Aufruhr bei einem Treffen mit Grundschuleltern aus ganz Hamburg: Zwischenbericht zur Ganztags – Schulreform

10 Nov

Aus aktuellem Anlass heute bei Kirschsblog ein Zwischenbericht zur                    SPD Turbo – Ganztags – Schulreform.

 

Protest und Aufruhr, das war gestern abend die Stimmung von Eltern aus Grundschulen und Kitas aus ganz Hamburg.  Rund 60 Eltervertreter und Eltern aus den verschiedensten Hamburger Stadtteilen waren wegen der mangelnden und verwirrenden Information über die Ganztagsreform zu einem Treffen des Landeselternausschusses Kindertagesbetreuung (LEA) in die Sozialbehörde gekommen. Schnell wurde klar: Bis auf zwei Teilnehmer waren sich die Eltern unisono einig in der Ablehnung dieser Schulreform.  

Dabei sind die meisten der versammelten Eltern im Prinzip für ganztägige Betreuung und benötigen sie auch. Doch nicht unter den vorgesehenen Bedingungen, wie von Schulsenator und Behörden vorgesehen.

Ein wichtiger Kritikpunkt der Eltern: Die festgelegte Abholzeit am Nachmitag.   Eltern können ihre Kinder künftig nicht vor 16 Uhr abholen: Bei der gebundenen Ganztagsschule betrifft das 4 Tage, bei der Nachmittagsbetreuung der offenen Ganztagsschule gilt das je nach Modell an drei bzw. oder vier Tagen der Woche.

Die Eltern gestern abend machten dagegen ganz klar: Sie und die meisten ihrer Miteltern an den Schulen wünschen flexible Abholzeiten. Viele Eltern brauchen diese Flexibilität schon deshalb, weil ihre Arbeitszeiten keine andere Lösung zulassen. So erklärte eine Mutter, sie habe jahrelang für flexible Arbeitszeiten gekämpft, habe nun zwei lange Arbeitstage bis 18 Uhr und drei freie Tage. Jetzt soll sie ihr Kind an drei oder vier Tage in der Schule abgeben. Auch Schichtarbeit wird bei diesen Abholzeiten ein Problem. 

Was gestern aber deutlich wurde:  Es gibt durchaus andere Möglichkeiten, ganztägige Schulangebote zu organisiern, als die starren Modelle von Schulsenator Rabe und Behörde.

So berichteten die Eltern gestern von Schulen in Hamburg, an denen  freiwillige Teilnahme statt Schulpflicht am Nachmittag  erfolgreich funktioniert. Ein Vater beschrieb das Nachmittagsprogramm seiner Grundschule, die ganz ohne Schulpflicht flexible Angebote, Kurse, Aktivitäten und Hausaufgabenhilfe anbietet. Schüler können an einzelnen Programmpunkten teilnehmen. Sogar Schüler, deren Eltern keine Kinderbetreuung bräuchten, kämen zu den Nachmittagsangeboten in die Schule, weil sie attraktiv sind, so dieser Vater.

Darüber hinaus gibt es Schulen, die längst Horte haben. Auch diese Schulhorte haben keine Schulpflicht. Was die Eltern besonders empört: Die vielen zum Teil über  Jahre aufgebauten individuellen Betreuungsprogramme, auch die Schulhorte, sollen jetzt abgeschafft und aufgelöst werden. Die Schulen müßten stattdessen nun die starren Ganztagsmodelle der SPD Schulreform übernehmen,  berichten Eltern und Erzieher aufgebracht. 

Auch Eltern von Modellschulen waren gestern gekommen. Das sind die Schulen die jetzt schon Ganztagsschulen geworden sind. Einige dieser Schulen hätten jetzt erst einmal  Zwischenabholzeiten eingerichtet, zB. um 14.30h, so eine Mutter.  Damit muß aber in Zukunft Schluss sein, erklärten ihnen dieVertreter des LEA, das habe die Behörde klipp und klar erklärt.

Die Eltern fragen sich, warum damit Schluss sein soll. Sie habe einmal recherchiert, wie in anderen Ländern Ganztagsschule organisiert sei, erzählt eine Mutter. Eine starre  Handhabung wie in Hamburg vorgesehen, gebe es nach dieser Recherche nur in einigen asiatischen Ländern oder in Italien. Im Pisasiegerland Finnland gebe es gar keine Ganztagsschule, dort hätten die Kleineren um 13 bis 14 h Schulschluss. In Schweden gingen die Schüler in der Regel ab 15 Uhr nach Haus. 

