Turbo Nachsitzen für alle: Die Ganztags-Schulreform……… wie die SPD von ganz oben durchregiert

9 Nov

„Offene Ganztagsschule“, das klingt schön. Wer will nicht offen sein, besonders in Hamburg. Außerdem gehört Offenheit zu den Kompetenzen, um die sich jetzt in der Schule alles dreht. Doch die „offene Ganztagsschule“ ist nur eines von vier Modellen, zwischen denen sich in diesen Tagen Hamburger Grundschulen enscheiden müssen. Wie schon in den Tagen des Volksentscheids zur CDU/GAL Primarschulreform gibt es jetzt auch unter der SPD Regierung an allen Grundschulen „Informationsabende“.  Diesmal geht es um eine neue Reform: Die Ganztags – Schulreform von SPD Schulsenator Rabe.

Nach vielen Gerüchten und vagen Vorabinfos wird den meisten Eltern erstmals an diesen Abenden erklärt, welche Typen von Ganztagsschule überhaupt zur Wahl stehen.  Auf Handzetteln werden vier Formen genannt: Neben der offenen Form gibt es zwei weitere Ganztagsformen, für die die Schule die Verantwortung trägt: Die teilgebundenen Form, an der nur ein Teil der Schüler ganztags teilnimmt, und die gebundene Form, mit verpflichtendem Ganztagsunterricht, bei dem Lehrer bis nachmittgags um 16 Uhr unterrichten.  

Richtig klar wird auch mit diesem Papier nicht alles, denn es  gibt noch eine zusätzliche offene Ganztagsform.  Grundsätzlich  können bei beiden Formen der offenen Ganztagsschule die Eltern entscheiden, ob Kinder um 13 Uhr nach Hause gehen oder ob sie an der Nachmittagsbetreuung teilnehmen.  Für den  Nachmittag ist bei der oben geannten Form der Offenen Ganztagsschule die Schule zuständig.  Die andere Form von Offener Ganztagsschule sieht vor, dass die Nachmittagsbetreuung in der Schule von Trägern der Kitas und Horte übernommen wird. Das ist die vieldiskutierte GBS,  die „ganztägige Betreuung und Bildung“.

Die Nachmittagsbetreung bis 16 Uhr ist bei allen vier Formen kostenlos. Darüber hinaus gibt es das Angebot einer Frühbetreuung vor Schulbeginn und einer verlängerten Betreuung von 16 bis 18 Uhr, für die man zahlen muß. Halbtagsschule ist nach diesem Informationspapier gar nicht vorgesehen.

Besonders die Bedingungen der Offenen Ganztagsschule haben bei Eltern an den Infoabenden Ernüchterung und Ärger ausgelöst.  Gerade Berufstätige Mütter, die auf Betreuung ihre Kinder angewiesen sind,  sehen darin eine Mogelpackung. Zwar kann man sich gegen Nachmittagsbetreuung und für Schulschlss um 13 Uhr entscheiden. Doch wenn man Betreuung braucht und sich dafür entscheidet, sein Kind nachmittags in der Schule betreuen zu lassen, dann gilt auch nachmittags, anders als bisher beim Hort,  die Schulpflicht, wie in der gebundenen Ganztagsschule.  Mit der deutschen Schulpflicht ist dabei nicht zu spaßen. Im  Gegensatz zu anderen Ländern, zB. in Skandinavien bedeutet Schulpflicht in Deutschland, dass die Kinder bis zum Ende des  Schultages in der Ganztagsschule bleiben müssen, das heißt  Anwesenheitspflicht bis 16 Uhr.  Dies gilt bei der offenen Form, die die Schule selber verantwortet, an vier Tagen der Woche, bei GBS an drei Tagen.

Viele Eltern fühlen sich nun von Schulen und Behörden zu schnellen Entscheidungen gedrängt und unter Druck gesetzt, besonders die Mütter. Seit Jahrzehnten haben sie auf flexiblere  Arbeitszeiten gehofft, doch jetzt sehen sie sich durch die Ganztags – Schulreform in starre  Betreuungszeiten und Schulpflicht für ihre Kinder gepreßt. „Wenn ich früher mit der Arbeit fertig bin, muss ich  also im Auto bis 16 Uhr vor der Schule warten“, sagt eine Mutter und Architektin. „Ich brauche nur den pädagogischen Mittagstisch“, erklärt eine Lehrerin, „warum soll ich dann mein Kind bis 16 Uhr in der Schule lassen?“. 

Hinzu kommt, in den Ganztagsschulen fehlt es an Sandkästen, Gärten oder Spiel- und Turngerät. Zwar werden Küchen geplant, aber es gibt keine Räume zum Toben, Ausruhen, Rückzug oder Spielmöglichkeiten, die Kreativität und sinnliches Begreifen anregen oder fördern.  Hinzu kommt ferner, auch der Betreuungsschlüssel in der Ganztagsschule ist schlechter als im  Hort: ein Betreuuer ist für 23 Kinder zuständig ( in sozialen Brenngebieten ist ein Betreuer für 19 Kinder vorgesehen). Im Hort gilt derzeit noch ein günstigerer Schlüssel von 1 zu 14 bis  18,  je nach Betreuungsdauer.

