T. Rabes verdichtete Erklärungen: Hilft das G8 bei Englisch und schadet es den Naturwissenschaften? Nachlese zu Kess 10/11

20 Sep

Schulsenator Rabe hatte die Ergebnisse des Kess Leistungstests der 10 und 11 Klassen in Hamburg klar sortiert. Er begann seine Presseerklärung mit einem dicken Lob: „ Sehr positiv wirkt sich die verdichtete Unterrichtszeit an den G8-Gymnasien aus: Ihre Schülerinnen und Schüler haben vor allem in Englisch einen deutlichen Leistungsvorsprung gegenüber dem Vergleichsjahrgang von vor 7 Jahren (LAU-Studie)“.

Hat das Turbo G8 wirklich dieses Lob des Schulsenators verdient? Wirkt sich das G8 positiv aus, steigert die verdichtete G8 Unterrichtszeit die Schülerleistungen im Vergleich zur G9 Unterrichtszeit? Und was ist mit den anderen Fächern außer Englisch.

In den Tabellen, Zahlen und Daten der Kess Studie verstecken sich dazu interessante Informationen –  300 Seiten  lang ist diese Untersuchung der Leistungsentwicklung der 10. und 11. Klassen in Hamburg, 13 300 Schülerinnen und Schüler wurden 2009 befragt und untersucht –  und zwar in den Bereichen  Leseverständnis, Mathematik, Englisch, Orthografie und in den Naturwissenschaften In der Studie werden folgende Fragen untersucht.

Wie haben sich die Leistungen nach den früheren Kesstests weiterentwickelt, speziell nach Kess 8?

Wie haben sie sich im Vergleich zur Untersuchung der 11. Klasse vor 7 Jahren ( Lau 11) weiterentwickelt ?

Was beim Nachlesen auffällt:

G8 Gymnasien stehen bei Kess 10/11 mit ihren Ergebnissen nicht alleine da.  Beispiel Englisch: Genauso gut wie etwa die 11. Klassen in der „verdichteten“ G8 Unterrichtszeit haben sich die Leistungen der Schüler und Schülerinnen der Beruflichen Gymnasien entwickelt, die 11.Klässler an beiden Schulformen sind  „bei Weitem“ besser als der 11. Jahrgang vor 7 Jahren beim damaligen Lau11- Test.  Dies, obwohl die Schülerzahl seit damals um 57 Prozent gestiegen ist, was insgesamt eher weniger gute Ergebnisse erwarten ließe. Besonders angestiegen ist die Schülerzahl in den Oberstufen der Gesamtschulen und Aufbaugymnasien. An diesen zwei Schulformen hat sich vor allem die Zahl der Jugendlichen mit Migrationshintergrund und aus bildungsferneren Familien erhöht. Bei  beiden  Schulformen ist das Anfangsniveau in Englisch trotz des hohen Anstiegs der Schülerzahlen erfreulich gleich geblieben.(S.291) Auch bei der Untersuchung der  10. Klassen zeigen sich in allen drei Schulformen, Gymnasium, Gesamtschule und IHR/ Realschulen „nominell vergleichbare Lernzuwächse“.

Das gute Abschneiden in Englisch betrifft also den gesamten Jahrgang Kess 10/11,  keineswegs nur die Schüler des G8.

Unklar bleibt deshalb, wieso Schulsenator Rabe und der Autor der Studie,  Exstaatsrat Ulrich Vieluf hierin einen Effekt der „verdichteten Unterrichtszeit an den  G 8 Gymnasien“ sehen. Vielmehr erscheint es als wahrscheinlich, dass es andere Ursachen für das gute Abschneiden in Englisch gibt, die den ganzen Jahrgang betreffen. Der unvoreingenommene Leser denkt hierbei als erstes an den erheblich gestiegenen Internet Gebrauch, an das Englisch in Programmen und Netzwerken, sowie andere außerschulische Einflüsse.

Beispiel Mathe:  Hier zeigen sich bei Kess 11 in der Gesamtschülerschaft der 11. Klasse aller Schulformen „keine Leistungsrückgänge“ im Vergleich zu den 11. Klassen vor 7 Jahren, heißt es in der Studie. Im ersten von 2 Mathetests gab es bei den Schülern und Schülerinnen der Gymnasien  und der Beruflichen Gymnasien  sogar einen leichten Leistungsanstieg, (S. 261/291) im Test 2 blieben beide gleich. Die Beruflichen Gymnasien hatten kein „verdichtetes“ G8, und haben dennoch dasselbe Ergebnis wie die Gymnasien. Auch hier leuchtet also Ties Rabes Lob für das verdichtete G8 nicht ein.  Bei den beiden anderern untersuchten Schulformen, den Gesamtschulen und Aufbaugymnasien gab es beim Mathetest 1 eine leichte Verschlechterung, beim Mathetest 2 gab es eine deutliche Verschlechterungen(S. 290/ 291).

