A. Schleichers Deutschland Bashing

14 Sep

„Herr Schleicher betreibt mal wieder Deutschland Bashing“, so hieß es heute in einem von vielen verärgerten Kommentaren zu den Berichten in der Presse. Viele können es offensichtliche nicht mehr hören, die Kritik der OECD an deutscher Bildung. Gestern wurde in Berlin die allerneueste OECD Bildungsstudie vorgestellt, für das Jahr 2011. Sie enthielt wieder viel Kritik.

Deutschland habe im internationalen Vergleich viel zu wenig Hochqualifizierte, es gebe zu wenig Hoch- und Fachhochschulabsolventen, Meister und Techniker. „Deutschlands Beitrag zum weltweiten Pool an Talenten schrumpft rapide“, heißt es in dem „Bericht auf einen Blick 2011″, der Organisation für Wirtschaft und Entwicklung, OECD in Paris. Vorgestellt wurde der Bericht in Berlin von Mr. Pisa, dem gebürtigen Hamburger Andreas Schleicher. Er gilt als  Erfinder von Pisa und und hat in den Bildungsberichten der OECD seit 2002  das Deutsche Bildungssystem immer wieder heftig kritisiert. Auch diesmal.

Die Zahl der Hochqualifizierten in Deutschland wächst „außergewöhnlich langsam“, so heißt es in dem Bericht. In der Altersgruppe  55-64 Jahre gibt es laut OECD in Deutschland insgesamt 2,46 Millionen Menschen mit Hochschulabschluss oder vergleichbarem Beruflichen Abschluss. In der der jüngeren Altersgruppe der 25-34 Jährigen ist die Zahl der Hochqualifizierten in Deutschland aber nur sehr geringfügig gestiegen, auf 2,48 Millionen. Dagegen hat sich die Zahl der Hochqualifizierten in den 36 untersuchten OECD – Ländern von 39,16 auf 81,21 Millionen mehr als verdoppelt, und in vielen Ländern war sogar ein noch stärkeres Wachstum zu verzeichnen.

 Der Anteil an Höherqualifizierten in Deutschland liegt bei 29%, im OECD-Durchschnitt  liegt er dagegen bei 39%. Der Anteil der Hochschulabsolventen hat sich seit 1995 zwar immerhin verdoppelt, aber Deutschland liegt im OECD Vergleich weit abgeschlagen, auf Platz 23 von 27 OECD-Ländern.

 Die Nachfrage nach Hochqualifizierten wächst, das Angebot ist zu gering, während sich die Zukunftsaussichten von Geringqualifizierten in Deutschland verschlechtert haben.

 Inwieweit sind diese Zahlen überhaupt vergleichbar, fragen sich nun viele auf den  Kommentarseiten zu den Presseberichten des Tages: „..was genau ist denn ein „Hochqualifizierter“, schreibt ein Kommentator im Spiegel, „Allein dafür gibt es in den verschiedenen Ländern sehr unterschiedliche Ansichten.“

Ähnlich auch ein Kommentar in der FAZ: „Die OECD-Zahlen sind für Deutschland völlig anders zu deuten. Dies ist schon durch das weitestgehend einmalige duale Ausbildungssystem bedingt. In Deutschland sind viele Berufe, die in anderen Ländern einen Studiengang sind, eine Ausbildung….Dies führt dazu das in anderen Bildungssystemen, wie etwa in Frankreich, ein Studium notwendig ist um eine berufliche Startqualifikation zu haben, den es gibt dort keine berufliche Ausbildung wie in Deutschland. Daher sind die Zahlen der OECD völlig verfälscht für die deutsche Situation.“ http://www.faz.net/artikel/C30923/oecd-bildungsbericht-deutschland-fehlt-es-an-hochqualifizierten-30685744.html

Und auch die Regierung äußerte sich ähnlich, zB. in der WELT: „Unsere bewährte duale Ausbildung, um die uns ja viele Länder inzwischen beneiden, ist eben eine attraktive Alternative, die es in den meisten anderen Ländern so gar nicht gibt“, sagte Cornelia Quennet-Thielen, Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung und Forschung. In anderen Staaten würden Teile der in Deutschland existierenden dualen Ausbildung an Unis gelehrt. http://www.welt.de/politik/deutschland/article13602469/Deutschland-mangelt-es-an-Hochqualifizierten.html

 Dabei bringt der Mangel der Höherqualifizierten in Deutschland diesen laut OECD durchaus Vorteile:

Ihre Beschäftigungsquote ist seit 1997 um 4 Prozent gestiegen, auf nunmehr 86% Prozent Deutschland steht in dieser Hinsicht auf Platz 10 unter den OECD-Ländern. Die Erwerbslosenquote ist eine der niedrigsten im OECD-Raum und liegt mit 3,4% rd. 2,3 Prozentpunkte niedriger als 1997.

