Nur zwei Prozent der Krippen haben hohe Qualität: Warnungen von Kinderärzten

4 Okt

Frühkindliche Bildung und Erziehung ist die Grundlage für Chancengerechtigkeit und Teilhabe, für eine gute Schulbildung und Ausbildung“, so erklärte Anfang des Jahres der heutige Bürgermeister  Olaf Scholz und bezog sich dabei auf die Kitas in Hamburg. Der Zugang zu frühkindlicher Bildung dürfe keine Frage des Einkommens sein, so ergänzte er, Kitas müßten bezahlbar sein. In Hamburg soll es unter seiner Regierung  außerdem ab 2012 einen Rechtsanspruch auf Kitabetreuung für Zweijährige geben, bundesweit soll ab 2013 ein entsprechender Rechtsanspruch für Einjährige gelten. (http://www.olafscholz.de/1/pages/index/p/4/1572)

„Bildung beginnt mit der Geburt“, so auch der stellvertretenden SPD Bundesvorsitzende und Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit. Und mit genau denselben Worten beginnt auch das Kapitel „Bildung für Kinder unter 3“  auf der Homepage der in Bildungsfragen richtungsgebenden Bertelsmannstiftung.

In allen drei Fällen ist mit frühkindlicher Förderung die Förderung in Kindertagesstätten, Krippen gemeint, bei der Bertelsmanstiftung auch die Tagespflege, bzw. Tagesmütter. „Das Motto der ersten Lebensjahre heißt nicht nur „trocken und satt“, erläutert die Bertelsmannstiftung, „sondern auch „forschen und entdecken“. Kinder sollen sich in Kindertagesstätten, Krippen und Tagespflege wohl und sicher fühlen, gleichzeitig braucht ihr wacher Geist Anregungen und Interessantes, um die Welt zu begreifen und die eigenen Fähigkeiten auszubilden“.

Doch vor wenigen Tagen warnten deutsche Kinderärzte auf ihrem alljährlichen Jahrestagung in Bielefeld: „Nur zwei Prozent der Krippen in Deutschland seien von hoher Qualität, zwei Drittel Mittelklasse, ein Drittel dümpele gar im Bereich „geringer Standard“, kritisierte Rainer Böhm, Ärztlicher Leiter des sozialpädiatrischen Zentrums am Evangelischen Krankenhaus Bielefeld. Aus kindlicher Sicht seien deshalb „in der Tendenz leicht negative und keine positiven Effekte zu erwarten“, so berichtet die Stuttgarter Zeitung über den Jahrestagung. http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.betreuung-kinderaerzte-warnen-vor-schlechten-krippen.f855b6a4-12cb-4bbc-a28e-fa04aa06918a.html

Eine der umfassendsten Untersuchungen über die Auswirkungen von früher Tages -Gruppenbetreuung von Kleinkindern wurde vom  amerikanischen National Institute of Child Health and Development (NICHD) durchgeführt, berichtet Rainer Böhm in einer Zusammenfassung über die „Auswirkungen frühkindlicher Gruppenbetreuung auf die Entwicklung und Gesundheit von Kindern“. (s.u.)

Bei hoher Betreuungsqualität zeigten die Kinder zwar eine etwas bessere kognitive Leistung  als bei niedriger Qualität. Allerdings reagierten sie auf längeren Aufenthalt in der Kindereinrichtung, unabhängig von deren Qualität, mit vermehrtem Problemverhalten: „Je mehr Stunden (kumulativ) Kinder in einer Einrichtung verbrachten, desto stärker zeigten sie später dissoziales Verhalten (Lehrerfragebogen-Items z.B.: Streiten, Kämpfen, Sachbeschädigungen…“ etc.  Selbst im Alter von 15 Jahren zeigten sich Auffälligkeiten mit  „vermehrt impulsivem und risikoreichem Verhalten (Alkohol, Rauchen, Drogen, Waffengebrauch, Stehlen, Vandalismus“.

Ungünstige Auswirkungen ergaben weitere Studien demnach auch in Hinblick auf die Stressbelastung der Kinder in Tages-Gruppenbetreuung.  So zeigten „vor allem die unter 2-jährigen Kinder deutlich ungünstig veränderte Stresshormonprofile… Selbst gut ausgestatteteKrippen können also den stresspuffernden Effekt der familiären Umgebung in der Regel nicht ersetzen.“ so Böhm.

Diversen Untersuchungen zufolge hat die frühe Gruppenbetreung bei Kindern auch gesundheitliche Folgen:  „Erhöhte Raten infektiöser Krankheiten“, aber auch spätere Adipositas und Neurodermitis, chronische Kopfschmerzen treten demnach bei früher Gruppenbetreuung bei Kindern häufiger auf.

Die Stuttgarter Zeitung zitiert auch Hamburger Kinderärzte, wie die Kinder und Jugendpsychiaterein Carola Bindt. Diese warnt: „Hoher Stress in der frühen Kindheit prägt langfristig“.  Stressoren seien bei Kindern unter 18 Monaten “ vor allem die vorübergehende Trennung von der Bindungsperson. Gruppengröße, Anzahl der Bezugspersonen, Kinderzahl, Platzverhältnisse und Betreuungsdauer“.
                                                                                                                                                   „Selbst bei hohen Qualitätsstandards“, so schließt Dr. Böhm, „bleiben Belastungen und Risiken für die langfristige psychische und körperliche Gesundheit speziell für unter 3-jährige Kinder bestehen, die auch nicht durch bessere kognitive Leistungen oder Minderung von Familienarmut [7, 37] aufgewogen werden.  Für Böhm wie für die  Autoren der NICHD Studie ergeben sich daraus wichtige Forderungen an die Familien- und Sozialpolitik, dazu zählen: Wahlfreiheit für Eltern, Zeitliche und finanzielle Förderung von elterlicher Erziehung, Konsequente Einführung hoher Qualitätsstandards in der Tagesbetreuung, und längere Erziehungszeiten vor allem in den ersten 3 -5 Lebensjahren.
                                                                                                                                                           Brigitta von Lehm, die Autorin der Stuttgarter Zeitung schließt ihren Bericht mit klaren Betreuungsstandards für Krippen: Deutsche Kinderärzte fordern demnach für Säuglinge unter einem Jahr einen Betreuungsschlüssel von zwei Kindern pro Betreuer, für „Ein- bis Zweijährige sollten es maximal drei, für Zwei- bis Dreijährige vier Kinder je Betreuer sein“
                                                                                                                                                                       Dem vor wenigen Tagen veröffentlichten Bildungsbericht Hamburg 2011 zufolge hat sich der Betreuungsschlüssel in Hamburger Krippen  seit 2002 nicht verbessert. Bei 8 Stunden Betreuung teilen sich demnach 6,21 Kindern einen Erzieher, bei 6 Stunden Krippe beträgt der Betreuungsschlüssel demnach 6 Kinder pro Erzieher.
                                                                                                                                                              Nachzulesen bei: Dr. Rainer Böhm, Leitender Arzt, Sozialpädiatrisches Zentrum:“Auswirkungen frühkindlicher Gruppenbetreuung auf die Entwicklung und Gesundheit von Kindern“, In: Kinderärztliche Praxis 82 (2011) Nr. 5 http://www.kinderaerztliche-praxis.de

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