Beim Punkt Lesekompetenzen  gibt es eine ähnliche Entwicklung aller SchülerInnen der 11. Kess Klassen.  Alle haben sich in den 7 Jahren seit Lau 11 verschlechtert, weniger an den Gymnasien und beruflichen Schulen, sehr deutlich dagegen die Gesamtschulen und Aufbaugymnasien. (S.291)

Insgesamt gibt es laut Kess 10/11 einen „erwartungsgemäß“ „deutlichen Leistungsvorsprung „ der Gymnasien beim Start in die zweijährige Studien-Oberstufe klar vor den Schülerschaften der dreijährigen Oberstufen der anderen Schulformem. Sie haben die leistungsstärkeren Schüler, entsprechende Vorbildungen und soziale Zusammensetzungen . Doch haben sich die Leistungszuwächse in Englisch, Mathe und auch bei der Lesefähigkeit vor allem in zwei Schulformen, den Gymnasien und beruflichen Gymnasien, folgt man der Studie, außerordentlich ähnlich entwickelt, beim einen mit der verdichteten Unterrichtszeit des G8, beim anderen ohne G8.

Letztes Beispiel, Naturwissenschaften: Heftig alamiert zeigte sich Senator Rabe über das schlechte Abschneiden aller Schüler und Schülerinnen des Kess 10/11 Jahrgangs bei den Naturwissenschaften. Das gilt einmal für die 10. Klassen.  So “ seien wie in den Gymnasien die Lernzuwächse im Bereich der „naturwissenschaftlichen Grundbildung…bei …allen drei Schulformen vergleichsweise gering ausgefallen“. Wenig erfreulich sind auch die Ergebnisse für die Schülerschaft der 11. Klassen der G8 Gymnnasien:  Immerhin 9 Prozent der SchülerInnen und Schüler der 11. Klassen Gymnasien liegen in Hinblick auf den Lernstand nur auf dem Niveau der 8. Klassen!  (S. 281). „Vor allem Mädchen legten insbesondere am Gymnasium eine ablehnende Haltung an den Tag“, so zitiert das Hamburger Abendblatt Ties Rabe .http://www.abendblatt.de/hamburg/article2029893/Hamburgs-Schueler-Englisch-top-Alarmstufe-rot-in-Mathe.html.

Nicht  erklärt wird, warum der verdichtete Unterricht des G8 Gymnasiums, mit dem Ties Rabe das sehr gute Abschneiden bei Englisch begründet, bei den Naturwissenschaften keinen vergleichbaren positiven Effekt erzielt hat.

Für den Beobachter liegt der Verdacht nahe, dass die „verdichtete Unterrichtszeit des G8 Gymnasiums“, das heißt bis zu 15 Fächern mit 34 Wochenstunden Pflichtunterricht, und dies bei dem verdichteten Pensum des Turbo G8 Gymnasiums oftmals eher nachteilig wirkt, gerade bei den Naturwissenschaften.  Zumal Jugendliche in der Oberstufe, bzw. Studienstufe der  G8 Gymnasien häufig noch mehr Unterrichtstunden haben, als bis zur 10. Klasse, nämlich bis zu 38 in der Woche, bis zu 11 Stunden an einem Tag.  So beginnt die 7. Unterrichtsstunde eines Hamburger Gymnasium  laut Stundenplan der Schule am Spätnachemittag um 17 h und endet erst um 18.30 h. In derart „verdichteten Unterrichtszeiten“ sitzen um diese Zeit  16 und 17 jährige Schüler/Innen der 11. Jahrgänge des G8.

14 Prozent der Schüler und Schülerinnen der Hamburger Gymnasien hat das verdichtete Turbo G8 so auf jeden Fall nicht erreicht. Ihre Leistungen entsprechen in Klasse 11 der zweijährigen Ober-Studienstufe der Gymnasien, so auch ein Ergebnis der Kessstudie, eher der Vorstufe der dreijährigen Oberstufe der anderen Schulen. Es sind immerhin 700 junge Menschen.

Soweit die Ergebnisse der Gymnasien und die Diskussion um die G8 Verdichtung.

Sorgen bereitet ein weiteres Ergebnisss von Kess 10/11.  Es betrifft die Ergebnisse der 11. Klassen an der dreijährigen Oberstufe der anderen Schulen, besonders der Gesamtschulen. „In den Kompetenzbereichen Leseverständnis, Englisch, Mathematik und insbesondere Naturwissenschaften finden sich demnach „erhebliche Anteile“ an Jugendlichen, die unter dem Durchschnittsniveau der 8. Klassen lagen .“ Mit Blick auf die curricularen Anforderungen der gymnasialen Oberstufe verzeichnen diese Schülerinnen und Schüler so erhebliche Leistungsrückstände, dass das Erreichen des Abiturs fraglich erscheint, „ heißt es in der Pressemitteilung.

Der Untersuchungsbericht von Kess 10/11 endet mit der Frage nach den Veränderungen durch die Einführung der  Stadtteilschule, in die alle nichtgymnasialen Schulformen des Jahres 2009 mittlerweile zusammengeführt wurden.

Kirschsblog will dieser Frage nachgehen. Lesen Sie dazu das große Wochenend – Interview, am kommenden Sonnabend!

Die Lage an den Stadtteilschulen ein Jahr danach: Gespräch mit einer bekannten Hamburger Stadtteilschullehrerin

 

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