Kritisiert wurden gestern auch die übrigen Rahmenbedingungen und die Qualität der geplanten Ganztagsschulen: Punkte wie der  Betreuungsschlüssel, die Hausaufgabenbetreuung, die Kooperation mit Sportvereinen, der Raummangel, die  fehlende Ruhe- und Rückzugsmöglichkeiten, und Platz für Sprot, Toben, Spiel.
 
Im Gespräch mit den LEA Vertretern wurde schließlich klar, dass die Reform auch das Aus für alternative Angebote für Kinder und Jungendliche der Offenen Jugendpflege bedeutet. Ebenso für viele Sportvereine, kulturelle Angebote. Die Frage, ob die eingesparten Mittel der Stadt künftig  in die Ganztagsschulen fließen werden, blieb an diesem Abend unbeantwortet.
 
Je deutlicher gestern die Details der Reform wurden, desto kritischer wurden die Eltern. Von Gefängnissen für Kinder war die Rede, deren Sozialkontakte auf die Schule oder sogar nur noch auf ihre Klasse beschränkt würden. „Das ist ja wie in der DDR, sagte eine Mutter, und auf die betretenen Blicke der anderen hin: “ ich kann das beurteilen, ich komme aus der DDR“.
  
Was können wir noch tun, rief schließlich ein Vater, darüber müssen wir sprechen. In Berlin gibt es jetzt einen Volksentscheid, rief jemand aufgebracht.
Dafür haben wir zuwenig Zeit, antwortete ein Vertreter des LEA.  
 
Allerdings steckt der LEA hier nach langem Hin und Her seiner Positionen in einem Dilemma. 
 
Noch im Januar hatte er  eine Vereinbarung mit der SPD geschlossen, die unter anderem einen Rechtsanspruch auf  Hortplatz bis 14 Jahren vorsah. http://www.spd-hamburg.de/cms/2137/?tx_ttnews%5btt_news%5d=3104&tx_ttnews%5bbackPid%5d=1872&cHash=c8d9b39e87831c445922d7b81ee04e7c
 
Eine Volksinitiative “(Früh-)kindliche Bildung ist ein Grundrecht zog er im Juni zurück.
 
Ende Juni hatten die Rahmenbedingungen der „ganztägigen Betreuung und Bildung“ (GBS), der Erziehermangel, die prekäre Personalsituation und die fehlenden Evaluationen der ersten Modellschulen wiederum heftige Kritik des LEA ausgelöst: “ Vor dem Hintergrund scheint es grob fahrlässig, die Umsetzung von GBS in diesem hohen Tempo fortzusetzen.“ so der Lea damals. http://www.lea-hamburg.de/presse
 
Doch im September beurteilte der LEA die Ganztagspläne von Senator und Behörde wieder positiv. Die Rahmenbeedingungen seien verbessert worden: „Jetzt … wird für die Zukunft eine Grundlage geschaffen, auf der eine Weiterentwicklung von GBS als Betreuungsmodell für Schulkinder doch vorstellbar ist“. http://www.lea-hamburg.de/presse 
 
Allerdings –  am Erziehermangel,  Betreuungsschlüssel, fehlende Evaluation der bestehenden Ganztagsschulen, Tempo der Umsetzung,  hat sich bis heute nur wenig Erkennbares verbessert. Und die starren Abholzeiten wie auch. die Ganztags – Schulpflicht gelten weiter.
 
Die gestern abend versammelten Eltern machten am Ende deutlich, sie wollen diese Bedingungen für die Ganztags-Schulreform nicht hinnehmen. Sie wollen in den nächsten Tagen überlegen, was sie noch dagegen unternehmen können. 
 
Nach diesem aktuellen Zwischenbericht geht es am Montag weiter mit dem zweiten Teil des Berichts:

„Turbo Nachsitzen für Alle“: Die SPD Ganztags – Schulreform: 

Gibt es rechtliche Grenzen? Ein spannendes Urteil des Oberverwaltungsgrichts Bremen?
 
Was bringt Ganztagschule nach dem Rabe Motto: „Quantität statt Qualität“?
 
Und wie paßt diese Schulreform zum Schulfrieden?
 
In den nächsten zwei Tagen dreht sich in der Hamburger Schulpolitik aber erst einmal alles um das Thema Inklusion. Für den morgigen Freitag  hat der Schulausschuss der Bürgerschaft zu einer öffentlichen Anhörung mit Experten eingeladen.
 
Die Anhörung findet im CCH statt, um 16 Uhr im Saal 6, und bietet Platz für alle, die das Thema interessiert.
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