Und wer, so fragen sich die Eltern, wird die Kinder am Nachmittag betreuen? „Neben Lehrerinnen und Lehrern sind auch Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen, Erzieherinnen und Erzieher sowie weitere pädagogische Fachkräfte an der Schule tätig.“ http://www.hamburg.de/ganztag , heißt es auf der Internetseite der Schulbehörde. Und  ein Vertreter der Sozialbehörde versichert: „es gibt ein Fachkräftegebot. Horterzieher werden teilweise an Schulen wechseln“. http://www.lea-hamburg.de/data/lea/protokolle/2011-06-01_lea-protokoll.pdf

Doch die Erfahrungen, die Eltern mit schon bestehenden Modell- und Pilotschulen gemacht haben, klingen ganz anders. Unabhängig von einander erklären verschiedene Eltern, sie hätten beim Besuch einer GBS Ganztagsmodellschule in Eimsbüttel immer nur studentische Hilfskräfte als Betreuer angetroffen. Es gebe dort auch Probleme mit dem Nachmittagsangebot, das nicht so wie versprochen, stattfinde. Ebenso mit der Schulhofaufsicht am Nachmittag.

Schon drei Schulleiter von Modellschulen hätten das Handtuch geworfen und aufgegeben, so die Berichte von Elternvertretern. Eine Auswertung der Modellschulen sei aber wegen des Reformtempos vor Beginn der flächendeckenden Einführung von Ganztgsschule nicht mehr vorgesehen. Daher „können neu startende Schulen nicht auf deren Erfahrungen zurückgreifen. Die gleichen Fehler passieren unnötigerweise mehrmals“, kritisiert der Landeselternausschuss Kindertagesbetreuung LEA. http://suche.aolsvc.de/aol/search?kw=1&q=presseerkl%E4rung%20rabe%20ganztagsgrundschule

Einige Mütter haben nach Berichten von Miteltern schon Konsequenzen gezogen. Sie holen ihre Kinder in der Mittagszeit von ihrer Ganztagsgrundschule ab und bringen sie in die noch verbliebenen Horte, auch um sie von dort vor 16 Uhr abholen zu können, wenn es ihre Arbeitszeit erlaubt.

Doch die Rückkehr zu Horten wird Eltern in Zukunft kaum noch möglich sein. Die Ganztagsgrundschule soll die Horte künftig ersetzen. Der Platz in den Horten werde für das Krippenaufbauprogramm des Senats gebraucht. Wer Betreuung am Nachmittag braucht, aber die Ganztagsschulbedingungen ablehnt, dem bleibt in Zukunft also nur privat organisiere Betreuung. Doch das kann teuer werden, für viele zu teuer.  

Einige Schulen lassen die gesamte Elternschaft jetzt  nach den Informationsabenden darüber abstimmen, welche der vier Form von Ganztagsschule sie für ihr Kind wünschen. „Wir hatten zwei Tage Zeit dafür, uns das zu überlegen“, erklärt eine Mutter. Was aber genau mit den vier Ganztagsmodellen auf sie zukommt, das ist ihr immer noch nicht ganz klar. Wer zB. übernimmt die Betreuung bei der Offenen Ganztagsschule, die in der Verantwortung der Schule liegt?

Die eigentliche Entscheidung für die Wahl der Ganztagsschulform trifft allerdings die Schulkonferenz einer Schule. In ihr sind Eltern, Lehrer, Schulleitung und Angestellen vertreten.  Bis Dezember muß alles entschieden sein, für Nachzügler allerspätestens bis März.  Nicht alle Schulen haben dabei vor, ihre gesamte Elternschaft zu befragen. Das sei schließlich Sache des Elternrates, erklärten Vertreter des Elternrates einer Grundschule.

Bleibt die Frage: Was ist, wenn die Schulkonferenz sich für die Gebundene Ganztagsschule entscheidet. Darf sie dabei für andere Eltern mitentscheiden? Was ist mit den Eltern, die ihre Kinder am Nachmittag selbst betreuen wollen?  Diese Frage betrifft nicht nur Grundschuleltern.  „Alle Stadtteilschulen sollen gebundene Ganztagsschulen werden,“  das erklärte im Juni ein Vertreter der Sozialbehörde. http://www.lea-hamburg.de/data/lea/protokolle/2011-06-01_lea-protokoll.pdf 
Ties Rabe bestritt dies vor wenigen Tagen, doch in welcher Form auch immer, klar ist, er will alle Stadtteilschulen zu Ganztagsschule machen. Auch an den Stadtteilschulen werden dann die Schulkonferenzen über die Form von Ganztagsschule entscheiden. Auch dort gilt die Frage, welche Rechte haben Eltern, die keine Ganztagsschule für ihre Kinder wünschen.
 
Bei dieser Frage könnte Ties Rabe mit seiner  Ganztags- Schulreform auf erhebliche Probleme stoßen.
 

Dazu morgen mehr bei Kirschsblog: Die SPD Ganztags – Schulreform: 

Gibt es rechtliche Grenzen? Ein spannendes Urteil des Oberverwaltungsgrichts Bremen?
 
Was bringt Ganztagschule nach dem Rabe Motto: „Quantität statt Qualität“?
 
Und wie paßt diese Schulreform zum Schulfrieden?
 
  
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Eine Antwort to “Turbo Nachsitzen für alle: Die Ganztags-Schulreform……… wie die SPD von ganz oben durchregiert”

  1. Peter Paula November 11, 2011 um 1:26 pm #

    Lasst euch nicht verraben: GBS ist keine Ganztagsschule. GBS ist eine stinknormale Grundschule mit aufgepropftem Billighort.

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