Deutsche Arbeitgeber müssen deutlich höhere Vergütungen an Höherqualifizierte zahlen als in den anderen OECD Ländern, durchschnittlich 20 000 US-Dollar mehr pro Jahr. Wegen der höheren Steuern und Sozialabgaben erhalten die Arbeitnehmer in Deutschland allerdings netto weniger, rund 45 000 US (i. Alter von 45bis 54 Jahren). Das entspricht nur 47% der Kosten, die der Arbeitgeber für sie aufwenden. Mit einem Abschluss im Sekundarbereichs II sind es rund  51% (30 000 US-$) und bei einer Arbeitskraft mit niedrigerem Qualifikationsniveau 52% (28 000 US-$).

Aber auch für Öffentlichkeit und Staat bringt Höherqualifiziere erstaunlich große Vorteile. Durch die lebenslange Arbeit eines Höherqualifizierten entsteht dem deutschen Staat durch dessen Steuern und Sozialabgaben ein Gewinn von 169 000 US-$, bei den Frauen 85 000 US-$. Dies ist nach den USA der zweithöchste Nettoertrag für männliche Arbeitskräfte unter 25 OECD-Ländern, für die es vergleichbare Daten gibt.

 Positiv verzeichnet der OECD Bericht schließlich auch die Tatsache, dass die deutschen Studiengebühren zu den niedrigsten in den OECD Ländern gehören, für deutsche wie für ausländische Studierende. „Deutschland nimmt 7% aller Auslandsstudierenden weltweit auf und ist bei ihnen das viertbeliebteste Land nach den Vereinigten Staaten, dem Vereinigten Königreich, und Australien“. Positiv wird auch vermerkt, das 25 Prozent der ausländischen Studierenden in Deutschland bleiben und arbeiten wollen.

Schlecht schneidet Deutschland dagegen nach dem Bildungsbericht bei den Ausgaben für Schulbildung ab. Sie seien seit 1995 „deutlich gesunken.“ Von damals 5,1% seines Bruttoinlandprodukts auf 4,9% im Jahr 2008. Damit liegt Deutschland weit hinten auf dem 30. Platz von 36 Ländern in der OECD, und deutlich unter dem OECD-Durchschnitt von 5,9%. Dieser Rückgang der Ausgaben für Bildung traf besunders die Grundschulen. Zahlten die OECD- Länder im Durchschnitt  7 200 US-$ je Grundschüler, gab Deutschland nur      5 900 US-$ je Grundschüler aus. Deutsche Grundschullehrer haben dabei aber das drittgrößte Einkommen im OECD Vergleich.

Die Folge, so die OECD: In Deutschland sind die „Klassen größer“ es kommen „mehr Schüler auf eine Lehrkraft“, und die Schüler „haben auch weniger Unterrichtsstunden“. Für Studium und Berufsbildung wird dagegen in Deutschland mit 1700 US-$ je Studierenden mehr ausgegeben als im OECD Dchschnitt..

Auch hier ist aber die Frage, inwieweit diese Zahlen der verschiedenen Bildungssystem miteinander verglichen werden können. Zahlen von privaten und öffentlichen Schulen werden im OECD Bericht offensichtlich zusammengemischt.

Gut schneiden im OECD Bericht die deutschen beruflichen oder berufsvorbereitenden Bildungsgänge ab. Pro Schüler werden 5 000 US-$ mehr ausgegeben als für Schüler in allgemeinbildenden Zweigen des Sekundarschulbereichs und etwa 3 000 US-$ mehr als im OECD-Durchschnitt.

 Schon im letzten Jahr hatte es für die berufliche Bildung in Deutschland Lob von der OECD gegeben. Sie „leiste einen wesentlichen Beitrag zur Integration von Jugendlichen in den Arbeitsmarkt und sei ein „entscheidender Faktor für die im internationalen Vergleich geringe Jugendarbeitslosigkeit“, hatte  OECD-Expertin Kathrin Höckel damals erklärt. http://www.sueddeutsche.de/karriere/oecd-studie-zu-beruflicher-bildung-gefaehrliche-deutsche-defizite-1.996706

Link zum OECD Bericht:

http://www.oecd.org/document/8/0,3746,de_34968570_

34968855_39283656_1_1_1_1,00.html

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