Qualifikation. Er verstehe nicht, „warum wir nicht begleitend eine ähnlich große Anstrengung machen wie bei der Primarschulreform“. Es sei versäumt worden, Geld in die Hand zu nehmen. „Das vermisse ich bei ihnen allen in der Bürgerschaft“.

Der Schulleiter, der eigentlich nicht zu Anhörung erscheinen sollte, hatte damit wohl einen wunden Punkt getroffen. Die SPD Abgeordnete Andrea Rugbarth forderte empört einen Antrag zur Geschäftsordnung und erklärte, Experten hätten keine politischen Meinungen zu äußern. Was wiederum eine kurze aber heftige Debatte, eine Abstimmung über Antragsformen und Erklärungen über die Freiheit der Experten auslöste, ihre Meinung zu sagen. 

Die Grundlinien der Experten und Politiker waren schließlich abgesteckt. Es zeigte sich, dass sie auseinanderdrifteten. Wie bei den Politikern zeichneten sich in der Frage der Umsetzung der Inklusion zwei unterschiedliche Positionen ab:

Prof. Preuss Lausitz sprach sich dafür aus, die individuelle Ausstattung der Förderschulen im „Rucksack“ mit in die Regelschule zu nehmen. Eine „Feststellungsdiagnose“ sei dort für den Bereich LSE nicht nötig, es sei bekannt dass  viereinhalb Prozent der Schuler betroffen seien. Die Ressourcen könne man daher in die Schule geben, statt sie individuell dem Kind zuzurechnen. Dabei müsse es allerdings eine Kontrolle geben, „dass die Ressourcen nicht verschwinden“.

Auch Prof. Werning forderte, die Förder – Ressourcen nicht an das Kind zu binden. Eine „systemische Förderung“ sei einer individuellen Förderung und einer damit verbundenen „Ettikettierung“  vorzuziehen. Auf diese Weise könne man Systeme inklusionsfähig machen. Das System arbeite dabei Förderpläne für die Kinder aus. Bei einer frühen Zuschreibung und Ettiketierung gebe es dagegegen „negative Effekte“.  Anders als für die Schule hatte Prof. Werning kurz zuvor jedoch noch eine klare Diagnostik für Kinder in Vorschulalter und Frühförderung gefordert.

Auf diesen Widerspruch wies auch Prof. Ahrbeck hin. Im Gegensatz zu Prof. Werning forderte er:  „Wir brauchen differenzierte Förderung in Grundschulen,… das setzt eine präzise Diagnostik voraus„. Dies sei „unverzichtbar„. Die Förderpläne müßten sehr stark auf das einzelne Kind abgestellt werden,… man müsse ein „klares Bild davon haben, was Kinder brauchen“. Er forderte eine personenbezogenen Förderung und Zuordnung der Sonderpädagogen und warnte vor einen „diffusen Auflösen“ der Förderung und Fördermittel im schulischen Umfeld, bei der nicht mehr sicher sei, „was beim Kind ankommt“.

Alle seien sich einig, dass für die Inklusion größere Ressourcen benötigt würden, fasste schließlich die Abgeordnete Dora Heyen von der Linken zusammen. Bei Ties Rabe löste diese Bemerkung kritisches Stirnrunzeln aus.

Er könne sich jedenfalls schwer vorstellen, dasss dies „ohne vermehrte Ressourcen möglich“ sei und dass der „Bedarf nicht steigt„, erklärte Prof. Ahrbeck dazu.

Zum Schluss, die zwei anderen Professoren waren schon gegangen, gab Professor Ahlbeck noch einen Überblick über die Situation in andern Ländern. Bei den sonderpädagogischen Förderquoten liege Deutschland im europäischen Durchschnitt. Die Argumente „ettiketieren“ oder „mit Förderung stigmatisieren“ seien aus anderen Ländern nicht bekannt. 

Als Pschoanalytiker habe er die Erfahrung gemacht, dass es am besten sei, „ehrlich die Dinge zu sagen wie sie sind, und die Kinder so anzunehmen“.

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